Kapitel XIII.
Der Mahakam in seinem Ober- Mittel- und Unterlauf—Bewohner des Mahakamgebietes—Vorgeschichte der Stämme—Stellung und Einfluss der Fremden—Ursprüngliche Bewohner am oberen Mahakam—Vorherrschaft der Long-Glat—Kwing Irang und dessen Stellung unter den übrigen Häuptlingen—Verkehr und Handel unter den Stämmen—Selbständigkeit der Stämme—Verteilung der Ländergebiete—Bestimmungen in bezug auf Feld- und Waldfrüchte, Buschprodukte, Jagd und Fischfang—Industrie—Verkehr mit den Nachbarländern—Handel und Handelswege.
Der Mahakam (im Malaiischen; Mĕkám im Busang) ist von den Strömen Borneos, die sich an der Ostküste ins Meer ergiessen, der grösste. Er entspringt unter dem Namen Sĕlirong an der südwestlichen Seite des Batu Tibang, eines wahrscheinlich vulkanischen Berges, der sich in der Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges, das aus alten Schiefern besteht, erhebt. Der Mahakam folgt anfangs einem Längstal dieses Gebirges, aber bald nachdem sich der Sĕlirong mit dem Sĕliku, einem zweiten Quellflüsschen, das auf dem Lasan Tujan entspringt, auf 550 m Höhe vereinigt hat, bricht der Fluss in südwestlicher Richtung der Reihe nach durch alle Ketten des Gebirges hindurch. Bis zur Mündung des Howong, auf etwa 300 m Höhe, behält der Mahakam diese Richtung bei, wendet sich hier, in gleicher Entfernung von dem Batu Lĕsong, ungefähr gerade nach Osten und biegt dort, wo dieses Sandsteingebirge sich unter dem Namen Batu Ajo nach Süden fortsetzt, ebenfalls nach Süden. An der Biegung bei Long Tĕpai hat sich der Fluss durch die weissen Hornsteinschichten, auf denen das Sandsteingebirge liegt, nur ein schmales 15–40 m breites Bett erodieren können, während das Flussbett oberhalb Long Tĕpai an einigen Stellen eine Breite von 200 m erreicht.
An der Verengung bildet der Mahakam eine lange Reihe von Wasserfällen, die von oben nach unten folgende Namen tragen: Kiham (Wasserfall im Busang) Ulu, Kiham Hida, Kiham Nub, Kiham Lobang Kubang, Kiham Binju, Kiham Kĕnhè. Unterhalb dieser verengten Stelle verbreitert sich das Flussbett über eine ausgedehnte Strecke, bis beim Kiham Udang der Fluss wiederum nur 30 m breit wird, während noch weiter unten, beim Kiham Halo auf 100 m Höhe, die Wassermassen sich über eine Entfernung von über 2000 m durch eine Verengung, die zwischen 20–50 m breit und zwischen Sandsteinbergen gelegen ist, hindurchzwängen. Obwohl noch eine Strecke weit von Hügeln beengt, erreicht der Fluss doch bald wieder die normale Breite und wird von Long Bagung an auch nicht mehr stark durch Berge verengt. Während daher der oberhalb Long Bagung gelegene Teil des Mahakam nur unter günstigen Verhältnissen für die eigenartigen Böte der Eingeborenen schiffbar ist, können bis zu dieser Stelle, ausser bei sehr niedrigem Wasserstande, kleine Dampfböte den Fluss hinauffahren. Bereits bei der Mündung des Mĕrah beträgt die Breite des Flusses 300 m und nimmt nach unten hin immer mehr zu. Nur bei Uma Mĕhăk Tĕbă, wo der Strom sich um eine Hügelreihe windet, wird er noch einmal 100 m breit, später jedoch nicht wieder. Erst dort, wo die südöstliche Richtung in eine östliche übergeht, jenseits des Gunung Sindáwar, wird das Land zu beiden Flussseiten zu einer alluvialen Tiefebene, auch erhebt es sich nicht hoch über dem Meeresspiegel. Das Land behält aber nicht den gleichen Charakter bis zur Mündung bei, denn die ganze Ostküste von Borneo wird nach Süden, bis zum Pasirfluss, durch eine Gebirgskette begrenzt. Durch diese Gebirgskette muss der Fluss sich hindurcharbeiten, bevor er sich in zahlreichen Mündungen ins Meer ergiessen kann.
Betrachten wir uns den Oberlauf des Mahakam näher, so zeigt es sich, dass er so lange die südwestliche Richtung beibehält, als er sich in der Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges befindet, beim Howong jedoch wird er gezwungen, sich nach Osten zu wenden, da er dort auf das vulkanische Gebiet stösst, dessen wichtigste Erhebungen der Lĕkudjan, Penaneh und Mĕnĕtokai sind, und auf die Sandsteinformation, in welcher nach Osten hin der Batu Lĕsong die Hauptkette bildet.
Von der Vereinigung des Sĕlirong und Sĕliku an bis zur Mündung des Howong fällt der Fluss in seinem sehr geraden Lauf von 550 auf 300 m über dem Meeresspiegel. Da das Quertal überall eng ist, behält der Mahakam in diesem Gebiet ganz den Charakter eines Bergstromes, der nur bei niedrigem Wasserstande befahrbar ist und in welchem grosse Wasserfälle, wie der Kiham Matandow (Sonnenfall), die Reise sehr gefahrvoll machen.
Die Ufer bestehen, ausser auf kurzen, ebeneren Strecken, aus steilen Schieferwänden; im Flussbett selbst kommen nicht wie weiter unterhalb grosse Geschiebeablagerungen vor, die an den Ufern oder in der Mitte Geröllbänke bilden.
Da, wo der Fluss in der Richtung des Sandsteingebirges Batu Lĕsong im Süden und des Batu Apap Kaju Hun und Ong Dia im Norden nach Osten strömt, ändert sich sein Charakter. Bis Long Tĕpai kommen eigentliche Wasserfälle nicht vor, obgleich der Höhenunterschied zwischen Long Howong und Long Blu-u noch 100 m beträgt. Die grössten Hindernisse für eine Bootfahrt bilden auf dieser Strecke die Stromschnellen und die unterhalb der konvexen Uferseite gelegenen Geröllbänke. Der gewundene Lauf des Flusses zwischen Long Blu-u und Pahngè lässt bereits andere Verhältnisse vermuten. Von dem Gipfel des Batu Mili aus sieht man denn auch, dass sich das Flusstal nach Osten verbreitert; nur einige Hügel nähern sich den Ufern und am Horizont erscheinen die Berge Batu Niaan, Batu Boh und Batu Ajo. Auch eine Fahrt auf dem Flusse zeigt ein verändertes Bild; der Fluss hat hier sein Bett in seine alten Ablagerungen, viele Meter dicke Geröll- und Sandschichten, gegraben und zahlreiche kleine, bewachsene Geröllinseln erschweren die Fahrt auf dem Flusse.
Diese Flussablagerungen enthalten zahlreiche Schichten mit Pflanzenresten und haben ihr Entstehen dem Umstande zu danken, dass der Fall zwischen Blu-u und Tĕpai nur 20 m beträgt, während die grosse Enge des Bettes unterhalb Tĕpai durch Stauung bei Hochwasser auf die Stosskraft des Flusses sicher einen schwächenden Einfluss übt. Bei Lulu Njiwung ist die Anzahl kleiner Geröllinseln besonders gross. Unterhalb Long Tĕpai stösst der Mahakam auf das Bergmassiv, das nach Westen in den Pajang ausläuft; er windet sich hier durch zwei enge Täler nach Süden und bildet dabei zwei Reihen grosser Wasserfälle. Auf dieser Strecke ist der Fall des Flusses ein sehr bedeutender, er beträgt zwischen Long Tĕpai und Kiham Halo 80 m.
Nach der ersten, westlichen Reihe Wasserfälle folgt ein breiterer Teil des Flusses, an dem er den Bo aufnimmt, der, aus einem grossen Stromgebiet kommend, dem Mahakam ⅓ seiner Wassermenge zuführt.
Den verhältnismässig ruhigen Charakter dieser Strecke behält der Fluss bis Long Dĕho, wo bei Kiham Udang wiederum sehr enge Stellen folgen, da der Fluss die mächtigen Konglomeratblöcke, die in seinem Bette liegen, nicht hat entfernen können. Der Kiham Udang wird gänzlich aus diesen Blöcken gebildet, welche von den Konglomeratschichten aus rundem Griess abgebröckelt sind, die zu beiden Uferseiten mit Sandsteinschichten abwechselnd eine Mächtigkeit von 10–30 m erreichen. Der weiche Sandstein wurde vom Flusse weggeführt, während die Konglomeratmassen liegen blieben. Dass derartige Verengungen auf den Strom einen grossen Einfluss ausüben können, ersieht man daraus, dass der Fluss bei Long Dĕho im Jahre 1897 in zwei Tagen 15 in stieg, in 3 Tagen aber wieder seinen normalen Stand erreichte.
Unsere Wohnung in Long Blu-u.
