Auf der Flucht

Frau von Wolzogen wie Frau Vischer standen noch lange unter der Nachwirkung des Eindrucks der »Räuber«. Das Herz war ihnen voll davon, daß sie Zeugen des Triumphes des geliebten Dichters sein und in seiner Gegenwart sein Werk genießen konnten, und es ist begreiflich, daß ihnen auch der Mund davon überging. Zunächst erzählten sie von der Aufführung im engsten Bekanntenkreise, und erst als ihnen die Mitteilung entschlüpft war, daß sie mit Schiller zusammen in Mannheim gewesen, wurden sie der Gefahr sich bewußt, in welche sie mit ihrer Redseligkeit den Dichter bringen konnten, und versuchten, ihren Freunden Schweigen darüber aufzuerlegen.

Aber unter dem Siegel der Verschwiegenheit ging die Kunde doch still immer weiter, und so kam es, daß auch der General Auge davon erfuhr. Der alte Soldat aber hielt es für seine Pflicht, auch den Herzog davon zu verständigen, und berichtete peinlich genau mit allen Einzelheiten, die ihm selber zu Ohren gekommen waren. Karl Eugen geriet in Zorn; So hatte dieser Regimentsmedikus gewagt, seinem strengen Befehle zum Trotz ins Ausland zu gehen – das durfte nicht ungestraft bleiben!

Schiller vor dem Herzog Karl Eugen von Württemberg

Schiller erhielt sofort Ordre, vor ihm zu erscheinen. Er ahnte nichts Gutes bei der Kunde, um so mehr, als ihm zugleich die höchste Eile anbefohlen war, so daß er sich kaum Zeit nehmen konnte, sich in seine Paradeuniform zu werfen. So rasch als möglich begab er sich nach dem Schlosse Hohenheim und wurde sogleich nach dem Garten gewiesen, wo der Herzog ihn erwartet zu haben schien. Dieser schien zunächst freundlich und huldvoll, daß Schiller fast irre an ihm wurde; er schritt mit ihm in den schattigen Alleen hin, machte ihn auf besondere Schönheiten der Anlagen aufmerksam und redete von ganz gleichgültigen Dingen. Plötzlich blieb er stehen, richtete sich hoch auf und indem er seinen Begleiter durchdringend anschaute, sagte er: »Er ist in Mannheim gewesen! Ich weiß alles! Ich sage, Sein Oberster weiß darum.«

Schiller stand im ersten Augenblick verblüfft und fühlte, wie ihm das Blut aus den Wangen wich; dann nahm er eine stramme militärische Stellung ein und erwiderte: »Durchlaucht, ich bitte untertänigst um Verzeihung – ja, ich war in Mannheim, aber Oberst von Rau hat keine Schuld dabei; ich bin ohne Urlaub gegangen und hatte mich krank gemeldet.«

»Ihn soll doch gleich ein Blitz in den Boden wettern! Er ist ja ein ganz verlogenes Subjekt, ein ungehorsamer Windhund, mit dem ich Ernst machen muß. – Wie kommt Er denn dazu, meinem bestimmten Befehle sich zu widersetzen? – Meint Er, mein Wohlwollen für Ihn habe keine Grenzen?«

»Darauf habe ich allerdings gesündigt – halten zu Gnaden, Durchlaucht! Es war zu verlockend, in guter Gesellschaft noch einmal mein Stück sehen zu können, und da Serenissimus abwesend waren und ich nicht persönlich um die Gnade eines Urlaubs bitten konnte – –«

»So ist Er einfach mit einem Paar Weibsleuten durchgebrannt. Ist das Subordination? Ist das Achtung vor seinem Landesherrn? Und den Rau werde ich mir auch zur Rechenschaft ziehen – –«

»Ich bitte untertänigst, Durchlaucht – Oberst von Rau hat von einem Urlaub nichts wissen wollen – ich wäre ein Schurke, wenn ich anderes behauptete –«

»Mag sein, ich will's vom Rau glauben; – aber das vergrößert nur seine eigene Schuld. Himmelelement, wohin soll's denn kommen, wenn schon ein simpler Medikus glaubt, unsere Befehle mit Füßen treten zu dürfen – –«

»Halten zu Gnaden – –«

»Still! Kein Wort! Er hat meine Befehle mit Füßen getreten und verdiente eigentlich die Kassation und den Hohenasperg dazu, ich will's aber noch einmal glimpflich mit Ihm machen, obwohl Er ein Deserteur, ein Filou ist. Gehe Er auf die Hauptwache und melde Er sich zu einem vierzehntägigen Arrest – damit mag's vorläufig abgetan sein; aber das sage ich Ihm, so wie ich der Herzog von Württemberg bin, wenn Er seinen Verkehr mit dem Auslande fortsetzt, oder wenn Er etwas anderes als Medizinisches schreibt, so setze ich Ihn hinter Schloß und Riegel in ein Loch, wo weder Sonne noch Mond Ihm hineinscheinen soll.«

Schiller überlief ein Schauer, er dachte an den armen Schubart; ein bittend Wort wollte sich über seine Lippen drängen, aber er preßte es hinab und dankte für die gnädige Strafe.

