Vierundzwanzigstes Kapitel

Bald darauf läutete sie vor ihrem schönen Hause. Die Halle, die steinerne Treppe mit der Rampe aus getriebenem Eisen erstrahlten in dem weißlichen Licht der verschleierten Lüster. Klara öffnete ihr, blickte sie fürsorglich an und verschwand hinter einem Pfeiler im Labyrinth der unteren Gänge. Schweigsam hatte sie einen nichtigen Brief vom Tische genommen und stieg ihre einsame Stiege hinauf, auf der ihr nie ein anderes Wesen entgegentrat als in dem hohen Spiegel ihr eigenes Bild. In ihrem schönen Zimmer brannte die Lampe im silbern umfransten Schirm und warf seelenvolle Scheine auf die blauen Vorhänge mit der breiten Borte daran, die Mariclée so liebte. Sie waren jetzt zugezogen; im Kamin loderten Flammen, und das heiße Bad war schon bereitet. Sie las den Brief — eine Einladung nach Brighton für nächsten Sonntag — und warf ihn dann ins Feuer. Nächsten Sonntag — — da war sie nicht mehr hier. Aber etwas anderes, wichtigeres als ihre eigenen Kümmernisse und Sorgen, auch eine andere Trauer als die eigene, lag ihr für den Augenblick im Sinn. Wir deuteten schon darauf hin, daß sie eigentlich nur ein bedingtes Leben hatte und es immer irgendwie entlehnen mußte wie der Schatten sein Dasein dem Lichte. Sie glich einer Orgel, die stumm und tot an ihrem Platze steht, bis sie einer in Betrieb setzt, dann aber die weite Luft durchbraust. Und jetzt waren bei ihr mit solcher Allmacht sämtliche Register gezogen, daß sie den leitenden Sopran, die Stimme ihres Ichs, verschlangen. Sie selbst hörte sie nicht mehr heraus! Im Dunkeln liegend und wie zerschlagen, hoffte sie in dieser Nacht vergebens auf den Schlaf, um die Spannung ihres Hirns zu lösen. Mit aufgestütztem Arm und glühenden Augen starrte sie ins Leere. Sie wurde den furchtbaren Eindruck jenes Weibes nicht los, sie erlebte den Schrecken immer aufs neu, den sie erfahren hatte, als sie den scheußlichen Kopf erblickte, der so zufrieden aus dem Bündel hervorsah. Was war ihr jenes Weib, dessen Dasein sie als eine solche Erniedrigung empfand? Es bestand kein Kontakt; Welten trennten es von ihr, und sie begriff die Hartnäckigkeit nicht, mit der ihr Geist daran haften blieb. Aber Mariclée war eine sehr zentrische Natur. Die paar Ideen, die ihr im Kopfe saßen, hatten den Zug nach allem, was sich auf sie zurückführen ließ, und hoben es auf ihre Geleise; es lief nichts nebenher. Daher ihre Talentlosigkeit, ihr absoluter Stumpfsinn für so viele Dinge. Jene paar Ideen waren zu sehr ihre Leidenschaften. Sie stand und fiel mit ihnen, sie gehörten ihr so ganz! Wir sahen sie bei aller Unerfahrenheit in Dingen der Politik so unbeeinflußbar wie in Dingen der Religion. So hatte sie sich in den Kopf gesetzt, daß es für unsere Nationen an der Zeit sei, nunmehr statt der Territorien die Qualitäten ihrer Nachbarn zu erobern, da wir alle anfangen, uns selber langweilig zu werden und uns zu wiederholen.

