I. Der Prinzenraub.
Friedrich der Streitbare, welcher den 5. Januar 1428 starb, hinterließ vier Söhne. Namens: Sigismund, Heinrich, Friedrich d. Sanftmüthige und Wilhelm III., die das vom Vater geerbte sächs. meißnische Land gemeinschaftlich verwalteten. Nachdem aber Sigismund den geistlichen Stand erwählte, Bischof zu Würzburg wurde; Heinrich 1436 und ihr Vetter, Landgraf Friedrich v. Thüringen, der Friedfertige genannt, 1440 ohne Erben starb, und Thüringen daher an Meißen kam, unternahmen Friedrich und Wilhelm den 10. Septbr. eine Theilung, so daß Wilhelm, Thüringen und die Hälfte des Osterlandes, Friedrich, die Markgrafschaft nebst den zur Kurwürde gehörigen Ländern allein, Freiberg aber und die Bergwerke gemeinschaftlich, durch das Loos erhielten. Allein Wilhelm III. auf Anstiften seiner vertrauten Räthe: Busse zu Dornburg, Bernhardt von Kochberg zu Wachsenburg, Friedrich von Witzleben zum Wendelsteine, Busse, Apel und Bernhardt v. Vitzthum zu Roßla und Thanrode, war mit der Theilung nicht zufrieden. Ein Vergleich, welchen Friedrich mit ihm im Kloster Neumark bei Halle den 10. Decbr. 1445 abschloß (der Hallische Machtspruch genannt) beruhigte ihn noch nicht und Friedrichs Verlangen seine feindseligen Räthe zu entlassen, ließ er nicht allein unerfüllt, sondern unternahm auch einen Streifzug gegen Roßla, einer Vitzthumischen Besitzung und verursachte so den sogenannten sächsischen Bruderkrieg. Dieser Krieg hatte die traurigsten Folgen, namentlich die Verwüstung des thüringschen Landes, welche Apel von Vitzthum verübte, weil er vom Herzoge Wilhelm III. verabschiedet und einiger Güter beraubt worden war; dann den sächsischen Prinzenraub, dessen Geschichte diese wenigen Blätter füllen soll.
Kunz von Kauffungen, kurfürstlicher Schloßhauptmann und Regimentsoberster hatte in den Diensten des Kurfürsten, Friedrich d. Sanftmüthigen, in dem Streite zwischen seinem Bruder Wilhelm III. mit gefochten. Er war einer der tapfersten Ritter seiner Zeit, was er schon im Hussitenkriege, vorzüglich durch seinen unerschrockenen Muth bewiesen hatte.[1] – Nun traf es sich aber, daß er, als er zum Entsatze der Stadt Gera eilen wollte, mit seinen Genossen gefangen genommen wurde und nicht anders als gegen ein Lösegeld von 4000 Goldgülden, wieder freigegeben werden sollte. Kunz forderte diese Summe vom Kurfürsten zurück und um so eher als dieser auch für andere Ritter, wie für Niklas von Pflugk,[2] die seine Lehnsleute waren, Lösegeld bezahlt hatte. Der Kurfürst, da Kunz v. Kauffungen blos ein Söldner war, weigerte sich, ihm diese Summe zu ersetzen. Hierzu kam: Kunzs Besitzungen in Thüringen waren im Laufe des Bruderkrieges verwüstet, und der Kurfürst hatte ihm dafür einstweilen einige Güter Apel v. Vitzthums wie Schwickershain (– das heutige Schweickershain –), Kriebenstein, Ehrenburg u. Andere zur Entschädigung angewiesen, doch mit der Bedingung, nach dem Kriege sie wieder auszutauschen. Kunz stellte dagegen zu Meißen am Sonnabend in der Osterwoche 1449 eine handschriftliche Versicherung aus: Den Augenblick solche wieder ihrem rechtmäßigen Besitzer zu überlassen, sobald ihm der Kurfürst zu den seinigen Besitzungen verholfen haben würde.[3] – Nachdem nun den 27. Jan. 1451 zu Kloster Pforte die Zwistigkeiten der beiden Brüder wieder ausgeglichen waren und im Friedensvertrage ein Artikel so lautete, daß alles wie vorher bleiben sollte, jeder das Gewonnene herausgebe, erhielt Kunz von Kauffungen seine Besitzungen in Thüringen wieder, indem er nun auch die Vitzthumschen Besitzungen wieder herausgeben sollte. Allein zu diesem wollte er sich durchaus nicht verstehen; vorzüglich da er Schwickershain ganz ausgebaut und bewohnbar gemacht hatte, auch für seine geleisteten Dienste Belohnung und Ersatz des Lösegeldes unbedingt zu verlangen glaubte. Friedrich der Sanftmüthige erinnerte sich sowohl der treuen Dienste, die Kunz ihm geleistet hatte, doch konnte er sich zu einer solchen Forderung nicht verstehen, die dem mit seinem Bruder geschlossenen Frieden geradezu entgegen war, zumal auch Kunz, wie bereits oben erwähnt wurde, handschriftlich Verzicht geleistet hatte. Allein alle Vorstellungen, die ihm der Kurfürst deshalb machte, um ihn mit Güte zur Ruhe zu bringen, konnten Kunzen zur Rückgabe der Güter nicht bewegen.
