II

Seltsame Schwingen, neue Rhythmen trugen ihre Tage jetzt dahin, ihre Stille so manches Mal durch nichts als den Besuch der Ärzte unterbrochen. Blumen umgaben sie. Der über ihr Bett geschobene Krankentisch bot ein reiches Feld der Beschäftigung, und ein Zufall wollte, daß Leute, mit welchen sie lange nicht mehr in Kontakt war, plötzlich in der Ferne an sie dachten und ihr schrieben. Eines Morgens kam ein Stoß der neuesten französischen Bücher für sie an; sie lagen in großer Evidenz auf Tisch und Decke gebreitet. Jedoch der Zeitungsmann durfte nicht zu ihr herein. In Tönen der Angst bat sie die Schwester, ihn von ihr fernzuhalten, und schon früh am Nachmittag sehnte sie sich nach Morphium. Fing aber der Rollwagen mit dem Verbandzeug, den Alkohol und Jodoformflaschen durch den Gang zu klirren an, so mußte sie lachen; denn es ging dann so fühlbar von Zimmer zu Zimmer eine Spannung, es entstand eine Aufregung, wie wenn Hennen gefüttert werden. „Jetzt werden die Hennen gefüttert“, sagte sie jedesmal zu Guido, die immer der Karosserie voranschritt.

Eines Tages fragte sie den Arzt, der sie in ihrer Lektüre unterbrach: „Würde dieses Buch Sie interessieren, wenn ich fertig damit bin?“

Er warf einen Blick auf den Umschlag und zögerte: „Von Franzosen höre ich lieber nichts“, sagte er dann.

Da schwieg Geraldine.

Das Buch, das er abgelehnt hatte zu lesen, Siegfried et le Limousin, von Jean Giraudoux, war nicht vollkommen. O nein, es hatte seine Fehler. Man durfte es ein wenig inkoherent nennen sogar. Aber jede Seite rührte und entzückte Geraldine. Denn regenbogenartig schlug hier eine Brücke auf, bebend schwang sie herüber, pulsierte, vibrierte, wie ein Regenbogen ephemär. So gehörte auch dies Buch einer anderen Wirklichkeit als die der Ereignisse an; und sie mißachtend, sie verachtend, irisierte über sie hin die Fülle des sich entziehenden, ach! des werbenden Auges ...

Allein es war umsonst geschrieben, da niemand es in Deutschland las. Auch die anderen neuen Bücher enthielten kein gehässiges Wort mehr über „les Allemands“, aber sie waren umsonst geschrieben, da niemand sie in Deutschland las. Geraldine entsann sich der skeptischem aber so aufhorchenden, so gespannten Mienen ihrer Freunde in Paris, als sie ihnen von „jenen anderen Deutschen“ erzählte, von welchen nichts mehr bis zu ihnen gedrungen war. Ob auch einige wie mit Engelszungen hinüberriefen, man stellte sich ihnen taub, wenigstens solange sie lebten. Heute war es umgekehrt.

Geraldine schlief mit dem Kopf auf dem offenen Buche ein, aber nicht lange; ihre Aufregung scheuchte sie auf, und sie las im Scheine ihrer blauen Lampe weiter.

Als am nächsten Morgen der Chefarzt bei ihr eintrat, warf er einen Blick auf die Tabelle und ließ Sandsäcke herbeischaffen, in welchen Geraldines Bein wie in einen Schacht eingedämmt werden sollte, damit es sich nicht mehr bewege. Man schleppte sie wie etwas gar Wichtiges herbei. „Hier stimmt etwas nicht!“ dachte sie gequält. Die Ärzte umstanden sie ja, als ob ihre Gesundung eine wichtige Sache sei. Und das Stück von der gesitteten Weltordnung wurde hier gespielt, als wisse man nicht, wie es draußen zugeht. Aber sie selbst, spielte sie nicht mit? Ließ sie nicht alle fünf gerade sein? Nicht einmal nach dem Wetter mochte sie fragen, als ginge sie das alles nichts mehr an, als sei alles eins. Und nun? Und wie lange durfte sie noch ihrer beginnenden Unruhe, ihrer wachsenden Verwirrung wehren? Die Wirklichkeit. Ja sie war das entfallene Wort, der Faden, der gerissen war, an dem sie wieder anknüpfen mußte.

In der Nacht fuhr sie an die Klingel, und die Stimme, mit der sie die herbeieilende Schwester unter Ächzen anflehte, sie aus dem eingestürzten Tunnel vorzuziehen, war wie ein heiserer Bariton. Es hatten sich aber nur die Sandsäcke verschoben, und mit ihrem Gewicht die Wunden beschwert. Vielleicht auch hatte sie nur geträumt. Allein die Schwester beruhigte sie, räumte die Säcke aus dem Weg, brachte ihr eisgekühltes Zitronenwasser und reichte ihr Morphium. Sie war mürbe und trug sich zart wie eine schwanke Wicke im Sommerwind, die ihren letzten Duft, ihre letzte Süße veratmet. „Welch ein Frühbeet von Schwestern!“ dachte Geraldine. Und Guido die große Gärtnerin.

