Kunstwerk der Zukunft.
28. APRIL. Heute früh bin ich in einer Messe gewesen. Aber welche Messe! In einem sehr alten, dem See gegenüberliegenden und köstlichen Bau: Traumhafte Fresken, das übrige mit roten, langverjährten, rosagewordenen Damasten ausgeschlagen. So gut wie leer. Die Schellen, die der Ministrant in Bewegung setzt, erklingen abgetönt und sind gewiß aus Silber, Weihrauchwolken steigen vom Altar. Dunkel — nein nicht dunkel, von einer lichten Penombra wie eine bedeckte Vollmondnacht, ohne Orgel und Gesang, und dennoch brausend, unendlich groß, ja wie zum Firmament — (wie wurde mir?) weitete sich das stille und verlassene Haus und schwamm im All.
Endlich wieder eine schöne Kirche. Die in Bern hatte ich aufgeben müssen, denn so war die Messe wirklich nicht gemeint. Als ich aber jetzt durch die schwerbehangene Türe ins Freie trat, auf den noch leeren Platz und den besonnten Strand, wo die Platanen ihre eben erschlossenen Kronen so bräutlich dem Licht entgegenhielten, da schien dies alles, diese Natur mit den dekorativ vor und wieder zurücktretenden Wänden ihrer Berge und das gekräuselte, wie in sich selbst verliebt hinziehende Gewässer, selbst der Himmel, der darüber hing, schien nicht so weit wie der eben verlassene, leicht zu umspannende Bau mit den damastenen Wänden von verblaßtem Rot.
2. MAI. Die Pforte, die ins Weglose führt, wurde bisher nur im Vorübergehen angekreidet. Ziemt es sich doch nicht, es zu beschreiten. —
Diejenigen aber, welche solange über die Schiffbarmachung der Luft gegrübelt haben, sind nicht dieselben, welche sich auf Äroplane schwingen, sondern viele Jahrhunderte werfen ihre wilde Brandung zwischen sie. Und doch, und doch . . .
Wie in der nunmehr erkrankten Luft die Menschheit eine infizierte oder jedenfalls, auch ohne es zu merken, eine affizierte ist, wie vielleicht ein Pesthauch so allmählich unseren Planeten umschichtet, daß wir es nicht gewahrten, ebenso glaube ich, daß bei vielen unter uns der innere Sinn dem lautlos tumultarischen drängen und wogen (wo gäbe es Worte?) der so zahllos und so jäh entströmten Leben zugewandter ist, als sie es wissen. Da sind Akzente, da sind Lockrufe, die noch nicht ergingen . . . Da treiben wehe Schwingungen der Wonne von unaussprechlicher Pein, da greifen Klänge ans Herz, zerspringen und ermatten wieder, ohne zu ertönen, und da sind uns Zaubertränke hingehalten, als hätten wir geistige Lippen, sie zu genießen . . .
Es war nicht mehr Nacht, aber der Tag dämmerte noch nicht. Ich schlief nicht mehr und war noch nicht wach. Eine Gestalt, höchst eindrücklich in ihrer Schattenhaftigkeit, erfüllte die Atmosphäre bis an den Rand, als müsse diese wie ein zu voller Becher überfließen, das Zimmer sprengen oder sich entflammen. Und schon war das Unnennbare ungegenwärtig, und es wäre lächerlich unzureichend, wenn ich sagte, es hätte sich entfernt, so ganz außer jeder Beziehung stand es zu Zeit und Raum.
Was aber war inzwischen nochmals vor mir aufgeschimmert? Locken? — von einer Gelocktheit, die es nicht gab, von einer goldenen Blondheit, die nicht vorkommt, ein Licht, das ich nicht kannte, schärfer, und dabei nicht so grell wie das des Tages. Geisterhaft? Aber es war ja von einer schärferen, wärmeren, pulsierenderen Lebendigkeit gewesen, als wir sie kennen. Wir sind nicht lebendig genug, dachte ich bestürzt, und schlug die Augen auf. Draußen hatte sich ein Wind erhoben. Die Fenster sahen auf den Garten; der Himmel ganz blaß, aber im vollen Staat. Kleine Wolken als Vorreiter ausgesandt. Die Bahn war frei, die Vögel vollzählig, Brust heraus, in Positur und einzustimmen bereit. Höchste Spannung in den Bäumen: kommt sie schon? Blumengeflüster: ist sie schon da? — Es war alles wie am ersten Tag.
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3. MAI. Sicher haben die Menschen ihr Hofzeremoniell dem Sonnenaufgang abgelauscht. An sich gewiß eine hübsche Idee. Mit acht Jahren war ich im Kloster Page der schönen Gelmini, die an Epiphania mit dem Beinamen die Gerechte zur Königin ausgerufen wurde. Meine Haare wurden Tage hindurch im Hinblick der zu drehenden Locken mit gezuckertem Wasser gedrillt. Dem Hofnarren fielen sie aus der Schellenkappe tief ins Gesicht. Denn gelockt standen wir alle am Tage unseres Umzugs. Gelmini wurde zweimal gewählt und starb das Jahr darauf. Wie groß war mein Staunen, als ich später erfuhr, eine erwiesene Larve könne ihr Lebtag lang unter Zimbeln und Trompeten als „Majestät“ aufziehen. Und welches Gelächter erntete meine Entrüstung! Aber wie oft hat der verspottete recht! Jede Epoche hat ihren wahren Fürstenkonzern. Wir verkannten dies ganz: darum sind heute unsere goldenen Kutschen remisiert. Großherzogliche Hoflieferanten, Palast- und Schlüsseldamen, wo seid ihr? Terror der Wiener Komtessen, wo bist du? Kurz, kurz ist’s her.
