IV
Der Nebel war seit vier Wochen nicht gewichen, ein eisiger, salziger Nebel, der einen bitteren Geschmack im Munde zurückließ, Lippe und Zunge sprüngig machte. Das Meer hatte sich mit ihm völlig verbunden in trostloser Bewegungslosigkeit. Der Begriff des Flüssigen und Luftförmigen verwischte sich, eine schwere, unsichtbare Feuchtigkeit senkte sich unausgesetzt herab, stieg wieder auf aus der formlosen, in nichts zerfließenden Wasserfläche ringsum, deren Dasein nur ein leises, eintöniges Glucksen am Rande der Schiffswände verriet.
Um acht Uhr morgens erschien im Osten ein stumpfes weißes Licht, das sich langsam aufwärts bewegte, um Mittag sich dann und wann zu einer milchigen strahlenlosen Scheibe verdichtete, welche durch die Feuchte ringsum schwamm, um gegen drei Uhr wieder zu verschwinden. Das war der Tag, ihm folgte die schmutzig-graue Nacht, die der Finsternis entbehrte, wie der Tag des Lichtes.
Inmitten dieser scheinbaren Wesenlosigkeit lag der Stockfischfänger „Halland‟, etwa fünfzig Seemeilen südlich der Lofodden. Die Segel waren eingerefft, die leeren Sparren verloren sich im Nebel, leise schaukelte sich der schwarze träge Rumpf; die Rauchwölkchen, welche sich aus dem Kamin zu erheben versuchten, wurden sofort von der feuchten Luft niedergedrückt und liefen als stinkende Schwaden über das Deck, auf welchem in langer Reihe schemenhafte Gestalten saßen und lagen — die Fischer.
Jeden Augenblick verriet ein klatschender Aufschlag auf dem Deck einen neuen Fang, eine Zahl wurde gerufen und die blitzende Beute kollerte in ein schwarzes Loch, das in den unteren Schiffsraum führte. Der dumpfe Ton eines Beilschlages tönte in gleichmäßigem Takte herauf. Der Fang war ein außerordentlicher in den letzten Wochen, man mußte auf eine Wanderherde geraten sein. Die Gelegenheit hieß es ausnützen.
Man fischte Tag und Nacht mit Ablösungen, während man zugleich draußen in der See lange Leinen mit Legangeln schwimmen hatte, welche leere Fässer oder lange Stangen auf der Oberfläche hielten. Ein beißender Geruch erfüllte ringsum die Luft, das Deck war glitschig von Fett und Blut, der Laderaum füllte sich zusehends. Henning, der Patron, und Kapitän Hanson machten frohe Gesichter, das Kompagniegeschäft machte sich. Es war aber auch ein Wunder, wie Henning, doch eigentlich ein Südseemann seinen früheren Fahrten nach, sich auf das Geschäft da droben verstand. Das ging alles am Schnürchen, und er selbst arbeitete mit Beil und Angel und kam seit Monaten nicht aus seiner fettigen Lederjacke.
Das hätte er auch nicht geglaubt: da heroben im Eismeer sollte er noch das Glück finden, dem er nachgejagt durch alle Zonen der Erde.
Der junge Mann am Hintersteuer, mit der braunen Wollmütze auf dem Blondhaar, war der eifrigste der Fischer, er verwendete keinen Blick von der Angel, versäumte keinen Wurf durch ein Gespräch mit seinen Nachbarn, automatisch vollzog sich jede Bewegung, sein Geist war offenbar nicht bei der Sache.
Ein weiblicher Kopf erschien in der Luke, dicht hinter ihm, welche in den Kajütenraum führte; das offenbar lockige dichte Schwarzhaar war aufgelöst von der Feuchte, welche alle Winkel durchdrang, und hing in Strähnen die braunen Wangen herab. Ein purpurnes Tuch umhüllte dicht die zierliche Gestalt. Die Farbe wirkte grell in dem öden Grau ringsum.
„Lars! Wie lange läßt du uns noch warten?‟ rief eine Stimme, deren metallener Klang alle Köpfe sich wenden ließ.
