Marguerite Kühlmann.
An den Kreis ihrer engsten Freunde wende ich mich, sie, die zu ihr standen wie die Strahlen der Sternblume, deren Name sie trug; denn so hingen sie ihr an, und so faßt sie nunmehr die gemeinsame Klage zusammen. Wie beneidenswert sind sie gewesen! —
Nicht, als seien sie sich dessen zu spät bewußt. Hier trifft sie kein Vorwurf. Vielmehr hegten sie ihr Wissen um das Werden dieser bedeutsamen und seltenen Gestalt, die von ihrem schönen und guten Wesen so viel weniger genießen durfte, als der gleichsam von ihr ausgestrahlte Kreis, dem sie es zuwandte. Denn wieviel Sonne war in ihr verwoben, und wie beschattet ging sie doch! Unter der rhythmischen und unzerstörbaren Ruhe ihrer Bewegungen welch unaufhaltsames Vorwärtsschreiten! Wer hat sie je hastig gesehen? Und doch welch ahnungsvolle Eile, sich zu erfüllen!
Geistigen Dingen zugewandte Menschen finden sich gewiß nicht selten; der Maler und Musiker, auch der Liebhaber der Künste sind viele. Aber wie wenige gibt es, die auf das Schöne selbst Anziehungskraft besitzen, so daß es wie auf mystischen Ruderschlägen ihrer Atmosphäre zugeführt, immer mehr Natur und Element bei ihnen wird, und tatsächlich eine Art von Wechselwirkung sich ergibt.
So aber war das Schöne — wie ein Meister an seinem Marmor — bei ihr am Werk. So umhing es ihre Erscheinung, so meißelte es an ihren Zügen und hob sie zu letzter Vollkommenheit der Linien und des Ausdrucks. Unsere Herzen sind wund von der Erinnerung ihrer Hände, so schwebend, einsam und gesammelt, verklungen, auch sie mit der weiten Melodie ihres Seins.
Den wahren Hintergrund zu ihrem Bilde aber stellt einzig jene offene und merkwürdige Gegend, in der sie sich so heimisch fühlte, weil sie ihr glich. Dort, wo ihr kleiner Landsitz hart an der dunkeln Bergwand lehnte, von Mauern lang umfriedet, vor dem Tor die hohe Linde schon den Bergfluß überhing, und sein Gestein, und schon wie vor den Almen leere Bergwiesen ansteigen, auf welchen die Kühe bis hin zu den nahen Wäldern weiden; und diese sind wenig begangen, schwer verträumt und düster fast, weil hier sogleich das Hochgebirge seinen feierlichen Zug beginnt.
Doch öffnete man das Tor zum Hause, ach! Wie rauschte es da von den kunstvollen Brunnen und den Fontänen, in welcher Fülle zogen sich die Blumenreihen hochaufgerichtet durch den Garten hin! Und die Ebene ist’s, nach welcher dieser steile Garten niederfällt, und schaut: auf halber Höhe, wie zur Freude hingemalt, der Kirchturm von Murnau, links die ersten Berge, ansehnlich, aber noch vereinzelt, sanft umrissene Präludien des Gebirges. Nach Osten aber, wo sich anstatt der Mauer die lange Wandelbahn und hölzerne Gartenzimmer nachsommerlich hindehnen, wölbt sich als Abschluß der finstere Berg.
Hier waltete sie im lichten Kleide inmitten ihrer Blumen, wenn in der Ferne ein goldener Sonnenstaub den Tag begrub, oder sie sah wartend nach dem Mond, der so plötzlich hinter dem schwarzen Grat aufging und dann sogleich alle Grotten und Beete übergoß, und nur die finstere Bergwand noch finsterer beließ. Und auf erhöhtem Stande der Apfelbaum, wie sie ihn zeichnete, mit den Windlaternen bunt über dem Tische wehend!
Hier fühlte sie sich heimisch, hier drang das Lachen ihrer Kinder immer bis zu ihr, und die Schwalben zogen durch die Fenster unermüdlich ein und aus. Und drinnen der Tisch vor den breiten Scheiben, ach Freunde: vor dem sie saß — niemals müßig —, lesend oder malend, oder eine jener kunstvollen Arbeiten zur Hand, mit welchen dieses Haus geschmückt ist, dessen Bau, dessen edle Räume wie für sie erdacht, durch ihre eigene Anmut etwas so Zauberhaftes wurden, daß sie durch ihren Tod für uns verschüttet liegen. Die Türen, ach, durch die sie trat.
Doch jenseits der Vorberge, in einer versteinerten Welt, ganz klein und auf unwahrscheinlicher Höhe steht die Jagdhütte, an deren winzigen Fenstern sie die rot- und weißgewürfelten Gardinchen hing; sie liebte das Frohe. Ganz dem Schauen hingegeben, lief sie dort die Kanten der Berge entlang, denn das einzig Verweilende an ihr, von allem Persönlichen unmittelbar Losgelöste war ihr Auge. Bald lockten sie die Höhen, bald die Weite und das Moor, oder sie stellte dort ihren Malstuhl auf, wo der kleine, von der Abendsonne warm getönte Fluß so rasch den gemiedenen und immer trauernden Hügel umfließt.
Diese reichhaltige Landschaft, die sich wie ein Fächer dem Auge entfaltet und verschließt, glich ihr so ganz, daß für uns, die sie dort sahen, ihr Bild wie eingetragen bleibt in diese Gegend.
Nicht auf Festen schwebt es uns vor, deren Glanz das sanfte Feuer ihrer Schönheit so sehr erhöhte, und nicht in großen Städten, weder in Paris, dessen geistiges und künstlerisches Leben ihr so nahe ging, noch in London, wo sie gefeiert und bewundert wurde. Denn in ihr hatte Deutschland eine so liebenswürdige und seltene Vertreterin gefunden, daß die Sympathien, welche sie sich erwarb, durch die Ereignisse nur verstummten, aber nicht verloren gingen. Denn weit über die Gräben hin, welche die Nationen voneinander trennten, klang ein Echo der Trauer über die Kunde ihres Todes herüber.
Es mag ja sein, daß ihre großen Erfolge im Ausland ihr um so neidloser zugestanden wurden, als man sah, welch flüchtigen Gast sie krönten. Denn ehe man sich’s versah, lagen ihre viel bewunderten Kleider in Kisten wohlverpackt, und sie selbst stand am Perron, Sehnsucht im Auge, um nach ihrem geliebten Ohlstadt zurückzufahren. Sie erzählte noch im letzten Sommer ihres Lebens, sie habe mit Freudentränen um sich her geschaut, als sie den „Raunerhof“ zum ersten Male und zugleich als ihr Eigentum besichtigte.
So nah berührte sie der Ort.
Es waren pantheistische Anklänge in ihr, die man nicht überhören durfte, um sie zu kennen.
Denn so edler Natur war die zu weite Spannung ihres Wesens, die eine Lücke ließ zwischen dem Leben und ihr. Ein suchendes, verlorenes Etwas fand hier seine Brandung, und was Wunder, daß sich ihr Blick, allen Sicherungen zum Trotz, so häufig aus dem Alltag, wie aus einem zu engen Hause stahl.
Und kannte ihn doch kaum.
Seine immer neu sich bereitende Unsicherheit, böse und gefährlich wie die Gärungen der Gletscher, seine Verweigerungen, seine Öde erfuhr sie nicht. Ja, sie blieb von einer zu deutlichen Kenntnis dieser Welt bewahrt; ob sie es merkte oder nicht, ihr Kontakt mit ihr war immer umgeschaltet, ja sie war geschützt. Aber wir wissen heute, warum die so innig Umringte dennoch einsam und beschattet ging, als sei alles vergebens; was dies heimliche, innere Versagen und ihre unrobuste Art bedeutete. Denn wir wissen nicht, was sich in denjenigen bereitet, die inmitten ihrer Jugend von den Höhen des Lebens weg, einzeln und jäh zu den Toren des Todes hintreten und in seine Verlassenheit gehen. Keine letzte Verklärung, kein noch so sanftes Verlöschen nimmt einem solchen Los etwas von seiner Schwere.
Ach die besten Freundesherzen sind noch zu träge! Allzu leichten Sinnes nahmen wir das schöne Geschenk ihrer Gegenwart hin und bedachten die deutlichen Merkmale eines frühen Scheidens an ihr nicht. —
Wer hat nicht jene Flugzeuge gesehen, die als dünner Korb, nur durch Taue einem Riesenball verbunden, ganz ohne Geknatter vorüberschweben? Ein Windhauch streift die von ihm Getragenen. Je höher sie sich steigen sehen, desto langsamer dünkt ihnen sein Flug. Da zieht vielleicht eine Wolke vorüber, von einer schwarzen Kugel pfeilschnell durchzuckt und alsbald überflogen, die nichts anderes war, als der Schatten des Balles, der unbewegt und still wie eine Ampel in der Luft zu hängen schien.
