V

Als die alte Götrek einige Monate nach dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes mitten in der Sommerszeit sich zum Sterben legte, setzte sie ein Testament auf.

Es war das sonst nicht Sitte hier zu Lande, wenn Kinder im Hause, die sich auch ohne Geschreibsel friedlich in die kärgliche Hinterlassenschaft teilten, aber das war ein ganz besonderer Fall.

Dem Lars, dem Liebling, war nichts zu hinterlassen an irdischem Gut, er war den bösen Mächten verfallen, tot oder lebendig, da gab es nur eines, was noch nützen konnte, und das sollte sein Anteil sein, ein Sühnopfer, Gott wohlgefällig und den Menschen nützlich, auf daß sie den armen Sünder im Gebete nicht vergessen.

Schon lange ging die Rede davon, einen Leuchtturm zu errichten auf P....., dessen Sandbänke eine stete Gefahr für die Schifffahrt waren. Es knüpfte sich auch nach altem Seerecht allerhand Vorteil daran für die Gemeinde, Minderung der Steuer, Hafenrecht und dergleichen, es fehlte nur immer an Geld und Einigkeit.

Daran dachte die Sterbende; der alte Turm führte sie darauf, in dem der Teufel ihr armes Kind verführt, wie Knut ihr oft erzählt. Er war oft genannt worden in der Leuchtturmfrage, ja, er soll schon einmal solchen Dienst verrichtet haben, ging die Sage, aber zum Verderben nur, anstatt zum Segen, indem sein trügerischer Schein die Schiffe auf den Grund lockte, die dann den Räubern reiche Beute boten, — so war er doppelt geeignet zur Sühnstatt; und jeder Schiffer sollte des Lars gedenken und aller anderen armen Seelen, die der Böse hier geblendet.

„Was an barem Gelde in der blauen Truhe sich findet, das bestimme ich für den Bau eines Leuchtturms, und zwar soll der alte Turm von P..... dazu verwendet werden, wie im Gemeinderat schon oft beschlossen.‟

So stand es im Testament, das Knut in Gegenwart des Pastors öffnete.

Nun waren zweihundert alte Holsteiner Thaler, wie sie sich in der blauen Truhe vorfanden, keine Summe für solchen Bau, aber die Anregung war von neuem gegeben, auch wollte man des Geldes nicht verlustig gehen, das nur zu diesem Zwecke der Gemeinde bereit lag, weitere mildthätige Stiftungen schlossen sich daran; nach Jahresfrist begann der Umbau des alten Turms, nachdem die obrigkeitliche Bewilligung eingeholt war, ein weiteres Jahr darauf ergoß sich ein greller gelber Lichtkegel von ihm aus, weit hinaus in die Nacht des Weltmeeres.

Als sein Wächter aber war Knut Götrek bestellt, der Sohn der wohlthätigen Erblasserin, der sich selbst zu dem beschwerlichen Dienst gemeldet. Von da an war er gar nicht mehr zu sehen, die Bewirtschaftung der kleinen Werft, die er ererbt, hatte er den Nachbarn überlassen; das Haus lag einsam, verlassen mit geschlossenen Luken, wie ein verlassenes Wrack.

Der Turm hatte nicht gewonnen durch die Neuerung, die mit ihm geschehen. Man fand seinen alten verwitterten Leib noch so trefflich gefügt und widerstandsfähig, daß man nicht daran dachte, ihn durch einen neuen zu ersetzen; so wurde ihm einfach ein neues, wetterfestes, blankes Haupt aufgesetzt, das sich gar seltsam heraushob aus dem zerschlissenen Gewand würdigen Alters, das ihn umflatterte. Tags erschien er drollig, einfach zum Lachen, wie ein alter zerlumpter Bettler, der irgendwo einen neuen Hut aufgetrieben und damit sich brüstet. Nachts aber, wenn sein schwarzer, massiger Schaft sich aus dem Dunkel hob, die Lichtblitze aus dem behelmten Haupt ihr Spiel trieben in dem brüchigen Gestein, in den schwarzen ginsterüberwachsenen Höhlen und Fensterbogen, in den von ewiger Feuchte triefenden Quadern des Grundbaues, da erwachte er zu seltsamem Leben, da war er groß, eine stolze Leuchte des Meeres.