Es gäbe vielleicht keine Ärzte in der Welt, wenn nicht so ziemlich jedermann seinen eigenen Arzt in seinem Innern hätte. Geraldinen war es am folgenden Morgen klar, daß es nur mehr wenig Tage bis zu ihrer Herstellung bedurfte. Bei ihrem Einzug in die Klinik richtete sie fürs erste an alle die Frage, wann sie wieder herauskommen würde, und gleich und auf die Stunde verlangte sie es zu wissen. Nun sie fast keine Schmerzen mehr hatte, erkannte sie mit einem Male, welche Ablenkung sie für sie gewesen waren, und sie vermißte sie; denn diese an sich waren ja auch eine Betäubung gewesen. Und ihr geschah wie dem flüggen Vogel, der wohl am liebsten noch einmal in seine Geborgenheit zurückkröche, bevor er den ersten Flug unternimmt. Draußen wartet seiner die Welt. Das Nest dagegen war ihr entzogen. So dieses Haus. Wie eine Arche zog es über die finsteren Wasser dahin und beruhte in sich. Bald mußte nun Geraldine aus seinem Schutze wieder hervor. Und sie verzagte. Sie bangte nach den wolkenlosen Tagen der Vergessenheit, der Palliative. Sie waren vorbei. Andere Wunden waren nunmehr wieder erwacht, unheilbare, die niemand verband, um derentwillen niemand sie bemitleidete, noch eine Blume schenkte oder sie umgab. Wie ein Himmel, der sich ganz verhängt, und von dem es dann unablässig niederrauscht, umzog sich Geraldinens Gemüt, und erst stoßweise, dann unaufhaltsam flossen ihre Tränen. Zwar konnte sie jederzeit innehalten, und wenn jemand bei ihr eintrat, ganz vernünftig schwätzen. Aber sobald sie allein war, setzte der Landregen wieder ein. Der Geruch der Speisen widerte sie mit jedem Tage stärker an, und sie weinte vor Ekel bei ihrem Anblick, ob sie auch hungrig zu sein vermeinte, bevor man sie ihr brachte. „Kaputt ist kaputt!“ sagte sie zur Schwester, die sich über ihre kaputten Nerven ausließ. Aber vor den alles sehenden Pupillen Guidos redete sie sich auf eine beunruhigende Äußerung heraus, die bei der Morgenvisite zwischen den Ärzten gefallen sei; sie habe sie deutlich gehört. Und sie rückte beiseite, damit Guido sich zu ihr setze, denn sie erbettelte jede Minute ihres Verweilens.

Der Tag verebbte an den weißen Wänden ihres Zimmers, sie standen im Widerschein des umgoldeten Laubes, dann erbleichten sie wieder. Geraldine war schon für die Nacht gerichtet, hielt ihr heiles Knie umklammert und weinte. Die blaue Lampe warf ihren Schein. Niemand störte sie mehr. Da klopfte es an ihre Türe und Guido in Begleitung des Arztes trat herein. Er kam sie zu beruhigen: es handle sich nur um eine vorübergehende Phase und sie würde die Klinik bald verlassen können. Er erinnerte sie nicht daran, daß Schwerkranke in den angrenzenden Zimmern lagen, ohne Aussicht auf Genesung. Ein schwedischer Student war in der Nacht gestorben. Sie aber mußte noch so spät getröstet werden. Ihr Schuldbewußtsein machte sie befangen, sie wußte nicht, was sagen. Die französischen Neuerscheinungen lagen auf ihrer Decke gebreitet. Es war aber derselbe Arzt, der es abgelehnt hatte, sie zu lesen. Scharmante Bücher, bemerkte sie, doch ohne sie ihm noch einmal anzubieten. Doch als er sich jetzt anschickte zu gehen, bat sie mit einer winzigen Stimme um Morphium. Es wirkte nur langsam bei ihr, und bis dahin konnte sie bequem schluchzen.

Fürwahr, sie hatte es gut. Selbst in der Nacht war dieses Zimmer freundlich: der weiße Tisch mit den lichten Messinghähnen für warm und kalt, wie sie es liebte; der magisch sanfte Schein des Seidenschirmes, wie blasser Rittersporn so blau. Die Birne war schwach, aber sie genügte gerade.

Sie dachte an ermordete Freunde, an die grenzenlose Abgeschiedenheit ihrer letzten Augenblicke. Ja, das war die Wirklichkeit! Feige, feige Geraldine! Freunde, besser als sie, waren gegangen, früher als sie, und hatten ihr Tagewerk vollendet. Ihr war noch eine Frist gegeben. Nichts anderes als eine Frist bedeutete ihr Genesung.

Geraldine hörte der Posaunen viele.

Und dann genoß sie doch wieder die tröstliche, verbrecherische Schale der Vergessenheit, und es war alles eins.

Jedoch derselbe Arzt kam tags darauf selbst auf das Thema zurück, und bevor sie ihrerseits sich dazu äußerte, überschlug sie im stillen, wie oft sie schon dasselbe gesagt hatte, sich, und gewiß auch andern zum Überdruß. Innerlich seufzend legte sie über „jene anderen Franzosen“ los, wie sie es drüben über „jene anderen Deutschen“ getan hatte. Es ist nicht mehr zum Anhören, dachte sie dabei. Denn das Wahre, das Rechte, das Richtige, es verträgt nicht unbeschadet die Geistlosigkeit ständiger Wiederholung. Diese schlägt vielmehr den widerlegbaren, den falschen Argumenten vortrefflich an, und entkräftet sie nie; ja sie ist das Geheimnis ihrer Wirkung: immerzu laut ausgerufen schlagen sie ein, und wuchern wie jedes andere Unkraut. Indessen sprach Geraldine von dem versöhnlichen Geist der Intellektuellen, den man unbeachtet ließ; wie unglücklich sind wir über so vieles gewesen, schloß sie mit schier lahmer Zunge, was unter unserem Namen geschah, und heute stellen wir uns unseren Gleichgesinnten gegenüber taub.

„O wirklich?“ sagte er.

Es war aber so ganz und gar derselbe aufhorchende Ausdruck, dieselbe Skepsis, dieselbe sensible Spannung im Auge, mit welcher auch ihre Pariser Freunde „oh vraiment?“ erwidert hatten, daß sie fürwahr nicht nur ein ähnliches, nein! ein identisches Gesicht vor sich sah. Und es war undenkbar, daß mit demselben verschütteten Gefühl, derselben verdrängten Schmerzlichkeit das „oh really?“ eines Engländers, auch des „deutschfreundlichsten“ gefallen wäre. Denn nicht Sympathie oder Abneigung sind hier, wie zwischen andern Völkern, das Hin und Her. Sondern Erotik oder der Haß der Geschlechter, die beseligende Flamme, oder der Atem des Teufels, der über sie hinbläst.

Seit ihrer Krankheit wechselten ihre Anwandlungen schneller als das Licht. Was ließ sie jetzt in einer blauen, spiegelklaren Stimmung untergehen?