Unterhalb Long Bagun hat der Fluss für seinen gewundenen Lauf eine breitere Ebene, die er sich selbst aus seinen Ablagerungen von Griess und Sand geschaffen hat, zu seiner Verfügung. Zwischen der Mündung des Mĕra und Ma Mĕhak Tĕba liegen besonders viele Inseln, die alle durch abgesetztes Geschiebe entstanden sind. Da Ana nur noch 50 m über dem Meeresspiegel liegt, ist der Fall des Flusses weiter unten nicht mehr bedeutend.
Unsere Wohnung in Long Blu-u.
Griessbänke kommen noch bis Ana vor, aber der Mahakam betritt erst bei Gunung Sindáwar die ausgedehnte Tiefebene von Kutei und erhält erst von hier an den Charakter eines Unterlaufs.
Das weite, gänzlich flache Gebiet nördlich und südlich vom Mahakam, das den grössten Teil des Binnenlandes von Kutei ausmacht, scheint in früherer Zeit ein grosses Wasserbecken gewesen zu sein, das durch den Mahakam und seine Nebenflüsse allmählich angefüllt und dann durch die Vegetation überwuchert worden ist. Als Überbleibsel dieses Beckens sind zu beiden Seiten des Flusses eigenartige Seeen zurückgeblieben. Diese tragen mit ihrer runden Form und grossen Oberfläche einen ganz anderen Charakter als die länglichen, gewundenen, kleinen Seeen, die in der “Wester-Afdeeling” zu beiden Seiten des Kapuas vorkommen und einen Teil des früheren Flussbettes darstellen. Obwohl ein Teil des Mahakam, vom Blu-u bis Long Pahngè, nach Auffassung von Professor Molengraaff, der Art seiner Geschiebeablagerung wegen nicht als Oberlauf betrachtet werden sollte, muss es doch aus praktischen Gründen zweckmässig genannt werden, den Teil des Mahakam ọberhalb Long Bagun als Oberlauf zu bezeichnen. Die ausgedehnten Geröll- und Griessablagerungen unterhalb dieses Ortes stempeln den folgenden Teil zum Mittellauf; während der Lauf des Flusses durch die Alluvialebene unterhalb Gunung Sindāwar alle Eigentümlichkeiten eines Unterlaufs aufweist. Nur wird der Fluss an der Küste durch eine Hügelkette gezwungen, erst durch sie hindurch zu brechen, bevor er sein Delta bildet.
Dass die Bevölkerung am oberen Mahakam aus Bahaustämmen besteht, die alle in den letzten zwei Jahrhunderten aus dem hoch gelegenen Gebirgsland Apu Kajan ausgewandert sind, ist bereits an anderer Stelle berichtet worden.
In dem Quellgebiet des Mahakam trifft man bis zum Kiham Matandow nur unberührten Urwald, in dem einige kleine Gruppen von Bukat umherschweifen. Sie gehören dem Bukatstamme an, der in den Gebieten des oberen Kapuas, oberen Mahakam und Njangejan zu Hause ist. Da sie in jedem Jahr und zu jeder Jahreszeit ihren Aufenthaltsort wechseln, wissen selbst die ansässigen Bahau oft nicht genau, wo sie sich gerade befinden. Sie stehen mit den übrigen Nomadenstämmen, die sich unter dem gleichen Namen von Bukat oder Punan am Sĕrata, Boh und am Kapuas im Flussgebiet des Gung, Kréhau und Mendalam aufhalten, in Verbindung.
Vor dem Kriegszug der Dajak aus Sĕrawak im Jahre 1885 wurde das Flussgebiet des Mahakam, vom Kiham Matandow bis zum Sumwé, von verschiedenen Niederlassungen des Pnihingstammes bewohnt. Diese Niederlassungen wurden damals jedoch alle verwüstet mit dem Resultat, dass sämmtliche Bewohner den Hauptstrom abwärts zogen und sich in den ersten Jahren am Danum Parei östlich vom Kajangebiete niederliessen und später, ungefähr 1893 und 1894, zwei Wohnplätze im Gebiete der Kajan selbst gründeten, den einen an der Mündung des Sumwé unter dem Häuptling Bĕlarè, den anderen dicht daneben zu Long ’Kub, unter den Häuptlingen Erang Paren und Tingang Kohi. Nach dem Tode des ersteren liess sich letzterer im Jahre 1901 wieder oberhalb der Mündung des Kaso nieder.
Die Dörfer an den Nebenflüssen wurden von den Sĕrawakischen Dajak verschont, so z.B. dasjenige am Howong unter Amun Lirung und das am Penaneh unter Kaja, dem Bruder Amun Lirungs.
Die Bewohner des Hauses an der Mündung des Tjĕhan konnten noch, bevor ihr Haus verbrannt wurde, flussaufwärts flüchten und setzten sich weiter oben an der Mündung des Paketè fest, wo sie noch 1898 unter dem Häuptling Paren lebten. Seit der Zeit wohnen sie aber näher an der Mündung des Tjĕhan, um Vorbereitungen für den Bau eines Hauses an der Mündung selbst zu treffen. Am Sĕrata, oberhalb der Wasserfälle, die hinter dessen Mündung liegen, war die Pnihingniederlassung unter Njangun Diu, in der auch viele Punan wohnten, von den Batang-Lupar verschont geblieben.
Kajanfrau vom oberen Mahakam.
Der Stamm der Seputan, der nicht zu den Pnihing zu gehören scheint, sondern in seiner Lebensweise mehr Übereinstimmung mit den Bungan Dajak zeigt, lebt im Gebiet des Kaso, teils hoch oben an diesem Flusse, teils am Penaneh.
Fährt man den Mahakam weiter abwärts, so gelangt man in das Gebiet der Kajan, die nach dem im Jahre 1901 erfolgten Tode ihres Häuptlings Kwing Irang unter dessen Neffen Bang Lawing stehen.
Der Stamm der Kajan beherrscht den zwischen dem Sumwé und dem Dini gelegenen Teil des Mahakamgebietes. Auch sein Haus, das sich früher unterhalb des Blu-u befand, wurde durch die Sĕrawakischen Dajak niedergebrannt, worauf sich die Bewohner zerstreut auf ihren Feldern im Gebiet des Blu-u niederliessen. Bei meiner Ankunft im Jahre 1898 bauten sie sich bereits eine neue Niederlassung auf dem hohen Mahakamufer an der Mündung des Blu-u. Im Lande der Kajan halten sich keine Punan auf.
Kajanfrau vom oberen Mahakam.
Östlich vom Dini beginnt das Gebiet der Long-Glat, eines Stammes, der sich gegenwärtig am Mahakam selbst festgesetzt hat und zwar in Lulu Njiwung unter Ding Ngow, in Batu Sala unter Paren Dalong und in Long Tĕpai unter Bo Lea, dessen Besitz an der Grenze des Njian endet. Mit Ausnahme des Mĕrasè, an dem die Ma-Suling leben, gehört das ganze Flussgebiet den Long-Glat. Auch hier kommen keine Punan oder Bukat vor.
Die Niederlassungen der Long-Glat unterscheiden sich insofern von denen der Pnihing, Kajan und Ma-Suling, dass in jeder derselben mehrere Stämme beieinander wohnen, die alle eigene Häuptlinge besitzen, welche dem Long-Glat-Häuptling gehorchen müssen. Diese Verhältnisse bestehen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, wo die Long-Glat am oberen Mahakam eine grosse Macht entwickelten und unter den zwei Häuptlingsbrüdern Bo Ibau und Bo Lĕdju Aja alle dort ansässigen Stämme unterwarfen. Die kleineren Stämme, wie die Ma-Tuwān, Ma-Tĕpai, Ma-Manok-Kwe und Batu-Pala wurden von ihnen gezwungen, mit ihnen zusammen zu wohnen, um ihre Anzahl zu vergrössern. Seit der Zeit teilten sich diese Stämme, sobald sich die Long-Glat teilten. Obwohl sie viel von den Long-Glat übernommen und sich auch durch Heirat mit diesen vermischt haben, hat sich doch noch vieles aus der Zeit ihrer Selbständigkeit bei ihnen erhalten. Sie haben sich ihre Sprache, ihren Häuserbau und ihren Gottesdienst ein Jahrhundert lang bewahrt, auch besitzen einige Stämme eine eigene Art der Tätowierung. Jeder dieser Stämme wohnt in seinem eigenen, langen Hause neben dem der Long-Glat, so dass man in einem Dorfe, das vielleicht 1–2 Hektare umfasst, 3–4 bisweilen sehr verschiedene Sprachen reden hört, beim Ackerbau sehr verschiedene Zeremonien, Verbotszeiten und Vorzeichen beobachten sieht und, besonders bei den Frauen, verschiedene Arten der Tätowierung feststellen kann.
Allen Sprachen, die in einer Niederlassung gesprochen werden, die allgemeine Umgangssprache, das Busang, mit einbegriffen, liegt der gleiche Stamm zu Grunde. Dem Laute nach weichen diese Sprachen aber sehr von einander ab; das Long-Glat z.B. ist den anderen Stämmen so fremd, dass die Bahau etwas Unverständliches als “dahaun Long-Glat” = “Sprache der Long-Glat” bezeichnen. Im gegenseitigen Verkehr benützt man das Busang.