Dicht unter der Laterne war die Wachtstube Knuts; der gotische Fensterbogen mit den zerborstenen Drachenköpfen war frisch ausgeglast und bot weite Rundsicht dem Meere zu. Der Raum war groß und nahm fast den ganzen Turm ein, ein eiserner Herd, ein lederbezogenes Lager, ein eichener Tisch, die blaue Truhe der Mutter waren die einzigen Geräte. Eine Holztreppe führte hinauf in den Laternenraum. Schweres Gebälk verkleidete die Mauern; wo diese sichtbar waren, zeigten sich da und dort geschwärzte Stellen, die stammten von dem Brande des Liebesnestes. Es war derselbe Raum.

Auf dem Holzgesimse lagen halbverbrannte Muscheln, Korallenzweige, buntes Meergestein. Auf einer Stange, dicht am großen Lugaus, saß Babe, der Kakadu.

Er stritt tagein tagaus mit den weißen Seevögeln, die sich in kühnen Bogen am Fenster vorbeischwangen, den seltsamen Vetter neugierig betrachteten und ob seiner Gefangenschaft verhöhnten. Des Nachts aber, wenn der Lichtschein herabfloß von der Höhe und weit hinaus über die Wogenkämme, da saß er ganz still an der Seite seines Herrn.

Tauchte aber ein Licht auf am Horizont, dann stellte er den Kamm auf und schüttelte sein Gefieder.

Knut war glücklich über seinen neuen Aufenthalt; die alte Hütte war ihm verhaßt, es knüpften sich zu schmerzliche Erinnerungen für ihn daran.

Gewohnt, den Tod die kraftstrotzende Jugend hinwegraffen zu sehen, hatte das Ende der alten Mutter nichts Tragisches für ihn, aber den Lars konnte er nicht vergessen; der Zorn über seine schmähliche Flucht war längst verraucht, die Liebe war geblieben. Er verwandelte sich in seinen Augen immer mehr zum verführten Kinde, von einem bösen Zauber verführt, dessen teuflische Wirkung er ja selbst an sich verspürt.

Die Spur Hennings und seiner Tochter hatte er nach langem Suchen glücklich aufgefunden, bis auf den Namen des Schiffes, auf dem sie sich befanden. Daß Lars bei ihnen war, blieb immer noch Vermutung, nichts Bestimmtes ließ sich darüber erfahren. Aber Knut schwur darauf. Was auf der Welt hätte sonst seinen Lars ihm untreu machen können, als diese Hexe. Ja, das war sie, eine ausgemachte Hexe, wie man sie vor achtzig Jahren noch verbrannt hatte auf dem Markte zu P....., gerade so eine.

Seit einem Jahre bewohnte er jetzt diesen Raum. Er war doch völlig ausgebrannt damals, dann war er neu gezimmert worden, und noch immer roch es seltsam herinnen, wie nach fremdländischen Spezereien, die einem zu Kopfe steigen und schwüle Bilder erzeugen im Hirn.

Oder war nur der Vogel daran schuld, den er zu sich genommen?

Seltsame Gedanken kamen ihm oft, Erinnerungen an in der Jugend Gehörtes, Gelesenes. Wenn in ihm der ganze böse Zauber steckte? Klug war er wie ein Mensch, und wenn er ihn im Dämmerlichte der Stube so starr anblickte mit seinen roten Augen, sprach wie ein Mensch, dann ward es ihm ganz unheimlich. Wiederholt hatte er schon seinen Tod beschlossen, — er fand nicht den Mut dazu, der Ausgang war immer, daß er ihn herzte und streichelte, seinen einzigen Freund.

Zum zweiten Male war der Herbst gekommen und kehrten die Fischerboote aus dem Nordmeere zurück. Knut las mit Eifer die Berichte, die Namen der Schiffe, der Reeder, von schweren Verlusten an Menschenleben, Schiffbruch und Verschollenerklärung.

Nichts von der „Halland‟.

Eine stürmische Novembernacht! Dichter, großflockiger Schnee fegte durch den undurchdringlichen Nebel und verklebte die Fenster. Außen pfiff und sang es um die Ecken, innen ächzte und stöhnte es durch den Schacht herauf, knarrten die schwankenden Dielen. Vom Meer her ertönte das wüste Geheul der Sirenen, dann und wann tauchte ein schwacher Lichtschimmer auf im brüllenden Chaos. Heute galt es sich bewähren für den Turm von P.....

