»Die Räuber« in Mannheim

An einem Sonntagmorgen – es war der 13. Januar 1782 – standen die Bewohner Mannheims an den Straßenecken und bei den Brunnenröhren und lasen mit einer gewissen Erregung den Zettel, der dort angeschlagen war und der es verkündete, daß an diesem Tage »auf der hiesigen Nationalbühne« aufgeführt werden sollte:

Die Räuber.

Ein Trauerspiel in sieben Handlungen; für die Mannheimer Nationalbühne vom Verfasser, Herrn Schiller, neu bearbeitet.

Dem Personenverzeichnis war ein »Avertissement« beigefügt, welches lautete:

»Der Verfasser an das Publikum.

Die Räuber – das Gemälde einer verirrten großen Seele – ausgerüstet mit allen Gaben zum Fürtrefflichen, und mit allen Gaben – verloren – zügelloses Feuer und schlechte Kameradschaft verdarben sein Herz, rissen ihn von Laster zu Laster, bis er zuletzt an der Spitze einer Mordbrennerbande stand, Greuel auf Greuel häufte, von Abgrund zu Abgrund stürzte in alle Tiefen der Verzweiflung – doch erhaben und ehrwürdig, groß und majestätisch im Unglück, und durch Unglück gebessert, rückgeführt zum Fürtrefflichen. – Einen solchen Mann wird man im Räuber Moor beweinen und hassen, verabscheuen und lieben … Man wird auch nicht ohne Entsetzen in die innere Wirtschaft des Lasters Blicke werfen und wahrnehmen, wie alle Vergoldungen des Glücks den inneren Gewissenswurm nicht töten – und Schrecken, Angst, Reue, Verzweiflung hart hinter seinen Fersen sind. – Der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der zügellosen Ausschweifungen nach, und der Mann gehe nicht ohne den Unterricht von dem Schauspiel, daß die unsichtbare Hand der Vorsehung auch den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Absicht und Gerichte brauchen und den verworrensten Knoten des Geschicks zum Erstaunen auflösen könne.«

Der Anfang der Vorstellung war auf »präzise fünf Uhr« angesetzt.

Ganz Mannheim geriet in Bewegung; die Jungen erzählten sich auf den Gassen, die Erwachsenen am Mittagstische nur von dem neuen Stücke, und die allgemeine Erwartung und Erregung steigerte sich noch, als bereits im Laufe des Vormittags zahlreiche Wagen aus Darmstadt, Mainz, Frankfurt, Worms und anderen Städten kamen, welche zahlreiche fremde Neugierige brachten. Alles suchte sich Theaterkarten zu verschaffen, und da die Logenplätze schnell genug vergriffen waren, und jeder noch einen möglichst guten Sitz zu erlangen suchte, begann bereits um ein Uhr mittags der Zudrang zum Theater, das lange vor der fünften Stunde völlig gefüllt war.

Der Dichter des Stückes aber war mit den zahlreichen Fremden ebenfalls eingetroffen, begleitet von seinem Freunde Petersen. Viele sahen den schmächtigen jungen Mann mit dem blassen Gesicht; aber wohl keiner beachtete ihn, und ihm selbst lag nicht daran, erkannt zu werden; denn heimlich und ohne einen Urlaub einzuholen, der ihm doch wohl verweigert worden wäre, war er aus Stuttgart abgereist.

Um fünf Uhr saß er mit klopfendem Herzen in der kleinen Loge, welche der Intendant ihm aufbehalten hatte. Seine Stimmung war eine gehobene und vertrauensvolle, so daß er zu seinem Freunde äußerte: »Ich freue mich wie ein Kind; ich glaube, meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen und mir im ganzen einen größeren Schwung geben; denn es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.«

Das letzte, einigermaßen selbstbewußte Wort mochte wohl auch mit Bezug auf die tüchtigen schauspielerischen Kräfte gesprochen sein, über welche die Mannheimer Bühne verfügte, wie Boek, welcher den Karl, und vor allem Iffland, welcher den Franz Moor spielen sollte.

Draußen vor dem Theater standen viele, welche keinen Einlaß mehr hatten finden können, voll Unmut und Neugier, während drinnen jetzt ein tiefes Schweigen sich über die dichtgedrängte Menge lagerte und der Vorhang emporrauschte. Aber das Publikum schien sich erst an all das, was es sah und hörte, gewöhnen zu müssen. Der Intendant hatte neue malerische Kostüme anfertigen lassen, die szenische Ausstattung stand auf der Höhe der Zeit, und der häufige Wechsel des Schauplatzes gab Veranlassung, auch in dieser Hinsicht die Schaulust zu befriedigen, und dazu dröhnte und klang die Sprache des Dichters mit einem neuen, fremden Schwunge und griff an die Phantasie und das Herz der Hörer. Trotzdem gingen die ersten drei Akte ohne besondere Beifallskundgebungen hin.

Nun kam der vierte Akt Und brachte eine fortwährende Steigerung der Erregung: Der Räuber Moor unerkannt im Schlosse seiner Väter, wo er erfährt, wie er schmachvoll betrogen worden um sein Erbteil, um das Herz seines Vaters und um seine Braut … dann die Szene der lagernden Räuber im nächtlichen Walde bei dem einsamen Turme, dem Gefängnis des alten Moor, der, abgemagert zum Skelett, hervorgeholt und von seinem verstoßenen Sohne erkannt wird – – wie das die Seelen durchrüttelte, und als Karl seinen getreuen Schweizer abgeschickt, um den unnatürlichen Sohn und Bruder »ganz und lebendig« herbeizubringen … »Du sollst eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem König mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frei ausgehen wie die weite Luft« – da brach mit dem Fallen des Vorhangs der stürmische, immer wiederkehrende Beifall los.