Und sicher war es ein im Grunde sehr einwandfreies Gefühl, das sie antrieb, die Religion ins Profane zu setzen, und sie wußte genau, warum sie Rokokokirchen mit theatralischen Draperien und die weltlichen Mozartmessen so liebte. Was sie aber jetzt nicht wußte, während sie im Dunkel liegend und mit aufgestütztem Arm ins Leere starrte, das war der Grund, warum jenes Weib mit dem schauderhaften Bündel im Arm ihr Gehirn so aufwühlte und ihr jedes andere Bild verstellte. Was war hier? — welcher Konnex? und sie mühte sich vergebens, den Faden zu erhaschen. — Da mit einem Male leuchtete ihr von einem ganz anderen als dem dogmatischen, ja dem dogmatischen sogar tief entfremdeten Standpunkt die Jungfräulichkeit der Mutter des göttlichsten Menschen ein; — keineswegs als Wunder, sondern als mystische Notwendigkeit. Dies Mysterium — so absurd, sobald man es in Worte kleidete, so widerwärtig, sobald man es als Dogma ausschrie und dem rohen Glauben des ungebildeten Volkes überantwortete — weitete sich ihr da zum glitzernden Strome und erfüllte sie mit unaussprechlicher Genugtuung.

So hatte sie ihn endlich, den Kontrast, nach dem sie dürstete.

Sie war nicht länger böse auf die Dollarprinzessinnen und auf den Modemaler, die sie auf ihrer Jagd nach Sensationen einer falschen Fährte zugetrieben hatten. Denn auch der Modemaler, auch die Dollarprinzessinnen waren gemein.

Aber war jenes Weib, dem es verlangte, an Mariclées Seite Londons schöne Stadtteile zu befahren, nicht auch symbolisch für die Gärung, die sich in diesem Lande bereitete? Wer die „Liaisons Dangereuses“ liest, dem wird vor allem eines klar: der Zusammenbruch einer Gesellschaft und eines Regimes, das unmöglich noch weiter auf die Spitze getrieben werden konnte. So liegen zwischen dem Frankreich der Valois und dem der Revolution noch wahre Kontraste, zwischen der Revolution und Trianon aber nur mehr wahre Extreme. Wer aber im letzten Dezennium Englands Werdegang verfolgte, fühlt auch hier die Unausbleiblichkeit eines Umschwungs. Um in London rohen Kontakten zu begegnen, muß man sie aufsuchen, wo sie noch relegiert sind: in den Slums; und diese Slums schreien zum Himmel, es ist wahr. Viele glauben, daß sie durch die jetzt herrschende Partei vielleicht etwas gemildert, daß es aber dann gewiß mit dem Aufwand und der Pracht Londons vorbei sein wird. Schon jetzt sähen sich viele Reiche so schwer betroffen, daß sie gezwungen seien, ihre Häuser in der Stadt zu schließen. Aber wenn die Dämme, welche das sordide London von dem prunkenden scheiden, durch die neue Strömung niedergerissen und verwischt würden, wäre es in seiner Schönheit, seinem eigensten Reize gemordet. Denn das Gewaltige, das Drückende, das Süperbe an London ist die interessante Blässe seines Angesichtes, es sind die tiefen Schatten, aber dann wieder die edle, köstliche Glätte der Stirn, die göttliche Sicherheit des Blicks. Verödeten hier die Straßen und Paläste der Reichen, so stünden die Londoner Armen ihrer blauen Blume, ihrer einzigen Romantik beraubt. Schon war es auszudenken. An Dublin konnte man ja sehen, welche Physiognomie Paläste annehmen, deren Räume Schustern und Flickschneidern zu Parteiwohnungen zufielen. Es waren rein ästhetische Gründe, die eine sozialistische Strömung in diesem Lande befürchten ließen. Wieviel einzigartige, altvererbte, herrische Pracht stand hier gefährdet? aber Mariclée fühlte wohl, daß Londons drückende Aura von nichts anderem herrührte als von jenen Slums, die wie eine Schuld darauf lasten und sich wohl einmal als das Verhängnis dieser Stadt erweisen würden. Denn in keiner anderen eröffneten sich der Ungleichheit menschlicher Daseinsbedingungen untröstlichere Perspektiven.

In Griechenland sollen durch die vielen Abholzungen und durch den Suez-Kanal die klimatischen Verhältnisse eine gänzliche Änderung erfahren haben. Wälder waren schön und nützlich, Brennholz war notwendig. In der Tat; es war für das Klima von ganz Europa von größter Wichtigkeit, was sich da in diesem Wetterwinkel der Kultur vollziehen würde.