Nun ging er nach der Hauptwache und gab seinen Degen ab, und gleich darauf befand er sich in einer engen, unfreundlichen Zelle, durch deren Gitterfenster nur ein schmaler Streifen des Sonnenlichts hereingrüßte. Seine Seele war voll unsäglicher Bitterkeit. Was sollte nun werden? – Er fühlte nur das eine, daß er niemals dem Befehl des Herzogs sich unterwerfen könne, daß er darüber zugrunde gehen müßte. In dem schmalen Raume schritt er auf und nieder, und wiederum mußte er an den Gefangenen von Hohenasperg denken, dessen ganzes Verbrechen ja auch nur in dem freien Aufflug seines Geistes bestand, und wieder kam ihm der Gedanke an Flucht.

Aber mitten in alle Trübsal und Verstimmung hinein traten ihm die Gestalten seines »Fiesko«; dieses Werk mußte fertiggestellt sein, wenn er nach Mannheim wollte, es mußte ihm die Brücke schlagen helfen zur Freiheit, und während alles still um ihn war – nur der Schritt der Wache klang an sein Ohr –, schuf sein Geist unermüdlich, und außer dem »Fiesko« erwachten noch neue Pläne, und so waren auch diese vierzehn Tage der Haft für ihn keine verlorenen.

Sobald er seinen Degen wieder erhalten hatte, begab er sich zu Streicher. Der empfing ihn herzlich und mit Tränen in den Augen, wie einen Märtyrer. Schiller aber lächelte und war vergnügt. Die Freunde, denen die Mutter Streichers sich gesellte, die, was das Haus zu bieten vermochte, herbeigeschafft hatte, saßen lange beisammen und besprachen, was nun werden sollte. Endlich waren sie darin einig, daß Schiller einerseits einen dringenden Brief an Dalberg schreiben sollte, um diesen zu rascherem Eingreifen in den Gang seines Schicksals zu veranlassen, andererseits aber versuchen sollte, durch eine Eingabe an den Herzog diesen zur Zurücknahme seiner Verfügungen zu veranlassen.

Der Brief an Dalberg ward geschrieben. In herzbeweglicher Weise schilderte der Dichter die Verhältnisse, erzählte von seinem Arrest, sowie von den Befehlen des Herzogs und flehte den Intendanten unter Hinweis darauf, daß er seinen »Fiesko« bald beendet haben werde und bereits mit einer neuen Arbeit, dem »Don Carlos«, umgehe, dringend um sein hilfreiches Eingreifen an.

Mit Spannung erwartete er eine Antwort, als aber zwei Wochen verstrichen waren, wurde er mutlos und verzagt; er hatte die Empfindung, daß Dalberg ihn im Stiche lasse, vielleicht aus Furcht, unangenehme Verwickelungen mit dem Herzog herbeizuführen. Von einer Eingabe an den letzteren versprach er sich nicht viel, darum verzögerte er dieselbe von Tag zu Tag.

Längst war der Sommer gekommen, dem Dichter aber wollte seine Sonne nicht das bange Herz erwärmen; er schlich umher wie ein Träumer, mied die Gesellschaft der Freunde, war einsilbig, ja wohl auch verbittert, und sein Aussehen war so, daß man ihn wohl für leidend halten mochte. So war er eines Tages wieder hinausgekommen nach der Solitüde, um seine Familie zu besuchen; er traf bei derselben Frau von Wolzogen, und voll inniger Teilnahme fragte ihn dieselbe, ob er sich nicht wohlfühle. Auch die Mutter und seine Schwester Christophine, welche zugegen waren, während der Vater im Garten draußen seinen Geschäften nachging, taten voll Besorgnis die gleiche Frage, und nun ging ihm das Herz auf.

»Ja, es frißt mir etwas an der Seele, und ich kann's nicht verwinden. Das Verbot des Herzogs, nichts mehr zu dichten, und nicht mehr mit dem Auslande zu verkehren, ist mein Tod. Ich ertrag's nicht mehr.«

Er sank auf seinem Sitze zurück, Christophine aber eilte zu ihm und schlang ihm die Arme um den Hals. »Sei ruhig und mutig, Fritz, ich kann es dir nachfühlen und könnte Durchlaucht hassen um seiner Härte willen! Als ob der Genius sich in seine steife Uniform pressen ließe, gleichwie der Leib – –«

»Um Gottes willen, Kind!« mahnte besorgt die Mutter; aber Frau von Wolzogen unterbrach sie: »Christophine hat recht, – es ist eine Sünde, die an seinem Genius begangen wird, und wer's gut mit ihm meint, kann's nicht ruhig mit ansehen. – Schiller, erinnern Sie sich dessen, was ich Ihnen von Bauerbach gesagt hatte, – dort sind Sie willkommen und geborgen.«

Schiller hob den Kopf und sah die Freundin mit dankbaren Blicken an: »Sie meinen es gut, verehrte Frau, und ich will's nicht vergessen. Fürs erste aber steht mein Sinn nach Mannheim, denn ein zweites Werk, ›Die Verschwörung des Fiesko‹, geht seiner Vollendung entgegen. Auf Mannheim und seine Bühne steht mein Hoffen.«

»Aber wie soll es möglich sein, bei dem Verbote des Herzogs –« sagte wieder die besorgte Mutter.

