Kapitel XIX.

Allgemeines über Tätowierung—Unterscheidung dreier Gruppen—Vorschriften für Tätowierkünstlerinnen und Patienten—Tätowiergerätschaften—Ausführung und Folgen der Operation—Methoden der Tätowierung bei den verschiedenen Stämmen und Ständen—Seeentätowierung—Tätowierung der Kajan am Mendalam—Tätowiermuster—Tätowierung bei den Mahakamstämmen und den Kĕnja.

Die Tätowierungen der Dajak dienten ursprünglich wahrscheinlich als Körperverzierungen, gegenwärtig hat aber die Sitte des Tätowierens bei allen Stämmen so tief Wurzel gefasst, dass man sie als einen Brauch ansehen muss, dem zwar keine religiöse Bedeutung zukommt, der aber mit dem Lebenslauf des Individuums eng verknüpft ist.

Die Art der Tätowierung ist in Mittel-Borneo für die verschiedenen Stammgruppen, für die einzelnen Stämme und für Mann und Frau charakteristisch; auch sind die Anlässe, aus welchen tätowiert wird, bei beiden Geschlechtern verschieden. Bei den Männern kann man die Tätowierung im allgemeinen als einen Beweis betrachten, dass sie an gefahrvollen Unternehmungen teilgenommen haben, während sie bei den Frauen, beispielsweise bei denen der Long-Glat, die Einleitung einer neuen Lebensperiode bedeutet.

Die Long-Glat beginnen damit, den Mädchen, sobald sie acht Jahre alt sind, auf den Rückseiten der Finger an verschiedenen Stellen kleine Figuren zu tätowieren; bei Eintritt der Menses wird die Rückseite der Finger vollständig tätowiert und im Lauf der folgenden Jahre wird fortgefahren, bis der ganze Handrücken bis zum Puls seine Verzierung erhalten hat; auf die gleiche Weise wird mit dem Fussrücken verfahren. Mit 18 bis 20 Jahren lassen sich die Frauen die Vorderseite der Schenkel und in späterem Alter, oder wenn sie mehrere Kinder gehabt haben, auch die Hinterseite der Schenkel tätowieren.

Tätowieren einer Hand bei den Kajan am oberen Mahakam.

Während die Männer die Tätowiermarter gern auf sich nehmen, um nachher als tapfere Männer gekennzeichnet zu sein, wird die Sitte des Tätowierens bei den Frauen durch den Glauben unterstützt, dass den vollständig tätowierten Frauen im Jenseits gestattet wird, im Flusse Te̥lang Djulan zu baden und dadurch in unmittelbare Nähe der Perlen zu gelangen, die sich auf seinem Grunde befinden; die unvollständig Tätowierten dagegen müssen am Ufer stehen bleiben und die gänzlich Untätowierten dürfen sich dem Flusse überhaupt nicht nähern. Dieser Glaube, den ich am oberen Mahakam und bei den Kĕnja angetroffen habe, erleichtert den Frauen die entsetzlichen Schmerzen, die ihnen der Prozess des Tätowierens verursacht.

Zur Unterscheidung verwandter Stämme ist die Tätowierung der Frauen geeigneter als die der Männer, da diese sich auf ihren Reisen oft mit den charakteristischen Zeichen ihrer Gastherren schmücken, während die im Stamme bleibenden Frauen meist die ihm eigenen Muster tragen. Ein Eingeweihter kann an den Tätowierungen der Männer erkennen, welche Stämme sie besucht haben; weitgereiste Leute zeigen die Charakteristika der Stämme am Mahakam, Batang-Rèdjang, der Taman Dajak, Punan u.s.w.

In Mittel-Borneo lassen sich hinsichtlich des Tätowierverfahrens und hinsichtlich der angewandten Muster drei Gruppen von Stämmen unterscheiden, die wahrscheinlich mit ihrer geschichtlichen Trennung in den letzten Jahrhunderten in Zusammenhang stehen.

1. Gruppe der Bahau, Kĕnja und Punan.

2. Gruppe der Bukat und Bĕkĕtan.

3. Gruppe der Stämme vom Barito und Mĕlawi und der Ulu-Ajar vom Mandai.

Die erste Gruppe trägt Tätowierungen, welche aus dunkelblauen Linien bestehen; die Frauen verzieren Unterarme, Hände, Schenkel und Füsse, die Männer Schultern, Arme und Brust. Der Daumen der linken Hand und die Schenkel dürfen nur bei sehr tapferen Männern tätowiert werden.

