Der Regimentsmedikus
Zwei Stunden von Stuttgart entfernt liegt das Lustschloß Solitüde, ein Prachtbau, den ein französischer Baumeister in dem damals beliebten Rokokostil aufgeführt hatte. Es bildet ein Oval mit zwei zu beiden Seiten sich anschließenden Pavillons und ist umfriedet von einem Arkadenbau, auf dem eine breite Galerie ruht, zu welcher zwei geschweifte Freitreppen führen. Hier war Schillers Vater unter dem Titel eines Intendanten Inspektor der groß angelegten Gärten und wohnte in einem der Gebäude, die hinter dem Schlosse gelegen waren (dem heutigen Revieramte).
Hier saß am Weihnachtstage des Jahres 1780 der junge Regimentsmedikus, der in seiner neuen Uniform sich seinen Eltern und Geschwistern vorstellte. Diese war nichts weniger als kleidsam, sondern geradezu steif und abgeschmackt. Sie war ungemein eng, so daß sie die Figur überall zusammenpreßte, nur die Beine schienen unnatürlich geschwollen und waren durch den Filz, welcher den weißen Gamaschen untergelegt war, anzusehen wie zwei Zylinder, die einen größeren Durchmesser hatten als die Schenkel. Dazu kam der in eine Roßhaarbinde eingezwängte lange Hals und endlich die widerwärtige Frisur mit dem dicken, langen falschen Zopfe, der auf dem Rücken baumelte, und mit den drei starren vergipsten Rollen, die auf jeder Seite des Gesichts hingen. Seine beiden älteren Schwestern, Christophine und Luise, sahen ihn fast verwundert und verdutzt an, bis die letztere geradezu in helles Lachen ausbrach, und die jüngste, die dreijährige Nanette, kam herbei und hing sich an die Schöße seines Fracks und lachte, weil Luise lachte.
Auch die Mutter betrachtete den Sohn von allen Seiten, ernst und mit leisem Kopfschütteln, nur der Vater fand sich mit militärischer Bestimmtheit in die Sachlage.
»Uniform ist Uniform, und die Hauptsache bleibt, daß man seines Fürsten Rock mit Ehren trägt, mag er aussehen, wie er will. Und damit basta! – Nun mach' dir's bequem in deinem Elternhause, Fritz; ich habe mich gefreut an deinen Zeugnissen und verhoffe, daß Serenissimus bald einen besseren Posten für dich finden werde. Ich aber will Höchstdemselben meinen submissesten Dank schriftlich abstatten. Auf Wiedersehen!«
Damit war der brave Mann in das Nebengemach gegangen an seinen Schreibtisch, und Schiller war mit den weiblichen Gliedern seiner Familie zurückgeblieben. Die Mutter drückte ihn jetzt mit sanfter Gewalt in den Lehnstuhl am Fenster, und während Nanette mit ihrer Puppe zu seinen Füßen spielte, saßen die beiden Schwestern neben ihm. Ihn erfüllte ein Gefühl des Behagens, wie er es lange nicht empfunden: Er war daheim! Im Ofen prasselte vergnüglich das Feuer, und draußen lag der Sonnenglanz auf der beschneiten Erde. Die Kuppel des Schlosses, das sich etwa sechshundert Schritt entfernt erhob, glänzte mit der Figur, die darauf sich zeigte. Der Garten in seinem winterlichen Schmucke hatte auch seine eigenartige Schönheit, und die Kolossalstatuen unter den entlaubten Bäumen sahen wunderlich genug drein. Von fern her zeigten sich verdämmernd einige Höhenketten, die zum Elsaß bereits gehörten. So saß er, und dabei hielt die Mutter seine Hände und schaute ihm in die Augen, und der liebevolle Mund redete freundliche Worte: »Du mußt eben haushalten lernen, Fritz; der Mensch braucht nicht viel, wenn er genügsam ist, das haben dein Vater und ich am besten erfahren, und du bist noch jung und hast eine Zukunft vor dir. Vater hat auch schon daran gedacht, Durchlaucht zu bitten, daß er dir erlaube, eine Privatpraxis als Arzt auszuüben und Zivilkleider zu tragen, – ja, er hat dir heimlich schon einen Anzug in Stuttgart bestellt!«