»Er muß fliehen!« sprach die entschlossene Christophine mit leuchtenden Augen, und verwundert sahen die andern das Mädchen an, das mit glühenden Wangen und glänzenden Augen dastand; Schiller aber reichte ihr beide Hände hin, als wäre damit für ihn die Erlösung gekommen. Daß auch aus diesem Kreise dies Wort an ihn herantrat, war ihm ein Trost und eine Freude. Die Mutter aber war geradezu entsetzt bei dem Gedanken an Flucht.

»Unseliges Kind, bedenkst du auch die Folgen?« fragte sie.

»Die Folgen? Für wen? – Für Fritz ist die Folge die Freiheit, die sein Genius braucht, um seine Flügel entfalten zu können, – was soll es für andere Folgen haben?«

»Für uns, – für den Vater, – er kann seine Stellung verlieren.«

»Dem Vater muß es verborgen bleiben; er muß, wenn die Flucht geglückt ist, dem Herzog sein Ehrenwort geben können, daß er nicht darum gewußt hat!«

Schiller zog die Schwester an sich und küßte sie auf die Wange.

Auch die Mutter begann bei dem Zureden der Freundin und der Tochter sich zu beruhigen; auch sie hatte ja ein Verständnis für das Wesen ihres Sohnes und konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß unter den vorliegenden Umständen in der Flucht die einzige Befreiung lag. Sie selbst war es, welche jetzt auf einen geeigneten Zeitpunkt aufmerksam machte, wenn es schon sein müßte. Der Hof erwartete hohe Gäste aus Rußland, den Großfürsten Paul und seine Gemahlin, eine Nichte des Herzogs Karl Eugen. Schon jetzt – es war zu Anfang August – war auf den Schlössern und in den Gärten von Stuttgart, Ludwigsburg, Hohenheim eine regere Tätigkeit, und überall wurden umfassende Vorbereitungen zu einem glänzenden Empfange getroffen, um so mehr, als auch eine große Anzahl benachbarter Fürsten gleichzeitig zum Besuche einzutreffen gedachte.

In die erste Hälfte des September sollten die großen Hoffeste fallen, welche die allgemeine Aufmerksamkeit so vollständig in Anspruch nehmen würden, daß sich dabei am leichtesten die Gelegenheit zur Flucht finden würde.

Das leuchtete auch Schiller, ebenso wie den Frauen ein, und mit freierer Seele verließ er die Solitüde in dem Bewußtsein, daß, was auch kommen möge, er nie ganz allein und verlassen sein, daß er mitfühlende Seelen und helfende Hände finden würde.

Mit erneuter Schaffenslust ging er an den »Fiesko«; oft brannte seine Lampe bis tief in die Nacht hinein, und mit brennenden Augenlidern schrieb er, und wie er einst in der Karlsschule dem Kreise der Genossen vorgelesen hatte, was er geschaffen, so war es jetzt der treue Streicher, der mit innigster Teilnahme das Werden und Wachsen des neuen Werkes verfolgte und mit seinem aufrichtigen Beifall nicht kargte.

In den ersten Septembertagen ward es in Stuttgart belebter als sonst. Man sah glänzende Hofequipagen mit reichgalonnierten Dienern durch die Straßen fahren, fremde Fürstlichkeiten hielten mit pomphaftem Empfang ihren Einzug, zahlreiche Fremde strömten von nah und fern herbei, um den vielen Schauspielen, die geplant waren, beizuwohnen, nur Schiller saß zurückgezogen in seiner stillen Klause. Er hatte sich noch einmal, ehe er den äußersten Schritt wagen wollte, an den Herzog gewendet mit der inständigen Bitte um Aufhebung der harten Verbote. Bald darauf hatte der General Augé ihn zu sich rufen lassen und ihm ziemlich strenge mitgeteilt, daß Durchlaucht verfügt hätten, der Regimentsmedikus Schiller habe sich aller Eingaben an ihn zu enthalten bei Strafe strengen Arrests.

So war der Würfel gefallen; was blieb nun noch anderes übrig als die Flucht? – Die Stirne in beide Hände gestützt, saß er an dem Tische und sann; draußen fuhren durch den hellen Sonnenschein goldflimmernde Karossen, – was kümmerte es ihn? – Da kam Streicher, und der Dichter reichte dem treuen Freunde in tiefer Bewegung beide Hände. »Es muß sein, Andreas, – ich habe keinen Ausweg mehr«, sagte er trübe.

