Durch Not und Drang zum Asyl
Es war einige Tage später. Im Hause des Regisseurs Meyer hatte sich eine Unzahl Schauspieler zusammengefunden, und Schiller wollte ihnen seinen »Fiesko« vorlesen. Bis jetzt war der Dichter noch voll Mut und Vertrauen. Meyer hatte ihn freundlich aufgenommen, ihm und Streicher eine bescheidene, aber saubere Wohnung besorgt, und wenn auch Frau Meyer bei ihrer Rückkehr aus Stuttgart mancherlei zu berichten wußte von den Gerüchten, die dort wegen Schillers Flucht und einer Verfolgung seitens des Herzogs umgingen, der Dichter glaubte Karl Eugen besser zu kennen und hatte sogar den Mut gehabt, an denselben zu schreiben, um unter günstigen Bedingungen von ihm die Erlaubnis zur Heimkehr zu erbitten.
Es war etwa vier Uhr nachmittags. Um den runden, freundlich gedeckten Tisch, der mit einigen Erfrischungen besetzt war, saßen neben Schiller und Streicher Meyer und seine Frau, Boek, Iffland, Beil, Frank und einige andere der bekanntesten Mannheimer Künstler und sahen mit großen Erwartungen dem neuen Werke des Dichters der »Räuber« entgegen.
Schiller begann mit seinem wenig angenehmen Organ die Vorlesung, und da er den ersten Akt zu Ende gelesen, legte er das Manuskript einen Augenblick beiseite und sah im Kreise umher. Aber umsonst erwartete er ein Zeichen des Beifalls. Man sprach über das Gehörte, aber auch über ganz andere Dinge, gewöhnlichen Tagesklatsch, und mit einem Gefühl der Verstimmung, das auch in den Zügen des treuen Streicher sich wiederspiegelte, begann er mit dem zweiten Akt. Auch nach diesem aber kam kein Wort des Lobes oder der Anerkennung aus dem Munde der Zuhörer. Frau Meyer reichte Erfrischungen herum, das Gespräch wurde lebhafter, man ging hin und her, und zuletzt machte Frank den Vorschlag, man wolle in den Garten gehen und Bolzen schießen. Beil hatte sich bereits entfernt, andere gingen jetzt ebenfalls, und nach einer Viertelstunde saßen außer den beiden Freunden nur der Hausherr und die Hausfrau sowie Iffland an dem Tische.
Der Dichter fühlte eine Kälte in seinem Herzen und ein großes Unbehagen; aber er konnte sich nicht überzeugt halten, daß sein neuestes Werk schuld sei. Frau Meyer zog ihn in ein Gespräch ziemlich gleichgültiger Art, und man merkte es der braven Frau an, wie unbehaglich ihr selbst in dieser Stunde zumute war. Streicher war erbittert auf die Schauspieler, die nach seiner Meinung wahrhaft Großes nicht zu schätzen wußten, die von kleinlichem Neide gegen Schiller erfüllt sein müßten, und er beschloß, das nicht ruhig hinzunehmen. Als Meyer sich erhob, folgte er ihm ins Vorgemach, dort aber nahm ihn der Regisseur selbst unter den Arm und zog ihn in ein Nebenzimmer. Dort fragte er: »Sagen Sie mir ganz aufrichtig: Wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die ›Räuber‹ geschrieben hat?«
Streicher stand starr und verdutzt bei dieser Frage. »Zuverlässig; wie vermögen Sie daran zu zweifeln?«
»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer das Stück geschrieben und es nur unter seinem Namen herausgegeben hat? Oder hat ihm jemand anderes daran geholfen?«
»Ich kenne Schiller schon lange und will mit meinem Leben dafür bürgen, daß er die ›Räuber‹ ganz allein geschrieben hat. Aber warum fragen Sie mich das alles?«
»Weil der ›Fiesko‹ das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die ›Räuber‹ geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«
Streicher war entsetzt, er suchte des Freundes Werk nach Kräften zu verteidigen und wies vor allem darauf hin, daß Meyer dasselbe erst vollständig kennen müsse. Dieser aber erwiderte: »Als alter und erfahrener Schauspieler darf ich mir doch wohl erlauben, schon aus einzelnen Szenen einen Schluß auf das Ganze zu machen, und darum kann ich nur sagen: Wenn Schiller wirklich die ›Räuber‹ und den ›Fiesko‹ geschrieben hat, so hat er seine ganze Kraft an dem ersten Stücke erschöpft und kann nun nichts mehr, als erbärmliches, schwulstiges und unsinniges Zeug hervorbringen.«
Streicher schwieg, und tief niedergedrückt kehrte er mit Meyer zu den anderen zurück. Es war ein trübes Beisammensein; von dem ›Fiesko‹ sprach niemand, und mit Mühe ward eine Unterhaltung geführt, bis Schiller mit seinem Freunde aufbrach. Da tat es Meyer leid um den Dichter, und mit einer Regung der Höflichkeit bat er ihn, ihm sein Manuskript über Nacht zu lassen, damit er den Ausgang des Stückes kennen lerne.
