Wachsender Unmut

Es war im Dezember 1779. Die Schneeflocken tanzten um die Karlsschule, der Garten lag unter einer weißen Decke, und Schiller stand an einem Fenster seines Schlafsaals und blickte zerstreut hinaus. Wunderliche Gedanken gingen ihm durch die Seele und freundliche Hoffnungen. Er hatte seine Studien eigentlich absolviert, hatte die vorschriftsmäßige schriftliche Arbeit abgegeben und harrte nun mit Spannung auf das Ergebnis. Die Entscheidung lag in der Hand des Herzogs; er hoffte aber auf dessen Gewogenheit und sah sich darum im Geiste schon außerhalb dieser Mauern, die ihn jahrelang umschlossen und ihm die freie Bewegung der Seele eingeengt hatten. Da draußen lag eine Welt, die er so gut wie gar nicht kannte, und die er, weil sie ihm fremd war, sich mit den leuchtendsten Farben ausmalte. Wie wollte er das Dasein genießen, wie wollte er leben, schaffen, nach Berühmtheit streben und der Welt zum Dank für ihre Gaben auch sein Bestes, das herrlichste Teil seines Geistes geben.

Ein Diener trat ein und rief ihn zu dem Intendanten. Mit hochklopfendem Herzen folgte Schiller, und mit gerötetem Angesicht trat er bei Herrn von Seeger ein. Der empfing ihn ungewöhnlich freundlich und sprach: »Mein lieber Freund, ich möchte Ihnen gern eine angenehme Mitteilung machen. Sie wissen, daß wir alle Sie schätzen Ihres Ingeniums wegen, und daß auch Serenissimus es wohlmeint mit Ihnen. Wir haben allzusammen Ihre Abhandlung mit großem Interesse gelesen und uns über den Geist derselben und den Schwung des Ausdrucks gefreut. Seine Durchlaucht aber kann sich doch nicht entschließen, dieselbe in Druck legen zu lassen, soviel Anerkennung auch Höchstderselbe dafür hat. Hören Sie, was er schreibt: Die Disputation von dem Eleven Schiller soll nicht gedruckt werden, obschon ich gestehen muß, daß der junge Mensch viel Schönes darin gesagt – und besonders viel Feuer gezeigt hat. Eben deswegen aber und weilen solches wirklich noch zu stark ist, denke ich, kann sie noch nicht öffentlich an die Welt ausgegeben werden. Dahero glaube ich, wird es auch noch recht gut vor ihm sein, wenn er noch ein Jahr in der Akademie bleibt, wo inmittelst sein Feuer noch ein wenig gedämpft werden kann, so daß er alsdann einmal, wenn er fleißig zu sein fortfährt, gewiß ein recht großes Subjektum werden kann.«

Der Intendant ließ das Schreiben, das er in der Hand hielt, sinken und sah Schiller wohlwollend an; dieser aber stand bleich da, und seine Lippen stießen das Wort hervor: »So ist es ein Vergehen, eine eigene Meinung haben, und einen eigenen Geistesweg gehen zu wollen? Dann ist diese ganze Anstalt – –«

»Halt – nicht weiter! Ich darf solches nicht hören. Werden Sie ruhig, und Sie werden auch darin das väterliche Wohlwollen Serenissimi erkennen!«

»Väterliches Wohlwollen, wenn ich gezüchtigt werde ohne Schuld – –«

»Keine Insubordination!« sagte der Intendant jetzt strenge, und Schiller biß sich auf die Lippen, indes jener fortfuhr: »Ein Jahr ist keine lange Frist! Lassen Sie Ihren Geist ruhiger werden und reifen, – Sie beweisen durch diese Hitze, daß Ihnen vor allem Selbstbeherrschung fehlt. Gehen Sie mit Gott und halten Sie brav aus!«

Schiller ging; aber in seiner Seele lebte eine Welt von Unmut, er hätte in diesem Augenblick die Erde aus ihren Angeln heben und zertrümmern mögen, und lebhafter dachte er in dieser Stunde seines Helden Karl Moor, dem er die Entrüstung seiner Seele über das nach seiner Meinung ihm zugefügte Unrecht in den Mund legen wollte. Die Welt sollte es dereinst hören, und dem Herzog sollten darüber die Ohren klingen.