Apel von Vitzthum, wie schon oben gesagt worden ist, war mit dem Herzoge Wilhelm III. ebenfalls in Feindschaft gerathen, weil seine boshaften Anschläge gegen den Kurfürst Friedrich durch den Frieden zu Nichte gemacht worden waren. Außer der Gnade seines Herrn verlor er auch seine schönen Schlösser.[4] Er suchte nun seinen Herzog auf alle mögliche Art zu necken, so daß Herzog Wilhelm mit Hilfe der Erfurter, Mühlhäuser und Nordhäuser gegen v. Vitzthum zu Felde zog, schleifte das Schloß Gleißberg, das sich, von Vitzthum nach dem Bruderkriege nur erst wieder aufgebaut hatte, erklärte ihn und seine Brüder als Landesverräther. Vitzthum flüchtete nun nach Böhmen; suchte dort Anhang zu gewinnen, sowohl gegen den Herzog Wilhelm III., als auch gegen den Kurfürst Friedrich. Gegen letzteren war er deswegen erbittert, indem er einst so nachdrücklich auf seine Entfernung von Herzog Wilhelms Hofe gedrungen hatte.[5] –
An diesem glaubte Kunz von Kauffungen seinen Mann zu finden, der mit ihm gemeinschaftliche Sache machen würde. Kunz trat deshalb mit ihm in Briefwechsel; nichts war Vitzthumen willkommner. Sogar trat Vitzthum seine Ansprüche auf seine meißnischen Güter ihm ab, um Kunzens Forderungen mehr Nachdruck zu geben. – Kunz drang nun heftiger auf die Anerkennung seiner Besitznahme der Vitzthumschen Güter, die ihm der Kurfürst aber, Kraft der schriftlichen Versicherung, die er von ihm in den Händen hatte, standhaft verweigerte, und ihn deshalb förmlich vor Gericht belangte, Friedrich setzte nämlich deshalb auf den Donnerstag nach Galle 1454 auf dem Schlosse zu Altenburg, einen Termin fest, bei welchem George von Haugewitz, Dechant zu Meißen, der Kanzler George von Bibenberg und die Ritter Hans von Schleinitz und Hans von Miltitz die ganze Sache nochmals untersuchten und dahin beschieden. Der Kurfürst sollte seine Forderungen an Kunzen und Kunz die seinigen an den Kurfürsten aufsetzen. Der Münzmeister zu Freiberg Nikol Monhaupt, der zugleich Statthalter und Landshauptmann der Provinz war, sollte dann beide Forderungen der kurfürstlichen Kanzlei übergeben, und was diese endlich entscheiden würde, dabei möchten beide Theile sich beruhigen. Doch Kunz wollte sich dabei nicht beruhigen und blieb daher bei seinem Entschlusse, und so sollte auf Befehl des Kurfürsten ein Rechtsgutachten bei den Leipziger, Magdeburger und Freibergischen Rechtsgelehrten eingeholt werden. Zur damaligen Zeit etwas Unerhörtes; viele von des Ritters von Kauffungs Anhang, betrachteten daher solches als eine Kränkung[6], die deshalb einen Fehdebrief an den Kurfürsten schickten. Kunz, welcher den Ausgang dieses Rechtsschrittes nicht zu seinen Gunsten auslegte, wollte sich nun durch Selbsthilfe seine Forderungen verschaffen, kaufte durch Vermittelung Apels von Vitzthums, das Schloß Isenburg oder Eisenberg unweit Brix[7] in Böhmen, nicht weit von der sächsischen Grenze, um es zu dem nachherigen Prinzenraube zu benutzen.
Rache an dem Kurfürsten zu nehmen war nun Kunzens und Apels einziger Gedanke. –
Theils durch Verpfändung, theils durch Gewalt und friedliche Verträge, waren verschiedene böhmische Städte an die Markgrafen von Meißen gekommen. Je mächtiger nun die Markgrafen von Meißen dadurch wurden, desto scheeler sahen dazu die Könige v. Böhmen und forderten, den deshalb geschlossenen Verträgen ohngeachtet zu verschiedenen Malen alles wieder zurück. Kunz v. Kauffungen und Apel v. Vitzthum hatten daher nichts eiligeres zu thuen, als den damaligen König Ladislaus gegen den Kurfürsten zu erbittern, so daß Ladislaus 1453 eine Forderung von 64 Städten an den Kurfürst schickte. Natürlich wurde diese als ungegründet abgewiesen. Ladislaus brach jedoch aus Böhmen in Sachsen ein und überfiel das Städtchen Pirna; doch wurde er sehr bald wieder zurückgeschlagen, so daß ihm ein dergleichen Ausfall nicht wieder gelüstete. Indeß hatte sich doch Kunz und Apel an den Kurfürsten gerächt. Sie hatten auch dadurch den König von Böhmen auf ihre Seite, und Kunz würde seine Forderungen vielleicht nie so weit getrieben haben, wenn er in Böhmen nicht einen so mächtigen Rückenhalt gewußt hätte. –
Als nun der Ausspruch der Leipziger, Magdeburger und Freibergischen[8] Rechtsgelehrten ankam, der darauf drang: daß Kunz die Vitzthumschen Güter herausgeben sollte, wurde der Rechtsspruch Kunzen bekannt gemacht, allein Kunz wollte ihn durchaus nicht gelten lassen. Endlich beschied man ihn den Dienstag nach dem Johannistage des Abends auf das Schloß Altenburg, um Mittewochs darauf, den 25. Juni (7. Juli)[9] 1455 den letzten Termin mit ihm abzuhalten. Kunz kam, aber um die Güte zu pflegen nicht, sondern, nachdem er sich die Höhe des Schlosses und vorzüglich das Schlafgemach noch einmal[10] ordentlich besehen hatte, ritt er ohne Abschied vom Kurfürsten zu nehmen fort, in Gedanken, wie er dem Kurfürsten auch selbst gesagt hatte: Er wolle sich für seinen Schaden nicht an Land und Leuten, sondern an des Kurfürsten eignem Fleisch und Blut rächen und erholen, worauf der Kurfürst erwiedert haben soll: Mein Kunz siehe zu, daß Du mir die Fische in den Teichen nicht verbrennest.[11] Kunz von Kauffungen ritt nun sofort auf sein Schloß Isenburg, (welches er befestigt hatte lassen,) um sich mit Apel von Vitzthum über die Ausführbarkeit eines Prinzenraubes zu besprechen.
Friedrich der Sanftmüthige mit Margaretha von Oesterreich vermählt, hatte zu dieser Zeit zwei Söhne Ernst und Albert. Ersterer geboren den 25. März 1441, Letzterer aber den 27. Juli 1443.[12] – Sein ältester Sohn Friedrich war schon 1421 und sein jüngster Sohn Alexander 1446 gestorben. – Er residirte auf dem Schlosse Altenburg, welches ein hohes, schönes Felsenschloß, unweit der Stadt Altenburg, ist.