Die Männer der zweiten Gruppe tätowieren den ganzen Körper vom Unterkiefer bis zu den Knöcheln mit grossen, dunkelblauen Flächen, aus denen die eigentlichen Figuren in der natürlichen Hautfarbe hervortreten.

Hat sich ein Bukatjüngling auf einem Kriegszuge oder bei einer anderen Gelegenheit ausgezeichnet, so wird ihm zuerst auf die Brust eine dreieckige Fläche tätowiert, darnach werden die Schultern, der Nacken, die ganzen Arme, der Rücken und der Unterkiefer auf die gleiche Weise behandelt; später wird oben an den Waden noch eine viereckige Fläche angebracht. Nach weiteren Heldentaten dürfen sie sich, ausser an der Innenseite, das ganze Bein tätowieren lassen.

Frau der Long-Glat mit vollständiger Tätowierung.

Bei der dritten Gruppe beginnen die Männer damit, sich grössere oder kleinere Scheiben auf die Waden, unterhalb der Kniekehlen, tätowieren zu lassen; später werden, im Gegensatz zu den Kajan und Punan, die isolierte Figuren tragen, die Arme, der Rümpf und der Hals vollständig mit zusammenhängenden Figuren aus dunkelblauen Linien bedeckt. Die Frauen verzieren hauptsächlich die Kniee, Unterbeine und Hände.

Die eben erwähnten drei Gruppen unterscheiden sich in Bezug auf die Ausführung der Tätowierung darin, dass die zweite und dritte aus freier Hand tätowiert, während die Künstlerinnen der ersten Gruppe die anzubringenden Figuren erst in Relief auf kleine Bretter (klinge̱ te̥dăk = Tätowierbrettchen) schneiden lassen, diese mit Russ bestreichen, auf die Haut abdrücken und auf den erhaltenen Linien dann Damararuss unter die Haut treiben.

Dahei Kwing, achtzehnjährige Kajanfrau vom oberen Mahakam mit tätowierten Händen.

Alle drei Gruppen tätowieren mit Russ, der eine Blaufärbung der Haut bewirkt, nur die dritte Gruppe gebraucht auch rote Farbe.

Bei den beiden ersten Gruppen wird die Tätowierkunst von Frauen ausgeübt, bei der dritten von Männern. Doch hat die adat unter den Bahau und Kĕnja den Tätowierkünstlerinnen, in gleicher Weise wie den Schmiede- und Schnitzkünstlern, durch verschiedene Verbotsbestimmungen Schranken gesetzt. Da jede Tätowierkünstlerin unter dem Schutze eines besonderen Geistes steht, muss sie ihrem Schutzpatron allerhand Opfer bringen. Sie darf z.B. verschiedene Arten Fische und Blätter nicht essen, auch muss sie für jeden neuen Klienten eine me̥lă veranstalten, bei der sie ihrem Geiste in ihrem Korbe mit Tätowiergerätschaften alte Perlen und kawit anbietet.

Junger Bukathäuptling mit Brust- und Armtätowierung.

Solange die Künstlerinnen kleine Kinder haben, dürfen sie ihr Amt nicht ausüben. Den höchsten Lohn, einen Gong, dürfen sie erst nach 20 jähriger Amtstätigkeit fordern. Vor dieser Zeit müssen sie sich mit bescheideneren Löhnen, die in Perlen und Zeugen bestehen, begnügen. Sobald eine Künstlerin eine der genannten Vorschriften vernachlässigt, dunkeln ihre Linien nicht nach oder sie wird krank und stirbt.

Der Tätowierberuf ist insofern erblich, als eine junge, Frau die beste Gelegenheit hat, die Kunst von einem älteren Familiengliede zu erlernen.

