Palace Hotel, St. Moritz.

AUGUST 1918. Man hätte sich auf dem Berge Arrarat glauben können, wären unter den Geretteten nicht so viele gewesen, die mit einem Mühlstein am Halse zu tiefst der angerichteten Sintflut zu liegen verdienten. Diese Menschenmetzger, Gewinnler am Elend der Menschheit und gemästet von ihrem Blut, hier machten sie sich breit und schlemmten.

Gleich bei meiner Ankunft hatte ich den Seidenaffen besucht und war auf der Treppe gestürzt, so daß ich bleiben mußte, wo ich war. Doch inmitten des Geschwirres begann da für mich ein Leben wirklicher Beschaulichkeit. Ich kannte niemanden, mit San Cividales verkehrte ich nur in den oberen Räumen, unten mieden wir uns, denn wir waren ja Feinde. Auf den Stock gestützt, hinkte ich, wenn Sajani mit seiner kleinen Kapelle spielte, zu einem Schreibtisch in der offenen Galerie, die Berge von Pontresina vor Augen, die ekstatisch nach Süden träumten; unten der tiefgrüne Bergsee und der Waldweg seinen Ufern entlang; St. Moritzbad im Rücken, damit ich es nicht zu sehen brauchte.

Es war sehr oft „etwas los“. Alles strömte dann nach derselben Richtung, um sich im Sportkostüm zu treffen, bevor man sich im Abendkleide wieder begegnete. Dann spielte die Kapelle ins Leere, ich aber zog unter den Baldachin, die Tangonoten verschwanden, und wir spielten Trios. Es schlichen immer ein paar unbeschäftigte Kellner herein, und dies Kellnerpublikum war uns ein Sporn.

In der Umwertung der Gesellschaft selbst besteht heute die eigentliche und tiefe Revolution. Ein rein äußerlicher Staat hat merkwürdigerweise aufgehört, elegant zu sein; das Prestige einer Klasse als solcher, mag es noch einmal aufflackern und sich noch eine Weile fortläppern, ist dahin. Diejenige Klasse, die überall am Kriege die unschuldigste war, wird täglich an Interesse gewinnen und ihren Tag erleben. Der Arbeiterstand als Magnet: so schnell reiten die Toten! —

Wie faszinierend war es indes, die Herren von vorgestern zu beobachten, welche wähnten, daß sie es noch seien, und die höchstens noch der Wirt, bei dem sie abstiegen, in dem Glauben erhielt; diese Herren auf Abbruch, die nicht merkten, daß ihre Füße sich schon im Gerölle fingen. Müßigkeit und Unwissenheit hatten ihre Norm so tief herabgedrückt, daß, um ein Beispiel zu geben, edle Musik eine Zumutung für sie gewesen wäre. In der Tat, es lohnte sich, sie zu studieren. Sie machten noch die Gesten der Väter, aber schon war der Pöbel bei ihnen eingebrochen und schuf sich in diesem äußersten Rechteck der Gesellschaft ein Ventil. Nirgends vielleicht hatte sich die Achtung für inneren Wert so sehr verringert und kam innerer Adel so wenig in Betracht. Wie viel ritterlich Gesinnte zählte man unter diesen Kavalieren? Wie viel Strebende? Was die Unbildung, die zunehmende Verrohung dieser Clique betraf, so stand sie den von ihr verhöhnten nouveaux riches, welche Wurstkonserven zu Magnaten erhoben hatten, innerlich schon am nächsten, und es war rührend zu sehen, wie hier die Elite — denn auch die sogenannte Elite hat natürlich ihre Elite, und ich weiß keine liebenswertere — von ihr abrückte und sich ihrer schämte.

Auch den Trost von ein paar wirklich schönen Frauen hatte man hier. Der Seidenaff zwar verzog sich des Abends immer sehr bald. Sah man nach ihr um, war sie wie ein Vogel schon weg.

Aber die leidende Sylvia, schön wie eine gestirnte Nacht, tanzte so gern. Und ob man sich auch sagte, die Melancholie ihres Lächelns, ihres Lachens sei nur Zufall, nur der Form ihrer göttlichen Lippen, dem Licht ihrer Zähne entblüht, sie entzückte darum nicht minder.

Eine andere kam zuweilen von Suvretta herüber, ein Püppchen, so zierlich gebildet, als wäre sie in einer blitzend ausgeschlagenen Nußschale dahergefahren.