Abends im Kursaal bei Musik geschrieben. A. H. Pax will in der „Friedenswarte“ eine tongetreue Übersetzung meines Protestes bringen, und da er zugleich einen Beitrag für das Maiheft wünscht, setze ich meinen Apparat in Bewegung. Es ist, als träten ungeheure Wasserwerke in Kraft, um einen Fingerhut voll zu kredenzen. Stirnrunzelnd sitze ich inmitten des Hin und Her von Eisschokolade und Tangotänzen, um einige Sätze über die elsässische Frage zu formulieren. Ich begann mit ein paar Anspielungen und zitierte mich aus einem Essay, den ich über die Markgräfin von Bayreuth geschrieben hatte: der Frau fehle es zwar nicht an literarischer Begabung, wohl aber an literarischer Perspektive, und für die Realität des geschriebenen Wortes wohne ihr auch nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl inne wie dem Mann. Heute sei hinzuzufügen, fuhr ich fort, ihr Interesse und ihr Verständnis für Presse- und Parteiwesen sei in der Regel gering, und auf jene allerletzten Endes so gedankenlose Parole: right or wrong my country, wäre die Frau nicht verfallen.
So wird sie denn, erzählte ich von ihr, und meinte mich, nur wenig von bisheriger Politik verstehen, dafür um so mehr von der kommenden. Denn es ist ganz gewiß falsch, zu behaupten, man dürfe Politik nicht mit dem Gefühl treiben. Wie veraltet die ohne Gefühl betriebene sogenannte Realpolitik im Grunde schon war, hätten die zuletzt auf dem Plan erschienenen jugoslawischen Völker sehr wohl erkannt, als sie einst jenen brüderlichen Balkanbund zu gründen beschlossen, welcher dann am Widerstand der europäischen Kabinette gescheitert war.
Es läge auch ein vollkommen richtiger Instinkt einer Versinnbildlichung der Nationen durch überlebensgroße Menschengestalten zugrunde: Marianne, John Bull, Michel, Onkel Sam . . . Von hieraus zieht sich deutlich ein Weg zur Einsicht, daß den Beziehungen zwischen hochstehenden Völkern genau dieselben Grundsätze unterliegen sollten wie zwischen hochstehenden Menschen. Statt sich zu überlisten und brutal zu übervorteilen, suchen sich diese im Gegenteil an Schonung, Großmut und Rücksicht gegenseitig zu überbieten. Der Wetteifer um den Rücksitz hat als Ergebnis, daß man sich darin teilt; statt einander zu berauben, hilft man einander aus. Man gesteht sein Unrecht und wird vernommen, statt verdammt. Wäre somit eine solche Politik nicht auch die praktischere?
Ich hätte mir vorstellen können, fuhr ich fort, daß auf einer solchen Grundlage hin ein Dialog zustande gekommen wäre zwischen Michel und der unversöhnlich von ihm abgewandten Marianne. Ich könnte mir wahrhaftigen Gottes vorstellen, daß er — nach Art der Liebhaber — zu ihren Füßen hingerissen, die elsässische Frage vor ihr zur Sprache brächte; ich könnte mir vorstellen, daß im Laufe dieses Dialogs endlich ein Wendepunkt sich ergäbe, von wo ab beteuert würde, was verneint worden war . . . und in dieser Tonart lange hin und wieder so beharrlich, bis die wunde Frage sich zwischen ihnen isolierte, auf einen höheren Plan gehoben, langsam über ihren Häuptern wie eine Morgengabe schillerte.
Aber den Realpolitikern dünkte die andere Alternative, der wir heute zusehen müssen, die gerissenere. Spätere Europäer werden sich freilich an den Kopf greifen; dann aber wird vermutlich das andere Schlagwort aufkommen vom Antagonismus der weißen und der gelben Rasse; und dann wird sich der Himmel verfinstern von den neuen Schrecknissen; und dann erst werden die Überlebenden nicht mehr bestreiten, daß die europäische Psyche durch Assimilierung der asiatischen die endliche Bereicherung, ja ihre letzte Vollendung erführe.
Nicht allein, daß die grauenvollen Erfahrungen, die geopferten Generationen, die vergeudeten Jahrzehnte, Jahrhunderte notwendig sind, um diese Welt zu Anschauungen zu bekehren, welche sich der einfachen Nachdenklichkeit aufdrängen, sondern all diese Kriege, und die gewesenen sind nur Vorstufen zu einem letzten Kampf, dessen Stunde zugleich mit der Stunde der Vergeltung schlagen wird für jene Elemente, welche von jeher die schlechte Sache in der Welt betrieben oder die gute verdorben haben. Die Leute also, schloß ich meinen Aufsatz, welche auf den ewigen Krieg schwören, mögen zufrieden mit mir sein; denn bevor jene Elemente (und es sind stets überall dieselben) nicht gekennzeichnet und untergeordnet werden, glaube auch ich an keinen dauernden Frieden.