Er ging nach dem Garten, wo er Hoven sein Leid klagte und die Freunde aufforderte, sich am Abend wieder im Krankensaale einzufinden, wo er indes eine neue Szene fertigzuschreiben gedachte. Er meldete sich sofort unwohl und motivierte das auch unverhohlen mit der Kränkung, die ihm widerfahren war, und in der Einsamkeit des Schlafsaals ließ er die ganze heiße Erregung ausstürmen in sein Werk, und dabei ward ihm wohler.

Als am Abend verstohlen sich die »Bande« zusammenfand, ging ein Schauer durch aller Seelen, als Schiller das Selbstgespräch Karl Moors verlas, das er in der Nacht nahe bei dem alten Turm, in welchem, ihm noch unbewußt, sein Vater schmachtete, hielt, und der junge Dichter hatte wohl niemals mit solcher Erregung gelesen: »Wer mir Bürge wäre? – – es ist alles so finster – verworrene Labyrinthe – kein Ausweg – kein leitendes Gestirn – wenn's aus wäre mit diesem letzten Odemzug – aus, wie ein schales Marionettenspiel – aber wofür der heiße Hunger nach Glückseligkeit? – wofür das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit – das Hinausschieben unvollendeter Pläne? – Wenn der armselige Druck dieses armseligen Dinges (die Pistole vors Gesicht haltend) den Weisen dem Toren – den Feigen dem Tapferen – den Edeln dem Schelmen gleich macht? – Es ist eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der vernünftigen sein? – Nein, nein! es ist etwas mehr; denn ich bin noch nicht glücklich gewesen. – –

(Er setzt die Pistole an) Zeit und Ewigkeit – gekettet aneinander durch ein einzig Moment! – Grauser Schlüssel, der das Gefängnis des Lebens hinter mir schließt und vor mir aufriegelt die Behausung der ewigen Nacht – sage mir – o sage mir – wohin – wohin wirst du mich führen? Fremdes, nie umsegeltes Land! – Siehe, die Menschheit erschlafft unter diesem Bilde, die Spannkraft des Endlichen läßt nach, und die Phantasie, der mutwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor. – Nein, nein! Ein Mann muß nicht straucheln …«

Und weiter, immer weiter ging es im prächtigen dithyrambischen Flusse, bis der Vorleser sprach: »Soll ich dem Elend den Sieg über mich einräumen? – Nein, ich will's dulden. (Er wirft die Pistole weg.) Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden. (Es wird immer finsterer.)«

Heftiger sang der Sturmwind draußen um die Fenster, und sein Heulen vermehrte die Schauer der Empfindung. Plötzlich flog ein Fensterflügel auf, die Lampe verlöschte nach einem hastigen Aufflackern, erschrocken sprangen alle auf, doch Schiller sagte ruhig: »Es ist nichts – geht jetzt – ich muß allein sein!«

Keiner erwiderte ein Wort, schweigend schlichen sich alle davon; Schiller aber trat an das Fenster und ließ einen Augenblick den kalten Wind über seine Stirn streichen, dann schloß er den Flügel, und ohne noch einmal das Licht zu entzünden, verbarg er sein Manuskript und legte sich zu Bette, indes er noch einigemal halblaut sagte: »Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden!«

Einige Tage später fand das Stiftungsfest der Akademie statt, welches alljährlich in besonders feierlicher Weise begangen wurde, und mit welchem auch eine Preisverteilung an die Schüler verbunden war. Am Morgen war in der Akademiekirche Festgottesdienst, welchem die Eleven in Paradeuniform beiwohnten, und nachmittags fanden sie sich in dem großen Rangiersaal ein, wohl geordnet, und mancher mit erwartungsvoll klopfendem Herzen.

Durch die großen Fenster fiel freundlicher Sonnenschein und blitzte auf dem blanken Metall der Uniformen und auf den Orden, welche auf einer langen Tafel lagen. Das waren zumeist silberne Medaillen mit dem Bilde des Herzogs, welche als Preise verteilt wurden. Wer acht solcher Preise in einem Jahre erhalten hatte, bekam ein goldenes, braun emailliertes Kreuz, das als besondere Auszeichnung auch am Halse hängend getragen werden durfte.