Auf Ernst und Albert hatte Kunz sein Augenmerk gerichtet. Dieses theuere Kleinod der kurfürstlichen Familien meinte er, als er zum Kurfürsten gesagt hatte: an des Kurfürsten eignem Fleisch und Blut wollte er sich rächen. Entführen wollte er sie und auf seinem Schlosse Isenburg so lange fest halten, bis der Kurfürst seine Forderungen genügen würde. Zu diesem gewagten Unternehmen brauchte er natürlich mehrere um es auszuführen. Diese fanden sich denn auch bald, denn schon lange vorher war er von Burg zu Burg geritten, Mithelfer zu seinem Unternehmen zu finden und fand auch durch seine gewandten Reden Theilnehmer für sich und Haß gegen den Kurfürsten zu erwecken.
Nur fehlte es ihm nur noch an einem Kundschafter am kurfürstlichen Hofe, der ihm Nachricht ertheilen könnte, wenn der Raub am sichersten auszuführen wäre. Da lernte er denn in Böhmen einen böhmischen Küchenjungen kennen, Namens: Hans Schwalbe. Ein verschmizter Bube. Dieser, glaubte Kunz, würde in seine Plane eingehen, entdeckte ihm alles und schickte denselben mit Empfehlungsschreiben an seine guten Freunde am altenburger Hofe, wo man ihn auch sogleich als Küchenjunge, ohne Verdacht zu hegen, anstellte. Bald fand sich Gelegenheit, daß Schwalbe Kunzen treue Dienste leisten konnte. Folgenden Brief, wie er sich in den Wittenberger Originalacten befindet, schrieb Schwalbe an Kunzen:[13]
»Mein willigen Dienst sampt alles lybs und gutes tzuvor.
»Ehebarer strenger lyber Junker!
»Als der Kurfürst vestiglich beschlossen hat vf morgen Sundages nach der frumeß gein Lyptgk tzu wegfarten mitt den meresten Hofelüten, och Muntag vfe Abendt der Cantzler yn engelebete in synen Huse vsrichdten wirdet, samer mögen deheby mannichveltige Höfelinge wesen, vndt vffs Schloß pflege daczumalen allye der oldte Eßmus Drabandten Dynst, wellicher ast yngeschleffert wagk werden, der Pforthyner ist lagerigkrank, kan ich Uch nicht pregin, gelubener truwe Uch selbir gegewertiglich tzu dynen vndt Uwer Anstaltungk gewartin. Datum Aldenburg, am Samstag nach Vnser Frawentage. A. lv.
Hans Schwalbe.«
»Dem Ehrbaren strengen Jungker Cunradt von Kawfungen vf Kalenberg. Meinen gynstiglichen lyben Jungker tzutzustellen tzu ainegen Handen.« –[14]
Dieser Brief war 9 Tage nach dem Termine, den Kunz mit dem Kurfürsten in Altenburg gehabt hatte, geschrieben.
Eine bessere Gelegenheit zur Ausführung seiner Plane konnte wohl nicht kommen und Kunz hatte nichts eiligeres zu thun, als solches seinen Verschworenen zu benachrichtigen. Die Strickleitern[15], die zu diesem Behufe nöthig waren, wurden nicht weit von Kahlenberg oder Callenberg, (bei Waldenburg, gehörte seinem Bruder Dietrich) in einer Scheune, die ebenfalls seinem Bruder Dietrich von Kauffungen gehörte, gefertiget. – Kunz selbst hielt sich[16] zu der Zeit im Geheimen auf dem Schlosse Kohren auf und ging von hier aus des Nachts vor Altenburg[17], wo er den Prinzenraub vollführte. Das Schloß Kohren gehörte damals der Familie von Meckau.
Geschichtlich merkwürdig ist noch, daß die Kurfürstin Margaretha die Nacht vorher, ehe ihr Gemahl nach Leipzig reiste, folgenden Traum hatte: Sie sah ein großes Schwein in einem schönen Garten alles umwülen und besonders neben den Reben die schöne junge Raute. Endlich stürzte ein Bär darauf los und jagt das Schwein mit seiner Tatze fort. Die Kurfürstin erzählte diesen Traum, der ihr auf eine entsetzliche Art die ganze Nacht ängstigte, sogleich ihrem Gemahl, der jedoch, weil er Träumen nicht glaubte, seine Reise deswegen nicht aufschob und mit großem Gefolge den 7. Juli (d. 19. Juli) nach Leipzig reiste.
So war denn Niemand zur Aufsicht der Prinzen da, als ihr Hofmeister, Graf von Barby.