»Das wäre freilich etwas wert; denn diese steife Uniform drückt mich nicht bloß auf dem Leibe, sie spannt mir auch die Seele ein. Und daß ich, nachdem ich die Akademie mit so gutem Erfolg verlassen und immer meine Pflicht getan habe, nicht einmal den Offiziersrang besitze, ist eigentlich eine Kränkung.«
Die Schwestern stimmten dem zu; aber die Mutter beruhigte: »Vater ist auch Feldscher gewesen und hat's zum Offizier gebracht.«
»Na, mag's sein, – ich hab' auch noch etwas, worauf ich vertraue!« sagte Schiller beinahe geheimnisvoll, und die drei andern rückten näher herbei und sahen ihn fragend an. »Ich hab' eine Komödie geschrieben –«
»Eine Komödie?« klang es wie aus einem Munde, und besonders Christophine erkundigte sich lebhaft nach Titel und Inhalt.
»Ein Spektakelstück sage ich euch, wie die deutsche Schaubühne kaum eins gesehen hat. Das muß einschlagen wie ein Wetter Gottes und muß die Geister des ganzen Jahrhunderts aufrütteln. Himmel noch einmal, ich hab's geschrieben mit meiner Seele und mit meinem Herzblut – es heißt ›Die Räuber‹.«
Der Titel entsetzte die Frauen; aber mit beinahe atemloser Spannung hörten sie zu, als er ihnen den Inhalt erzählte, und noch mehr, als er das Heft, welches er bei sich trug, hervorzog und zu lesen begann, freilich erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Vater die Wohnung verlassen hatte. Nachdem er zwei Akte vorgetragen, saßen alle mit glühenden Wangen da, und Christophine fiel dem Bruder um den Hals, indem sie sagte: »Ja, das ist groß – das wird seinen Weg machen! Aber fünf Akte auf einmal hören – das ist zuviel! Laßt uns jetzt eine kleine Pause machen und einmal durch den Garten gehen!«
Schiller war einverstanden und erhob sich; die Mutter aber sagte: »Wenn aber Serenissimus davon erfährt? – Das ist der Ton, den er nicht verträgt!«
»Er wird ihn vertragen müssen, Mutter!«
»Denk' an den unglücklichen Schubart und an den Hohenasperg!«
»Aber Mutter,« fiel Luise ein, »wer wird gleich an so schlimme Sachen denken! Das nächste ist, daß seine Komödie gedruckt wird, und zuerst ohne seinen Namen, damit erst der Erfolg sich findet. Und wenn dieser da ist, so ist Durchlaucht zuletzt noch stolz auf seinen Karlsschüler!«
»Das Kind hat recht!« sagte Schiller lächelnd und streichelte der Schwester die blühende Wange, – »aber da Druckenlassen, da sitzt der Haken. Wo finde ich einen Verleger, der ein Werk von einem unbekannten Dichter druckt –«
»Und ein Werk, das in solcher Tonart geschrieben ist? Dazu gehört Mut!« sagte die Mutter.
»Das alles können wir im Garten erwägen, – ich muß hinaus, mir brennt die Seele und die Wange!« rief Christophine und hatte bereits ein Tuch um die Schultern gelegt. Nicht lange darauf ging der junge Dichter zwischen den zwei Schwestern, die traulich ihre Arme in die seinen schlangen, unter den kahlen Bäumen hin auf dem knirschenden verschneiten Wege, und sie plauderten weiter.