Trotzdem der Saal beinahe gefüllt war, herrschte ein tiefes Schweigen, und auch das auf den Galerien anwesende Publikum verhielt sich still. Von dort herab sah manches Vaterauge besorgt und doch mit Wohlgefallen nieder auf einen oder den anderen der schmucken Burschen. Dort befand sich auch der Vater Schillers, der damals Inspektor der Gärten auf dem herzoglichen Lustschlosse Solitüde war, in seiner Uniform als württembergischer Hauptmann und schaute mit gutmütigem Ernste in dem würdigen Gesicht herunter in den Saal, in welchen eben jetzt der Herzog mit zahlreichem und glänzendem Gefolge eintrat.

Karl Eugen trug die Uniform der akademischen Offiziere und ging hochaufgerichtet einher. Zu seinen beiden Seiten schritten zwei Fremde; aber den Zöglingen war es wohl bekannt, wer sie waren: Der zur Rechten mit dem etwas vollen Gesicht, der kräftig vorspringenden Nase und den großen lebhaften Augen war der Herzog Karl August von Weimar, der andere aber war dessen Freund Wolfgang Goethe, der schon in seinen jungen Jahren mit seinen ersten Werken, dem »Götz von Berlichingen« und den »Leiden des jungen Werther«, hohen Ruhm sich erworben hatte. Sie kamen von einer Schweizerreise, die sie mitten im Winter in etwas abenteuerlicher Weise gemacht hatten. Goethe war eine prächtige Erscheinung, das Musterbild eines schönen Mannes mit wunderbar klaren, geistvollen Augen, und wie er die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, so vermochte besonders Schiller seine Blicke nicht von ihm zu wenden. Freilich flüsterte keine Ahnungsstimme ihm zu, daß dieser herrliche Mann berufen war, dereinst sein bester Freund und er selbst der Genosse seines Ruhmes zu werden.

In dieser Stunde überkam ihn beinahe ein Gefühl des Neides. Dieser nur zehn Jahre ältere Mann war vom Schicksal wie auf Rosenwegen geführt worden, hatte eine glückliche, heitere Jugend hinter sich, hatte in jungen Jahren den Ruhm und das Glück an seine Spuren geheftet, hatte eine angesehene Stellung, war der Freund eines trefflichen Fürsten, indes er selbst sogar in seinem bescheidenen Hoffen, die Karlsschule verlassen zu können, sich schmerzlich getäuscht sah.

Eine Bitterkeit zog durch seine Seele; aber er konnte doch die Augen nicht abwenden von dem herrlichen Manne, der dort neben dem Herzog stand und so frei und sicher und selbstbewußt in die Welt schaute. Er hörte nicht die Worte des Professors Consbruch, welcher, wie es Brauch war, die Festrede zu Ehren des Stifters der Schule hielt; sie rauschten wie ein leerer Schall an seinem Ohre vorüber; aber seine Wangen brannten, und seine Augen glühten.

Nun trat der Sekretär vor und verlas die Namen der Zöglinge, welche Preise erhalten sollten, und viermal klang der Name Schiller durch den Saal, so daß auch Goethe aufmerksam wurde auf den schmächtig emporgeschossenen Eleven mit dem rötlichen Haar, der scharfgeschwungenen Nase und den Adlerblicken, der, wie es üblich war, die ihm zugeteilten Preise aus der Hand des Herzogs empfing und nach dem gewohnten Brauche dafür dankbar dessen Rock küßte.

Die Augen des wackern Hauptmanns auf der Galerie glänzten in freudigem Stolze; aber noch ein anderes Augenpaar folgte wiederholt der Gestalt Schillers. Das gehörte einem jungen Manne mit frischem Gesicht und krausen Haaren um die hohe weiße Stirn. Derselbe schien hauptsächlich hierher gekommen zu sein, um der musikalischen Aufführung zu folgen, welche sich an die Preisverteilung anschloß, denn sobald diese begann, stand er meist unbeweglich wie ein Steinbild, oder er wiegte bei Stellen, die ihm besonders gefielen, wohl auch den Kopf wie in leisem Takte oder bewegte die Finger, als habe er selbst bei der Sache mitzuwirken.

Als die Festlichkeit zu Ende war, eilte der Vater Schillers hinab, um seinen Sohn zu beglückwünschen; aber er fand ihn nicht freundlich, sondern eigentümlich erregt und trübe. Der Hauptmann suchte ihn zu beruhigen; aber es wollte wenig helfen, und der brave Mann begleitete ihn nach dem Speisesaale, wo das Festmahl stattfand, an dem auch die Väter der Eleven teilnahmen. Der Herzog mit seinen Gästen speiste in dem »Tempel«, denn er mochte an diesem Tage nicht von seinen »Söhnen« sich trennen.