Trübe Wolken zogen am herbstlichen Himmel hin, und trübe waren auch die beiden, die jetzt schweigsam durch die Gassen von Mannheim hinschritten. In ihrer Wohnung angelangt, warf Schiller seine Kopfbedeckung beiseite, trat an das Fenster und preßte die heiße Stirn an die Scheiben. Streicher, von Mitleid erfaßt, stellte sich zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter. Da wendete sich der Dichter um und sah ihm voll ins Auge: »Ja, du bist gut und treu, Andreas! – die andern alle sind falsch und gehässig und neidisch –, oder sie sind zu dumm, um wirklich Großes zu begreifen. Ich seh's kommen, – der ›Fiesko‹ wird verworfen wie ein wertloser Lappen, und was wird dann mit mir? – Bin ich denn wirklich ein Dichter, oder darf ich's nicht mehr glauben? – Nun, dann will ich Komödiant werden, das Deklamieren versteh' ich wohl wie irgendeiner.«
Streicher dachte an die verunglückte Aufführung des »Clavigo« in der Karlsschule; aber er widersprach nicht. »Werde ruhig, Freund, und sieh die Dinge nicht zu schlimm an; noch hat Dalberg nicht gesprochen, und er hat Verständnis für echtes Gold der Dichtung. – Zum Schauspieler werden bleibt noch immer Zeit; aber deiner Familie wegen wirst du auch das noch einmal überlegen. Heute nichts mehr, – du bist zu aufgeregt.«
Er führte langsam Schiller zu einem Sitze und setzte sich selbst an sein Klavier. Er begann leise, weich und innig zu spielen, wie man wohl ein krankes Kind in Schlummer singt, und die milden Töne, die ruhigen Weisen begannen den Dichter zu besänftigen. Als Streicher schloß, drückte er mit stummem Danke ihm die Hand und begab sich zur Ruhe.
Der junge Musiker stand zeitig auf; er kleidete sich geräuschlos an, und mit einem wehmütigen Blick auf den schlafenden Freund, verließ er das Gemach. Er hatte keine Ruhe, ihn drohten die engen Mauern zu ersticken. In tiefen Zügen atmete er draußen die frische Morgenluft, und sobald es ihm nur irgend erlaubt schien, begab er sich in die Wohnung Meyers. Dieser kam ihm in sichtlicher Aufregung entgegen und rief: »Sie haben recht, ›Fiesko‹ ist ein Meisterstück und weit besser bearbeitet als die ›Räuber‹. Aber wissen Sie auch, was schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert. Er sagt alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt: ›Er macht die Tür zu‹, oder ob es eine Hauptstelle des Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß kommen, da wollen wir es vorlesen und alles in Bewegung setzen, um es bald auf das Theater zu bringen.«
Streicher war es, als ob eine Bergeslast von ihm genommen sei, und ohne Aufenthalt eilte er zu dem Freunde. Dieser hatte sich eben erst erhoben, seine Stimmung aber war trübe.
»Meyer ist entzückt vom ›Fiesko‹,« rief der Musikus, »es muß auf die Bühne kommen, und dann ist ja die Wendung da, auf die wir hoffen; denn von der Bühne muß das Werk seine Schuldigkeit tun.«
Schiller umarmte den Freund, und während er bereits wieder heitere Luftschlösser baute, machte er sich rasch fertig, um selbst zu Meyer zu gehen und aus dessen Munde die Bestätigung der frohen Kunde zu vernehmen. Da ward ihm, eben da er die Wohnung verlassen wollte, ein Schreiben gebracht aus Stuttgart. Es war von dem Intendanten von Seeger und enthielt die Antwort auf Schillers Brief an den Herzog. Sie lautete wohlwollend und gnädig und enthielt die Aufforderung zur Rückkehr und Zusicherung der Verzeihung. Aber, was Schiller zumeist erhofft und erbeten hatte, die Zurücknahme der harten Verbote, suchte er vergebens in den Zeilen, und sein Entschluß war gefaßt: die Brücke mit Stuttgart mußte für immer abgebrochen werden, von dort war nichts zu hoffen, – seine Hoffnung blieb Mannheim und der »Fiesko«.
Meyer floß über von Anerkennung seines Werkes, und er wie seine Frau bemühten sich, dem Dichter den vorhergegangenen Abend vergessen zu machen. Frau Meyer aber kam dabei wieder auf ihre Wahrnehmungen und Beobachtungen in Stuttgart zurück, und mit der Ängstlichkeit der besorgten Frau riet sie Schiller, für einige Zeit, wenigstens bis zur Wiederkehr Dalbergs und dessen Entscheidung über den »Fiesko« Mannheim zu verlassen und sich in etwas mehr gesicherter Ferne von Herzog Karl Eugen zu halten, dem es doch einfallen könnte, von der befreundeten kurpfälzischen Regierung die Auslieferung seines desertierten Regimentsmedikus zu verlangen. Diese Befürchtung hegte auch Meyer, und da außerdem der Aufenthalt für die beschränkten Mittel der beiden Freunde in Mannheim zu kostspielig war, beschlossen sie, sich gegen Frankfurt am Main zu wenden und in einem Vorort der alten freien Reichsstadt sich bis auf weiteres vor dem Württemberger Herzog zu verbergen.