Der junge Mann sprang auf, noch einen Fisch auf das Deck schleudernd. „Hundertundzwanzig!‟ zählte er. „Jetzt komme ich, Nizam, — ganz heiß ist mir geworden.‟
„Hu, und mir gefriert das Blut in den Adern. Nimmt es denn noch nicht bald ein Ende?‟
„Ein Ende? Du bist gut! Wenn es doch ein Jahr kein Ende nähme, — zwei Jahre — hei, das gäbe ein Geld, sechshundertmal einhundertundzwanzig — ein Schloß gäbe es, Nizam, wie wir uns oft ausgemalt im Turm zu P.....‟
„Was hilft mir ein Schloß, wenn ich erfroren bin.‟
„Erfrieren, du?‟ Der junge Mann sprang in die Luke und drückte das Weib an seine breite Brust. „Wie kannst du denn da erfrieren? Ist's da nicht schön warm, bei deinem Lars —‟
Nizam lachte, daß die weißen Zähne blitzten. „Da schon, — da — aber wie oft bin ich denn da — den ganzen Tag nicht —‟
„So, — und was ist denn mit den anderen ihren Mädchen und Frauen, die ein halbes Jahr auf solchen Platz warten müssen? Die müßten ja sterben vor Sehnsucht und Verlassenheit —‟
„Die, Lars, nein, die sterben nicht, — die frieren auch nicht, — die sind schon ausgefroren da drinnen. Komm' mir nicht immer mit den anderen, ich will nichts wissen von den anderen.‟ Nizam warf zornig den Kopf auf. „Bin ich denn wie die anderen? Küsse mich, Lars, und sage mir, ob ich bin wie die anderen?‟
Ihre Lippen brannten ihm entgegen, die dunklen Augen waren feucht. Lars erfaßte der alte Taumel. Sie küßten und flüsterten in dem dunklen Raum, mitten unter dem feinen Sprühregen, der sich durch die offene Luke auf sie herabsenkte.
In der engen Kajüte saßen Henning und Hanson, der Kapitän; das Mahl stand unberührt vor ihnen. Sie rechneten und schrieben Zahlen um Zahlen auf die rohe Holzplatte des Tisches; ein vom Deckbalken herabhängendes Öllämpchen beleuchtete die bärtigen Köpfe der Männer.
„So und so viel hundert große Kabeljau, das Hundert zu neun Centner, und so und so viel Hundert Mittelware zu sechs, — im Ganzen etwa hundertundvierzig Tonnen, ein Drittel davon dem Reeder, ein Drittel dem Kapitän, ein Drittel Henning, das macht ein hübsches Geld aus, — das nächste Jahr rüstet man dann selbst ein Schiff aus, steckt das Drittel des Reeders selbst ein —‟
Die Köpfe wurden immer röter im Eifer der Rechnung.
„Henning, warum haben wir uns nicht früher getroffen?‟ meinte der Kapitän, „es wäre manches anders gekommen, — wir wären reiche Kerle geworden zusammen —‟
„Können wir ja noch werden, Kapitän,‟ erwiderte Henning lauernd, „wer hindert uns denn daran?‟
„Allerhand!‟ Hanson seufzte schwer auf und trommelte mit den Fingern auf dem Tische. „Wir hätten uns zusammengethan, — alle unsere Interessen verbunden. Das gehört dazu, sage einer, was er wolle —‟
„Na also, Kapitän, los! Thun wir uns zusammen, ich biete die Hand.‟ Henning reichte seine Hand über den Tisch.
Der Kapitän ergriff sie nicht. „Nützt nichts — gerade heraus — der Junge steht dazwischen, den Ihr Euch aufgebunden —‟
„Der Lars?‟
„Ja, der Lars, — der gehört doch einmal her, — der dritte aber will ich nicht sein, mit dem nicht, mit dem Buben. Hat es denn seine Richtigkeit mit der Heirat? Mir könnt Ihr's ja sagen, — die Leute glauben nämlich nicht daran, — seit wann traut man denn Kinder?‟
Hansons Stirn zog sich in zornige Falten, und der rote buschige Schnurrbart sträubte sich.
„Das müßt Ihr mit Eurem schwedischen Pastor ausmachen — bei uns wär's nicht so leicht gegangen. Wenn er nicht nachgiebt! Mein Gott, die Nizam, was wußte die davon! Ich habe keine Zeit gehabt, ihr Religionsstunden zu geben auf dem Schiff. Sie wollt' ihn einfach haben. Ins Wasser wäre sie mir gegangen, hätt' ich nein gesagt —‟
„Laßt Euch auslachen, — ins Wasser, die? Wegen dem Burschen? Hättet Ihr sie nur aufs Schiff gebracht ohne ihn, — sie wäre nicht ins Wasser gegangen, ich steh' Euch gut, — wäre nur der verdammte Pfaffe nicht gewesen, heut noch, Henning, kriegt' ich sie herum —‟
„Und Ihr hättet sie wirklich —?‟ Ein ärgerliches Erstaunen malte sich in Hennings Zügen.