Dies aber war bei stillem und oft schwer verträumtem Wesen das Tempo ihres inneren Werdens; mit so verzehrender Eile durchmaß sie ihre Bahn, und nur wer ganz zuletzt in ihrem Umkreis lebte, vermöchte auch das Letzte über sie zu sagen. Denn immer merkwürdiger und geschlossener wurde die Harmonie dieser, vom Dianenhaften so getragenen Gestalt. Nur tragischen Naturen aber ist es gegeben, sich zu erfüllen. Die Norm ringt sich vom Fragmentarischen nicht los.
Oh Marguerite! Daß meine Worte sich aufrichten dürften wie Säulen, und daß sie sich zusammenschlössen dir eine Stätte zu bilden des Innehaltens und der Rast, wo du — staunend vielleicht, doch ohne Gram — zurückblicktest auf dein Leben; oh daß es zwischen seinen Ufern an dir vorüberzöge und dein sinnendes Auge so darauf verweilte, wie einst in deinem Garten auf das Getürme der Wolken im verglühenden Tag.
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SEPTEMBER. Meine Zimmer waren zum Glück bis in den Oktober hinein vermietet, und ich trieb mich bald hier, bald dort herum, bald in Zürich, bald in Luzern, in Montreux oder Genf, nur nicht in Bern.
Die Ära Kühlmann war ein Grund mehr, es zu meiden. Man erinnerte sich prompt, daß ich in London in seinem Hause verkehrt hatte, und meine Stellung gestaltete sich noch um ein Stückchen schiefer. Ich hatte jetzt zu schreiben wie ein Minister, und es regnete Briefe. Sie betrafen zumeist Todesurteile, Deportationen, versprengte französische oder belgische Kinder. Dabei hielten jetzt die Zensuren meine Korrespondenz scharf im Auge; die harmloseste Post aus Deutschland erreichte mich erst in vier, Expreßbriefe erst in sechs Wochen. Um an Kühlmann zu schreiben, mußte ich schon seinetwegen den Umweg über die Gesandtschaft wählen. Meist wandte ich mich an Schreckenburg oder an den Grafen Carry. Zu Anfang ging’s. Zwei junge Belgierinnen hatten ihren eigenen Landsleuten Warnungen zukommen lassen; dafür sollte die eine erschossen werden. Kühlmann erreichte ziemlich rasch eine Rückgängigmachung des Urteils. Auch eine kranke Dame aus Cambrai brachte er noch über die Grenze. Als ich aber wegen der Familie des Professors von L.-P. bestürmt wurde, die Frau und fünf Kinder, (der älteste Sohn im deportationsfähigen Alter[1]), in die Schweiz zu retten, schickte mir Kühlmann ohne Kommentar den Zettel, auf welchem die hohe Militärbehörde eine Bewilligung seines Gesuches kurz und bündig verweigerte. Auch ohne dies — acht Tage nach seiner Ernennung — wußte ich ihn verloren.
Ich muß hier bis in den Londoner Sommer 1913 zurückgreifen, und zwar bis zu dem Abend meiner Abreise nach Irland. Kühlmann war damals jener Pläne stolz und froh, welche ein Jahr später in der von ihm inspirierten Broschüre „Weltpolitik ohne Krieg“ ihren Ausdruck fanden. Ich erinnere mich jenes Besuches noch sehr genau; die Teemaschine sang, wir besahen einige Bilder, und dann fuhr mein Zug, der um Mitternacht die Küste erreichte. Alle Kabinen des Schiffes jedoch waren besetzt, und ich hatte vergessen, eine zu reservieren. So blieb nur der große Schiffsalon, wo ein freundlicher Steward mir in den tiefen Ecken des die Wände entlanglaufenden Sofas ein herrliches Lager bereitete. Der Länge nach ausgestreckt, hatte ich auf diese Weise eine Riesenkabine für mich allein und konnte mich vor Freude gar nicht beruhigen. In meine lange Lederschaukel tief hineingebettet wie in eine Muschel, hoch hinauf und hinunter schwingend mit dem nächtlichen, heftig bewegten irischen Meer als Wiege. Wie sang, wie rauschte es mich zur Ruh! Wie segnete ich den Steward und meine eigene Vergeßlichkeit. Hin und wieder waren mir die Götter doch hold.
Doch weh, ach wie schlug ihre Gunst in die grausamste Ungnade um! Oh des zerrissenen Schiffes, das schon aufgehört hatte zu sein! In ein Rettungsboot gestoßen, auf eine Planke geworfen und nichts anderes als den Tod von den eben so gepriesenen Wellen zu gewärtigen, wühlten sie sich zu Felsen auf, hart und unbarmherzig mich zu begraben. Vor mir ruderte Kühlmann wie besinnungslos, und seine Anstrengungen angesichts eines solchen Orkanes dünkten mir lächerlich. Aber ich ruderte ja selbst mechanisch aufs Geratewohl, und dann stürzten die schwarzen Berge über das Boot.
Wieder rauschte das Meer im eintönigen Sang, über mir war schon erkennbar in der ergrauten Nacht die Decke des Schiffes, und ich lag wie zuvor in der ledernen Muschel gewiegt. Aber für kein anderes Lied als für das finstere Echo meines Traums hatte ich ein Ohr. Alle Freude war tot. Ich warf die Decken fort und saß zusammengekauert, schlaflos, verwüstet, uralt.
Durch den Krieg glaubte ich meinen Traum erfüllt. Die Ernennung Kühlmanns hatte mich zuerst gefreut. Er hatte von Jugend auf mit allen Kräften dem Krieg entgegengearbeitet, und ich hoffte, es würde ihm gelingen, sein Ende herbeizuführen.
Aber er waltete noch keine acht Tage seines Amtes — ich war in Wengen und lag in der Sonne — als im Halbschlaf das Bild eines hohen Gerüstes sich aufdrängte, ähnlich dem Eiffelturm, und auf der Spitze Kühlmann, aber schon im Begriffe kopfüber abzustürzen, so zwar, daß er sich in der Luft zu drei Malen überschlug.
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Am Tage nach seinem „Niemals“ kam Abigail mit einer stoßbereiten Miene, wie ein Widder zu mir. Zur Annahme einer schroffen Haltung Kühlmanns war ich jedoch um so weniger berechtigt, als mein frühestes Buch Aufsätze, welche auf seinen Rat den französischen Titel „L’âme aux deux patries“ führten, die Behauptung aufrechthielt (denn mit der Feder war ich von jeher sehr dreist), die Annektion Elsaß-Lothringens sei ein Fehler, den Bismarck, wenn er noch lebte, kein zweites Mal begehen würde: er hätte ein anderes Äquivalent dafür ersonnen. Dies Büchlein, das im übrigen ganz unter den Tisch fiel, fand nur durch ihn eine so kräftige Verbreitung, daß sich der Verdacht regte, er sei dessen Verfasser.
Auch zu jener Unterredung mit Zimmermann im Januar 1917, die einzig der Notwendigkeit einer Diskussion des elsaß-lothringischen Problems galt, hatte er mir verholfen, und im Nebenzimmer eine Unterhaltung geführt, damit wir ungestört blieben. Auch waren mir die Worte erinnerlich, welche er im Jahre 1915 diesbezüglich fallen ließ, zu einer Zeit, wo die Aussichten für Deutschland noch günstig erschienen. Sein „Niemals“, konnte ich daher nur als einen Brocken ansehen, den man Kläffern vorwirft, um sie von sich abzuhalten und weitergehen zu können: ein nach innen und in die Kulissen, nicht nach außen gerichtetes Wort.
OKTOBER. Statt der drei kleinen hatte ich jetzt ein einziges großes, fast saalartiges Zimmer nach Norden, auf die Lauben hinaus. Schmuck, ja zierlich stand hier der Flügel im Raum. Die Wände hatten lichte Täfelungen, und der indische Schal mit dem weißen Feld fiel von der Decke bis zum Boden und schien eine Türe. Der Toilettentisch blitzte im Schatten auf: sein Hauptschmuck waren jetzt zwei silberne Renaissanceleuchter, vom Seidenaffen beschert.
