Dreizehntes Kapitel
Der Florentiner, der mich zu Tisch erwartete und mit dem ich dann in die Oper gehen sollte, wohnte mit seiner Mutter in der Via Alfieri. Er gehörte dem Kreise Frau Coroughdeens an. Auch er zog alsbald das Kursbuch hervor. Wir aßen nur so lange, als es Zeit bedurfte, die Victoria anzuspannen und fuhren dann mit Diener und Kutscher auf dem Bock nach der Pension Malocchio. Ich sollte mit dieser Doppelwache im Wagen bleiben, denn mein Parlamentarier bestand darauf, allein die Höhle meiner Mißgeschicke zu besteigen. Dem Säckchen, dem das blaue Band nur auf einer Seite anhing (es hätte sich wirklich nicht gelohnt, es anzunähen) entnahmen wir gerade so viel, als ich zur Rückfahrt nach Deutschland brauchte; mit den achtzehn schönen, runden, dicken Goldstücken, die als mein Lösegeld darin verblieben, zog er dann hinauf. Er blieb sehr lange. Die Luft war lau. Im Norden gab es wohl noch Schneegestöber und ein langes Hin und Her zwischen Winter und Frühling. Warum kam mein Abgesandter nicht zurück? Das Theater mußte bald zu Ende sein. Im dritten Akt hatte die Duse fast nichts zu tun. Da trat er hervor.
„Mein Koffer“, sagte ich. „Man gibt ihn heute abend noch nicht frei. Ich hatte einige Mühe mit dem Mädchen“, sagte er; auf seinen Wink fuhr jetzt der Kutscher wie ein Teufel los. „Dann ist es ja gar nicht eingesperrt.“ „Man ließ es mangelnder Beweise halber nach zwei Stunden wieder laufen.“ Ein Groll stieg in mir auf. „Es ist zu arg!“
„Wie?“
„Erzählen Sie doch!“
„Ich bin sehr lange ausgeblieben, Sie haben lange warten müssen. Aber es war so interessant und so unterhaltend, die alten Damen über Sie zu verhören. Sie machen sich gar keinen Begriff, welche Abneigung die ganze Pension für Sie gefaßt hat. Nein, wie Sie das in zwei Tagen fertig gebracht haben, alle Hochachtung! Es herrscht nur eine Stimme über Sie. Die fälschlich angeklagte Magd dagegen wurde umringt wie eine Diva. Sie erhielt sechsundvierzig Geschenke. Von Ihnen, meine Liebe, wollte sich jede schon beim ersten Blick des schlechtesten Eindrucks entsinnen. Ich gab mich natürlich nicht als Ihren Freund aus. Es hätte den Redefluß gestört.“ –
„Mein Koffer“, sagte ich.
„Ich kriege ihn schon frei. Lassen Sie die ersten Wogen der Rache sich legen. Es war da noch ein Freund der armen Person ...“
„Armen Person?“ fuhr ich auf. „Sie hat das beste Geschäft ihres Lebens gemacht. Schweigen Sie mir von der.“
„Ja, sie ist häßlich, aber sie hat einen sehr feurigen Freund, der unter gräßlichen Schwüren beteuerte, er würde nicht eher ruhen, als bis Sie selbst im Gefängnis säßen, und die sechsundvierzig Damen teilten durchaus seine Ansicht. Es war wirklich nicht so einfach, wissen Sie. Ich hatte Mühe mit dem Säckchen. Ich hielt es an seinem gerissenen Bande hoch und schilderte, wie leid Ihnen alles täte.“ „Nichts tut mir leid. Nur ich allein tue mir leid. Kein Wort mehr“, rief ich. Er zog seine Uhr. „Wir kommen noch recht zum zweiten Akt.“
Der Morgen dämmerte. Es zwitscherten die ersten Vögel. Silberner Flor war am Himmel zerstäubt. Man klopfte, um mich zu wecken. Doch ich stand schon bereit. Fluchtartig also und bei Tagesgrauen mußte ich Florenz verlassen. Es war meine einzige Ähnlichkeit mit Dante. Und mein zweiter Abschied von dieser Stadt. Mary Coroughdeen und ihren sommerlichen Bruder sah ich niemals wieder.