Die Freunde – denn der treue Streicher wollte seinen Genossen nicht verlassen – hielten Übersicht über ihre sehr zusammengeschrumpften Geldbestände und fanden, daß sie bei aller Sparsamkeit höchstens noch zehn bis zwölf Tage aushalten konnten. Sie wollten darum zu Fuß ihre Reise antreten, und Streicher wollte sich überdies von seiner Mutter ein Sümmchen von dreißig Gulden erbitten.
Nachdem sie von Herrn und Frau Meyer warmen Abschied genommen, wanderten sie selbander über Darmstadt, wo sie Nachtrast gehalten hatten, ihrem neuen Ziele entgegen. Aber die Aufregung der letzten Zeit, wohl auch die Entbehrungen, die man notgedrungen sich auferlegte, machten, daß Schiller auf dem Wege bedenklich ermüdete, und der Kirschengeist, den er zur Erregung seiner Nerven nahm, war wenig geeignet, ihn zu kräftigen. So konnte die herrliche Gegend, die an Naturschönheiten so reiche Bergstraße, fast gar nicht genossen werden. Nicht allzu fern mehr von Frankfurt, in einem Wäldchen, brach der Dichter endlich zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf. Auf einem Baumstumpf in seiner Nähe saß Streicher und sah mit wehmutsvoller Teilnahme nach dem bleichen Gesicht, den verhärmten Zügen. So vergingen zwei Stunden.
Da ward ein Schritt vernehmbar auf dem nahen Fußpfade, und aus dem Gebüsch trat ein Offizier in hellblauer Uniform mit gelben Aufschlägen. Er stutzte, als er die beiden jungen Männer sah, und auch Streicher ward es einigermaßen unbehaglich, dann kam er näher, indem er die Freunde anhaltend fixierte: »Oh, hier ruht man sich aus!« rief er ziemlich laut. »Wer sind die Herren?«
»Reisende«, erwiderte kurz und wenig höflich der junge Musikus, und in diesem Augenblicke erwachte auch Schiller. Einen Moment sah er verwirrt umher, dann aber schaute er fest und durchdringend den Offizier an, der wohl daran gedacht haben mochte, die beiden anwerben zu können, nun aber zur Erkenntnis kam, daß er sich geirrt hatte. Er entfernte sich ohne Gruß; Schiller aber erhob sich und erklärte dem angenehm überraschten Freunde, daß er sich kräftig genug fühle, um den Weg fortsetzen zu können.
Sie beschleunigten nun einigermaßen die Schritte, und wie sie aus dem Wäldchen heraustraten, sahen sie die alte freie Reichsstadt im Abendschimmer vor sich liegen mit ihren Mauern und Türmen. Als die Dämmerung einsank, hatten sie dieselbe erreicht, und in der Vorstadt Sachsenhausen, der Mainbrücke gegenüber, nahmen sie bei einem Wirte Wohnung.
Schiller und Streicher auf der Mainbrücke bei Frankfurt
Um anderen Tage schon schrieb Schiller an Dalberg, legte ihm seine Lage vor und bat, ihm auf den »Fiesko« einen Vorschuß zu gewähren. Jetzt erst wurde dem Dichter wieder freier und wohler um das Herz, und in Begleitung des treuen Freundes streifte er über die Mainbrücke hinüber und wanderte durch die alte, merkwürdige Stadt mit ihren reichen geschichtlichen Erinnerungen, mit ihren interessanten Bauwerken, mit ihrem regen Verkehr. Das war doch noch anders als Stuttgart und Mannheim, und das Neue drängte sich immer wieder in reicher Fülle vor das Auge.
Die Läden der Buchhändler lockten ihn besonders, und er konnte nicht der Versuchung widerstehen, in einen derselben einzutreten und sich zu erkundigen, ob das berüchtigte Schauspiel »Die Räuber« guten Absatz finde. Der Buchhändler bestätigte dies nicht nur, sondern stimmte auch aus freien Stücken eine so warme Lobeshymne auf das Werk und seinen Verfasser an, daß das Gesicht Schillers freudig aufleuchtete und er zuletzt dem überraschten Manne sagte: »Nun, es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß der Dichter vor Ihnen steht.«
Verwundert und verdutzt starrte ihn der Buchhändler an; aber wenn er vielleicht auch einen gelinden Zweifel in die Wahrheit dieser Angabe setzte, er überbot sich doch jetzt erst recht im Lobe des Werkes, und als Schiller mit Streicher den Laden verlassen hatte, drückte er innig die Hand des Freundes und sagte: »Andreas, das entschädigt mich für vieles. Mein Name geht nicht mehr verloren, und ich nehme den ersten Erfolg zum guten Zeichen für die weiteren.«
»Das darfst du, und wie die Sonne durch trübe Wolken, so wird auch dein Stern durch die jetzige Bedrängnis siegreich sich hindurchdrängen.«
Als ein glücklicher Mensch wanderte der Dichter weiter, und die ganze Welt schien ihn wieder mit anderen Augen anzusehen. Als sie am Abend nach Sachsenhausen zurückgingen, blieb er auf der Mainbrücke stehen und sah hinein in den vom Abendlicht beschienenen Strom, der die Bläue des Himmels wiederspiegelte, und auf die bewegten, fleißigen Menschen und die dahingleitenden Fahrzeuge.