Knut scheuerte unermüdlich an den Hohlspiegeln der mächtigen Laterne, welche, auf einen eisernen Rahmen gestellt, sich fortwährend gleichmäßig drehten, um das für den Turm vorgeschriebene intermittierende Licht zu erzeugen. Der ganze Turm schwankte, und das Uhrwerk, welches die Drehung des Rahmens besorgte, knarrte und ächzte in allen Fugen.

Er war das blendende Licht schon gewöhnt und die Glühhitze in dem engen Raum, nur wenn er dann die Wendeltreppe hinabstieg in den Wachtraum, überkam ihn oft ein Schwindel, und die sonderbarsten Sinnestäuschungen äfften ihn augenblicks.

Jetzt glaubte er Schritte zu vernehmen — von unten herauf — auf der Treppe — deutlich — ganz leise Tritte, — als ob man so etwas hören könnte in dem Unwetter, in dem Gestöhn und Geknarr ringsum. Er horchte gegen die Fallthür hinab. Wer sollte denn kommen in dem Wetter?

Da kreischte Babe auf — Knut kannte seine Sprache —, doch das waren ihm fremde Laute, nicht Zorn, nicht Freude, nicht Sehnsucht, — dann wieder die Stille —

Er riß die Fallthür auf, die Lichtfülle von oben stürzte herab in den Raum, er mußte sich an das Geländer halten — das war ein neues Phantom, das sich ihm zeigte, ein riesiger Schatten, der sich an der Decke brach, ein menschlicher Schatten.

„Wer da?‟ rief er rauh, von einer fremden Angst gepackt.

Ein unterdrücktes Weinen drang herauf, — der Schatten bewegte sich vor. Plötzlich flog Babe kreischend vorüber. „Larrrs! Larrrs!‟ Dann folgte das eigentümliche Kollern, der Ausdruck der höchsten Freude.

„Wer da?‟

Knut stieg hastig herab. Er hatte nicht mehr Zeit, die Fallthüre zu schließen, den Arm zu dem Zwecke erhoben, blieb er wie gebannt stehen.

Vor dem Eingange zum Wachtraum stand ein Weib, Schneeflocken hingen in dem schwarzen Haar, auf dem wollig bunten Shawl, in dem sie einen Gegenstand gehüllt trug; auf der Schulter des Weibes aber saß Babe, der Kakadu, mit den Flügeln schlagend, sein „Larrrs!‟ kreischend.

Es war Knut, als ob die Stufe unter der Schwere seines Körpers wankte, der ganze Turm.

„Nizam!‟ Er wagte sich nicht heraus mit dem Namen, flüsterte ihn nur.

Die Gestalt nickte mit dem Haupte. Da stand er schon vor ihr, die Arme ausgestreckt, ihr Antlitz durchforschend, — es war fahl und gelb, tiefe Furchen zogen sich darin hin, nur die Augen leuchteten wie einst, und das Haar erfüllte mit seltsamem Duft den Raum.

„Nizam!‟

Nochmals nickte sie mit dem Kopfe.

„Und Lars? Wo ist Lars?‟ Knut fragte drohend, Rechenschaft fordernd.

Da löste das Weib das Tuch, — blondes Gelock leuchtete im grellen Lichte, das herabfiel durch die Fallthür, ein Kinderantlitz wandte sich geblendet, die Fäustchen vor die Augen drückend.

„Sein Kind? Meines Lars?‟ Knut beugte sich über das holde Wunder, er vergaß einen Augenblick das Weib vor ihm, den Bruder. „Und er — er ist tot?‟ fragte er dann plötzlich mit unsicherer Stimme. „Was ist mit Lars? Sprich! Was habt ihr gemacht mit meinem Lars? Tot?‟

„Wer spricht von tot? Ich komme, ihn zu erwarten — er muß ja wiederkommen.‟

„Erwarten? Wiederkommen? Hat er dich zum Teufel gejagt, oder bist du ihm davongelaufen? Bringt dich die Not hierher?‟

Nizam nickte mit dem Kopfe. „Die Not! Nichts sonst, verlasse dich darauf, der Kleine hier, — mein Knut!‟ Das Weib sank in die Knie und drückte schluchzend das Kind an sich.