Eine vierte war noch da, von der ich noch reden werde. Aber laßt mich bei der gestirnten Nacht noch einmal verweilen. Meistens trat sie erst, nachdem der Tag zu Ende war, scheinbar ausgeruht, in ihrer düsteren Pracht hervor, blieb dann bis zum Hahnenschrei, wie die Braut von Korinth, und hielt ihre Tänzer in Atem.

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ANFANG SEPTEMBER. „Ich hörte lange nichts von euch“, schrieb ich an Fortunio. „Was Sie nur treiben?“

Mein Fuß war endlich hergestellt und einer längeren Fußtour gewachsen. Eines Morgens verließ ich früh das Palace Hotel in Bluse und Rock, einen Sack umgeschnallt, in dem ich eine ganze Reisetasche leerte, und einen eigens dafür erstandenen Strohhut, der so tief hereinfiel, als man wollte. Also ausgerüstet, zog ich nach Maloja, schlug aber bald den Waldweg ein, denn die zahlreich einherrollenden Wagen hüllten die Straße in Staub. Frech auf den Polstern ausgebreitet, mit befriedigten Mundwinkeln, fuhr ein Schieber nach dem andern froh zu Tale, oder dem Julier entgegen; ein feister und wohlgemuter Korso: der Krieg durfte noch dauern.

Am andern Ufer der Seen jedoch wand sich ein stiller Weg um jede Bucht, nimmermüde, sie zu umschreiben, leis umplätschert, geduldig und verliebt.

Ich riß den Hut vom Kopfe, steckte ihn in den Sack, und ließ die Stirne frei von den Gletscherwinden umwehen. Es war so schön, wieder schnellen und gesunden Fußes durch die Wälder zu gehen, die bis in ihren tiefsten Schatten von Licht und Hitze durchhaucht, statt des Staubes einen Geschmack von Harz und Erdbeeren auf die Zunge trieben. Ganz plötzlich wurde es kalt. Hoch am Himmel hielten die Wolken Rat, ob sie sich zusammenballen und den Herbst eröffnen sollten. Dann zerstreuten sie sich wieder und ließen die Sonne durch. Aber es war ganz deutlich, daß sie sich nur vertagten.

Spät am Nachmittag saß ich in der berühmten Konditorei von Sils Maria, als ein Wagen vorfuhr, dem die vierte Schöne des Palace Hotels in Begleitung ihres Liebhabers entstieg. Es war die notorische liaison des diesjährigen Sommers. Er, so stolz auf seine Figur, daß er Modell stand, sowie man nur hinsah, aber dabei das Entzücken seines Schneiders mit dem des Malers verwechselte; die Stirn niedrig und leer, wie die eines Stallbediensteten, und einen der Anlage nach gewiß nicht groben, aber schon stark vergröberten Kopf. Bald, sehr bald würde von dem ganzen Zauber nur noch die Hengstallüre übrigbleiben.

Die Schöne hatte am nächsten Tische Platz genommen, so daß ich ihre kühle und strahlende Erscheinung mit Muße betrachten konnte. Der Schmelz, die Zeichnung der Brauen und des Ovals, die Augen, wie große, kostbare Edelsteine eingesetzt, waren die eines vollendeten Renaissancegesichtes. Man konnte sich kein typischeres denken. Ihr Lächeln beunruhigte. Und doch war sie so jung! Jugend hielt noch, wie die Staubfäden einer Blüte, Fesseln und Gelenke zusammen. Sie hatte sich erst ihres Schleiers entledigt, nun folgte der Hut. Sie legte ihn neben sich hin. Ihr Haar, mit unerhört raffinierter Schlichtheit getragen, umschmeichelte nur die Schläfen mit seinem Gold und ließ die Stirne frei, jetzt wandte sie den Kopf. Da aber kam ein platter Hinterkopf zum Vorschein, der Kopf der Viper, da woben schon unendlich leise Fäden an ihrer künftigen Häßlichkeit, und da kündete sich von fern der nach außen gerichtete, erinnerungslose Blick der Vierzigerin, ohne Rückwärtsschauen . . . Lange blieben die beiden nicht, stand doch die lange Fahrt noch aus, und mußte sie doch ruhen, bevor sie sich langsam wieder schmückte zum spätesten aller Diners. Nicht nur mit ihren Abendkleidern, auch durch spätes Erscheinen wetteiferten nämlich die Damen im Palace. Konnte auf der Welt etwas ordinäreres sein, als schon um neun zu Nacht zu essen? Und war dies nicht der Gipfel?