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Um mich von der Anstrengung zu erholen, setzte ich zehn Franken und gewann zwei. Plötzlich taucht der Kriegsgewinnler vor mir auf und fragt, ob er mich nach Hause begleiten dürfe. Es war sehr spät, ja, er dürfe. Er begleitet mich also, ich aber leuchte ihm heim. Und siehe da, in dieser nächtlichen Weile scheinen ihm sehr andere Bilder vorzuschweben als die, mit welchen er noch gestern renommierte. „Es geht uns ja so lausedreckig,“ jammerte er, „warum verfolgt ihr das in den Brunnen gefallene Kind?“ „Also so steht es“, rief ich. Mein fertiger Aufsatz stimmte mich frech. „So steht es, und ihr blufft weiter mit Schwertfrieden und Grenzverbesserungen in Tod und Ruin hinein. Ich sehe schon, was für Argumente ihr schmiedet, falls es schief ausgeht mit eurem Verbrechen!“ Es läßt sich gar nicht sagen, wie weinerlich, wie persönlich gutmütig dieser eingepeitschte Alldeutsche sich herausstellte; wahrscheinlich der beste Gatte und Vater dabei, ein gewissenhafter Arbeitgeber vielleicht.
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Melide. Fortunio hat drei Elsässer getroffen. Im Schein der Windlichter schlage ich ihm die Karten, er dagegen liest mir aus der Hand. Die Edeljüdin hat ein rotes Tuch umgeschlagen, und wir sind vergnügt. Doch oh, die Nachtigall, die wir am Heimweg schlagen hören. Mein Herz hing sich an sie und drang in den Busch zu ihr. Ich hätte mich so gern nicht mehr von der Stelle gerührt.
Der Himmel blieb die ganze Zeit über so blau, daß sich die Wolken in meinem Gemüt angesichts soviel Sonne nicht behaupten konnten. Der erste bedeckte Tag war auch der unserer Abfahrt. Ich nahm den Frühzug mit Paxens und steckte meine Post gerade noch zu mir. Fürs erste galten dann meine Blicke nur dem schwindenden See und den schnell sich verstellenden Bergen.
In Bellinzona trennten wir uns. A. H. Pax wünschte die Mitarbeit der Gräfin Reventlow, und ich sollte sie zu ernsterer Arbeit ermuntern. Es stellte sich aber heraus, daß nur 40 Minuten in Locarno blieben, so depeschierte ich ihr auf gut Glück und fuhr dann durch das breite, lange Tal zum Lago Maggiore. Sie stand am Bahnhof. Wir erkannten einander, ohne uns je gesehen zu haben, und gingen mit einer Art von kalter Vertraulichkeit hinab zum See. Ihr Zynismus kannte keine Grenzen, doch immer alles mit Grazie. Vom Schreiben wollte sie nichts mehr wissen und hatte eine Übersetzung unternommen. Bei jeder Seite freue ich mich, daß ich das nicht selber geschrieben habe, sagte sie. Ich drängte sie zu größerem Fleiß, ohne Anklang zu finden. „Mein Ideal wäre die Leitung eines großen Hotels“, versicherte sie. Ihre Augen waren wunderschön. Ich sprach von ihren Schriften, und daß keine Bücher dieses leichten Kalibers mit ähnlicher Qualität geschrieben worden seien, so blaß, so spöttisch, so geistreich. Aber sie schüttelte den Kopf: es sei zu schwer.
Wir gingen in der Mittagsschwüle den bergigen Weg zur Station zurück. Einige Wochen später sollte sie in Konstanz ihrem Sohn zur Desertion verhelfen. Heute amüsiert sie die Geisterwelt mit ihrem Witz. Schreiben werden wir beide kein zweites Mal.
Ich hatte gerade Zeit, in den Zug zu springen: er bewegte sich schon, wir riefen uns noch einmal auf Wiedersehen zu, bevor wir einander für immer aus den Augen verloren. — Zu lesen hatte ich gar nichts mehr, mit Ausnahme einer französischen Zeitung, die unter meiner Post gewesen war. Sie enthielt auf der zweiten Seite einen Angriff gegen mich: Erbitterte Zeilen mit dem deutlichen Wunsch, mich zu verletzen. Fürwahr, dachte ich, das ist wirklich zu unverdient. Aber der Verfasser täuscht sich: es ist mir egal.
Ich legte die Zeitung weg und sah in die Gegend hinaus. Merkwürdig durchdrang mich da ganz und gar die Weite des Tals. Wie ein prächtiger Festsaal der Natur, gemeint, als sei er auch bei Nacht zu erglänzen. Als fehlten nur die Riesenkandelaber an den gleichmäßigen und feierlichen Wänden der Berge.
Die Lokalbahn hatte Anschluß an den zweiten Zug, der von Lugano kam. Er war schon eingelaufen. Fortunio und der Redakteur der Humanité standen auf dem Perron. Ich reichte ihnen das Blatt, das mir unter Kreuzband zugeschickt worden war, und wollte etwas dazu bemerken, es stellte sich jedoch heraus, daß meine Stimme zwischen Locarno und Bellinzona hängengeblieben war. Hatte die Luft sich abgekühlt? Wie Fanfaren drang das Blau durch die dunstigen Wolken. Dicht vor dem Platz am Fenster, den Fortunio mir gesichert hatte, zogen jetzt die grauen Riesenwände des Gotthard vorüber, durchstrichen von zahllosen Wildbächen, die aus ihren unversiegbaren Gründen senkrecht im hellen Jubel herabschossen. Es war ein Hals über Kopf sich überstürzendes Geglitzer. Ich behielt sie im Auge, diese Flüsse, einen nach dem andern, und zählte sie. Wie eine Rettung war’s, als die table d’hôte ausgerufen wurde und alles in den Speisewagen ging, Fortunio ganz besonders und der Redakteur. Der Wunsch, allein zu bleiben, brannte wie ein Durst. Welchen Auges mag der Hirsch das Laub, das sein Geweih vom Aste schlägt, das Tal, die Tiefe einbegreifen, bevor er sich getroffen weiß? Wir wissen nicht, wie seine Welt da vor ihm aufleuchtet. — Was für ein selbstherrliches Ding ist doch das Herz! Du rufst ihm zu, und es vernimmt kein Wort, als gehörte es sich selber und nicht dir.