Und doch war der Höhepunkt noch nicht erreicht. Das geschah erst, als die Zuhörer die Schauer des Gerichtes hereinbrechen sahen über den verzweifelnden Verbrecher. Dunkel liegt die Nacht in den Gemächern seines Schlosses; aus der Dämmerung hebt sich das bleiche Gesicht Iffland-Moors ab, das so scharf und zutreffend alle Regungen der Seele wiedergibt. Es ist so grauenhaft und doch so erschütternd und packend, wie er mit seiner angstgequälten Seele, mit den verzerrten Zügen dasteht und die bleichen Lippen dem alten Diener Daniel den Traum erzählen, der ihn aufgescheucht hat – den Traum von dem jüngsten Gericht: »Plötzlich traf ein ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr; ich taumelte behende auf, und siehe, mir war's, als sähe ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger Lohe, und Berge und Städte und Wälder wie Wachs im Ofen zerschmelzen, und eine heilende Windsbraut fegte von hinnen Meer, Himmel und Erde – da erscholl's wie aus ehernen Posaunen: Erde, gib deine Toten! Gib deine Toten, Meer! Und das nackte Gefild begann zu kreißen und aufzuwerfen Schädel und Rippen und Kinnbacken und Beine, die sich zusammenzogen in menschliche Leiber und daherströmten unübersehlich, ein lebendiger Sturm. Damals sah ich aufwärts, und siehe, ich stand am Fuß des donnernden Sinai, und über mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Höhe des Berges auf drei rauchenden Stühlen drei Männer, vor deren Blicke floh die Kreatur …«

So ging es weiter, und atemlos, regungslos, bleich saßen die Zuschauer. Von der Bühne her aber klang es mit einer Stimme, in der das ganze Grauen wirklichen Empfindens nachzitterte: »Schneebleich standen alle, ängstlich klopfte die Erwartung in jeder Brust. Da war mir's, als hörte ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und mein innerstes Mark gefror in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell begann die Wage zu klingen in der Hand eines, der sie hielt zwischen Aufgang und Niedergang, zu donnern begann der Fels, und die Stunden zogen vorüber, eine nach der andern an der links hängenden Schale, und eine nach der andern warf eine Todsünde hinein … die Schale wuchs zu einem Gebirge; aber die andere, voll vom Blute der Versöhnung, hielt sie noch immer hoch in den Lüften, – zuletzt kam ein alter Mann, schwer gebeugt von Gram, angebissen den Arm von wütendem Hunger, aller Augen wandten sich scheu von dem Mann; ich kannte den Mann, er schnitt eine Locke von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in die Schale der Sünden, und siehe, sie sank, sank plötzlich zum Abgrund, und die Schale der Versöhnung flatterte hoch auf! – Da hört' ich eine Stimme schallen aus dem Bauche des Felsen: Gnade, Gnade jedem Sünder der Erde und des Abgrunds! Du allein bist verworfen! …«

Und nun bricht der Räubertumult heran, von draußen schallt das wütende: Stürmt! Schlagt tot! Brecht ein! und der zitternde Schurke sinkt in die Knie und will beten: »Höre mich beten, Gott im Himmel! – Es ist das erstemal – soll auch gewiß nimmer geschehen – erhöre mich, Gott im Himmel!« … und während den zitternden Zuschauern das Blut erstarrt und die Haare sich sträuben, hören sie statt des Gebetes die Gotteslästerung: »Ich bin kein gemeiner Mörder gewesen, mein Herrgott – hab' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott – –« und nun lodert der Feuerschein des brennenden Schlosses auf, und wie Schweizer mit den Seinen eindringt, findet er Franz, der mit seiner goldenen Hutschnur sich erdrosselt hat.

Nun brach der entfesselte Sturm des Beifalls los, der alle Schranken überschritt. – Schiller aber lehnte sich zurück in seinem Sitz und hielt beide Hände vor das Gesicht, als habe ihn ein Schwindel erfaßt, während seine Seele vermeinte, Flügel zu haben, und sich hinausgetragen wähnte über die Welt der Wirklichkeit. Dann fühlte er, wie die Rechte des Freundes die seine erfaßte und mit innigem Drucke festhielt. Als der Vorhang zum letztenmal fiel, tobte der Beifall aufs neue, und während das Haus anfing leerer zu werden und die hundertköpfige Menge sich draußen zerschlug, um den Ruhm des Stückes und seines Dichters weiterzutragen, nahm dieser den Glückwunsch Dalbergs entgegen, der in seine Loge eingetreten war, sowie jenen des Kammerrates Schwan, der ihn endlich mit sich fortzog.

Die Nacht lag in den Gassen Mannheims, als die Männer durch dieselben schritten; begeistert redeten Schwan und Petersen, Schiller aber schwieg, – was er heute erlebt hatte, übertraf seine kühnsten Erwartungen, und in seiner Seele lebte das Bewußtsein seines eigentlichen Berufes. Schwan führte ihn nach einem Gasthause, wo die Schauspieler sich eingefunden hatten, um den Dichter zu feiern.