Da wo drei riesenhafte Eichen aus einer Wurzel aufragen, deren jede etwa fünf Fuß im Durchmesser hatte – ein majestätisches Bild der in der Natur waltenden Kraft –, kam ihnen der Herzog, begleitet von dem Obersten Rieger, entgegen. Schiller ließ seine Schwestern los, welche ehrfurchtsvoll zurücktraten, und stellte sich in militärische Positur. Karl Eugen hatte ihn erkannt und schien guter Laune. Er schritt rasch gegen ihn heran: »Ah, mein junger Regimentsmedikus! Nun, wie gefällt es Ihm in der neuen Uniform?«
»Sie ist nicht bequem; aber es ist ein Kleid, das Eure Durchlaucht mir gegeben.«
Im Auge des Herzogs zeigte sich ein wohlwollender Schein. »So hör' ich's gern. – Hat Er etwa einen Wunsch, den ich Ihm erfüllen könnte?«
Schiller glaubte den günstigen Zeitpunkt benützen zu sollen, und so bat er submissest, daß Durchlaucht ihm gestatten möge, Privatpraxis auszuüben. Das hatte Karl Eugen nicht erwartet. Eine Falte trat auf seine Stirn.
»Da hat Er keine glückliche Bitte getan. Was soll's damit! Kuriere Er mir erst die Invaliden im Regiment Augé, da hat Er gerade genug zu tun, und wenn Er gezeigt hat, daß Er seine Sache versteht, dann wollen wir überlegen, ob wir auch andere Menschen Ihm anvertrauen können.«
Der Herzog nickte ziemlich förmlich – er war offenbar ungnädig geworden – und ging weiter. Erst nach einiger Zeit gab Schiller seine noch immer militärische Haltung auf und wendete sich wieder zu seinen Schwestern. Auf seiner Stirn war eine finstere Falte, in seinen Augen wetterleuchtete es.
»Er ist doch ein Tyrann, und mein Werk geht in tyrannos – gegen die Tyrannen! Jetzt müssen die Räuber heraus, und wenn ich sie im Selbstverlag auf eigene Kosten müßte drucken lassen!«
»Um des Himmels willen keine Unvorsichtigkeit – schon um des Vaters willen nicht!« rief Christophine; aber er erwiderte: »Wenn ich meinen Namen nicht nenne, kann's ihm nicht schaden; ein anderes ist es aber, woher ich die Mittel nehme und wer für mich Bürgschaft tut!«
»Das laß uns gemeinsam und mit der Mutter überlegen!« rief Luise, und bald schritten die drei wieder durch den verschneiten Garten der Wohnung zu. Was nützte alles Abmahnen der Mutter, das Rad war im Rollen – die »Räuber« mußten heraus.
Der Frühling kam. In den ersten Maitagen 1781 war es, als in Schillers Zimmer, das im Erdgeschoß eines Hauses auf dem Langen Graben lag, sich eine fröhliche Gesellschaft zusammengefunden hatte. Der Raum war weder besonders freundlich noch das, was man behaglich nennt; es war eine etwas verlotterte Junggesellenwirtschaft. An der Wand hing neben einigen alten Bildern ein Teil der Garderobe des Regimentsmedikus, frisch angestrichene Beinkleider und schäbige Röcke; die Einrichtung bestand in der Hauptsache aus einem großen, roh angestrichenen Tische und zwei Bänken. In einer Ecke lag ein Haufe Kartoffeln und verbreitete einen etwas muffigen Geruch, der sich unangenehm mit versessenem Tabaksqualm mischte; in einer anderen Ecke standen Weinflaschen, Gläser, Teller mit Speiseresten, ein seltsames, aber keineswegs anmutiges Stillleben, und in einer dritten lagen heute große Ballen aufgestapelt, deren einer geöffnet war und zeigte, daß der Inhalt aus Büchern bestand.