»Die Erde ist doch schön, und Mensch zu sein eine Freude«, sprach er im Weitergehen. In seiner Wohnung aber begann er hin und her zu wandern, sinnend und schaffend; nur ab und zu setzte er sich an den Tisch und schrieb. Streicher hatte in einem stillen Winkel Platz genommen und beobachtete ihn, ohne ihn zu fragen oder zu stören. Endlich nahm Schiller selbst das Wort: »Mich faßt ein wunderlicher Drang zu schaffen, Andreas. Der Gedanke an ein bürgerliches Trauerspiel schwebt mir schon seit einigen Tagen vor, heute fängt es an Gestalt zu gewinnen. Ich sehe alles werden vor meinem Geiste, das Haus eines armen Stadtmusikus mit seinem schönen, schlichten Kinde, den Sohn des vornehmen Präsidenten, der es liebt, den Gegensatz der bürgerlichen und der adligen Sphäre … oh, welche Fülle lebensvoller Züge läßt sich hier anbringen. ›Luise Millerin‹ soll die Heldin heißen und das Stück selber …«
Er erzählte dem Freunde von den Einzelheiten des Planes, und es war tief in der Nacht, als sie beide einschliefen.
Auf diesen angenehmen Tag folgte ein trüber, als sie von der Post die Briefe holten, die für Dr. Ritter angekommen waren. Sie waren zum Teil von Stuttgarter Freunden, voll von Besorgnissen und Warnungen, zum Teil von Mannheimer Bekannten; aber am meisten Interesse hatte ein Schreiben Dalbergs. Schiller öffnete es erst, als sie daheim in ihrer Wohnung waren. Er stand am Fenster und las, und gespannt beobachtete ihn Streicher. Da sah dieser, wie des Freundes Züge sich verfärbten, wie die Hand mit dem Briefe niedersank und der Blick des Dichters durch das Fenster hinausstarrte wie in eine öde, trostlose Weite. Er eilte zu ihm und faßte seine Hand. Schiller wendete sich und reichte ihm stumm den Brief, und der junge Musikus las, daß Dalberg keinen Vorschuß geben wolle, weil der »Fiesko« in der vorliegenden Form für die Bühne unbrauchbar sei.
Streicher versuchte wie immer zu trösten; aber Schiller blieb gedrückt, und da am nächsten Tage die dreißig Gulden von Streichers Mutter eintrafen, machte dieser selbst den Vorschlag, einen stillen Ort nahe bei Mannheim aufzusuchen, wo man billig lebe, den Mannheimer Freunden nahe sei und wo Schiller in Ruhe den »Fiesko« umarbeiten könne. Der Dichter war mit allem einverstanden, und schon am anderen Morgen fuhren die Freunde mit dem Marktschiffe den Main entlang nach Mainz, wo sie beim nächsten Morgensonnenschein den Main in den Rhein münden sahen und weiter wanderten gegen Worms. In Nierstein stärkten sie sich an einem Glase alten Weins, und am Abend um neun Uhr zogen sie in der alten Lutherstadt Worms ein. Hier fanden sie einen Brief von Meyer, der ihnen das kleine Städtchen Oggersheim zum Aufenthalt empfahl, und so ließen sich denn auch die Freunde in dem Gasthause zum »Viehhof« nieder, doch hatte Schiller seinen Namen Dr. Ritter in Dr. Schmidt vertauscht, um etwaige Nachspürungen zu täuschen. Mannheimer Freunde hatten sie dort empfangen, und Meyer suchte Dalbergs Ablehnung in einem freundlicheren Lichte erscheinen zu lassen.
Trotzdem war die Freude am »Fiesko« dem Dichter verdorben, und er mußte sich beinahe zwingen, an die verlangte Umarbeitung zu gehen; viel lieber saß er über dem neu geplanten Werke, der »Luise Millerin« oder wie es später nach Ifflands Vorschlage hieß: »Kabale und Liebe«.
