Schlusswort.

Die Heftigkeit, mit welcher wir unsere Notsignale abgeben, hindert nicht, dass sie schon unter dem Druck einer geradezu monströs gewordenen Langeweile aufziehen, und dass unser eigener Pathos mit der ganzen Öde eines Frohndienstes auf uns lastet.

Es kann jedoch sein, dass unser Gewissen oder unsere innere Stimme (wie man es nennen will) laut und unerbittlich die Forderung an uns stellt dies oder jenes noch zu sagen, bevor wir schweigen. Wer von uns wird nach dem Kriege noch von ihm reden? heute aber will ein désintéressement von den Dingen, die geschehen, erst erworben sein, denn unsere Zeugenschaft hat uns zu ihren Teilhabern gemacht, und auch wir haben verspielt.

Von allen, die heute leben, wird keiner den Bau betreten, zu dessen Grundlegung ich Steine herbeischleppe — so eilfertig und unter Hohngelächter gewiss! — denn wo fände ich Glauben? — Das Gerüst allein dürfte die Arbeit von Generationen sein, sein Ausbau die von Jahrhunderten vielleicht, ja, vielleicht sind die ewig unvollendet gebliebenen Kathedralen sein Symbol. Aber worauf es ankommt: bei allen Opfern, die er erheischen wird, allen Kämpfen, die ihm bevorstehen, ist er möglich.

Bis zum heutigen Wendepunkt unserer Geschichte gehörte es zu ihren integralen Beständen, dass unseren vielgenannten „heiligsten Gütern“ niemals auch nur von ferne ein schützendes Patent zuteil wurde, je erhabener eine Idee, um so grauenhafter die Verbrechen, die in ihrem Namen geschahen, je tiefer eine Erkenntnis, desto grösser der Unsinn, der daraus entstand.

Die richtige Einsicht, dass es (merkwürdigerweise) niedrige und hohe Menschen gibt, führte folgerichtig zu Rang- und Standesunterschieden. Bei ihrer Aufrechthaltung aber gerieten jene Ungleichheiten, welche doch erst die Berechtigung solcher Klassifikationen bilden, immer mehr ausser acht, und bei dem Schrittmachen, das im Schwunge blieb, mischte sich in immer gemeinerer Weise das Bestreben jene Distanzen, welche der Wert zwischen den einzelnen liegt zu ignorieren. Das Missverständnis artete immer wilder aus: der königliche Mozart speiste mit dem Gesinde, und ein lakaienhafter Kavalier warf ihn mit einem Fusstritt ohne weiteres vor die Tür. In der Tat, wir wissen alle, was wir der französischen Revolution verdanken. Doch, als sie das falsche Spiegelbild in edler Empörung zerschlug, wurde mit diesem drastischen Vorgehen leider erst recht nur eine halbe Massnahme getroffen.

Kein Missbrauch wurde an der Wurzel gefasst, vielmehr entrann der Missetäter froh durch die Tür. So brach die französische Revolution wie das Christentum, dem sie entsprang, in sich selber zusammen und wir sind heute wie bankrotte Leute, die von vorn anfangen müssen. Wir stehen wieder am Anfang aller Tage. Das heisst am Ende. Denn für das erkennende Auge sind ja die Menschen längst in jene zwei Lager zerfallen, von welchen geschrieben steht. Freilich ist vorläufig erst der Aufmarsch der Böcke geglückt, und unsere Absicht, ihrem Konsortium entgegenzutreten, dürfte auch fernerhin ein frommer Wunsch verbleiben, solange wir jene dunkle und geheimnisvolle Tatsache nicht ergründeten, dass die von schlechten Instinkten Gemeisterten so viel deutlicher die Hochgesinnten herausspüren, als diese sich unter sich erkennen. Wahrlich diese dunkle und rätselvolle Tatsache birgt Perspektiven von lockender Tiefe, und sie ziehen sich wie weite Zimmerflüchte nach allen Richtungen, reich an Verborgenheiten, hin. —

Es heisst vom Himmelreich, es litte Gewalt. Indessen sehen wir zu, wie die Hölle immer mehr das Erdreich verschlingt. Dass allerorts so und so viele darüber jammern, ja auch vernünftig darüber raisonieren, hilft uns keinen Schritt vorwärts. Denn wo bleibt unser Zustrom, wo insbesondere bleibt unsere Sichtung?

Um Machtfragen werden sich nach wie vor die Dinge drehen, und nach wie vor wird sich herausstellen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. Macht wird vor Recht gehen, denn Macht geht vor Recht. Es ist Sache des Rechts, die Macht an sich zu reissen, eine neue Realpolitik zu ermöglichen, nicht ausdrückbar durch Lüge, Feuer und Mord; eine Exekutive zu befestigen, welche die aus Lüge, Feuer und Mord errungenen Vorteile verschmähen, und Lüge, Feuer und Mord nicht ausspielen würde gegen Lüge, Feuer und Mord. Sache des Rechts ist es, die Bahn solcher Gewalthaber zu bereiten, und was mich angeht, so musste ich, um meiner eigenen Grabesruhe willen, diese zukünftigen, für ein feineres Ohr heute schon ödesten Gemeinplätze noch äussern, bevor ich schweige oder von etwas anderem rede.

INHALT.

Seite
Epilog zu den Briefen an einen Toten[3—4]
August 1916 „Weisse Blätter“
Ausblick[4—6]
Mai 1917 „Friedenswarte“
Zum Aufruf an die Frauen[6—8]
26. August 1917 „Neue Zürcher Zeitung“
Letzte Folgerungen[8—11]
22. Oktober 1917 „Neue Zürcher Zeitung“
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit[11—12]
März 1918 „Friedenswarte“
Wiederholungen[12—14]
Juli 1918 „Friedenswarte“
Schlusswort[14—15]

Anmerkungen zur Transkription

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