Sie hatte unter ihren mitgenommenen Büchern die von Hofmannsthal Anno 1913 so schön und ahnungsvoll eingeleiteten Bände des „Deutschen Erzählers“. Ein paar Generationen alt und schon antik! Verwunschen, unerschöpflich, losgelöst! – Und aus ihrer Welt heraus, ebenso zeitfremd wie sie, war hier ein Deutscher, der Sache so ganz ihrer selbst willen ergeben, daß eine fühlbare Stille ihn umgab, die ihn allem Getriebe entzog. Schlecht oder recht dachte Geraldine, wie ist doch der Deutsche so gründlich! Er ist schlecht fast bis zur Pedanterie, seine Güte ist unwahrscheinlich. Dieser hier stand an der Spitze einer nunmehr so weit gediehenen Forschung, daß sicheren Todeskandidaten eine Anwartschaft, statt auf Rückfälle, auf ein neues Leben verliehen wurde. Da entsann sich Geraldine, was sie sich vorgenommen hatte, ihm zu sagen. „Mich faßt eine wilde Freude,“ sagte sie, „wenn ich an solche Verwirklichungen denke. Denn ein Deutschland als Wohltäter der Menschheit, welch ein Triumph wäre dies! Welch stolze Absage an seine Schuldigen! Welche Ehrung seiner Schuldlosen und seiner Geopferten! Welch einzig würdige Art, der Welt seine Leiden heimzuzahlen!“

Utopien, dachte sie, als er draußen war, Utopien, und weinte in Strömen.

Aber wie eine Bravourarie ging tags darauf das Ausziehen der Fäden vor sich. Rhythmisch flog die Schere durch die Luft und schoß wieder herab. Geraldine gab keinen Laut und staunte.

Eine Woche später packte sie ihre Siebensachen mit Hilfe der Schwester, die französischen Neuerscheinungen obenauf. Dann besann sie sich auf Zahnschmerzen und bat um Morphium für die letzte Nacht. Im Schein der blauen Lampe war sie des Augenblicks gewärtig, wo sie sich entfliehen, noch einmal Urlaub von sich nehmen durfte. Wie ein alter Zwilchrock, der müde vom Nagel hängt, so harrte ja ihr abgelegtes Sein, daß sie es wieder überzog. Nur einmal noch wollte sie das Fest der Trennung von ihm feiern. Als Kind hatte sie sich an Erwachsene geklammert mit der Frage, ob man denn sein ganzes Leben sich selber bleiben müsse, ohne jemals von sich fort zu können, ohne je andere sein zu dürfen. Ihr früher Wunsch war wohl ein Vorgefühl, in welche Zeit ihr Ich hineinwachsen, welche Last es ihr aufbürden würde. Allein die Möglichkeit, die damals verneinte, die gab es dennoch. Schon rauschten ihr die Fittiche entgegen; das Leben war eine holde Landschaft, von verlockenden Linien; Fernen, sie nicht mehr betreffend, nahmen die beiden Länder ihres Herzens auf, deren Not war an Ereignisse gebunden, vergänglich wie sie selbst. In ihrer Wonne ließ sie sich gleiten. Sie sah Gras wachsen über ihr eigenes Grab, und es war alles eins.

Aber dein Kopf liegt in den Kissen schwer zurückgeworfen, Geraldine, und dein Gesicht ist fahl, derweil du dir enteilst, melodischen Ufern entlang, geäugt von Vögeln, deren Staunen Schleier der Lust in deine erinnerungslosen Augen treibt. Sie sind nicht dein! Und dies ist nicht das Leben, sondern dein Erwachen, und dein Wissen um die Außenwelt.

Und tags darauf nahm sie Abschied. Und Guido geleitete sie hinab zu dem offenen Tor, durch das ein Stück Himmel hereinsah. Und wie die Taube, der Arche entsandt, die vergebens spähte, ob die Wasser noch nicht fielen, und die nicht wiederkehrte, so flog sie aus.

Der Geiz

Avec la richesse commence l’avarice, sagt Balzac in seinen Illusions perdues.

Der Geiz scheint jedoch nicht zur Beobachtung zu reizen, und außer Molière und Schopenhauer haben sich nur die allerwenigsten mit diesem hochinteressanten Laster eingehend befaßt. Auch soll hier keineswegs von seinen ungeheuerlichen Auswüchsen die Rede sein, sondern vom Geiz in seinem normalen Verlauf, wie die Ärzte sagen.

Vor allen Dingen glaube man nicht, das Geld sei etwas Totes. Es ist ganz Wahlverwandtschaft, ganz Antipathie, ganz Selbsterhaltungstrieb, ganz „Seele“ (auf seine Art). Ja, dem Gelde entströmen atmosphärische Schichten, die sich in feine, aber undurchsichtige Schleier zerteilen, um sich über das Gemüt des Reichen zu lagern. Es ist, als schöbe sich ein Milchglas trennend zwischen ihn und seine Welt. Mag der Trinker vom Weine noch so sehr umnebelt sein: daß er ein Trinker ist, darüber ist er sich klar. Der Lügner weiß von seiner Verlogenheit, der Zornige von seinem Haß. Aber der Geiz spinnt so feine und undeutliche Fäden, daß der von ihm Betroffene ganz im unklaren über sich selbst verbleiben darf. Dem Geizigen steht überdies ein Überfluß an Mänteln und Mäntelchen zu Gebote, die ihm sein Spiegelbild bis zur Unkenntlichkeit maskieren, wobei immer nur er selbst, niemals die anderen über seine wahren Züge mystifiziert werden. Man denke sich die Freudsche Methode, die meist einer sinnwidrigen Anwendung verfällt, einmal auf verhärtete Geizhälse angewandt. Einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen, würden diese Patienten am Ende gar kuriert vor Schreck über die Entdeckungen, welche sie an sich selber zu machen hätten.

Ein Grund ihres Selbstbetruges liegt darin, daß sie nicht selten mit Vorliebe geben; ja Geschenke zu machen – freilich niemals entsprechende – kann bei dem Geizigen fast zur Marotte werden. Denn er weiß so gut wie ein anderer, daß Geben seliger ist als Nehmen, und er hat es so gut wie der Freigebige an sich erfahren. Und weil er auch – denn er will alles haben – des Gebens froh werden will, gibt er nochmal aus seinem Geiz und seiner Habgier heraus. Und darum schenkt auch er. Aber dabei rächt sich alsbald sein Laster an ihm und bindet seine Hände, daß er nicht freigebig, d. h. nicht frei wird zu geben wie er möchte, und schließt ihn wie mit eisernen Fäden in immer engere Gefangenschaft, bis seine Miene den inneren Bann, dem er verfiel, auch äußerlich verrät.