Was war in jenen Tagen der brave Streicher wert! An den langen trüben Herbstabenden wußte er durch sein Klavierspiel oft die Stimmung des Freundes zu erheitern und, wie David bei Saul, die schlimmen Geister zu bannen; er ermunterte ihn zum Schaffen mit seiner Kunst. Oft wenn der Mondenschimmer den kleinen Raum mild erhellte, saß er an seinem Instrument und ließ seine ganze warme, herrliche Seele ausströmen in milden, erhebenden Klängen, so daß Schiller oft sich erhob, hin und her wanderte, das entzückte Antlitz dem freundlichen Himmelsgestirn zugewendet, und dann wieder selbst schaffensfreudiger an seine Arbeit ging. Solche Stunden taten ihm freilich auch not; denn im allgemeinen war der Aufenthalt in Oggersheim nicht angenehm, zumal in den unfreundlichen Herbsttagen und in einem Hause, dessen Friede oft genug gestört wurde durch die polternde Stimme des Wirtes, der seiner Familie gegenüber oft genug den Tyrannen hervorkehrte.
Da war es für den Dichter geradezu Bedürfnis, sich ab und zu nach Mannheim zu schleichen und dort im Hause Meyers oder Schwans, wo immer einige verschwiegene Freunde sich zusammenfanden, einige Stunden zu verleben. Freilich wagte er mit Streicher nur bei eingebrochener Dämmerung sich in die Stadt zu begeben, in welcher sie, da man die Festungstore zeitig schloß, genötigt waren zu übernachten.
Indes war der »Fiesko« doch in der neuen Fassung fertiggestellt und an Dalberg übersendet worden, der keine Ahnung hatte, daß ihm der Dichter so nahe sei, weil Schillers Korrespondenz durch Meyer vermittelt wurde. Mit leicht begreiflicher Spannung sah der Dichter der Entscheidung des Intendanten entgegen, und da diese länger, als er gehofft hatte, auf sich warten ließ, wollte er Herrn von Dalberg wenigstens um sein Urteil als Dramaturg über das Werk bitten.
Er schrieb deshalb einen Brief, und am Abend des 16. November wanderten die beiden Freunde, in ihre Mäntel gehüllt, wieder nach Mannheim, um das Schreiben bei Meyer abzuliefern. Sie wurden bei diesem in unverkennbarer Aufregung und Angst empfangen und erfuhren, daß ein württembergischer Offizier hier gewesen sei und sich nach Schiller erkundigt habe. Wohl hatte man erklärt, daß man nicht imstande sei, über diesen Auskunft zu geben; aber unbehaglich blieb die Sache doch, und auch die Freunde wurden besorgt. Als man noch über den Vorfall redete, klang die Haustürglocke, und Frau Meyer, welche in der ersten Bestürzung fürchtete, der unangenehme Besuch könnte zurückkehren, ja Schiller vielleicht beim Eintritt in das Haus bemerkt haben, drängte die beiden Freunde in ein etwas abgelegenes Kabinett, das sie sorgfältig hinter ihnen abschloß.
Aber die Furcht war unnötig gewesen; es war ein guter Bekannter des Hauses, der freilich auch seinerseits berichtete, daß der württembergische Offizier in der Stadt genaue Erkundigungen wegen Schiller eingezogen hatte.
Es war ein recht unbehaglicher Abend. Bei dem traulichen Lampenschimmer saßen sie beisammen, und da noch einige befreundete Herren und Damen kamen, brachten auch sie die Kunde von dem Offizier, und nun schien es hier allen ebenso bedenklich, wenn die Freunde in Mannheim übernachteten, wie wenn sie nach Oggersheim zurückkehrten. In dieser Not und Verlegenheit schaffte eine der Damen, Madame Curioni, Rat. Sie hatte die Aufsicht über das jetzt unbewohnte Palais des Prinzen von Baden und erklärte, die Freunde daselbst unterbringen und unter Umständen auch so lange verbergen zu wollen, als es nötig erscheinen könnte, und mit Dank nahmen diese das Anerbieten an. Im Dunkel der Nacht gingen sie mit Madame Curioni durch die Gassen nach dem stillen Palaste, und bald sahen sie sich in geradezu fürstlichen Gemächern untergebracht mit dem beruhigenden Bewußtsein, daß sie an diesem Orte niemand suchen und noch weniger verfolgen würde.
Als die Sonne durch die hohen Fenster hereinlachte, erhob sich Schiller mit einem Gefühle des Behagens. Im Morgenschimmer sieht er erst die ganze Pracht des Raumes, in dem er sich befindet, und nachdem er sich angekleidet, und der treue Streicher ausgegangen war, um Erkundigungen einzuziehen, schritt er langsam an den Wänden hin und besah die trefflichen Gemälde und die Kunstgegenstände und vergaß darüber die trübe und sorgenvolle Gegenwart.
Nach einiger Zeit kam der treue, unermüdliche Streicher zurück mit guter Kunde. Der württembergische Offizier war bereits am vorigen Abend abgereist, ohne mit dem Kommandanten von Mannheim gesprochen zu haben. Die Sorgen waren unnötig gewesen; ja später erfuhr Schiller sogar, daß es einer seiner Stuttgarter Freunde gewesen war, der ihn hatte aufsuchen wollen.