„Zu meiner Frau gemacht hätte ich sie, was denn sonst, und alles wär' in schönster Ordnung.‟
„Verdammt! Kapitän Hanson! Das wäre freilich —‟ Henning preßte die Faust auf den Tisch und schüttelte den Kopf; „aber wer kann das wissen —‟
„Das muß man wissen, daß so ein Weib, wie Eure Tochter, zu gut ist für einen — wenn man Augen im Kopfe hat. Ich hasse den Tölpel, — gerade heraus.‟
Lars trat ein mit Nizam. Über ihr Antlitz war ein Schimmer von Glück gebreitet, sie lachte über die Zahlen auf dem Tische.
„Warum denn so ernst, Kapitän? Nach einem so glücklichen Tag, hundertundzwanzig Stück der Lars allein! Noch nicht lachen?‟
Nizam zupfte mit den kleinen Händen an den struppigen Rotbart. „So, jetzt sind Sie viel schöner, — wenn Sie erst keinen Bart hätten, — Lars darf nie einen Bart tragen. Leidet's denn Ihre Frau?‟
„Ich habe Ihnen schon oft gesagt, ich habe keine Frau.‟
„Nun ja doch, — Frau!‟ Nizam lachte sonderbar. „Ich kann ihn auch nicht ausstehen, den Namen, — also Ihre Freundin! Nicht wahr, Lars, ich bin auch nicht deine Frau, sondern deine Freundin —‟
„Sprich nicht so frevelhaft, du bist meine Frau vor Gott und der Welt, jawohl, Herr Kapitän, in Bergen war die Trauung, Birger hieß der Pastor —‟
„Was kümmert mich der Pastor, — ich bin doch deine Freundin. Das klingt viel schöner, nicht wahr, Kapitän?‟
„Viel schöner, finde ich auch. — Frau! Da läuft's mir ganz kalt über den Rücken, man sieht ein altes Gesicht und eine große Haube und hört zanken und streiten —‟
„Und ich muß immer an P..... denken, an das Predigerhaus, wenn sie beisammensaßen mit ihren steifen, blassen Gesichtern. — Hu, mich friert!‟
„Aber das ist ja sehr einfach, lassen Sie ihm die Frau, wenn er's nicht anders thut, die Freundin ist dann frei für mich.‟ Hanson lachte lärmend.
Nizam warf ihm einen schelmischen Blick zu.
„Einverstanden, Herr Götrek?‟
Ein heftiger Stoß erschütterte das Schiff, das sich ächzend auf die Seite legte.
„Das Wetter ändert sich,‟ ergriff Lars die Gelegenheit, ein Gespräch abzubrechen, das eine ihm peinliche Wendung nahm, und zur Bestätigung pfiff und knarrte es oben im Takelwerk, ein schwerer Gegenstand kam auf Deck ins Rollen.
Der Kapitän entfernte sich eilig; gleich darauf hörte man oben seine gellende Stimme, die Befehle austeilte.
Man befand sich in nächster Nähe der Fär-Oer-Inseln mit ihren Klippen und Bänken, da war nicht zu spaßen.
„Du mußt dich besser zum Kapitän halten,‟ begann plötzlich der alte Henning, „ich hab' meine Gründe. Wenn er einmal einen Spaß macht, nicht gleich oben hinaus. Seeleute nehmen es nicht so genau, und am Ende gehört ein junges Weib einmal nicht an Bord —‟
„Wenn es aber einmal an Bord ist, hat er es in Ruhe zu lassen,‟ erwiderte Lars zorngerötet, „sonst kann er was erleben. Eine Frechheit, seine Freundin! Wie konntest du dazu lachen, Nizam?‟
„Spaß machen darf man doch noch. Soll er mich hassen? Warum denn?‟
„Ganz recht hat sie,‟ bemerkte Henning, mit einem gehässigen Blick auf Lars. „Der Kapitän ist ein Ehrenmann. Hätten wir ihn nur früher kennen gelernt, — alles wäre anders gekommen, wir hätten P..... nicht gesehen, das Unglücksnest —‟
„Das heißt, Ihr hättet Euer Kind verkauft um so und so viel Tonnen. Und was hättest du gesagt, Nizam?‟ Lars warf einen fragenden Blick auf sein Weib. „Die Sache mit dem Pastor in Bergen soll kein Hindernis sein —,‟ setzte er zögernd hinzu.