In einem hellerleuchteten, behaglich warmen Zimmer saßen sie beisammen, und da Schiller eintrat, klangen ihm begeisterte Hochrufe entgegen, Hände streckten sich aus, um die seine zu drücken, und die Schauspielerin Toscani, welche die Amalia gespielt hatte, setzte einen Kranz auf das Haupt des Dichters. Dann setzten sich alle und aßen und tranken gemeinsam, und bis tief in den Morgen hinein floß der Strom geistvoller und heiterer Gespräche. Endlich erhob sich Schiller, dem Schwan vier Goldstücke als Reisevergütung überreichte, um nach dem ereignisreichen Tage noch einige Stunden zu ruhen.

Mit Unbehagen kehrte er nach Stuttgart in seine steife Uniform zurück; aber der Schimmer, welcher seine Seele durchleuchtet hatte, konnte nicht verlöscht werden im Alltagstreiben, um so mehr, als teilnehmende Freunde immer wieder von seinem Erfolge zu hören wünschten und er nur zu gern erzählte. So hatte er im »Ochsen« einen begeisterten und aufrichtigen Kreis gefunden – zumal die Genossen von der Karlsschule, die alte »Bande«, freute sich seines Erfolges –, hatte die aufrichtige Umarmung Streichers sich gefallen lassen, hatte in der Solitüde draußen die Glückwünsche von Mutter und Schwestern entgegengenommen und freundlichste Teilnahme im Hause der Frau von Wolzogen gefunden.

Auch der Schaffensdrang war im Wachsen, und er begann mit einem neuen großen Stücke: »Die Verschwörung des Fiesko«, um so mehr, da er hörte, daß »Die Räuber« auch an anderen Orten mit vielem Beifall aufgenommen wurden, wie in Hamburg und in Leipzig; hier war zuletzt die Aufführung des Stückes untersagt worden, weil man meinte, daß die ungewöhnlich zahlreichen Diebstähle während der Meßzeit vielleicht durch dasselbe veranlaßt sein könnten.

Der Winter war indes vergangen; langsam, mit Regenschauern und Sturmessausen nahte der Frühling. Die Knospen trieben an Strauch und Baum, und in den Gärten schimmerte es grün; aber man suchte am Morgen und Abend zumal den wärmenden Ofen.

Um diesen hatten sich an einem Märzabend auch die Mitglieder der Tafelrunde im »Ochsen« eingefunden: Scharffenstein, Petersen, Reichenbach, Schiller, und der letztere lehnte behaglich in seinem Sitze und ließ vergnügt die blaugrauen Wolken aus seiner Pfeife steigen.

»Nun, wie steht's mit deiner Promotion zum Doktor der Medizin?« fragte Reichenbach, »man munkelt, daß du scharf an deiner Dissertation dazu arbeitest.«

Schillers behaglich-vergnügtes Gesicht verfinsterte sich. »Wer zum Henker heißt dich heute daran rütteln? – Warum willst du mir die gute Stunde verderben? Zum Kuckuck mit allen Dissertationen der Welt!«

»Ja, willst du denn nicht promovieren, nachdem es so bequem gemacht ist, seit Kaiser Joseph die Karlsschule zum Range einer Universität erhoben hat und du hier den Doktorgrad zu erlangen vermagst? – Hoven ist schon tüchtig an der Arbeit!«

»Ich gönn' ihm sein Vergnügen und seine Ehre. – Was tu' ich mit dem Doktor der Medizin? – Ich praktiziere auch ohne den Titel recht und schlecht weiter, und wenn ich's rundum besehe, bin ich zum Arzte verdorben. Dafür dürft' ich meine Patienten fragen, für die's ein Segen wäre, wenn ich's Kurieren aufgeben könnte. Meine Mittel sind alle zu kräftig – biegen oder brechen. Das ist so mein System, und das paßt nicht in die alte Theorie, weshalb mein teurer Vorgesetzter, der Leibmedikus Elwert, auch jedes meiner Rezepte erst gründlich darauf prüft, ob der Patient meine Mixtur auch vertragen kann. Hab' da just ein Wischlein zur Hand, eine Selbstrezension über die ›Räuber‹, und damit die ganze Welt weiß, woran sie ist, habe ich es eigenhändig hier niedergeschrieben, was ich von meiner Medizin halte. Da!«

Er warf ein Heft auf den Tisch, das Petersen ergriff und aus welchem er vorlas: »Der Verfasser der ›Räuber‹ – er soll ein Arzt bei einem württembergischen Grenadierbataillon sein, und wenn das ist, macht es dem Scharfsinn seines Landesherrn Ehre. So gewiß ich sein Werk verstehe, so muß er starke Dosen in Emeticis ebenso lieben, als in Aestheticis, und ich möchte ihm lieber zehn Pferde, als meine Frau zur Kur geben.«

»Ja, Kinder, und wenn ich euch sage, daß der ›Almanach für Apotheker auf das Jahr 1781‹ das einzige medizinische Buch ist, das ich bisher gekauft habe, könnt ihr ungefähr erkennen, wie weit ich mit meiner Dissertation sein muß. – Pah, von etwas anderem!«

Er brannte sich von neuem seine Pfeife an. »Wo bleibt heute Streicher? Der Junge hat mir mit seiner Musik jüngst eine trübe Stunde aus der Seele getrieben; er hat Herz in den Fingern, sag' ich euch – –«

»Und Durst in der Kehle!« rief eine lustige Stimme, und der junge Musiker trat an den Tisch, warf seinen feuchten Mantel ab und setzte sich mit heiterem Gruße zu den anderen.