„Ich werde Samstag abreisen,“ teilte sie am nächsten Morgen der alten Klara mit und sagte hiermit, was sie wohl jetzt zwanzigmal des Tages dachte: am Samstag würde sie der Tortur ein Ende machen. Es war wieder kein Brief vom Exemplar gekommen. Dafür erkundigte sich ein belgischer Arzt, den sie kürzlich kennen gelernt hatte, ob er ihr seinen heutigen Vormittag zur Verfügung stellen dürfe. Erhielt er bis zehn Uhr keine Absage, so würde er sie abholen. Sie schickte Klara an das Telephon, um sich entschuldigen zu lassen, aber er war nicht mehr zu Hause. Mochte er immerhin kommen. Es war ja so gleichgültig. Auch aus Weimar hatte sie einen Brief: Was denn mit ihr sei? Von ihren Freunden wisse keiner etwas von ihr. War sie denn verschollen?

Ja verschollen fühlte sie sich allerdings, in ihrer Unfähigkeit, auf solche Zurufe zu erwidern. Ganz verschollen einem Lande, das sie in ein paar Tagen wiedersehen würde. Und ein Schauer lief ihr durch alle Glieder.

Es war wie in einem Märchen. Einerseits: die Wirklichkeit, die Wahrscheinlichkeit, die Tatsache der schlechten Zeitungsnachricht und ihres unbeantworteten Briefes und andererseits? — — ja andererseits ein im Karren gezogener Schimmel, ein von links erblickter Neumond und der gläserne Berg ihrer drei Träume. Es war schon sehr komisch. Da fehlte nur noch die Windmühle des Don Quichote. Mariclée fuhr erschrocken auf. „I leave on saturday“, wiederholte sie der alten Klara, die eben eingetreten war. „Yes, Madam, I am sorry, Madam“, erwiderte diese und meldete den Arzt.

Ihre Züge belebten sich nicht, als sie ihm entgegenkam. Aber er kannte sie zu wenig, um die Abneigung zu lesen, die so deutlich darin lag; denn sie war ungehalten, daß er so ohne weiteres bei ihr erschien. Sie hatte diesen beweglichen Herrn mit seinem regelmäßigen Gesicht und seinem langweiligen Bart bei sehr guten Freunden angetroffen, ihn aber ihres Wissens nicht aufgefordert, sie zu besuchen. Sie war in solchen Dingen sehr zurückhaltend, vollends in einem fremden Hause.

Welche Galerie wünschte sie zu besichtigen. „Gar keine,“ erwiderte sie. In ihr war jetzt nicht mehr die Stille, eine Statue, ein Bild, auch nur eine getriebene Phiole würdig aufzunehmen. Auch war ihr dieser da nicht der richtige Gefährte. Ach nein! Dann schon lieber unter die brüllenden Löwen, die kreischenden Kolibris, die Wildkatzen und die Flamingos. Und sie schlug ihm den zoologischen Garten vor, den sie noch nicht besichtigt hatte.