Die Gesellschaft aber, welche um den langen Tisch saß, war außerordentlich vergnügt. Man trank »den Roten«, welchen Heideloff bei seiner Wette verloren hatte. Da saßen die alten Freunde, die »Bande« aus der Karlsschule beisammen: da war Scharffenstein, welcher Offizier beim Gablenzschen Regiment war, Petersen, der als Bibliothekar in Stuttgart lebte, Hoven, der als Arzt sich in Ludwigsburg niedergelassen hatte, Haug, Heideloff, Wilhelm von Wolzogen und der Stubengenosse Schillers, der Leutnant Kapf, ein leichtlebiger, genußsüchtiger Mensch, der vielleicht nicht der beste Kamerad für Schiller war.
Die Gläser klangen, und lustige Reden gingen hin und her. »'s ist doch hübscher als in der Karlsschule; aber nichtsdestoweniger soll sie leben und ihr durchlauchtiger Stifter auch,« rief Scharffenstein. »Vivat!«
»Kronenbitter, lange Er einmal die Sünden herum!« rief Schiller jetzt seinem Faktotum zu, das in einer Ecke des Zimmers stand und mit einem stumpfen Lächeln dem Treiben zuschaute. Es war ein langer, schlottriger Kerl mit einem gutmütigen Gesicht, aus dem eine große rote Nase mit verräterischem Schimmer herausleuchtete; er steckte in einer verschlissenen und geflickten Uniform, und wie er jetzt mit seinen langen Beinen in den Winkel stelzte, wo das erwähnte »Stillleben« zu sehen war, schauten ihm alle nach, und Hoven sagte lachend: »Ein Musterexemplar von Augés Grenadieren!«
»Das muß wahr sein,« fügte der satirische Haug bei, »zum schönsten Regiment hat dich unser lieber Vater nicht gesteckt, Schiller. Die Kerle haben mehr Flicken auf der Montur als heile Stellen, und wenn mich auf der Straße einer anbettelt, an dessen Kamisol man nicht mehr die Farbe erkennt, und dessen Beinkleider durchgeschabt sind, daß die nackten Waden herausschauen, dann meine ich immer, das müßte ein Deserteur von Augé sein.«
Kronenbitter lächelte süßsauer, indem er den linken breiten Mundwinkel in die Höhe zog, und stellte nun die »Sünden« auf den Tisch in Gestalt von Knackwürsten, die man noch nach der Gewohnheit der Schule so bezeichnete.
»So, nun langt zu, Kerls,« sagte Schiller, »ist's nicht eine üppige Schlamperei? Donner noch einmal, arme Schlucker sind wir allesamt geblieben, und Schande ist's nicht, jeden Tag Kartoffelsalat zu essen. – Und jetzt noch die Pfeifen! Kronenbitter!«
»Lauter Sünden!« knurrte das Faktotum mit dem grinsenden Munde, und aus einem anderen Winkel holte er die langrohrigen Pfeifen und setzte ein Kästchen mit Tabak auf den Tisch. Bald darauf begann ein lustiges Qualmen, und die kleine Gesellschaft hüllte sich in dichte blaugraue Wolken, bis einer anstimmte:
Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne,
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bei Sturm und Wind hantieren wir,
Der Mond ist uns're Sonne.