Auch während des Mahles blieben Zuschauer auf den Galerien, und unter ihnen war auch hier wieder der junge, musikfreundliche Mann. Er hatte sich so gestellt, daß er gerade in das Gesicht Schillers sehen konnte, der sich jetzt ziemlich lebhaft mit seinem Tischnachbar Wilhelm von Hoven unterhielt. Hätte der Beobachter auch noch hören können, so hätte er sich überzeugt, daß Schillers Seele erfüllt war von Goethe, dessen Bild sich ihr tief eingeprägt hatte. Seine Blicke leuchteten, indes er sprach, in kühnerem Feuer, und um die Lippen flog ab und zu ein Lächeln, das dem Gesicht einen eigentümlichen Reiz gab.

»Wilhelm,« sprach er zu dem Freunde, »zu des Herzogs Geburtstage spielen wir Goethes ›Clavigo‹. Zum Henker mit Herrn Uriots[1] französischen Komödien und Operetten! Als ob wir hier nicht in Deutschland lebten und deutsche Dichter hätten! Und Durchlaucht wird sich freuen über ein Werk, dessen Verfasser er nun kennen gelernt und ausgezeichnet hat.«

»Und wer soll den Clavigo spielen?« fragte Hoven.

»Ich selbst, Wilhelm; mich lüstet's einmal, Goethesche Worte vor den erlauchten Ohren zu reden, – es ist mir so, als müßte ich selber das geschrieben haben.«

»Aber die Rolle ist schwer, Schiller!«

»Wir tun, was wir können. Sind wir Meister? – Schon die Absicht und der gute Wille, Gutes zu bieten, ist anzuerkennen. Mit der Seele will ich dabei sein, Wilhelm. Fehlt mir das Organ und die gefällige Bewegung, so mag's der Dichter und der Herzog verzeihen!«

»Du bist auch hier unser Hauptmann!« sagte lächelnd Hoven; Schiller aber drohte ihm abwehrend mit dem Finger.

Jetzt betrat der Herzog den Saal und ging an den Sitzen der Eleven entlang; er winkte ihnen, sich nicht stören zu lassen, und nickte einem und dem andern der Ausgezeichneten auch besonders wohlwollend zu. Bei Schiller blieb er stehen, und als sich dieser erheben wollte, drückte er ihn gutmütig auf seinen Sitz zurück. Dann legte er seinen Arm fast vertraulich auf die Lehne des Stuhles, und während Schiller ihm das Gesicht zuwendete, unterhielt er sich mit ihm. Der Eleve zeigte dabei nicht die mindeste Befangenheit.

»Es freut mich, daß Er wieder seine Sache brav gemacht und wie in der praktischen Medizin und Chirurgie und materia medica so auch in der deutschen Sprache und Schreibart einen Preis erworben hat. Er hat Phantasie und groß Geschick in der Redeweise – das kann Ihm einmal nutzen; aber die Hauptsache ist doch sein Fachstudium. Ja – ich habe Ihm die Preise mit viel Vergnügen gegeben.«

»Durchlaucht sind sehr gnädig zu mir!«

»Ich glaube, daß Er in diesen Tagen das Gegenteil davon gedacht hat. Sei Er ehrlich!«

»Ich will's nicht leugnen, Durchlaucht, daß ich gehofft hatte, mit meiner Arbeit, an die ich meine ganze Kraft und meinen Fleiß gesetzt hatte, Eurer Durchlaucht huldvolle Entlassung aus der Akademie zu erreichen.«

»Ja, sieht Er, auch darin meine ich's gut mit Ihm. Respekt vor Autoritäten muß sein, und den hat Er nicht bewiesen in seiner Dissertation!«

»Auch Autoritäten sind Menschen und können irren, Durchlaucht!«

»Da hat Er recht; – aber es sind ältere und in ihrem Fach erfahrene Männer, die Er mit seiner Meinung tuschieren wollte, – das darf nicht sein; das ist eine geistige Insubordination, und kann ich solche ebensowenig wie eine dienstliche hingehen lassen. Ich bin verantwortlich dafür vor Gott. Also glaub' Er, daß ich's gut meine.«

»Ich bin davon überzeugt, Serenissime.«

»So ist's recht, – und arbeite Er brav weiter, – ein Jahr ist in seinem Alter rasch verflogen.«

Der Herzog legte Schiller die Hand auf die Schulter, nickte ihm besonders freundlich zu und schritt weiter. Dieser aber fühlte sich wieder hingezogen zu dem seltsamen Manne, den er manchmal vermeinte hassen zu müssen, und dem er doch wieder mit einer Art kindlicher Pietät ergeben war.