»Wie? Hat der Herzog dein Schreiben – –«

»Nicht einmal gelesen und streng verboten, ihm nochmals zu schreiben.«

Streicher setzte sich neben Schiller und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Nun gut, dann kann dein Herz dich freisprechen von jedem Vorwurf. Du gehst nach Mannheim, und ich gehe mit dir.«

»Wie, Andreas, das wolltest du wirklich?«

»Hast du je daran zweifeln können? – Meinst du, ich verließe dich, den unpraktischen Idealisten, der zwar in der Welt der Geister heimisch ist, aber fremd in der Welt der Wirklichkeit? Ich habe meiner Mutter Erlaubnis bereits ausgewirkt dazu. Ich wollte doch im nächsten Frühjahr nach Hamburg reisen zu Emanuel Bach, dem großen Musiker, statt dessen gehe ich schon jetzt mit dir mit Sack und Pack, und hab' ich dich glücklich in Mannheim untergebracht, so setze ich meinen Stab weiter.«

»Du Guter, Trefflicher, – wie danke ich dir!«

»Deine Freundschaft ist mein Lohn; sieh', dein Name ist an die Sterne geknüpft, das glaube ich bestimmt, und Höheres kann es nicht geben als die Freundschaft eines Unsterblichen.«

»Du bist ein Schwärmer.«

»Nicht so ganz; ich habe den Blick auch auf das Praktische gerichtet und sehe manches, was du nicht siehst. Was gilt's, du hast es nicht gesehen und weißt es nicht, daß unter den Fremden auch Herr von Dalberg nach Stuttgart gekommen ist.«

Schiller fuhr empor von seinem Sitze: »Wie, Dalberg hier? – Sollte er darum mir nicht geantwortet haben, weil er gedachte, mich persönlich hier zu treffen, mir mündlich Bescheid zu sagen? – Andreas, das Wort läßt neue Hoffnungen in mir erwachen. Vielleicht will er selbst beim Herzog eine Fürsprache für mich einlegen?«

»Hoffe nicht zuviel, Friedrich! Dalberg ist ein vorsichtiger Hofmann, der sich nicht leicht die Finger verbrennt um einen, der in Mißgunst gefallen ist; auch glaube ich nicht, daß seine Fürsprache viel nützen werde, du kennst ja unsere Durchlaucht!«

»Aber sprechen muß ich ihn, sobald als möglich!« –

Schon am andern Tage suchte er Dalberg auf. Dieser empfing ihn ohne Überraschung, freundlich und höflich wie immer; scheinbar teilnehmend hörte er Schiller an, der seine bedrängte Lage schilderte, ohne die Absicht seiner Flucht zu verraten, und ihn endlich dringend bat, eine Wendung in seinem Schicksal herbeiführen zu helfen.

Der Intendant versicherte ihn aufs neue seines Wohlwollens, seiner Bereitwilligkeit, ihm beizustehen, hatte auch wieder warme Worte des Lobes für seinen Genius; aber glatt und gewandt wußte er den eigentlichen Kernpunkt der Sache zu umgehen und hielt seine Bedenken aufrecht, wie man Schiller aus württembergischen Diensten losmachen könnte. Er verabschiedete seinen Besucher mit Freundlichkeit; Schiller aber kehrte ziemlich verstimmt zu dem daheim seiner harrenden Streicher zurück.

»Ich habe eigentlich nichts anderes erwartet,« sagte dieser; »denn sieh, selbst wenn er noch so wohl es mit dir meint, er kann dir nichts bieten, solange du württembergischer Regimentsmedikus und nicht in Mannheim bist; zur Flucht kann er von seinem Standpunkte aus ebenfalls nicht raten. Aber bist du einmal in Mannheim, dann wird er wohl mit der Tatsache rechnen –«

»Und der ›Fiesko‹ fällt wohl auch ins Gewicht,« sprach Schiller mit auflebender Hoffnung; »ich meine, Gutes geschaffen zu haben, ja Besseres als in den ›Räubern‹; denn meine Anschauungen von Freiheit haben sich geläutert, und der wilde Sturm und Drang meiner Seele hat ausgetobt. Meine ›Räuber‹ mögen untergehen, mein ›Fiesko‹ soll bleiben. Ja, Freund, nun erst ist die Flucht mir beschlossene Sache.«

»Und die Vorbereitungen dazu überlasse mir; möge ein guter Stern mit uns sein!«

»Er wird es, – es ist der Stern der Freundschaft!« sagte mit einer gewissen Feierlichkeit Schiller, und dann hielt er Streicher einige Augenblicke innig und fest umschlungen.

Einige Tage später gingen die Freunde, begleitet von einer Dame, hinaus nach der Solitüde. Es war die Frau des Regisseurs Meyer vom Mannheimer Theater, die ebenso wie ihr Mann dem Dichter freundlich und wohlwollend gesinnt war. Sie war aus Stuttgart und hatte jetzt ihre Familie aufgesucht, um gleichfalls den geplanten großen Festlichkeiten beizuwohnen, und da sie Schillers Mutter kannte, ging sie mit nach der Solitüde.

Der Nachmittag war schön; ein blauer Himmel spannte sich weit über das Land, das im vollen Reize des Sommers vor den Blicken lag. Die Felder waren bereits kahl, aber die Wiesen grünten, die Bäume in den Gärten bogen sich unter der Last ihrer fruchtschweren Äste, und um die fernen Höhen lag ein goldiger Schimmer. Das Herz des Dichters war von einer stillen Wehmut erfüllt bei dem Gedanken, daß er alles das heute vielleicht zum letztenmal sehe; aber er bezwang sich und begann mit Frau Meyer ein Gespräch über die Theaterverhältnisse in Mannheim, und aus ihren Worten suchte er freundliche Hoffnungen für sich abzuleiten, ohne daß er seinen Plan preisgab.