Verstrickte und sich selbst widerstreitende Liebesgefühle haben ihre eigentümlichen Reflexbewegungen wie Zerreißungen und Wunden. Ich hatte mich getäuscht: der Angriff in der französischen Zeitung war mir nicht egal. Und wie aber hätte die Erbitterung zwischen den Zeilen mich nicht bewegt? Zwischen den Erbfeinden des Abendlandes stand in Wahrheit reinste und einzigste Erotik am Spiel. Was hier von jeher, was von neuem auf Menschenalter zertreten wurde, war der Keim aller Verjüngung und Erneuerung eines Kontinents, die Blume aller Allianzen. Alle andern sind unfruchtbare Bündnisse dagegen, Geschwisterehen. Sagt mir nicht, daß es anders sei. Ich weiß es besser.
Ach! Grund genug, wenn es jetzt den Augen unaufhaltsam entströmte wie über die grauen Furchen der Gotthardfelsen. Oh! und nichts von bayrischem Gebirg! Was sich da drüben hinter Schleiern spiegelte, das war Paris am lauen Septembertag, der eigenen Erfüllung hingegeben, und einem Himmel, der keine andere Stadt so überhing wie sie. War sie nicht meine eigenste Heimat? War sie nicht die unerreichbarste Geliebte? War sie nicht eine Göttin? Oh mein beraubtes Herz! Jedes Bild, jede Erinnerung an sie zerriß es neu.
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Abends in Bern, wo inzwischen auch der Frühling gekommen, sozusagen ausgebrochen ist, leidenschaftlich abgetrotzt wie etwas, das sich keineswegs von selbst versteht wie im Süden. Ich liebe im Norden nur den Sommer.
4. MAI. Abigail stattete mir eine richtige Sympathievisite ab. Es fehlte nur der Zylinder. Dieser neue Ziegelstein auf mein Dach dünkt ihm entschieden de trop. „Erklären Sie mir nur,“ sage, ich, „liegt denn eine solche Ungerechtigkeit in eurem Interesse?“ „Wir fragen heute nicht nach Gerechtigkeit“, erwidert er. „Wir verlangen alles oder nichts, Sie bieten uns die Hälfte, das ist zu wenig.“
„Sie vergessen, daß ich Deutschland liebe.“
„Es sind Gefühle, die wir zu wenig teilen, als daß sie uns interessieren könnten“, erwiderte er steif.
Wir sprachen dann von anderen Dingen.
6. MAI. Besuch von Frau Karfunkel. Sie fragt mich, ob ich eine Revolutionärin sei, und ich bin im Augenblick zu müde, es zu wissen. Das Wort „gekrönte Republik“ fällt mir ein, das kürzlich vor mir gefallen war. Mochte es herhalten. „Eine gekrönte Republik“, sage ich und gähne.
Daß Frau Karfunkel mich kaum kannte, hinderte sie nicht, mir jetzt eine jener Szenen zu machen, die man wie ein Unwetter über sich ergehen läßt. Die Worte wie krasse Ignoranz gehörten zu den mildesten, die sie mir vorsetzte. Sollte ich ihr sagen, warum? ihr bekennen, in welchen Gedanken sie mich unterbrochen hatte? ihr den Grund jener mangelhaften Kenntnis eingestehen, die sie so richtig erraten hatte?
Welchen Kriegsbericht hatte ich zu Ende gelesen? Von welcher Phase des Krieges mir auch nur einigermaßen ein Bild gemacht? Über die erdrückende Tatsache, daß er herrschte und kein Friede kommen konnte, sah ich nicht hinaus. Für seinen Verlauf, seine Geschichte blieb mein Interesse ungefähr.
Was wollte die Frau bei mir?
Sie hatte mich aus der Arbeit gerissen, und ich war froh um die Unterbrechung gewesen; so mühselig war die Pein, daß ihr Stigma sich den Schläfen aufdrückt, und daß sie einsinken wie zermürbt. Oder gleicht eine geistige Not der immerwährenden Welle vielleicht und die Schläfen dem Stein, der von ihr zernagt und bearbeitet wird? Von den Dingen selbst ist mein Verständnis so karg! Der Kommentar zu ihnen ist meine Sparte: ihn stets von neuem, zergliederter, ausgreifender zu formulieren, ist der Stachel, der mir keine Ruhe läßt, meine Einzelhaft mitten im Leben. Denn über die Vielfältigkeit unserer Wege hin, sehe ich die Einfältigkeit der Gefahr; die ewig selbe Fratze, die jeder edlen Bestrebung wie eine verruchte Karikatur noch immer auf dem Fuße folgte. So schmal, schwankend und immerzu gefährdet zieht unser Weg empor! Aber naiver als ein Soldat, der mitten im Treffen nicht weiß, wo er steht, führte der Mensch bisher seinen Kampf. Auch ihn trafen die Geschosse, ohne daß er sah, aus welchem Hinterhalt sie stammten, und von der unheimlichen Geschäftigkeit, mit welcher in den Niederungen sein Verderben betrieben wurde, merkte er nur das Resultat. Unermüdlich und nahezu ungestört dürfen die Untermenschen, von Herrschsucht besessen, in der Familie, dem Staat, der Gemeinde, der Partei ihre zersetzende Arbeit verrichten. Aus Tausenden von Schlagwörtern sind ihre Netze gewoben, der ganze ungeheure Nationalitätenschwindel hält seit Jahrhunderten den Zusammenschluß der Vollwertigen auf. Notsignale zu geben, bin ich hier. Unvernommen? Gleichviel! Ohnmächtig wie im Traum hinauszurufen: Richtet Wälle auf! Seht euch vor! Achtet der Stufen! Schützt eure Häuser! Mit unschuldiger Miene, ja mit dem Antlitz eines Engels vielleicht, kauert das Unheil an euerm Herd. Oh Brüder, Freunde, nehmt es nicht in eure Arme, wie ihr den Fuß nicht auf die sanft beschneite Stelle setzt, ihr hättet sie zuvor geprüft.