Es war das Lied der »Räuber« aus Schillers Theaterstück, und die ehemaligen Mitglieder der »Bande« kannten es alle und sangen es im Chor. Als sie zu Ende waren, rief Petersen: »Die ›Räuber‹ sollen leben und ihr Dichter dazu!«
»Hurra, die Räuber!« schrien alle, und Kronenbitter stand wie in blassem Entsetzen da und faltete die Hände, indes ihm die Knie schlotterten. Schiller aber erhob sich: »Freunde, ich danke euch und freue mich zugleich, in dieser Stunde euch ein Zeichen der Erinnerung an unsere Heimlichkeit auf der Akademie überreichen zu können. Nehmt's freundlich auf!«
Er schritt nach dem Winkel, wo die Ballen lagen, und kehrte mit einem halben Dutzend kleiner Bücher in den Händen zurück; er warf sie auf die Tischplatte unter die Genossen: »Langt zu – es sind Gastgeschenke, Kinder!«
Alle Hände griffen nach den Spenden, und aus mehr als einem Munde scholl es verwundert: »Die ›Räuber‹! Und ohne Namen des Verfassers, gedruckt in Tobolsk!«
»So, da ist also der Kram in Gottes Namen und ohne alle Kundschaft veranstaltet,« rief Scharffenstein, »und wir alle wollen Buchhändler sein und das Zeug unter die Leute zu bringen suchen, denn der Druck sieht mir nicht aus, wie wenn er bezahlt wäre!«
»Er hat eine feine Nase, der Scharffenstein, – als ob ich bei achtzehn Gulden Monatsgage auch noch Bücher für mein Geld könnte drucken lassen! Aber wenn's glückt, Kerls, so sag' ich euch, ich zahl' euch ein lukullisches Festmahl, und die ganze Manille[2] soll im Burgunder toll und voll werden!«
»Soll gelten!« rief Scharffenstein, und als ob man schon so weit wäre, klangen lustiger die Becher, und die Rauchwolken wurden dichter. – –
Ja, die »Räuber« waren erschienen, und jeden Morgen sah der Regimentsmedikus sich die bedeutsamen Ballen an, welche gar nicht abnehmen wollten, und der Gedanke, daß er mit dem Selbstverlage ein schlechtes Geschäft gemacht haben werde, drängte sich ihm immer mehr auf. Und doch hatte er auch manche Freude. Die Mutter seines Freundes Wilhelm von Wolzogen faßte für ihn ein lebhaftes Interesse und lud ihn zum Besuche in ihr Haus, und hier verlebte der junge Dichter im Verkehr mit der liebenswürdigen, herzensguten Dame, der Witwe eines Geheimen Legationsrats, und mit deren Tochter Charlotte manche angenehme Stunde; ja, er hatte die Freude, die Damen auch mit seiner Mutter und seinen Schwestern bekannt machen zu können, und so entspann sich zwischen Stuttgart und der Solitüde ein freundlicher Verkehr.
Die Wohnung des Intendanten Schiller sah in jenen Tagen überhaupt häufig lustige Gäste, und die Mutter des Dichters war glücklich, wenn sie ihren Sohn und einige seiner Freunde bei sich sehen und mit dem bewirten konnte, was das Haus zu liefern imstande war. Da flogen die Stunden nur zu rasch dahin, und nur mit Unbehagen ging der Regimentsmedikus aus dem heitern, freundlichen Kreise in seine Junggesellenwohnung nach Stuttgart zurück.