Endlich sah man den stattlichen Schloßbau aus seinen herrlichen grünen Gartenanlagen herauswinken, und nicht lange danach war auch die Wohnung von Schillers Eltern erreicht. Auch diesmal war nur die Mutter und die älteste Tochter anwesend, und sie begrüßten die Besucher mit Herzlichkeit. In den Augen der Mutter aber lag ein feuchter Schimmer, so oft sie ihren Sohn anblickte; denn auch sie wußte ja, weshalb er gekommen war, und so sehr sie sich auch Mühe gab, sich zu beherrschen, das Gespräch kam doch manchmal beinahe peinlich ins Stocken. Streicher begrüßte es darum wie eine Erlösung, als Schillers Vater eintrat.

In seiner behäbigen und dabei doch lebhaften Art begrüßte er die Besucher und begann dann von den Vorbereitungen zu erzählen, die man auch hier für die fürstlichen Gäste traf.

»Solche Feste hat die Solitüde noch niemals gesehen und wird sie vielleicht nie wieder erleben«, sagte er. »Am 17. September werden die höchsten Herrschaften hierher kommen zur Hirschjagd. Eine Hirschjagd, wie es noch keine gegeben hat. In unserem Walde werden bei sechstausend Hirsche zusammengetrieben, die von einer dichten Treiberkette zusammengehalten werden, damit keiner durchbrechen kann. Dann werden sie die Anhöhe über dem See hinaufgejagt und gezwungen, sich von derselben in das Gewässer hinabzustürzen. Im Lusthause aber, das jenseit des Sees jetzt errichtet worden, werden die fürstlichen Jäger Platz nehmen und aus den Fenstern die Tiere niederschießen.«

Schiller hatte nur mit halbem Ohr hingehört; jetzt hob er aber doch den bisher gesenkten Kopf mit dem unmutig geröteten Gesicht und sagte halblaut: »Ein Vergnügen für Henker, – und Edleres weiß man den Gästen nicht zu bieten?«

Fast erschrocken sah ihn der Vater an: »Uns steht kein Urteil zu, wie wir auch keine Verantwortung dafür haben!«

»Gottlob, daß ich menschlich fühlen darf auch mit dem gehetzten Tier!« war die bittere Antwort, dann senkte sich wieder der schöne Kopf mit den rötlichen Haaren, der Vater aber fuhr fort: »Auch ein Schauspiel ist für den Abend in Aussicht genommen und eine großartige Illumination des Schlosses; das wird gewiß das prächtigste. Taghell soll die Nacht erleuchtet werden von tausend Lichtern und Feuerzeichen.« – –

Aber während sich der Vater in lebhaften Schilderungen erging, ruhte der Blick der Mutter unausgesetzt auf dem Sohne, und es wollte ihr beinahe das Herz abdrücken, daß sie nicht reden durfte von dem, was ihre Seele erfüllte. Leise erhob sie sich endlich und schlich hinaus; Schiller aber verstand sie und folgte ihr nach. In einem abgelegenen Nebengemache fanden sie sich zusammen, und schweigend hielt die Frau ihren einzigen Sohn an ihrem Herzen, während ihr die Tränen über die Wangen strömten und seine Hand liebkosend über ihren Scheitel strich.

»Muß es denn wirklich sein, Fritz? – Ist das der letzte Abschied?«

»Es muß sein! Sei ruhig und stark, Mutter, ich fühle in mir eine wunderbare Kraft und das Bewußtsein, daß es der richtige Weg ist, den ich gehe.«

»Ach, ich fürchte, daß deine Hoffnungen sich nicht erfüllen, und dann hast du die Gunst unseres Herzogs verscherzt und dort nichts gewonnen, – was dann?«

»Dann kann ich immer noch eine Tätigkeit als Arzt beginnen. Wenn ich nur über die ersten Anfänge hinauskomme.«

»Ach, und ich vermag dir so gut wie gar nichts mitzugeben, du weißt ja, von des Vaters Gehalt ist nur knapp auszukommen –, ich hab' ja nicht einmal das Reisegeld völlig für dich beisammen, obwohl auch Christophine mit daran gespart hat; wir haben nicht vermeint, daß es so schnell kommen würde.«

»Wenn irgendeine Gelegenheit günstig ist, so ist es diese bei den Festlichkeiten. In der Nacht, in welcher die Solitüde im Feierglanze strahlen wird, soll's geschehen. Denk' an mich, Mutter!«

»O immer, immer! Gott segne dich, mein Sohn, und gebe deinem Hoffen das Gelingen!«

Noch einige Zeit sprachen die beiden von der Zukunft, die Mutter trübe und mit Bangen, der Sohn mit freundlicher Tröstung, dann hielten sie noch einmal sich umschlungen, küßten sich heiß und innig und kehrten zu den anderen zurück. Die Mutter hielt die Hand des Sohnes fest, bis sie in das Gesellschaftszimmer eintraten. Christophine sowie Streicher sahen sie beide an; sie verstanden, was die feuchten, geröteten Augen beider, was das bleiche Gesicht der Frau und die zuckenden Lippen des Sohnes erzählten. Streicher drängte zur Heimkehr; er wußte, daß er damit dem Freunde einen Gefallen tue.

