Kapitel XII.
Auf der Wasserscheide zwischen Kapuri und Mahakam—Opfer der Kajan—Längs des Howong zu den Pnihing—Amun Lirung—Nahrungsmangel und Schwierigkeiten mit dem Transport des Gepäckes—Kwing Irang—Löhnung der Träger—Besuch bei den Bukat—Reise zu Bĕlarè—Einkauf von Böten am Tjĕhan—Fahrt zu Kwing Irang am Blu-u.
Im Laufe des Tages kamen genügend viele Träger an, um unser notwendigstes Gepäck über die Wasserscheide zu befördern. Sie brachten auch gute Nachrichten von Barth und Demmeni, die uns langsam folgten. Ich merkte bald, dass die Träger diesmal selbst Eile hatten mit dem Transport- die Bataten der Bungan und der eigene ke̥rtap ernährten sie nur kümmerlich, auch fürchteten sie das Schlimmste für die nächsten Tage.
Der zur Wasserscheide führende Bergrücken lief steil aufwärts, aber der Pfad schien viel benützt zu sein, denn er war nicht mit Rotang und Gestrüpp verwachsen. Auf halber Höhe hörten wir rechts von uns den Ruf eines hisit, was meinem Geleite und daher auch mir eine grosse Beruhigung gewährte, da wir nun das Mahakamgebiet unter günstigen Vorzeichen betraten. Etwas weiter aufwärts bemerkten wir Opferpfähle, die Akam Igau und seine Begleiter hier mit der Spitze zum Kapuasgebiet aufgerichtet hatten, um die bösen Geister zu verhindern, sie weiter an den Mahakam zu begleiten. Obwohl die Vegetation zu beiden Seiten des Bergrückens sehr üppig war, kamen doch ab und zu zwischen dem dichten Grün die benachbarten Berge zum Vorschein; rechts von uns tauchte der gesuchte Lĕkudjang auf. Zuletzt führte der Pfad wieder durch undurchdringlichen Wald, und bei der starken Steigung hatten wir auch nicht viel Lust, uns weiter Umzusehen.
Nach zwei Stunden veränderte sich das Bild gänzlich; wir zogen mitten über einen Morast, der nach Aussage der Träger auf der Höhe der Wasserscheide selbst lag. Da unser Geleite hier ein Opfer zu bringen verpflichtet war, mussten wir Halt machen und unser Lager aufschlagen. Der Wind wehte aber auf dieser Passhöhe so heftig, dass ich es für geratener hielt, die Zelte ungefähr 50 m weiter unten, jenseits der Höhe, aufrichten zu lassen. Sehr einladend sah es auch dort nicht aus: in der engen Schlucht des Howong stiegen zu beiden Seiten dicht bewachsene, steile Wände auf und ein eisiger Wind blies durch die schmale Spalte. Infolge der vielen Regenfälle triefte die ganze Umgebung vor Nässe; um 6 Uhr morgens zeigte das Thermometer nur + 18.5° C und um 12 Uhr mittags + 21° C; einen schlechteren Lagerplatz hatten wir seit Jahren nicht gehabt.
Unsere Träger schlugen in aller Hast die Zelte auf und eilten dann wieder zum alten Lagerplatz zurück, um so schnell als möglich alles Gepäck auf die Mahakamseite zu schaffen. Nur einige Kajan blieben unter Obet Lata bei uns zurück, um uns bei der Besteigung des Lĕkudjang zu helfen, die wir sogleich vornehmen wollten. Wir hofften von diesem Berg aus einen Überblick über das Gebiet des Howong und Mahakam zu erhalten und auf der Wasserscheide einen geeigneten Punkt zu finden, von dem aus Bier seine Messungen beginnen konnte.
Einem schmalen Kamm auf der linken Seite des Morasts folgend gelangten wir zu einem Punkt, von dem aus einige spitze Gipfel im Kapuasgebiet sichtbar waren. Plötzlich war uns aber der Pfad durch eine steile Wand des Lĕkudjang abgeschlossen und wir mussten uns nach einer Stelle umsehen, von der aus der Aufstieg möglich war. Obgleich die Steigung durchschnittlich 40° betrug und wir uns auf einer Schutthalde befanden, boten uns doch die wilden Sagopalmen, die hier wuchsen, genügende Stützpunkte, so dass wir uns leidlich fortbewegen konnten. Erschwert wurde die Kletterei durch den Rotang, der uns mit seinen Dornen und Widerhaken auf alle erdenkliche Weise festhielt; auch wurde uns an dieser offenen, der Sonne ausgesetzten Bergwand die Hitze lästig. Nach zwei Stunden war an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken; denn wir befanden uns vor einer senkrechten Wand, deren Höhe wir wegen der überhängenden grünen Massen nicht schätzen konnten. Umgehen konnten wir die Wand nicht, weil der Bergrücken, auf dem wir uns befanden, an beiden Seiten steil abfiel. Um nach Norden und Osten Aussicht zu gewinnen, liessen wir einige Bäumchen umhacken, deren Stämme zugleich als Stützen für den Theodolit dienten, mit dem Bier einige Peilungen im Mahakamgebiet vornehmen wollte. Wir befanden uns auf 950 m Höhe, direkt gegenüber dem Ober-Kapuas-Kettengebirge, dessen zwei Erhebungen, Tipung und Dadjang, dicht vor uns lagen. Die Bergkette setzte sich, soweit wir sie nach Osten verfolgen konnten, im Gebiete des oberen Mahakam weiter fort und schien an Höhe immer mehr zuzunehmen. Der Mahakam hat sich in nord-östlicher Richtung in diese Kette sein Bett gegraben. Die zu beiden Seiten des Mahakamtales hinter einander aufsteigenden Bergrücken boten einen prachtvollen Anblick. Der Abstand war aber zu gross und die Luft zu undurchsichtig, um in dem Panorama irgend welche Einzelheiten wahrnehmen zu können. Der Howong schlängelte sich durch ein Hügelland, das in dem alles bedeckenden dunklen Grün hie und da hellere Töne zeigte, die von älteren und jüngeren Reisfeldern der Pnihing, welche hier seit langen Jahren wohnten, herrührten. Nach Westen und Süden benahm uns der Lĕkudjang jede Aussicht.
Auf dem Rückwege sahen wir uns nach einem Punkt um, von dem aus Bier auch einige Bergspitzen im Westen anvisieren konnte.
In unserem Lager angekommen fanden wir bereits einen grossen Teil unseres Gepäckes vor, aber Barth und Demmeni hielten sich immer noch im Lager am Bĕtjai auf, das sie nicht verlassen wollten, bevor alles Gepäck abgeholt worden war.
Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam.
Tigang Aging, der sich in Akam Igaus Abwesenheit als Herr und Meister aufspielte, wollte bereits am anderen Tage den Geistern auf der Wasserscheide opfern (napo̱) lassen, aber bevor alle und alles im Lager beisammen waren, konnte davon keine Rede sein. So machten sich anderen Tages alle Träger und Malaien mit Tigang wieder auf den Weg zum alten Lager. Beinahe alle Männer brachten mit grosser Kraftanspannung an diesem Tage zwei Mal eine Fracht nach oben; trotzdem blieb aber immer noch ein Rest im Lager am Bĕtjai zurück. Da Demmeni sich von der Reise etwas ermüdet, im übrigen aber wohl fühlte, blieb er noch unten, während der Kontrolleur bei uns im Lager eintraf.
Trotz der grössten Sparsamkeit begann der Reismangel so fühlbar zu werden, dass wir abends berieten, was weiter zu tun sei. Dass Bier mit seiner Aufnahme begann, war dringend notwendig, daher wurden ihm drei Malaien und drei Kajan mit einer genügenden Menge Reis zugeteilt, um am folgenden Morgen die Messungen anfangen und den Weg selbständig bis an den Mahakam fortsetzen zu können. Barth sollte mit Demmeni wiederum für den Gütertransport sorgen und ich mit den notwendigsten Trägern vorausgehen und bei Amun Lirung, dem Pnihinghäuptling weiter unten am Howong, Proviant und Hilfe für unsere Leute suchen.
Um den Rest unseres Gepäckes abholen und dann opfern zu können, hauptsächlich aber, um im Walde nach Nahrungsmitteln suchen zu lassen, musste ich noch einen Tag in unserem nasskalten Lager verbringen. Alle Männer, die nicht beim Tragen halfen, schickte ich in den Wald, um owur nanga (Palmkohl = junge Sprosse von Eugeisonia tristis) und wenn möglich auch Sago aus dem Stamm der Palme zu sammeln. Leider fanden die Leute zwar viel owur aber nur sehr wenig Sago, so dass der erste Hunger zwar gestillt wurde, eine kräftigere Nahrung aber immer noch fehlte.