Nun begaben sich die beiden Freunde wieder zu Meyer, der sich, ebenso wie seine Frau, herzlich freute, daß diese trübe Wolke vorübergegangen war, der aber auch nicht verhehlen mochte, daß möglicherweise die Nachforschung nach dem Dichter fortgesetzt und derselbe zuletzt doch gefährdet werden könnte. Das wackere, wohlwollende Ehepaar glaubte deshalb dem Dichter raten zu sollen, daß dieser sich ein mehr verstecktes und gesichertes Asyl suche, und in diesem Augenblicke schwebte Schiller die Einladung der Frau von Wolzogen vor, und deren kleines Besitztum Bauerbach erschien ihm wie der rettende Hafen. Er beschloß, sogleich an sie zu schreiben.
Mit Streicher ging er nun nach Oggersheim zurück. Im »Viehhof« kam ihnen der unhöfliche Wirt entgegen, der sie kaum grüßte und sie darauf aufmerksam machte, daß er seit vierzehn Tagen für sie angekreidet habe und daß auf seiner Tafel schier kein weiterer Platz sei; auch würde nach seiner Meinung das Anwachsen der Rechnung nicht dazu beitragen, die Zahlung leichter zu leisten.
Schiller wurde unmutig und suchte den Mann zu beruhigen mit dem Hinweis, daß er bei Heller und Pfennig bezahlt werden würde. Schweigend stieg er mit dem Freunde die Treppe hinan nach ihrem unfreundlichen, kalten Zimmer, und dort sank er verstimmt und kleinmütig auf einem Stuhle nieder.
»Andreas, wie ist's? Kannst du noch aushelfen?« fragte er Streicher. Der aber sah ihn traurig an und erwiderte: »Ich habe nichts mehr und kann auch nicht daran denken, jetzt von meiner Mutter etwas zu erbitten; denn sie könnte mir nichts geben, und das Herz mag ich ihr nicht schwer machen.«
»Oh, du guter, lieber Freund! Und alles hast du mir und meinetwillen geopfert! Wie kann ich dir jemals genug danken? – Und was soll ich tun, um unserer Not abzuhelfen?«
Plötzlich, während Streicher den Aufgeregten zu beruhigen bemüht war, zog er seine silberne Uhr aus der Tasche: »Hier! – Was brauche ich sie! – Mich drängen ja nicht die Stunden, und was brauche ich zu sehen, wie träge oder wie schnell die Zeit geht? Das fühle ich ohnedies – hier, Andreas, tu' mir die Liebe und verkaufe das Ding!«
»Für dich will ich's tun, für mich nicht –; aber ein anderes will ich dir vorschlagen: Laß uns auseinandergehen! Ich kann dir jetzt nichts mehr sein, dir nicht helfen und zehre nur deine kargen Mittel mit dir auf. Bleibe du in Oggersheim, bis Frau von Wolzogen dir geantwortet hat; ich aber will nach Mannheim ziehen und hoffe, durch Musikunterricht meinen Lebensunterhalt zu gewinnen.«
Schiller fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen traten. »Andreas, wenn ich das jemals vergesse! – Du hast mir deine Zukunft geopfert; statt nach Hamburg zu Bach bist du mit mir in die Verbannung gezogen, – statt dem Ruhme nachzustreben, hast du Entbehrungen auf dich genommen.«
»Aber für dich und mit dir! Das wiegt alles auf. Sprich nicht weiter davon; mir war es ein Glück, dich begleiten zu dürfen, und es wäre mir noch ein größeres Glück gewesen, dich hier schon dein hohes Ziel erreichen zu sehen. Aber du wirst es erreichen, und dann wird auch mein bescheidener Name nicht ganz vergessen sein.«
Innig drückte Schiller des Freundes Hand, und am nächsten Tage zog dieser hinein nach der Stadt. Dem einsamen Dichter aber gingen die Tage noch langsamer und träger, und beinahe jeden Abend zog es ihn hinein nach Mannheim, um Streicher wenigstens zu sehen. Als er – es war gegen Ende November und die Flocken wirbelten um ihn – den Regisseur Meyer wieder aufsuchte, empfing ihn dieser mit seltsamem, trübem Ernste.
»Schiller, lieber Freund, ich habe keine gute Nachricht für Sie!«
»Was ist's? – Von Herrn von Dalberg?«
»Ja«, erwiderte kurz der Regisseur und überreichte dem Dichter ein Päckchen. Schiller öffnete, er hielt die Handschrift seines »Fiesko« in der Rechten und hätte nicht erst nötig gehabt, den beigefügten Brief zu lesen, in welchem der Intendant bedauerte, das Stück auch in seiner neuen Fassung nicht zur Aufführung annehmen zu können. Ein unsägliches Gefühl der Bitterkeit erfaßte den Dichter: Zwei Monate hatte er gearbeitet, seine kargen Mittel hatte er aufgebraucht, und nun erfuhr er nicht einmal, weshalb sein Werk abgelehnt wurde; er mochte es wohl ahnen, daß es nicht so sehr dieses selbst war, als der Umstand, daß der Intendant es nicht mit dem württembergischen Hofe verderben mochte, was dies Ergebnis herbeigeführt hatte.