Da hing sie schon lachend an seinem Hals. „O du großes Kind du, mit deinem Pastor in Bergen — und wenn er mir alle Tonnen der Welt bieten würde, ich nähme ihn nicht, mit und ohne Pastor. Seid ihr's jetzt zufrieden alle zwei? Dann seid wieder gut. Gieb dem Vater die Hand, Lars.‟
Henning ergriff sie nicht, mürrisch wandte er sich ab, er müsse nach dem Wetter sehen.
Lars hatte Ablösung um zwei Uhr morgens, es war Zeit zum Schlafengehen. Doch die Reden Hennings beunruhigten ihn. Der Kapitän hatte ein Auge auf Nizam geworfen, er war reich gegen ihn, Kapitän, — wenn Nizam einmal anders dächte, — und er hatte die alte Mutter verlassen um sie, — Knut, den er geliebt. Die Mutter wird sterben vor Kummer, Knut ihn anklagen. —
Das Heimweh kam über ihn, die Gestalten der Verlassenen füllten den engen, schwülen Raum zum Ersticken — er mußte davon sprechen.
„Ich habe die kranke Mutter deinetwegen verlassen, meinen Bruder, alles! Vergiß das nicht, Nizam! Oft drückt es mich schwer —‟
„Und ich habe meinen Babe verlassen, den lieben, guten Babe, meinen einzigen Freund, das drückt mich auch schwer —‟
„Schäme dich! Wie kannst du das vergleichen, einen Vogel und eine Mutter — einen Bruder —‟
„Wenn der Vogel das Einzige war, was man lieb gehabt?‟ Nizam blickte starr auf die schwankenden Deckbalken dicht über ihrem Haupte. Lars sah deutlich eine Thräne glänzen, das Flämmchen der Öllampe spiegelte sich darin. Sie war doch noch ein größeres Kind wie er. Aller Groll war verschwunden.
„Beruhige dich,‟ tröstete er. „Knut hat mich jedenfalls gesucht bei euch und den verlassenen Babe mitgenommen —‟
„Knut! — Knut haßt mich ja, er wird sich gerächt haben an meinem armen weißen Freund.‟
Lars lachte. „Mit dem Haß ist es nicht so weit her. Wenn er nach Norderoog gekommen, hat er Babe mitgenommen und hält ihn warm, verlaß dich darauf.‟
„Wenn er das gethan, — dann — dann —‟
„Nun, und was dann?‟
„Dann bin ich ihm wieder gut. Ich war ihm überhaupt nie böse — er gleicht dir ja so —‟ Nizam schloß die Augen.
„Dann machen wir ihn zu unserem Thorhüter in unserem Schloß, das wir auf P..... bauen aus dem alten Turm,‟ flüsterte Lars, seinen Arm unter Nizams Haupt schiebend. „Und oben — ganz oben, — wo das Feuer brannte, ist das Prunkgemach, alles Gold und Samt, — draußen das weite Meer — die weißen Vögel, die Wolken —‟ Nizam träumte so halb — „Und Babe bekommt einen goldenen Käfig, —‟ fuhr Lars flüsternd fort, „und eine goldene Kette an den Füßen — und eine Goldschnur im Haar, — und die Sonne — die warme Sonne — die Blumen, große Blumen —‟
Nizam war eingeschlafen, Lars küßte sie auf die Stirn und löschte das Lämpchen. Eine rauhe Stimme weckte ihn, ein Pochen — „Ablösung‟!
Ein fahler Schimmer fiel herein durch die Luke, Nizam schlummerte tief, ein seliges Lächeln umspielte ihren Mund.
Lars mußte an das Gespräch denken, über dem sie eingeschlafen, an das Schloß am Meer.
Sorgsam kroch er aus der Koje, um sie nicht zu wecken.
Ein eisiger Wind fegte ihm entgegen, klatschend fiel der Regen auf die im Leeren rings zerfließenden grauen Gestalten — die Fischer in Reih' und Glied; und als er sich die Augen ausrieb, erblickte er, scheinbar dicht vor dem Schiffe, dunkle, riesige Umrisse — der „Halland‟ lag in einer Bucht der Far-Öl-Boro vor Anker.