In Lulu Njiwung wohnen die Long-Glat jetzt mit den Ma-Tuwān und drei anderen, kleineren Stämmen zusammen; in Batu Sala leben die Long-Glat mit den Ma-Tuwān und Uma-Tĕpai; in Long Tĕpai leben ausser den 3 letzten auch noch Manok-Kwe und Batu-Pala.
Die Ma-Suling und die Ma-Pagong haben sich im Mĕrasègebiet in zwei Dörfern gemeinsam niedergelassen, bei Napo Liu (oberhalb der Insel) dicht bei der Flussmündung, und weiter oben in Lulu Sirāng. Diese beiden Dörfer waren früher Jahrzehnte lang vereinigt gewesen, aber im Jahre 1896 trennten sie sich derart, dass jetzt in beiden sowohl ein Haus der Ma-Suling als eines der Uma-Pagong steht. Die Niederlassung von Napo Litt regiert der Häuptling Lĕdju Li und die von Lulu Sirāng der Häuptling Bo Ngow. Am Mendalam und in den beiden Niederlassungen am Mĕrasè wohnen die Uma-Pagong mit den Ma-Suling zwar gemeinschaftlich, aber, so viel mir bekannt, in gegenseitiger Unabhängigkeit.
Nach ungefährer Schätzung beträgt die Seelenzahl bei den Sĕputan 500, den Pnihing 1500, den Kajan 800, den Ma-Suling mit den Uma-Pagong 1300, den Long-Glat 1600 und den Nomadenstämmen 400, so dass die Bevölkerung am oberen Mahakam oberhalb der Wasserfälle ungefähr 6000 Seelen stark sein muss.
Neben dieser eigentlichen Bevölkerung halten sich im Gebiet des oberen Mahakam bei allen Stämmen, die ihnen Zuflucht gewähren, d.h. bei allen ausser den Pnihing, zahlreiche Fremde auf.
Diese sind hauptsächlich Malaien oder, besser gesagt, Mohammedaner verschiedener Blutmischung und Dajak aus anderen Gegenden, die sich hier vor allem mit dem Sammeln von Buschprodukten befassen. Unter den Malaien befinden sich viele, die ihr eigenes Land in der Nähe der Küste Verbrechen oder Schulden wegen verlassen und bei den Bahau Schutz gesucht haben. Die zahlreichen Arten Guttapercha und Rotang, die am oberen Mahakam zu finden sind, lockten mit der Zeit immer mehr Fremde heran. Besonders unter dein gutmütigen, rechtschaffenen Häuptling Kwing Irang erschienen viele malaiische Buschproduktensammler, die aus dem Gebiet des oberen Murung gebürtig waren; ihr Häuptling Temenggung Itjot, ein Nachkomme des von dem Krieg mit Bandjarmasin her bekannten Antassari, erhielt jedoch von den Kajan kein Niederlassungsrecht und durfte daher auch nicht mit einer Tochter aus der Häuptlingsfamilie in die Ehe treten. Itjot, der sich mit den Seinen verfeindet hatte, zog zu den Ma-Suling an den Mĕrasè, heiratete dort die Tochter eines vornehmen Häuptlings und lebte seit 1893 in der neuen Heimat. Es sammelten sich um ihn die Buschproduktensucher, von denen sich viele gleichfalls eine Frau unter den Ma-Suling wählten, und beuteten die Wälder am Mĕrasè aus, die sehr gross und reich an Buschprodukten waren. Nachdem sie die Wälder erschöpft hatten, zogen die meisten nach anderen Gegenden. Unter anderem suchten sie bei den Long-Glat in Long Tĕpai, Batu Sala und Lulu Njiwung Einfluss zu gewinnen, um sich in ihren Gebieten der Buschprodukte bemächtigen zu können; sie konnten aber, hauptsächlich beim Häuptling Bo Lea, ihre Raubpolitik nur mit grosser Vorsicht betreiben. Die meisten durften nicht einmal in einem Dorfe längere Zeit wohnen bleiben. Der energische Pnihinghäuptling Bĕlarè verstand diese für die Stämme gefährlichen Gäste sogar fast gänzlich fernzuhalten.
Der Wunsch der Häuptlinge, den Stamm nach. Möglichkeit zu vergrössern und das Ansehen, das sich die Fremden durch wirkliche oder vorgegebene Talente als Medizinmänner und Handwerker zu geben wissen, erleichtern den Fremden im allgemeinen die Aufnahme unter den Bahau.
Das Verhältnis zwischen Malaien und Dajak ist darin eigentümlich, dass einige Häuptlinge die Malaien gänzlich abzuwehren trachten, in dessen sie bei anderen zu hohem Ansehen gelangen. Von Einfluss ist hierbei die grosse Bewunderung, die sie bei den jungen Mädchen erregen. Viele Malaien sind daher auch mit den vornehmsten oder schönsten Mädchen der Stämme, in denen sie sich gerade aufhalten, verheiratet. In der Regel lassen diese Männer ihre Frauen, sobald ihre Existenz mühsamer wird, einfach im Stich und ziehen zu anderen Stämmen oder in andere Gebiete. Das geschah u.a. bei den Ma-Suling, als der Guttapercha am Mĕrasè sein Ende erreichte.
Zu den Bahau, die aus dem Apu Kajan gebürtig sind, gehören zweifellos die Kajan, Ma-Suling und Long-Glat. Die Pnihing schreiben sich zwar gern den gleichen Ursprung zu, wahrscheinlich aber mit Unrecht. Erstens ist es gewiss, dass sie aus dem Gebiet des oberen Kapuas, wo noch ein kleiner Teil Pnihing wohnt, in das Tal des Mahakam gezogen sind und dass sie seit dieser Zeit ständig in dessen Quellgebiet gelebt haben. Zweitens haben die Pnihing einen viel kräftigeren Körperbau und andere Sitten als die übrigen Stämme am Mahakam. Sie können nicht, wie die Bahau, Schwerter schmieden und in Holz und Knochen schnitzen; ihre Männer und Frauen tätowieren sich nur wenig, unsystematisch, augenscheinlich als Nachahmung anderer Stämme; Kriegstänze, die unter den Bahau allgemein üblich sind, kennen sie nicht. Der Umstand, dass sie das Fleisch der Horntiere essen, was andere Stämme nicht tun, macht es mir besonders wahrscheinlich, dass sie eher zu den Kapuasstämmen als zu den Bahau gerechnet werden müssen. Ihre Sprache ist mir unbekannt.
Die Pnihing gehören vielleicht zu der Bevölkerung, die im Gebiet des Mahakam wohnte, bevor die Bahau hier eindrangen. Diese berichten, dass sie das Land von Stämmen eroberten, die Pin-Mĕtjai, Nè-Kiham, Pin-Buwat, Pin-Kunjong, Ten-Nean, Pĕra-Téran, Nè-Bĕrang und Pin-Bawan hiessen.
Alle diese Stämme flohen durch das Kasotal, teils nach dem Kapuas, teils nach dem Barito. Die Ot-Danum am Miri, einem Nebenfluss des Kahājan, werden noch mit Sicherheit als Nachkommen dieser Stämme bezeichnet. Zu ihnen begeben sich die Mahakambewohner auch vorzugsweise, um Köpfe zu jagen. Man schreibt diesen Urbewohnern alle Überreste aus früheren Zeiten zu, hauptsächlich die Steine mit Figurenzeichnungen am oberen Mahakam. Den einen, im Tjĕhan, suchten wir auf; ein zweiter liegt auf dem Abhang am Auer Kĕbalan unterhalb Long ’Kup und ein dritter im Fluss vor der Mündung des Danum Parei; letzterer kommt nur bei niedrigem Wasserstande zum Vorschein.
Auch die steinernen Gerätschaften und Tempajan, die beim Fällen der mächtigen Wälder am Blu-u gefunden wurden, sind wahrscheinlich diesen Stämmen zuzuschreiben. Als lebende Beweise ihres Bestehens können die zahlreichen Sklaven der Mahakamstämme gelten, welche alle in den damals geführten Kriegen erbeutet wurden. Die Überlieferung ihrer Herkunft ist den Sklaven noch wohl bekannt und sie bleibt ihnen unter den Kajan auch bewusst, da diese ihre Sklaven in grösserer Abgeschiedenheit halten als die anderen Stämme. Sie fühlen sich grösstenteils noch fremd unter den Kajan, obwohl sie, mit Ausnahme einiger später geraubter Sklaven, alle im Stamme geboren sind, und folgen ihren eigenen Sitten, indem sie z.B. noch Hirsche und wilde Rinder essen.
Unter den Long-Glat sind die meisten Sklaven durch Heirat in den Stamm aufgenommen worden. Eine von dort gebürtige intelligente Sklavin, Uniang Pon, die viel gereist war, erzählte mir, dass man die Sklaven, ihrer grossen Anzahl wegen, unter die Stämme unterhalb der Wasserfälle verteilt hatte, da sie sonst den Bahau hätten gefährlich werden können.
