III
Ich wohnte zur ebenen Erde in einem großen Saal. Die Wände, die vielen Stühle, das Riesensofa, das weite Himmelbett in gelbem Damast ausgeschlagen, sie und die venezianischen Spiegel waren reinstes achtzehntes Jahrhundert, wie ein Bild von Ghislandi. Nur das schwervergitterte, übrigens einzige Fenster, merkwürdig zur Seite hinausgerückt, fast in die Ecke gedrängt, entstammte einer früheren Zeit. Die eine Tür ging auf die Halle hinaus, die andere in ein kleines Kabinett, als Ankleideraum gedacht, der rechts an das Badezimmer, links wiederum an eine winzige Türe stieß, von welcher unmittelbar eine geheime Treppe in vielen Windungen zu den oberen Stockwerken führte. Man sieht: ein getrenntes Appartement, und nur durch das saalartige Schlafzimmer so groß. – Zwischen den thronartigen Sesseln ragte der prachtvolle Kamin, dessen Feuer mich entzückte. Es war November und regnete immerzu. Doch herrschte keine Kälte. Ja, eine Schlange ringelte gleich den Parkweg heran, als ihn die Sonne eines Morgens beschien.
Schnell aber füllte Dämmerung den Saal. Der gelbe Damast, von unnachahmlichem Gelb, an manchen Stellen zerschlissen, war er doch so kostbar wie alt, und der Baldachin mit seinen schweren, etwas zerfransten silbernen Troddeln, sowie das Bett, die Stühle, die Spiegel schienen dann alle auf Menschen und auf Dinge zu warten, sie, für welche Menschen und Dinge doch so Vergangenes und Abgelegtes waren. „Es geisterte hier“, hörte ich flüstern. Mir aber brauchte man solches weder zu verheimlichen noch zu verraten. Ich sehe es einem Zimmer sofort an, auch wenn Morgenlicht es verklärt und Vögel vor dem Fenster trillern, ob es wacht oder schläft in der Spanne zwischen Nacht und Tag. Denn nie verscheucht die Sonne seine Wolken, seine Schatten ganz, und immer bleibt ein solches Zimmer ernst.
Rita hieß die Schwester des Herzogs; sie schien aus einem Raume nicht zu gehen, sondern leis und leidenschaftlich zu entschwinden.
Man ging früh zur Ruh’ in diesem Hause. Aber sie pflegte noch zu mir hereinzukommen und die zurechtgelegten Reisigbündel und die Pinienzapfen anzustecken. Dann rasten die Flammen, und wir plauderten. Mir bedeutete die Zeit, die sie verweilte, eine Frist, denn die Nacht, kaum angebrochen, war noch lang und das Lächeln, mit dem ich sie endlich an der Schwelle verabschiedete, durfte so verzerrt sein als es wollte, reichte doch der Glanz der Kerzen kaum über den Tisch, und eine andere Beleuchtung gab es in der Villa nicht. Weit stärker war der Schein des Feuers, das hin und wieder zusammensank, dann aber, wenn neue Scheite in Brand gerieten, den Stühlen ihre gelbe Sonnenfarbe wiedergab.
Ich hatte die Türe hinter Rita noch nicht geschlossen und mich dem Saale noch nicht zugewandt, da fühlte ich schon sein Dunkel ganz ungeteilt im vollen Braus, wie ein Orchester, das nur auf das Zeichen wartet.
Eine Stunde oder mehr starrte ich ins Feuer, bis die kleine Tür zu der geheimen Treppe allzu knisternd erbebte, in ihrem Drange sich zu öffnen. Ich ging auf sie zu, sie versank in Stille, ich trat zurück, von neuem atmete ihr Griff. – Dem Feuer abgewandt, behielt ich sie jetzt im Auge. Sie endlich fröstelnd selber öffnend, steckte ich die Kerzen vor dem Spiegel an und machte mich langsam bereit, das hohe Baldachinbett zu besteigen, das belagerte! Nur von einem kleinen Teil desselben war die damastene Decke zurückgeschlagen; links fast in Armeslänge die Wand, die rechte Schulter aber dem Sturme ausgesetzt und unbeschirmt inmitten der gesteigerten, immer mehr sich verstrickenden Luft. Trauer wogte und trieb heran. So werden lachlustige, lachbegierige, stets nach einem Anlaß zu Gelächter dürstende Lippen in sich zusammensinken, einfallen in Ernst und Bitterkeit, wenn ein noch so ferner Reflex von einer Welt sie trifft, die kein Lachen zu kennen scheint. Und der Gedanke an sie kann sich hinstürzen über uns, gegen uns ausgestrahlt, uns ganz zu seinem Brennpunkt nehmen und besitzen.