Der junge Mann auf der Galerie aber hatte kein Auge abgewendet bei diesem Vorgang, und das Interesse für den Karlsschüler da unten mehrte sich. Er fragte einen älteren Herrn, der neben ihm stand: »Verzeihen Sie, mein Herr, kennen Sie vielleicht einzelne von den Eleven?«

»Gewiß, ich habe selber einen Neffen dabei, Heideloff, der auch in der Kunst der Malerei sich versucht; sehen Sie, es ist der dritte von Schiller rechts aufwärts.«

»Ja, welcher ist Schiller, werter Herr?«

»Ach, Sie kennen auch Schiller nicht, den alle jetzt schon für einen guten Dichter halten; auch mein Freund, Professor Haug, hat ihn recht gelobt im ›Schwäbischen Magazin‹. Das ist der mit der Adlernase und dem rötlichen Haar, mit dem Serenissimus soeben gesprochen haben.«

Der junge Mann fuhr lebhaft auf: »Also Schiller heißt dieser?«

»Ja, sein Vater war Feldscher; aber Durchlaucht haben an dem anstelligen Manne Wohlgefallen gefunden, ihn zum Offizier gemacht und zum Garteninspektor in der Solitüde; seine Frau ist eine geborene Kodweiß, eine Wirtstochter aus dem kleinen Orte Marbach. Der Junge sollte einmal Pastor werden; aber als Serenissimus die Karlsschule stiftete und Schüler suchte zumeist in Offizierskreisen, da wurde auch Schiller aufgefordert, seinen Sohn in die Schule zu geben. Er mußte es als besonderen Huldbeweis ansehen, wenn es ihm vielleicht auch nicht angenehm war, und da es im Lehrplan der Karlsschule keine Gottesgelahrtheit gibt, hat der junge Schiller anfangs Rechtsgelehrsamkeit und später das Studium der Medizin ergriffen; aber die Hauptsache scheint ihm die Verskunst zu sein, wenn ich meinem Neffen glauben darf, der mir oft wunderliche Andeutungen macht. – Haben Sie auch jemanden in der Karlsschule?«

»Nein; aber ich interessiere mich besonders für die musikalischen Bestrebungen in derselben. Mein Name ist Andreas Streicher, und ich bin selber Musiker und Tonsetzer.« – –

Im Saale unten ward die Tafel aufgehoben. Man sah Schiller zu seinem Vater treten und lebhaft mit ihm sprechen, dann blickte er herauf nach der Galerie und nickte dem Vetter Heideloffs zu. Nicht lange darauf erschien er selber, um ihn zu begrüßen und dessen Glückwünsche entgegenzunehmen. Streicher stand in der Nähe, und der alte Herr nahm die Gelegenheit wahr, ihn vorzustellen. Schiller sah mit hellen, großen Augen dem andern ins Gesicht, dann reichte er ihm die Hand: »Sie haben einen ehrlichen Blick – das liebe ich!« sagte er.

Streicher aber erwiderte: »Mein Blick hat sich an dem Ihren entzündet, und wenn es wahr ist, daß oft ein Augenblick über ein lebenslanges Empfinden entscheidet, so sage ich Ihnen nur das: Wenn Sie einmal einer rechten Freundestat bedürfen, so lassen Sie mir den Vorzug, dieselbe zu tun!«

Verwundert sah Schiller den jungen Mann an, dessen Wange erglühte, und er erwiderte: »Gute Freunde sind selten, und ich will Ihr Wort merken. Auch ich hoffe, wir haben uns heute nicht zum letztenmal gesehen und gesprochen. Ich behalte Sie im Andenken.«

Noch einmal gab er Streicher die Hand, dann ging er weiter zu einem anderen Bekannten; der junge Musiker aber stand und sah ihm noch lange mit leuchtenden Augen nach.