„Ich glaube,“ schreibt René Schickele, „daß der Sozialismus kommen muß mit einer großen, tiefen Flut von Licht, die alle Menschen durchdringt.“
Und ich sehe, wie emsig die Schatten sich sammeln, welche danach dürsten, dies Licht zu verschlingen.
8. MAI. Abigail klopft wieder an meine Türe. Er trägt sein breitestes Lächeln, reicht mir die Münchner Zeitungen und lacht noch stärker. Sie enthalten meinen Protest in der Telramundschen Übertragung, wahrscheinlich von ihm selbst eingesandt.
„Und das sind die Leute, mit welchen Ihr Euch einlaßt“, brach ich aus. „Ihr seid mir schöne Richter!“
Doch Abigail war in einer nicht zu verderbenden Laune. „Einigen wir uns,“ sagte er, „mag er denn Telramund heißen, unter einer Bedingung, verlangen Sie nicht, daß wir Sie Elsa nennen.“
Die „Pressestimmen“ ließ er mir zum Geschenk. Ich las u. a., daß ich „ein hysterisches Weib von abgrundtiefer Gemeinheit sei“.
9. MAI. Beim bayrischen Gesandten; er kannte mich von Kind auf. Er empfing mich. Aber der Verwirrtere, der Trostbedürftigere schien durchaus er. Es war bei ihm wie bei den Hähnen der modernen Waschtische, die gleichzeitig heißes und kaltes Wasser ausströmen: zwei Sprachen wie zwei Denkungsarten entflossen da immer zugleich: seine eigene und die anbefohlene.
„Vous êtes déshonorée!“ jammerte er.
„So schlimm ist es nicht“, redete ich ihm zu. „Kommen Sie, lassen Sie Gras wachsen über die Geschichte.“
„Gras? Da wächst kein Gras. Je vous supplie ne rentrez pas en Allemagne; on vous jettera dans les fers; je ne pourrai rien faire pour vous. Bleiben Sie um Gottes willen da.“
„Ich bleibe schon da.“
„Ja, bleiben Sie da. Was wollen Sie in München? Es ist ja alles verpreußt. Diese entsetzlichen Preußen haben uns ja alle aufgefressen. Ich bin der letzte Bayer.“
„Ich auch.“
„Sie sind gar nichts. Vous êtes une criminelle. Ce n’est pas moi, qui vous condamnerai, je suis votre ami. Vous êtes une criminelle“, unterbrach er sich laut. „Oh, so viel Phantasie zu haben und so wenig Verstand! Sie sind erledigt. Wir sind gefressen.“
Damit entließ er mich.
Daß dem alten Herrn der Krieg so über den Kopf wuchs, machte ihn mir nur sympathisch. Es wäre jedoch hartherzig gewesen, ihn praktisch in Anspruch zu nehmen. Ich hatte es gar nicht versucht.
MITTE MAI. Gerade in diesen Tagen lud mich Frau v. Schreckenburg, ohne mich zu kennen, zu sich ein. Engländerin von Geburt, trug sie dabei den gefürchtetsten deutschen Namen. Ihr Mann, von dem die Franzosen sagten: „Heureusement qu’il n’en a pas l’air“, und die Engländer: „He is worth a better name“, stand an der Spitze der Gefangenenfürsorge. Durch seinen unzeitgemäßen Mangel jeglichen Strebertums fiel er gänzlich aus dem Rahmen. Still, unermüdlich und geschickt verrichtete er sein humanitäres Werk.
Es nahte Felix Mottls Todestag. Ich wollte die Münchner erinnern, daß ich es nicht von ihnen verdiente, unvernommen und mit Knüppeln vor das Stadttor gewiesen zu werden, denn ich habe sie einmal vor einer großen Weltblamage bewahrt. Einige Redakteure waren damals meinetwegen geflogen, und ich hatte gesiegt. Waren solche Reminiszenzen angetan, den Herrn Chefredakteur zu rühren? Er sandte mir meine Eingabe, obwohl durch Schreckenburg übermittelt, mit dem Vermerk zurück, daß er sich für die Beiträge einer Hochverräterin heute wie fernerhin bedanke.