Bisweilen bilden sich die Frauen, um von einer Krankheit zu genesen, zu Tätowierkünstlerinnen aus. Bleibt nämlich eine ärztliche Behandlung seitens einer Priesterin erfolglos, so rät man der Kranken, sich durch einen Schutzgeist vom Abu Lagan zur Künstlerin inspirieren zu lassen, um gleichzeitig mit dessen Hilfe die verlorene Gesundheit wiederzufinden. Die Frauen können sich aus diesem Anlass nur zu Priesterinnen oder zu Tätowierkünstlerinnen, die Männer auch zu Schmieden und Hirschhornschnitzern beseelen lassen.

So erlebte ich selbst, dass Uniang Anja, die zweite Frau von Kwing Irang, als sie von den Folgen eines Abortus nicht genesen konnte, sich von einer anderen Priesterin mit einem Geist der Tätowierkunst beseelen liess, nachdem sie früher bereits, für eine andere Krankheit, einen Geist der dājung hatte herbeirufen lassen.

Tätowierter Dajak vom Kahájan.

Die Frauen der Bahau und Kĕnja dürfen sich nur zu bestimmten Zeiten tätowieren lassen, da für die Dauer der Tätowierperiode die ganze Familie Verbotsbestimmungen unterworfen ist. Meistens wird nach der Reissaat, in der Jäteperiode, tätowiert, da für dergleichen dann am meisten Zeit vorhanden ist.

Bei den Kajan am Mendalam ist in der Saatzeit das Blutvergiessen verboten, daher auch das Tätowieren.

Befindet sich eine Leiche im Hause, so muss das Tätowierverfahren bis nach dem Begräbnis verschoben werden.

Zwei weitere Gründe, die eine schnelle und vollständige Ausführung der Tätowierung verhindern, bestehen, besonders bei den Mädchen, in der Furcht vor Schmerz und in dem Unvermögen, die für eine vollständige Tätowierung erforderliche Summe von 25–30 fl. aufzubringen. Die Prozedur wird ferner auch durch böse Träume, wie z.B. von Hochwasser, das starke Blutung bedeutet, aufgehalten oder vollständig unterbrochen, so dass man häufig unvollständig oder gar nicht tätowierten Frauen begegnet.

Eine Frau der Long-Glat muss an jedem Tage, an dem sie tätowiert wird, als Zuspeise für die Künstlerin ein schwarzes Huhn schlachten. Für die Männer sind die erwähnten Hinderungsgründe von weit geringerer Bedeutung, da ihre Tätowierung eine viel unvollständigere ist.

Bei den Kĕnja darf die Operation nicht im Hause, sondern nur in eigens zu diesem Zwecke erbauten Hütten stattfinden. Die männlichen Familienglieder müssen sich während der Tätowierperiode in Baumbast kleiden, auch müssen sie die ganze Zeit über im Hause anwesend sein. Befinden sich die Männer auf Reisen, so darf kein weibliches Familienglied tätowiert werden.

Beim Kĕnjastamm der Uma-Tow darf nur dann tätowiert werden, wenn sich gleichzeitig auch die Tochter eines vornehmen Häuptlings behandeln lässt. Ist diese aber, etwa infolge eines Trauerfalls, verhindert, sich der Operation zu unterwerfen, so dürfen sich die Mädchen des ganzen Stammes nicht tätowieren lassen.

Die Ulu-Ajar Dajak benützen zum Tätowieren ein Instrument, das aus einer 10 cm langen und 1 cm breiten Kupferplatte besteht, die vorn rechtwinklig gebogen in einen scharfen Zahn endigt. Der Zahn wird in die nicht gespannte Haut getrieben, indem man mit einem kleinen Holzstück leicht auf die Kupferplatte klopft.