Abends fand das Opferfest statt; alle kleideten sich etwas sorgfältiger als gewöhnlich an, legten sich ihr Schwert um und begaben sich mit einigen Eiern, die stets auf grösseren Expeditionen zu diesem Zwecke mitgenommen werden, auf die Wasserscheide; dort pflanzten sie Stöcke in den Boden, spalteten deren Spitzen in 4 Teile und klemmten die Eier als Opfergabe für die Geister der Wasserscheide hinein.
Da Tigang viel redete, aber mit seinen Leuten weniger gut als Jung, der selbst mitarbeitete, umzugehen verstand, teilte ich ihm mit, dass ich seine Hilfe bei Amun Lirung, dem Pnihinghäuptling, nötig hätte. Obgleich ihm der grosse Marsch nicht verlockend erschien, fühlte er sich in seiner Eitelkeit dadurch doch so geschmeichelt, dass er Jung gern sein Amt, die Überwachung des Gütertransportes, überliess, und so machten wir uns bereits früh Morgens mit 8 Mann und einem Bukat, Udjan, als Führer auf den Weg. Wie immer, ging ich, um mein Geleite zur Eile anzuspornen, voraus, schlug aber einen falschen Pfad ein, so dass die Träger bereits ein gutes Stück auf dem richtigen Wege weitergegangen waren, bevor ich mit Tigang mein Versehen bemerkte. Hoch über einem steilen Abhang holte ich die Träger ein. Die Eingeborenen nannten den Platz “labu aso”, d.h. Platz, an dem die Hunde stürzen. Ein halb verfaulter Baumstumpf wurde mir als Überrest eines Baumes gezeigt, auf den Georg Müller 1825 mit den Punan um die Wette geschossen hatte; seine Flinte hatte über ihre Blasrohre den Sieg davon getragen.
Von dieser Stelle an fiel der Pfad so steil ab, dass man bis in das Tal hinunter mehr gleiten als gehen musste. Im Tal lagen grosse Mengen scharfkantigen Gesteins, das sich durch seine leuchtende Weisse lebhaft von der dunkelgrünen Umgebung abhob; es waren die Reste einer Goldmine, welche die Pnihing hier früher angelegt, jetzt aber verlassen hatten. Der Howong hatte so viel von diesem Gestein mitgeführt, dass es noch in einer Entfernung von vielen Kilometern im Flussbette Bänke bildete. Für unsere beschuhten Füsse war das Gehen auf den spitzen Steinen angenehmer als auf dem runden Geschiebe des Bĕtjai; unsere barfüssigen Träger dachten allerdings anders und waren froh, als wir weiter unten im Flussbett wieder die gewöhnlichen, runden Geröllsteine antrafen.
Bereits bei Beginn unserer Wanderung war unser Führer Udjan sehr schweigsam gewesen und hatte uns weder über den Weg noch über die Möglichkeit, noch am gleichen Tage die Niederlassung der Pnihing zu erreichen, viel mitgeteilt. Er hatte in den letzten Tagen an Fieber gelitten; jetzt blieb er ständig zurück und klagte über unseren schnellen Gang. Als er endlich merkte, dass Eile dringend notwendig war, raffte er sich auf. Mittags erreichten wir das Nebenflüsschen, das Udjan uns als geeigneten Platz zum Übernachten angegeben hatte; unter den gegenwärtigen Umständen konnte davon aber keine Rede sein. Zwar wartete ich hier alle meine zurückgebliebenen Träger ab, erklärte diesen aber sogleich, dass ich in der Hoffnung, das Pnihinghaus zu erreichen, bis zum Einbruch der Nacht den Marsch fortsetzen wolle; vom Lĕkudjang, aus gesehen, war mir nämlich der Abstand nicht sehr gross vorgekommen. Meine Erklärung wurde von allen, hauptsächlich von Tigang, mit verdrossener Miene aufgenommen Ich machte jedoch Tigang darauf aufmerksam, dass ihm jetzt, wo er mich zum ersten Mal begleitete, sein Ehrgefühl gebieten müsse, nicht zurückzubleiben. Das sah er auch ein und zeigte sich zum Weitergehen bereit. Noch einige Stunden ging es im Bette des Howong abwärts, dann trafen wir auf frühere Reisfelder, die wir, um grosse Windungen des Flusses abzuschneiden, durchquerten.
Gegen 3 Uhr erreichten wir die neuen Reisfelder der Pnihing. Die freie Aussicht, die wir hier wieder einmal genossen, und die Gewissheit, in der Nähe menschlicher Wohnungen zu sein, die wir seit 40 Tagen nicht gesehen hatten, belebten meine Kräfte. Um 4 Uhr befand ich mich endlich mit Udjan und einem Malaien vor dem eingekerbten Baumstamm, der als Treppe zum hohen Pnihinghause hinaufführte; es kostete mich aber einige Mühe, meine erschlafften Glieder noch diese letzten 4 Meter hinaufzubefördern. Zwei Stunden darauf langten auch meine Träger an.
Das Haus erschien fast leer; auf der Galerie befanden sich nur eine alte Frau und ein Kind, die mit Erstaunen den ersten Weissen betrachteten, der sich bei ihnen zeigte. Amun Lirung (= Vater von Lirung) kam mir aber sogleich vor seiner Wohnung entgegen. Er schien sich bereits über die Begrüssungsform der Weissen unterrichtet zu haben, denn er reichte mir die Hand; auch erzählte er, dass beinahe niemand im Hause anwesend war, da fast alle Familien augenblicklich auf den Reisfeldern wohnten. Hierauf verschwand er eiligst in seiner Wohnung, aus der er sehr bald mit einer Sklavin und einigen Rotangmatten wieder zum Vorschein kam. Die Matten breitete er für mich und mein Gepäck auf dem Boden der Galerie aus. Nachdem wir uns niedergelassen hatten, begann die Unterhaltung. Mein Gastherr zeigte sich als lebhafte, gesprächige Natur, machte mir aber im übrigen einen so wenig vertrauenerweckenden Eindruck, dass ich mir die Geringschätzung, mit der die weiter unten am Flusse wohnenden Pnihing- und Kajanhäuptlinge mir auf meiner vorigen Reise von ihm gesprochen hatten, sehr wohl erklären konnte. Seine Frau Hinan Lirung ( = Mutter von Lirung) blieb vorläufig noch verborgen, ich suchte sie aber, auf Anraten Tigangs, später in ihrem Wohngemache auf. Sie empfand über unsere Ankunft weder Angst noch Unwillen, sondern schien ganz von den Vorbereitungen für unseren Empfang in Anspruch genommen zu sein. Bei meinem Eintritt kniete sie gerade vor einem grossen Topf mit Reis und Bataten. Sie hatte mit ihrer Fürsorge das Richtige für unseren Empfang getroffen und besass, wie ich später bemerkte, in der ganzen Häuptlingsfamilie am meisten Verstand, den sie auch in wichtigen Angelegenheiten des Stammes gut zu gebrauchen wusste. Meinem Diener übergab sie für mich eine Portion Reis und ein Ei und versprach auch etwas Früchte.
Als ich draussen auf der Galerie an die Aussenwand gelehnt in dem herrlichen Gefühl sass, wieder ein festes Dach über mir und einen trockenen, ebenen Boden unter mir zu haben, bemerkte ich einige Malaien, die von der Mahakamseite aus den Howong durchwateten und bald darauf vor uns erschienen. Sie erzählten, dass Kwing Irang, der Kajanhäuptling vom Blu-u, der mir bis an die Mündung des Howong entgegen gereist war, sie auf Kundschaft zu Amun Lirung gesandt habe, um zu erfahren, ob wir bereits eingetroffen seien.
Akam Igau hatte seine Sendung, wie es sich zeigte, gewissenhaft erfüllt; er hatte sich zuerst zu dem wichtigsten Pnihinghäuptling, Bĕlarè, begeben, dann weiter flussabwärts Kwing Irang am Blu-u aufgesucht und war schliesslich noch weiter zu Bo Léa, dem Häuptling der Long-Glat, gegangen; alle drei Niederlassungen hatte er auf unsere Ankunft und unsere Absichten vorbereitet. Seine Aufforderung, uns baldmöglichst Hilfe zu senden, hatte grossen Eindruck gemacht, denn Kwing Irang war sogleich mit vielen Böten den Mahakam hinaufgefahren, unglücklicher Weise ohne vorher eine für längere Zeit ausreichende Menge Reis zu beschaffen. Sie hatten Tage lang mit Hochwasser kämpfen und jetzt sogar einen Tag warten müssen und wären, wenn ich nicht gekommen wäre, aus Reismangel wieder umgekehrt, was für unsere Expedition, bei der herrschenden Nahrungsnot, sehr verhängnisvoll hätte sein können. Die Malaien berichteten, dass nach Kwing Irangs Beispiel auch Bĕlarè und andere Pnihing mir entgegengefahren seien. Sehr beruhigend wirkte auf mich die Nachricht, dass sich die Batang-Lupar Banden auf Befehl des Radja von Sĕrawak aus dem Gebiet des oberen Mahakam zurückgezogen hatten. Halb ausgeruht und ermuntert durch die guten Nachrichten raffte ich mich nach Ankunft der Träger auf, nahm ein erfrischendes Bad und wechselte meine Kleidung.