Ihr Geliebter legte ihr jetzt den Umhang über, mit jener tiefen Ehrerbietung, die ein solcher Mann einer solchen Dame gegenüber, die solche Perlen mit in die liaison brachte, empfinden mußte. Auf seine Hand gestützt und von den Kindern des Dorfes umstaunt, schwang sie sich auf das Gefährt und griff in die Zügel.

War es Einbildung? Hatte der Jammer des Krieges meine Augen geschärft? In dieser zarten und köstlichen Gestalt hatte ich deutlich den Brustkasten der Kindsmißhandlerin gesehen. Welch ein Scheinleben kutschierte da dahin? Das leichte Getrapp ihrer Pferde, dann das Echo ihres Getrappes hallte noch lange von den Felsen herüber.

Was war es, das mich so feierlich stimmte?

In den Gasthäusern und Hotels ging jetzt überall ein Klappern von Tellern und Bestecken los. Es wurde geläutet und gegongt, und wer nicht im Restaurant aß, der mußte sich bescheiden, vorgekochtes der Reihe nach zu essen; ein Zwang wie ein anderer. Da war es schöner, noch etwas zu streunen.

Ein ungewöhnlich starker Mond stand in seiner ganzen Fülle; es wuchsen die Berge unter seinem Hauch, das Dorf erblaßte wunderbar, eine graue Bank ward ganz sie selbst. Die Funksprüche der sich bereitenden Nacht liefen wie toll alle Täler entlang, und schon waren alle Täler berauscht. Auf dem Platze hielt ein Gespann, die Gäule hielten die Köpfe gesenkt, als ob sie träumten. Ich lief hinzu. Es war die Post, die nach Maloja fuhr. Es gab noch einen Platz. Ich sprang hinein. Die Pferde zogen an. Bevor wir noch das Ufer erreichten, stieg ein Reisender aus. Außer mir blieb nur ein Liebespaar, das sich an den Händen hielt. Es war sich Mondschein genug.

Den Kopf hinausgestreckt, trank ich diese Nacht, und hatte sie für mich allein. Nichts war mehr, wie es war. Der See lag im Silberschleier regungslos wie eine Tote, und der Mond goß Myrthensträuße über sie herab. Nur das Gras des Ufers erhob sich in gespenstiger Lebendigkeit. Sicher war es nur ein Spiel der Luft, daß die Berge hier zerfielen. Blöcke sich lösten, als sei die Welt zu Ende; Felsensäle bauten sich in die Klüfte ein, Riesengemächer warfen sich dazwischen. Es konnte nicht sein, und so sah die Welt nicht aus. Auch die Liebesleute waren anders wie zuvor. Dieser edle Pensieroso stieg als ein unscheinbarer Tourist in Sils Maria ein, und sie hatte weder dieses Haar, noch diese Lippen gehabt. Morgen würde hier die Sonne auf ödes Schilf vielleicht hinbrüten und das Paar nicht zu erkennen sein.

Als um ein Uhr morgens der Wagen mitten in Maloja hielt, stieg es wortlos aus. Ich hatte kein Quartier bestellt und kam nicht unter. Außerhalb des Ortes lag noch ein Hotel. So marschierte ich jetzt allein die taghelle Straße weiter, geradeswegs auf einen neuen Absturz zu. Dort stand das Haus. Ein junges und verschlafenes Mädchen führte mich über manche Treppe hinauf: zufällig stünde das einzige Zimmer frei, das für Gäste reserviert blieb. Alle andern hielt während des Krieges die Militärbehörde in Beschlag. Die nächste Poststation sei italienisch.

Sie reichte mir eine Petroleumlampe und verschwand. Die Stube hatte zwei Fenster und war schneeweiß. Ich warf den Kopf weit auf die mondbeschienenen Kissen zurück. So angelangt!

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Aber nicht lange, und der einsetzende Kampf zwischen dieser Mondnacht und der Dämmerung weckte mich aus dem Schlaf, Nebel mischten sich hinein und wollten alles für sich. Endlich ragten Tannenspitzen ins Leere; der Absturz war kein olympischer; eine Straße schwang sich, breite Kurven nehmend, in die Tiefe.

Gedulde dich, Leser, auch dies Buch geht jäh zu Ende. Folge mir noch. Hoch steht schon die Sonne über das Bergland, ein anderes freilich als der vergangenen Nacht. Von ihrem Spiel erholt, verströmt der See sein Blau, nach allen Seiten, ganz verbuhlt. Myrthensträuße und Schleier sind vergessen und hängen als weiße Fäden im Gesträuch.