Wie gross der Einfluss der Sklaven bisweilen gewesen ist, erkennt man daraus, dass die Kajan, die früher, nach eigener Angabe, Busang sprachen, sich jetzt des ke̥ho̱b Pin (Sprache der Pin) bedienen, eines Dialektes des Busang, der durch die Sklaven verändert worden ist.
Die Bahau zogen auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten zum Mahakam, der sie, der Überlieferung nach, durch seinen grossen Fischreichtum angelockt haben soll.
Die Ma-Suling und Ma-Pagong zogen mit denjenigen, die jetzt am Mendalam wohnen, aus dem Apu Kajan zuerst zum Njangejan und teilten sich erst dort. Sie zogen teils zum Mendalam, teils zum Mahakam, wo ihnen das grosse Kalkgebirge, in dem sich der Batu Matjan, Batu Ulu und Batu Brok erheben, lange Zeit zum Wohnplatz diente. Auch die anderen Bahaustämme, die jetzt bei den Long-Glat leben, hielten sich ursprünglich dort auf. Die Batu-Pala haben ihren Namen noch vom Batu Pala, dem kleinen Kalkplateau am Mĕrasè in der Nähe des Batu Situn, von wo die Long-Glat sie zwangen, zum Mahakam herunterzuziehen.
Die Kajan dagegen kamen vom Apu Kajan längs dem Boh herab, unter Anführung des Häuptlings Kwing Irang, der nach seinem Tode den Beinamen Singa Mĕlön erhielt. Sie fuhren den Mahakam hinauf, bis zu dem Lande, in dem sie jetzt noch wohnen. Seit der Zeit wurden sie von sechs Häuptlingen regiert, also dauert ihr dortiger Aufenthalt noch nicht länger als 150 Jahre. Gleichzeitig mit ihnen zogen noch viele andere des gleichen Stammes aus dem Apu Kajan fort. Nach ihrer Überlieferung hatten sie sich, um über einen Fluss zu gelangen, eine Brücke gebaut. Als die Vordersten das andere Ufer erreicht hatten, bemerkten sie einen Hirsch (pajo) und begannen: “pajo, pajo” zurufen. Die Hinteren verstanden jedoch: “ajo (Kopfjagd), ajo” und erschraken darüber so sehr, dass sie die Rotangtaue, an denen die Brücke befestigt war, durchschnitten, worauf diese in den Fluss fiel. Darauf kehrten sie für immer nach dem Apu Kajan zurück und liessen die anderen allein zum Mahakam ziehen.
Die Long-Glat wanderten aus dem Apu Kajan am Ende des 18. Jahrhunderts unter dem Häuptling Ding aus. Streitigkeiten mit anderen Stämmen zwangen sie zum Auszug; wahrscheinlich liegen allen anderen Auswanderungen die gleichen Ursachen zu Grunde.
Auch die Long-Glat folgten dem Boh, aber sie lebten längere Zeit an der Mündung (long) des Glat, nach dem sie auch ihren Namen tragen. Von hier aus zogen sie zum Mahakam hinunter und liessen sich an der Mündung des Njiān nieder, von wo sie durch eine Kriegsbande unter dem Häuptling Ding aus Long Howong, am mittleren Mahakam, vertrieben wurden. Eine Frau hatte hierzu die Veranlassung gegeben.
Darauf zogen die Long-Glat, unter Anführung der beiden Brüder Ibau und Lĕdju über die westlichen Wasserfälle bis dicht an die Mündung des Mĕrasè. Diese beiden Brüder waren als Söhne des früheren Häuptlings Ding noch im Apu Kajan geboren und spielten am oberen Mahakam viele Jahre hindurch eine grosse Rolle. Noch einmal mussten sie, wahrscheinlich infolge ihrer eigenen Übeltaten, bis zur Mündung des Sĕrata flüchten, wenigstens unternahm Lĕdju vom Sĕrata aus den grossen Kriegszug gegen die Turi (Taman), die am oberen Kapuas wohnten. Sämtliche Stämme mussten sich ihm ergeben. Er fuhr selbst den Kapuas bis Sĕmitau abwärts und verbrannte unterwegs alle Niederlassungen. Auch unternahm er grosse Züge nach dem Barito und oberen Kahájan, dem mittleren Mahakam und sogar nach dem Apu Kajan, wo er jedoch in der Nähe der grossen Wasserfälle des Batu Plakau geschlagen wurde. Für alle dies: Kriegszüge beanspruchte er die Hilfe aller Stämme am oberen Mahakam, die ihm tributpflichtig waren oder die er gezwungen hatte, aus ihren Bergfestungen am oberen Sĕrata und oberen Mĕrasè hinunterzuziehen. Die Ma-Suling liessen sich damals am unteren Mĕrasè nieder, die Ma-Tuwan mussten mit den Long-Glat zusammenziehen, ebenso die Batu-Pala, die ein Jahr lang belagert werden mussten, bevor man ihr Haus verbrennen konnte. Dies war überhaupt die gebräuchliche Weise, um die Bewohner zum Auszug zu zwingen; bisweilen trug man ihnen vorher noch ihr Hab und Gut aus dem Hause.
So zwang z.B. Lĕdju seinen Bruder Ibau, der sich mit einem Teil des Stammes von ihm geschieden hatte und auf einem Kalkplateau bei der Mündung des Sumwé lebte, sich wieder mit ihm zu vereinigen. Die Kalkberge tragen noch jetzt den Namen Liang Totong (totong = brennen). Lĕdju trieb die Untertanen seines Bruders mit ihrer Habe aus dem Hause und verbrannte dieses. Seither wohnten sie gemeinsam in Lirung Bān, einer Ebene am Mahakam, in der Nähe der Mĕrasèmündung.
In damaliger Zeit waren auch die Kajan und Pnihing von den Long-Glat unterworfen und ihnen tributpflichtig gemacht worden. Die Tributpflichtigkeit muss darin bestanden haben, dass die Long-Glat das Recht hatten, sich an Böten und Vieh einige beliebige Stücke mitzunehmen. Wahrscheinlich stand aber dieses Recht nur den Häuptlingen zu. Noch gegenwärtig herrscht die Sitte, dass ein junger Pnihinghäuptling, sobald er zum ersten Mal eine Niederlassung der Long-Glat betritt, dem betreffenden Häuptling ein Geschenk, ein Boot, ein Fischnetz oder einen Gong mitbringt. Übrigens sind die Stämme, die nicht mit den Long-Glat zusammenwohnen, unabhängig. Die Kajan erkennen die Oberherrschaft der Long-Glat nicht mehr öffentlich an, da ihr vor kurzem verstorbener Häuptling Kwing Irang aus der Häuptlingsfamilie der Long-Glat stammte.
Die Macht der Long-Glat hat sich einerseits vermindert, weil ihr Charakter weniger kriegerisch geworden ist, anderseits, weil der Stamm nicht mehr beieinander blieb. Bereits Lĕdju zog, nachdem der ganze Mahakam oberhalb der Wasserfälle unterworfen war, mit der Hälfte des Stammes nach dem mittleren Mahakam, unterhalb der Wasserfälle. Er führte einen Teil der Ma-Tuwān, Uma-Wak, Batu-Pala und anderer Stämme mit sich und überliess Ibau die Herrschaft über den oberen Mahakam. Der Auszug war durch die Heirat veranlasst worden, welche zwischen Lĕdju und der Tochter eines dort lebenden vornehmen Häuptlings, namens Owat, stattfand, und vielleicht auch durch Mangel an gutem Ackerboden für die zahlreichen Bahau und durch die Nähe der Küste, die ihnen Salz, Tabak und Leinwaren lieferte. Seine Nachkommen herrschten über alle Bahaustämme am mittleren Mahakam.
Im Jahre 1825 traf Georg Müller mit Lĕdju zusammen und wurde von ihm über die Wasserfälle geleitet und der Sorge seines Bruders Ibau anvertraut. In gleicher Weise verfuhr man später mit mir, bei meinem Zuge in der umgekehrten Richtung. Da in damaliger Zeit sowohl die Kajan als die Pnihing, die Müllers Geleite bildeten und ihn beim Gurung Bakang ermordeten, unter Ibaus Herrschaft standen, ist anzunehmen, dass der Mord auf dessen Befehl stattfand. Dass der Sultan von Kutei an dem Mord die Schuld trägt, ist unwahrscheinlich, weil die Bahau damals von Kutei gänzlich unabhängig waren.
Bemerkenswert ist, dass nur Müller ermordet wurde. Zwei seiner Soldaten erreichten den Kapuas, die übrigen wurden als Sklaven zum Mahakam zurückgeführt; keiner von diesen sah Java wieder. Ich erfuhr dies sowohl durch einen Augenzeugen, Adjang, den jüngsten Sohn von Lĕdju, als auch noch durch andere. Adjang, mit dem ich in Long Dĕho viel verkehrte, starb dort im Jahre 1900, im Alter von 90 Jahren.