An jenem Abend ging ich lange die beiden Brücken auf und nieder. Die Jungfrau hatte eine Schärpe übergeworfen. Ein kalter Wind trieb von den Gletschern herüber. Ich ging und ging. Es war wieder bei Fortunio viel von einem Zusammenschluß der Geistigen gesprochen worden, und wieder ließ keiner das Ausschließen seine Sorge sein. Was aber ging aus dem ungeheuren Trugwerk dieses Krieges hervor, wenn nicht der vollendete und riesenhafte Triumph des Sklaven über den Freien, wenn nicht die immer drohendere Forderung, uns selbst jenes letzte Gericht erstehen zu lassen, von dem geschrieben steht, daß es auf immer die Scheidung zwischen den Menschen, die guten Willens sind und den anderen bestimmen soll? Ja, nicht die große Einigung, den großen Bruch gilt es zuerst zustande zu bringen: die herrische und heilige Offensive der menschenwürdigen Menschen, gegen jene „Untermenschen“, welche Villiers de l’lle Adam als erster mit so großem Nachdruck kennzeichnete. Erst gilt es, jenen allzulange geduldeten Elementen das Stimmrecht zu entreißen. Sahen wir nicht alle großen und bahnbrechenden Ideen in Verwirrung ausarten, das Christentum selbst unter die Räder geraten und eine Sache um so sicherer verderben, je edler sie war, weil Unzulänglichkeit und Niedertracht das große Wort zu führen in der Lage sind; Solange diese Gattung ihre Gleichberechtigung behält, hat die Menschheit nichts zu hoffen. Sie wird wie ein Kranker sein, der sein Übel zu betäuben sucht, indem er sich auf seinem Schmerzenslager dreht und wendet, oder hochaufgerichtet nach Atem ringt, um doch nur eine illusorische Erleichterung zu finden. Sie wird alle Regierungsformen, eine nach der andern, erproben, und ob sie auch ihre Könige gegen Republiken eintauscht — es werden doch nur falsche Republiken sein, und auch die Anarchie wird sich als nichts anderes herausstellen als einen Mißbrauch der Macht.
Und wie könnte die einzig wirkliche Freiheit entstehen, wenn nicht durch die Knechtung desjenigen Pöbels, der allerorts alle Klassen, von den höchsten bis zu den sogenannten niedrigsten verheert. Hierarchien aber sind es ja gerade — weniger rudimentär und kindisch nur als diejenigen, welche man sich aufoktroyieren ließ — Hierarchien aber sind es, die auf neuer und gerechtfertigter Basis zu errichten sind: geben wir uns keinen Täuschungen hin: die Klasse der Könige, der Fürsten und Herren, ja der ganze Troß der kleinen Gentry sogar, er ist vorhanden (nur so anders!), und alle wahren Adelsbriefe, die sich in unendlichen Fluktuationen aus der menschlichen Würde ergeben, existieren auch. In allen Kreisen aber und durch alle Zeiten hindurch wurde die wahre Elite gepeinigt, geopfert oder zur Ohnmacht verdammt, weil urteilslose oder niedriggesinnte Elemente, die sich weder in Gleichheit, noch in Brüderlichkeit zu ihr verhalten, dasselbe Stimmrecht genießen.
Man rede mir also nicht von Zusammenschlüssen, sondern vorerst von neuen Gesetzbüchern und neuen Statuten. Auf einen treibenden Sumpf, einer Welt wie sie ist, Ringmauern aufzurichten, daran glaube ich nicht. Wozu führte der vielgehegte voto pietoso Deutschland und Frankreich zu einigen? Statt der stolzesten aller Galleonen ein Wrack, beiden nahezu unnennbar geworden. Dieses Wrack ist mein eigenster Boden, ich verlasse ihn nicht. Die paar Einsichten aber, die mich sehr bestimmte Erfahrungen lehrten mit der Persistenz des Marktschreiers zu verkünden, ist mein Beruf.
Ich lehnte über der Brücke von Kirchenfeld. Hat die Nacht ihre eigene Helle, daß sie uns die Dinge mit größerer Schärfe zeigt? Sie deckte jetzt den Fluß, der unten den Bergen zurauschte. Von den Häusern in der Tiefe, so eng geschart, fast ein Gerümpel, auf zartesten Säulenarkaden gehoben, und wie edel! leuchteten jetzt munter die tagsüber so verschlossenen Fenster. Wie wenig löste schließlich und endlich unsere zufällige Existenz von unserem wirklichen Wesen aus! Vielleicht war sie nur eine Jahreszeit unseres weitverästeten Seins. Wozu sich alterieren, redete ich mir zu, wozu die Hast, wozu die Ungeduld? — Es wurde zuletzt ein Spazieren mit der Nacht, statt in die Nacht hinein, und ich war um eine größere Fassung, etwas mehr Gleichgültigkeit für meine persönlichen Geschicke aus allen Kräften bemüht.
Zweiter Teil.
Sie sah bezaubernd aus; ihre Achseln schienen der Ansatz zu Flügeln, und da sie sozusagen zwischen zwei Fingern hochzuheben war, nannten wir sie mit Fortunio das Zirkuspferdchen oder der Seidenaff. Wenn sie ernst zu sein wünschte, waren wir grausam genug, sie auszulachen, doch nicht, um sie zu verspotten, sondern weil ihr alles so gut stand. Ihr Gatte war San Cividale, der Longobarde, wir hatten uns angefreundet, und es wurde ein richtiger Anschluß.