Über das Zimmer selbst ist weiter nichts zu bemerken, als daß eine Reihe von Unterredungen dort stattfanden, die alle zu nichts führten. Ein Wort über meine politische Wirksamkeit. Wir wollen sie so nennen. Eine ganze Weile brachte ich gewiß alle Spionagen und Gegenspionagen zur Verzweiflung. Scheinbar für eine jede ein kinderleichter Fang, war das Verwirrende gewiß, daß ich gleichzeitig in Diensten sämtlicher Regierungen zu stehen den Anschein haben mußte. Wenn jemand keine Parteien kannte, so war ich es. Außer Japan, China, Rußland und Marokko durften nur noch Schweden, Norwegen und Dänemark sich rühmen, daß keiner ihrer Staatsangehörigen bei mir gewesen sei. Mein Zimmer war so recht die Halle der vergeblichen Zusammenkünfte, und wenn ich auch keine einzige vom Zaune brach, schob ich doch auch keiner einzigen den Riegel vor, selbst als mir kein Zweifel über ihre Vergeblichkeiten blieb. Der „Friede“, ein Wort, das mich im Schlaf elektrisierte, war wie das große Los oder wie das Leben eines aufgegebenen Kranken immer eine Möglichkeit. Und ob ich auch anfing, dem Kopfschütteln Fortunios beizustimmen, stürzte ich doch, wie Kundry im ersten Akt, bei jeder Veranlassung nach dem Heilkraut davon, das keine Linderung mehr bringen konnte. So setzte ich mich in Bewegung, so braute ich mit Todesverachtung meine Tees, ob mich auch schon ein wahres Grauen vor all den Nieten faßte, die sich zu Bergen vor meinem Tische häuften . . . Den dümmsten und ungeschicktesten Leuten schenkte ich dennoch Gehör. Vielleicht war gerade dieser Narr der reine Tor, vielleicht hatte ich doch recht.
Meine Verständnislosigkeit für Natur und Beschaffenheit dieses Krieges ging ja so weit, daß ich vom ersten Tage seines Bestehens an von Monat zu Monat überzeugt war, länger als sechs Wochen könne er nicht mehr dauern. Immer schien mir alles sein nahes Ende zu künden. Als zum ersten Male von zahlreichen Gefangenen die Rede war, dachte ich: jetzt ist bald Schluß. Als Ruhleben entstand, dachte ich: jetzt wird man verhandeln. Wer ließe seine eigenen Leute so im Stich? Obwohl ich, was die Schlechtigkeit des einzelnen anging, einen so radikalen Standpunkt vertrat und immer darauf aufmerksam machte, daß die Larven triumphierten und der Edle geopfert würde, ja, daß es stets ein besonderer Glücksfall sei, wenn er nicht unterliege, so hatte ich den so naheliegenden Schluß von der Familie zum Staat (und was ist sie anders, wenn nicht die Welt und Geschichte im kleinen?) merkwürdigerweise noch immer nicht gemacht. Immer noch wähnend, es ginge um den Frieden, da es ja gar nicht ihn, sondern Sieg und Niederlage galt, glaubte ich, durch meine Absicht und durch meine Gesinnung alle endlich zu überzeugen und für mich zu gewinnen, bis ich mit Entsetzen merkte, daß gerade meine Naivität Bedenken erweckte. Wie hätte auch Aramis, da es mir keineswegs an Menschenkenntnis gebrach, eine so große Weltunkenntnis bei mir vermutet? Und daß ich unter Kapitalismus immer noch einige Bankiers verstand? Vielmehr war es natürlich, daß eine Gesellschaft, welche den Krieg als eine Institution begriff, an meiner Friedensmanie Ärgernis nahm. Ich hielt mich für besser als sie, während ich vor allen Dingen unwissender war. Und diese Unwissenheit stellte zu meiner Soloarie den verdrießlichen Baß.
Dennoch war, als mir endlich ein Licht über die Welt und zugleich über mich selbst aufging, die erste Folge die Furcht. Ging ich spät die Lauben entlang, so faßte mich Schrecken, wenn nur die Umrisse eines Mannes oder nur sein Schatten hinter einer Säule sichtbar wurde. Da war ja eines jener unerklärlichen und gefährlichen Wesen, die es so eingerichtet hatten, daß ihresgleichen heute vielfach auf einem Beine durch die Lande hopsten.
Meine Tätigkeit, die sich vor jeder Offensive verdoppelt hatte, war nur mehr mechanisch. Die letzte Zusammenkunft, die sich in meinem Zimmer begab, fand mit Professor H. statt. Er berief sich auf wichtige Eröffnungen auf Grund amerikanischer Aufträge, die er zu machen habe. Es erfolgte noch einmal ein Depeschenwechsel mit den Restbeständen dessen, was man noch deutsche Regierung nannte, und was längst unter den Hufen der Militärkavalla zertreten lag.
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In diesem über alle Maßen traurigen Winter strich ich eines Abends müde durch die Lauben, als Abigail an mir vorüberschoß. Busoni spielt heute Abend! rief er mir zu. Nun lief auch ich und kam noch gerade recht, bevor er eine Orchesterfantasie von Weber zu spielen anfing. Und siehe da, man lebte, war seiner Ketten ledig und richtete sich auf.
Von nun an befaßte ich mich stark mit seinen Kompositionen und fuhr nach Zürich, wenn dort ein neues Werk von ihm zur Aufführung gelangte. Eine bequeme Gabe ist es ja nicht, den Wert eines überragenden Typs zu erkennen; sie legt Verpflichtungen auf; es ist nicht, als ginge sein Wohl und Wehe uns nichts an.
Verdrießlich genug ist es ja vielfach mit seiner Anhängerschaft bestellt. Wie an den Reichen die Profiteure, so drängen sich an den Schaffenden die Parasiten des Geistes heran. Und vielleicht, wer weiß, ist ihm in mancher Feierstunde, die ohne Anregung verlief, der Chor seiner Widersacher minder fatal wie der seiner Anbeter.
Von dem Unmut des alten und stark zensurierten Wagner, von einem verzweifelten Versuch sogar, den, öden Sockel auszureißen, auf dem er sich wie ein Götze gestellt sah, drang nur durch Zufall etwas in die Außenwelt. Während seine Umgebung den ungeheuren Überdruß der nachwagnerischen Ära bereiten half, ließ er selbst seine Werke weit und ungeduldig hinter sich zurück. Lange ehe seinem Lohengrin die grausige Popularität beschieden war, hatte er „mit Ekel in die Partitur gestarrt“[2]. Später eilte er schnell mit dem Nachtzug davon, wenn eine Stadt, die er bereiste, ihm zu Ehren eine seiner Opern ansetzte. Er hatte den schönen und naiven, wenn auch natürlich vergeblichen Wunsch geäußert, seinen „Ring“ ein einziges Mal auf einer eigens errichteten Bühne in höchster Vollendung zur Aufführung zu bringen, um sodann Bretter und Partitur auf immer zusammenzuschlagen[3].
Wer ein einziges Mal Friedrichs, den unvergleichlichen Darsteller des Alberich, während seiner kurzen Laufbahn vernommen hat, der vergißt nie die unheimliche Wirkung seines plötzlichen Vortretens, als er, hart vor der Rampe, mit seinem dunklen und prachtvollen Organ den Fluchgesang erhob. Sich selbst, die ganze Welt fühlte man da bedroht, und wer die Alberiche, wer die Nibelungen sind, und welche Bewandtnis es hienieden mit ihnen hat, wurde einem in unmißverständlichster Weise gelehrt.
Was aber kann so nichtssagend gemacht werden wie das Bedeutsame?
Gerade von groß angelegter Musik gilt das Wort: „La musique doit toujours nous surprendre.“ Laßt Dezennien des Schweigens und der Vergessenheit den „Ring“ begraben, damit sich von neuem offenbaren könne, welcher Vorhang da zurückschlug vor einer bis auf den Grund durchschauten Welt . . .
Erst die Züge des späten, weltberühmten und gefeierten Wagner zeigen den trüben, resignierten und abgewandten Schein, als dünke ihm jetzt erst, da alles erreicht war, alles vergebens. Mime und Cie. rächten sich, indem sie ihn ableierten. Als Kassenstücke ausgebeutet, wurde das Wagnersche Werk zum Unding, zur Säge, zur Obstruktion . . .
„Schafft neues!“ war sein immerwährender Ruf; dafür wurde à la Wagner weiter komponiert.