Obgleich diese Niederlassung der Pnihing nur 20 Familien umfasste, die ihren Reisvorrat beinahe gänzlich verbraucht hatten, bewirtete Hinan Lirung meine Leute doch mit Reis und Bataten; ich selbst genoss zum Reis noch das Ei und würzte es mit dem Salz, das ich mitgenommen hatte und von dem ich meiner Wirtin sogleich als Gegengeschenk einen Teil anbot. Amun Lirung forderte mich auf, die Nacht sicherheitshalber in seiner amin zu verbringen und, sobald sich die Unruhe dort etwas gelegt hatte, verschwand ich in meinem Klambu.
Am 25. September erwachte ich mit dem angenehmen Bewusstsein, keinen Marsch mehr unternehmen zu müssen. Die Pnihing zogen dem Kontrolleur zu Hilfe und kehrten abends jeder mit einer schweren Kiste beladen zurück. An den folgenden Tagen konnte ich sie aber auch gegen gute Belohnung nicht dazu bewegen, den Zug zu wiederholen. Um Kwing Irang von unserem Tun und Lassen zu unterrichten, sandte ich ihm Tigang entgegen, der sich gleichzeitig auch nach einer Gelegenheit, Reis für uns zu beschaffen, umsehen sollte. Tigang brach auch sogleich in Gesellschaft der malaiischen Kundschafter auf. Er musste, um Kwing Irangs Lagerplatz zu erreichen, zuerst das Flussbett des Howong ein Stück weit durchwaten und dann über Land zum Mahakam ziehen. Der Howong stürzt sich nämlich mit einer Reihe sehr steiler Fälle von ungefähr 120 m Höhe in den Mahakam und ist daher auf dieser Strecke nicht befahrbar. Da auch unser Gepäck auf jenem Wege zum Mahakam getragen werden musste, liess ich Kwing Irang bitten, mir seine Kajan zu Hilfe zu schicken.
In Anbetracht, dass durch die Höhe der Wasserfälle an der Mündung des Howong eine Verbindung mit dem Mahakam auch für Fische unmöglich gemacht oder doch sehr erschwert wurde, hielt ich eine gesonderte Sammlung der Fischarten von Haupt- und Nebenfluss zwecks späterer Vergleichung für wertvoll. Ich setzte daher für jede neue Fischart, die man mir brachte, eine Belohnung aus, wodurch unsere ichthyologische Sammlung mit 15 neuen Arten aus dem Howong bereichert wurde.
Tags darauf sandte mir Kwing Irang einige seiner Kajan, die mich als alte Bekannte sehr freudig begrüssten; sie erzählten, dass sie meiner Ankunft wegen ihr Saatfest aufgeschoben hatten und dass sie wegen Reismangel baldmöglichst in ihre Niederlassung zurückkehren mussten. Da auch Tigang nur einen einzigen Packen Reis hatte auftreiben können, schickte ich ihn am folgenden Tage mit einer reichlichen Menge Tauschartikel wieder aus, um zu versuchen, in einer Pnihingniederlassung am Pĕnaneh wenigstens Bataten aufzukaufen.
Gegen Mittag des folgenden Tages traf Kwing Irang in Gesellschaft des Pnihinghäuptlings Kaharon und einiger anderen mit 50 Trägern bei uns ein.
Es sei mir gestattet, Kwing Irang, der grössten und eigenartigsten Persönlichkeit, der ich im Innern Borneos begegnete, hier einige Worte zu widmen. Ist er es doch gewesen, der mir als Berater und Freund auf allen Reisen treu zur Seite stand und dessen Hilfe ich die guten Erfolge meiner Unternehmungen zum grossen Teil verdanke. Ich glaube den Leser am schnellsten mit diesem seltenen Manne bekannt machen zu können, indem ich ihm unsere erste charakteristische Begegnung schildere.
Als ich im Jahre 1896 zum ersten Mal die Mündung des Blu-u erreichte, hatte Kwing Irang, der damals weiter oben am Fluss wohnte, ein malaiisches Haus zu meinem Empfange in Stand setzen lassen. Ich verbrachte die Nacht vor unserer Begegnung in unruhiger Erwartung, wusste ich doch aus den Berichten der anderen Stämme, dass das weitere Schicksal unserer Expedition von der Entscheidung des grossen Häuptlings des Mahakamgebietes abhing. Kwing Irang, der abends zuvor, nachdem wir uns bereits zur Ruhe begeben hatten, eingetroffen war, schien ebenfalls auf unsere Begegnung gespannt zu sein; wenigstens war ich noch nicht angekleidet, als er melden liess, dass er mich begrüssen wolle. Sogleich wurden zwei Klappstühlchen einander gegenübergestellt und bald darauf sah ich an dem nebenstehenden Hause eine Reihe Männer hinab- und an unserer Baumtreppe wieder hinaufsteigen. Der erste, dessen Haupt über dem Boden erschien, trug eine schwarze Mütze mit breitem Goldrande, unter der ein ältliches, mageres Gesicht mit eingefallenen Wangen, gerader Nase und kleinen Augen mit ruhigem, festem Blick zum Vorschein kam. Dem goldenen Abzeichen nach, das nur er trug, musste der Mann Kwing Irang sein, auch bestätigte mir die Sicherheit seines Auftretens im Gegensatz zu der Steifheit seines Gefolges, dass der grosse Häuptling in der Tat vor mir stand. Ich ging ihm einige Schritte entgegen, reichte ihm die Hand und forderte ihn auf, sich mir gegenüber auf Demmenis Stuhl zu setzen, was dein verschlossenen Eingeborenen einen Ausruf der Verwunderung entlockte. Augenscheinlich war ihm so etwas bei seinen Zusammenkünften mit dem Sultan von Kutei und dem Radja von Sĕrawak noch nicht vorgekommen, denn die Behandlung eines Stuhles war ihm so neu, dass er im Augenblick, wo er sich setzen wollte, umgefallen wäre, wenn ich ihn nicht rechtzeitig aufgefangen hätte. Der Unfall brachte ihn aber durchaus nicht aus der Fassung. Einige Minuten lang sassen wir einander schweigend gegenüber und lernten uns mit den Augen kennen. Was mich betraf, so war ich mit dem empfangenen Eindruck zufrieden und, wie er mir später gestand, ging es ihm ebenso.
Kwing Irangs Körper zeigte noch deutlichere Spuren des Alters als sein Gesicht; er schien ein Mann von 55 Jahren zu sein, mit feinem Körperbau, kräftigen Muskeln und geringer Neigung zur Wohlbeleibtheit. Seine Kleidung zeugte von Sorgfalt; ein Tuch aus blauem Kattun bedeckte in zahlreichen Windungen die Lenden und ein Schwert mit schönem Horngriff hing ihm an einem Rotanggürtel zur Seite. An Schmucksachen trug er nur einige Halsketten und silberne Ringe von cm Durchmesser, die an seinen weit ausgereckten Ohrläppchen hingen und unter den offen herabfallenden Haaren hervorkamen. Von einer Tätowierung bemerkte ich keine Spur.
Das freie Auftreten, die sichere Haltung und der gutmütige Gesichtsausdruck Kwing Irangs flössten mir sogleich Vertrauen und die Hoffnung ein, dass wir einander verstehen würden. Die Vorteile, mit den Niederländern auf gutem Fuss zu stehen, leuchteten dem klugen Manne ein und so verständigten wir uns bald über meine weiteren Pläne. Nachdem der sachliche Teil erledigt war, begannen wir eine lebhafte Unterhaltung über allerhand Dinge. Ich zeigte dem Häuptling Bilder und Gewehre, von denen ihn besonders letztere interessierten. Über unserer ersten Begegnung schien ein besonderer Glückstern zu walten. Während ich nämlich Kwing Irang die Einrichtung eines Winchester Repetiergewehres sehen liess, ging plötzlich ein Schuss los, der keinen geringen Schrecken verursachte. Aber glücklicher Weise schlug die Kugel nur ein Loch in das Dach und, da keiner verletzt war, blieben alle auf ihren Plätzen. Ich hatte wiederum Gelegenheit, die grosse Besonnenheit meines neuen Freundes zu bewundern, der die beruhigenden Worte seines Geleites kaum nötig hatte. Ein rechtes Gespräch wollte jedoch nicht mehr in Gang kommen und so verabschiedeten sich unsere Besucher bald darauf.