Der 8. Juli (20. Juli) war von Kunz von Kauffungen dazu bestimmt den Prinzenraub auszuführen. Die Hauptverschwornen waren mit ihren Knechten folgende:[18] Kunz von Kauffungen, sein Reißiger: Johann Schweinitz, sein Knecht: Albrecht Adolph; Wilhelm von Schönfels, sein Knecht: Geveller; Hans Wilhelm von Mosen, sein Knecht: Hensel Herdin; Hans von Rußwurm; Dietrich von Kauffungen; Nikol vom Forst; Bernhardt von Trebin; Dix von Trebin; Barthol von Trebin, beide letztere: Söhne von Wenzel von Trebin. Der ganze Zug bestand aus 37 Reitern, dessen Pferden die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen worden waren, und 10 Fußknechte, welche also den 7. Juli (19. Juli) Montags vor Kiliani 1455 Nachts zwischen 11 und 12 Uhr aus einem dichten Walde bei Altenburg, die Leine genannt, hervorbrachen. Nur Johann Schweinitz, Kunzens Reißiger, wurde vorausgeschickt, um mit Hilfe des Küchenjungen Schwalbe die Strickleitern an einem hohen Fenster, neben der Küche zu befestigen. – Kunz, bekannt im Schlosse, stieg zuerst hinauf, dann folgte Wilhelm von Mosen. Niemand störte dieselben, denn in dem Schlafgemache der Prinzen schlief niemand, als eine alte Kammerfrau und der Sohn des Hofmeisters des Prinzen, Graf von Barby. Kunz entführte den ältern Prinz Ernst und Wilhelm von Mosen sollte Prinz Albrecht entführen, doch in der Eile fand eine Verwechselung statt, indem er den jungen Graf Barby, welcher in denselben Alter war als die Prinzen, entführte. Kunz, der den Irrthum erkannte, übergab Wilhelm von Mosen den Prinz Ernst mit dem Befehl immer fort zu reiten, indem er durch das Schloßthor, welches Schwalbe vorher geöffnet hatte, den jungen Graf Barby wieder zurückbrachte und dafür Prinz Albrecht, welcher aus Angst sich unter das Bette versteckt hatte, nahm. So wie Kunz diesen Prinzen über dem Schloßhofe brachte, öffnete die Kurfürstin das Fenster und rufte: »Lieber Kunz, thue nicht so übel an mir und meinen lieben Herrn, verschone meine Kinder, es sollen alle Deine Sachen noch gut werden.« Allein Kunz achtete die Stimme einer liebenden Mutter nicht, sondern setzte den Prinzen Albrecht auf ein Pferd, das er führte und sprengte, begleitet von seinem Reißiger Johann Schweinitz und seinen Knecht Albrecht Adolph mit verhängten Zügeln davon. Seinen Weg nahm er durch die Leine[19], wo er schon hergekommen war, und gelangte dann durch die Rabensteiner[20] und nachher die damals noch anstoßenden Thalheimischen Waldungen und zwar in letzteren auf einem von Leukersdorf aus bis Elterlein führenden Fußsteig, wodurch weder die Stadt Stollberg, noch die Stadt Zwönitz berührt wird. Dieser Fußsteig und jetzt Holz- und Kalkfuhrweg kommt auf der Höhe des Glasberges bei Elterlein über die Grünhainer Straße[21] nicht weit von Elterlein schon in die Gegend[22] des Grünhainer Klosters.[23] Dieser Weg war für sein Vorhaben der passendste, indem die Gegend um Grünhain namentlich bei Schwarzenberg und Waschleute nichts als Wald war und durch den verheerenden Hussitenkrieg, der 1427 das Kloster zu Grünhain zerstörte,[24] ganz von Einwohnern entblößt sein mußte, indem bis 1455 die Volksmenge zur damaligen Zeit noch nicht so gewachsen sein konnte, wie es vielleicht in den jetzigen Zeiten geschehen dürfte. Auch war Kunz von einem Grünhainer Mönch unterrichtet[25], so daß er schnell aus der Gegend von Waschleute nach Schwarzenberg kommen konnte, welches damals ein böhmisches Städtchen war[26], mithin durfte ihm Niemand mehr etwas anhaben, indem er den König von Böhmen auf seiner Seite hatte; und dann schaffte er die Prinzen auf sein Schloß Isenburg, und wollte sie so lange in Verwahrung behalten, bis er vom Kurfürsten die Versicherung erhalten hätte, die Vitzthumschen Güter rechtmäßig behalten zu können und vielleicht ein ansehnliches Lösegeld für ihn und seine Mitgenossen erhalten hätte. Allein seine Plane waren wohl gut ausgedacht, aber noch nicht vollführt. Denn der anstrengende Marsch, den er ohne auszuruhen zurückgelegt hatte, indem er von Mitternacht bis gegen Mittag geritten war, mußte vorzüglich den 12jährigen Prinzen bedeutend anstrengen und so kam es denn auch, daß der Prinz vor Hunger und Durst in der Gegend von Grünhain[27] Kunzen bat es zu erlauben vom Pferde abzusteigen und auszuruhen.[28] Da nun die Gegend durchaus nicht bewohnt war, so glaubte er ohne seine Sicherheit zu gefährten, es erlauben zu dürfen. –
Auf dem Schlosse zu Altenburg war durch die Entführung der beiden Prinzen alles aufgeboten und dem große Belohnung versprochen worden, welcher zur Entdeckung des Prinzenraubes behilflich sein könnte. Der Kurfürst bekam auch sogleich einen Eilboten zugeschickt und ließ deshalb folgendes Schreiben und Aufforderung in alle Gegenden des Landes durch reitende Boten austheilen:
»Friedrich, Hertzog zu Sachsen, Churfürst! liebe getreuen, uns ist Cuntz und seine Helffers uff hind in unser Schloß Altenburgk gestiegen, und haben unser beyden Söhne, das Gott geklaget sey, weggebracht – ist es versicherlich, Sie werden mit Ihnen aus unsere Landen nicht eylen, sondern sie etliche Tage uff den Wäldern und Höltzern enthalten, und sie zu Fuß fueder schicken. Begehren wir von Euch – daß ihr mit reisiger Gezeug und Fuhren, so stark ihr immer werden möget, uff den Walden, Höltzern und sonst, wo ihr für das Beste erkennet, suchen und suchen lassen, und fleißiges Aufsehen haben, uff dieselben unsre Feinde und unsre Söhne, daß ihnen die wieder abgedrungen, und aus ihren Händen wieder zu uns bracht werden. In dem Euch so beweisen, als wir uns alles guten zu Euch versehen, das wollen wir in allen guten umb Euch erkennen. Geben Altenburg, tertia Kyliani Anno L. quinta.«[29]
In allen Orten wurden die Glocken geläutet, und so wurde es denn bald in allen Gegenden des Landes verbreitet. In der erzgebirgischen Stadt Geier, 3 Stunden von Grünhain zersprang die große Glocke.[30] –
Kunz, der durch das Stürmen wohl wußte, daß es ihm galt, glaubte dennoch sicher zu sein, da er bereits selbst bei Waschleute glücklich vorbei geritten, also dem ersten Ziele ganz nahe, nur etwa ¾ Stunde noch von Schwarzenberg entfernt war, ließ also den jungen Prinz Albrecht absteigen, um Waldbeere pflücken zu dürfen.[31] Auch Kunz stieg ab und suchte dem Prinzen Albrecht Waldbeere, indem er sein Pferd am Zügel hielt. Indessen Kunz immer tiefer in dem Walde Waldbeere suchte, nährten sie sich einem Köhler, Namens Georg Schmidt, der mit seinem Hunde sein Mittagsbrod theilte.