Ibau war eine friedsame Natur und hatte einen Ruf als Schnitzkünstler. Er und sein Sohn Bo Kulè verstanden, die Long-Glat beisammen zu halten, aber nach des letzteren Tode war ein Teil des Stammes mit seinem Nachfolger Ngow Kulè unzufrieden und zog mit Bo Lea, einem Häuptling von niederer Geburt aber hohem Ansehen, weiter abwärts. Von den Manok-Kwe kamen sämtliche mit, weil Bo Lea mit der Tochter ihres Häuptlings verheiratet war. Gegenwärtig leben sie alle in Long Tĕpai. Auch Ngow Kulè blieb nicht an dem alten Ort Lirung Bān, wo der Stamm sich nach vielen Jahren wiederum ein Haus gebaut hatte, sondern liess sich in Lulu Njiwung nieder. Sein Sohn Ding Ngow, der sein Nachfolger geworden ist, lebt jetzt noch dort.
Trotzdem die Ma-Suling und Kajan jetzt von den Long-Glat unabhängig sind, besteht doch noch zwischen ihnen ein Band, nämlich die Häuptlinge, die alle entweder von der Häuptlingsfamilie der Long-Glat abstammen oder mit Gliedern von ihr verheiratet sind. So heiratete Bo Edo, die Schwester von Bo Kulè, einen Kajanhäuptling Owat, dessen Söhne der Reihe nach über die Kajan regierten; der letzte war Kwing Irang.
Bo Edo hatte aus zweiter Ehe mit einem panjin einen Sohn Li, der mit der vornehmsten Ma-Suling Frau verheiratet war. Sein Sohn Lĕdju Li war in Napo Liu, einer der Niederlassungen der Ma-Suling am Mĕrasè, Häuptling. In Lulu Sirāng wiederum ist ein anderer Häuptling mit einer Schwester von Bo Lea verheiratet. Auch unter den Häuptlingen der Pnihing vom Tjĕhan, dem Sĕrata und von Long ’Kup giebt es verschiedene, die aus dem Geschlechte von Bo Kulè abstammen, so dass sich weitaus die meisten Häuptlinge am Mahakam oberhalb Tĕpu von derselben Familie herleiten.
Diese Familienbeziehungen haben zur Folge, dass bei einigen grossen Arbeiten, wie beim Bau von Häusern durch die Häuptlinge, alle Stämme am oberen Mahakam Hilfe leisten, indem sie einen schweren Pfahl aus Eisenholz liefern.
Dies geschah auch beim Bau des mächtigen Hauses von Kwing Irang. Jede Niederlassung lieh ihre Hilfe, ausser Lulu Njiwung, dessen junger Häuptling, Ding Ngow, sich zu hoch achtete, um seine Hilfe anzubieten, weil er in direkter, männlicher Linie von Ibau abstammte. Wegen der Eigenart der Bahau, das Ansehen eines Stammes auch von den persönlichen Eigenschaften und vom Alter seines Häuptlings abhängen zu lassen, stand Kwing Irang, als Häuptling der Kajan, höher als sein junger Neffe in Lulu Njiwung und alle übrigen Häuptlinge. Vor diesen hatte er ausserdem voraus, dass sowohl sein Vater als seine Mutter aus Häuptlingsfamilien abstammten, ferner war er der älteste seines Geschlechtes und ein Mann nach dem Sinn der Bahau. Im Vergleich mit seiner Umgebung zeichnete er sich durch Friedensliebe aus, so dass unter seiner Regierung bei den Kajan nur noch selten Kopfjägerei geübt wurde; jedem gegenüber war er gerecht und selbstlos, nur war er ein Feind von energischen Massregeln. Obwohl einige andere, wie Bĕlarè bei den Pnihing und Bo Lea bei den Long-Glat, viel mehr Energie zeigten, erkannten sie doch mit den anderen Häuptlingen Kwing Irang als den Höchststehenden oberhalb der Wasserfälle an. Diese Oberherrschaft bezog sich tatsächlich aber nur auf allgemeine Interessen, wie Unterhandlungen mit Sĕrawak und den benachbarten Ländern, auch genoss er das Vorrecht,für die hohen Bussen aufkommen zu müssen, die von diesen Ländern aus wegen erbeuteter Köpfe auferlegt wurden.
Stammbaum der hipui bei den Mahakam Kajan.
Bo Kwing Irang (Singa Mĕlön)—Bo Uniang (Gattin von Lalau Anjè) Bo Kwing (Mann) Bo Tukau (Frau) Ding Tukau Bang Lawing (Nachfolger von Kwing Irang und Gatte von zwei panjin der Kajan) ein Sohn Lirung (Gattin des Malaien Utas) Bang Uniang (Gattin von Tĕkwan, hipui der Ma-Suling) Lasa Dja-Ang Owat (Gatte von Bo Edo) Uniang (Gattin von Bo Ibau in Long Tĕpai) Adjang Ibau zwei Töchter Kwing Irang Bang Awan (Sohn einer panjin der Kajan) Hang (Sohn von Uniang Anja, einer hipui der Long-Glat) Perèn (Sohn einer hipui der Pnihing) Li (Sohn eines panjin der Long-Glat, Gatte von Ero, hipui der Ma-Suling) Lĕdju (Häuptling der Ma-Suling in Napo Liu) Ibau Bulan (Gattin des Lĕdju Adjang) Lalau (Gatte einer hipui in Long Mĕdang) Tuka (gestorben in Tengaron) Ding (zu den Kajan geflohen) Edo (Gattin eines Malaien in Uma Mĕhak)
Auf die inneren Angelegenheiten eines Mahakamstammes hat niemand anders als die Glieder des Stammes selbst Einfluss. In dieser Beziehung wird die Autonomie des Stammes streng gewahrt. Einem Europäer, der an andere Verhältnisse gewöhnt ist, erscheint es auffallend, dass so kleine Stämme so gänzlich unabhängig voneinander und mit so wenig Verbindung untereinander am gleichen Flusse leben können.
Der gegenseitige Verkehr findet in der Tat nur durch einzelne Männer, die an Handelsreisen gewöhnt sind, statt. Nach der allgemeinen Sitte kehren diese Händler in den meisten Niederlassungen, an denen sie vorüberfahren, ein, um Neues zu hören oder mitzuteilen.
Junger Mann der Kajan am oberen Mahakam.
Frauen begeben sich zu fremden Stämmen nur, um Familienangehörige zu besuchen, und auch dies geschieht selten. So besuchen sich die Frauen der verschiedenen Niederlassungen der Long-Glat. Gleichwie viele 20 jährige Frauen der Mendalam Kajan noch nie in dem nur 3 Stunden entfernten Putus Sibau gewesen waren, kannten die meisten Frauen der Mahakam Kajan nur ihre eigene Niederlassung.
Während meines Aufenthaltes im Jahre 1899 ging Hiāng, die angesehenste von Kwing Irangs Frauen, mit ihrer Pflegetochter Kĕhad zum ersten Mal in ihrem Leben zum Stamm der Ma-Suling mit; dabei war sie bereits 50 Jahre alt. Da beide nur Kajan zu sprechen wagten, konnten sie sich nur mit Mühe mit den Frauen der Ma-Suling verständigen, die ein einigermassen verändertes Busang sprachen. Es dauerte zwei Tage, bis Kĕhad mit ihrer Nichte Bulan in ihrem mangelhaften Busang zu sprechen wagte. Um noch weiter, zu den Long-Glat nach Long Tĕpai, mitzufahren, fehlte ihnen der Mut. Ebenso verhielt es sich mit den anderen Frauen.
Derartige Verhältnisse führen die Stämme in hohem Masse zum Konservatismus und erwecken in ihnen die Neigung, sich in der ihnen eigenen Richtung weiter zu entwickeln, mit dem Resultat, dass unter allen diesen kleinen Menschengruppen, die aus derselben Umgebung abstammen, eine besondere Sprache und viele besondere Sitten hervorgegangen sind. Misstrauen, Eifersucht und Zwistigkeiten aller Art halten diese Stämme gleich stark von einander entfernt als dies anderswo bei Leuten geschieht, deren Verkehr durch Berge, Wasserfälle oder Wüsteneien verhindert wird.
Junge Frau der Kajan am oberen Mahakam.
Eine Verbrüderung der Stämme wird dadurch erschwert, dass die Bahau praktisch endogam sind, obgleich in der Theorie weder ihre adat noch ihre Religion ihnen verbietet, in einen anderen Stamm zu heiraten. Die Endogamie erklärt sich daraus, dass die Häuptlinge ihren ganzen Einfluss aufbieten, um eine Verminderung ihres Stammes durch den Wegzug seiner Glieder zu verhindern; denn im Hinblick auf eine eventuelle Verteidigung ist es wünschenswert, dass die Zahl der Stammesglieder möglichst gross ist.
Ich hatte diese Erscheinung schon bei den zwei Teilen des Kajanstammes zu Tandjong Kuda und Tandjong Karang am Mendalam bemerkt und fand sie in ganz derselben Weise am oberen Mahakam wieder. Hat sich ein Mann in einem anderen Dorfe niedergelassen, so werden noch nach Jahren Versuche gemacht, ihn zur Rückkehr zu bewegen.