Kwing Irang ist vor zwei Jahren, bald nachdem ich Borneo verlassen hatte, gestorben.
Der Tod dieses klugen, friedliebenden Mannes, der mit weitem Blick im Interesse seiner Untertanen auch mit ihm fremden Völkern Beziehungen anzuknüpfen sich nicht scheute, bedeutet für das Mahakamgebiet einen grossen Verlust.
Die Mahakam Kajan waren zwar gern bereit, unser Gepäck bis zum Mahakam zu tragen, sahen es aber als Aufgabe ihrer Mendalam Verwandten an, alles Gut, das sich noch beim Kontrolleur befand, bis zu Amun Lirung zu befördern. Die Mendalam Träger waren jedoch nach ihrer Ankunft im Pnihinghause nicht mehr dazu zu bewegen, auch noch den Rest der Sachen abzuholen, was ich ihnen in Anbetracht ihrer hungerigen Mägen nicht verdenken konnte. Gegen hohen Preis gelang es mir, unseren Ma-Suling Trägern noch etwas Reis zu verschaffen und den Kajan teilte ich mit, dass sie unterwegs Tigang mit einem Vorrat Bataten begegnen würden. Diese Aussicht erschien so verlockend, dass sie fast alle wieder auf die Beine brachte. Abends kehrten sie mit dem Kontrolleur und Demmeni, die sich beide wohl befanden, zu uns zurück. Demmeni Wurde als alter Bekannter von den Mahakam Kajan freudig begrüsst; dem fremden Kontrolleur gegenüber trat aber die, ihnen eigene ängstliche Zurückhaltung wieder zu Tage.
Zwei aus verflochtenen und verwachsenen Lianen entstandene Bäume.
Gegen Abend kam Kaharon, um mit mir über die Lohnfrage zu beraten; er forderte für den Transport des Gepäckes an den Mahakam nicht weniger als 2.50 fl täglich für den Träger. Für alle Anstrengungen und Entbehrungen, welche die Leute diesmal auszustehen hatten, war der Preis nicht zu hoch, aber als Taggeld für später hätte die Erteilung eines solchen Lohnes Schwierigkeiten verursacht, besonders da den Pnihing Geld viel weniger bedeutete als Tauschartikel. Im Laufe des Gespräches merkte ich, dass Kaharon die Lohnfrage nur berührt hatte, um zu erfahren, ob ich die geleistete Hilfe überhaupt bezahlen wollte. Ich beeilte mich natürlich, ihm zu erklären, dass ich jeden, der mir zu Hilfe gekommen war, belohnen wollte.
Anderen Tages kam Tigang von seiner Forschungsreise nach Nahrungsmitteln zurück; seine Bataten war er unterwegs leider grösstenteils an seine hungerigen Dorfgenossen los geworden, er brachte aber noch einen Packen Reis und eine gute Menge bulung obe̱ ( = Mehl von Bataten) mit. Die Pnihing verstehen dieses Mehl ausgezeichnet zu bereiten, indem sie die Bataten in feine Scheiben schneiden, sie in der Sonne trocknen lassen und dann fein zerstampfen. Jedem Manne liess ich von dem Batatenmehl eine Portion zuteilen, und da auch unsere Wirtin noch von ihren bescheidenen Vorräten nach Kräften beisteuerte, genossen unsere wackeren Träger nach langer Zeit die erste gute Mahlzeit.
Wir hatten alle Ursache, mit unserem Empfang im Mahakamgebiet zufrieden zu sein; denn alle grossen Häuptlinge waren uns zu Hilfe geeilt, auch waren wir hier am Howong mit aussergewöhnlicher Selbstlosigkeit aufgenommen worden. In der ersten Zeit gab ich meinen Gastherren nämlich nichts anderes als etwas Salz und einige Kleinigkeiten, ausserdem erregte ich noch Hinan Lirungs Neid, indem ich Djulan, einem lieblichen Bukatmädchen, das mich unter dem Schutz von Tĕtuhè, einem unserer Punan vom Mendalam, öfters besuchte, etwas Tabak, hübsche Zeugstückchen und Ringe schenkte. Die Kleine hatte sich anfangs nur schüchtern in der Ferne gezeigt, wurde nachher aber so zutraulich, dass sie später sogar allein zu mir zu kommen wagte. In Anbetracht der mit Furcht gemischten Missachtung, mit der die Bahau die nomadisierenden Bukat sowie alle Jägerstämme ansehen, stellte ich an Hinan Lirungs Nachsicht hohe Anforderungen; es lag mir aber daran, mit diesen scheuen Waldmenschen auf gutem Fuss zu stehen. Ich nahm mir jedoch vor, meine Gastwirtin beim Abschied für alle Güte und Toleranz zu entschädigen. Als praktische Frau gab mir die Alte übrigens bald zu verstehen, dass ihr ein Satz Armbänder aus Elfenbein, wie sie deren mehrere bei mir bemerkt hatte, am willkommensten wäre. Ihre eigenen Armbänder hatte sie nämlich, wie ich später hörte, dazu verwendet, den Reis einzukaufen, mit dem sie uns bewirtete. Um den Wert des Geschenkes zu erhöhen, zögerte ich anfangs mit der Erfüllung ihres Wunsches, liess sie dann aber das Mass angeben und suchte ihr einen besonders schönen Satz aus. Den vielen Besuchen nach zu urteilen, die mir Hinan Lirung im Laufe des Jahres am Blu-u machte, schien ihr unsere Bekanntschaft gut gefallen zu haben.
In der Nähe unseres Hauses hatten sich die Bukat, nach Art der Pnihing, drei kleine Häuser gebaut, die sie jetzt vorübergehend bewohnten. Ich hatte diese scheuen Kinder der Wildnis bis jetzt nicht besucht, um ihnen erst Zeit zu lassen, sich an unsere Gegenwart zu gewöhnen. Jetzt glaubte ich aber, mit Barth einen Besuch bei ihnen wagen zu dürfen.
Der Stamm der Bukat lebt in Gruppen von Familien für gewöhnlich in den Urwäldern des Quellgebietes der Flüsse Kapuas und Mahakam und hält sich, wie auch die anderen Nomadenstämme, bald in diesem bald in jenem Flusstal auf, je nachdem die Anwesenheit von Wild, Baumfrüchten und wildem Sago ein Verweilen wünschenswert erscheinen lassen. Selbst in dieser Wildnis dürfen sich die Bukat nicht willkürlich irgend einer Gegend bemächtigen, sondern ihre verschiedenen Familiengruppen sehen bestimmte Flussgebiete als ihr Eigentum an und lassen die anderen nur gegen eine Entschädigung dort jagen und Früchte sammeln. Die Bukat verbringen den grössten Teil des Jahres im Walde und kommen überhaupt nur ungern mit den sesshaften Stämmen am Kapuas und Mahakam in Berührung. Zur Zeit der Reisernte jedoch lassen sie sich vorübergehend bei dem einen oder anderen Stamme, wie z.B. jetzt am Howong, nieder, um Reis, Zeug, Salz, Perlen und dergl. gegen ihre Waldprodukte einzutauschen. Die Bukat empfingen uns ängstlich, aber doch, nach Art der Bahau, freundlich, breiteten einige Rotangmatten für uns aus und setzten uns einige Waldfrüchte vor. Zu meinem Erstaunen entdeckte ich hier eine Frucht namens kapulasan, die in der Umgegend von Buitenzorg auf Java viel gebaut wird, deren Heimat dort jedoch nicht mehr bekannt ist. Aufmerksam geworden beobachtete ich später längs des ganzen oberen Mahakam das Vorkommen des Baums, der diese Frucht liefert. Zufälligerweise hatte unter den vielen herrlichen Waldfrüchten, die man mir auf der vorigen Reise brachte, gerade diese gefehlt. Zur grossen Genugtuung unserer Gastherren assen wir die saftreichen Früchte geradezu mit Gier, worauf sie von allerhand wichtigen Angelegenheiten, die ihnen auf dem Herzen lagen, zu reden begannen. Es handelte sich, wie so häufig bei diesen Leuten, wieder um Verletzung ihrer Ansprüche auf verschiedene Gebiete. So hatte man am Kapuas bei der Verteilung des Zehnten aus dem Ertrage der Buschprodukte ihre Häuptlinge übergangen, obwohl diese vor langen Jahren ebenfalls das Kapuasgebiet durchstreift hatten. Ihre hierauf begründeten Rechte hatten die Bukat jedoch am Kapuas nie geltend gemacht, so dass wir ihnen rieten, sich an den Kontrolleur von Putus Sibau zu wenden, zu dem sich in der gleichen Angelegenheit auch der ihnen verwandte Stamm der Bukat aus dem Gebiete des Gung begeben hatte. Hiermit kamen wir auf ein anderes Kapitel zu sprechen, auf Streitigkeiten zwischen diesen Gung Bukat und einem vornehmen Bukathäuptling, der sich augenblicklich bei den Pnihing am Sĕrata aufhielt. Diesem sollte nämlich infolge seiner Abstammung das Gebiet des Gung eigentlich gehören; in Putus Sibau konnte man natürlich auch von diesen Verhältnissen keine Ahnung haben. Der Punan Tĕtuhè, der uns begleitete, weil er selbst als Nomade mit diesen Bukat in Verbindung stand, übernahm es, bei seiner Rückkehr zum Kapuas alle diese Rechtsfragen zur Sprache zu bringen.