Dieser Köhler hatte früh seinen Lehrburschen, Urban Schmidt, seines Bruders Sohn, nach Geier[32] geschickt, um Lebensmittel zu holen, welcher denn daselbst gehört hatte, daß auf dem Altenburger Schlosse ein großer Raub statt gefunden hätte. Köhler Schmidt, der nun in jenem Walde, wo damals blos eine Köhlerstraße hindurch führte, diesen Ritter erblickte, vermuthete deshalb, daß das der Räuber mit dem Raube wäre, er fragte ihn daher: »Woher und wohin mit diesem Knaben?« Kunz entgegnete: »Ein böser Bube, der seinem Herrn entlaufen ist, den ich ihm wieder zuführen muß.« – Doch in diesem Augenblicke verwickelte Kunz sich mit seinen Sporen im dicken Dorngestrüppe und stürzte nieder. Schnell wollte er wieder aufspringen, allein sein Panzerhemde hinderte ihn dazu. Diese Gelegenheit benutzte der Prinz und raunte dem Köhler ins Ohr: »Ich bin ein Fürst von Sachsen und bin gefangen, mache mich los, mein Vater soll dirs wohl vergelten!«
Dieses hörte Kunzens Reißiger, sein treuer Schweinitz,[33] erhob sein Schwerdt, und wollte den Prinzen, weil dadurch alles verrathen war, tödten. Allein der Köhler Schmidt fing den Hieb durch seinen Schürbaum auf. Seinen Hund nun hetzte er sogleich auf Schweinitzen und er selbst lief zu Kunzen, der immer noch dalag und schlug ihn mit dem Schürbaum, daß er ihn todtgeschlagen hätte, wenn nicht Prinz Albrecht für ihn gebeten hätte. Durch das Hundegebell und übrigen Lärm war des Köhlers Frau, geborne Marie Wälderin, herzugekommen. Als sie aber sah, daß ihr Mann sich mit Räubern herumschlug, gab sie das gewöhnliche Waldzeichen, was bei Gefahren alle Köhler zusammenruft.[34] Dadurch waren in einem kurzen Zeitraume viele Köhler versammelt,[35] so daß sich bald Kunz mit seinem treuen Diener Schweinitz gefangen geben mußte.
Sein Knecht Albrecht Adolph war entflohen, wurde jedoch noch eingeholt.
Kunz, der sich nun für verloren sah, bot dem Köhler Schmidt, eine ansehnliche Belohnung, allein dem Köhler war Kunzens Gold nicht so lieb als seine eigne Person und er mußte sein Gefangner bleiben.
Prinz Albrechten führte er in seine nahe gelegene Köhlerhütte, stärkte ihn durch ein einfaches Mahl und gab ihm aus der Quelle, die jetzt durch das Denkmal eingefaßt ist, zu trinken. –
Kunz von Kauffungen mit seinem Genossen führten sie aber zu ihrer Obrigkeit, in das ¾ Stunden davon entfernte Cistercienser-Kloster Grünhain, zum damaligen Abt Liborius,[36] noch an dem nämlichen Dienstage. Kunz, im Kloster angekommen, wurde in dem Gefängnisse daselbst festgehalten, was jetzt noch steht, und den Namen Fuchsthurm führt. Es befindet sich mitten im Klostergarten, wird aber bald, weil es nicht im baulichen Stande erhalten wird, einer Ruine ähnlich sehen. Hier blieb Kunz nur einige Stunden,[37] indem er vom Abte Liborius unter hinreichender Bedeckung, nach Zwickau zum damaligen Amtshauptmann oder Voigt Veit von Schönburg, abgeliefert wurde.[38] Dieser Veit von Schönburg erstattete wahrscheinlich schon am folgenden Tage, den 9. Juli, Bericht an den Kurfürsten, um sich Verhaltungsbefehle zu erbitten. Der Kurfürst ließ Kunzen nicht nach Altenburg bringen, sondern nach Freiberg, welches wahrscheinlich den 12. Juli geschah, wo er dem dortigen Rathe zu sicherer Verwahrung übergeben wurde. – Prinz Albrecht wurde aber in Begleitung des Köhlers Schmidt, nachdem er beim Abt Liborius in der sogenannten Schösserwohnung[39] im Kloster zu Grünhain übernachtet hatte, mit einer sicheren Bedeckung nach Altenburg gebracht. Der Einzug ähnelte einem Triumphzuge in Altenburg. Eine große Anzahl Bewohner Altenburgs kam dem Zuge entgegen und begegneten dem Hauptanführer des Zugs, den Köhler Georg Schmidt, mit wahrer Achtung, so daß sie sich nicht scheuten zum Zeugen der Dankbarkeit seine schwarzen Hände zu küssen.
Um nun auch das Schicksal des Prinzen Ernst von seiner Entführung an zu wissen, müssen wir wieder aufs Schloß Altenburg zurück gehen, wo Kunz von Kauffungen den Prinzen Ernst seinen treusten Genossen Wilhelm von Mosen und Wilhelm von Schönfels übergab, um mit ihm immer die Flucht zu ergreifen, indem er selbst für den jungen Graf Barby, den jüngern Prinzen Albrecht holte. Nach einer Verabredung mit Mosen von Schönfels hatte es Kunz so bestimmt, daß sie mit einem von den beiden Prinzen einen andern Weg einschlagen sollten und zwar gegen Franken zu nach Böhmen, wo sie ihn dann auf sein Schloß Isenburg bringen sollten; damit, wenn im Fall die eine oder die andere Partei gefangen genommen werden sollte, die andere Partei ihren Raub nicht eher hergeben sollte, als bis Kunzens Forderungen erfüllt oder die Strafe für die Entführung der Prinzen erlassen wäre. Beides wurde durch einen gegenseitigen Schwur bekräftiget.