»Einen Schoppen Roten und eine Pfeife!« herrschte er dem Schenkburschen zu, sah dann mit vergnügten Augen im Kreise herum, als ob er sehen wollte, was es Neues gebe, und nachdem er seinen Tabak in Brand gebracht, sprach er: »Was gebt ihr, wenn ich euch etwas Lustiges berichte? – 's ist zwar an sich nichts Neues; aber ihr wißt es doch noch nicht!«

»Ohne Präambula!« rief Scharffenstein – »los mit dem vollen Orchester!«

»Schiller, die Sache trifft dich oder vielmehr ›Die Räuber‹, – ja, wer Komödien schreibt, muß fürsichtig sein.«

»Na, wem zum Henker hab' ich denn wieder unrecht getan? Wenn's nur ein Kritiker ist, so laß ihn stecken, Andreas, über die Sorte bin ich hinaus.«

»Die Sache hat aber den Reiz der Neuheit; denn diesmal ist Spiegelberg in den ›Räubern‹ der schuldige Teil. Wie sagt der Kerl doch? – ›Zu einem Spitzbuben will's Grütz – auch gehört dazu ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbubenklima, und da rat' ich dir: Reis' ins Graubündner Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.‹ Das ist die Stelle, hinter der ein gewisser Wredow eine Ehrenbeleidigung Graubündens wittert, der in den ›Hamburger Adreßcomptoir-Nachrichten‹ einen geharnischten Aufsatz losläßt, um die fürchterliche Anklage zu entkräften. Hier ist das Schriftstück!« Streicher legte ein Heft auf den Tisch.

»Vorlesen!« erscholl es im Kreise, und während die Pfeifen dichter qualmten, las der junge Musiker mit gemachtem Pathos den hochtönenden Artikel, nach dessen Beendigung der ganze Kreis in ein fröhliches Lachen ausbrach. Schiller saugte behaglich an seinem Rohre und sprach gutgelaunt: »Daß auch noch der Spitzbube Spiegelberg sich an mir rächen und in edelmütiger Weise für meine Berühmtheit sorgen würde, hätt' ich nicht vermeint. Na, legen wir's ad acta

Man redete aber trotzdem noch weiter über die Sache und war eben im besten Zuge, als Leutnant Kapf, Schillers Stubengenosse, kam. Er rief sogleich: »Der Herr Regimentsmedikus ist ja niemals zu Hause, wenn die Post kommt. Hier ein Brief und ein Päckchen, – dran gerochen hab' ich bereits, hab' aber nichts herausschnüffeln können, als daß beides aus Chur kommt.«

Schiller nahm das Schreiben und las es, während die andern schweigend und neugierig ihn betrachteten. Um seine Lippen zuckte es mehrmals wie ein Lächeln, bis er das Papier weglegte und sagte: »Kinder, die Zeit treibt wunderliche Blasen in Menschenköpfen. Da leistet sich einer die Fortsetzung der famosen Spiegelberggeschichte. Ein Dr. Amstein in Chur teilt mir mit, daß er in dem ›Sammler‹ eine Anklageschrift veröffentlicht habe unter dem schönen Titel ›Apologie für Bünden gegen die Beschuldigung eines auswärtigen Komödienschreibers‹, und daß er mir anbei das Schriftstück, das mich als einen böswilligen Verleumder eines Staates hinstellt, übersende; gleichzeitig aber verlangt er von mir eine öffentliche Ehrenerklärung für Graubünden. Wer noch etwas Dümmeres vorbringen kann, erhält von mir einen Taler.«

»Laß doch den kostbaren ›Sammler‹ sehen!« rief Petersen, und gleichgültig warf Schiller ihm das Päckchen hin. Der andere öffnete und hatte bald genug den Artikel gefunden.

»Soll ich's zum Vortrag bringen oder wollen wir zuerst Schillern den Genuß allein lassen?«

»Mir schmeckt alles besser in Gesellschaft – also vorwärts mit der Sudelei. Zuvor noch einen Schoppen Roten!« rief dieser.

Der »Rote« kam und die Vorlesung begann, nicht ohne durch witzige und manchmal auch derbe Zwischenrufe unterbrochen zu werden, bis Schiller endlich auf den Tisch klopfte: »Ich dächte, wir hätten genug von dem Gewäsche; 's ist, als ob jemand einem Wasser in den Wein gösse – brr! Was einem so hingeworfenen Worte für eine Wichtigkeit gegeben werden kann! Strebertum und kein Ende! Der Kerl will eine Fehde mit mir, um auch sein Stückchen Berühmtheit zu haben!«

»Und was denkst du zu tun?« fragte Reichenbach.

Anstatt der Antwort nahm Schiller den empfangenen Brief, drehte ihn langsam zusammen, näherte ihn dem Lichte, und wie er aufflammte, zündete er daran seine ausgegangene Pfeife an, warf das Papier dann zu Boden und trat die Flamme mit dem Fuße aus.