Während wir mitten in unserer Unterhaltung mit den Bukat begriffen waren, traf wieder eine Schar Träger mit dem auf dem Wege noch zurückgebliebenen Gepäck ein. Wir hatten des Morgens, in Anbetracht der starken Ermüdung und schlechten Ernährung unserer Leute, nicht durchzusetzen gewagt, dass sich alle energisch an der Arbeit beteiligten; so hatte sich denn auch nur ein Teil der Träger auf den Weg gemacht und die Malaien, die bei dem Rest des Gepäckes als Wache zurückgeblieben waren, meldeten, dass sich immer noch 24 Blechkisten mit Salz im Walde befanden. Wir verliessen daher eiligst unsere neuen Bukatfreunde, um zu beraten, was weiter zu tun sei.
Um nur schnell fortzukommen, hatten viele Träger von Kwing Irang sich bereits von selbst mit unseren Kisten an den Mahakam aufgemacht. Kwing selbst jedoch wartete mit 20 jungen Kajan und einigen Pnihing auf unsere Befehle. Mit Amun Lirung, oder besser gesagt mit dessen Frau, kam ich überein, dass sie mir für 12 Packen schwarzen Kattuns zu 12 m Länge die 24 Kisten mit Salz an den Blu-u schaffen sollten. Zwar dauerte es einen ganzen Monat, bis sie mit ihrer Fracht bei mir am Blu-u anlangten, aber die Reisnot entschuldigte die Verspätung.
Aus Furcht vor einer Steigerung der Lasten und des Hungers hatten es unsere Träger mit dem Aufbruch zum Mahakam sehr eilig. Da ich aber nichts mehr von unserem Gepäck zurücklassen wollte, vereinbarte ich, dass unsere ermüdeten Mendalam Kajan unter Aufsicht von Barth und Demmeni alles Gepäck dem Howong entlang bis an den Pfad, der zum Mahakam führte, bringen sollten, während die frischeren und kräftigerer Mahakam Kajan es von dort über die Hügelrücken bis an den Anlegeplatz der Böte befördern sollten. Nicht minder froh als seine Leute war Kwing Irang über unsere Abreise; denn er hatte im Pnihinghause keinen Platz gefunden und mit den Seinigen in und unter einer Reisscheune übernachten müssen. Das Übernachten im Freien ohne Dach über dem Haupte finden die Bahau aber sehr unangenehm und, wenn es geregnet hätte, wären viele von ihnen krank geworden.
So verabschiedete ich mich denn von meinen Gastwirten und zog mit Kwing Irang an den Mahakam voraus. In unserem Eifer fortzukommen übersahen wir jedoch das winzige Nebenflüsschen des Howong, längs dessen wir zum Mahakam abbiegen mussten, und irrten einige Zeit umher, bevor wir es wiederfanden. Ich hatte in der letzten Zeit so viel an Märschen durch Wald und Flüsse genossen, dass ich unseren jetzigen Zug, besonders da mir die Hügelrücken, die uns vom Mahakam trennten, recht hoch vorkamen, sehr unangenehm empfand.
Auf einem dieser Hügel trafen wir Bier mit seinem Geleite; er hatte die ganze Zeit über mit gutem Resultat gearbeitet und es gelang ihm, seine Messungen bis zum Mahakam noch am gleichen Tage zu beenden.
Die Pnihing hatten zwar den besten Anlegeplatz am Mahakam ausgesucht, dennoch mussten wir von der Höhe des Bergrückens einen sehr steilen Abhang hinunterklettern, um an das Flussbett zu gelangen. Hier fanden wir die Mahakamer auf einem Platze gelagert, der nirgends eben genug war, um ein Zelt aufschlagen zu können. Es mussten erst Terrassen aus Holz, die teilweise über das Wasser hinausragten, gebaut werden, um für unsere Zelte einen Untergrund zu beschaffen.
Inzwischen erneuerte ich die Bekanntschaft mit dem vornehmen Pnihinghäuptling Bĕlarè und feierte Wiedersehen mit Akam Igau.
Nach seinem guten Äusseren zu urteilen, das von dem unserer erschöpften und abgemagerten Kuli stark abstach, war es Akam Igau inzwischen am Mahakam gut ergangen, was er mir denn auch zugab. Bĕlarè erzählte, dass er mich nicht bei Amun Lirung begrüsst habe, weil er einen kleinen Enkel mit auf die Reise genommen hatte.
Es dauerte bis zum Mittag des folgenden Tages, bis unsere ganze Gesellschaft mit allem Hab und Gut am Ufer des Mahakam vereinigt war, und es erwies sich bald als unmöglich, mit allen und allem gleichzeitig den Mahakam hinabzufahren. Zwar hatten alle Niederlassungen der Kajan und Pnihing am Mahakam ihre grössten Böte zur Verfügung gestellt, aber wegen des hohen Wasserstandes durften sie nicht schwer beladen werden. Auf einen günstigeren Wasserstand zu warten, war bei der herrschenden Nahrungsnot unmöglich; und so musste ich mich dazu entschliessen, einen Teil unserer Leute vorläufig zurückzulassen. Ich teilte den Häuptlingen in einer Zusammenkunft meinen Plan mit, sie selbst hatten nicht gewagt, mir diesen Vorschlag zu machen. Alle zeigten sich einverstanden und versprachen, ihre Reisegenossen in einigen Tagen abzuholen. Die Zurückbleibenden sollten sich bei Amun Lirung, den Bukat oder im Walde die notwendige Nahrung zu verschaffen suchen.
Am anderen Morgen zeigte es sich, dass das Fassen und Ausführen von Beschlüssen für Bahauhäuptlinge sehr verschiedene Dinge sind; denn keiner von ihnen war im stande, einen Teil seiner Untertanen zum Zurückbleiben zu zwingen. Die Insubordination, die überall herrschte, veranlasste seltsame und komische Szenen.
Zwar begann man damit, mein Gepäck regelrecht in den Böten unterzubringen, kaum war dies aber geschehen, so ergriff jeder eiligst seinen Tragkorb, lud ihn auf den Rücken und sprang, zur Abfahrt bereit, in ein Boot. So kam es, dass die Böte der Kajan und Pnihing, die vor unseren Hütten lagen, bevor wir sie noch betreten hatten, teils von der eigenen Mannschaft teils von Eindringlingen überfüllt waren. Ein Boot war sogar zum Sinken überladen, und doch wagte es die eigene Bemannung nicht, die Zuströmenden abzuweisen. Unterdessen standen die Häuptlinge rat- und machtlos am Ufer und in der Furcht, zurückbleiben zu müssen, mischte sich sogar einer von ihnen, seine Würde vergessend, unter die Schar der Bestürmer. Mit strenger Miene, drohendem Stock und ernsten Ermahnungen suchte ich nun allein die Ordnung aufrecht zu erhalten. Zuerst schickte ich die am Ufer stehenden zurück und entlastete dann die Böte von denjenigen, die zurückbleiben mussten. Aus jeder Mendalam Niederlassung nahm ich 8 Mann mit und dank dem sanften Charakter meiner Kajan gelang es mir, nur mit Einbusse der Hälfte meiner Stimme abzufahren.
Unterhalb einer Landzunge des anderen Ufers hatte sich Akam Igau mit seinen Leuten gelagert und bei unserer Ankunft bot sich dort ein noch heiterer Anblick.
In dem sehr grossen, breiten Boote des Pnihinghäuptlings Bĕlarè standen die Kajan Mann an Mann neben den Pnihing, ohne für den Häuptling selbst einen Platz frei zulassen. Dieser betrachtete mit seinem Enkel an der Hand vom Ufer aus gelassen die Bestürmung seines Fahrzeuges. Ich kam diesmal wirklich in Versuchung, von meinem Stocke Gebrauch zu machen; aber da mir eine derartige Einführung bei den Mahakamstämmen doch nicht geraten erschien, suchte ich schliesslich auch hier auf Kosten meiner Kehle die weisen Beschlüsse der Häuptlinge zur Ausführung zu bringen.