Trotzdem ist seit Jahrzehnten von wirklicher Feindschaft und Kampf unter diesen Stämmen keine Rede mehr gewesen. Begreiflicher Weise ist aber auch ein gemeinsames Vorgehen unter ihnen nicht üblich und, wenn, wie es im Jahr 1885 geschah, die Batang-Lupar am Oberlauf grosse Verwüstungen anrichten, fühlen sich die Ma-Suling und Long-Glat durchaus nicht verpflichtet, den anderen Stämmen ernsthaft beizustehen, solange sie selbst nicht bedroht sind.
Der Boden, den ein Stamm der Bahau eingenommen hat, ist Eigentum des Stammes und Glieder anderer Stämme dürfen innerhalb dieser Grenzen kein Land besitzen oder Fische fangen. Alle innerhalb dieses Gebietes gelegenen Landstücke, die noch nicht bebaut gewesen sind, stehen jedem Stammesglied, die Sklaven mit einbegriffen, frei zur Verfügung; nach Beratung mit dem Häuptling wählt jeder den Boden, den er nötig zu haben glaubt. In Zeiten von Reismangel sind die Berge, in denen wilder Sago (nanga = Eugeisonia tristis) wächst, von grosser Bedeutung. Jeder darf dann nach Bedürfnis dort Nahrungsmittel sammeln. Das Gleiche gilt für den Rotang und andere Artikel, welche der Wald liefert; die freien Stammesglieder dürfen sie sogar zum Verkauf sammeln, ohne ihrem Häuptling einen Teil des Ertrages zu geben. Lässt der Häuptling die Buschprodukte durch seine Sklaven suchen, so erhält er den Zehnten des Ertrags; den gleichen Tribut erhält er auch von den Fremden.
Auch Jagd und Fischfang dürfen die Stammesglieder frei betreiben, nur steht dem Häuptling das Recht zu, sobald der Fischstand oder der Stand der Buschprodukte es erforderlich machen, einen bestimmten Fluss oder ein Waldgebiet für verboten zu erklären und demjenigen eine Busse aufzuerlegen, der dieses Verbot übertritt.
Die Waldfrüchte sind ebenfalls allgemeines Eigentum, ein Umstand der in günstigen Fruchtjahren von grosser Wichtigkeit ist, da in den Wäldern Borneos viele essbare Früchte vorkommen. Anders verhält es sich mit den Fruchtbäumen, die irgendwann von Familien des Stammes gezogen wurden. Doch werden die Früchte an entlegenen Orten vielfach gestohlen, was um so begreiflicher ist, als der Stamm bald hier bald da innerhalb seines Gebietes ein Haus baut und in der Nähe wieder neue Reisfelder anlegt. Die Fruchtbäume werden in der Regel dicht beim Hause gepflanzt und beginnen oft erst dann zu tragen, wenn das Haus wieder verlassen wird.
Der Grund zum Umzug eines Stammes liegt nur selten im Mangel an in der Nähe liegendem Ackerboden. Wenn der Feind durch Brandschatzung keine Veranlassung hierzu giebt, ist es meist der Aberglaube, der eine Rolle spielt. Kommen nämlich viele Todesfälle in einem Hause vor, so wird die Umgebung, in der es steht, für von bösen Geistern bewohnt angesehen, und der Stamm zieht an einen anderen Ort. Ferner hat auch Zwietracht im Stamme zur Folge, dass er sich teilt und die Parteien weit von einander wohnen gehen, wie es z.B. die Long-Glat von Lirung Bān taten, die sich in Lulu Njiwung und Long Tĕpai niederliessen. Die Ma-Suling mussten ihr Haus am Mĕrasè verlassen, weil es alt und baufällig geworden war. Dies geschieht jedoch nur selten; denn erstens besteht das Baumaterial, hauptsächlich am oberen Mahakam, aus sehr dauerhaftem Holz, zweitens finden sich schon viel früher Gründe, welche die Bewohner zum Auszug zwingen, vor allem Krankheit und Tod des Häuptlings. Im allgemeinen wohnen die Stämme selten länger als 8 bis 10 Jahre am gleichen Ort.
Nicht nur die Fruchtbäume, sondern auch der Boden bleibt Eigentum derjenigen Familie, die ihn zuerst bebaute; sie darf ihn nicht verkaufen, wohl aber umtauschen oder an andere Stammesglieder verpachten. Der Häuptling kann, wenn er viele Sklaven besitzt, viele Äcker bebauen lassen, er ist hierzu auch wegen der grossen Mengen Reis, die er zum Empfang von Gästen und für den Unterhalt seiner Sklaven nötig hat, gezwungen. Die Sklaven haben keinen Grundbesitz, aber sie erhalten vom Häuptling ein Stück Land zum Bebauen.
Auf je einen Arbeitstag für sie selbst kommen bei den Sklaven zwei für den Häuptling.
Zusammenhangslos wie die Stämme am oberen Mahakam sind, haben sie in früherer Zeit doch ein oekonomisches Ganzes gebildet, weil es nicht nur ihrer Neigung entsprach, alles für den Lebensunterhalt Erforderliche selbst herzustellen, sondern auch weil der Zugang zu ihrem Lande und das oft feindliche Verhältnis mit den umliegenden Ländern einen regelmässigen Verkehr zwecks Austausch von Handelsprodukten ausschloss. In den letzten 10 Jahren haben sich die Zustände zwar sehr verändert, doch kann man noch jetzt verfolgen, wie sich das Zusammenleben damals gestaltete. Feldfrüchte bauten alle für sich selbst und zwar in einem solchen Überfluss, dass noch etwas an die verwandten Stämme unterhalb der Wasserfälle, die damals noch keine Reiszufuhr von der Küste erhielten, verkauft werden konnte. Die Kleidung stellten sich die verschiedenen Stämme ebenfalls selbst her: während aber die Pnihing, Kajan und Ma-Suling sich lange Zeit ausser in Baumbast auch in selbst gewebte Stoffe kleideten und dies zum Teil auch jetzt noch tun, benützen die Long-Glat, wahrscheinlich ihres grösseren Wohlstands und der Nähe der Küste wegen, bereits seit langem eingeführten Kattun zur Kleidung, den sie nur mit eigenen Stickereien verzieren. Ein weiterer Grund für das Verschwinden der Webekunst, die von den Long-Glat ursprünglich gewiss ebenfalls betrieben wurde, ist, dass sie durch Herstellung von Schwertern und eisernen Ackergerätschaften einen bei den anderen Stämmen sehr gesuchten Tauschartikel besitzen, mit dem sie sich alles, was sie zum Leben brauchen, anschaffen können. Noch heutigen Tages ist die Schmiedekunst bei den Long-Glat viel höher entwickelt als bei den Kajan, Ma-Suling und Pnihing. Diese dagegen zeichnen sich im Bau von Böten aus, die aus einem Stück gearbeitet werden und eine Länge von 23 m und eine Breite von 2 m erreichen können. In ihren weiten, unberührten Wäldern finden sie die hierfür erforderlichen, sehr grossen Baumstämme, zugleich sind sie selbst aber auch die besten Bootbauer. Auch ihrer vortrefflichen Netze wegen sind sie bekannt. Dies sind hauptsächlich runde Wurfnetze, welche aus den gedrehten Fasern einer Liane, tengāng genannt, gewebt werden. Die übrigen Stämme verfertigen die gleichen Schnüre und Netze, aber die Pnihing verstehen diese Kunst am besten. Die Kajan stellen ebenfalls gute Böte her, auch können sie schmieden und Netze weben, aber ihre Leistungen stehen nicht besonders hoch.
Auch die Töpferei wurde vor nicht sehr langer Zeit noch am Mahakam betrieben. Man verfertigte Töpfe zum Reiskochen. Es gelang mir, noch einige dieser Exemplare aufzutreiben und zu erwerben. Die Ma-Suling und Ma-Tĕpai haben sich mit der Töpferei am längsten befasst, vielleicht weil sie den hierfür geeigneten Lehmlagern an der Mündung des Mĕrasè am nächsten wohnten.
Beim Beginn der Reisernte formen auch gegenwärtig noch alle Stämme grosse, viereckige, flache Töpfe von 2½ × 3½ dm Oberfläche, um den noch nicht völlig reifen Reis, der schwer zu entspelzen ist, darin zu trocknen. Diese Töpfe werden aber nur in der Sonne getrocknet und vertragen kein Wasser.
Das Schnitzen von Schwertgriffen aus Holz oder Hirschhorn bildet gegenwärtig eine blühende Industrie, die ebenfalls besonders von der. Long-Glat betrieben wird, jedoch sah ich auch bei den Kajan einige schöne Stücke, die aus jüngster Zeit stammten. Die Pnihing üben diese Kunst gar nicht und die Ma-Suling sehr wenig aus.