Einige Augenblicke stand er bleich und fassungslos; als aber Meyer ihm tröstlich und freundlich zuzusprechen begann – denn ihn jammerte des trefflichen und begabten Mannes –, da richtete er sich auf und sagte mit ruhigem, würdevollem Ernst: »Nun, dann beklage ich nur das eine, daß ich nicht schon von Frankfurt aus nach Meiningen gereist bin.«
Seines Bleibens konnte nun nicht länger sein; nur eines quälte ihn: Er wußte nicht, woher er die Mittel zur Weiterreise, ja zur völligen Bezahlung seines Wirtes und zur Beschaffung von dringend nötigen Winterkleidern nehmen sollte. Von Meyer oder anderen Stuttgarter Freunden zu borgen, dazu war er zu stolz. Da dachte er an den Buchhändler Schwan und beschloß, diesem den »Fiesko« zum Verlage anzubieten.
Der Hofkammerrat empfing ihn in seinem schön ausgestatteten und behaglich durchwärmten Arbeitsgemach mit einer gewissen herablassenden Freundlichkeit. Er hörte den Antrag des Dichters ruhig an, dann kniff er, wie klug und überlegend, die Augen zusammen, strich einigemal nachsinnend über die Stirn und sprach: »Ihre Dichtung ist jedenfalls vortrefflich, lieber Freund; wenigstens hat Iffland das versichert, und Iffland hat ein Urteil trotz dem Herrn von Dalberg. Ich nehme Ihr Anerbieten gern an, aber muß bemerken, daß ich nicht mehr als einen Louisdor für den Druckbogen zahlen kann.«
Als Schiller unmutig die Brauen zusammenzog, fuhr er fort: »Ja, ich tue damit noch ein Übriges; denn sehen Sie, sobald Ihr Werk heraus ist, kommt der Nachdruck; ein Dutzend Buchhändler zieht seine Vorteile aus Ihrem Werke, und mir bleibt nichts, als was ich etwa aus dem ersten Verkauf ziehe. Sie sehen, ich kann nicht anders.«
Schiller willigte ein; er erhielt von Schwan einen entsprechenden Vorschuß, zahlte damit seinem unangenehmen Wirt, beschaffte sich, was er für den Winter nötig hatte, und nun war er so weit, daß er den Staub von Mannheim von den Füßen schütteln konnte.
Frau von Wolzogen hatte ihre Einladung in der freundlichsten Weise wiederholt, und so gedachte er am letzten November sich auf den Weg nach Meiningen, beziehentlich nach Bauerbach, zu machen. Da er sich nicht in Mannheim zeigen konnte und mochte, wollte er in Worms den Postwagen besteigen.
Eben als er in seinem unfreundlichen Gemache in Oggersheim damit beschäftigt war, sein geringes Hab und Gut in einen Mantelsack zu packen, kamen Meyer, Streicher und einige Mannheimer Freunde, um ihm das Geleite zu geben. Schiller ließ eine Flasche Wein bringen, und noch einmal saßen sie zusammen um den Tisch und suchten Schiller Mut einzusprechen für die Zukunft. Er sah ernst und ruhig drein und sprach: »Seid unbesorgt! Eine vernichtete Hoffnung ist noch kein vernichtetes Leben, und in meiner Seele lebt die feste Zuversicht auf meine Kraft und damit auch auf eine bessere Zukunft. Was kann mir mehr geschehen? Ich habe keine Heimat, ich habe keinen Besitz, mein »Fiesko« ist als unbrauchbar erklärt, und doch, ihr Freunde, ich spreche mit Karl Moor: Die Qual erlahme an meinem Stolz. Als Dr. Ritter gehe ich von euch – und unter diesem Namen denke ich in Bauerbach mich zu verbergen und zu vergraben, um als Friedrich Schiller wieder aufzuerstehen!«
»Auf deine Zukunft!« rief begeistert Streicher, und die Gläser klangen zusammen; Schiller aber warf nach dem letzten Trunk das seine gegen die Wand, daß es in kleine Splitter zerschellte, und sagte: »Scherben bedeuten Glück! Wohlan, – mit diesem Glase zerbreche ich meine Vergangenheit, nun hebt ein neues Leben an. – Auf, nach Bauerbach!«
Er ergriff seinen Mantelsack, schweigend folgten ihm die Freunde, und bald rollte der Wagen durch den kalten Wintertag mit knirschenden Rädern hin gegen Worms. Im Posthause ward abgestiegen. Es war Abend geworden, und da sie eben sich zum Imbiß setzten, erzählte ihnen der geschwätzige Posthalter, daß in seinem Saale heute von einer umherziehenden Gesellschaft das Stück »Ariadne auf Naxos« aufgeführt würde. Das konnte über die Wehmut der Abschiedsstunden einigermaßen hinweghelfen, und die Freunde gingen denn gemeinsam, um dem Schauspiel beizuwohnen.