Sehr wagnerisch bewegt und sehr unwagnerianisch (denn was könnte es unwagnerischeres geben als den Wagnerianer?) ging ich eines Abends, von Busonis Hause kommend, durch die nächtlichen Straßen Zürichs, wo einst Wagner gerungen hat und heute Busoni ringt, und wo beide ein Asyl gefunden hatten. Mit letzter Gewißheit wußte ich da, daß der viel mißbrauchte Meister, der sich gerade über den so weit von ihm abliegenden Mozart so begeistert äußerte, heute gerade an dem selbstherrlichen Busoni und dessen von ihm sich entfernenden Wegen sein tiefstes Gefallen fände. Weit über das Leben hin tragen sich ja die wichtigsten Gegensätze aus. Denn sachte nur beliebt es den Göttern. Einen nach dem andern nur lassen sie zu Worte kommen. Ihr Neid duldet nicht das gleichzeitige Auftreten zweier allzu interessanter Fechter. Eher hielten sie ihnen eine Binde vor die Augen, als zu gestatten, daß sie ihre Klingen kreuzten.
Höchst merkwürdig aber ist es, daß die Persönlichkeit nie wichtiger gewesen ist, als jetzt in dieser Zeit der Massenschicksale der Hungers und der Kohlennöte. Nicht nur alle Spreu sehen wir heute inmitten der Äquinoktien aufwirbeln, auch manche Gesetztafel zerschlägt aufs neue. Der Heilige des Tages sucht nicht mehr die Wüste, sondern tritt mitten unter die Menschen und fällt unter ihren Streichen, nicht weil er die Abkehr predigt von der Welt, sondern um seiner Beglückungstheorien willen.
Aber nicht lange mehr wird der Auserwählte als ein Dulder gehen. Entweder sehen wir ihn bald als eine verlorengegangene Spezies ganz um die Ecke gebracht, oder sein Reich wird kommen. Es ist eine Täuschung, zu glauben, daß eine Welt, deren Schlechtigkeit und Gewalttätigkeit sich derart nach oben kehrte, so bleiben könnte, wie sie ist.
Hier mag stehen, was ich zwei Jahre später schrieb:
Busoni.
Ich hörte Busoni zum ersten Male vor zwei Jahren in Bern. Er sah mit einem Blick weit hinausgerückter Vereinsamung, den man an diesem Gesicht sofort begriff, gleichsam zu sich selber auf und fing an zu spielen.
Das gibt es also noch, dachte ich nach einer Weile. Da geht man mühselig seinen Weg, und plötzlich dies — dies plötzliche Angelangtsein, diesen Schauer der Ruh, diese unvermutete Herberge.
Bei Busonis Spiel, so herrlich es ist, will ich jedoch nur kurz verweilen. Er ist wohl deshalb der größte Pianist, weil er implizite einer ist, weil unter der Zauberformel, welche seine Finger darüber sprechen, die Metamorphose eines an sich zweifelhaften Instrumentes sich ergibt.
Wir kennen so manche vorzügliche Pianisten. Aber wie wenige machten uns das Klavier vergessen! Da ist Holz, sage ich, da sind Pedale, ein schöner Anschlag vielleicht und ein großes Können dazu. Aber für den Hörer nicht eben sehr nachhaltig: Klavier. Besinnt euch. Ist es anders?
Eher ließ noch das orchestrale Klavier Illusionen zu; ich habe große Dirigenten gehört, die es zu einem prachtvollen Notbehelf gestalteten. Von solchen Vorspiegelungen jedoch kann bei Busoni nicht die Rede sein. Dazu ist er zu sehr Kenner des Instrumentes, belauschte er es in allen Fibern zu genau. Etwas ganz anderes ist hier am Werk: Mozart hatte sich eine verzauberte Flöte ausgedacht: hier nun wurde tatsächlich das „Piano enchanté“ zur Wirklichkeit. Wir brauchen dabei nur an seinen Vortrag, der an sich kaum noch erträglichen Pianofortekompositionen Liszts zu erinnern, dieses riesenhaften und vermoderten Rosenbuketts mit verschossener Bandschleife . . . statt dessen wird eine ganze Epoche, die des zweiten Kaiserreichs, vor uns lebendig: Pracht, Tand und Duft, Fächerspiel, lächelnde Augen, Krinoline, Vergessenheit; alles retrospektiv gesehen, mit magischer Schärfe aufgerufen. Daher auch die ernste Maske im Hintergrund.
Schließlich, wenn alles gesagt ist, bleibt von einem Menschen immer nur das Neue. Die Geschichte unseres Geistes sind weitergegebene Signale. Aber nicht immer das zuletzt Gegebene wird von dem Kommenden aufgegriffen. Die Schrift ist kraus. Und die, welche an ihr schreiben, haben vor allem ihr geistiges Elternpaar, ihre geistige Familie und ihre geistige Sippe. Falls wir eine neue Zeit zusammenbringen, wird auch eine neue Heraldik mit ihr aufkommen. Gar merkwürdige Erzhäuser, Dynastien und ihre Nebenlinien werden sich da herausstellen. Und kaum einen Stammbaum dürfte es heute geben, der weiter verzweigt und interessanter zu erforschen wäre, wie der des so universalen Busoni. Keine Vaterschaft, die ihm an der Wiege gesungen wurde, sondern die sich vielmehr vor ihm verbarg, ihm vielmehr auferlegte, sie zu entdecken.
Viele Jahre hindurch ist es in seinen Werken wie ein umsichblicken, ein plötzliches horchen, sichunterbrechen und stillestehen. Konzessionen kennt er nicht. Was das unvorbereitete Ohr noch grau, abstrus, bizarr anmutet, sind die Schatten des Weges, auf dem er sich entfernt. Seine Zeitgenossen verlieren ihn aus dem Gesicht. Mit dem embarras de richesse, welchen Berlioz, Liszt und Wagner in das Orchester hineingetragen haben, ließ sich ja noch lange wirtschaften. Richard Strauß buchtete das von den Vätern Erworbene noch weiter aus, erstand noch die oder jene Pagode hinzu, und zum Beweis, daß er ein Allerweltskönner sei, schuf er in seiner „Ariadne“ eine antike Seite — ich brauche sie nicht zu nennen — von ewigem Wert.
Auch bei dem feinen, wenn auch kurzatmigen Debussy horchten wir auf. Einige noch unvernommene Töne schlugen da an, wie in Farbe getaucht, morbid, verzückt, nur scheinbar dekadent, nicht dekadenter, sagte ich schon, als ein Mondreflex auf einem verrosteten Gitter. Jedoch viel zu sagen hatte er nicht; auch er fragte sich nicht, wie es weitergehen sollte, und er verstummte schnell.
Genie ist nicht nur Fleiß (neben vielem anderen), sondern auch ein heroischer Ernst. Vielleicht ist Busoni nicht der einzige, welcher erkannte, daß die Musik in die wild überwuchernde Flora der Neuromantik nicht mehr tiefer hineinführte. Aber man kutschierte fatalistisch in derselben Richtung, demselben Kreise weiter, denn das Problem schien unlöslich. Nur nicht für Busoni. Es reizte gerade den Schöpfer in ihm.
Anfangs waren es nur Anregungen, welche er bot. Turandot; immer stärkere Anregungen, wie das Licht eines wachsenden Tages, in seiner Schrift „Zur Ästhetik der Musik“, in „Arlechino“; in seinen immer erstaunlichen Klavierkompositionen, welche dem Klavier — dem einstigen Spinett — so neue Dinge entlocken: Klangeinlagen, Klangunterlagen, eingebaute, eingetönte Perspektiven (wenn ich so sagen darf!) grüßen da aus unvermuteten Tiefen, wie grünleuchtende Seen. Auch rein äußerlich genommen, verfährt Busoni als Schöpfer mit ihm; auch auf den rein äußeren Ausbau dieses Instruments (immer ist ja der Entdecker in ihm rege!) drängen seine Kompositionen hin.
Scheint dies vielleicht von mäßigem Belang?
Welche Stunden äußerster Betrübnis muß das Genie durchleben! Wie müssen ihn da die Zweifel überwältigen, ob die ewig geschäftige und ewig unachtsame Welt das Geschenk denn auch entgegennehmen wird, welches ihr zu bereiten er sein Leben widmet!