Wer wollte denn auch leugnen, daß geizige Leute häufig zu bedauern sind, und zwar je mehr sie sich bereichern, da ein Zuwachs ihrer Habe eine Verhärtung ihres Geizes unerbittlich zur Folge hat. Wobei ihm die fremde Schlechtigkeit vielfach Grund für sein Verhalten zu bieten scheint. Denn ein sehr reicher Mensch ist ja schlechten Erfahrungen in schlimmster Weise ausgesetzt. Die anständigen Leute werden es nicht sein, die sich an ihn herandrängen – seine guten Erfahrungen bleiben somit negativ –, während er die miserabelste Sorte aus nächster Nähe kennenlernt. Kein Wunder, daß manch vertrauendes und großmütiges Herz karg und mißtrauisch wurde. Es kommt unversehens. Der Geiz hat eine unheimlich schnelle Reife. Dann aber läßt er seine Opfer nicht mehr los. Er hat nur eine aufsteigende Linie. Er kennt keinen Verfall und er kann nicht sterben.

Das Trübseligste erlebte ich einmal auf der Reise von seiten einer alten, kinderlosen Dame, deren Nichte mich gebeten hatte, ihr Nachricht zukommen zu lassen, denn die Greisin schien sich um ihre sämtliche Verwandtschaft nicht mehr viel zu kümmern. Sie lebte fern von ihr in einer fremden Stadt, und hatte es glücklich auf sechsundachtzig Jahre und fünfzig Millionen gebracht. Ich traf sie in ihrem wundervollen Haus, umgeben von Bildern und Schätzen. – In ihrem Lehnstuhl vergraben, klagte sie, daß ihr das Schreiben schwer fiele und erkundigte sich alsbald mit wärmster Anteilnahme nach der Schar ihrer Nichten, Groß- und Urgroßnichten, insbesondere nach einer gewissen „Hertha“, ihrem Patchen, das sie am innigsten liebte. Um die handelte es sich eben. Ich malte also die blasse Schönheit dieser Hertha in den leuchtendsten Farben hin und erzählte sodann, daß die Ärzte einen längeren Aufenthalt in Ägypten sehr ratsam für sie hielten.

„Ja mein Gott,“ forschte sie ganz bestürzt und voll aufrichtiger Besorgnis, „wird sich denn das pekuniär machen lassen?“

„Schwer“, erwiderte ich.

Mehr zu sagen stand mir natürlich nicht zu. Derselbe Gedanke war zwar gleichzeitig in uns aufgestiegen; aber nichts von Unentschlossenheit malte sich in dem Gesicht der Greisin – viele Jahre früher hätte sie wohl gezaudert –, doch nur Schatten des Grams breiteten sich über ihr melancholisches Gesicht.

Seufzend sprach sie jetzt von ihrem nahen Tode, von der Verlassenheit und den Enttäuschungen eines zu langen Lebens. Während wir uns unterhielten, trat die Jungfer ein und fragte leise, ob sie das Töchterchen des Kutschers, das heute das Haus verließ und in die Lehre zog, einen Augenblick einlassen dürfe. Die alte Dame empfing das Kind voll Güte und Wohlwollen, und als es dann schied, hielt sie es noch einmal zurück. Schränke, Kisten und Truhen wurden nun durchgesehen, aufgeschlossen und dann wieder abgesperrt. Ein Heer weißer Schachteln in Seidenpapier, umwickelte Päckchen und Pakete kamen dabei zum Vorschein. Aber sie zog bald diese, bald jene Schieblade zu Rat, ohne sich entscheiden zu können. Die Kleine stand indes mitten im Zimmer und wartete, wie man es ihr gesagt hatte. Plötzlich flog ein Schein, eine schnelle Röte über ihr Gesicht. Gleich darauf wandte sie erblassend den Blick nach der anderen Seite hin. Aber ich war ihm schon gefolgt und gewahrte ein schwarzes Ledertäschchen, das die Greisin gerade in Händen hielt, öffnete und untersuchte. Innen mit dunkelroter Seide ausstaffiert und mit Nähutensilien angefüllt, zugleich verschiedene Fächer enthaltend, war es wohl der kühnste Traum von einem Täschchen für eine kleine Nähmamsell; im übrigen nichts Kostbares, sondern ein schöner Dutzendartikel aus einem Warenhaus. Aber nicht lange, und die Besitzerin hüllte es wieder ein. Ihre Hände waren gebunden, und sie konnte das Täschchen, das um eine Idee zu schön für die Kleine war, nicht spenden. Diese stand unbeweglich mitten im Zimmer, aber der Strahl in ihren Augen war erloschen. Die Alte kramte indes in einem anderen Fach und zog ein silbernes Armband hervor, auf dem „Gott mit dir“ in schwarzen Lettern eingetragen war, und damit entließ sie das enttäuschte Kind.

Die Geberin saß nun wieder in ihrem Lehnstuhl zusammengesunken und schaute mit einem blassen, vergrämten Gesicht vor sich hin. Ein Fest war ja der kleine Zwischenfall mit dem häßlichen Armband, darauf „Gott mit dir“ in schwarzen Lettern prangte, für niemanden gewesen, und ein gesteigertes Bewußtsein hatte sich der Spenderin unmöglich mitteilen können, vielmehr die Öde des Ereignislosen. Es hatte sich nichts ereignet. Die Kleine war nur um eine gewaltige Freude betrogen worden, und die Alte, die gern Freude bereitete, wußte es genau; und wußte ebensowohl, daß sie niemals anders verfahren würde, selbst wenn sie das Kind noch einmal zurückriefe. Nebenan hub jetzt ein Papagei, von der kleinen Passantin aufgeschreckt, zu schreien und über die Unerfreulichkeit der Welt zu schimpfen an. Schräge Strahlen ergossen sich durch die weit geöffneten Fenster (die größten der Stadt) und über die prachtvoll weichen Farben der Teppiche, die Leuchter aus altem Kristall, die goldumränderten Schalen und silbernen Dosen. Dennoch lag etwas Drückendes, in seiner Öde unerträglich Akzentuiertes, ja Unheimliches in der Atmosphäre dieses Raumes. Und plötzlich war mir, als befände ich mich ganz allein, als sei die halb erloschene Frau vor mir schon verblichen und nur mehr ein Schemen. Es fehlte so wenig! All die Päckchen und Pakete, die sich in tadelloser Ordnung in ihren Kästen und Truhen häuften, waren schon fast herrenlos. Und nicht die kleine Nähmamsell, nicht einmal die Nichte Hertha schien mir mit einem Male beklagenswert, sondern die sonst so kluge, ja sympathische, die unbegreifliche alte Dame, die rettungslos in die Falle geraten war, welche der Geiz den Besitzenden stellt.