Auch der Reisbau regt zum Handelsverkehr an, indem er bei den verschiedenen Stämmen einen verschiedenen durchschnittlichen Ertrag liefert. Die Pnihing sind auch jetzt noch die schlechtesten Ackerbauer, während die Ma-Suling sich sowohl früher als gegenwärtig der besten Ernten erfreuen und nie Reismangel leiden; den überschüssigen Reis tauschen sie gegen die Erzeugnisse der anderen Stämme aus.
In früherer Zeit gewann man das Salz aus den Salzquellen, die sich im Gebiet der Kajan, Ma-Suling und Long-Glat befinden.
Auch im Flechten von Rotangmatten sind die Long-Glat den anderen Stämmen überlegen. Es lässt sich ganz allgemein behaupten, dass der Stamm der Long-Glat sich vor allen anderen im Herstellen gut gearbeiteter und schön verzierter Gegenstände auszeichnet, dass Kunstfertigkeit und Geschmack bei ihm am höchsten stehen. Sein politisches Übergewicht und die damit verbundene grössere Wohlhabenheit scheint hierin von bedeutendem Einfluss gewesen zu sein.
Die Long-Glat nehmen auch augenblicklich noch in bezug auf Schönheit der Kleidung die erste Stelle am Mahakam ein. Sie pflegen sich auch Alltags sorgfältig und hübsch zu kleiden. Ihre Art und Weise der Tätowierung ist ganz oder teilweise von anderen Stämmen, die sich früher wenig oder anders tätowierten, übernommen worden.
Erst in letzter Zeit hat sich bei den Long-Glat die Sitte eingebürgert, am Ober- und Unterkiefer die vordersten sechs Zähne zur Hälfte absägen zu lassen. Sowohl Männer als Frauen glauben sich hierdurch zu verschönern. Unter den jungen Leuten der Kajan und Ma-Suling hat diese Sitte, die vom Barito stammt, ebenfalls ihr Bürgerrecht erworben und sie unterwerfen sich, der neuen Mode zu liebe, gern dieser Marter.
Die einflussreiche Stellung der Long-Glat beruht, ausser auf der Überlieferung ihrer früheren Oberhoheit, auch darauf, dass Glieder ihrer Häuptlingsfamilie in diejenigen der Pnihing, Kajan, Ma-Suling und der abhängigen Stämme, mit denen sie zusammenwohnen, verheiratet wurden. Diese Verhältnisse wurden noch dadurch begünstigt, dass die Long-Glat-Häuptlinge, bald nachdem sie den Mahakam hinuntergezogen waren, von den Malaien die Vielweiberei annahmen, eine Sitte, die weder bei ihren Vorfahren herrschte noch bei irgend einem anderen Stamme besteht, die ihnen aber eine zahlreichere Nachkommenschaft sichert. Als Abkömmlinge der Long-Glat sind auch die letzten Kajanhäuptlinge dieser Sitte gefolgt.
Bildeten die Stämme am oberen Mahakam, wie wir gesehen haben, früher unter der Long-Glat-Herrschaft eine politische und später eine mehr oekonomische Einheit, so blieben sie doch von einer Berührung mit den Nachbarländern nicht gänzlich ausgeschlossen.
Weiter oben ist bereits erwähnt worden, dass im Beginn des 19. Jahrhunderts nach dem Kapuas, Barito und mittleren Mahakam Kriegszüge unternommen wurden, während sich später, bereits vor 1825, ein Teil der Long-Glat unterhalb der Wasserfälle niederliess. Hierdurch wurden freundschaftliche Beziehungen mit den südlicheren Gebieten angeknüpft. Mit den Bewohnern am Barito, Kapuas und Batang-Rèdjang blieb das Verhältnis lange feindlich, so dass dorthin, wenigstens von den Kajan, Ma-Suling und Long-Glat, nur selten Handelszüge unternommen wurden. Unter den Kajan war der Häuptling Kwing-Irang der erste, der sie vor ungefähr 30 Jahren nach dem Batang-Rèdjang geleitete, wo der Radja von Sĕrawak geordnetere Zustände geschaffen hatte. In jener Zeit wurden aber die Beziehungen, die man mit dem Apu Kajan noch stets unterhalten hatte, abgebrochen, weil die Kriege unter den Kĕnja selbst einen Zug in ihr Gebiet zu gefährlich machten. Bemerkenswert ist, dass, obwohl die Bahau nach dem Barito und Kapuas oft Kopfjagden unternahmen, von dort aus, so viel ich weiss, doch niemals am oberen Mahakam Köpfe gejagt wurden.
Durch den vorteilhaften Markt in Sĕrawak am Batang-Rèdjang angelockt, unternahmen hauptsächlich die Pnihing, Kajan und Ma-Suling, in geringerem Masse auch die Long-Glat, geregelt dorthin Handelszüge. Da sie dort aber ständig mit feindlich gesinnten Batang-Luparstämmen in Berührung kamen, bot sich beiden Parteien fortwährend ein Anlass, um Köpfe zu jagen, was die Regierung von Sĕrawak nicht verhindern konnte.
Wiederholte Unterredungen mit Kwing Irang und dem damals noch mächtigen Pnihinghäuptling Bĕlarè blieben so gut wie resultatlos, da diese kaum im stande waren, dergleichen Heldentaten bei den eigenen Stämmen zu unterdrücken und auf die anderen überhaupt keinen Einfluss hatten. Hierdurch ereignete sich folgendes:
Als Bĕlarè einst nach einer ernsthaften Beratung mit dem Radja von Sĕrawak von Fort Kapit, an der Mündung des Njangejan, diesen Fluss aufwärts fuhr, um nach dem Mahakam zurückzukehren, kam ihm ein anderer Pnihinghäuptling, Owat, mit einer Gesellschaft Dorfgenossen entgegen. Bĕlarè, der sie auf einer Kopfjagd vermutete, suchte die Leute zur Rückkehr zu bewegen, aber Owat, als geborener Ma-Suling, der bei den Pnihing nur verheiratet war, weigerte sich zu gehorchen. Als ihm bald darauf in einem Boot sieben Batang-Lupar begegneten, die Buschprodukte suchen gingen, ermordete er sie alle. Sĕrawak verlangte der Übereinkunft gemäss von den Mahakam Häuptlingen die Auslieferung der Mörder, aber diese, besonders die Ma-Suling, verweigerten die Auslieferung und die übrigen wagten nichts durchzusetzen. Als Folge hiervon beschloss der Radja von Sĕrawak, das schuldige Pnihinghaus, das sich unter dem Häuptling Paren am weitesten oben am Mahakam stand, zu züchtigen. Berücksichtigt man, dass zum Zusammenbringen und Ausrüsten einiger Tausend Dajak viel Zeit erforderlich ist und so etwas auch nicht im Geheimen geschehen kann, so erscheint es einem Europäer unbegreiflich, dass man am Mahakam nichts davon merkte. Auch die Fahrt den Njangejan aufwärts und der Zug über die Wasserscheide zum Sĕliku blieben unbemerkt, und die grosse Bande konnte sich dort, um Böte zu bauen, lange Zeit aufhalten, ohne dass man weiter unten etwas davon ahnte. Daher konnten die Pnihing völlig unvorbereitet überfallen werden. Das schuldige Haus wurde erobert, geplündert und verbrannt und die Bewohner grossenteils ermordet oder zu Sklaven gemacht. Die Banden kannten keine Disziplin und setzten ihren Plünderzug flussabwärts fort. Sie hielten sich am Hauptfluss, wo Bĕlarè ihnen in seinem Hause an der Kasomündung mit seinen wenigen Leuten einen heldenhaften Widerstand bot. Durch die Übermacht der Leute, die zudem von dem Radja mit Gewehren versorgt waren, wurde Bĕlarè schliesslich überwunden und musste flüchten. Sein Haus wurde ebenfalls geplündert und verbrannt. Nach seiner Angabe verlor er an Toten und Sklaven 234 Personen, vielleicht die Hälfte der ganzen Anzahl.
Wegen dieses Aufenthaltes hatten die Bewohner an der Mündung des Tjĕhan Zeit, diesen Fluss aufwärts zu flüchten; sie verloren daher nur ihr Haus, das verbrannt wurde. Die Plünderer fuhren noch weiter zum Kajanstamm, der völlig unschuldig war und so wenig an einen Überfall dachte, dass er sogar eine Gesellschaft Batang-Lupar in seinem Hause beherbergte. Das Haus wurde belagert und einen ganzen Tag lang mit Gewehren beschossen, ohne dass jemand verletzt wurde. Nur ein Malaie wurde bei ihnen dadurch getötet, dass sein Gewehr ihm beim Schiessen sprang. Gegen Mittag waren die Batang-Lupar bis unter das Haus gekommen, sie wagten sich aber nicht auf die Galerie hinauf. Da warf sich der geflohene Pnihinghäuptling Paren, der sein Haus und einen grossen Teil seines Stammes verloren hatte und sich daher bei den Kajan aufhielt, aus Verzweiflung mitten unter die Angreifer. Da die Kajan ihm nicht beizustehen wagten, machten ihn die Feinde nieder.