Schiller küßte noch einmal Mutter und Schwester, dann drückte er warm und innig die Hand des Vaters und sah ihm lange tief in die Augen, als ob er die teueren Züge sich recht fest einprägen wolle. Der alte Mann merkte es mit einiger Verwunderung; aber er war so erfüllt von seinem Festberichte, daß er nichts Besonderes im Wesen seines Sohnes suchte.

Durch den sinkenden Abend und die hereinbrechende Dämmerung schritten die Freunde gegen Stuttgart zurück und besprachen dabei noch manche Einzelheiten der Flucht. Es mußte ein Tag gewählt werden, an dem Schillers Regiment nicht die Wache an den Toren besetzte, und Streicher hatte zufällig erfahren, daß in der Festeswoche das Regiment, welchem Scharffenstein angehörte, den Dienst haben würde. Schiller nahm das zum guten Zeichen. So wurde denn der 17. September als der Tag der Flucht festgehalten.

Streicher entfaltete in den nächsten Tagen eine unermüdliche Tätigkeit. Er versorgte den Reisewagen, er brachte die bürgerliche Kleidung, in welcher Schiller reisen sollte, nach seiner Wohnung, er holte allmählich auch dessen Wäsche, sowie dessen Lieblingsbücher, die Werke von Shakespeare, Haller und anderen dahin, so daß am 16. September alles bereit war. Am nächsten Vormittage um 10 Uhr wollte er noch einmal sich bei Schiller einfinden, und dieser sollte, was er sonst noch mitzunehmen beabsichtigte, bereitlegen.

Am Vorabend der Flucht ging der Dichter noch einmal durch Stuttgarts Gassen. Ihm war zumute, als sollte er von jedem Hause, von jedem Menschen Abschied nehmen. Der Himmel war trübe, und er vermochte sich einer Wehmut nicht zu erwehren. Als er an der Wache vorüberkam, sah er seinen Freund, den Leutnant Scharffenstein zum Fenster der Wachtstube herauslehnen, offenbar gelangweilt; er hatte wohl den Dienst hier für die Nacht. Einer augenblicklichen Regung folgend, wendete Schiller sich ihm zu und trat ein in den unfreundlichen Raum, um dem Freunde Gesellschaft zu leisten, worüber dieser augenscheinlich sehr erfreut war. Er wischte mit der Hand über den rohen Tisch hin und fegte rücksichtslos von der Tischplatte hinweg, was darauf lag, dann befahl er einem Soldaten, einen Krug Wein zu holen, brachte Pfeifen und Tabak herbei, zündete die trübe und qualmende Lampe an, und bald saßen die beiden im traulichen Gespräche.

Nachdem Scharffenstein zunächst weidlich auf den langweiligen Dienst gescholten, suchte er einen heiteren Ton anzuschlagen; aber Schiller war nicht in der Stimmung, darauf einzugehen, und jener sah ihm endlich tiefer in die Augen, und sprach fast verwundert: »Du bist mir heute so elegisch – was ist's mit dir?«

»Ich hab' ein Recht dazu, Scharffenstein, ich stehe an einem Wendepunkt meines Schicksals.«

Befremdet starrte ihn der Leutnant an. »Was hast du vor?« fragte er endlich teilnehmend, und Schiller erwiderte: »Georg – du wirst es für dich behalten, wenigstens bis übermorgen – ich will aus Stuttgart fliehen und mir eine freie Bahn suchen für meinen Geist.«

Scharffenstein reichte ihm in stummer Bewegung beide Hände hin, Schiller aber fuhr fort: »Ich kann's nicht mehr ertragen, wenn ich nicht zugrunde gehen soll. Sieh, ich freue mich, daß ich gerade heute noch einmal mit dir zusammen sein kann. Es weckt mir Erinnerungen an die Tage, da meine ›Räuber‹ entstanden und heimlich im Kreise der ›Bande‹ bruchstückweise verlesen wurden. Mein ganzes Leben in der Karlsschule taucht vor mir empor, mit den wenigen stillen Freuden und mit dem bitteren Druck, der uns manchmal die Herzen zerpressen wollte, und alles ist wie ein Traum. Du kennst mich, Georg, du weißt, daß ich nicht bin wie hundert andere, daß ich ein anderes Leben lebe, und weißt auch, daß der Herzog dafür niemals ein Verständnis gewinnen wird, – darum aber weißt du auch, daß ich nicht anders kann.«

»Ich weiß, Freund, – und meine besten Wünsche begleiten dich. Kann ich dir in etwas behiflich sein, so tu' ich's gern. Ich habe morgen abend die Wache am Eßlinger Tor, – ich will wenigstens sorgen, daß du glücklich hinauskommst. Du gehst allein?«

»Streicher geht mit.«

»Der brave Streicher! – Wohl dir, Friedrich! Du gehst deinem Ruhm entgegen, der aufsteigenden Sonne; wir bleiben hier in der Niederung des Lebens und warten, bis wir wieder ein Stückchen vorwärts geschoben werden. Wenn es einem von uns beiden wehmütig zumute werden kann, bin ich es. Von dir werden wir hören – denn dein Name kann nicht verloren gehen – ob du noch einmal von uns hier hörst, wer weiß es!«