Wie seltsam ist die innere Stimme in uns! Welcher Stachel hatte mich zu dem hart an der Schwelle des aufgerissenen Gebirges und kaum, daß es tagte, hinauf, hinab und wieder emporgetrieben, wo sich zu höchst der Wälder und noch in ihrer Mitte der See entzieht, verborgener Tränen zerflossener Kristall, ohne Kahn und ohne Erdenstaub; und dann wieder zurück in die Gaststube, um zu zahlen, und dann wieder aufzubrechen, mit der umgehängten Tasche und dem lächerlichen Hut, an der Waldseite des Sees den Weg einzuschlagen, den ich jetzt lief. Es war ein Notbehelf! Ich lief, um nicht zu tanzen. Denn ich war inmitten eines Festes. Umgeben und geborgen, als sollte die Gehobenheit nicht wieder von mir weichen, erreichte ich ein Dorf, das als Landzunge weit in den See hinausstieß und jenseits der Zeiten zu liegen schien. Eine alte Frau saß auf einer Bank vor ihrem Hause, und ich bat sie, mich drinnen ausruhen zu dürfen. Wir verstanden einander nicht, aber die Müdigkeit spricht ihre eigene Sprache zwischen Frauen. In einer Stube des Erdgeschosses, die durch ihre edle Sauberkeit den Eindruck des Luxus erweckte, stand eine schmale, gepolsterte Bank. Dort schlief ich auf der Stelle ein.

Als ich erwachte, war der Tag noch hell, aber schon gebräunt vom Golde des Abends, und ich mußte eilen, um vor Anbruch der Dunkelheit in Sils zu sein. Auch für mein Herz ging jetzt die Sonne unter, und das Fest verklang. Von den Strapazen ausgeruht, war es zugleich, als sei mir durch den kräftigenden Schlaf, wie ein Alltagszwilch, ein gröberes Ich übergeworfen als das, welches seit gestern das meine gewesen war. Ob wohl mein Koffer eingetroffen sei, wo meine Brotkarte stecken konnte, wo ich absteigen sollte, derartiges beschäftigte mich wieder. Aber ich spreche von verloschenen Kronleuchtern, oh Leser, und du weißt noch nicht, warum sie brannten?

Aber vielleicht hast du erfahren, daß es Träume gibt, deren Nachhall, statt zu verklingen, sich bleibend, wie ein Echo zwischen Klüften, in unserem Innern fängt. — Solcher Art war der durchdringende Ton der Mondnacht in Maloja.

Es ist nicht gleich und nicht vergänglich, wie sich die Kurve eines Fußes, der Umriß einer Schulter anläßt, wie ein Knie sich rundet, wie eine Hüfte fällt. Es ist das Flüchtigste nicht gleich. Und ganz und gar nicht gleich, noch zufällig ist es, welchen Ganges wir den Hügel abwärtsgehen. Hochzeitlich können solche bald versenkten Dinge unverloren weiterschwingen.

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Die Wolkenversammlung war noch immer nicht anberaumt; vielmehr vertiefte sich am nächsten Tage das weiß des Himmels und musizierte mit dem Himmelsblau über das Fextal, das bewegteste der Erde, auf und nieder schwingend wie eine Schaukel. Ragte, von unten gesehen, ein Kirchlein zu oberster Schneide für sich allein, so stand es, war man oben, ganz unsensationell in einem Wiesenviereck, und sein rostiges Gitter knarrte im Winde, und nur die Berge rückten verändert und entschlossener zusammen. Wieder in der Tiefe und weit hinausgeschoben, richtete ein Gasthaus seine Glasveranda dem Gletscher entgegen. Auf ihn ging ich jetzt zu. Doch mit dem Lichte wandelte sich mein Gemüt. Es brütete milchweiß von einem hohen, aber sich überziehenden Himmel. Hinter mir fuhr ein kleiner Wagen her. Darin saßen zwei Herren, die angeregt mit einer noch jungen Dame plauderten. Aber der Weg hörte bald auf, fahrbar zu sein, und ich verlor sie aus den Augen, graugrünes Nadelgehölz war um mich her und der entfärbte Fluß zu meinen Füßen. Stolperte ich jetzt und stürzte ich hinab, wer würde mich vermissen? In welchem Hause entstand eine Lücke, wenn ich nicht wiederkam?