Sie starb bald darauf. Und da ihr Geiz eine lange Geschichte hatte, ragte er denn auch weit über ihr Leben hinaus. Sie hinterließ ihr Vermögen ihren reichen Verwandten, den weniger bemittelten, der Großnichte Hertha, die ihrem Herzen so nahe stand, unbedeutende Legate.

Schiffahrt und Eisenbahn

Wie behaglich, wie menschenwürdig hat sich unsere Schiffahrt ausgebildet; wie stolz setzen wir über das Meer, aber wie barbarisch fahren wir noch Eisenbahn. Unser größter Wohltäter wäre der, welcher frei nach Pullman einen neuen Typ unserer Eisenbahnwagen einführte. Aber würden die zuständigen Generaldirektionen die leiseste Notiz davon nehmen? – Hat je vor mir einer den Plan eines Generalstreikes der Eisenbahnpassagiere gefaßt? Nein. Wir lassen uns in den stets überfüllten Zügen wahllos wie Herdentiere zusammendrängen und zahlen und überzahlen die unverschämte Tortur.

Oder sitzen wir etwa nicht wie Böcke und Schafe stunden- und tagelang in einer verrußten, vergifteten Luft – mit einer Platzkarte gezeichnet, wie Hammel mit einem Kreuz? Nur die rachsüchtige Hoffnung im Herzen, unsere Leidensgefährten (welche die Eckplätze innehaben) möchten doch so töricht oder so unerfahren sein, sich in jene andere Vorhölle: den Speisewagen, zu begeben, woselbst ein wüster Dunst, übel wie eine Seekrankheit, regiert. Und sind wir endlich allein, so stürzen wir ans Fenster, um Luft, und wäre sie noch so eisig, hereinzulassen. Aber wir bringen es nicht auf. Wir rufen den Gefängniswärter: er bringt es auch nicht auf. Das Holz sei aufgequollen, bemerkt er und geht. Nicht lange, und die anderen Sträflinge kehren zurück. Man nimmt also wieder mit stechendem Kopfweh seinen Rückplatz ein und hat bald darauf die unmittelbare Aussicht auf zwei vom Schlaf überwältigte ältere Herren.

Sie sind nicht schön.

Endlich – ich spezialisiere schon; ach es liegt so nahe! – ist das Licht dieses mühseligen Tages gesunken. Aber der Lampenschein ist nur ein trübes Geblinzel in dieser Luft! Und noch fünf Stunden. Das heißt, man wird nie ankommen. Man wird es nicht erleben. Hannover! – Die schlummernden Gebrüder fahren auf, greifen nach ihren Taschen und fort! – Oh! – Ich bin allein mit einem jungen und scharmanten Mädchen. Wir wissen nichts voneinander, aber die gemeinsame Plage hat uns längst zu Verbündeten gemacht. Sie erzählt mir, daß sie soeben einen Krankenkursus absolviert. Sie hat einen Apfel, ich gebe ihr ein Messer; sie reicht mir ein Aspirin. „Aber Sie müssen sich hinlegen,“ sagt sie, „sonst wirkt es nicht.“ Sie reißt die oberen Klappen auf und verhängt das Licht, und wir strecken uns der Länge nach aus. „O Gott, Schwester,“ rufe ich aus, „dies ist viel zu schön. Es kann nicht dauern!“ Aber sie tröstet mich, daß der Zug vor Hamburg nicht mehr hält. Da wird – bang! – die Tür aufgerissen und eine Blendlaterne grell vor unsere Augen gehalten. Es ist der Kerkermeister, der sich umsieht wie einer, der hier zu Hause ist, dann die Tür zuschlägt und wieder verschwindet.

Dem ist etwas nicht recht, meinten wir bescheiden und einigten uns über ein Trinkgeld, falls er wiederkäme. Wir fingen schon an, unsere Ruhe und das Dunkel wieder zu genießen, als die Tür lärmend aufgerissen wurde und Kerkermeister und Laterne uns von neuem aufschreckten. Gebieterisch verlangte er (wie oft denn noch) nach unseren Billetten. Ich reichte ihm das meinige zugleich mit einem Zweimarkstück entgegen. „Wieso? Was soll dieses Geld?“ herrschte er. „Daß Sie uns nicht immer stören sollen, weil wir müde sind.“ „Sie haben ja“ – tat er sehr überrascht – „ein Billett zweiter Klasse und sind hier in der ersten.“ „Das wissen Sie so gut wie ich. Ich wurde hierher verwiesen, weil alles überfüllt ist.“ „Das gilt nur, solange wirklich kein Platz ist“, bestimmte er. „In Hannover sind mehrere Personen ausgestiegen. Ich werde gleich nachsehen, ob etwas frei geworden ist. Dann müssen Sie hinüber.“ Er schlug die Tür zu und ging. „Gibt es Worte!“ rief die Schwester empört. „Wir sind hier im Lande der häßlichen Briefmarken“, sagte ich, vor Wut zitternd. „Paßt so viel Gemeinheit nicht wundervoll zur Schreibweise der Worte ‚Soße‘ und ‚Büro‘?“ Dabei stand der Laternenkerl schon wieder unter der Tür. „So,“ meinte er im Tone des Vorgesetzten, „drüben ist Platz“, und machte sich anheischig, nach meinem Gepäck zu greifen. „Zurück!“ schrie ich wie eine Wilde. „Dann zahlen Sie die erste Klasse nach“, sagte er erschrocken. „Nein, keinen Pfennig!“ schrie ich, denn mein Zorn kochte jetzt wie auf einem Schnellsieder. „Aber morgen“, schrie ich, „steht diese Geschichte in allen Blättern; es stehen mir alle Blätter,“ log ich schreiend, „alle Blätter Deutschlands stehen mir zu Gebote.“ Ich fand eine sehr dramatische Geste, und der Mann fuhr vor meinen Megärenaugen betreten zurück. „Ach was, meinetwegen bleiben Sie, wo Sie wollen“, sagte er. „Jawohl!“ schrie ich, und meine Börse öffnend, warf ich das ihm zugedachte Geldstück ostentativ wieder hinein. Dies imponierte ihm vollends. Er schlug zwar die Tür noch einmal zu (dies war seine Natur), jedoch blicken ließ er sich nicht mehr.