Während sie von nichts anderem widerhallte, als ihrem sinnlosen Waffengedröhn, hielt Busoni sein schweres Ziel im Auge, drang er immer weiter vor, nahm er die Kurve, legte er die Schraube an. In seiner Isolation fand er die schöpferische Kraft, das Tor zu sprengen, und die in ihrem Riesenapparat festgefahrene, ja welkende Musik für eine neue Jugend flügge zu machen. Es wurden uns bis jetzt nur Bruchstücke seines „Faust“ bekanntgegeben, aber sie künden ihn ganz. Die reine Linienführung, die tempelhaften Umrisse einer neuen Klassizität, sanft gerundet, erheben sich wieder! Ein „Faust“ um so faustischer nur durch die neuen Streiflichter, die auf ihn fallen: die holde Blässe in der Feierlichkeit, ein in der Welt noch nicht dagewesener Adel des Klanges das Sfumato in der Trauer, Leonardisches, Latinismen . . .
Wenn ich sage, daß mit diesem seinem und zugleich so sehr unserem „Faust“ das Erbe Mozarts angetreten wurde, befürchte ich kein Dementi von der Zukunft.
Darf ich (so nebenbei) in Erinnerung bringen, daß Bettina Brentano über Beethoven, daß Julie de Lespinasse über Gluck zu beider Lebzeiten das Entscheidendste sagten?
Und wenn ich mich heute so gedrängt fühle, auf die Wichtigkeit Busonis immer wieder aufmerksam zu machen, so möchte ich hinzufügen, daß es in der Kunst sowohl wie in der Politik so etwas gibt wie ein „zu spät“. Auch hier sind die Gelegenheiten dahin, die man verpaßte — auch den Herren Klavierbauern rufe ich dies heute zu.
Busoni hat ja seinen Lohn sicher nicht dahin. Auf der von ihm freigelegten Bahn geht es weiter, und der Dank der Kommenden erwartet ihn. Aber sollen wir heute, wo die Kronen zu Dutzenden auf das Pflaster rollten, sie im Staube verkommen lassen und wie im alten Regime die wahren Könige nicht ausrufen und nicht unterscheiden?
Dritter Teil.
Das traurigste aller Jahre gehörte der Vergangenheit. Auch der Januar hatte ein Ende genommen. Ich war die Sklavin meines Flügels. Ihm zuliebe behielt ich das Zimmer der vergeblichen Zusammenkünfte.
Mit England und den Vereinigten Staaten war der Briefwechsel besonders schwierig geworden. Zuletzt würde es Mühe geben, sich die Gesichter seiner Freunde zu vergegenwärtigen, deren Bild nie eine Nachricht näher brachte.
Eines Nachmittags — es fing schon an zu dämmern — und meine Gedanken zogen über unerreichbar gewordene Küsten den gewohnten Weg, als statt vertrauter Züge, die ich wachrief, ein blankes, behendes Pferd aufblitzte von intensivstem Braun. Voll Ungestüm, beredten Blickes, als hätte es etwas zu verkünden, weckte es ein Echo großer Bangigkeit und verschwand.
Dafür blieb der ganze folgende Tag unter dem Eindruck eines so beseligenden Traumes, daß es ein Frevel wäre, ihn zu schildern.
Wiederum dämmerte es, und diesmal saß Fortunio in meiner Sofaecke, und wir unterhielten uns.
Das zwiefache an den Menschen, darüber waren wir uns ja einig, betraf ihren Ursprung. Insofern hatten die Extremisten recht, als sie nicht glaubten, mit dem alten Karren ins gelobte neue Land einzufahren. Leider aber brachten sie dabei ihre eigene Anhängerschaft ganz nach der alten Manier, nicht etwa der Artung, sondern der oft so rein zufälligen Meinung nach als wildes Durcheinander unter ein und dieselbe Flagge.
„Wie wunderbar ist der Mensch!“ sagte ich plötzlich, „was für Eingebungen er hat! Auf was für Dinge er gerät! Zum Beispiel in allen Sprachen Vergleiche wie die folgenden zu ziehen: marchez comme sur des nuages; to walk on clouds; wie auf Wolken gehen.“
„Warum?“ fragte er.
„Weil es das gibt. Nicht etwa nur in euren Dichterphantasien, sondern einer höheren, höchsten Physik zufolge. Wer ist der verwirrte Tropf gewesen, der als erster Wort und Begriff des Wunders startete?“
Ich wurde jetzt der Schneereflexe immer bewußter, welche in die Mollakkorde eines unvergleichlichen Zwielichtes fuhren. Nur wenig Wintertagen eignet dieser Schein, trauter als das von Sommerlüften durchwärmte, hölzerne Gartenhäuschen. Lange schmeichelte er sich an den Fenstern hin.
„Eine gesteigerte Natur,“ fuhr ich fort, „Kontakte, es sind Füße denkbar, zu welchen die Tragfähigkeit der Wolke sich verhielte wie Steg und Brücke zu den unseren: Gewänder, die zu solchen Füßen niederflössen, würde durch die Schärfe der Emulsion der Äther zum natürlichsten Geleise: weite Geleise solchen Füßen, und so sehr ein Teil von ihnen, während sie auf ihren Wolkensohlen reisten, daß von einer zifferlosen Arithmetik beherrscht, der ganze Himmel, und nicht etwa nur ein Stück von ihm, mit in den Raum sich drängen würde, über dessen Schwelle sie zögen.“
Hier verstummte ich, und so gebieterisch schwoll die Dämmerung an, daß meine Hände, wie Orgelpunkte in der Schwebe gehalten, plötzlich niederfielen, ihrer Unzulänglichkeit und Armut zurückgegeben.
„Wollen Sie Licht machen?“ fragte ich.
Während er sich anschickte, das Zimmer der ganzen Länge nach zu durchschreiten, war ich innerlich erstaunt über die Ausführlichkeit, mit der sich das Detail eines Bildes, welches doch als Ganzes, über alle Zeitbegriffe schnell zu Häupten meines Bettes aufgeblitzt war, festhalten ließe.
Doch warum faßte mich da wieder das unerklärliche Grauen, das nicht mehr einzufangende Echo des Grams des gestrigen Nachmittags, als mir im halbwachen Zustand das Pferd beredten Auges entgegenschoß? Welche Bewandtnis — — — — —
Aber da hatte Fortunio schon geknipst, die Lampe erstrahlte, und ich atmete auf.
5. FEBRUAR. Am Morgen dieses Tages stand ich angekleidet zu Häupten des Bettes und hielt meine Post. Sie war umfangreicher als sonst. Ein Brief mit ausländischer Marke und fremder Handschrift, den ich zuerst öffnete, umfaßte nur wenig Zeilen und meldete einen Tod, der schon vier Monate zurücklag.
Der Zahnarzt erwartete mich schon sehr früh.
Ganz undeutlich, wie von einem andern Ufer herüber, so daß ich nicht daran dachte, mich zu entschuldigen, schien er mir ungeduldig über mein verspätetes Erscheinen.
Ich wollte ihn ersuchen, das graue Schmerzenslicht von der gegenüberliegenden Mauer zu entfernen. Dann besann ich mich: zeigten doch alle Dinge, das Fenster, die Instrumente auf dem Tablett dieselbe böse und stechende Schärfe.
Desgleichen die Luft, als ich nach der Sitzung unter die Lauben trat. Sollte man sich es wirklich antun, sie hinabzugehen? War nicht vielmehr die Erde, dieser schwarze und zertretene Schnee, sich in ihm einzubetten mit zugekehrtem Gesicht, die einzige und unendliche Lockung? Die wehe Fackel des Gedächtnisses zu löschen, so zu verlöschen, als sei man nie gewesen, dieses war der Himmel. Oh wer war das? Wer war die Kreatur, die diesen ganzen Tag hindurch alle Gesten des Lebens so staccato verrichtete, an den Speisen dieselbe entsetzliche und befremdende Miene wahrnahm, wie an den Pinzetten auf dem Tablett des Zahnarztes, und wohin sie sich auch wandte, die Flucht ergriff; als wäre sie die aus Hoffmanns Erzählung entronnene Olympia — die Lauben hinab, die Treppen hinauf — in ihr Zimmer zurücklief — und sich umzog! — Einen blauen Hut aufsetzte, einen blauen! — und einen blauen Schleier davorband, und in das betäubte Antlitz starrte, dem er so ungewöhnlich stand — und einen Besuch abstattete — an einem Ofen lehnte, an ein Fenster trat, und durch seine, vom leichten Druck getrübte Scheiben sah, den die Wärme des Zimmers hervorrief. Es saß einer da, der erzählte, doch nur die Türe nahm sie wahr, durch welche sie wieder entrinnen und ins Freie gelangen konnte . . .
Dort fing es an zu dunkeln. Es nahm auch dieser Tag ein Ende.