In Anbetracht des hohen Wasserstandes waren unsere Fahrzeuge auch jetzt noch sehr schwer beladen, aber bei der Umsicht der Pnihing und Mahakam Kajan und der Besorgnis ihrer Häuptlinge für unsere Sicherheit hatten wir nichts zu fürchten und fuhren schnell flussabwärts an den Mündungen des Kaso, Sĕrata und Tjĕhan vorüber bis vor das Haus des Häuptlings Bĕlarè.
Der Pnihinghäuptling wies uns Europäern und den Malaien als Wohnung ein alleinstehendes Haus an, das so hoch und auf so dünnen Pfählen gebaut war, dass mir angst und bange wurde beim Gedanken, dass 20 Menschen und alles Gepäck da hinauf geschafft werden sollten. Der Boden des Hauses befand sich 6 m über der Erde und die Pfähle waren nur 2 × 1.5 dm dick. Da meine Malaien aber nichts gegen den Einzug in diesen Vogelbauer einzuwenden hatten, liess ich alles Gepäck nach oben bringen und erklomm zuletzt selbst die steile Leiter. Die Höhe unserer Behausung schützte uns wenigstens vor dem oft lästigen Besuch von kleinen Kindern und Hunden.
Haus des Pnihinghäuptlings Bĕlarè.
Jetzt, wo ich zum ersten Mal seit langer Zeit all unser Hab und Gut beisammen in einem geschlossenen Raum aufgestapelt sah, wurde es mir bewusst, wieviel Sorgen und Mühen diese hundert Packen und Kisten meinen Trägern auf den schwierigen Pfaden durch Wälder und Flüsse verursacht hatten, und die abgearbeiteten Gestalten meiner braunen Reisegenossen wurden mir dadurch um so lieber. Ich beeilte mich denn auch, meinen Mendalam Kajan so schnell als möglich Reis und Böte zu verschaffen, damit sie ihre zurückgebliebenen Stammesgenossen abholen konnten. Mit Geschenken und guten Worten gelang es mir bei den Pnihing, die Hälfte meiner Leute auszurüsten und sie am folgenden Tage flussaufwärts zu schicken. Die andere Hälfte begab sich mit Kwing Irang an den Blu-u, um sich dort verproviantieren zu lassen, und zwei Tage darauf fuhren auch sie an uns vorüber den Mahakam aufwärts. Die Häuptlinge hatten ihnen natürlich nicht ihre besten Böte zur Verfügung gestellt, aber es kamen doch alle unsere Kuli wohlbehalten bei uns an, so dass ich froh sein konnte, so viel Gepäck ohne Verlust oder Schaden an Menschenleben bis an den Mahakam gebracht zu haben.
Meine erste Aufgabe bei Bĕlarè bestand in der Löhnung aller, die mir geholfen hatten. Kwing Irang und seine Kajan wollten warten, bis ich zu ihnen zog, und begaben sich daher gleich weiter auf die Heimreise. In der Lohnfrage kamen zuerst die Pnihing aus den Niederlassungen am Tjĕhan und Long Kub in Betracht. Mein reicher Vorrat an Tauschartikeln erlaubte mir, ihre Dienste mit batik-Stoffen, weissem, rotem, und schwarzem Kattun und rotem Flanell reichlich zu bezahlen. Ihre Häuptlinge erhielten je eine hübsche Jacke oder ein seidenes Umschlagetuch. Meine Dankbarkeit für unsere wohlbehaltene Ankunft verleitete mich, den Leuten zu viel zu geben, mit Rücksicht auf künftige Lohnansprüche musste ich mich daher bereits am anderen Tage den Pnihing von Bĕlarè gegenüber mässigen. Diese erhielten nun zwar weniger, eine Handvoll Salz als Zugabe stellte aber jeden zufrieden, ausserdem hatten wir, da wir noch einige Tage bei ihnen bleiben sollten, Gelegenheit, ihren Frauen und Kindern mit allerhand beliebtem Tand wie: Fingerringen, bunter Wolle, Nadeln und Perlen eine Freude zu bereiten. Ich hatte mich nämlich, hauptsächlich auf Anraten von Kwing Irang, dazu entschlossen, noch einige Tage Bĕlarès Gast zu bleiben, ein Beschluss, der nach den überstandenen Anstrengungen bei allen Beifall fand.
Einen weiteren Grund für diese Verlängerung unseres Besuches bei den Pnihing bildete für mich der Wunsch, mit diesem einflussreichen Häuptling und den Seinen gut zu stehen; denn nur so konnte ich den Hauptzweck meines Aufenthaltes am Mahakam, die Bevölkerung vom politischen Standpunkt aus zu studieren, erfüllen. Ich hatte mir nun zwar, wie auch bei meiner früheren Reise, vorgenommen, meinen festen Wohnplatz bei dem mächtigsten Mahakamhäuptling Kwing Irang aufzuschlagen; Bĕlarè war aber von alters her sehr neidisch auf dessen Stellung, und so riet mir jener selbst an, auch seinen Nebenbuhler mit einem längeren Besuch zu beehren. Inzwischen hatte Kwing auch Zeit, ein Haus für mich in Stand zu setzen und für meine Leute ein Unterkommen zu beschaffen.
Unser Besuch befriedigte nicht nur die Eitelkeit der Pnihing, sondern kam ihnen auch in praktischer Hinsicht sehr zu statten; denn meine ärztliche Hilfe war auch hier wieder sehr nötig. Gleich am ersten Tage wurde ich zu zahlreichen Malaria- und Lueskranken gerufen. Indem der Kontrolleur mich auf meinen Krankenbesuchen begleitete, hatte er Gelegenheit, sich in vielen Wohnungen vorzustellen, die er sonst, ohne indiskret zu sein, nicht hätte betreten dürfen. Meine Praxis gewann mir bald das früher bereits erworbene Vertrauen der Leute wieder zurück, so dass bald dieser, bald jener sich wieder in meine Hütte wagte, um gegen Reis oder Früchte etwas von meinen Artikeln zu erhandeln. Die einen lockten die anderen heran und bald kletterten die Besucher ununterbrochen auf der hohen Treppe in unsere mit Gepäck und Menschen ohnehin schon überfüllte Hütte hinauf.
Auch aus der Ferne brachte man mir Kranke. In einer weiter unten am Fluss gelegenen Niederlassung, Long Kub, hatte man Kwing Irang auf seiner Durchreise gebeten, dort zu übernachten, um den Häuptling Erang Parèn, der wie seine Schwester, Bĕlarès Frau, an periodischen Ausbrüchen von Wahnsinn litt, am folgenden Tage zu mir zu geleiten. So kamen die Häuptlinge denn auch mit grossem Gefolge bei mir an—leider ohne ein Resultat zu erzielen; denn es schien mir geratener, lieber sogleich meine Ohnmacht einzugestehen, als die Leute mit Scheinmitteln hinzuhalten oder ihnen Beruhigungs mittel zu geben, die in den Händen dieser Menschen gefährlich hätten werden können.
Da Bĕlarè so viel daran gelegen war, als einer der vornehmsten Häuptlinge angesehen zu werden, war es mir sehr angenehm, dass ich sowohl ihm als Kwing Irang als Anerkennung für die Hilfe, die sie mir auf der vorigen Reise geleistet hatten, seitens der Regierung ein Geschenk anbieten konnte. Bĕlarè fand nun zwar den vergoldeten Silberbecher, den ich ihm überreichte, als Schaustück sehr schön, aber viel zu prunkend, um ihn täglich zu gebrauchen, und erbat sich daher von mir persönlich zum Alltagsgebrauch noch einen Satz Elfenbeinarmbänder, wie ich ihn Hinan Lirung geschenkt hatte. Überzeugt, dass mein wegen seiner Wildheit berüchtigter Freund nicht daran gewöhnt war, einen einmal geäusserten Wunsch fahren zu lassen, gab ich ihm nach, nahm mir aber vor, in Zukunft so sparsam als möglich mit meinen Tauschartikeln umzugehen.
Die Pnihing verlangten wohl unter dem Eindruck meiner grossen Vorräte für Böte, die ich jetzt anschaffen musste, so hohe Preise, dass Akam Igau mir riet, mich lieber an ihre Verwandten am Tjĕhan zu wenden, die an neuen Böten eine grosse Auswahl besassen. Meinem Gastherrn gefiel dieser Plan jedoch durchaus nicht, und ich hatte alle Mühe, ein kleines Boot mit 4 Ruderern zu erlangen, das mich mit Akam Igau und meinem Diener Midan an den weiter oben in den Mahakam mündenden Tjĕhan bringen sollte. Nach sechsstündiger Fahrt erreichten wir um 4 Uhr nachmittags das Haus der Pnihing, das am rechten Tjĕhanufer erbaut war; bei meinem ersten Besuch vor zwei Jahren war es noch nicht vollendet gewesen.