„Sind Sie Schauspielerin?“ fragte mich meine Gefährtin voll Bewunderung.

Aber ich sank erschöpft zurück.

Diese eine gröbliche Geschichte greife ich nur deshalb mit Vorliebe heraus, weil ich merkwürdigerweise nicht den Kürzeren dabei zog. Die anderen Geschichten erzähle ich nur auf speziellen Wunsch, weil ich mich zu sehr dabei aufrege. Und wer sie auch für erdichtet hielte, würde sie doch nie für übertrieben erklären. Wir fahren heute lieber auf dem längsten Seeweg nach England, lieber vierundzwanzig Stunden lang die ganze Küste entlang zu Schiff, um der möglichen Drangsal einer zehnstündigen Bahnfahrt zu entgehen; und wer all die Eventualitäten des Winter- und Sommerfahrplans auf der Strecke München-Ostende oder Vlissingen erprobte, der zieht es vor, sich allen Meeresstürmen und dem dichtesten Nebel auszusetzen und einen ganzen Tag und eine Nacht länger unterwegs zu sein. Daß die Schiffahrtsgesellschaften bei täglich wachsender Konkurrenz so emporblühen und ihre Bureaux (ich schreibe es so) in allen Städten aufschlagen und daß der Zulauf sich immer steigert, geschieht nicht nur, weil die Schiffe so prächtig geworden sind, sondern weil das Eisenbahnfahren mit jedem Jahr unerfreulicher und mühsamer wird und hier statt des Fortschritts eine immer größere Nachlässigkeit waltet. Nur die Preise sind gestiegen. Aber es ist, als führe man geschenkt. Die armen Ausflügler, die an Feiertagen zu ihren unzureichenden Zügen strömen, angebrüllt, zurück- und zurechtgewiesen werden, sind ein Kapitel für sich. Sich darüber zu beschweren, überlasse ich denen, welche noch den Mut besitzen, Sonntag über Land zu fahren und durch Lösung einer Fahrkarte das Recht auf anständige Behandlung einzubüßen. Natürlich gibt es viele Schaffner, die höflich und gefällig sind. Unwürdig ist nur die Tatsache, daß Wohl und Wehe des Reisenden von der Gemütsverfassung, der Laune und dem Naturell der Diensthabenden abhängig sind. Sinnen und Trachten unserer Generaldirektionen gehen dahin, möglichst große, umständliche, protzige und unnötige Bahnhöfe (die Bahnzüge sind ihnen egal!) zu errichten. Unnötig: Diese Behauptung ist mitnichten so unverständig, wie die Herren Bahninspektoren und Oberbauräte es möchten. Wenn sie notwendig sind, warum stehen sie nirgends in dem praktischen England? Warum stehen sie nicht in Paris? Warum bleiben sie in London auf ihre einfachste Form erhalten? Warum sind sie dort nur weite Hallen, die nur von einem ewigen Kommen und Gehen atmen – nur praktisch – nur zweckmäßig und trotzdem und gerade deshalb von einer starken, beschwingten Atmosphäre von klassischer Einfachheit, und deshalb schön.

Kürzlich mußte ich in Leipzig den Nachtzug nehmen. Der Bahnhof – der Stolz des Sachsenlandes – ist groß wie ein Marktflecken, und ich könnte mir so gut vorstellen, wie hier ein Massenkostümfest veranstaltet würde, nicht aus den besten Kreisen, aber üppig, mit großen Palmenarrangements. Ich bitte Sie, all die Treppen, das schöne Auf und Ab, wie geeignet! Nun – ich warte also auf Bahnsteig vier auf den Berliner Zug. Er lief verspätet in die großartige Halle ein, und war vollkommen überfüllt. Wir standen geduldig und übernächtig auf der Plattform wie ein Rudel Landstreicher, die zu warten haben, bis man sie abschiebt. Plötzlich, wie von hoher Brücke herab, der stolze Kommandoruf: Wagen werden keine angehängt! Es herrschte der gewöhnliche Kriegszustand. Ich wurde in einem Halbcoupé einem alten Sachsen zugesellt. Als nach einer Weile der Schaffner erschien und ich ihn fragte, ob denn nirgends Platz sei, schlug er die Tür zu, ohne mich einer Antwort zu würdigen. „Von dem erwarten Sie ja nichts!“ rief der alte Herr. „Das Subjekt kenne ich. Er war eine Zeitlang in meinem Geschäft angestellt, aber ich mußte ihn schleunigst entlassen.“

Es gelang uns mit vereinten Kräften, das Fenster zu öffnen, aber vor dem Ruß, der uns entgegenflog, zogen wir es alsbald wieder in die Höhe. Wir stellten die Heizung auf kalt, wobei es immer wärmer wurde. „Ich bin schon alt“, sagte er plötzlich, „und werde nicht mehr viel Eisenbahn fahren. Das ist aber auch das letzte, worum ich die Lebendigen beneiden werde.“

Nun – eine solche zehnstündige Fahrt, um die kein Toter mich beneidet hätte, lag unmittelbar hinter mir, als ich in Cuxhaven, unter einem flockigen Himmel, von Möwen umkreist, die hohe Brücke eines Dampfers bestieg. Der Kontrast zwischen dem Aufschwung unseres Schiffsbaus und der Rückständigkeit unserer Eisenbahnen hat etwas Überwältigendes; man ist auf den Eindruck nicht vorbereitet. Es ist ja nicht der Luxus, der uns erstaunt. Mein Gott, den findet man heute mehr oder minder in jedem Hotel, und er hat den Reiz der Neuheit schon so sehr verloren, daß ich mich fragte, ob er sich in der gegenwärtigen Form noch lange halten wird. Und da ich mir nun schon einmal das Kapitel der Anregungen gestatte: Wäre es nicht schön, den ganzen Aufwand neuen Bahnen zuzuleiten und einmal ein wirklich gutes Orchester und große Musik auf einem so würdigen Boden, wie den eines großen Dampfers zu lancieren? Das Meer ist eine unvergleichliche Konzerthalle!