»Aber vergessen werde ich euch nicht – keinen, der mir einmal Liebe und Treue bewiesen hat. Du aber, ich bitte, nimm zum Andenken an mich die Bücher, die ich in meiner Wohnung zurücklasse; sie sind dein.«

»Sie sollen mir von größtem Werte bleiben!«

Die Freunde aber besprachen noch vieles in dieser Nacht. Das müde Licht warf einen dämmerigen Schein durch den Raum, nebenan hörte man das laute Reden der Soldaten; die beiden jedoch saßen verloren in Erinnerungen, und Glück und Leid der gemeinsam verlebten Vergangenheit zog an ihren Seelen vorüber. Es begann bereits der Morgen zu grauen, als Schiller sich erhob.

»Den letzten Tropfen auf dein gutes Glück!« sagte der Leutnant und hob seinen Becher; sie stießen an, der Dichter aber goß den Rest aus seinem Trinkgefäß auf den Boden der Wachtstube – »eine Libation für die Götter der Unterwelt, daß sie nicht unheimliche Mächte entfesseln.«

Dann schritt er durch die stillen Gassen. Da und dort begegnete er einem verschlafenen Wächter, sonst war alles in Ruhe. Die Luft ging kühl, daß ihn fröstelte, aber sie versprach einen schönen Morgen, und er wünschte, daß ihm die Sonne glückverheißend aufgehe.

Schiller schlief wenig in dieser letzten Nacht, die er in Stuttgart verlebte. Schon um sechs Uhr weckte Kronenbitter ihn auf, und er machte sich fertig, um seiner Pflicht gemäß, nachdem er sein einfaches Frühmahl genossen, nach dem Lazarett zu gehen. Sorglicher als sonst verkehrte er mit seinen Kranken, als müßte er jedem derselben noch etwas Liebes tun, und um die achte Stunde kehrte er in seine Wohnung zurück. Hier begann er noch zusammenzutragen, was er als Letztes mitzunehmen gedachte, und besonders Bücher waren es, die er nur ungern zurückließ. Wie er noch unter diesen herumsuchte, fiel ihm ein Bändchen Oden von Klopstock in die Hand. Er schlug es auf, und der Zufall wollte, daß er auf eine Ode stieß, die ihn allezeit ganz besonders gefesselt hatte. Er vergaß die Zeit und seine eigene Absicht; in einen Stuhl gelehnt, stützte er das Haupt in die Hand, und seine Seele trank voll Begeisterung die Worte des Dichters des »Messias«, die ihn mächtig erregten. Er zog ein Blatt Papier heran, ergriff die Feder und begann nun selbst, gleichwie eine Antwort auf Klopstocks Poesie, eine Gegenode zu dichten. Mit den Fingern skandierte er den Rhythmus auf der Tischplatte, murmelte die Verse vor sich hin, und dann flog die Feder. Was kümmerte ihn der fortschreitende Zeiger der Uhr!

Da schlug draußen dröhnend die zehnte Stunde, und mit dem ersten Schlage trat der pünktliche Streicher ein. Er schaute verwundert den Freund an, der auch jetzt sich noch nicht zu besinnen schien, was er heute vorhatte, und sagte: »Friedrich – es ist zehn Uhr –, die letzten Vorbereitungen müssen getroffen werden; wir müssen eilen, wenn wir nichts versäumen und vergessen wollen.«

»Ach was, Andreas – omnia mea mecum porto (ich trage alles meinige bei mir) – ich bin erst noch bei dem göttlichen Klopstock zu Gast gewesen und habe ihm auch ein Gegengeschenk geboten – das mußt du anhören.«

Er begann die Ode Klopstocks vorzutragen und im Anschluß daran seine eigene. Streicher, der voll Ungeduld sich in einen Sitz geworfen hatte und unruhig darauf hin und her gerückt war, wurde unwillkürlich ruhiger, ihn fesselte auch in dieser Stunde die Macht der Gedanken, die Kraft der Worte, die einherrauschten wie ein entfesselter Strom, und er konnte seine Bewunderung dem Genius nicht versagen, der selbst in solchen Stunden sich zu erheben vermochte. Nun aber begann er doch aufs neue zu drängen; er fragte nach hundert Kleinigkeiten und erinnerte noch an das und jenes, was Schiller wohl vergessen hätte, und endlich schärfte er dem Freunde dringend ein, sich um neun Uhr abends pünktlich in seiner Wohnung einzufinden.

Er selbst nahm dann noch manches sogleich mit sich, um es in dem Koffer unterzubringen, der für Schiller bei ihm bereit stand; aber er kam nachmittags noch einmal, um sich zu überzeugen, daß auch nichts vergessen worden sei.