Die Bahau- und Kĕnjafrauen tätowieren mit einem rechteckig gebogenen Holzstück (ulang brāng), in welches 2 bis 3 kupferne Nadeln mittelst Guttapercha befestigt sind (Siehe Tafel: Pfeilköcher, Giftbrett u.s.w. Fig. u). Sowohl dieser Nadelhalter als auch der mit Baumwolle umwundene hölzerne Klopfer (tukul ulang, Fig. v) sind oft mit schönen Schnitzereien verziert. Die Künstlerin verfährt folgendermassen: Nachdem sie die Tätowiermuster mit dem gebräuchlichen Färbemittel, einem Gemenge von Wasser und Russ des weissen Damaraharzes, auf die Haut gedrückt hat, taucht sie die Nadeln in ein Gefäss (bungan te̥dăk, Fig. t) mit derselben Flüssigkeit und treibt mit diesen Nadeln die Kohlenteilchen unter die Haut, indem sie mit dem Klopfer auf den Nadelhalter schlägt. Dieser ruht, um besser regiert werden zu können, mit dem Stiel auf einem Kissen. Die Operation veranlasst anfangs eine unbedeutende Blutung, nur da, wo dickere Linien ein wiederholtes Eindringen der Nadeln erfordern, mischen sich einige Blutstropfen mit dem überschüssigen Färbemittel und werden von einer Gehilfin entfernt. Die Patientin sitzt oder liegt während der Operation am Boden, die Künstlerin und deren Assistentin nehmen einander gegenüber, zu beiden Seiten des zu bearbeitenden Teiles, Platz und halten mit den Zehen die Haut gespannt (Siehe nebenst. Tafel).

Werden empfindliche Körperteile tätowiert, so krümmen sich die Mädchen vor Schmerz und weinen; oft haben sie auch später noch viel durch eine hinzugetretene Entzündung zu leiden. Eine vollständige Schenkeltätowierung kann am Mendalam in drei Tagen beendet werden; der zweite Schenkel wird erst, nachdem der erste geheilt ist, vorgenommen. Die Gliedmassen werden in folgender Reihenfolge tätowiert: Hand, Fuss, Unterarm und Schenkel. Der ganze Prozess dauert unter Umständen zwei Jahre.

Obgleich die Kajan viel geschickter und mit geringerem Blutverlust als die Ulu-Ajar Dajak tätowieren, tritt an den operierten Stellen doch stets eine kleinere oder grössere Schwellung auf; häufig auch eine ernsthafte Entzündung. Verschwindet diese bald, so erhält man später dunkle, scharfe Linien, tritt dagegen eine Ulzeration mit starker Narbenbildung auf, so verliert die Zeichnung viel an Deutlichkeit und verschwindet sogar, wenn ein Keloid entsteht, vollständig, denn das Keloid verdeckt die Figur und die Ulzeration verursacht ein Ausstossen der Kohlenteilchen. Nachdem die Entzündung und eventuell die Ulzeration geschwunden sind, werden die dunklen Linien der Figuren durch das junge Narbengewebe verdeckt und erscheinen dadurch blass, ausserdem tritt dieses aus der Umgebung reliefartig hervor. Nach dem Einschrumpfen des Narbengewebes werden die Farben wieder gut sichtbar. Dank dem sorgfältigen Verfahren der Kajan bemerkt man auch auf stark tätowierten Schenkeln und Armen nur wenig Narbengewebe. Haben die Figuren dennoch zu stark durch die Entzündung gelitten, so lassen manche sie durch die Künstlerin überarbeiten.

An die reiche Tätowierung der Frauen knüpft sich der Glaube, dass man einst nach ihrem Tode ihre Knochen an der Imprägnierung mit schwarzen Kohlenteilchen wird unterscheiden können. Am Mahakam, ursprünglich wohl auch am Mendalam, herrscht nämlich zum Teil noch die Sitte, dass die Knochen der Verstorbenen nach einigen Jahren von ihren Angehörigen gesammelt und in einer Urne in Grabhöhlen niedergelegt werden.

Die Tätowierungen sind nicht nur für die verschiedenen Stämme, sondern auch für die verschiedenen Stände innerhalb eines Stammes charakteristisch. Übrigens ist die Sitte des Tätowierens, wie jede andere Mode, der Veränderung unterworfen und zwar hauptsächlich deswegen, weil auch bei den Bahau die Niederen mit den Höheren zu wetteifern streben und die Tätowierung der Häuptlinge erst von den Freien und dann von den Sklaven nachgeahmt wird. Derartige Nachahmungen finden auch unter den Stämmen statt; so haben die früher mächtigen Long-Glat ihre Tätowiermethode bei den anderen Mahakamstämmen eingeführt. In den 30–40 letzten Jahren ist sowohl am Kapuas als am Mahakam bei den niederen Ständen die alte Art der Tätowierung durch die neue verdrängt worden.