Trotzdem die Häuptlinge nicht zu Hause waren, begannen wir doch sogleich die vielen halb und ganz fertigen Böte zu besichtigen, und mit Akam Igaus Hilfe erwarb ich für schwarzen Kattun und Perlen sogleich zwei derselben. Zwei andere Böte, die ich gern erstanden hätte, gehörten dem Häuptling Parèn, der abends zurückkehren sollte; daher machte ich es mir inzwischen auf der grossen Galerie vor seiner Wohnung bequem. Reis einzukaufen, glückte mir nicht, da die Pnihing den Sĕputan am Kaso bereits viel verkauft hatten; einen besseren Erfolg hatte ich mit Batatenmehl.
Nach Parèns Ankunft wurde ich mit ihm wegen der Böte bald handelseinig; da er so viel von meinen schönen Tauschartikeln gehört hatte, sprach er den Wunsch aus, dass seine Frau Adjei und sein kleiner Neffe Kwing mich zu Bĕlarè begleiten sollten, um sich als Lohn für die Böte unter allen Herrlichkeiten selbst etwas auswählen zu dürfen. Obwohl ich diesem Dorfe nur einen kurzen Besuch machte und seine Männer für ihre Dienstleistungen von meiner mildtätigen Stimmung bei der Ausbezahlung des Lohnes am meisten Vorteil gehabt hatten, wollte ich doch auch bei den übrigen Bewohnern eine gute Erinnerung hinterlassen und forderte daher Frauen und Kinder auf, mich am folgenden Morgen vor meiner Abreise zu besuchen, um sich kleine Geschenke abzuholen. Trotz unserer früheren Bekanntschaft wagten sich anfangs doch nur wenige in meine Nähe, kaum hatten diese aber jeder einen Ring mit bunten Glassteinen erhaltet), als die Besucher in hellen Haufen aus allen Türen zum Vorschein kamen. Die Frauen waren auf diese wertlosen Ringe ganz versessen. Als ich auf meiner vorigen Reise in der Zeit der Reisnot nirgends mehr Reis auftreiben konnte, verkauften mir diese Frauen ihren letzten Vorrat für diese Fingerringe.
Gegen 10 Uhr morgens fuhren wir mit vier neuen Böten und einem fünften mit Adjei und Kwing ab. Bei Bĕlarè angekommen fiel es meinen Gästen, Adjei und Kwing, sehr schwer, unter allen Tauschartikeln eine Wahl zu treffen. Endlich gaben sie sich mit einer hübschen Jacke, einem Sarong aus batik und einigen Perlen zufrieden.
Demmeni hatte seine Zeit inzwischen auf andere Weise gut verwendet; durch allerhand Gaukelspiel, durch Explodierenlassen von Magnesiumpulver und Verbrennen von Magnesiumband hatte er die Pnihing in so gute Stimmung versetzt, dass der Kontrolleur es für wünschenswert hielt, mit ihm noch einige Zeit zu bleiben. Da auch Bĕlarè diese Gäste gern behalten wollte, beschloss ich, allein zu Kwing Irang an den Blu-u zu ziehen, um dort alles für einen längeren Aufenthalt vorzubereiten.
Als Bĕlarè abends mit einigen der vornehmsten Familienväter zu einem Plauderstündchen zu mir kam, brachte ich das Gespräch auf einen Zug zur Mahakamquelle. Ich hatte nämlich bereits 1896 Bĕlarè, der auf seinen Jagden und zahlreichen Expeditionen nach Sĕrawak diesen Teil des Mahakamgebietes gut kennen gelernt hatte, zu diesem Unternehmen zu bereden versucht. Die grosse Reisnot verhinderte uns aber damals an der Ausführung des Planes. Bĕlarè zeigte sich auch jetzt wiederum bereit, mich zu begleiten, verlangte aber für jeden seiner Leute einen und für sich selbst zwei Reichstaler (2½ fl.) als Tageslohn. Da ich noch lange auf tagweise bezahlte Dienste der Bahau angewiesen war, konnte ich auf eine derartige Bedingung natürlich nicht eingehen und begann ihn, wie ich es früher mit Kaharon getan, auf das Unsinnige seiner Forderung aufmerksam zu machen. Auch die Pnihing zeigten sich logischen Beweisgründen zugänglich; denn als ich ihnen den hohen Wert eines Reichstalers begreiflich zu machen suchte und ihnen sagte, dass der Tageslohn in Sĕrawak und Kutei so viel niedriger sei, und dass auch meine Mahakam Kajan so viel weniger erhielten, musste auch Bĕlarè, allerdings ungern, zugeben, dass 1 fl. für den Tag bei eigener Beköstigung genügend sei.
Massenkalk mit undeutlicher Schichtung.
Den Lohn für die Begleitung an den Blu-u setzte ich mit Bĕlarè gleichfalls im voraus fest; die Pnihing forderten ein Kopftuch und einige Glasperlen für den Mann. Auch versprach ich Bĕlarè, am folgenden Morgen vor unserer Abreise nach seiner Frau zu sehen, die bereits bei meinem ersten Besuch an Anfällen von Verfolgungswahnsinn litt und die ich schon damals für unheilbar erklärt hatte. Während meiner Abwesenheit hatten sich die Anfälle noch einige Mal wiederholt; die grosse, schlanke Frau erschien jetzt magerer und bleicher als je. Vor dem Eintritt eines Anfalls empfand sie Schwindel und einen sonderbaren Geruch in der Nase, dann stellten sich Kopfschmerzen, Blutandrang zum Kopf, glühende Wangen und rot unterlaufene Augen ein. Bald darauf glaubte sie sich von bösen Menschen und Geistern verfolgt, griff nach Schwertern und Speeren zur Verteidigung und wurde dadurch für ihre Umgebung gefährlich. Da man ausserdem noch fürchtete, dass sie sich in ihrer Angst ertränken könnte, mussten einige Männer bei ihr Wache halten. Die zarte Frau entwickelte während der Anfälle so viel Kraft, dass mehrere starke Männer sie nur mit Mühe bewältigen konnten. Nach derartigen Anfällen, die bis zu 8 Tagen dauerten, kam sie wieder zur Besinnung und nach einigen Tagen gedrückter Stimmung wurde sie ganz normal. Die Anfälle waren zum ersten Mal aufgetreten, nachdem die Batang-Lupar aus Sĕrawak im Jahre 1885 Bĕlarès Niederlassung verbrannt und viele Menschen getötet oder als Sklaven fortgeführt hatten. Dass dieser Umstand die Krankheit nicht verursacht, sondern eine erbliche Anlage nur zum Ausbruch hatte kommen lassen, ging daraus hervor, dass ihr Bruder, der Häuptling von Long Kub, ohne diesen Anlass an der gleichen Krankheit litt. Auch jetzt konnte ich leider nichts anderes tun, als die Leute trösten.
Unterdessen hatten meine Begleiter gegessen, ihre grossen Böte unter dem Hause hervorgeholt, ins Wasser gelassen und ihr eigenes Gepäck in den Böten untergebracht. Ich machte von den starken Armen und frischen Kräften der Pnihing Gebrauch, um die meisten und schwersten Kisten sogleich von ihnen an den Blu-u mitnehmen zu lassen, der Rest sollte mit den übrigen Europäern nachkommen. Die meisten Malaien und Javaner zogen sogleich mit mir, um sich nach einer passenden Wohngelegenheit für sich umzusehen. Dass Bĕlarè und die Vornehmsten seines Stammes mir bis zum Blu-u das Geleite gaben, war ein Beweis dafür, wie sehr sie meinen Besuch und den verlängerten Aufenthalt des Kontrolleurs in ihrer Mitte zu schätzen wussten.
Die Fahrt ging bei dem hohen Wasserstande sehr schnell von statten, bereits nach zwei Stunden befanden wir uns an der Mündung des Blu-u. Die Ufer boten jetzt einen ganz anderen Anblick, als bei meiner Abreise im Frühling des vergangenen Jahres. Man hatte damals längs des rechten, 30 m hohen Ufers bereits zum dritten Mal alles Gestrüpp und Gras ausgerodet, um dort für den ganzen Stamm ein neues Haus zu bauen. Seitdem die Batang-Lupar ihre Niederlassung verbrannt hatten, lebten die Kajan nämlich zerstreut im ganzen Gebiet des Blu-u auf ihren Reisfeldern, auch hatte jede Familie im Laufe der Zeit bereits Pfähle und Planken zum Bau ihrer eigenen amin hergestellt und sie im Walde oder im Blu-u unter Wasser aufbewahrt. Schlechte Ernten, ungünstige Vorzeichen und die Angst vor den immer noch im Quellgebiet des Mahakam nach Guttapercha suchenden Batang-Lupar hatten den Hausbau ständig verzögert.