Die Idee der Ausführung des Goetheschen Trauerspiels »Clavigo« verließ Schiller nicht, und schon am nächsten Tage ging er als anerkannter Theaterdirektor im Kreise der Karlsschüler an seine Tätigkeit. Die Rollen wurden verteilt, und es begann ein eifriges Lernen. Der Herzog selbst, der von der Sache unterrichtet war, sah der Aufführung mit Spannung entgegen, und an seinem Geburtstage – es war der 11. Februar – fand sich denn auch ein auserlesenes Publikum in der Karlsschule zusammen. Im Rangiersaale war die Bühne aufgeschlagen. Vor derselben standen die Polstersitze für den Herzog und seine Gemahlin, und Staatsmänner und hohe Offiziere nahmen die anderen Plätze ein. Auch der Kommandant des Hohenasperg, des württembergschen Staatsgefängnisses, Oberst Rieger, war zugegen.

Das Spiel begann, und Schiller agierte mit Feuer und Leidenschaft, deklamierte mit seiner in der Erregung hohen und beinahe kreischenden Stimme, aber die Bewegungen seiner hohen Gestalt waren schlenkerig und wenig anmutig, und der Herzog begann immer bedenklicher den Kopf zu schütteln. Endlich rief er lustig lachend mitten ins Spiel hinein: »Das ist ein Hampelmann, aber kein Clavigo!«

Und nachdem Serenissimus erst gleichsam das Zeichen und die Erlaubnis gegeben, brach das verhaltene Lachen auch bei den andern hervor. Schiller ward es unbehaglich; aber er hielt tapfer aus, nur als zuletzt der Vorhang gefallen war, stand er einige Augenblicke finster, starr, fast trotzig, so daß seine Genossen ihm auswichen. Dann schüttelte er sich wie einer, der etwas Unbehagliches abwirft, und sagte zu Hoven, der in seiner Nähe war: »Und wir haben doch den ›Clavigo‹ gespielt und keine französische Komödie.«

Jetzt erschien der Herzog selbst auf der Bühne hinter dem niedergelassenen Vorhang und trat auf Schiller zu: »Sage Er mir in Kuckucks Namen, wie Er dazu kommt, Komödie zu spielen? Er wirft ja seine Gliedmaßen, als ob Er sie aus den Gelenken werfen wollte. Wo zum Geier hat Er einen solchen Spanier gesehen wie seinen ›Clavigo‹? Und dann schreit und kreischt Er zu sehr und kommt aus dem Affekt gar nicht heraus.«

»Halten zu Gnaden, Durchlaucht, – man darf sich doch ein hohes Ziel auch dann stecken, wenn man mit seinen Kräften dahinter zurückbleibt.«

»Das ist's – da hat Er seine Selbstüberhebung; vor nichts Respekt! Sieht Er, wie notwendig es ist, daß Er noch ein Jahr unter der Zucht der Akademie bleibt? – Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung – das ist das Wahre; die tollen Feuerköpfe, die alles besser wissen und alles selber machen wollen, zerschellen an den Mauern, die – dem Himmel sei Dank – von der Autorität gezogen sind! – Na, nehm' Er sich's nicht zu Herzen, Er ist sonst ein braver, brauchbarer Mensch, aus dem dermaleinst noch etwas Rechtes werden wird.«

Der Herzog ging weiter, in Schillers Seele aber überwog wieder die alte Bitterkeit, die ihn manchmal schon während seines Aufenthalts in der Karlsschule erfaßt hatte; er hatte die Empfindung, als ob sein Geist sich erheben und fliegen wolle, und als ob er von den kalten, strengen Satzungen der Schule und von den Verfügungen des Herzogs immer wieder heruntergezogen würde. Da tat es ihm not, daß er das, was in seiner Seele brannte, aussprechen konnte, und er flüchtete sich in sein innerstes Heiligtum, zur Poesie, und ließ seine »Räuber« reden, was er selbst nicht sagen durfte. In jenen Tagen schrieb er eifriger als vorher an seinem Werke, das fertiggestellt werden mußte, ehe er die Karlsschule verließ.

Und er vollendete es; auf einem Spaziergang, in einem versteckten Waldwinkel, fand er Gelegenheit, den Freunden den Abschluß vorzutragen, und alle waren durchdrungen von Begeisterung für den Genius, welchen das Geschick unter sie gestellt hatte, und auf dessen Freundschaft sie stolz waren.