Eines Tages war auch Hoven in der Solitüde erschienen. Wie er mit dem Freunde in der prächtigen Allee lustwandelte, welche die Orangerie durchschnitt, sagte er: »Höre, Fritz, ich habe dir eine Einladung zu überbringen von dem Obersten Rieger auf dem Asperg, der ganz begeistert ist von deinen ›Räubern‹ und außerdem noch ganz stolz hervorhebt, daß du sein Patenkind seiest. Ich weiß nicht, ob das wahr ist; aber das hab' ich ihm versprechen müssen, daß ich dich hinausbringe.«
»Wie, geschehen denn Wunder und Zeichen? Oder soll das eine Falle sein?«
»Sei unbesorgt, der alte Kerkermeister Schubarts meint es diesmal ehrlich; ja er hat sogar diesem armen Teufel die ›Räuber‹ zu lesen gegeben und ihn veranlaßt, eine Rezension darüber zu schreiben. Er hat sich nun eine ganz besondere Komödie ausgedacht und will dich unter einem falschen Namen bei Schubart einführen und diesen so zu einer offenen Aussprache über dein Werk veranlassen.«
»Wenn's so liegt, Wilhelm, komme ich; ich komme Schubarts wegen, den ich kennen lernen muß, denn ich spüre in meiner Seele etwas von der seinen … Aber Riegers Verhalten begreife ich nicht! Er, der als der Peiniger seines armen Gefangenen verschrien ist, wäre einer besseren Regung fähig?«
»Tu' ihm nicht ganz unrecht, Fritz! Vergiß nicht, daß er selber in den Kerkern des Asperg gesteckt hat und ein wenig weiß, wie es Gefangenen zumute ist. So kommt's, daß er Anwandlungen hat von Weichmütigkeit; dann behandelt er besonders Schubart beinahe rücksichtsvoll. Und dieser ist klug genug geworden, sich die Schwäche seines Kerkermeisters nutzbar zu machen; er preist manchmal in einem Gedichte dessen gute Seiten, und dafür ist Rieger außerordentlich empfänglich, wie er überhaupt für einen Freund der Poesie gelten will.«
»Und ihm hast du die ›Räuber‹ gegeben und mich als den Verfasser genannt?«
»Ja doch. Ich hatte Gelegenheit, einer Theatervorstellung auf dem Asperg beizuwohnen, welche er veranstaltet hatte. Das Stück wimmelte von Schmeicheleien auf ihn, und da alle bei solchen Stellen Beifall klatschten, tat auch ich es, und zwar mit ironischer Heftigkeit. Aber er nahm's als pure Münze und lud mich in schmeichelhafter Weise schon für den nächsten Tag in sein Haus, und dabei brachte ich ihm dein Werk. Schon einige Tage später äußerte er sich entzückt darüber und bat, ihm den Verfasser zu nennen, und als ich's tat, beschwor er mich, dich persönlich bei ihm einzuführen. Und soweit sind wir.«
»Gut, ich komme – Schubarts wegen.«
Damit war die Sache abgemacht, und bereits in der nächsten Zeit finden wir Schiller mit Hoven auf dem Asperg, wo Rieger diesen Besuch geradezu zu einem kleinen Feste gestaltete. Dazu wurde Schubart herbeigeholt. Dieser saß damals das dritte Jahr auf der Festung, auf welcher er noch sieben Jahre verweilen sollte. Er war dahin gekommen, weil er sich den Zorn des Herzogs durch einige beißende Artikel und Epigramme zugezogen hatte, und man hatte seinerzeit den Unglücklichen, der in der freien Reichsstadt Ulm wohnte und dort durchaus sicher war, in hinterlistiger Weise auf das benachbarte württembergische Gebiet gelockt und ihn dort verhaftet. In der ersten Zeit seiner Haft war er geradezu unmenschlich behandelt worden, so daß der kräftige, geistig außerordentlich rege Mann ein gebrochener Mensch geworden war. Aber der heilige Funke des Genius war noch in seiner Seele vorhanden, und ab und zu zuckte die Flamme heller wieder empor, und in machtvollen und wehmütigen Klängen strömte sein Empfinden aus.
Er kannte Schiller nicht, und dieser hatte ihn nicht gesehen. Nun sah er ihn, bleich, aufgedunsen, mit matten Augen und schlottrigem Gange, und dem Regimentsmedikus tat das Herz weh, – er wußte, welch ein Feuergeist hier in langsamer Pein gemordet wurde.
Rieger stellte Schiller als Dr. Fischer aus Stuttgart vor, und es war diesem eine schmerzliche Wonne, sich mit dem armen Gefangenen über literarische Dinge zu unterhalten. Da brachen die leuchtenden Funken mitunter hervor aus den müden Augen, und die fahlen Lippen fingen an, beredt zu werden. Er selber brachte das Gespräch auf die ›Räuber‹, und nun war es, als sei Schubart ein völlig anderer geworden. Seine Gestalt hob sich, in das Gesicht kam Wärme und in die Augen Leben.