Nicht die kostbare Ausstattung des Schiffes, sondern daß wir stimmungsvolle, lauschige Zimmer statt der engen Kabine beziehen, sondern daß wir einen Kilometer zurückgelegt haben, wenn wir dreimal das Deck umgehen, der Luxus des Raums, das ist es, was uns hier ergreift. Jeder Fußbreit mehr, der sich hier dem Element widersetzt, das ist es, was imponiert! Drinnen im Binnenlande begreift man nicht recht, bevor man es erfuhr, warum ein Schiff so groß sein soll. Erst wenn man darauf hinzog, versteht man den Sinn dieser großen, immer größeren Häuser, in welchen man des Schiffes immerzu vergißt. Wir ahnen nicht vorher, mit welcher Rührung wir uns besinnen werden, wenn uns in mitternächtlicher Stille ein dumpfes, kaum wahrnehmbares, wie unterirdisch wachsames Treiben die Augen aufschlagen läßt, und ein Ruck, ein sanft harmonisches Rauschen uns daran erinnert, daß nicht Straßen noch Plätze, nicht Gras noch Baum vor dem Fenster im Winde stehen, sondern das nasse, leere Feld des furchtbaren, feindseligen Gottes, auf welchem dies ungeheure, beladene Schiff zur winzigen Nußschale schwindet. Aber eine Nußschale, die uns das Gefühl höchster Geborgenheit mitzuteilen weiß, und an welcher Menschenhände so lange und so kundig bildeten, bis sie, allen Stürmen gewachsen, endlich den Begriff des Schiffes selber überwand. So ist hier der Zauber aus dem Kontrast von Größe und Kleinheit gewoben, und mit innerem Jubel kreisen wir immer wieder um das weite Deck dieser schwimmenden Arche, des Spiels nicht müde, so groß ist die Romantik dieser kleinen, armseligen, rastlos dahingemähten, dieser so kühnen, prometheischen Menschheit, und so stark sind hier die Perspektiven, daß wir plötzlich, wie selbst aus ihr hinausgerückt, von Bewunderung hingerissen vor ihr stehen.

Da wir von Perspektive und von Romantik sprechen, treten wir doch bitte einen Schritt zurück, kneifen wir ein Auge zu, und sehen wir ins Leere, in die Ferne; dorthin, wo sich über den Fluß die massive Brücke schwingt. Denn nicht lange, und der Schnellzug saust plötzlich darüberhin, aus dem Hals der Lokomotive windet sich ein brauner Rauch zur krausen Barocksäule empor, und die locker aneinandergeschmiedeten Wagen rollen fröhlich mit lautem, schnell verhallendem Geräusch und wie ein gefährliches Spielzeug vorbei. Ein kurzer Pfiff, wie ein Angstschrei, und nichts ist mehr, als die schwarze Wölbung eines Tunnels, durch die sie geradewegs ins Innere des Felsens drangen. Und nun meine Zeitgenossen, bitte ich Sie: Ist die Ritterburg, deren efeuumrankter Turm vom Berge niederschaut, suggestiver? Kann sie unserer Phantasie die Seele eines Zeitalters mächtiger, unmittelbarer entgegenhalten, wie der soeben vorübergerauschte Zug, dessen Fenster wir einen Augenblick in der Sonne flimmern sahen? Fühlen wir uns da nicht blitzschnell den vielfachen Existenzen ein, die er dahinträgt, reißt er da nicht unsere Teilnahme zu Schemen des Lebens hin, vertraut und unbekannt – verklungen schon, wie angesichts des verwitterten Burgtores das Bild des Jagdtrosses, der über die Zugbrücke lärmte; melancholischer auch in der zerrinnenden Vielfältigkeit seiner steigenden und fallenden Linien. Denn wie Lose in einer Urne sind unsere Leben in jener kleinen Eisenbahn zusammengeworfen. Wieviel vergrämte, bekümmerte und schwere Herzen trug sie nicht schon dahin! Wieviel Verliebte starrten schon durch ihre Scheiben in die fliehende Gegend hinaus und erfaßten mit magischer Schärfe den Baum, den zuckenden Steg, Dörflein und Wald, während sie doch nur das Bild der Kreatur, an die sie dachten, vor Augen hatten! Verträumte Flammen des Hoffens, der Illusion, von der Bewegung gefächelt, wie Blumen, die im Zephir stehen. Es ist eine Zeit, es ist ihr bewegter, ruheloser Schild, der nachts als funkelnde Schlange mit runden, feurigen Drachenaugen seinen Weg erkannt und viel Romantik in sich verdichtet. Und es ist, als sei nichts klein, als sei alles interessant an den Wesen und ihren Schicksalen, solange die Bahn sie hinträgt und gleichsam dem Alltag entreißt. Nur daß sie noch nicht, wie die viel besungene Burg, ihren Dichter gefunden hat, die eilige Besiegerin der Fernen, die, rastlos, immer auf der Flucht, unsere Epoche gestaltet, deren Schienen unsere Welt aufackerten und uns erst zu eigen machten.

Und ein Ding, so verlockend anzusehen, unterhält so wüste Möglichkeiten; einer so glorreichen Erfindung sollte jener Fortschritt verwehrt bleiben, der sich heute auf allen Gebieten des äußeren Lebens – von dem fabelhaften Aufschwung unseres Schiffahrtwesens nicht zu reden – so glücklich geltend macht. Man fährt schon in Rußland und auf der transsibirischen Eisenbahn sehr angenehm – es ist also möglich. Warum sollten wir hier nicht auch wie in so vielem Vorbildliches stellen? Wie schön, welche Freude wären die Eisenbahnwagen, die einmal ein Künstler wie Adolf Hildebrand entwarf. – Wo sind sie?

„Aber“, sagte mir kopfschüttelnd, mit erhobenem Finger, ein mehrfacher Aufsichtsrat, „sehen Sie denn nicht ein, daß die kolossalen Anstrengungen, welche von seiten der Schiffsagenturen zur Hebung desselben geschehen sind, absolut notwendig waren, um das Verkehrsmittel überhaupt in Schwung zu bringen, und daß es ohne die rücksichtsvolle Behandlung der Passagiere, welche Sie so sehr rühmen, niemals florieren könnte, während unsere Eisenbahnen – ob nun etwas für sie geschieht oder nicht, und mögen sie noch so rückständig bleiben, ja noch unerträglicher werden – einen stets wachsenden Zudrang erfahren werden, da es kein anderes großes Verkehrsmittel gibt – es sei denn das Auto oder der Luxuszug, der ja auch“, schloß er zutreffend und mit einem süffisanten Lächeln, „mehr oder minder nur für Autobesitzer (er war selbst einer) in Betracht kommt.“

Nun möchte ich nur, wiewohl vergebens, unsere Herren Eisenbahnminister fragen, ob dies ein anständiges Argument war.