Allein beide Ritter kamen mit ihrem Gefolge nicht weiter, als bis in die Gegend von Hartenstein, indem in allen Dörfern die Sturmglocke ertönte und die Unterthanen ebenfalls ihre Untersuchungen nicht allein auf den Fahrstraßen anstellten, sondern auch die Wälder durchsuchten. Vierzehn gesattelte Pferde und sechs Reiter waren ihnen schon abgenommen worden und die Gefahr sogleich ergriffen zu werden, zwang sie daher eine Höhle, die am rechten Ufer der Mulde liegt, nicht weit vom Schlosse Stein der Burg Eisenburg[40] gegenüber zum Zufluchtsort zu nehmen[41]. Allein da sie durchaus keine Lebensmittel hatten, die dem jungen, zarten Fürstensohn behagen konnten, sie glauben mußten, daß er sterben könnte und ihr Aufenthaltsort immer unsicherer wurde, indem einer von ihren Knechten von einem Holzmacher gehört hatte: »den einen Schelm (Kunz von Kauffungen) haben sie erwischt und nach Grünhain gebracht, den andern Dieb werden sie schon noch bekommen und beide andere ihren verdienten Lohn erhalten,« so fertigten sie den 11. Juli einen Boten an den Bruder des Amtshauptmanns Veit von Schönburg in Zwickau, an Friedrich von Schönburg ab, welcher das Schloß Hartenstein besaß und dort residirte. Dem Boten gaben sie einen Brief mit, der folgenden Inhalt hatte:[42]
»Es reue sie, daß sie Kunz von Kauffungen zu Willen gewesen wären, ihrem lieben Kurfürsten und seinen Söhnen zu thun. Weil aber Herzog Friedrich ein sanftmüthiger Kurfürst sei, so hofften sie Gnade und thäten in diesem Vertrauen, dem Herrn von Schönburg zu wissen, daß sie den jungen Fürsten Ernst lebendig und gesund im sichren Gewahrsam hätten. Wolle er ihnen nur bei dem Kurfürsten Gnade und Befreiung von aller Strafe an Leben, Ehre, Gut auswirken und ihnen schriftlich dafür haften, so wollten sie den jungen Fürstensohn unverletzt wieder bringen. Käme man aber, sie zu fangen, so würden sie den Korfürstlichen Sun erstechen, sich bis aufs Aeußerste wehren; sich endlich selbst tödten und gewiß nicht ohne großes Blutvergießen in die Hände ihrer Feinde fallen. Die Antwort möchte ihnen der Amtshauptmann (Friedrich v. Schönburgs Bruder) schriftlich geben.« –
Friedrich von Schönburg[43] erkannte sogleich, nach Durchlesung dieses Briefes, die Gefahr in welcher der Prinz schwebte, und versprach ohne erst Genehmigung von seinem Bruder zu erholen schriftlich und bei seiner Ehre Verzeihung, wenn sie den Prinzen lebendig und unversehrt ausliefern würden. Hierauf eilte noch an demselben Tage v. Mosen und v. Schönfels mit dem Prinzen Ernst auf das Schloß Hartenstein, wo der Herr von Schönburg den Prinzen in Empfang nahm und die Ritter, seinem Versprechen gemäß, wieder frei erließ. Prinz Ernst aus Freude, daß er gerettet war, schenkte Wilhelm von Mosen und Wilhelm von Schönfels jedem ein Roß[44] mit den Worten: »Nun reitet hin und kommt in meines Vaters Land nicht wieder.«[45]
Denselben Tag, Freitags den 11. Juli 1455 wurde der Prinz Ernst nach Chemnitz gebracht, wo sich sein Vater, der Kurfürst, von Leipzig und seine Mutter, die Kurfürstin, mit dem schon geretteten Prinz Albrecht von Altenburg begeben hatte. Der Kurfürst bestätigte mit Freuden des Herrn von Schönburgs Verfahren, daß er Mosen und Schönfels begnadigt hatte.[46]
Die guten Eltern an der Seite ihrer geretteten Söhne hatten nun nichts Nothwendigeres zu thun, als ihrem Gott für deren Errettung inbrünstig zu danken. Sie reisten daher, den 15. Juli, nach Ebersdorf[47] 1½ Stunde von Chemnitz, weil sich dort ein Marienbild befand, das im besonderen Ansehen stand, und zu welchem man häufige Wallfahrten anstellte. Nach vollbrachter Andacht ließen sie die Kleider der Prinzen,[48] die sie auf ihrer Flucht angehabt hatten, wie auch den Kittel des ehrlichen Kohlenbrenners der seine Andacht auch mit verrichtete, zum immerwährenden Andenken in der Kirche zu Ebersdorf aufbewahren.[49] – Daneben hängt ein Täfelchen mit folgenden Reimen:[50]
»Kunz von Kauffungen der viel wilde Mann
In Meißner Land ist kommen an
Wohl auf das Schloß jen Altenburg
Sehr froh und kühn ohne alle Sorg
Dem Fürsten allda seine Kind
Entführet hat listig und geschwind
Des Kleider noch hier hängen seht
Ein jeder der fürüber geht
Die dazumahl bald nach der That
Der Vater hergehänget hat.«
Der Zahn der Zeit hatte diese Andenken des Prinzenraubes nach und nach ziemlich zerfressen und und sie würden bald ganz eingegangen sein, wenn nicht Kurfürst Christian II. 1607 aufs neue für ihre Fortdauer Sorge getragen hätte. Er befahl nämlich, sie in weißes Wachs einzutauchen und so vor die Verwesung etwas zu sichern. Allein es geschah nicht. Deswegen schickte er 1608 seinen Baumeister Maria Nosseni nach Ebersdorf[51] der sie denn reinigen und durch Gummiwasser ziehen ließ.
