Beatenberg.

AUGUST. Ich wohnte eine halbe Stunde von Fortunios entfernt, und mein Hotel stand zu Anfang der breiten Straße, die über tausend Meter hoch ganz eben dahinläuft, den großen Rat der Gletscher stets im Angesicht. Wie zu einer Riesenpolonäse aufgestellt, schienen sie, je nach der Beleuchtung, zurückzutreten oder loszuschreiten bereit. Nur der Regen sprengte den Bund. Dann verschwand jeder einzeln in seinem Zelt und wußte nichts mehr vom andern. Wusch sich aber nachts der Himmel wieder rein, so hielt beim Morgengrauen die Jungfrau entgeistert Cercle, als harre sie nur des Zauberrufes, um der Sonne bei ihrem ersten Strahl ekstatisch entgegenzutanzen. Leider kam auch hier die Arbeit nicht in Fluß; das sehr geräuschvolle Haus bot keine Möglichkeit, sich abzusondern. Unmittelbar daran grenzte der Wald und führte sogleich sehr steil ins Weglose hinab. Und hier nun entdeckte ich eines Morgens, ganz hinter Tannen versteckt und der Tiefe zugewandt, ein kleines, verlassenes Blockhaus. Ich rannte ins Hotel zurück, forschte nach dem Schlüssel und erlangte ihn. So gehörte das Chalet mir, da ich es beziehen durfte. Den Schlüssel ans Herz gedrückt, eilte ich zurück. Im Raum des Erdgeschosses verbrachte ich nun meine Tage. Die Läden blieben herabgelassen. Nur durch die Türe, die ins Freie führte, drang das Licht; auch die Bäume hielten es auf. Nur Tannen, Wald und Moos und keine Aussicht außer sie. Hier hatte man vor den ewigen Gletschern Ruh. Und keinen Laut als den der Vögel.

Oh Sommersmitte! Oh göttlicher Augenblick des Innehaltens, du ohne Zeitmaß, ohne Intervall, mitten ins Jahr gesetzter Orgelpunkt!

Groß aber blieb die Not der unterbrochenen Arbeit.

Zwischen Tür und Fenster lief eine Ruhebank mit daraufgeschütteten Kissen die Bretterwand entlang. Ich warf mich hin; ächzend. Es roch nach Tannen, Blumen, des Morgens im Walde gepflückt, hingen schon ermattet im Glase. In diese holde Schwüle tanzte ein geflammter Schmetterling herein. Mein rechter Arm hing herab, ich war zu lässig, ihn zu heben. Vor Wonne fielen mir die Augen zu. Hält die Einsamkeit der Gemeinschaft Letztes, die wir Lebende ersehen? Was war geschehen? Verloren blickte ich auf. Der Falter? War er als Bote hereingeflogen? — Wer war gegangen? —

Flüchtig ist kein Wort. Und doch . . Von welcher Gegenwart und welch durchdringendem Ton vibrierte nunmehr auf immer die Luft dieser Hütte? War sie, deren Bild ich festzuhalten suchte, ein Elf? Denn der Griff einer Hand von elfenhafter Feinheit hatte deutlich die meinige erfaßt. In unbeschreiblicher Rührung hob ich den Arm, sprang auf, saß wieder vor dem Tisch, das Gesicht in den Händen vergraben, und fuhr nun endlich wie in einen Schacht tief in meine Arbeit ein.

Da fiel ein Schatten — jemand trat unter die Türe. Es war Fortunio. Ich stieß einen Schrei aus, als sei er ein Gespenst, und fühlte Nervenstränge, deren Vorhandensein mir jetzt erst zum Bewußtsein kamen, zerreißen. „Wissen Sie, wie spät es ist?“ lachte er. Seltsam. Sogar seine Stimme erfüllte den Raum mit Schrecken. Das Ganze war zu arg, es zu erörtern. So machte ich mich denn bereit, das Chalet zu verlassen, warf aber, die Türe abschließend, noch einen Blick zur Ruhebank zurück, zum Tisch mit den Blumen im Glase, zu diesen Wänden, in welchen ich eins geworden war mit der Luft und der Seele dieses Tages.

Was war noch immer kurzatmiger als wie mein Flug? Nicht von Schwingen durfte da die Rede sein, die ausgebreitet und aus eigener Kraft die Höhen beherrschen und sie behalten. Eher einer Rakete vergleichbar, die, wenn das Glück es will, emporschnellt und höher! höher! ruft, weil sie doch gleich verstiebt. Da ist es Pech natürlich, wenn man sie herunterholt.

Wir gingen nun zum Hotel hinauf und setzten uns auf die Veranda. In der Tat, der Abend war sehr vorgeschritten. Beschaulich hing Fortunio an der Gegend. Die eben noch umglühten Gletscher traten jetzt, als sei die Sonne auf immer von ihnen geschieden, von Blässe wie erschöpft, zurück. Welch ein Tag! — Und schon faßte mich Grauen bei dem Gedanken, ihn einsam beschließen zu müssen oder ins Chalet zurückzugehen. Stand es noch? War’s nicht versunken? Oder nur erträumt? So zog ich denn mit Fortunio die lange Bergstraße zurück. Endlos dehnte sich hier der Ort. Ganze Strecken zeigte sich kein Haus. Und siehe, schon herrschte der Mond. In seiner ganzen Fülle und unerschöpflich überfließend, umschlang er streitsüchtig jeden Schatten und brachte seine Schwärze ans Licht, kroch unter jeden Baum, durchquillte alle Wälder und stieg und stieg in immer geharnischterem Glanz, bis eine trunkene Erde, von ihm umsponnen und ganz mit ihm vermählt, mit allen Pulsen zum Himmel schlug. Voll Entzücken hatte sich die Jungfrau aufgerichtet — Mönch und Eiger an der Hand, loszutanzen bereit.

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Tags darauf fuhren San Cividale, der Longobarde und der Seidenaff die steile Höhe herauf. Von weitem schwang sie als Erkennungszeichen ihren Schirm rundum. Jungfer und Kofferbestände hatte sie unten gelassen und trug eine äußerst gerissene Sportjacke, in der ihre Figur zu zergehen schien, und eine zwischen mausgrau und mauve spielende Hemdbluse aus japanischer Seide, deren perfide kleine Männerkrawatte das ultrafeminine ihres Gesichtes zu letzter Wirkung erhob. Die gefüllten Nelkenaugen, die das alles sehr wohl wußten, blickten unbeteiligt flüchtig und beschattet. Es war nur ein kurzer Besuch. Das Bähnchen trug sie bald wieder davon. Und mit einem Male waren mir diese ewig hingerissenen Gletscher, die nie marschierten, verleidet. Herrlich in der Tat war auch der Mantel der Vorberge, der in so tiefen Falten über sie hinschlug, und herrlich war’s, wie er — von oben gesehen — den See nachschleifte, gleich einem köstlichen Saum. Beseelter aber blickte dennoch das Gebirge am Säntis, Jura oder Engadin, als in dem gewaltigen und dekorativen, aber fast überall stark abgekehrten Oberland. Ich sehnte mich nach mehr brüderlichen Weiten, und sehr plötzlich, ohne das Chalet wieder betreten zu haben, fuhr ich hinab. In Spiez schrieb ich meinen Nachruf ins reine.