Während meines achtmonatlichen Aufenthaltes in ihrer Mitte (1896–97) hatten sich die Kajan, im Gefühl der Sicherheit wegen meiner Anwesenheit, mit neuem Mut an den Bau des Hauses gemacht und waren auch während meiner Abwesenheit in der Arbeit fortgefahren; denn jetzt standen eine lange Reihe amin auf dem hohen Ufer. Nur eine einzige Familie, zu der besonders viele arbeitsfähigen Männer gehörten, hatte ihre Wohnung völlig beendet, die übrigen wohnten noch in kleinen, aus alten Brettern gebauten Hütten rings umher und sollten erst später die letzte Hand an ihre amin legen. Kwing Irang hatte mit dem Bau seiner Wohnung überhaupt noch nicht anfangen können und wohnte augenblicklich mit seiner Familie und einigen Sklaven in einem sehr kleinen Hause, das wie die übrigen 3 In über dem Erdboden lag. Die meisten seiner Sklaven lebten mit ihren Familien auf den Reisfeldern des Häuptlings, die sie zu bebauen hatten und um welche herum sie ihre eigenen kleinen Felder angelegt hatten.
Da Kwing Irangs provisorische Wohnung nur eine sehr kleine Galerie besass, hatte man zur Aufnahme von Gästen und zur Abhaltung von Versammlungen seinem Hause gegenüber an der anderen Seite eines freien Platzes ein längliches Gebäude aufgeführt. Diesen Versammlungssaal hatte man zur vorläufigen Unterkunft meines Personals und Gepäckes bestimmt, während man für uns Europäer an dieses Gebäude angelehnt a m über dem Boden ein festes Haus von 48 □ m Grundfläche errichtet hatte. Man hatte sich, gleich nachdem Akam Igau meine Ankunft gemeldet hatte, ans Werk gemacht und mir ein so gutes, starkes Haus gebaut, wie ich es bis dahin auf meinen Reisen noch nicht besessen hatte. Uns Europäern stand nun ein ausgezeichneter Wohnraum zur Verfügung, der nur als Zeichenatelier für Bier, als photographisches Atelier für Demmeni und als Arbeits- und Handelslokal für Barth und mich zu eng war. Doch konnte allen diesen Anforderungen später entsprochen werden; vorläufig musste ich für meine Malaien eine Unterkunft zu beschaffen suchen. Kwing Irang meinte, dass hierfür ein leer stehendes, am Fusse des Uferwalles gelegenes, malaiisches Haus am geeignetsten sein würde. Es hatte hier lange Zeit ein malaiischer Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher, ein gewisser Hadji Umar, gewohnt, der sich augenblicklich unterhalb der Wasserfälle aufhielt. Das etwas baufällige Haus konnte schnell wieder hergestellt werden, indem der Wald Pfähle, der Häuptling Planken und meine Malaien die Arbeit lieferten. Die Lage des Hauses, weit ab von der eigentlichen Niederlassung der Kajan, war insofern günstig, als die Malaien, die für die Dajak nie Sympathie empfanden, hier ungestört wohnen konnten. Zwar war unser Geleite während der Nacht hier weit von uns entfernt, aber einige Männer konnten als Wache stets oben im Versammlungssaal schlafen.
Nachdem ich Bĕlarè und die Seinen belohnt und verabschiedet hatte, wandte ich mich an meine alten Kajan Bekanntschaften, die sich während der Anwesenheit der Pnihing in einiger Entfernung gehalten hatten. Ihrer Sitte gemäss, äusserte keiner der Kajan, bevor ich das Wort an ihn gerichtet hatte, seine Freude über meine Ankunft, dann aber war die Zunge plötzlich gelöst und ich wurde mit Fragen, wo ich die Zeit über gewesen sei, ob ich mich nicht verheiratet hätte u.s.w. über schüttet; leider begannen sie auch sogleich wieder um allerhand Dinge zu betteln. Das Willkommgeschenk, das die meisten erwarteten, schob ich noch einen Tag hinaus.
An den beiden folgenden Tagen trafen in gesonderten Gruppen die Mendalam Träger bei uns ein: zuerst die Ma-Suling mit denen aus Pagong. Diese wollten sich den Mahakam abwärts zu ihren Verwandten am Mĕrasè begeben, sich 10 Tage bei ihnen ausruhen und dann wieder an den Kapuas zurückkehren. Obgleich sie bereits in Putus Sibau einen Vorschuss von ihrem Lohn erhalten hatten und es abgemacht war, dass sie den Rest bei ihrer Heimkehr dort vom Kontrolleur in Empfang nehmen sollten, baten sie mich doch wieder um Geld. Mit Rücksicht auf meinen beschränkten Geldvorrat und darauf, dass alle anderen wahrscheinlich mit den gleichen Forderungen herantreten würden, musste ich ihre Bitte abschlagen und gab jedem nur eine kleine Summe als Vorschuss; für den Rest gab ich ihnen einen Brief an den Kontrolleur von Putus Sibau mit. Der gleiche Auftritt spielte sich mit den Kajan aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda ab, die sich, um Blutsverwandte zu besuchen und Handel zu treiben, nach anderen, weiter unten am Mahakam gelegenen Niederlassungen begaben. Nur den armen Punan, die wenig oder gar keine Tauschartikel besassen, händigte ich einen grösseren Betrag aus, damit sie unter Tĕtuhès Anführung bei ihren Verwandten am Sĕrata, wo sich bei den Pnihing eine grosse Bukat Niederlassung befand, keine allzu klägliche Rolle spielten.
Ferner besprach ich mit Kwing Irang, was ich seinen Untergebenen, die mir entgegengereist waren, geben sollte. Zu meiner angenehmen Überraschung schlug er mir vor, jeden auf die gleiche Weise mit einem Stück schwarzen und roten Kattuns zu belohnen; so hatte ich denn nicht mit dem persönlichen Geschmack der einzelnen zu streiten. Ein chinesischer Bankerottierer, Mi-Au-Tong, der aus Pontianak dein Kapuas entlang an den Mahakam geflüchtet war und jetzt bei den Kajan durch Handel mit Buschprodukten und Arzneien sein Leben fristete, half mir beim Messen des Zeuges. Die Abmachung mit dem Häuptling wurde von seinen Untergebenen natürlich wieder nicht für gut befunden; jeder verlangte noch eine Portion Salz dazu, die ich ihm gern gab.
Dem Häuptling selbst übergab ich im Namen der Regierung eine silberne Beteldose mit Zubehör, die ihn sehr zu beglücken schien. Seinen beiden Frauen hatte ich schöne seidene Tücher mitgebracht, ausserdem liess ich sie von meinen geblümten Seidenstoffen selbst noch etwas auswählen. Kwing Irangs Pflegetochter Kehad erfreute ich mit einem Ohrschmuck, bestehend aus 20 Silberringen von 4 cm Durchmesser. Ich hatte in Batavia 1500 dieser Ringe anfertigen lassen; sie bildeten einen kostbaren und wenig umfangreichen Tauschartikel.
Der Satz Armbänder aus Elfenbein, den ich Hinan Lirung und Bĕlarè gegeben hatte, spukte auch Kwing Irang im Kopfe herum, und er ruhte nicht eher, bis ich auch den Arm seines 10 jährigen Söhnchens Hāng mit Elfenbeinringen geschmückt hatte. Alle Bahau besitzen die Eigenart, dass sie ihre Wünsche starrsinnig auf einen bestimmten Gegenstand richten und dass man sie dann mit Geschenken von viel grösserem Werte nicht entsprechend erfreuen kann. Es ist daher am einfachsten, sie ihre Wünsche stets vorher äussern zu lassen.
Unvollendete Niederlassung der Kajan an der Mündung des Blu-u.
Zu meiner grossen Beruhigung war es diesmal mit dem Reisvorrat der Kajan viel besser bestellt, als auf meiner vorigen Reise. Bereits in den ersten Tagen kamen Scharen von Mädchen und Knaben, um gegen kleine Mengen Reis Nadeln, Perlen u.a. einzutauschen, so dass ich einen ganzen Vorrat beisammen hatte, bevor Barth, Demmeni und Bier am 11. Oktober bei uns eintrafen. Kaharon begleitete die Gesellschaft, um mit mir noch einmal über die Expedition zum Quellgebiet des Mahakam zu reden, die nach Ablauf der mit der Reissaat verbundenen Verbotszeit, die jetzt bei den verschiedenen Stämmen eintrat, stattfinden sollte.