In früheren Jahren trugen am Mendalam, wie Akam Igau sich noch erinnerte, nur die Häuptlingsfrauen Schenkelverzierungen; bei den gewöhnlichen Frauen war damals nur eine gleichmässig schwarze Bedeckung der Unterschenkel und Füsse gebräuchlich, wobei nur einige schmale Linien von natürlicher Hautfarbe als Umgrenzung rautenförmiger Flächen freigelassen wurden. Man bezeichnet diese Art der Tätowierung als te̥dăk danau = Seeentätowierung. Ich sah nur noch ein sehr altes Mütterchen auf diese Weise verziert.

Tätowiermuster der Mendalam Kajan.

Nach Auffassung der Kajan ist die Tätowierkunst auch den Tieren nicht ganz unbekannt, denn es beschlossen einst die Krähe von Borneo und der Argusfasan, sich gegenseitig ihr früher sehr schlichtes Gefieder zu verzieren. Die kluge Krähe, die sich sehr gut auf das Tätowieren verstand, machte sich sogleich ernsthaft ans Merk und es gelang ihr auch nach angestrengter Arbeit, ihren Freund prachtvoll zu schmücken. Darauf bemühte sich der Argusfasan, der Krähe den gleichen Dienst zu erweisen. Der Fasan ist aber ein dummer Vogel, auch merkte er bald, dass er der Arbeit nicht gewachsen war, daher nahm er die ganze schwarze Farbe und verteilte sie gleichmässig auf das Gefieder seines Freundes; seit der Zeit tragen sie beide ein so verschiedenes Gewand.


Bei sämtlichen Bahau am Mendalam trifft man die gleiche Art der Tätowierung. Die Männer schmücken sich der Reihe nach Schultern, Brust, Ober- und Unterarm mit Rosetten und stilisierten Hundeköpfen. Die Schulterrosette erhält der junge Mann, bevor er noch an einem grossen Handelszuge oder an einer Kopfjagd teilgenommen hat, für die übrigen Verzierungen wird aber eine derartige Gelegenheit abgewartet und, da die Tätowierungen in der Regel während des Zuges ausgeführt werden, wählt man für sie die typischen Muster der besuchten Stämme. Dieser Brauch wird aber nicht streng eingehalten; will ein junger Mann sich auch ohne Verdienste, aus Eitelkeit, tätowieren lassen, so steht ihm nichts im Wege.

Die Häuptlinge lassen sich viel weniger und seltener als die freien Kajan und Sklaven tätowieren; sie tragen selten mehr als eine Schulterrosette.

Die Tätowierung des linken Daumens und eine Schenkelverzierung werden den sehr tapferen Männern vorbehalten; am Mendalam war niemand vorhanden, der letztere besass, und eine Tätowierung des linken Daumens trug nur Akam Lasa, der Häuptling der Ma-Suling. Dass einige vielgereiste Männer, wie Akam Igau, keine Tätowierungen besitzen, ist dem Einfluss der Malaien zuzuschreiben, der am Mendalam bereits so bedeutend ist, dass, wie früher erwähnt, Akam Igau seinem ältesten Sohne in Bunut eine malaiische Erziehung hatte geben lassen.

Auch die Männer werden von Frauen tätowiert. Tandjong Karang besass zwei sehr gute Tätowierkünstlerinnen. Eine andre, Unjang Pon, war 1894 von Lulu Njiwung am Mahakam nach dem Mendalam gereist. Da sie schöne klinge̱ te̥dăk im Mahakamstil besass, liessen sich viele junge Leute von ihr tätowieren.

Die Tätowiermuster werden von den jungen Leuten selbst oder von deren Freunden verfertigt; die Muster der Künstlerin entsprechen nur selten vollständig dem Geschmack des Publikums. Wie bereits gesagt, werden die Muster auf kleinen Brettern in Relief geschnitten, eine Arbeit, die ausschliesslich Sache der Männer ist (Siehe Tafel: Tätowierung A. Fig. a-n). Nur selten werden die Figuren à jour geschnitten (Fig. o und p). Fig. a stellt eine einfache Schulterrosette vor; bei der Schulterverzierung b kommt die Rosettenform nur in der Mitte zum Ausdruck.