Von den Ärzten ins Bad geschickt, depeschierte mir der Seidenaff aus Rheinfelden, und nie kam eine Einladung gerufener. Ich suchte einen Mieter für meine Zimmer und hatte ihn schnell. Bern war mir verleidet, ich hatte dort vieles zu vergessen, Geldsorgen besaß ich auch. Nur die Mozartaufführungen, welche unter Richard Straußens Leitung bevorstanden, wartete ich noch ab. Sein schöpferisches Erschöpfen eines Werkes ist sicherlich ein neues und interessantes Moment in der Kunst des Dirigierens. Einem Don Juan, der ein großer Erfolg war, folgte jedoch eine Zauberflöte, welche einige Kritik hervorrief; mich entzückte letztere weit mehr, so zwar, daß sie einem ersten Eindruck gleichkam. Strauß hatte eine Pamina mitgebracht, welche gesanglich und darstellerisch und durch eine merkwürdig schöne Erscheinung der Partie so wohl entsprach, daß Symbolik wie Illusion des Fabelreiches durchweg bestanden, bis der Vorhang vor dieser besseren und geordneteren Welt endgültig fiel. Was bedeuteten Regiestörungen (tags darauf hieß es, sie sei einem Engländer zu danken, der sich zu diesem Zweck als Maschinist für den Abend verdingte) vor dem unvergleichlich hohen Niveau dieser Vorstellung?
Am lautesten wurde am Schluß von jener Sorte Deutscher Beifall gespendet, welche ihren schimpflichen Spitznamen so recht aus dem vollen verdienten. Diese wandelnden Erreger des Deutschenhasses gingen mit dem deutlichen Gepräge von Leuten einher, welche zwar rechneten und berechneten, aber nicht mehr dachten, dafür seit einer Generation zuviel gegessen hatten. Sie waren die Regisseure und Leugner des großen Kindersterbens, das jetzt in ihrem Lande hinter den Kulissen um sich griff, und Scharen Deutscher, würdig dieses Namens und liebenswert, gingen um jener Boches willen zugrunde. Doppelt verrucht erschienen sie im Lichte der eben erfolgten herrlichen Darbietung. Ich ersticke! sagte ich zu Fortunio, denn ein Knäuel dieser wohlbestallten Patrioten schlenkerte vor uns über den Platz. Auch im Dunkeln sah man ihnen an, daß sie jetzt schmausen gingen.
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Rheinfelden.
21. JUNI. Mußte da dicht vor meinem Fenster hochgewölbt der Rhein vorüberrauschen? Eine Brücke mit Schilderhäuschen in der Mitte legt schon im Badischen an; freudlos, wie mit erblindeten Scheiben, sehen von dort die Häuser herüber.
Heiterer war der Park. Wir lagen in Korbstühlen und schwatzten. Doch Erinnerungen kamen nicht zur Ruhe. Aufgescheuchten Vögeln gleich schwirrten sie hierher und dorthin und kehrten zurück . . . Der Sommer war im Land. Das Schlößchen der schönen Marguerite, das selbst mitten im Kriege Zauberkreise zog, wartete unser, und die Schwalben nisteten längst im flachen Strohhut, der in der Halle von der Decke hing. Jetzt standen auch ihre Koffer gepackt; . . . es türmten sich wohlgefaltet ihre schönen Kleider . . . Die Unrast der Verbannten trieb mich aus dem Park ins Städtchen hinunter, wo von der viereckigen Plattform des Turmes aus die Störche ins Blaue steuerten. Was gab es schöneres wie ihren Flug? Klein erschien mir die Schweiz. Wie ein herrlicher, aber für mich nach allen Seiten hin verbarrikadierter Garten. Ich ging den Weg zurück, der ganz umwachsen unter Bäumen führt. Wer nicht wollte, brauchte weder Fluß noch Land zu sehen. Im Hotel aber lag eine Depesche für mich. Ich floh entsetzt auf mein Zimmer. Die Freundin war tot. Mochte das Schlößchen am Berg Tür und Tor sperrangelweit offen halten und warten, solange es stand, ins Leere starrte fortan sein breitschrötiges Türmchen. Sie zog die Straße nie mehr herauf, kutschierte nie mehr aufmerksamen Auges ihr Wägelchen in den Wald. Fort von Rheinfelden, dachte ich, nur fort!
Es traf sich, daß die Kur nahezu beendet war. Wir fuhren nach Wengen. Der Seidenaff durfte nicht steigen, ich kletterte drauflos. Hier waren alle Höhen zur Hand. Hinter der kleinen Scheidegg setzten sie von neuem ein. In weiten Senkungen kreiste ein Tal. Ich saß in einer Nische aus Fels und Gras, die Füße hingen ins Leere.
Plötzlich, wie auf einen geheimnisvollen Anruf, ein lauter Stoß, ein Gegenruf des Herzens. Denn es hat ja Arme, ich sagte es schon, und Flügel, schwerausgebreitete und leichte, es hat sein geheimnisvolles Dasein für sich allein. Vom Tode weiß es so wenig wie wir, nur dies hat es erkundet: daß, wenn er uns nicht austilgt, der Lebende dem Toten zu Anfang mehr sein kann, als dieser ihm. Dann wäre unser Eingedenken der Halt vielleicht, an dem er seine ersten Schritte geht, und unsere Trauer sein Gewand.
Es war für die Verstorbene ein Gedenkbuch geplant, und ich hatte versprochen, mich daran zu beteiligen.
Mag es noch so mannigfache Welten geben, sicherlich gebietet über alle eine einzige Natur, ein allmähliches Sprießen, eine Reife, von trüben Himmeln die sie aufzuhalten scheinen nur gezeitigt. Vor allen Dingen aber jenes letzte und sehr tragische Zurückbleiben des Erreichten hinter dem Gewollten. Wie ein letzter Same, der sich wieder in die Erde senkt, um einer nächsten Ernte zu gedeihen.