Nur auf dem freien Platz und über der Brücke war es noch hell. Rauh, grell und öde brütete ein durchnäßter Wintertag. Ungemildert fing ihn der „Gurten“ auf: eine dunkle, ansehnliche Masse, und dennoch niedrig stellte sich ihm oh, so traumlos entgegen! Tropfnaß alle Dächer, die Bäume ein wirres und aufgelöstes Haar.
Das Uhrwerk war abgelaufen, und sie stand nun endlich still, wie überwachsen von ihrer Not. Ein Martergriffel umriß für sie die ganze Stadt, die sich im Widerscheine eines Sterbetages zur Krypta schloß, das Siegel seiner Qual für immer aufgebrannt. So fiel ein Tor.
Beim ersten Laternenschein prallte sie zurück. Jedes Licht war eine Tücke. Kein Dunkel war tief und ununterbrochen genug. Und riefen ihre Wände nicht nach ihr? Zu ihnen nahm sie ihre Zuflucht, schloß ihre Türe und überließ sich der Erschöpfung. In ihren Kleidern wie auf einem Sarkophag, ohne sich zu rühren, ausgestreckt, lag sie in den Armen und am Herzen dieser Nacht.
Siehe — was tauchte da wieder vor ihr auf? — Sturmentlassen, mit verhängten Zügeln, wie einem geisterhaften Stalle zugekehrt, das entfärbte, fahlgewordene Roß, dessen Botendienst geschehen war.
Zum ersten Male entsann sie sich da auch des andern Bildes, das sich zwischen einer Kunde und ihrer Ankündigung gnädig und wie eine Gnade stellte.
* *
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Und nun, oh Leser, fasse meine Hand, daß ich von dir selber gehalten, durch Dornen und Gestrüpp, Ziel, Sinn und Ende dieses Buches erreiche. Verlasse auf immer mit mir das Zimmer der vergeblichen Zusammenkünfte und folge mir nach Genf. Ferne dem traumlosen Berg, über der malerischen Stadt des nüchternen Lichtes, durch die Turmspitze versinnbildlicht, welche den Unterbau des Münsters niederdrückt, und seine Schönheit immerzu und immerzu verneint.
Selbst bei der schärfsten Bise leuchtete die Luft in Genf so abgetönt. Dort hauste ich nun, in einem unheizbaren Studentenstübchen im fünften Stock des hotel de Russie. Ein kleiner Balkon überhing die stets von Schwänen überzogene Insel Rousseau. Meine Taschen waren in diesen Tagen der Brotkarten mit Krumen wohlgefüllt, und mit heimlicher Befriedigung warf ich ihnen die rargewordene Speise zu. Nicht vergeblich glitten sie mir da immer sogleich, doch ohne jede unziemliche Eile entgegen. Ich sah ihnen oft lange zu. Sie standen in der Tierwelt so abseits; fast ein wenig abgerückt von der Natur. Bald würden sie zwischen ihren stolz aufgerichteten Flügeln ihre Jungen wie in einer geschlossenen Krone durchs Blaue tragen. Vielleicht gab ihnen ihre Ungefährdetheit die Muße, um den Tod zu wissen.
Die Zeiten waren derart, daß der Ortswechsel selbst einer so unwichtigen Person wie mir nicht unvermerkt blieb. Dinge aber, die mich vor kurzem in Aufruhr versetzt hätten, machten mir nicht das geringste. An der Telephonkabine war eines Morgens der Türgriff ausgekurbelt und wurde nicht wieder instand gesetzt. Dicht bei verbrachte ein dicker Herr seine Tage und rauchte Zigarren, indem er unverfroren horchte.
Indessen wurde ich von Herrn L — P. . . . dem Vater der im deportationsfähigen Alter stehenden Kinder aufs neue bestürmt. Seiner Frau blieben die Pässe verweigert. Ich schrieb jetzt auf gut Glück dem Grafen Carry, er möge mich über den Sonntag besuchen. Und richtig stand er da. Es war strahlendes Wetter, wir streunten über die Kais und aßen zusammen. An seine natürliche Güte hatte ich nie vergebens appelliert, und schließlich bildete sein Propagandawerk eine Art von Rettungsstation. An ihm klebte kein Blut. Da mir aber seine Beziehungen zur obersten Heeresleitung bekannt waren, log ich jetzt über die politische Zweckmäßigkeit einer Paßverleihung an die Familie L . . P . . . einiges Blaue vom Himmel. Wir setzten uns ins Freie. Erstaunliche Magnolien prangten schon in voller Blüte; an eine Tanne, grünblau, weiten Hauptes wie eine Pinie, und immerzu umschwirrt, preßte sich ein glückliches Vogelhaus. Carrys Augen hingen voll Entzücken daran.
„Da geht mein schlimmster Feind“, sagte er plötzlich. Klein, mit niederträchtiger Visage, kam hinter den Magnolien ein Landsmann von uns hervor. Von übelster Vergangenheit, dabei Träger eines großen Namens, für den Nachrichtendienst also wie geboren, lauerte er dem Frieden um so emsiger auf, als die Dauer des Krieges mit dem Interim seiner Rehabilitierung zusammenfiel.
„Natürlich haßt er Sie“, sagte ich zerstreut. „Was erwarten Sie sonst?“
Abends — der Graf war schon abgereist — kreuzte ich mich nochmals, über die Brücke zu den Schwänen gehend, mit der hochgeborenen Krapüle, die mit einem Basiliskenblick an mir vorüberging. Tags darauf — ich dachte gerade an das blauzerfließende Grün der Tanne und an den großen Blumenbaum, der in dieser Sonnenhelle wohl noch heller erblüht war, als ich ans Telephon gerufen wurde. Vor der Zelle saß trägen Auges der mir zugeteilte Herr mit der Nachmittagszigarre im Mund. Heute aber sollte er auf seine Kosten kommen. Denn im höchst aufgeregten Ton forderte mich eine Genfer Dame zu sofortiger Aussprache auf. Ihr Haus sei mir offengestanden, sie habe mir ihr Vertrauen geschenkt, und nun müsse sie hören, daß ich es mißbrauchte.
Ich machte mich ziemlich gemächlich auf den Weg zu ihrem Hause. Seit jenem Tage, als sich Bern für mich zur Krypta schloß, war mir erst bewußt, daß ich mit nichten ein verkannter oder verlassener, sondern einer der wenigen innerlich wirklich beschützten und durchschauten Menschen gewesen war.
Wie oft hatte — weit vorgreifend, ach! — mein Ohr das melodische Lachen zu hören geglaubt, wenn ich dereinst alles erzählen würde, alle Zwickmühlen und alle Abenteuer, in die ich geraten war.
Ein ganzer, ein wirklich unvergeßlicher Mensch, dachte ich, von Trauer niedergedrückt, ist nirgends zu Ende. Unerschöpft und ganz unausgespielt sinkt er zu Grabe. Abgerissen, doch nicht abgesponnen, ist der Faden eines solchen Lebens.
Wenn aber Kinder des Lichtes zusammentreffen, ist das schon ein Glück des Himmels. In dem hin und her ihrer Blicke und ihres erkennens liegt das Vorgefühl ihrer Macht. Zu uns komme ihr Reich.
Mit der Genfer Dame war ich schnell im reinen. Wir spielten beiderseits mit offenen Karten. Die hochgeborene Krapüle hatte verbreiten lassen, die deutsche Propaganda arbeite nunmehr mit so raffinierten Mitteln, daß sie kompromittierte Personen, wie mich, zu Werkzeugen mache. Den Beweis hielte er in der Hand. (Es war mein Frühstück mit dem Grafen Carry.) Natürlich war seine Behauptung wohl geeignet, mich in Genf unmöglich zu machen. Er hatte sich nur insofern verrechnet, als meine dortigen Freunde sich unverweilt mit mir ins Vertrauen setzten. Dieser Zwischenfall war also beigelegt.
Als ich wieder in die Allee einbog, welche von ihrem Hause bis hart an die Straße führte, drangen durch ein offengebliebenes Fenster die Worte: „Je suis bien contente de le lui avoir dit“ laut und vernehmlich ins Freie; Mir aber saß jetzt ein ödes Gefühl im Magen, ein Ekel, das würgen einer allzu krampfhaft unterdrückten Bitterkeit. Ein Durst zugleich; das lechzen des Trinkers, der nach dem Becher vergeht; es mußte etwas, das Palliativ, die Betäubung mußte her. Es war das alte Laster, hui! Und lag sie nicht dicht bei, die avenue de Florissant? wußte ich nicht, zufällig, daß sie dort wohnte, sie, die den Schlüssel zu den geheimen Toren hielt, die ich begehrte? Heute noch, nein, sogleich mußte ich hin.