»So, – dem Dinge wär' sein Recht geschehen – und nun ein anderes Kapitel!« sagte er ruhig, und bald war das Gespräch zu andern Dingen gelangt. – –

Wenige Tage später war es, daß Herzog Karl Eugen im Schloßgarten zu Ludwigsburg lustwandelte. Es war ein schöner Aprilmorgen, die Sonne leuchtete auf dem grünen Rasen, und die Amseln sangen. Der Fürst war begleitet von dem Garteninspektor Walter, einem Manne, dessen ganzer Erscheinung man Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, gemischt mit kriecherischem Wesen, anmerkte. Karl Eugen war wohlgelaunt und hatte manch freundliches Wort der Anerkennung über die Gartenanlagen gesprochen, das Walter mit strahlendem Gesichte und gebeugtem Rücken entgegennahm. Nun fragte der Fürst leutselig: »Weiß Er sonst etwas Neues zu berichten?«

»Etwas Neues wohl, aber nichts Angenehmes.«

»Hm – will Er mir den schönen Morgen verderben? – Was ist's?«

»Es betrifft das Theaterstück ›Die Räuber‹ von dem Regimentsmedikus Schiller.«

Das Gesicht des Herzogs verfinsterte sich, während ein lauernder Blick Walters dasselbe streifte. Der Garteninspektor, der in Schillers Vater einen schlimmen Konkurrenten in der Gunst seines Herrn sah, war kein Freund der Schillerschen Familie und benutzte die Gelegenheit, seiner kleinlichen Gesinnung eine Genugtuung zu bieten, als Karl Eugen frug: »Was ist's wieder damit? – Diese Komödie spukt ja, wie es scheint, jetzt überall, und Schiller hätte Besseres tun können, als sie zu schreiben. Hat jemand Ärgernis daran genommen?«

»Durchlaucht, ich möchte nicht als Angeber erscheinen.«

»Ach, halt Er's Maul! – Nachdem er einmal soviel gesagt hat, muß das andere auch heraus. Was weiß Er?«

»Durchlaucht geruhen vielleicht zu wissen, daß ich die Ehre habe, korrespondierendes Mitglied der Bündner ökonomischen Gesellschaft zu sein, und darum pflege ich das Hauptblatt von Graubünden, den ›Sammler‹, zu lesen. Darin steht ein Artikel eines Dr. Amstein, der Schiller der Ehrenbeleidigung und Verleumdung Graubündens bezichtet, begangen durch einen Ausdruck in den ›Räubern‹, daß Graubünden das Athen der heutigen Gauner sei. Amstein verlangt von Schiller eine öffentliche Ehrenerklärung!«

Das Gesicht des Herzogs färbte sich von zorniger Röte. »Hat Er den articulum zur Hand? – Das möcht' ich wohl lesen.«

»Ich habe zufällig die betreffende Nummer bei mir.«

»Wirklich – zufällig?« fragte Karl Eugen boshaft, indem ein durchdringender Blick den zusammenknickenden Mann streifte und er aus dessen Hand das Papier in Empfang nahm. Er entfernte sich mit demselben raschen Schrittes, während Walter erst nach einiger Zeit sich aus seiner gebückten Stellung erhob und mit hämischem Lächeln ihm nachblickte. Nicht lange darauf hörte man das Rasseln eines Wagens – der Herzog fuhr gegen Stuttgart.

Um Nachmittag des nächsten Tages wurde Schiller nach dem Schlosse Hohenheim zu seinem Landesherrn befohlen. Kronenbitter hatte ihm seine Uniform ganz besonders gesäubert und den Zopf, sowie die Ohrenröllchen mit größter Genauigkeit gedreht, und so stelzte der Regimentsmedikus zur bestimmten Stunde nach dem Schlosse, ungewiß, was der Herzog von ihm verlangen würde, aber mit der Seelenruhe eines Philosophen; denn im Grunde war ihm Karl Eugen immer ein gnädiger Herr gewesen, und er versah sich deshalb keiner Unannehmlichkeit.

Dieser aber empfing ihn mit finsterem Gesicht. »Da hat Er sich und mir wieder eine saubere Suppe eingerührt mit seiner verfl… Komödie! – Kennt Er den Artikel?« Der Herzog reichte ihm die Nummer des »Sammler« mit Amsteins Aufsatz.

»Zu Befehl, Durchlaucht!«

»Und was gedenkt Er zu tun?«

»Nichts, Durchlaucht; denn der Wisch ist keine Antwort wert, und die Ehre einer literarischen Fehde tue ich seinem Verfasser nicht an.«

Karl Eugen schaute den Sprecher groß an: »Auf Reputation hält Er, das gefällt mir; aber das schafft die Geschichte nicht aus der Welt. Wie, zum Donnerwetter, kommt Er denn zu seiner Äußerung über Graubünden?«

»Halten zu Gnaden, Durchlaucht, die Äußerung ist ja nicht meine persönliche Meinung, also gar keine Behauptung, die erst eine Widerlegung braucht, sondern sie wird von einem Räuber so hingeworfen und noch dazu von dem schlechtesten Burschen der ganzen Bande, und nur ein Dummkopf kann sich darüber mokieren. Auch ist's wohl eine Volkssage, was mir dabei vorgeschwebt hat.«

»Aber bedenkt Er denn nicht, wie unangenehm mir die ganze Sache ist? In der Graubündner Republik ist man uns in Württemberg ohnehin nicht gewogen und erzählt von uns die schlechtesten Dinge. Und nun kommt da ein Württembergischer Regimentsmedikus und bohrt in das Wespennest. Vergißt Er denn, daß er Eleve der Karlsschule war, und daß man mit Fingern auf die Akademie zeigen und mich selber verlästern wird, daß ich nicht besser Zucht zu halten verstehe in derselben. Wer zum Teufel heißt Ihn denn überhaupt Komödien schreiben?«