Betrachten wir, um die Motive der Muster besser zu verstehen, zuerst Fig. d und e, die, gleich b, c und f, “aso̱” genannt werden. Aso̱ bedeutet Hund. In den betreffenden Figuren ist der Kopf des Tieres in zierliche Arabesken verwandelt worden. Bei diesen Stilisierungen bleiben das Auge, die beiden Kiefer und zwischen diesen öfters die Zunge am längsten erhalten. Die Kiefer lassen sich häufig an den Zähnen erkennen (Fig. e, 2 und 3 und Fig. f, bei 2, nicht mehr bei d). In d stellt 1 das Auge in der gewöhnlichen, mehr oder weniger verzierten, runden Form dar. Den runden Fleck in der Mitte könnte man als Pupille auffassen. Das Auge ist mit verschiedenen Verzierungen umgeben, von denen die Kiefer 2 und 3 und die kleine Zunge 4 charakteristisch sind. Kiefer 2 verläuft in zierlichen Windungen, während Kiefer 3 in einen schlichten Bogen endet. In etwas veränderter Form findet man das Auge, die Kiefer und die Zunge in den Figuren b, c, o und p wieder.

In Fig. c geht die Phantasie des Künstlers noch einen Schritt weiter; die Figur ist hier aus der Vereinigung zweier Köpfe entstanden, von denen an der einen Seite die zwei Kiefer 2 und 4 und die Zunge 1, an der anderen die Kiefer 3 und 6 und die Zunge 7 noch zu erkennen sind. Bemerkenswert ist das Verbindungsstück 5, weil es das gemeinschaftliche Auge beider Köpfe darstellt. Wie an einem anderen Ort gezeigt werden soll, dient in der Ornamentik der Bahau das Auge, da es am strengsten bewahrt wird, als bestes Kennzeichen für ein Kopfmotiv; daher ist es ratsam, das Auge bei der Zergliederung der Motive als Ausgangspunkt zu wählen. Die Schulterrosette a lässt sich somit der Reihe nach von den stilisierten Hundeköpfen e, bei dem noch Kiefer und Zähne vorhanden sind, und von d, mit den zahnlosen Kiefern, ableiten. Fig. b stellt eine Vereinfachung von Fig. c dar. In b sind die Kieferpaare noch angedeutet, aber das Auge tritt bereits in den Vordergrund und wird in a zu einem selbständigen Motiv.

Die Tätowiermuster Fig. o und p wurden für mich von einem Schnitzkünstler in Tandjong Karang geschnitten, um mich einige hübsche Stücke eigener Erfindung sehen zu lassen. Ihrer Grösse wegen sind sie mehr für eine Brust- als für eine Armverzierung geeignet, obwohl Armfiguren gelegentlich auch auf der Brust, auf dem Pectoralis major, angebracht werden.

Für die Schenkeltätowierung der Männer fand ich am Mendalam nur ein einziges Motiv, nämlich das eines Hundes mit schlangenartigem Körper (Fig. f), bei dem die Beinpaare andeuten, dass es sich um ein vierfüssiges Tier und nicht um eine Naga oder eine Schlange, wie man beim ersten Blick denken könnte, handelt. Das Hundemotiv ist bemerkenswerter Weise überhaupt das einzige, mit dem sich die Männer der Mendalam Kajan und der Bahau im allgemeinen tätowieren.

Die Tätowierung der Frauen ist bei den Mendalamstämmen weit höher entwickelt als die der Männer.

Vor 30 bis 40 Jahren bestand die Tätowierung der Frauen, wie oben bereits gesagt ist, in einer einfachen Seeentätowierung (te̥dăk danau), bei der das Unterbein von der halben Kniescheibe bis zur Fusswurzel einförmig dunkelblau tätowiert wurde. Die blaue Fläche wurde durch 4 Längs- und 2 Querlinien in 12 Vierecke zerlegt. Diese Linien, die 6 mm breit waren, wurden durch nicht tätowierte Stellen gebildet und zeigten daher die natürliche Hautfarbe. Von den Linien liefen zwei seitlich, parallel dem Schienbein und zwei zu beiden Seiten der Waden, in ungefähr gleichen Abständen von einander. Die beiden Horizontallinien verteilten diese Flächen je in drei Bleichhohe Vierecke. Auf die gleiche Weise wurden die Unterarme vom Ellbogen bis zum Puls verziert.