Und schon betrat ich unangemeldet die großen Räume, in welchen die malerische Französin zwischen ausgehobenen Türen nach allen Seiten hin den Ausblick über Gärten und Büsche genoß. Es war eine ganze Welt von Bäumen in ihrem ersten Grün. Mademoiselle S., eine Pariserin der ernsten und wenig bekannten Art, trug einen orangefarbenen Foulard um ihren Kopf gewunden und gestand ihre Kopfschmerzen, aber nicht ihr Befremden über meinen Besuch. Wir hatten uns ein einziges Mal während des Krieges flüchtig kennengelernt, und nun lagerte ich, jedem Argwohn zuvorkommend, indem ich ihn einfach niedertrat, auf einem Diwan ihres Salons, den verwirrenden Frühlingszauber ihres Parkes vor Augen.
„Sie sind im Besitze der Adresse eines Mediums,“ sagte ich, „die ich suche.“ Und sie erhob sich, an ihnen Schreibtisch zu treten; eine hohe und dunkle Gestalt, weder so schön, noch so jung vielleicht, als sie an diesem Abend schien, den blassen und melancholischen Kopf vom seidenen Turban eng umschlossen, und all die Wipfel, die in den Rosenhimmel ragten, als Hintergrund. Sie reichte mir die Adresse, und wir sprachen von allgemeinen Dingen.
„Es muß heute doch ein eigener Segen auf allen Schlechtigkeiten ruhen,“ sagte ich, „da, was immer man Gutes und Hilfreiches unternehmen möchte, sofort in Mißlingen und Gestank aufgeht.“
„Wie könnte es anders sein?“ gab sie zurück, „das Geschwür ist noch lange nicht reif. Vorerst muß alles ihm allein zugute kommen.“
„Es gibt aber Geschwüre en permanence“, meinte ich. Doch sie schüttelte den Kopf, unbeirrbar in ihrem Glauben an eine bessere Zukunft.
Es herrschte zwischen uns die kurzbefristete Vertraulichkeit zweier Reisegefährten eines nächtlichen Zuges. Nichts ist so unverbindlich wie ihr Auseinandergehen.
Denn schon war ich wieder unterwegs, einer andern Himmelsrichtung, einem Genf, das ich nicht kannte, zugewandt, nicht wissend, daß es auch seine anonymen Viertel hatte, die scheinbar nicht zu ihm gehörten, sondern in ihrer Bedrücktheit ganz allgemein die Straßen einer größeren Stadt darstellen. Zwischen solchen Häuserreihen war ich jetzt auf der Suche, fand die Nummer, stieg vier Treppen hoch und läutete und wartete. Eine im Dunkel undefinierbare Gestalt öffnete endlich langsam die Türe.
„Wollen Sie mich melden?“ sagte ich, ohne meinen Namen anzugeben. Sie rührte sich nicht. „Wollen Sie mich melden?“ wiederholte ich. Sie schwieg. Sie war es selbst. Stumm standen wir einander gegenüber. Unsere Blicke belauerten, betasteten sich. So tauschen wohl in einer Höhle des Lasters zwei Eingeweihte zögernd ihre Erkennungszeichen: es waren die verschleppten Schatten unserer Augen und ihr matter und verlöschter Schein. Und wie loderte schon die Luft! Oh welch ein Wellengang! Welcher Sturm inmitten der Stille, die zwischen uns entstand. Ich folgte der Gestalt, die vor mir zurückwich. Sie trat, als hätte ich sie gestoßen, in die Umrahmung einer Türe, die hinter ihr nachgab, und taumelnd trat ich ein.
Dem glücklich Liebenden gleich streifte ich in jener Nacht, hingerissen, berauscht, von tröstlichen Schauern durchrieselt, die Kais entlang. Wie Antäus die Erde, hatte so mein Fuß die belebende Leere berührt? — War’s ein geistiger Aderlaß gewesen? War’s der letzten Hingabe entsetzliche Betäubung oder die eleusische Flut? Und wird sie einmal einer nennen dürfen, die einmaligen Gefilde ohne Wiederkehr und Verbieter des Wortes, die ein Blick zu ihnen ein Wenden des Kopfes nur, zu ewiger Ungewesenheit entstürzen läßt . . . .
Oh Eurydike!
Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, nahm ich das Schiff. Als es in Ouchy anlegte, zog mit einem Male Fortunio an Bord. Wir waren beide nicht wenig erstaunt. Ihn aber schien die Bläue des Tages und das in Verzückung zurücktretende Ufer von sich selbst fortgerissen zu haben, und es war ersichtlich, daß er träumte. Das Leben hielt er dann für schön, besann sich des Augenblickes und der Weltgeschichte, wie auch seines eigenen Erwachens nicht, sondern, ganz Echo, war er gefangen von ein paar Weisen, welche manchen Tages die Natur anhebt, und den verwandelt, der sie hört.
„Lassen Sie sich das Neueste erzählen“, stieß ich ihn an und gab mit allen Details die Mine zum besten, von der ich in Genf hätte auffliegen sollen. Wie ergiebig Graf Carry dabei mit „belegt“ worden war, kam erst später ans Tageslicht. Mit der Warnung an meine Schweizer Freunde nämlich, sich vor einer deutschen Agentin wie mir etwas in acht zu nehmen, erging gleichzeitig eine Meldung an deutsche Instanzen in Bern, Graf Carry wisse so wenig die Würde seines Amtes zu wahren, daß er sich nicht scheue, mit einer französischen Agentin wie mir öffentlich herumzuziehen. Aus dem Mittagessen wurde der Pikanterie halber ein trautes Souper.
„Diese Zeit“, sagte ich zu Fortunio, „hat den Untermenschen doch wirklich den Maibaum ihrer Existenzen gebracht, und es gehört mit zu den läuternden Wirkungen des Krieges, daß ihn die Krapülen überleben. Denn wenn eine, statt als sein Helfershelfer reklamiert zu werden, in die fatale Lage gerät, selbst an den Heldentod glauben zu müssen, so ist das doch ein ganz seltenes Pech.“
Fortunio fuhr mit dem Abendzug nach Bern zurück, und ich blieb in Clarens.
Um Ostern wollte ich Romain Rolland besuchen und sagte mich in Villeneuve an. Allein es war jener Karfreitagmorgen, an welchem eine oberste Heeresleitung, wie um seiner zu höhnen, die Kanonade von Paris nicht unterbrach, eine Kirche während des Kultes einstürzte und die Anwesenden unter sich begrub. Daß mein angekündeter Besuch auf das hin unterblieb, verstand sich von selbst. Für mein Gefühl war dieser Karfreitagsvolltreffer das schwarze Aß, das sich Deutschland selber ausgeworfen hatte. Eine solche Absage an die tragende Idee des Christentums war zu zynisch, um nicht ominös zu sein. Sie war — man verstehe mich recht — wüstester Protestantismus. Luther galt mir nur deshalb als einer der Ahnherren des Krieges, weil sein auftreten das Übergewicht des nördlichen über das westliche und südliche Deutschland anbahnte, und ein kahles, unkünstlerisches, unmusisches und humorloses Element in den Pulsen der Deutschen entsprang: Phantasielosigkeit und Unmusik. Wagt es vielleicht einer, Sebastian Bach einen Protestanten zu nennen? Der Protestantismus stak damals in seinen ersten Anfängen, noch belebt von der Wärme des Stammes, von dem er sich losriß: protestierender Katholizismus. Der wirklich ausgewachsene konsistorialrätliche Protestantismus gedieh erst in den letzten Dezennien zu der vollen Reife und dem gleichzeitigen Marasmus. Die fürchterlichen Lutherschen Kirchen, das toteste an Architektur, was in der Welt zu sehen ist, sind Geist von seinem Geiste. Alle unfrohe Geschmacklosigkeit, den Mangel an Grazie und Liebenswürdigkeit, das Reformkostüm, die Jägerwäsche danken wir ihm. Undenkbar, daß von München aus die Reichsbriefmarke, als die häßlichste der Welt, hinausgeflattert wäre. Nein! fürwahr, diese Germania stieg so recht als die fille ainée der protestantischen Kirche. Sie brachte den unheilbaren Riß, über den keine äußerliche Geeintheit hinweghalf. Denn ihr verdanken wir das verständnislose abrücken von der lateinischen und abendländischen Welt, das ein südliches, fränkisches und westliches Deutschland nie herbeigeführt hätte.