»Der innere Drang, Serenissime –!«

»Ach was – schwätze Er nicht! Er hat keinen anderen Drang aufkommen zu lassen als den für seine medizinische Wissenschaft. Ich will nicht, daß das Ausland eine wenn auch nur scheinbare Berechtigung findet zu öffentlichen Anklagen. Die ganze Poeterei ist zwecklos, und Er kann keinen Hund damit vom Ofen locken. Es gefällt mir auch nicht, daß Er seine Komödie im Ausland hat aufführen lassen; Er hat wohl viel Beifall, wie ich höre, aber auch anständigen und braven Leuten viel Ärgernis gegeben.«

»Das mögen beschränkte Naturen sein, die nicht den hohen Flug des Dichters und seine tiefere Absicht begreifen – –«

»Maul gehalten!« donnerte der Herzog, der sich immer mehr in Erregung und Zorn hineinredete. »Ich will mich nicht weiter mit Ihm darüber auseinandersetzen, – ich sage Ihm nur das, daß es Ihm von Stund' ab verboten ist, etwas anderes als medizinische Schriften drucken zu lassen, und daß Er sich nicht unterstehe, irgendeine weitere Verbindung mit dem Auslande zu unterhalten.«

Schiller fühlte, wie ein heißer Schmerz ihm die Seele zusammenzog; dies Verbot hieß seinen Geist in Fesseln legen und ihn zum Sklaven machen; es brach seine schönsten Hoffnungen, und mit bebenden Lippen wagte er zu sagen: »Halten zu Gnaden, Durchlaucht, – das ist so viel, als dem Vogel das Fliegen und Singen, dem Fische das Schwimmen zu verbieten. Die Poesie ist meine Lebensluft, und wenn ich ihr entsagen muß, geht es mir ans Leben!«

»Das ist Firlefanz – weibische Einbildung! Selbstzucht muß Er üben, das hab' ich Ihm schon vordem gesagt, und darum wiederhole ich Ihm: Bei Strafe der Kassation schreibt Er mir keine Komödien mehr!«

Der Herzog wandte sich ab, Schiller war entlassen, und langsam ging er die Treppe hinab. Aber da er vor dem Schloßtor stand, streckte er seine hohe Gestalt und atmete tief, als wolle er die Luft der Freiheit einsaugen, und seine Lippen murmelten: »Frangor, non flector – lieber gebrochen, als gebogen werden!«

Dann ging er mit weitausgreifenden Schritten durch die Gassen der Hauptstadt und wandte sich nach dem »Ochsen«. Dort traf er die Freunde beim Kegeln, und sie sahen einigermaßen verwundert auf, als sie ihn in der steifen Paradeuniform kommen sahen.

»Was feierst du denn heute für einen Festtag?« fragte der eine.

»Ich komme von Serenissimus.«

»Nun, wozu kann man dir gratulieren?«

»Wenn du's tun willst, Petersen, Durchlaucht geruhten, mir den Kopf zu waschen.«

Das Kegelspiel kam ins Stocken, alle drängten sich an Schiller.

»Ja, nun seid ihr neugierig wie die Elstern, und ich hätte beinahe Lust, euch in eurer Neugier schmoren zu lassen; aber ich bin nicht grausam: Serenissimus hat mir Kassation in Aussicht gestellt, wenn ich noch eine Komödie schreibe.«

Auf allen Gesichtern stand lebhafte Teilnahme, und im ersten Augenblick fand keiner ein geeignetes Wort. Endlich trat Streicher heran, reichte dem Freunde die Hand und fragte: »Und wie willst du's damit halten?«

»Sei ruhig, Andreas, ich werde Komödien schreiben, und wenn mir's gehen sollte wie dem armen Schubart; mich schreckt nicht der Hohenasperg. Aber nun, Freunde, laßt euch die Gemütlichkeit nicht stören, – wir sind noch nicht so weit, trotz dem Herzog von Württemberg. – – Kann ich hier mit von der Partie sein?«

Bald rollten die Kugeln aufs neue, und Schiller beteiligte sich ohne Erregung, ja beinahe mit Heiterkeit an dem Spiele, bis die vorgeschrittene Zeit zur Heimkehr mahnte. Mit Streicher ging er durch die stillen, von spärlichem Lampenschimmer nur matt erhellten Gassen. Anfangs waren beide schweigend, endlich sprach der junge Musiker, indem er den Gedankenfaden, der ihn still bewegte, anscheinend laut weiterspann: »Da gibt's nur eins, Freund, du mußt fliehen.«

Schiller blieb stehen. »Ist das nicht wundersam, wie unsere Gedanken in diesem Augenblick sich begegnen? Eben habe auch ich an die Flucht gedacht. Mannheim ist meine Zuflucht, der Intendant von Dalberg will mir wohl, – im schlimmsten Falle glaub' ich's wagen zu können.«

»Warum willst du erst warten, bis der schlimmste Fall eintritt? Und was nennst du den schlimmsten Fall? Des Herzogs Hand ist manchmal rasch und kräftig, und hat dich erst der Hohenasperg, so ist's mit dem Entrinnen vorbei.«

»So schlimm ist's noch nicht, – – auch würden mir die Mittel fehlen zur Flucht.«

»Was mein ist, ist auch dein. Hast du vergessen, daß ich dich einst bat, mir den Vorzug zu lassen, wenn du einen Freundesdienst brauchst? – Mein kleiner Besitz, meine ganze Person, sie stehen dir zur Verfügung, – nur versäume die rechte Stunde nicht.«