Donaueschingen im Sommer 1923

I

Ich glaubte es meinem Interesse für die Musik schuldig zu sein, daß ich nach Donaueschingen fuhr. Die Hitze war mörderisch, die Züge so überfüllt, wie sie nur hart vor einer Tariferhöhung zu sein pflegten. Der Rauch billiger Zigarren mischte sich in den herrschenden Dunst. Tief verdrossen saß ich in der Dichterklasse. Wo sonst? Zum Lesen war es zu dunkel in der einbrechenden Nacht, die Beleuchtung spärlich wie für Sträflinge, und alles winterlich trübe bis auf die Hitze.

In Titisee wurde die Tür aufgerissen, und es quetschten sich noch zwei junge Leute herein: der eine war blaß und mickerig: erster Handlungsgehilfe, letzter Bankbeamter, man wußte nicht recht. Auch beim andern nicht, dessen hübsches, rundes und zierliches Gesicht bunt war wie eine Forelle.

„Sie Lümmel!“ sagte er plötzlich zu dem bläßlichen Handlungsgehilfen oder Schaltervolontär. „Sie Lümmel! So ein Lümmel!“ Man horchte auf. Denn welch ein überraschender Wohlklang, welch bezauberndes Organ! War er wenigstens ein kommender Bühnenstar, wartete seiner wenigstens ein Ruf aus der Großstadt? Er sprach das reizendste und geschmeidigste Deutsch, aber so blitzschnell, daß vieles, was er sagte, im Geräusch des Wagens und des Gelächters unterging. Wir vernahmen jetzt etwas von einem Onkel, der dem „Lümmel“ einen Dollar schenkte, worauf vier Kellner ausgesandt wurden, um nach den Kursen zu schauen. Hitze, Rauch, billige Zigarren, alles war vergessen: wir saßen im Parkett. Chaplin war nicht anmutiger. Donaueschingen kam nur zu bald. Die anderen lachten vielleicht noch bis Mainz, den ganzen Rhein entlang. Wohin fuhr der junge Mann? Was war er? Vielleicht verkaufte er Handschuhe und Krawatten die Woche über. Seine übersensible Lustigkeit rührte geradezu. Ein Künstler unleugbar, aber der arme Kerl ahnte es vielleicht nicht. Die Laufbahn kam wohl nicht in Frage für ihn. Ja, ja, ein neuer Typ!

Ich dachte noch an ihn, als ich auf dem Bahnhof stand. Donaueschingen lag in tiefster Schwärze. Die drei Personen, die sich eingefunden hatten, mich abzuholen, versicherten mir alle zugleich, sie seien drauf und dran gewesen, im Hotel ein Zimmer für mich zu finden. So war es auch mit jener Dame, die immer so lange Geschichten erzählte, deren Pointe immer war, daß sie fast ertrunken, eigentlich nur durch ein Wunder nicht abgestürzt, bei zweiundvierzig Grad Fieber um ein Haar gestorben wäre usw. Kurz gesagt: das Wort „Privatquartier“ schlug jetzt an mein Ohr, und ich mußte nehmen, was sich mir bot, oder die Krönungsmesse des schon nahenden Morgens versäumen. Um neun Uhr früh, bequem an einen Pfeiler lehnend, freute ich mich zum erstenmal, daß ich gekommen war. Ein feines Städtchen dieses Donaueschingen. Die Solisten sangen so schön und stilvoll, daß ich schon Berühmtheiten in ihnen vermutete, statt dessen waren es Einheimische, deren Namen niemand kannte.

Von der Kirche weg ging alles im Oberammergauer Passionsschritt auf eine stimmungslose Turnhalle zu, in welcher die Konzerte abgehalten wurden. Die des ersten Tages habe ich vergessen. Was den Durchschnitt der Aufführungen überragte, überragte ihn so bestimmt, daß die Besprechungen vermutlich recht gleichförmig ausgefallen sind. So wird jeder Kritiker Hába hervorgehoben haben, aber nicht die überraschende Sinnfälligkeit seines Quartetts im Vierteltonsystem. Durch seine innere Notwendigkeit leuchtete es ebensosehr wie durch seine meisterliche Kürze ein. Denn keine Musik verträgt Längen schlechter als die neue. Wohl haben wir die der nachwagnerischen Programmusik noch voll im Gedächtnis. Aber bei ihnen konnte man einschlafen, seine eigenen Gedanken spinnen. Wir kennen die Klippe der tonalen Kompositionen; die der atonalen heißt Katzenmusik. Mit halbem Hinhören wird man sie nicht los. Mit Snobismen führe hier die ganze Hölle auf. Zwar keimen sie bereits, jedoch – gottlob! – sie wucherten noch nicht. Die Atmosphäre Donaueschingens war noch sehr sympathisch. Der Dollarstand war fern, von Nationalismen keine Rede. Es drehte sich wirklich alles nur um die Sache. Diese Jugend, ganz sich selbst überlassen, war ganz sich selbst. Viel eher schien sie sich der kontemplativen Landschaft anzupassen, so daß ein fast zeitloses Stimmungsbild entstand. Einem jungen Belgier wurde zugejubelt, als gäbe es nur eine Kameradschaft auf der Welt, und als Sieger des musikalischen Turniers ging der Tscheche Hába und der Spanier Jarnach hervor.

II

Ich suchte, außer um mich umzuziehen, tagsüber mein „Privatquartier“ nicht auf. Im „Lamm“ war ein leerer Saal. Dort saß ich am zweiten Nachmittag, als aus einem Nebenraum Musik ertönte. Alt oder neu? Beides, oder weder dies noch das, aber so reich, so ergreifend, daß ich zur Tür ging und sie öffnete: um ein Pianino saß eine kleine Schar, und man probte die Oper eines Komponisten, dessen Namen ich zum ersten Male hörte: Rudi Stephan. Im Kriege gefallen. Natürlich.