Knut preßte die Fäuste zusammen. „Knut heißt er? Wirklich Knut? Und Lars — Lars hat ihn so genannt? Ich bin ganz wirr — du mußt schon — komm, Nizam, — bei dem Wetter mit dem armen Kind?‟ Er hob mit bebenden Händen das Weib vom Boden auf und führte es zu dem Sitz am Herde.

„Jetzt erzähl' mir von Lars! Er lebt ja — sagst du, — der Lars —‟

Und Nizam erzählte von Lars, während der kleine Knut, von der behaglichen Wärme gelockt, aus der mütterlichen Hülle kroch und mit Babe sein Spiel trieb. Sie erzählte von der letzten Stunde, die sie mit Lars verlebt, wie er noch an die Mutter gedacht, und des Bruders, wie das Heimweh ihn beschlichen, von ihrem qualvollen Warten, von dem Kapitän, der taub gegen ihre Bitten, der sie eingeschlossen wie eine Wahnsinnige, von den furchtbaren Wochen, die nun folgten, verlassen, hilflos unter den rohen, lüsternen Männern, bedrängt von dem Kapitän, der sie als seine willkommene Beute betrachtete, — und sie immer festen Glaubens an Lars' Rettung. Die „Halland‟ selbst litt schwer Schaden im Sturme, nach Monaten liefen sie erst in einem kleinen Hafen Norwegens ein.

Da stand sie nun, entweder die Beute des verhaßten Mannes, oder des Elendes! Sie wählte das letztere. Der Winter stand vor der Thür. Sie verdingte sich als Magd. Im Frühjahr genas sie eines Knaben.

Jetzt mußte er ja zurückkehren, der Lars, oft kam es vor, daß das Eis verirrte Fischer den Winter über zurückhält, — aber er kam nicht, nur die Not kam, die bitterste Not! Niemand wußte etwas von Lars und dem Vater in dem Bureau der Reederei, zu welcher die „Halland‟ gehörte.

Im Sommer ging es. Sie arbeitete auf dem Felde, um den Kleinen zu ernähren. Lars kam immer noch nicht, — aber der Winter kam. Sie fühlte sich krank und schwach, jetzt galt es das Leben des kleinen Knut.

Es gab nur zwei Wege — zurück zu dem Kapitän der „Halland‟, er wird ihr nicht die Thür weisen, was er auch begehrt dafür, — es gilt das Leben ihres Kindes, — oder zu dem Bruder des Lars nach P.....

„Du siehst, wie ich gewählt, jetzt verstoße mich, liefere mich dem Gerichte aus, was du willst, nur den Kleinen nimm auf, das Kind deines Lars.‟

Knut verlor keinen Blick von Nizam. Sie erschien ihm jetzt wieder so blühend wie damals, als er sie zum ersten Male sah im Hause der Mutter, nur das Hexenhafte war völlig verschwunden, der sündhafte heiße Blick, der sein Blut damals sieden machte; es war nur noch Mitleid, liebevolles Mitleid, das er für sie empfand.

„Und du hoffst noch immer auf seine Wiederkehr?‟ fragte er.

„Ich muß hoffen, wenn ich leben will.‟

„Obwohl das zweite Jahr schon um?‟

„Und wenn das dritte und vierte um, ich werde noch immer hoffen und auf ihn warten.‟

„Das ist lange, Nizam, drei, vier Jahre warten.‟

„Lange?‟ Nizam sah Knut seltsam forschend an. „O, ich verstehe dich — ich will dir nicht zur Last fallen, — ich will hier nicht warten, —‟ sie erhob sich jäh, „nicht einen Tag — nur das Kind, —‟ Thränen erstickten ihre Stimme, dann färbten sich plötzlich ihre Wangen dunkelrot, und die Augen leuchteten wie damals, so drohend — „nein, auch das Kind nicht!‟ Mit hastigem Griffe nahm sie es auf und schlug das Manteltuch um die Schultern.

Doch Knut stand vor ihr in seiner ganzen Breite.