»Daß doch bald die ganze Welt widerhallte von dem Donnerton solcher Worte!« rief Petersen begeistert, und Heideloff fügte bei: »Wenn sie nur erst den Leitern der Karlsschule in die Ohren klängen und ihnen die Herzen erzittern machten vor dem Geisteshauch einer kommenden bessern, freien Zeit!«

Schiller fühlte sich gehoben. »Seid ruhig, ich werde ihnen meine Worte in die Ohren schreien, noch ehe ich die Akademie verlasse, und ich versichere euch, Kerls, sie werden dazu schweigen, selbst Serenissimus wird sie anhören.«

»Das bringst du nicht fertig, Schiller!« rief ein anderer.

»Ob ich's fertig bringe? – Wer will mit mir wetten, daß ich öffentlich im Rangiersaal bei der Entlassung die Kraftstellen meiner ›Räuber‹ ihnen allen ins Gesicht werfe?«

»Ich, – und wäre es auch nur des köstlichen Spaßes halber,« sagte Heideloff; »um was soll's gelten?«

»Ein Dutzend Flaschen Roten für die ›Bande‹,« rief Schiller, »die getrunken werden auf meiner Wohnung, wenn ich erst heraus bin aus der Akademie.«

»Abgemacht, gilt – ihr alle seid Zeugen!« rief Heideloff, und mit vergnügtem Lachen bestätigten das die andern. –

Langsam gingen die Tage. Die ›Bande‹ kam seltener zusammen; denn die Zeit der Prüfungen war erschienen, und es gab, besonders für die Abgehenden, viel Arbeit. Schiller hatte für seine schriftliche Dissertation das Thema »Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit der geistigen« gewählt, und behandelte es in einer vorsichtigen aber genial übermütigen Weise, so daß, zumal wegen »sehr erbaulichen Bemerkungen« über den berühmten Albrecht von Haller die Arbeit Anerkennung fand und für den Druck bestimmt wurde.

So war es wiederum Winter geworden, und die Zeit der Entlassung der Eleven erschien. Die alljährlichen Zurüstungen wurden getroffen in der üblichen Weise, bis der 14. Dezember gekommen war. Im Rangiersaal entwickelte sich das gewohnte Leben; die Galerien waren gefüllt von Neugierigen, und die Sonne blinkte auch diesmal auf den silbernen Medaillen, die auf dem langen Tische lagen. Auch diesmal sah von oben das geistvolle Gesicht Andreas Streichers herab, und seine Augen suchten den Freund.

Dieser sah heute in die Welt wie ein ganz anderer. Nur noch wenige Stunden, und er atmete die Luft der Freiheit. Als hätte er bereits eine Vorahnung davon, so gehoben trug er sein Haupt, und die Augen schienen in eine schöne Zukunft zu schauen.

Der Herzog kam mit seinem glänzenden Gefolge; die übliche Rede auf denselben wurde gesprochen, die Preise wurden verteilt, und auch diesmal ging Schiller nicht leer aus; dann aber trat derselbe vor, um seine Abgangsworte zu sprechen. Er begann mit einem Lobe und Danke für seinen fürstlichen Gönner, und seine Stimme klang ruhig und maßvoll; allmählich aber schwoll sie an zu jenem hohen, fast kreischenden Tone, der nicht gerade angenehm wirkte; aber die Hörer vergaßen das bei der Wucht der Gedanken, die an ihnen vorüberging, und bei dem gewaltigen, packenden Pathos des Ausdrucks. Von der Menschenwürde und der wahren sittlichen Freiheit sprach er, und man meinte weniger den angehenden Arzt als den Philosophen zu hören, und wie glänzende Brillanten fügten sich seiner Rede Stellen aus seinen Lieblingsdichtern Shakespeare, Klopstock, Gerstenberg u. a. ein. Da nannte er mit einem Male einen bis dahin unbekannten Namen, einen englischen Schriftsteller, Krake, und angeblich aus einer Tragödie desselben: »Life of Moor« (»Moors Leben«) begann er zu zitieren. Die Unfreiheit, der geistige Zwang erzieht Heuchler, das war es, was er eben noch behauptet, und nun brach mit einem seltsamen Pathos das Zitat von seinen Lippen: »O über euch Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit! Ihr scheut euch nicht, vor Kreuz und Altären zu knieen, zerfleischt eure Rücken mit Riemen und foltert euer Fleisch mit Fasten; ihr wähnt mit diesen erbärmlichen Gaukeleien demjenigen einen blauen Dunst vorzumachen, den ihr Toren doch den Allwissenden nennt, nicht anders, als wie man der Großen am bittersten spottet, wenn man ihnen schmeichelt, daß sie Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichkeit und exemplarischen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchschaut, würde wider den Schöpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der wäre, der das Ungeheuer am Nilus (das Krokodil als Sinnbild der Heuchelei) erschaffen hat.«