»Das ist ein Werk, von dem die Zukunft noch reden wird; es ist mit einer flammenden Feder geschrieben und wird einen Feuerbrand in die Welt werfen.«
»Sie haben ja eine Rezension der ›Räuber‹ geschrieben; wollen Sie dieselbe nicht dem Herrn Doktor vorlesen?« fragte jetzt Rieger, und Schubart erhob sich rasch, um die Handschrift zu holen.
Er begann zu lesen, und dabei vergaß er alles, was ihm widerfahren war; man merkte, sein Lob kam aus dem Herzen. Seine Stimme hatte den alten, vollen Klang, den man vordem an ihr bewundert hatte, und der ganze Aufsatz zeigte die Spannkraft und Geistesschärfe, die dem Verfasser vordem eigen gewesen war. Schiller fühlte sich tief bewegt und atmete schwer, als der Vorleser zu Ende war. Es trat eine Pause ein, die niemand unterbrach, denn alle Anwesenden waren seltsam ergriffen. Schubart hatte das Haupt gesenkt; jetzt hob er es wieder.
»Nur einen Wunsch hätte ich, – dem Dichter, der das geschrieben hat, einmal ins Auge sehen zu können.«
Da legte Rieger ihm die Hand auf die Schulter: »Ihr Wunsch ist erfüllt – er steht vor Ihnen.«
Da sprang Schubart auf, tat einen tiefen Atemzug, und mit leuchtenden Augen und einem Aufjauchzen in der Stimme sagte er: »Sie sind's – der Dichter der ›Räuber‹?«
Dann umarmte er ihn, küßte ihn heftig auf die Wangen, und Schiller fühlte, wie auf sein Gesicht Tränen niedertropften, Tränen der Freude. Er hat diese Stunde niemals vergessen können.
Als er nach einiger Zeit sich entfernte, trat ihm im Korridor Schubart noch einmal entgegen und gab ihm eine Papierrolle. »Nehmen Sie das als Erinnerung an diese Stunden und an einen Unglücklichen, dem Sie ein Glück gebracht, dessen er stets eingedenk bleiben wird.«
Schiller schlug das Papier auseinander; es enthielt ein Gedicht, betitelt: »Die Fürstengruft«. Mit einem innigen Händedruck dankte er und schied, und dieser Tag war kein verlorener in seinem Leben.
Sein Abglanz leuchtete ihm noch nach in die elende Junggesellenstube in Stuttgart, wohin er zurückkehrte. Am Abend war er heimgekommen und hatte die Tür verschlossen gefunden. Nun hätte er beim Hauswirt den Schlüssel holen oder auf seinen Stubengenossen Kapf warten, oder auch in den »Ochsen« gehen können, wo er gewiß Bekannte traf, – nichts von alledem; er nahm nach seiner Gewohnheit eine Prise Tabak, und dann trat er mit kräftigem Fuße die Tür ein; er hatte das zwingende Bedürfnis, die Kraft, die er heute in sich fühlte, in irgendeiner Weise äußern zu können.
Er trat ein und zündete seine Kerze an, dann las er zum andernmal Schubarts »Fürstengruft«, und noch lange schritt er erregt in dem kleinen Raume auf und nieder. Endlich trat er wieder an den Tisch, und jetzt fiel ihm hier erst ein Brief auf, der mit einem großen Siegel verschlossen war. Verwundert nahm er ihn in die Hand und las die Adresse – es war die seine –, dann betrachtete er das Siegel und las die Umschrift: »Intendanz des Hoftheaters in Mannheim«.
Mit einem kräftigen Ruck hatte er den Brief geöffnet, war an das Licht herangetreten und las nun beinahe atemlos, während seine Augen sich zu vergrößern schienen. Jetzt warf er das Schriftstück auf den Tisch und begann lustig um denselben zu tanzen und laut zu singen.