„So, meinst du, Nizam?‟ Er lachte zum ersten Male wieder, seit Lars ihn verlassen. „Und du glaubst, das geht dir so durch, mit deinem Trotzkopf? Ei natürlich, — hier habe ich allein zu befehlen, und ich befehle: dageblieben, Mutter und Kind, — das heißt, nicht hier, in einem Raum mit dem Knut, brauchst dich nicht zu ängstigen, — das — das möcht' ich selber nicht — gewiß nicht, — ginge auch gar nicht, schon wegen dem Dienst, — aber drüben auf der Werft — da kannst du hausen und warten, — ich — ich werde dir nicht oft lästig fallen, ich verspreche es dir. Was ich noch fragen wollte — ihr seid doch getraut, du und der Lars?‟

„Ja, das sind wir, — zu Bergen war es. Mir wär' es wohl gleich gewesen, aber der Lars wollte es nicht anders —‟

„Lästere nicht, Nizam, das war gut vom Lars. Jetzt mach' dir's bequem, dort auf dem Lager. Hier sind Decken und Kissen. Die Suppe steht am Herd. Ich muß nach oben sehen.‟

„Und wo schläfst du, Knut?‟ fragte Nizam.

Er wich ihrem Blicke aus. „Ich schlafe nicht heut nacht. Das Wetter ist stürmisch. Kümmere dich nicht um mich.‟ Er verschloß die Thür und stieg schweren Trittes die Wendeltreppe empor.

Nizam sah ihm starr nach. Wie er doch Lars glich! Die Lichtflut saugte ihn förmlich auf, die herabdrang zu der geöffneten Fallthür; dann schloß er sie.

Nizam war allein mit dem Kleinen und Babe.

Die wohlige Wärme des Raumes, die kräftige Suppe, die sie mit dem Bübchen teilte, das weiche Lager, das ihrer wartete, — schon lange fühlte sie sich nicht mehr so behaglich. Eine wohlige Müdigkeit überkam sie. Der kleine Knut schlummerte so süß, durch die Spalte der Fallthür brach es wie ein himmlischer Glanz. Auf der Lehne des Stuhles saß Babe, sie regungslos betrachtend. Sie dachte der kleinen Koje im „Halland‟, der letzten Worte des Geliebten: „Wenn er nach Norderoog kommt, hat er Babe mitgenommen und hält ihn warm, verlaß dich darauf.‟

„Dann bin ich ihm wieder gut, — ich war ihm überhaupt nie böse, — er gleicht dir ja so‟ — genau so sagte sie —, „und oben ist das Prunkgemach — alles Gold und Samt, — draußen das weite Meer, — die weißen Vögel, — die Wolken. Und Babe bekommt einen goldenen Käfig — und eine goldene Kette um die Füße — und eine Goldschnur ins Haar —‟


Neben dem Laternenraum war eine kleine Kammer, in der das Putzzeug lag, Haufen von Werg, krauses Handwerkszeug. Hier saß Knut, der Wächter, das Haupt in die Hände vergraben. Sie war das eheliche Weib seines Bruders, die Mutter seines Kindes, es war seine Pflicht, sie zu schützen. Wenn das die Mutter erlebt hätte, sie hier im Sühneturm, die Hexe von Norderoog! Unsinn! — Hexe! Aberglaube! Spricht der Böse aus diesen Augen? Und wie zärtlich sie mit dem Kinde ist, mit dem kleinen Knut, die beste Mutter! Armer Lars, solches Glück verscherzen! Und wenn er wiederkehrt, wenn er ihm alles geben kann, was er ihm sorgfältig verwahrt, Weib und Kind! Aber er kehrt nie wieder, nie mehr, das Meer giebt keinen zurück. Zwei volle Jahre. Nie mehr!

Es litt ihn nicht mehr in dem engen Raume. Im Leuchtraum saugt das glühende Licht an seinem Gehirn, — so trat er auf die eiserne Galerie hinaus in das Freie. Da fiel ihn der Sturm an, wie ein Feind, und der feuchte Schnee umwirbelte seine heiße Stirne — draußen brüllte das Meer in der schwarzen Leere, und im Lichtkegel des Turmes bäumten sich weißleuchtende Fabeltiere, sich gegenseitig verschlingend, — dann und wann tönte der Klagelaut einer Sirene, oder das Tuten eines verirrten Fischers, — das stärkte seine arme irre Seele.