Das brauste einher mit einem wilden, zornigen Ungestüm, daß mancher Hörer den Atem anhielt. Die Mitglieder der »Bande« aber warfen sich verstohlene Blicke zu, denn sie wußten, woher dies Zitat stammte, und Hoven drückte heimlich dem neben ihm stehenden Petersen warm die Hand. Auch der Herzog hatte sich straffer zurückgelehnt in seinen Sitz und sah mit großen, fragenden Augen nach dem kühnen Sprecher. Dieser aber fuhr in seiner Rede fort, und abermals klangen die Worte Krakes erregt, leidenschaftlich warm dazwischen: »Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen, – belecken den Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird. – Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt und berechnen ihren Judenzins am Altare, – fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können, – wenden kein Auge von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisiert ist. – Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht …«

Und wieder suchten sich die Blicke der Eingeweihten, und des Herzogs Augen hingen unverwandt am Munde Schillers, der nun zum Schlusse seiner Rede kam und endlich wieder mit den Worten Krakes schloß: »Mein Geist dürstet nach Taten, – mein Atem nach Freiheit!«

Als er verstummte, ging eine unverkennbare Erregung durch alle Zuhörer, Karl Eugen erhob sich mit einer gewissen Hast, winkte den Redner heran und sagte, während Schiller die Blicke nicht senkte: »Höre Er, dieser Krake ist ein Revolutionär, und seine Gesinnungen gefallen mir nicht in allen Punkten; in manchen mag er recht haben, lieb wär' mir's aber, wenn Er ihn nicht zu seinem Propheten machte. Im übrigen hatte seine Rede Inhalt und Feuer, und ich habe lange hier nichts Ähnliches gehört.«

Schiller neigte sich mit errötetem Gesicht und trat zurück; die Feier war zu Ende. An ihn drängten sich jetzt die Freunde heran, und jeder wollte ihm die Hand drücken. Heideloff aber sagte: »Den Roten hast du glänzend gewonnen, du brauchst nur zu sagen, wann er getrunken werden soll!«

Petersen jedoch rieb sich die Hände und sagte zu Hoven: »So ist die hohe Karlsschule noch niemals geleimt worden! Hätt's nicht gedacht, daß Schillers Tragödie hier noch so laut an die Wände und selbst an die Ohren Serenissimi schreien sollte. Er ist doch ein großer Mensch!«

Auch Streicher arbeitete sich durch die umdrängenden Freunde Schillers. Er umarmte ihn, und auch dieser, bewegt durch die Teilnahme des jungen Musikers, drückte ihn wärmer an sich.

»Sagen Sie, Schiller, wer ist dieser Krake? Wo kann man seine Tragödie lesen? – Das ist groß, das ist einzig, und wie Sie das gesprochen haben … ach, was bin ich, daß Sie mich Ihren Freund nennen?«

»Wer dieser Krake ist?« – Schiller neigte seinen Mund an das Ohr des andern und flüsterte: »Krake bin ich –, und die Tragödie habe ich selbst geschrieben!«

Streicher fuhr zurück und sah den Freund mit großen Augen an, dann streckte er ihm beide Hände entgegen. »Ich hab's geahnt! Das mußte Geist von Ihrem Geiste sein! Schiller, ich bewundere Sie! Und wann erfährt die Welt, was ich jetzt erfahren habe?«

»Bald, lieber Freund! – Und Sie sollen zuerst mehr hören! – Nun ade, ich bin zum Intendanten gerufen.«

Mit herzlichem Händedruck schieden die beiden; Schiller aber begab sich zu Herrn von Seeger. Dieser empfing ihn mit besonderer Freundlichkeit, beglückwünschte ihn zu seinem Abgange, und indem er ihm seine Zeugnisse überreichte, übergab er ihm gleichzeitig im Namen des Herzogs ein verschlossenes Kuvert. Schiller öffnete und las: »Der bisherige Eleve der hohen Karlsschule Friedrich Schiller wird hierdurch als Medikus ohne Portepee beim Grenadierregiment General Augé eingestellt mit einem Monatsgehalte von achtzehn Gulden Reichswährung.«

Er ließ das Blatt sinken und erblaßte, – er hatte von des Herzogs Gunst Besseres erhofft.