Von der offenen See drang ein dumpfes Rollen, sogenannte Katzenpfoten liefen über die grünen Wasser und ließen fahle Lichter darin spielen, deren Herkunft man sich nicht enträtseln konnte; gegen die schemenhafte Felsmasse der Küste rückte schweres, tiefhängendes Gewölk durch die aschfahle Nacht.
Lars wollte mechanisch zur Angel greifen, — der Kapitän hatte heute ein anderes Geschäft für ihn. Ein Boot wurde eben freigemacht. Plätze für die Legangelleinen sollten der Küste entlang gesucht werden. Lars war zur Bemannung bestimmt. Er war dem Kapitän dankbar für die Wahl. Das Stillsitzen wäre ihm heute schwer gefallen. So war er der erste im Boote. Der vierte ließ auf sich warten; da kam Henning auf das Deck.
„Laßt mich mit, Kapitän! Habt mir den Schlaf vertrieben mit Eurem Gerede gestern.‟
Hanson lachte. „Wenn Ihr wollt, — Euer Kind ist in guter Hut —‟
Henning sprang in das Boot.
Lars hatte eine unangenehme Empfindung, es war ihm, als müsse er zurück zu Nizam, — da ertönte schon der Befehl zur Abfahrt; Henning stemmte das Ruder gegen die Schiffswand. Lars sah noch das rote Gesicht des Kapitäns sich über die Reling beugen.
Die Gestalt wuchs riesengroß im Nebel, mit ihr das Schiff, ein spöttisches Lachen wie aus weiter Ferne, — die „Halland‟ war verschwunden, das Boot trieb ins Leere.
Lars legte sich mit aller Kraft in die Ruder, da denkt man wenigstens nicht.
Ein schmerzhafter Schlag gegen die Stirn weckte Nizam. Sie hatte sich an den gewölbten Deckbalken gestoßen, der in diesem Augenblicke fast senkrecht stand. Sie selbst lag mit dem Gesicht gegen die runde Luke, durch die ein verdächtiges Brausen und Gurgeln an ihr Ohr drang. Ein stoßweises Zerren und Reißen ging durch den ganzen Schiffskörper. Zu Häupten war die Hölle los, Fässer rollten, Ketten rasselten, geller Zuruf erscholl.
Nizam war geschmeidig wie ein Aal; rasch war sie in den Kleidern, sogar das wirre Haar vergaß sie nicht aufzubinden, dann rasch die eiserne Treppe hinauf und den Kopf herausgesteckt. — Puh, eine Sturzwelle überschüttete sie, — ringsum nichts als Gischt und Schaum, und der Sturm trommelte in den gerefften Segeln.
„Lars! Gieb doch Antwort, Lars!‟
Da stand der Kapitän vor ihr, der rote Bart triefte von der salzigen Flut, aus dem wetterharten, derben Antlitz sprach nichts weniger wie Unbehagen.
„Lars ist verreist, Madame.‟ Er ließ ein wieherndes Lachen vernehmen, doch Nizam that nicht mit.
„Wo ist Lars?‟ sagte sie in einem Tone, der auch Hanson den Spaß nicht fortsetzen ließ.
„Nur Geduld, Frauchen! Mit dem Vater ist er fort, die Küste ausspekulieren. Wird wohl wo unterkriechen bei dem Hundewetter.‟
„Mit dem Vater? Und beide haben Sie fortgeschickt?‟ Nizam stieg jetzt völlig aus der Luke heraus, ihre dunklen Augen ruhten drohend auf ihm.
„Ich, fortgeschickt?‟ Hanson machte eine ärgerliche Bewegung. „Vier Mann, darunter war Lars, sehr einfach. Der Henning trat freiwillig ein für den vierten Mann. Das Wetter war völlig ruhig. Ich fortgeschickt — beide! Wie sich das anhört!‟
„Und wenn sie sich verirren im Nebel?‟
„Henning verirrt sich nicht; ehe es dunkelt, sind sie wieder da.‟
„Und wenn sie nicht da sind?‟
„Dann suchen wir sie, schießen wir — Herrgott!‟
„Und wenn wir sie nicht finden, wenn sie die Schüsse nicht hören?‟
„Ja dann, der Teufel — dann kann ich auch nicht dafür.‟ Der Kapitän wollte sich entfernen.