Langsam gingen die Stunden; endlich sank die Dämmerung nieder in die Gassen der Residenz, die heute stiller war als gewöhnlich, da alle Welt hinausgeströmt war nach der Solitüde, um die großartige Beleuchtung derselben zu sehen. Da kam Schiller bei Streicher an – es hatte eben neun Uhr geschlagen von den Türmen. Unter seinem Rocke trug er zwei Pistolen. Beide waren nicht viel wert, die eine hatte zwar einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein, an der anderen war das Schloß zerbrochen, und Streicher mußte unwillkürlich lächeln, als er diese Waffen sah, deren erste in den Koffer gelegt wurde, während man die zweite mit in den Wagen nahm. Dieser, ein großes, schwerfälliges Fuhrwerk, stand vor der Tür bereit, und man verlud darauf die beiden Koffer, sowie Streichers kleines Klavier. Schiller legte nun seine bürgerliche Kleidung an, für die er noch zuletzt ein artiges Sümmchen ausgelegt hatte, so daß ihm an Barschaft nur dreiundzwanzig Gulden blieben, während sein Freund über achtundzwanzig Gulden verfügte.

Nun kam der Abschied von Streichers Mutter. Der Dichter kostete noch einmal die Wehmut desselben durch und dachte an seine Lieben auf der Solitüde, dann bestiegen beide das ungefüge Gefährt, die Pferde zogen an, und fort ging es im langsamen Trott durch die stillen, menschenleeren, dunkeln Gassen. Es war zehn Uhr abends geworden.

Als sie zum Eßlinger Tore kamen, pochten ihnen die Herzen. Der Wachtposten rief sie an: »Werda? Halt! – Unteroffizier heraus!« Der Gerufene kam, und Schiller lehnte sich tiefer in den Wagen zurück, während Streicher die geforderten Auskünfte erteilte. Auf die Fragen nach den Namen nannte er den seines Freundes als Dr. Ritter, seinen eigenen als Dr. Wolf; als Reiseziel gab er Eßlingen an. Der Unteroffizier notierte alles gewissenhaft, rief dann sein »Passiert!« und nun öffnete sich das Tor. Jetzt erst lehnte sich auch Schiller einen Augenblick aus dem Wagen und sah hinüber nach den offenen Fenstern der Wachtstube. Es brannte kein Licht in derselben; aber er glaubte doch die Umrisse des kommandierenden Wachtoffiziers zu erkennen und sandte im stillen dem braven Scharffenstein seinen Dank und Gruß zu.

Durch den Torbogen polterte der Wagen hinaus in die Nacht; aber die beiden Reisenden waren noch so ergriffen, daß sie beinahe kein Wort wechselten, während sie um die schweigende Residenz herumfuhren, um die gegen Ludwigsburg führende Straße zu erreichen. Nun stieg dieselbe bergan, und auf der Höhe sahen beide noch einmal zurück; dann versank die Stadt hinter ihnen, wie der Weg sich senkte, und jetzt erst, einer instinktmäßigen Bewegung folgend, reichten sie sich die Hände und sprachen ihre Freude aus, daß alles soweit geglückt war.

Nach etwa zweistündiger Fahrt sahen sie zur Linken den Himmel gerötet wie von Feuerschein. Sie erschraken anfangs; aber da sie weiterfuhren, erblickten sie mit einem Male das Lustschloß Solitüde, das in einer wundersamen Beleuchtung von seiner Höhe niederstrahlte. Die Luft war so rein, daß sie das herrliche Schauspiel völlig genießen konnten. Alle Linien der Gebäude traten deutlich und scharf hervor aus dem Dunkel der Nacht, und Schiller erkannte die Wohnung seiner Eltern. Er wußte, daß dort mitten in dem Festgewühl zwei Herzen um ihn bangten und seiner dachten, und während sein Gefährte stumm das prächtige Schauspiel genoß, sagte er wehmütig vor sich hin: »O, meine Mutter!«

Streicher hatte Mühe, die trübe Stimmung zu bannen; aber das Gefühl der erlangten Freiheit tat mehr, als Worte vermocht hätten. In dem Orte Enzweihingen stiegen die Reisenden aus, um ein wenig zu rasten. Sie bestellten sich einen Kaffee, und während sie so in der matt erhellten, dumpfigen Wirtsstube saßen, in nächtlicher Einsamkeit, zog Schiller ein Papier hervor.

»Sieh, was mich hier auf meiner Fahrt begleitet«, sagte er, – »das Vermächtnis Schubarts, das Gedicht, das er mir in die Hand drückte, als ich ihn auf dem Asperg sah. Ich hab's bewahrt wie ein Heiligtum, nun aber sollst du es mitgenießen, Genosse meiner Leiden und meiner Erhebung.«

Und nun las er mit seinem schwäbischen Pathos die gewaltige Dichtung »Die Fürstengruft«, und verwundert blickte Streicher zu dem Freunde auf, den die Poesie alles vergessen ließ, was ihn bedrängte, und der in der Enge einer elenden Wirtsstube sich in diesen Augenblicken hinausgehoben fühlte in eine andere Welt.

Am anderen Tage morgens acht Uhr passierten die Reisenden die blauweißen Grenzpfähle von Kurpfalz, und nun erst war ihnen, als sei alles gewonnen. An diesem Tage wurde in Schwetzingen übernachtet, und endlich am Morgen des 19. September rollte der Wagen ohne jeden Anstand durch das Tor von Mannheim.