»Ich danke dir, Andreas, und will dir's nicht vergessen. Wir wollen den Gedanken im Auge behalten, und ist's soweit, dann komm' ich zu dir.«

Sie standen vor der Wohnung Schillers, drückten sich noch einmal warm die Hände, und dann schieden sie. Der Schritt Streichers verhallte in der stillen Gasse; der Dichter selbst aber ging noch eine Weile unruhig in dem engen, dumpfigen Gemache auf und nieder. Kapf, sein Stubengenosse, war nicht daheim, nichts störte ihn in seinen Gedanken, und die waren nicht bei Herzog Karl Eugen, auch nicht mehr bei seiner Flucht, sondern bei dem neuen Werke, dem »Fiesko«. Die ganze Welt versank dem schaffenden Geiste, den keine Drohung, kein Zwang hindern konnte, die Schwingen auszubreiten und sich zu erheben über die engen Schranken der Alltagswelt. – –

Der Mai war ins Land gekommen und hatte seinen Blütenschimmer weithin ausgestreut. Im herzoglichen Lustgarten unter den leuchtenden Bäumen spazierte Schiller mit Frau von Wolzogen und Frau Laura Vischer. Die beiden waren erfüllt von wärmster Teilnahme für ihn und für sein Schicksal, und beide hatten den Glauben, daß er zu Großem bestimmt sei. Frau von Wolzogen hatte durch Bekannte in Mannheim den Erfolg der »Räuber« schildern hören, und es erfaßte sie geradezu eine Sehnsucht, das Stück selbst zu sehen. Das war es, was sie nun aussprach, und Frau Vischer stimmte ihr lebhaft bei.

»Was den Genuß freilich noch mehr erhöhen würde, wäre, es mit Schiller zusammen zu sehen,« sagte die Hauptmannswitwe, und das Wort fiel wie ein zündender Funke in die Seele des Dichters. Nur zu gern hätte er selbst sein Werk noch einmal auf den Brettern geschaut, aber er hatte den Gedanken daran niedergekämpft; jetzt aber, in den Maitagen, in welchen das Herz zu kühnerem Wagen geneigt und von sonnigen Hoffnungen mehr erfüllt ist, kam er wieder.

»Ja, wenn ich es wagen dürfte! – Wie gerne ginge ich mit Ihnen, meine Freundinnen, nach meinem Eldorado, wie wollte ich doppelt genießen in Ihrem Genusse, und den Eindruck meines Werkes sich widerspiegeln sehen in zwei so lieben Seelen –; aber Sie wissen, über mir hängt ein Damoklesschwert …«

»Wissen Sie auch, daß Durchlaucht demnächst auf einige Zeit verreist?« fragte Frau von Wolzogen, und Schiller horchte hoch auf.

»Wenn das ist, wäre viel gewonnen … Und die Fahrt nach Mannheim hätte für mich vielleicht den Vorteil, mir meinen ferneren Weg zu ebnen, ich könnte mit Herrn von Dalberg persönlich verhandeln … Wohl, ich will's zum guten Zeichen nehmen, daß Sie mich begleiten wollen! Seien Sie mir die schützenden Genien, meine Freundinnen! Ich will es wagen!«

Er reichte den beiden die Hände, die sie herzlich erfaßten, und langsam schritten alle drei weiter.

In den nächsten Tagen verreiste der Herzog wirklich. Sogleich schrieb Schiller einen Brief an Dalberg, in welchem er ihm sein Verlangen vortrug, sein Stück noch einmal zu sehen, und er wolle die Abwesenheit seines Landesherrn benutzen, um mit einigen Damen, welche begierig seien, die »Räuber« auf der Mannheimer Bühne an sich vorübergehen zu lassen, dahin zu kommen.

Der Intendant kam bereitwillig seinem Wunsche wegen der Aufführung entgegen, und nachdem Schiller sich bei seinem Vorgesetzten, dem Leibmedikus Elwert, hatte krank melden lassen, sich außerdem aber bei dem Obersten von Rau, der ihm wohlwollend war, einen Urlaub erwirkt hatte gegen das Versprechen, ihn bei einer etwaigen Entdeckung aus dem Spiele zu lassen, fuhr an einem schönen Maiennachmittag ein viersitziger Wagen, in welchem der Dichter mit seinen beiden Freundinnen saß, zum Tor von Stuttgart hinaus.

Es war eine herrliche Fahrt durch das frühlingsschöne Württemberger Land; freundliche, kleine Städte, friedliche Dörfer waren hineingebettet zwischen Wald und Anger, und fernher blaute die Kette der Vogesen. Die Seele des Dichters nahm einen freieren Flug; der Mund strömte ihm über, und die Teilnehmer der Fahrt freuten sich seiner lebhaften, warmen Beredsamkeit und wurden selbst angenehm erregt. Es waren schöne Stunden!