Ich schrieb auf meinem hohen Sitz angesichts des kelchartigen Tales mit den sanftanschwellenden Rändern. Die Sonne war gestiegen. Wie ein zieres Band umschlang ein Pfad den ganzen Berg und lockte mich unwiderstehlich in die Höhe. So kam ich zu einem kleinen Gasthaus und stapfte dann auf die Spitze des „Männlichen“ hinauf. Dort fing sich der Wind und wehte kreuz und quer; dann aber stürzte ein Steig, schmal wie ein Strich, so pfeilartig hinab, daß man, von einem Taumel erfaßt, zu rennen anfing und zu fliegen verlangte. Von dem Tempo erfaßt, das von hier oben gesehen, die Jungfrau entfaltete, die mit mächtiger Schulter die ganze Kette der Alpen mit sich riß. Unglaublich schnell griffen jetzt die Schatten in dem verströmenden Gold dieses Tages um sich; schon profilierte sich diese oder jene Bergeskante zu einem grotesken, dort zu einem erhabenen Riesenhaupt, schlafend, offenen Mundes zurückgeworfen, oder wie entseelt mit beschneiten, eingesunkenen Schläfen zur Seite gekehrt, die Luft darüber wie ein unendliches Gewölbe.
Auch manche Felsenburg tat jetzt entbrannte Zacken auf; kurz, eine andere Welt als die des Tages stand schon gerüstet. Plötzlich hielten mich zwischen zwei scharf vorspringenden Felsen zahllose Schafe auf, die mächtig wie ein Volk auf halber Höhe den Berg belagerten. Mit ihnen zog eine Anzahl Widder, die innehielten, als sie mich kommen sahen, und mich aufmerksam, wenn auch stolz, betrachteten. Nirgends ein Hirt zu sehen, als wären sie die Führer. Ihre geschneckten Hörner abwartend mir zugekehrt, versperrten sie den Weg. Um weiterzukommen, mußte ich halb quer hindurch, halb mit der Herde laufen. Eine überwältigende Ruhe, ja ein Glück ging von ihr aus, daß man, am liebsten auf vieren gestellt, eins mit ihr geworden wäre.
Der Weg nahm gar kein Ende. Meine Schuhe gingen in Stücke. Meine Füße waren zerschunden. Schwer hinkend erreichte ich endlich das schon a giorno beleuchtete Wengen. Aus der Halle des Hotels trat der Seidenaff im Tuchbrokat von silberigem Weiß, hoch mit Zobel verbrämt. Doch der Jugend kommt alles zugute; kostbare Gewänder unterstreichen sie nur. Die leichte Gestalt wird durch den schweren Staat gehoben, nicht gedrückt. Lang und gewichtig hing die Perlenschnur herab. Das Haar war braun. Gerade seinem weichen Schimmer schmeichelte die Härte des diamantenen Reifs. In Treibhäusern wird heute die gefüllte, immer gefülltere Nelke gezogen. Mit solchen gefüllten Nelkenaugen, gut und klug, doch fern dem Ziele, blickte der Seidenaff.
Tags darauf fuhren wir zu Tale, San Cividale, dem Longobarden entgegen. Fortunios schrieben aus Beatenberg, wo ich mich denn herumtriebe, und fürs erste blieb ich jetzt in Interlaken, um meinen Nachruf zu beenden. Da mir keine Seele des Ortes bekannt war, verbrachte ich meine Tage ohne zu sprechen, und schon lebte ich eingesponnen und wie unter Glas, als die Lektüre eines Zeitungsartikels mich ganz aus der Stimmung riß. Es war ein Aufruf von Andreas Latzko, der wesentlich aus Vorwürfen, und zwar sehr berechtigten Vorwürfen an die Frauen bestand. Nun haben diese ja im Kriege versagt und die härtesten Dinge zu hören verdient, doch nur ihnen selbst kann es zustehen, sie zu äußern, dem Manne heute mit keinem Wort. Ihre Unzulänglichkeiten sind sein Werk, von ihm gezüchtet und beabsichtigt, selbst sein Überdruß an ihr war als Triumphgasse für seine Eitelkeit gedacht, was er vollends ihre Ungleichheit nannte, war seine Politik. Wie stark seine Krone zerzaust ist, ahnen beide noch nicht. Die „Penalty of the war“, von der soviel die Rede ist, wird noch eine ganz andere sein, als man im allgemeinen glaubt. Die Frau wird ihre Chance haben. Mag der Mann noch auf Jahrhunderte das Überragende leisten, ihr Aufstieg wird sich unaufhaltsam als eine Folgeerscheinung seines Bankrotts vollziehen. Bilder schwebten mir vor . . . . war sie nicht schon im Begriff, mit jedem Jahrgang schöner, individueller zu werden? Erhob sich ihre Gestalt nicht freier, knabenhafter, mehr auf sich selbst gestellt, von Jahr zu Jahr?
Schlimmstenfalls konnte ihr Regime zu keinem ärgeren Chaos führen, als das, welches wir unter der ausschließlichen Führerschaft der Männer und ihrer Gesetzbücher erleben. Oh diese Gesetzbücher! Sie forderten, daß man vom Tag eines Krieges an nurmehr mit seinem Vater verwandt sei.
In meiner Aufregung, meiner Bedrücktheit, lief ich in der Mittagshitze den Brienzer See entlang, bis zur Erschöpfung. Und mit einem Male wurde mir das Karthäuserschweigen viel zu viel; da zudem schwere Regentage einsetzten, brach ich auf und fuhr nach Beatenberg.