So verließen sie denn zusammen das Haus. Das Wetter änderte sich jetzt mit jedem Tage und die Luft war heute nebelig und feucht. Im Richmond Park fröstelten die Bäume und wußten nichts mehr von Sommer. Fast niemand in dem großen London war bei dieser Witterung auf den Gedanken verfallen, den traurigen Garten aufzusuchen, welcher die Tiere aller Zonen versammelte. Ein schlechter Scherz für ihren Gefährten, der sich jetzt der Patienten erinnerte, die er hätte besuchen sollen. Aber er erwies sich als ein sehr kundiger Führer und Mariclée überschüttete ihn mit Fragen. Die Eisbären waren heute munterer als die Antilopen, und die Giraffen hingen die Hälse. „Eigentlich ist es doch ein furchtbar grausames Potpourri,“ sagte Mariclée, als sie von den Schlangen hinüber zu den Papageien wandelten, die ärgerlich auf ihren Stangen saßen und mit wegwerfendem Schnabel über das schlechte Wetter schimpften. Und sie wanderten hin und her, denn Mariclée war unermüdlich. Vor dem schwarzen, desolaten Käfig eines Steinadlers aber blieb sie wie gebannt, vertiefte sich in die Wesenheit des gefangenen Tieres und in sein herrisches, glanzloses Auge. Man wußte ja nie im voraus, was sie gleichgültig lassen, was sie ergreifen würde. Und nun war sie ins Herz getroffen vom Blick dieses Vogels, der so beharrlich wegsah von den Menschen, wie ein gefangener König, der es verschmäht, seine Henker anzusehen. So starrte der Adler trüben, abgewandten Auges geradeaus; der kleine Kopf stak zwischen dem göttlich kühnen Flügelpaar und regte sich nicht. Und vor diesen grandios gezeichneten Flügeln, vor diesem trüben Auge zog sein entschwundenes Reich an ihr vorbei. Ein unendlicher Himmel, die fernen zackigen Alpen taten sich ihr auf. Bergseen, die in der Tiefe blitzten, Klüfte, Täler und Auen und darüber selig kreisend, mit der Sonne, den Wolken verwandt, diese weltbeherrschenden Schwingen, die sich nur mehr ausbreiteten, um eine schmachvolle Enge zu messen. „Es ist zu entsetzlich,“ schrie sie auf und umklammerte mit kalten Fingern die Eisenstäbe des Käfigs. Der Adler sah beharrlich nach einer anderen Seite hin und weg von den Leuten, die da zu ihm hineinsahen, der Arzt aber zog seine Uhr. Er hatte genug. Was für ein sentimentaler Tor war er gewesen, daß er sich von einem sinnlosen Interesse, einer ganz ungerechtfertigten Sympathie hinreißen ließ und seinen Vormittag opferte, seine Kranken im Stich ließ, um diesen lächerlichen Spaziergang zu unternehmen? So viel alberne Fragen hatte ihm ja sein Lebtag noch kein Frauenzimmer gestellt. Und ihr Äußeres hatte er so bestechend gefunden und sie für begabt und geistreich gehalten; sie war ja kein bißchen hübsch und zum Weinen dumm. Von nichts hatte sie einen Begriff und alles wollte sie wissen. Wie denn das sei mit den Pestbazillen und wie sie aussähen und ob man sie dann in Flaschen aufhebe und was der Unterschied sei zwischen Bazillen und Mikroben und was ansteckender sei? Und ob ein Allopath nie einen Homöopathen zu einer Konsultation hinzuzöge und warum nicht? und „nein, wirklich?“ und so in einem fort. „Ich fürchte sehr,“ sagte er, „daß meine Zeit jetzt um ist, da ich meine Sprechstunde nicht versäumen darf.“

„Aber natürlich nicht!“ rief Mariclée. „Ich habe Sie schon viel zu lange in Anspruch genommen. Es tut mir so leid.“ Und sie steuerten wieder dem Ausgang zu. Es war aber ein anderes Tor als das, durch welches sie gekommen waren. London (was man in London nicht für möglich halten möchte), London war hier wirklich zu Ende. Man sah keine Häuser mehr, nur eine Straße und von weitem im nebeligen Tag eine seltsame Kutsche, die nur sehr langsam sich näherte.

„Wir müssen links gehen,“ sagte der Arzt. „Ich bin ein schlechter Führer gewesen; hier sind wir ganz aus der Welt.“

„Was kommt denn da drüben für ein Wagen auf uns zu?“ fragte sie und strengte ihre Augen an.

„Mit dem können wir nicht fahren, das ist ein Wagen, der die Toten über Land fährt.“

„O!“ sagte Mariclée erschrocken (Aber Gott sei Dank! er fuhr ihnen ja entgegen).

Der Arzt schaute sich um.

„So, jetzt bin ich wieder im Bilde,“ meinte er. „Wir gehen nach jener Seite hin, der Mauer entlang, und kommen so bald auf den Platz.“

Aber wenn sie das taten, so hatten sie ja den Wagen im Rücken; er fuhr ihnen dann nach. Nimmermehr!

„Wir müssen uns hier leider trennen,“ sagte sie. „Ich gehe nach rechts.“

„Nein, nein! durchaus nicht,“ entgegnete er lebhaft. „Das wäre ein großer Umweg. Sie dürfen sich mir anvertrauen. Ich bin schon öfter hier gewesen und kenne die Gegend.“ Und er wollte voraus gehen. Aber nicht einen Schritt tat Mariclée nach dieser Richtung hin. Sie fühlte sich in ziemlicher Bedrängnis aber keinen Augenblick unschlüssig.