Die Kurfürstin stiftete außerdem noch auf alle Dienstage, Marienfeste und den nächsten Tag nach Kiliani in der Kirche zu Ebersdorf Messen und Almosen für zwei arme Leute, besonders Köhler.[52]
Nun waren also beide Prinzen befreit, doch Kunz von Kauffungen, welchen die beiden Ritter Mosen u. Schönfels in ihrem Begnadigungsschreiben an Friedrich von Schönburg ausgeschlossen hatten, ohne dem heiligen Schwur eingedenk zu sein, welchen sie gegenseitig geleistet hatten, war, wie oben schon gesagt worden ist, nach Freiberg gebracht worden. Hier saß nun Kunz glaubend, daß die andere Partei mit dem älteren Prinz Ernst auf sein Schloß Isenburg in Böhmen wohlbehalten angekommen wäre und ihrem Versprechen eingedenk sein würde. Allein als er die Glocken in Freiberg läuten hörte und nach der Ursache frug und vernahm, daß es aus Dankbarkeit für die glückliche Errettung beider Prinzen geschehe, entfuhren ihm die Worte: »Das walt der Teufel, das gilt mir mein Leben.«[53] Daraus war natürlich zu schließen, daß er befürchtete, sein Leben einbüßen zu müssen. Darum wandt er nun alles an, um durch seine vornehmen Freunde, Begnadigung zu erhalten, besonders durch den Marschall Hildebrand von Einsiedel und die Ritter Niklas von Schönberg und Hugold von Schleinitz, die am kurfürstlichen Hofe sehr bedeutende Stimmen hatten, doch wie man aus folgendem sehen wird, war es zu spät.
Mehrere Schriftsteller behaupten auch Kurfürst Friedrich hätte in Magdeburg, Leipzig und Freiberg rechtliche Erkenntnisse geholt, allein dies war der kurzen Zeit wegen unmöglich und der damaligen Zeit nicht anpassend, daher ist es glaubwürdiger, daß der Kurfürst das Urtheil darüber dem Freiberger Rathe überlassen, indem der Rath zu Freiberg die Gerechtsame dazu hatte.[54]
Das Urtheil entschied für die Todesstrafe.[55] Kunz von Kauffungen wurde daher den 14. Juli (26. Juli) Montags nach Magaretha, Nachmittags um 4 Uhr zu Freiberg auf dem Obermarkte öffentlich enthauptet. Als Zeugen waren da der Köhler, Georg Schmidt, und einige andere Köhler. – Der Ort, wo die Hinrichtung geschah, ist noch durch einen Stein bezeichnet.[56] Noch auf dem Schaffote sagte er, daß er seinen schimpflichen Tod an den Nürnbergern verschuldet habe.[57]
Seine obengenannten Freunde brachten es nach mehrfachen Bitten bei dem Kurfürsten endlich doch so weit, daß er begnadigt wurde; allein der reitende Bote, der die Begnadigung dem Freiberger Rathe verkündigen sollte, kam zu spät; indem die Thore der Hinrichtung wegen schon geschlossen waren.
Manche Schriftsteller zweifeln an Kunzens Begnadigung, weil sein Bruder Dietrich von Kauffungen, der die Strickleitern zu dem Prinzenraube in seiner Scheuer fertigen ließ und einst gesagt haben soll: »Das Nest würden sie wohl finden, aber die Vögel wären ausgenommen,« ebenfalls zu Altenburg, zwischen den 20. und 26. Juli enthauptet wurde, der bei weitem nicht die Schuld dabei hatte, als sein Bruder. –
Allgemeine Erbitterung bewirkte die schnelle Verurtheilung des Kunz von Kauffungen, besonders unter der Ritterschaft, in der er so hohe Verwandte und Freunde hatte. Sein Oheim der damalige Bischof von Meißen, Casper v. Schönberg veranstaltete sogar ein feierliches Begräbniß desselben, ließ ihn in der St. Petrikirche zu Freiberg beisetzen und sein Grab erhielt einen Leichenstein. Allein das erregte unter den Regenten großes Mißfallen, besonders Herzog Wilhelm war dagegen; daher durfte sein Leichnam in der Kirche nicht bleiben, sondern erhielt seine Ruhestätte dafür auf dem Kirchhofe zu Neukirchen bei Freiberg. Der Leichenstein aber blieb in einem Winkel der St. Petrikirche stehen.[58]
Seine übrigen Mitgenossen verloren meistentheils ihr Leben durch das Schwerdt; ausgenommen der böhmische Küchenjunge, Hans Schwalbe, der den 28. Juli zu Zwickau mit glühenden Zangen gezwickt und dann geviertheilt wurde, und Kunz v. Kauffungens treuer Reißiger, Johann Schweinitz, der gehangen wurde. –
Nach diesen harten Bestrafungen erfolgten aber auch Belohnungen, die der Kurfürst dem Köhler, Georg Schmidt, zu Theil werden ließ.[59] Er erhielt von ihm die Erlaubniß sich eine Gnade auszubitten – und die bescheidene Bitte des Köhlers bestand darin, die Erlaubniß zu erhalten in dem Walde, wo er den Prinz Albrecht gerettet hätte, frei Kohlen zu brennen. Nicht allein diese Bitte erhielt er erfüllt, sondern der Kurfürst schenkte ihm auch sogleich nach der That für sich und seine Nachkommen ein Gnadenkorn, welches aus 4 Scheffel Zwickauer Maaß oder 5 Scheffel 2 Viertel und 3 Metzen Dresdner Maaß besteht. Noch jetzt erhält das älteste Mitglied dieses Geschlechts in männlicher Linie dieses Gnadenkorn aus dem Rentamte zu Zwickau.[60] Später erhielt er auch ein Freigut im Dorfe Eckartsbach[61] bei Zwickau. Die Besitzung ist aber durch verderbliche und langwierige Kriege von der Familie wieder abgekommen.
Als Georg Schmidt alt und schwach ward, nahm ihn sogar der Kurfürst an den Hof nach Altenburg und dadurch, daß er bei seiner Erzählung des Prinzenraubes sich immer der Worte bediente: »Herr, ich habe den Kunzen mit meinem Schürbaum weidlich getrillert,«[62] die er oft wiederholen mußte, erhielt er und seine Nachkommen den Namen Triller. –
Die übrigen Köhler, welche bei dem Rettungsacte durch den Lärm von Georg Schmidts Frau herbeigekommen waren, erhielten ebenfalls Belohnungen, die wahrscheinlich in Gelde bestanden, doch aus Mangel an sicheren Nachrichten hier nicht aufgeführt werden können.