Der Tod dieses Häuptlings machte auf die Kajan und auch auf eine Schar Long-Glat, die nach oben gezogen war, um Nachrichten zu holen und Hilfe zu leisten, einen gewaltigen Eindruck. Die Batang-Lupar hatten jedoch viele der Ihrigen verloren und zogen sich daher abends auf eine weiter oben gelegene Geröllbank zurück, um später wieder flussaufwärts zu ziehen.
Des Abends spät jedoch zogen die Long-Glat aus dem Kajanhause fort, ein Umstand, der neben dem Tode Parens die Bewohner so erschreckte, dass sie nachts alle mit dem Notwendigsten versehen das Haus verliessen und auf den Batu Kasian flüchteten, der nur von einer Seite, von der Mündung des Blu-u aus, zu besteigen war. Die zurückgelassenen Hunde heulten aber in dem verlassenen Kajanhause die ganze Nacht über, wodurch die Batang-Lupar aufmerksam wurden. Als es Tag wurde, kamen sie noch einmal, um nachzusehen, was geschehen war. Sie plünderten und verbrannten das ganze Haus und zogen dann beutebeladen den Mahakam hinauf, zurück nach Sĕrawak.
Seit der Zeit werden höchstens Züge, um kriegsgefangene Blutsverwandte und Stammesgenossen zurückzufordern, und nur noch selten Handelsreisen nach Sĕrawak unternommen; und die Bewohner am oberen Mahakam müssen sich wegen Salz und javanischen Tabak, an die sie sich durch den Kontakt mit der Küste gewöhnt haben, nach dem mittleren Mahakam oder dem oberen Barito wenden, wo man diese Artikel noch bei meiner Ankunft im Jahre 1896 am besten erlangen konnte.
Die Beziehungen mit der Aussenwelt, die hauptsächlich den Verkauf der eigenen und den Kauf fremder Produkte zum Zwecke haben, werden meist von den Bahau selbst unterhalten, die, wenn ihre Arbeiten es zulassen, besonders in Zeiten niedrigen Wasserstandes, in einem oder mehreren Böten Handelszüge unternehmen. Für derartige Reisen vereinigen sich stets Leute desselben Stammes.
In der Regel bildete Udju Tĕpu, der Stapelplatz der Buschprodukte und Endpunkt der Dampferverbindung auf dem unteren Mahakam, das Ziel der Reise. Früher suchten die Stämme aus den oberen Gebieten ihre Webereien, Reis, Eisenwaren und Böte bereits unterwegs zu verkaufen; jetzt sind Webereien, Reis und Eisenwaren wegen der Zufuhr von unten nicht mehr viel wert; neben Geld bilden in Udju Tĕpu augenblicklich Böte, Guttapercha, Rotang, Bezoarsteine und Rhinozeroshörner brauchbare Tauschartikel. Ihrer Bedeutung nach geordnet bedürfen die Bahau folgender Artikel: Salz, Kattun, Tabak, Perlen, Eisenwaren und Tempajan.
In früherer Zeit bestand für alle diese Artikel durchaus kein fester Preis. Dieser wurde auch hier durch Nachfrage und Angebot und in noch höherem Masse durch die Persönlichkeit des Käufers und Verkäufers bestimmt. Buginese und Bahau standen einander gegenüber. Da jener im Handel kein Gewissen kennt und dieser, besonders auf fremdem Boden und in fremder, gefürchteter Umgebung, sehr leicht eingeschüchtert wird, wurde er stets auf die gröbste Weise betrogen.
Um von dem, was die Bahau für ihren wichtigsten Lebensartikel bezahlen müssen, eine Vorstellung zu geben, möge hier ein Fall unter vielen angeführt werden, den ich selbst erlebte und zwar mit der Autorität eines Europäers gegenüber diesen eingeborenen Kaufleuten. Der Sultan von Kutei in Samarinda verkauft das monopolisierte Salz an der Mündung für fl. 9 den Pikol (61,75 kg), in Tĕpu bezahlt man hierfür, je nach Umständen, in Geld fl. 12.50 und mehr, bei den Wasserfällen betrug der Preis im Jahre 1897 in Geld fl. 25 bis 30, während ich am Blu-u bei den Malaien das Salz nur für fl. 1.50 bis 2.50 pro Kilo kaufen konnte.
Javanischer Tabak, der in Samarinda mit fl. 13 bezahlt wird, kostet bei den Wasserfällen fl. 35 bis 40; weiter oben verlangen die Malaien sogar 60 fl. und mehr.
Die Dauer der Handelsreisen ist eine sehr verschiedene, weil sie auf der Strecke zwischen Long Tĕpai und Long Bagun durch den Wasserstand bestimmt wird. Werden die Böte hier nicht aufgehalten und sind sie nicht zu schwer beladen, so kann man in 5 Tagen von Long Blu-u nach Udju Tĕpu reisen und in 10 Tagen von hier wieder zurück sein. So günstige Umstände findet man aber nur sehr selten. Meist dauert ein solcher Zug über einen Monat. Die Verbindung mit dem Murung ist noch viel ungünstiger. Wenn möglich sucht man die nötigen Gegenstände in Muara Laung am Murung einzukaufen, wohin man sich vom oberen Mahakam aus auf verschiedenen Wegen begeben kann. Erstens vom Kaso aus, der für die kleinen, bis zu i o m langen Böte der Bahau längs der Niederlassungen der Sĕputan gut befahrbar ist. Nachdem man 3 Tage lang den Fluss hinaufgefahren ist, kann man das Boot in einem halben Tag über die Wasserscheide ziehen bis zu einem Nebenflüsschen des Busang, eines Nebenflusses des Djoloi, welch letzterer wiederum in den Murung mündet. Wegen der zahlreichen grossen Wasserfälle folgt man diesem Wege mir selten, um Muara Laung zu erreichen, sondern meist um in den höher gelegenen Gebieten den Buschproduktensuchern Reis zu verkaufen, für den sie einen sehr hohen Preis an Guttapercha und Geld bezahlen. Zweitens kann man den Murung vom Tjĕhan aus erreichen, der viel schiffbarer als der Kaso ist. Der Landweg dauert hier aber für einen nicht zu schwer beladenen Bahau 3 bis 4 Tage und führt über den Batu Lĕsong zum Busang, der wegen zahlloser Wasserfälle ein sehr schlechtes Fahrwasser bietet. Auch vom Blu-u aus folgt man bisweilen diesem Wege und zwar, indem man ein linkes Nebenflüsschen, den Ikang, an dem früher eine kleine Kajanniederlassung lag, hinauffährt. Weiter folgt man aber dem gleichen Pass des Batu Lĕsong, der dort ungefähr 1800 m hoch ist. Die Passhöhe beträgt über 1000 m. Der gebräuchlichste Weg nach Muara Laung ist jedoch der, östlich vom Batu Lĕsong längs des Pahngè und Bĕlătung, eines Nebenflusses des Murung. Dieser Weg führt zwischen dem Batu Lĕsong und Batu Ajo hindurch, die hier durch einen sehr niedrigen Pass geschieden sind. Der Bĕlătung ist zwar gut schiffbar, weil er keine hohen Wasserfälle besitzt, aber der Fall ist so bedeutend, dass man, um Gepäck und Menschen abwärts zu bringen, Flösse baut, auf denen alles festgebunden wird. Mit langen Rudern sucht man dann die Mitte des Stromes zu halten, gelingt dies nicht, so zerschmettern die Flösse und alles ist verloren.
Die Fahrt den Bĕlătung aufwärts ist nur bei sehr niedrigem Wasserstande möglich. Dieser Weg wurde bereits in früheren Zeiten viel benützt, um vom Mahakam aus nach dem Murung und weiter Köpfe jagen zu gehen; daher trägt das Gebirge den Namen Batu Ajo (ajo = Kopfjagd). In späteren Jahren sind diese Wege meistens von Buschproduktensuchern aus den Gebieten des Murung, Bĕlătung und Busang begangen worden, die sich zum Mahakam begaben, um dort Reis und andere Lebensmittel einzukaufen.
Die Reisen nach den malaiischen Niederlassungen am Murung dauern in der Regel viele Monate, und die Beschaffung von Salz, Tabak und Leinwaren ist des Transportes wegen sehr schwierig.
Die Bahau vom oberen Mahakam unterhielten längs des Penaneh und Howong auch mit dem Kapuasgebiet Handelsbeziehungen, aber wegen der grossen Entfernung und der früheren ungünstigen Handelsverhältnisse kamen sie nur selten hin. Dagegen kamen die Mendalambewohner und die Taman öfters nach dem oberen Mahakam, um Schwerter, Schwertgriffe, Matten und alte Perlen einzukaufen.
Die günstigen Handelsverhältnisse, welche der Radja von Sĕrawak am Batang-Rèdjang geschaffen hat, brachten besonders die Pnihing und Kajan dazu, den Beschwerden der Reise Trotz zu bieten. Um ihr Ziel zu erreichen, müssen sie den Mahakam hinauffahren, was 9 bis 60 Tage dauert, ferner längs des Sĕliku auf einer Höhe von 1100 m. die Wasserscheide überschreiten, um nach zweitägiger Fahrt den Njangejan abwärts nach Fort Kapit zu gelangen.