Kein Dach, kein Herd, kein Wesen; überall zu Gaste! keinem Menschen ungeteilt und wirklich zugehörig; als immer wiederkehrenden Gefährten die entsetzliche, gefürchtete Melancholie, die ich so feige, so vergeblich floh. Nun stellte sie mich angesichts dieses Tales der Verlassenheit. Wozu bist du hier? herrschte mich seine Stille an.

Der sonnenlose Himmel über dem Nadelgehölz, mehr noch der Fluß, dem Gletscher hier entlassen, und seinen Lauf so blaß beginnend, griff ans Herz.

Plötzlich stand die noch junge Dame vor mir und sprach mich bei meinem Namen an. Nun war stets meine erste Sorge, daß er in keine Hotelliste kam. „Woher wissen Sie, wie ich heiße?“ fragte ich und wollte die Spröde spielen; aber da gab sie mir zu wissen, daß sie meine Bücher kenne. Sie lebte in Genf und war Amerikanerin. Wir wechselten einige Worte, dann stieg sie wieder hinab. Gleich darauf rollte das Wägelchen mühsam aufwärts, in dem die noch junge Dame mit ihren Freunden plauderte. Gewiß — man sah es ihr an — standen, wenn sie nach Hause kam, ihre Abendschuhe bereit, und ein freundliches, ihr ergebenes Zöfchen half ihr, sie anzulegen. Wie verwahrlost ich war!

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Als ich am Morgen darauf erwachte, lag weithin Schnee. Ich klingelte entsetzt. Der erste Postwagen brachte mich ans andere Ende des Tales, zum Zuge, und schnell in eine vom Winter noch nicht heimgesuchte Welt hinab, wo Zürich einer entbrannten Ebene zulief, die von der Glut des Sommers weiterträumte. Hier reißt der See ein weites Fenster nach dem Himmel auf: es ist die hellste Stadt der Welt.

Aber von hier aus jagte mich eine dringende Depesche Fortunios fort, der mich bat, sofort nach Spiez zu kommen, mit dem Zusatz: „Besitzer auf zwei Tage verreist.“

So war ich abends unterwegs zur Villa des Geölten, die ich nicht wieder zu betreten glaubte. Da war das Gitter, der Kiesweg, der sich so schnell verlor. Man sah das Haus erst, wenn man davor stand.

Fortunio aber war schwer krank. Verfallen, zerfurcht, zerwühlt. Wir aßen im Schloßhotel zur Nacht und besprachen die Abreise für den morgigen Tag. Ich fühlte meine Arme erstarken, in dem Wunsch, ihm zu helfen, und unser schier geisterhaft geschwisterlicher Bund war durch die Trennung neu erhellt. Am nächsten Tage aber lag er zerrüttet, ohne Energie.

„Morgen, morgen“, sagte er. Ich reiste ab, nach Bern, Fortunia zu alarmieren. Ihr Gesicht erinnerte an ein von schwerem Regen heimgesuchtes Land. Ohne Schonung schilderte ich seinen Zustand und ließ dann die Sache bei ihr. Um nicht in Bern zu bleiben, fuhr ich abends nach Montreux.

HERBST 1918.

Montreux.

Nur lachenden Auges werden hier die Zeitungen gekauft. Der Belgier und sein Kind waren ohne Schadenfreude. Die Filme arbeiten schon stark mit elsässischen Hauben. Sie werden lebhaft beklatscht, in der Voraussetzung, daß sie nicht mehr lange deutsch bleiben. Schließlich ein begreiflicher Jubel. Entsetzlich ist nur der Applaus, als englische Munitionskammern aufziehen, emsig mit Granatendrehen beschäftigte Frauen und Geschosse in unabsehbaren Reihen. „Gehen wir!“ rufe ich, und wir verlassen das Haus. Süß schlagen die Wellen ans Land. Die Berge des andern Ufers erheben sich unmittelbar, als gründeten sie in den Tiefen des Sees. Sie sind kahl und scheinen dennoch weich, selbst im Dunkel der Nacht; wie Gesänge abgestuft, steigen und fallen und treten zurück und verhallen die Berge Savoyens.

5. OKTOBER. Glasenfrosts in Villeneuve geben mir die Nachricht, daß Deutschland um einen Waffenstillstand nachgekommen ist: Mein einziger Wunsch ist, es möge die Welt, die es als Sieger verloren hatte, als Besiegter wieder für sich gewinnen. Die In-die-Knie-Zwinger Britanniens, die ohne Briey nicht leben konnten, sind mit einem Male still.