Zwölftes Kapitel
Mein Zimmer trug die Nummer 19. Es war häßlich, sah auf einen unwirschen Hof hinaus und lag abgetrennt am äußersten Ende eines langen Ganges. Häßlich, rot, grob, breitschrötig und cholerisch war auch die Magd, die mir das heiße Wasser und das Frühstück brachte. Aber schon um neun Uhr wollte Eleonor mich holen, um nach Santa Maria Novella zu gehen. Ostersonntag! und ein lichter Himmel über dem düsteren Hof. Mir gleich endgültig aus den Augen, so daß ich nicht umhin konnte, ein wenig hin und her zu summen. Nur so eine kleine Barkarole, von der schönen Luft, die hereinwehte, getragen und wie von Märzbechern eingeläutet. Es war noch früh, aber ich störte niemanden. Das Zimmer hatte keine Nachbartür. Die Fülle der Glocken über alle Dächer hin! Mein Herz war leicht. Jetzt nur noch das seidene Säckchen über den Kopf gezogen, und ich stand bereit. Nachts pflegte ich es unter das Kissen zu legen und nun hätte ich es schier vergessen. Aber dort lag es nicht mehr. Wie zerstreut ich doch heute war. Ich hatte es ja auf das Tablett gelegt. Aber das hatte man schon abgetragen. Ich läutete. Niemand erschien. Ich läutete in rascher Folge wieder, und verdrossen kam die Magd herein. Ich schickte sie nach der Küche, nach dem Tablett zu schauen. Sie ging. Zitternd stand ich vor dem Spiegel und starrte mich mit blutlosen Lippen selber an, riß das Kleid von neuem auf, aber das blaue Band hing mir nicht an; griff mich ab, die Stätte war leer. Die Person kam wieder: „Non c’è“, sagte sie. „Si c’è“, rief ich in heller Verzweiflung. Ihr rotes Gesicht wurde noch dunkler. Sie trat in den Gang hinaus und kam mit einem Manne wieder, Hausdiener oder Portier, jedenfalls ihr geschworener Freund. „Non c’è“, bekräftigte er. „Non è vero“, sagte ich. Da traten beide näher. Die Worte „gettarla fuor dalla finestra“ drangen an mein Ohr und ließen mich blitzartig die Situation übersehen, so daß ich mich wohl hütete, von dem Fenster wegzurücken, vor dem ich stand, denn wir waren ohne Zeugen. Warfen sie mich in ihrer Wut hinab, so konnten sie beteuern, ich hätte mich selbst hinuntergestürzt. Der Gedanke an den Freispruch, der ihnen zuteil würde, entwickelte in mir den Furor eines Löwen. „Ich gehe jetzt auf eine Stunde fort“, sagte ich, als hätte ich freie Bahn. „Mittlerweile suchen Sie gefälligst das ganze Zimmer durch, dann wird der Sack sicherlich zum Vorschein kommen.“ Mit diesen Worten wandte ich mich der Türe zu, allein die zwei blieben drohend vor mir aufgepflanzt und ließen mich nicht durch. Was wollten sie? „Man kommt“, sagte ich triumphierend. Eleonor trat ins Zimmer. Meine beiden Schergen verließen es alsbald.
„Was ist?“ rief sie und fing mich auf. Denn die zurückgedrängte Angst machte sich wie ein giftiger Nebel über mich her, jetzt, da Eleonor mir zur Seite stand. Sie duldete nicht, daß ich dies Haus noch einmal betrat; lieber sollte mein Koffer zurückbleiben, die Handtasche trugen wir gemeinsam durch den leeren Gang. Niemand zeigte sich. Wir gingen die Stiegen hinab, warteten auf einen Wagen und fuhren ins Hôtel de Ville. Ein reizendes und neu tapeziertes Zimmer wartete da meiner, allein mir blieben siebenundvierzig Lire, und ich fuhr mir ans Herz, als hätte es einen Sprung.