Schönere noch waren es, als sie nebeneinander in der Loge des Theaters saßen und nun am Auge vorüberziehen, am Ohre vorüberrauschen ließen, was Schiller geschaffen. Der Eindruck des Werkes war bei den Frauen ein tiefer, und in aufwallendem Enthusiasmus wollte Frau Vischer die Hand des Dichters küssen, die so Herrliches geschrieben hatte, während auch Frau von Wolzogen, der älteren Dame, die Wangen brannten und die Augen leuchteten. Sie sprach tiefbewegt: »Schiller, ich danke Ihnen für diese erhebenden Stunden und will sie nie vergessen. Was müßten Sie erst schaffen mit dem vollen Fluge des Geistes, wenn dies Werk in den Fesseln entstand! Schiller, wenn Sie einmal eine Zufluchtstätte brauchen, erinnern Sie sich, daß ich im Meiningschen ein kleines, stilles Asyl habe im Dorfe Bauerbach; das biete ich Ihnen an als Zufluchtsort, wenn Sie nicht wissen, wohin Sie sich wenden sollen, und es soll mir zur Freude gereichen, wenn dies schlichte Fleckchen Erde die Weihe Ihres Genius erhält.«

»Ich danke Ihnen, verehrte Frau, und vielleicht früher, als Sie meinen, kann die Stunde kommen, da ich Gebrauch machen muß von Ihrer Güte.«

»Sie sind zu jeder Zeit willkommen!«

Dies Gespräch erfüllte den Dichter mit Ruhe und Zuversicht, und in solcher Stimmung erbat er sich eine Besprechung mit dem Freiherrn von Dalberg, um diesem seine Not in der Heimat zu klagen und ihm sein Schicksal ans Herz zu legen. Der Intendant empfing ihn freundlich und zuvorkommend und hörte ihn scheinbar mit ruhiger Teilnahme an, da er von der Verfügung des Herzogs Karl Eugen berichtete und von dem Drange seines Herzens. Schiller sprach warm und herzlich, wie zu einem Freunde, denn ihn ermunterte der wohlwollende Blick des andern. Er schloß: »Ich lege mein Geschick vertrauensvoll in Ihre Hände, und ich weiß nicht, an wen ich mich besser wenden könnte. Sie haben mir den Weg des Ruhms geöffnet und mir ein großes Ziel gezeigt; ziehen Sie Ihre Hände nicht von mir ab, damit meine heiße Seele nicht erstarren muß unter einem kalten und verhaßten Zwange. Ihre Großmut und Ihr Scharfblick werden die Stelle finden, die ich auszufüllen vermag im Dienste der Kunst, der – das fühle ich – mein Leben gehört.«

Dalberg war bewegt. Er reichte Schiller die Hand und erwiderte: »Was ich tun kann für Sie, will ich gern tun. Die Art, Sie hier in Mannheim zu employieren, dürfte keine Schwierigkeiten bieten, wenn wir Sie nur erst einmal aus dem Württembergischen herüber hätten. So glatt wird das mit Ihrer Durchlaucht nicht gehen, der uns einen seiner Karlsschüler und wohlbestallten Regimentsmedikus nicht ohne weiteres überlassen wird. Hier heißt es in Geduld abwarten und nicht den Mut verlieren. Ich behalte Ihre Sache im Auge.«

Schiller ging, aber er war nicht befriedigt. Das waren halbe Zusicherungen, und er brauchte – das fühlte er – eine rasche, rettende Tat. Mit einiger Verstimmung bestieg er wieder den Wagen, um gegen Stuttgart zurückzufahren. Er war einsilbig, so sehr auch die Freunde sich bemühten, ihn aufzuheitern, und da er an das Tor der Residenz herankam, sagte er niedergeschlagen: »Da geht's wieder zurück in den Käfig. Es ist, als ob mir der Gedanke auf alle Glieder geschlagen wäre, und mein Körper ist wie Blei, meine Pulse brennen – ich glaube, ich habe Fieber.«

Besorgt sahen die Freunde ihn an und sahen in ein unnatürlich gerötetes Gesicht und flimmernde Augen. Am andern Morgen mußte er zu Bette bleiben, und der treue Streicher, welcher gekommen war, um sich von dem Mannheimer Aufenthalte berichten zu lassen, war erschrocken und entsetzt, als er ihn umarmte. Er fühlte selbst ein Frösteln und ein Unbehagen, doch setzte er sich an das Lager des kranken Freundes, der nun mit etwas matter Stimme, aber doch lebhaft erzählte, daß er im Grunde so gut wie nichts erreicht habe, und daß die auf Dalberg gesetzten Hoffnungen wohl trügerische seien.

Streicher tröstete und beruhigte: »Wenn er nur eine Stellung hat für dich, – aus Württemberg wollen wir schon fortkommen, dafür laß mich mit sorgen. Die Flucht bleibt dir noch immer, und bist du erst über die Grenze, so wird das weitere sich wohl finden. Den Kopf hoch, Freund!«

»Das kann ich heute nicht, Andreas!« sagte Schiller mit einem Anfluge von Scherz und lächelnd, »der Kopf ist mir zu schwer.«

Die beiden Freunde trennten sich; Streicher aber fühlte, da er auf die Straße kam, einen dumpfen Schmerz im Kopfe, ein Brennen in den Augen, und es war ihm kein Zweifel, daß er den Keim einer Erkrankung von dem Freunde mit fortgenommen hatte. Daheim mußte er auch sich zu Bette legen, und die Mutter geriet in nicht geringe Besorgnis um den einzigen Sohn. Dieser selbst aber lebte in seinen Gedanken bei Schiller und tat sich selbst immer wieder das Gelöbnis, ihn nicht zu verlassen und in der Stunde der Not ihm getreulich zur Seite zu stehen.

Nach etwa vierzehn Tagen hatten beide Freunde sich wieder erholt, und da sie zum erstenmal sich begegneten und umarmten, wiederholte Streicher sein Gelöbnis. Solche Treue aber tat Schiller ungemein wohl, und bald genug sollte er sie auch brauchen.