„Dann töte ich Sie.‟ Nizam war jetzt erdfahl im Antlitz und in ihren Augen schossen Blitze.
Hanson lachte gezwungen. „Sie töten mich nicht.‟
Das Schiff nahm seine Führung in Anspruch, es zerrte und stampfte an der Ankerkette.
Noch dichter senkten sich die Nebel. Draußen knallte und brüllte das Meer, der bleiche Tag erstarb. Kein Boot kam, kein Ruf ertönte. Der Kapitän hielt Wort, er löste die Kanone an Bord. Der Schall durchdrang nicht das Tosen des Meeres.
Nizam stand ganz vorn am Bug, triefend von Feuchte, das Haar sturmzerzaust, ihr Auge durch die Finsternis bohrend. Sie bat den Kapitän auf den Knien, den Anker zu lösen, die Verirrten zu suchen. Sie drohte, stieß gräßliche Verwünschungen aus, beschwor die Matrosen, wiegelte sie gegen den widerspenstigen Kapitän auf, der ihre Kameraden schmählich zu Grunde gehen lasse — alles umsonst! In stockfinsterer, stürmischer Nacht, umgeben von Klippen und Felsen-Eilanden, kann man nicht die Anker lichten, das hieße alle verderben. Der Henning wird irgendwo Schutz gefunden haben vor dem Unwetter, und morgen kehren sie zurück, das ist doch nichts Neues auf solcher Fahrt.
Der Morgen brach an, was man hier Morgen hieß. Der „Halland‟ steuerte die felsige Küste entlang; man erblickte kaum die schwarzen Umrisse des Gesteins.
„Näher! Warum nicht näher?‟ fragte Nizam.
„Glauben Sie vielleicht, ich will mein Schiff in der Brandung opfern?‟ erwiderte der Kapitän.
„Sie müssen alles opfern, sie zu retten.‟
„Rette ich sie denn, wenn der ‚Halland‛ sich die Rippen einrennt an den Felsen? Nur Vernunft, Frau Götrek, und wenn das Schlimmste geschieht, ich verlasse Sie nicht.‟
Nizam sah ihm bei den letzten Worten scharf in das Gesicht. Er wandte sich rasch ab und zog die Hand zurück, welche sich um ihre Taille legen wollte.
Die Schüsse des „Halland‟ schreckten nur ein Heer von weißen Vögeln auf, welche kreischend wie ein Schneewirbel die Felsen umkreisten. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu, es war wirklich unmöglich, ein Boot auszusetzen, und die Nähe der Küste war eine ständige Gefahr.
Nizam war ermattet vom Rufen. Die Seevögel verhöhnten sie nur. Da war es ihr, als würden die Umrisse der Felsen immer unklarer, entweder der Nebel wurde dichter, oder das Schiff entfernte sich davon. Sie eilte zum Kapitän am Steuer, beschwor ihn auf den Knien.
„Meine Pflicht ist, das Schiff zu halten, — bei ruhigem Wetter kehren wir zurück; außerdem bin ich nicht schuld, daß Ihr Vater mitsegelte, — ich habe ihn nicht dazu bestimmt.‟
„Und Lars, mein Lars, meinen Gatten, haben Sie den auch nicht bestimmt?‟
„Lars steht im Schiffsdienst wie jeder andere, — Seemannslos. Wir sind selber noch nicht heil zu Hause.‟
Nizam eilte von Matrose zu Matrose, schilderte die Qualen der Verlassenen, den furchtbaren Vorwurf der Überlebenden, forderte zum Widerstand gegen den Kapitän auf. Sie fand kein Gehör, im Gegenteil, man lachte, tröstete sie mit cynischen Worten. Die begehrlichen Blicke, die sie schon seit Monaten umlauerten, wagten sich immer frecher hervor. Das gab ihr den Rest, der Wahnsinn packte sie, man mußte sie vor sich selber schützen, sie hätte sich in das Meer gestürzt, — handfeste Arme ergriffen sie, trugen sie die Treppe hinunter, die Kojenthüre fiel in das Schloß, der Riegel wurde vorgeschoben, — vergebens tobte sie mit den Fäusten dagegen, bis ihr die Besinnung schwand.
Die „Halland‟ eilte mit Volldampf dem offenen Meere zu.
Der Barometer stand schlecht. Mit dem ruhigen Wetter und der Rückkehr, von der der Kapitän sprach, war es eine höchst fragliche Sache.