O Kirche von Santa Maria Novella! Welch verwirrtes und bebendes Gemüt entließen an diesem Ostermorgen deine heiligen Pforten! Aber war mir nicht von neuem der Weg nach Rom verschüttet, wenn der Sack verloren blieb? Was flogen die Vögel so hoch?
Und warum erspähte Eleonor den Schutzmann, der gelangweilt auf dem Platze stand! Was radebrechte sie da mit ihm? War es nicht verfrüht, ihn heranzuziehen? Er mußte ein Neuling sein, denn seine Bereitschaft war nicht gering. „Chè,“ sagte er, „kriegen wir, kriegen wir,“ und machte sich voll Eifer auf den Weg.
Eleonor war guter Dinge. Sie hatte einen Brief, der ihr die Rückkehr ihres Mannes anzeigte. „Ich habe das bestimmte Vorgefühl, daß Sie heute abend wieder im Besitz Ihres Sackes sind“, so sagte sie. „Wie sind denn im allgemeinen Ihre Vorgefühle?“ „Immer richtig! Man kann immer darauf gehen.“ Doch ich atmete wie ein Asthmatiker. „O Sie sind langweilig“, rief sie aus, „wo wollen wir essen?“ Im Hotel wartete schon der Polizist, zwar ohne Sack, aber mit zufriedener Miene. Die Magd befände sich hinter Schloß und Riegel. Indes stelle sich die Pension auf ihre Seite und verweigere die Herausgabe des Koffers. Die Magd leugnete nämlich. Daher die Repressalie. Dann ging er.
Ein Abendfähnchen war alles, was mir blieb, außer dem Kleid, das ich trug. Es dunkelte. Mir schauderte vor dem Anblick meines Fensters, es war hochgelegen, wie das von heute morgen. Ich zündete alle Lichter an. Auch über dem großen Spiegel war ein Kontakt. Er warf mein Bild zurück. Und wieder starrte ich mich selber an, als könnte ich nur mir selbst meine Bedrücktheit anvertrauen. Ich stand mit siebenundvierzig Lire und ohne Koffer da. Dies waren die Tatsachen; mochte Eleonor sich mit noch so guten Vorgefühlen tragen.
Der Mond war heute voll. Welch Geraune wohl und welch ein Rausch in den Cascinen. O daß in den Tiefen des Gezweiges vielleicht sich regte der Rhapsode unserer Ekstasen! Vielleicht entströmte ihm das erste Gold erträumten Grams, und schlugen Bangigkeit und Wonne der Verliebtheit in seiner Kehle an. Leid und Verliebtheit der Nachtigallen nur? O nein, der Götter und der Menschenherzen.
Langsam fing ich an, mich für den Abend umzukleiden. Meine emporgerichteten Arme, im Raume gesehen mit den hellbeschienenen Händen in der Luft, bannten meinen Blick wie Bruchteile einer Statue und anderer Wesenheiten teilhaft als nur des Ichs. Solche Gedanken entsandte der Spiegel als letzte Labsal, letzte Stärkung dieses Tages ...
„Wann zeigst du dich in deinem Glanze?“ lachte Eleonor herüber. Als Antwort ein wilder Schrei. Was hatte ich gesehen? Was zeigte sich mir da? Sie stürzte herein, wähnend, meine Kleider steckten in Brand. Ich hatte sie noch nicht angelegt. Was nun auch sie erblickte, war ein Gegenstand in meiner rechten Hand: ein blaues Band an einem Ende losgerissen, von dem ein schweres Säckchen herunterhing. Es war mitsamt dem Bande bis zum Gürtel hinabgerutscht, hinter der hohen, nach innen ausgebuchteten Schnalle platt gedrückt. Und das Mädchen im Gefängnis. „Fliehen Sie, fliehen Sie!“ war Eleonors Schreckensruf, und sie verließ das Zimmer. Zitternd und ungefähr zog ich mich an und lief aus dem Hause.