Statt des café du Nord wurde jetzt der Kursaal von Montreux meine Schreibstube. Den Nachmittag beschloß ich mit Vorliebe im kleinen Saal des Konservatoriums, wo ich mit einem russischen Cellisten musizierte. Aber A. H. Pax wollte wieder einen Beitrag. Es gibt heute nur ein Thema, schrieb ich ihm:
Und wir hätten alles von der Methode jener glücklichen Spekulanten zu lernen, welche sich offenkundig als die weitaus schärfsten Psychologen erwiesen, indem sie irgendein Präparat, eine Zahntinktur oder ein Extrakt dadurch zu allgemeinster Geltung verhelfen, daß sie deren Bezeichnungen in grellen Riesenbuchstaben an Mauern, Säulen und Schlöten anschlagen, sich gleichsam an die Fersen des Vorübergehenden heften, selbst auf Bergeshöhen sich zwischen ihn und die Aussicht schieben, ja von Felswänden herab ihm unerwartet Odol! Haarlin! oder Bovril! entgegenschreien.
Wäre heute nicht die Beachtung gewisser Zustände mit einer ebensolchen vorbildlichen Hartnäckigkeit zu erzwingen? Durch ein ungeheures Preisausschreiben etwa, das an alle Maler, der ältesten wie der neuesten Schule, erginge, um auf Bildern und Plakaten, mit beliebigem Raumverbrauch, die Wirklichkeit zu illustrieren, allen Brücken und Wegen entlang sie immerzu neu einer Allgemeinheit zu veranschaulichen, deren geistigen Stumpfsinn nur jene Menschenkenner von Spekulanten voll ergründeten. Daß es keine intellektuelle Notwehr gibt, und daß wir lieber untergehen als daß wir dächten, hielten wir ja nicht für möglich, bevor wir es erlebten. Wie hätte sonst über unsere Köpfe hinweg jene Phalanx der Niedrigen zustande kommen können, die sich heute mit so bewundernswerter Regie über alle Grenzen hin in die Hände arbeiten? Auf uns, die sie gewähren lassen, fällt der Fluch dieser Zeit zurück. Nicht auf die schlechten, deren Tun im Einklang steht mit ihrem Wollen; auf uns, nicht auf die Knechte, welche sich zu unseren Herren machten, sondern auf uns, die wir uns von ihnen knechten ließen. Sollte der Tag hereinbrechen, an dem es zu spät sein wird für unser zusammengehen, so werden wir, die guten Willens sind, als die Schuldigen stehen, weil uns der Mut unseres besseren Wissens gebrach, dem Genius des Krieges die Siegermaske von der gedankenlosen Stirn zu reißen. Ah! wir bedachten nicht den tiefen Sinn jener Sage, welche den Drachentöter die Sprache der Vögel verstehen ließ, als er vom Blut des erlegten Ungeheuers genoß!
Es waren stille Tage. Der Sommer reifte wie eine Frucht. Schon rissen Gewitter den Himmel auf und schlugen die Wellen bis zu den herabhängenden Blüten am Ufer. Und die Nächte verströmten betäubend und lau. Es war ein Wandeln wie im Traum, bedrückend und begeisternd zugleich. Meine Unterredung mit dem Grafen Carry datierte vom 5. Mai. Schon am 17. depeschierte er mir, die Pässe für Frau v. L . . . . und ihre fünf Kinder seien gewährt.
In den Weinbergen surrte das Licht, die goldenen Bienen waren eins mit ihm. Ob man lebte oder gestorben war oder eben geboren wurde, machte keinen Unterschied. Es war zu heiß. Den schönen Damen standen die Koffer gerüstet. Ihre neuesten Kostüme und Kleider, die seidenen Sweater und die Hüte und die Schuhe kannte man jetzt. Es war Zeit, in einem neuen Ort neu darin zu erstehen.
Für den 29. waren in Zürich Busonis Opern unter seiner Leitung angesagt. Dort sollte ich mit Fortunio zusammentreffen, und dann an den Thuner See mit ihm fahren. Aber statt seiner kam ein Brief, und meine Stirne umwölkte sich beim Anblick seiner Adresse: Es war ein Mißgriff und eine Illusion, daß er die Villa des geölten Nibelungen bezog. Kurz herausgesagt, wir beiden konnten einander nicht leiden. Ich grollte ihm nicht, weil er meine Haltung verurteilt und mir versichert hatte, wir seien immer noch zu anständig; sein plötzlicher Radikalismus, vielmehr die Art, wie er sich als unser Leithammel aufwarf, ärgerte mich. Denn er war keiner von den Unseren. Mit Lanze und Speer kam ich ins Spiezer Schloßhotel, ihn zu bekämpfen. Dort warteten A. H. Pax und seine unschätzbare Gattin seit einer Woche meiner. In der Halle stand ein Bechstein, und von Paxens tiefer Loggia aus hatte man den Blick nach Süden über die Alpen und den See. Bei ihnen waltete Überblick, Wissen und Nächstenliebe, dazu ein Aroma von Wiener Kaffee und Gemütlichkeit, die nicht zu überbieten waren.
Die Villa des Geölten lag unter den Tannen in der Tiefe, einen Kilometer entfernt und in wundervoller Lage. Ein kurzer Weg bog vom Gitter bis zum Hause, als wäre er unendlich, ein. Die veredelten Kirschbäume, die ihn beschatteten, bestahl ich, soviel ich konnte. Es verdroß Fortunio, doch ich erklärte, Kirschen nur vom Baume essen zu können, und riß im vorbeigehen immer welche herab. Es waren wirklich Kirschen für Hesperiden. Die unteren Zweige hingen schon leer.
Der geölte Nibelung gehörte dem Geschlecht derer an, die nicht nur geschäftskundig, sondern auch mit regen Sinnen für das Schöne begabt, zu überaus tüchtigen Faktoren berufen, dabei haarscharf an ihre Stelle zu verweisen, ja niederzuhalten sind. Unsachlich, ungedanklich, nur der Witterungen, aber keiner Erkenntnisse fähig, konnte er sich nach innerer Herkunft und Bestimmung höchstens zum Sklavenhalter, niemals zum Herren vermögen. Gütiger Regungen sehr wohl fähig, war der geölte Nibelung infolge seines unbändigen Ehrgeizes der glücklose Knecht, außerstande sich zu bescheiden. Über ihn wölbte sich der freie Himmel nicht unmittelbar, zwischen ihm und dem Äther, den Göttern und der Natur lastete eine trennende Kuppel. Fortunio aber, und wenn er tausendmal zerschellte, war ein Sohn des Lichts. An ihn klammerte sich der Geölte, von trüben Stacheln getrieben, und eiferte um die gleiche Stufe der Leiter mit ihm; von Eifersucht und Zuneigung gleicherweise gequält, suchte er — immer unbewußt — ihn an sich zu reißen oder ihn zu verderben. Seine Gattin liebte es, vierhändig zu spielen, ihr Anschlag war eine Pein, und ich stand sehr bald mit beiden übers Kreuz. So ging ich nicht mehr den kurzen Weg, der zwischen Gitter und Haus ins Unendliche lief, und sah von dieser Stelle aus nicht mehr den Niessen wie eine Riesenpyramide inmitten des fruchtbaren Tales stehen.
Der Himmel freilich kam hier nie zur Ruh, und die Gegend war mehr eine großartige, opernhafte Szenerie, denn eine Landschaft, das Licht ein Beleuchtungsapparat; statt der Spiegelungen hatte man Effekte. Das Schreckhorn leuchtete in der Verkürzung, der See war eine Arie.
„Komm, komme!“ schrieb der Seidenaff aus St. Moritz. „Wer weiß, was mit uns in einem Jahre geschieht.“ Und eines Morgens reiße ich aus, um den Sommer im Engadin zu beschließen.
Mein Weg führt über Bern, und ich mache bei Martin im Walde halt. Er ist schwer niedergedrückt. Das deutsche Verhängnis war für jeden, der außerhalb des Landes wohnte, unaufhaltsam. Ich schreibe eine Depesche unter seinem Diktat und renne damit zum bayrischen Gesandten. Dieser besteht darauf, Martin im Walde selber zu sprechen: ich also mit Windeseile zu ihm zurück und ihn so lange quälend, bis er mir folgt. Aber welch ein Interview! Alle heißen und kalten Wasserhähne sprühten um die Wette, daß es nur so pfiff.
Die Depesche hat er aber abgeschickt, mache ich auf dem Heimweg geltend.
Sie übermittelte jedoch diejenige Brause, die man sich auf Wochen noch verbat.
Fluchtartig verließ ich die Stadt der vergeblichen Zusammenkünfte.
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