Nur so viel ist gewiß, daß als Herzog Albrecht im Jahre 1480 die Gegend des Befreiungsactes bereiste, in Elterlein[63] noch drei Köhler traf, welche bei seiner Befreiung aus Kunzens Händen thätig gewesen waren. Sie hießen Wyland, Fischer und Urban Schmidt, letzterer damals der Köhlerbursche Georg Schmidts, und erhielten, nachdem sie dem Herzog Albrecht den Ort seiner Errettung gewiesen hatten, eine gute Ritterzehrung.[64]
Zum ewigen Andenken der Begebenheit des Prinzenraubes ließ Kurfürst Friedrich eine Münze schlagen, die aber äußerst selten ist.[65] Auch schreibt Vulpius l. c. §. 35., wie sich in Schreiter a. a. O. pag. 109. befindet:
»Zum Andenken hat der Höchstlöbliche sanftmüthige Kurfürst, der geraubten Prinzen Herr Vater, diese Geschichte auff vier Tafeln künstlich abmalen lassen, so in dem Zimmer, aus welchem die Entführung geschehen, befindlich sind. Deren die erste fürstellt, wie Cuntz und seine Gesellen die Prinzen aus dem Schlosse zu Altenburg rauben: die andere, wie er im Walde von den Köhlern gefangen wird.«
Die Gemälde sind noch auf dem Schlosse zu Altenburg befindlich und Dr. Triller erhielt Copien davon, die er in Kupfer stechen ließ. Diese Kupfer findet man in seinem sächs. Prinzenraube. (In der Zueignungsschrift an den Herzog schreibt er: »die Kupfertafeln selbst, die meine Reime zieren, sind mir von Deinem Hof gezeichnet zugeschickt.« Ranisch a. a. O. pag. 8. gedenkt dieses Umstandes auch: »Auf der Seite der jetzt veränderten Burg sieht man in einem Zimmer der höhern Gegend die vier vornehmsten Veränderungen dieses Trauerspiels von den noch vorhandenen vier Tafeln sauber abgezeichnet.«)
Diese vier Hauptgemälde stellen folgendes vor:
1.) Die Entführung der Prinzen Ernst und Albrecht aus dem Schlosse zu Altenburg.
2.) Die Befreiung des Prinzen Albrecht durch den Köhler Georg Schmidt.
3.) Die Rückkehr des Prinzen Albrecht in Begleitung des Abtes Liborius nebst Gefolge, zu seinen fürstlichen Eltern.
4.) Die Enthauptung des Kunz von Kauffungen auf dem Marktplatze zu Freiberg.
Nach dem Urtheile Sachverständiger sind diese Bilder weit späteren Ursprungs und ohne künstlerischen Werth. Letzteres gilt auch von einer Tafel mit 30. Portraits der bei dem Prinzenraube betheiligt gewesenen Personen, die ebenfalls sich im Schlosse zu Altenburg befinden.[66]
Dagegen befinden sich in Altenburg zwei Portraits der Prinzen Ernst und Albrecht in rothen Kleidern, welche weit authentischer zu sein scheinen. Von diesen beiden letztern Gemälden befinden sich jetzt Copien im Köhlerhause am Fürstenberge, welche Se. Durchlaucht der jetzt regierende Herzog von Altenburg, Joseph, demselben huldreichst verehrt hat. Gemalt sind sie vom Professor Friedrich Ludwig Theodor Döll zu Altenburg im Jahre 1839. –
Nachstehendes Gedicht wurde zur damaligen Zeit als beliebtes Volkslied vorzüglich von den Bergleuten oft gesungen:
Wir wollen ein Liedel heben an
Was sich hat angespunnen
Wies in dem Pleisnerlande gar schlecht war bestallt
Als sein Jungen Fürsten geschah groß Gewalt
Durch den Cunzen von Kauffungen, ja Kauffungen.
Der Adler hat uf den Felß gebawt
Ein schönes Nest mit Jungen
Und wie er einst warn geflogen aus
Holete ein Geyer die jungen Vogel raus
Drauf wards Nest leer gefungen, ja gefungen.
Wo der Geier uff dem Dache sitzt
Da trugen die Küchlein selten
Es wären mein weele ein seltsam Narrenspiel
Welcher Fürst sein Rathen getrawt soviel
Muß offt der Herrschaft entgelten, ja entgelten.
Altenburg, du bist zwar eine feine Stadt
Dich thät er mit Untreu meinen
Da ie die waren all Hoflüt rauschend voll
Qvam Cunze mit Leytern und Buben toll
Und holte die Fürsten so kleine, ja so kleine.
Was bloß Dich Cunz für Unlust an
Da Du yns Schloß mir steigest
Und stylst die zarten Herren raus
Als der Curförst aber war nicht zu Hauß
Die zarten Försten-Zweige, ja Försten-Zweige.
Es war wohl als ein Wunder Ding
Wie sich das Land beweget
Was uff allen Straßen warn för Leut
Die der Reubern nachfolgeten in Zeit,
Alles wibbelt, kribbelt, sich bereget, ja bereget.
Im Walde dort ward Cuntz ertapt
Da wollt he Beeren naschen
Were he in der Hast sacken fortgeretten
Das öhm die Köhler nit geleppischt hetten
Hett he sie kunt verpaschen, ja verpaschen.
Aber sie wurden ihm wieder abgejagt
Und Cunz mit synen Gesellen
Uff Grünhayn in unsers Herrn Abts Gewalt
Gebracht und darnoch auch uf Zwickau gestalt
Und musten sich lan prellen, ja lan prellen.
Davon fiel ab gar mancher Kopf
Und keiner der gefangen
Kam aus der Haft ganzbeinicht davon
Schwerd, Rad, Zangen und Strick, die waren ihr Lohn
Man sah die rümper hangen, ja hangen.
So gehts, wer wider die öberkeit
Sich unbesonnen empöret
Wer es nicht meynt der schaw an Cunzen
Syn Kop thu zu Freyberg noch herußen schmunzen
Und jedermann davon lehret, ja lehret.[67]
Gott thu der frommen Curförsten alls guts
Und laß die Jungen Herren
In keines Feindes Hand mehe also komm
Geb auch der Fraw Curförstinn vel fromm
Das sie sich, in Ruhe vermehren, ja vermehren.[68]