Rita pflegte die Stühle wie für Besuche um den brennenden Kamin zu stellen; sie maß ihn vom Baldachin aus, der Zwischenräume halber, die zu belassen waren, auf daß ich das Spiel der Flammen frei genoß. Hochaufgerichtet starrte ich sie an. Ein Nichts, der Bruchteil eines Nichts, und ich würde sie erblicken die Gestalten, die, so schien mir, in den alten, den wohlbekannten Stühlen saßen, dem Feuer zugekehrt, oder vielleicht mir, die so hinstarrte zu ihnen. Jetzt – jetzt – was vermaß ich mich so auszuschauen? Und fühlte ich nicht schon allzu deutlich den Saal ins Grenzenlose schleifen, und dieses ungeheuere Bett? – Was fehlte noch, daß ich die Griffe faßte, die so geisterhaft auf meiner rechten Schulter lasteten, und daß meine Finger die Schleier befühlten, die an meinem Nacken sich verankerten, Schatten, von allen Seiten auf mich zugewallt. Bis ich aufsprang und die Sessel am Kamin aus dem Gesichtskreis rückte. Aber all die anderen, längs der Wand angereiht, lebten sie minder auf? Was ließ mich zuletzt die Pfosten des Baldachins umschlingen, meiner blinden Zeugenschaft ganz hingegeben, ihr immer mehr entgegengleitend –
O schattenschwere Novembernächte!
Wohl konnte es sein, daß sich da sachte die Türe öffnete und, ihre Kerze vorantragend, Cassilda schüchtern hereinsah: nächtlichen Haares im langen Nachtgewand, fast rätselhaft in ihrer Anmut, schwang sie sich auf das goldene Bett. Es war ihr Eigentum wie dieses ganze Haus.
„Wie schlecht man schläft in meiner Villa!“ seufzte sie und sprach über ihr Leben. Und ich hörte zu.
Jedoch der Übergang zu ihr schien mir beschwerlicher als sonst; und lebendiger freilich, doch scheinhafter auch dünkte sie mir; und wesenhafter jene Schatten als wir beide, der Weg zu ihnen der direktere, wenn auch ungangbar; und unsere Gemeinschaft wie unser Zusammensein, ob es auch alle Saturnalien des Todes in Nichts zerstreute, war ephemer; Cassildas Nähe war illusorisch. Denn unübersteiglich dumpf und trennend war die Welt der Körper. Die ganze Kälte und Abgetrenntheit, der sich jedes einzelne Wesen überantwortet sieht, ging mir auf, während Cassilda sich schläfrig redete und dann vom Bett herunterstieg, um ihr eigenes Zimmer wieder aufzusuchen.
Nacht für Nacht verging in dieser Weise: erst der ausgedehnte Abend mit Rita, welche die Scheite und Pinienzapfen entfachte, unser Abschied an der Tür, sodann das lange Gegenüber, das schweigsame Duell bis zu den Morgenstunden, der schwere Schlaf bis in den Vormittag. Zuweilen das Auftreten der ruhelosen Cassilda, unsere Gespräche unter dem Baldachin, bis sie den Fuß zu Boden setzte und mich verließ. Ich merkte die Kurve jener Nächte nicht sogleich, noch das verminderte Grauen, mit welchem ich mich dem Saale zurückwandte, wenn Rita entschwand, noch daß mein streitsüchtiger Arm erstarkte. Sondern wie ein Stoß traf mich die aufgekeimte Sympathie. – Es war nicht nur die Müdigkeit, welche das Auge immer erloschener in den Tag hineinsehen ließ, den ohnehin so trüben Novembertag. Sondern sie hatten auch ihren sehr vernehmlichen Lockruf, diese Nächte, und ihre gefährliche Lust. Wie löste sie den blinden Drang, nur ja zu leben, nur ja nicht zu sterben, wesensverschieden von den Gestorbenen zu sein! Und nun – statt des Sturmes und der Furcht – orphische Schwingungen herüber und hin. – Aber plötzlich, war es Ungeduld, Widerwille oder Scheu? – zerriß ich alle Fäden, die fein wie Spinnweben nach mir zogen, und von einer Stunde zur anderen war ich entschlossen, diesem Hause zu entfliehen. Um Mittag stand mein Koffer bereit, triumphierend hatte ich ihn abgeschlossen; da ereignete sich ein Zwischenfall, der mich noch für eine letzte Nacht in diesem Zimmer zurückhielt und zugleich meinem Aufenthalt in der „Italia liberata“ einen unerwarteten Abschluß verlieh.