Bei demselben war alles erbärmlich, und das Schicksal der verlassenen Ariadne reizte zur Heiterkeit, um so mehr, als Theseus auf einem Schiffe davongefahren war, an dessen Bord zwei Kanonen gemalt waren, und als man gar nicht im Zweifel sein konnte, daß der grollende Donner des Gewitters, das Ariadne von dem Felsen schleudert, hervorgebracht war durch einen Sack mit Kartoffeln, welche in ein Blechgefäß geschüttet wurden.
Lustige Bemerkungen gingen hin und her, nur Schiller saß still, in sich versunken. Er hörte wohl ebensowenig die Worte des Melodramas, als die Witze seiner Gefährten; seine Blicke waren in die Vergangenheit gerichtet und in die Zukunft, der er entgegenging. Er dachte wohl auch daran, wie man seine »Räuber« in ähnlicher Weise da und dort aufführen mochte, und wie man sich vielleicht bei dem gewaltigen Pathos Karl Moors, das mit der Szenerie nicht im Einklang stand, belustigen mochte, und eine trübe Bitterkeit wollte ihn erfassen. Aber mannhaft zwang er dies Gefühl nieder, doch war er froh, als die Aufführung zu Ende war.
Noch ein Stündchen saßen die Freunde beisammen und tranken den Abschied in einem Glase Liebfrauenmilch, – dann hieß es auseinandergehen. Die Mannheimer wollten noch in der Nacht nach der Heimat zurück, und nun ging es an ein Umarmen und Küssen. Meyer und andere sprachen viel und gezwungen heiter, nur Streicher war ernst und stumm. Er hatte dem Freunde am meisten an Liebe getan und fühlte am herbsten seinen Verlust. Schiller mochte von einem gleichen Empfinden beseelt sein, und so standen die beiden Menschen, sahen sich lange und tief in die Augen, drückten sich die Hände, aber über die Lippen kam kein Wort, – jeder wußte, daß er das Bild des andern im Herzen mit sich fortnehme.
Durch die Winternacht fuhren die einen nach Mannheim zurück, der andere, Einsame, hinein in die fremde Welt. Er hatte eine Reise von etwa sechzig Stunden vor sich, in bitterer Kälte, ohne besonders warme Kleidung, und verfügte nur über geringe Mittel; aber der starke Geist war ungebeugt und ließ sich nicht niederdrücken durch leibliche Mühsale.
Glücklich, wenn auch tüchtig durchfroren, langte er in Meiningen an und suchte zunächst den herzoglichen Bibliothekar Reinwald auf, an welchen Frau von Wolzogen ihn empfohlen hatte. Er fand einen trefflichen, herzlichen Menschen, der ihn aufnahm wie einen lieben, alten Bekannten, und Schiller ward es wohl zumute bei dem Gedanken, daß ihm hier ein gütiges Geschick vielleicht einen Ersatz für seinen Streicher geschickt habe. In gehobener Stimmung, mit freudiger Zuversicht brach er am Spätnachmittage aus Meiningen auf, um seine Reise nach Bauerbach fortzusetzen. Die Dunkelheit war hereingebrochen, als er daselbst ankam und aus den zerstreuten Hütten die Lichter schimmern sah, die ihre Grüße ihm entgegenwinkten, und nicht lange währte es, so hielt er vor dem schlichten Hause, das Frau von Wolzogen gehörte.
Der Gutsverwalter Vogt empfing ihn freundlich; in der wohldurchgewärmten Stube erwartete ihn ein ländlich kräftiges Mahl, und mit unendlichem Behagen sah er sich in dem Raume um, der jetzt seine Wohnung sein sollte. Der Tisch mit seinem gedrehten Fuß, der alte Lehnstuhl am Fenster, die Bilder von Fürstlichkeiten in geschwärzten Rahmen an der Wand, die kleinen Fenster, die niedrige Decke, der mächtige Kachelofen – alles heimelte ihn an, und er schlief den Schlaf des Gerechten in der ersten Nacht.
Beim Morgensonnenschimmer aber trat er an sein Fenster und sah hinaus. Er sah in den tiefverschneiten Obstgarten, auf die schneebedeckten Hütten des Dorfes, auf die ferner sich hinziehenden weißblinkenden Höhen, von denen dunkel sich die Ruinen eines verfallenen Bergschlosses abhoben, und es war ihm, als sei er in einer fremden, verzauberten Welt. Alles war tiefstille, nur Krähen kreischten um den baufälligen Kirchturm; jetzt aber begann ein Glöcklein durch die Morgenfrühe zu läuten. Das ging mit reinen, klaren Schlägen durch das Tal, über dem sich ein tiefblauer Himmel wölbte, und den einsamen Dichter überkam eine wundersame Rührung. Fern der Welt, herausgehoben über die Welt stand er da, frei von allen Fesseln, erfüllt von der Kraft des Genius, und er segnete das Asyl, das er gefunden, und segnete die edle Frau, die es ihm geboten, und seine Seele hob sich mit den schwingenden Tönen des Dorfglöckleins empor und fühlte aufs neue den Hauch kommender Unsterblichkeit.