„Herr Doktor,“ sagte sie sehr förmlich, „ich danke Ihnen für Ihre Führerschaft, es war sehr gütig, mir Ihren Vormittag zu widmen, ich fürchte, daß ich Sie nur allzu lange aufhielt. Und nun adieu, auf Wiedersehen. Hier müssen sich leider unsere Wege trennen. Ich gehe nach rechts.“

„Wie meinen?“ sagte er. Seine Augen waren ganz klein geworden, und seine Nase trat jetzt mächtig hervor.

Mariclée sah ein, daß sie ihm eine Erklärung geben mußte. „Nun ja,“ gestand sie, „ich bin abergläubisch. Wenn wir nach links gehen, fährt jener Wagen, der uns entgegenfährt, hinter uns her, und das möchte ich vermeiden.“

„Ich muß meine Sprechstunde einhalten und habe mich schon verspätet,“ erwiderte er eisig.

„Aber gewiß, natürlich!“ rief sie, „Sie dürfen keinerlei Rücksichten auf mich nehmen. Ich finde mich schon zurecht. Bitte, lassen Sie sich nicht aufhalten,“ sagte sie fast flehentlich.

„Dies kann nicht Ihr Ernst sein,“ versetzte er.

„Doch, doch! ich bin einmal so!“ versicherte sie.

„Aber Sie müssen nicht so sein!“ gab er ihr zurück, unfähig, seine Gereiztheit länger zu bemeistern. „Es gibt Dinge, die man einfach nicht tut. Sie können nicht allein die Landstraße umherirren; ich habe aber keine Zeit mehr. Dies ist zu unvernünftig. Bitte, kommen Sie jetzt!“

Aber da kam er ganz an die Unrechte. Es war jetzt an ihr, sich über einen so unritterlichen Ton zu ärgern. Sie fand eine Dame, als die Schwächere, stets so wohl ermächtigt einem Herrn gegenüber, dem sie in keiner Weise verpflichtet war, zu tun, was ihr beliebte, daß er alsbald im Unrecht war, wenn er dies Recht in Frage stellte. Und was hatte ihr denn dieser zu befehlen? Sie hatte ihn doch nicht gerufen après tout. Was maßte er sich an?

„Adieu, Herr Doktor,“ entließ sie ihn. „Ich bedaure unendlich, aber hier kreuzen sich unsere Wege.“

Und sie machte es jetzt wie der Steinadler und sah von ihm weg. „Wie Sie wünschen,“ erwiderte er, zog den Hut und entfernte sich, gefolgt von dem Wagen, dem sie jetzt entgegen ging. Sie erreichte auch ihrerseits bald einen Platz, von dem aus ein Omnibus in die Stadt zurückfuhr. Der Umweg war nicht so schrecklich. Sie stieg auf das Dach und genoß ihr Alleinsein. London schien im Nebel ein wenig zusammenzurücken und schaute heimlicher drein. An den Straßenenden, die man sonst nicht übersah, lagerte er wie ein Ballen zusammengerollt. Und siehe da, während Mariclée auf ihrem Dach so dahin fuhr, tauchten aus dem Nebel, wie aus einer weißen Decke, wiederum zwei schwarze, reich behangene und betrottelte Pferde empor, die ihr einen gläsernen Wagen, darin ein brauner Sarg mit silbernen Beschlägen lag, entgegenzogen. Und als sie die letzte Strecke zu Fuße ging und von Oxfordstreet in Daviesstreet einbog, da, o mein Gott, noch einmal kam ein solch düsterer Wagen auf sie zu und versperrte ihr den Weg. Ein Strahl der Hoffnung, ja des Jubels durchzuckte sie. Sie eilte nach Hause, riß atemlos an der Klinge. Die alte Klara sah in ihr müdes Gesicht und fing den gespannten Blick ihrer Augen. „No letter, Madam“, berichtete sie.