Da öffnete sich die Tür; in ihrem Rahmen stand eine junge, nicht unschöne Frau mit blondem Haar und blauen Augen, und sah ihm verwundert zu, indes sie die Hände ineinander faltete. Es war Schillers Hauswirtin, eine verwitwete Hauptmann Vischer, die ihm freundlich zugetan war. Endlich findet sie Worte: »Aber, um des Himmels willen, sind Sie toll geworden, oder was ist's?«
Nun erst sah sie der Regimentsmedikus; mit einem Sprunge war er bei ihr, umfaßte sie, gab ihr einen regelrechten und herzhaften Kuß und wirbelte sie mit sich im Tanze um den großen Eichentisch, dann rief er: »Laura, ich bin glücklich – ich bin unendlich glücklich – da lesen Sie, lesen Sie!«
Er führte die rascher Atmende, die sich seinen Armen entwand, zum Tische und reichte ihr das Schreiben, das auch sie mit einer unverkennbaren Hast durchflog, dann gab sie, indem sie es fallen ließ, ihm beide Hände und rief: »Herzlichen Glückwunsch! Das ist der wahre Anfang zum Ruhme – nun kann es nicht mehr fehlen! Vorwärts, mein Adler, vorwärts, empor zur Sonnenhöhe!«
»Ja, zur Sonnenhöhe, Laura!« sagte Schiller und hob die Augen voll Begeisterung empor, dann erfaßte er wieder den Brief. »Und nun muß ich in den ›Ochsen‹ und muß auch der ganzen Manille noch die Sensationsnachricht bringen – die Kerls werden Gesichter machen. Gute Nacht!«
Schiller liest den Brief des Intendanten Dalberg
Und hinaus war er, während Frau Vischer lächelnd und mit leisem Kopfschütteln ihm nachsah; ein wunderlicher Mensch war er, aber auch ein außergewöhnlicher, und manches mußte ihm verziehen werden, auch die in einer Kraftanwandlung eingebrochene Tür.
Schiller aber eilte nach der Hauptstetterstraße in den »Ochsen«, wo er gewöhnlich mit seinen Freunden zusammenkam bei einem Schoppen Wein oder Bier. Die Wirtsstube war leer, nur in einer Ecke fand er Petersen, Reichenbach und Streicher und grüßte sie mit erregtem Gruße, dann warf er seinen Brief auf den Tisch. Petersen ergriff ihn und las:
»Dem Herrn Regimentsmedikus usw.
Durch den Buchhändler und Hofkammerrat Schwan habe ich Kenntnis von Ihrer Tragödie ›Die Räuber‹. Das Werk ist von packender Kraft nach Inhalt und Sprache, wie unsere Zeit kaum ein zweites hervorgebracht hat, und wird bei einigen Änderungen auf der Bühne von großer Wirkung sein. Es wird mir eine Freude sein, unter der Voraussetzung einer bühnengerechten Fassung einzelner Szenen, dasselbe auf der Mannheimer Bühne dem deutschen Publikum zuerst vorzuführen und eventuell die neue Bearbeitung in den Verlag der Hofbühne zu nehmen. Ich sehe Ihrer Gegenäußerung gern entgegen und bin mit Vergnügen geneigt, mit Ihnen in nähere Verhandlung über diese Sache zu treten.
Ihr wohlgeneigter
Heribert von Dalberg.«
Sechs Hände streckten sich dem Dichter entgegen zu herzlichem Drucke; Streicher konnte sich's nicht versagen, ihn zu umarmen.
»Nun ist die Sache im rechten Fahrwasser!« rief Petersen. »Glück zu! Aber der Festtag muß gebührend gefeiert werden.«
»Wie sich's geziemt!« sagte Schiller. – »Heda, holla, bringt vier Maß Burgunder auf meine Rechnung!«
Der Wein kam, kräftig klangen die Becher, und bis in die Nacht hinein feierten die Freunde das frohe Ereignis.