Ob diese Tätowiermethode damals auch bei den Häuptlingsfrauen gebräuchlich war, konnte ich nicht feststellen, ich halte es aber für wahrscheinlich, da sie damals überall, auch bei den Mahakamstämmen, verbreitet war.

Seit geraumer Zeit ist aber bei den Frauen der Häuptlinge eine andere Art der Tätowierung im Schwange, bei der Unterarme, Handrücken, Schenkel und Fussrücken mit sehr komplizierten und schön ausgearbeiteten Figuren verziert werden. Die übrigen Frauen ahmten diese Methode nach, so dass das danau-Muster allmählich verschwunden ist und augenblicklich alle Frauen, von der Häuptlingstochter bis zur niedersten Sklavin, nach der neuen Mode tätowiert sind. Die Tätowierungen der angesehenen Frauen unterscheiden sich von denen der gewöhnlichen Frauen zwar nicht durch die Zeichenmotive, aber durch die Art der Bearbeitung und durch die Anzahl der Grenzlinien, welche diese Motive trennen und zugleich zu ihrer Zusammenstellung dienen. Je grösser nämlich die Zahl dieser Grenzlinien, desto höher ist der Rang ihrer Besitzerin. So gehört die auf Tafel: Tätowierung B. abgebildete Schenkeltätowierung, der als Hauptmotiv ein Menschenkopf (kọhong ke̥lunăn) zu Grunde liegt, einer panjin (Freien), weil die Köpfe nur von 4 Grenzlinien (g) umgeben sind; dagegen ist die Schenkeltätowierung auf Tafel: Tätowierung C., die einer Häuptlingsfrau, weil das Kopfmotiv 6 Grenzlinien (g) besitzt. Das Gleiche gilt für die Zahl der Linien in dem Motiv “pusung” der Armtätowierungen (Tafel: Tätowierung D. Fig. a und b). Sklavinnen dürfen diese Figuren nur mit drei Linien begrenzen. Ausserdem sind die Muster bei den Wohlhabenderen besser ausgearbeitet, weil sie geschicktere Tätowierkünstlerinnen und schönere klinge̱ te̥dăk bezahlen können.

Die Schenkeltätowierung der Frauen wird mit zweierlei klinge̱ te̥dăk zusammengesetzt, erstens mit einem viereckigen, einen Menschenkopf darstellenden Muster, das man für die obere Reihe, die Vorderseite und die Hinterseite unten verwendet, indem man sie neben einander auf die Haut abdrückt (Siehe Tafel: Tätowierung B.). Das zweite, für die Hinterseite bestimmte Motiv, ke̥tong pat genannt, ist mit einem anderen klinge̱, das vier verschlungene Linien darstellt, ausgeführt.

Alles übrige tätowiert die Tätowierkünstlerin aus freier Hand, ohne vorher etwas auf die Haut zu zeichnen. Auf diese Weise wird auch das ganze schöne Kniestück tätowiert.

Als Beispiel für eine Schenkeltätowierung einer angesehenen Frau möge die von Tipong Igau, der ältesten Tochter Akam Igaus, dienen, welche mit dem klinge̱ te̥dăk Fig. n (Tafel: Tätowierung A.) und einem zierlichen ke̥tong pat zusammengestellt ist (Tafel: Tätowierung C.). Das hier gebrauchte klinge̱ te̥dăk stellt, wie gesagt, einen Menschenkopf (kọhong ke̥lunăn) dar, der von 6 Grenzlinien eingeschlossen ist.

Schenkeltätowierung einer panjin.

Der stilisierte Menschenkopf ist das einzige Motiv, das am Mendalam für ein klinge̱ der Vorderseite des Schenkels benützt wird. Oft bleiben von dem Kopf nicht viel mehr als zwei Augen und eine Andeutung von Nase und Mund übrig, doch wird er stets weiter als kọhong ke̥lunăn bezeichnet. Nur Paja, Akam Igaus zweite Tochter, war sehr stolz darauf, dass ihre Beine mit einem usung tingang (Schnabel resp. Kopf des Nashornvogels) geschmückt waren. Der Vater hatte ihr dieses Muster von den Long-Glat am Mahakam mitgebracht.

Ebenfalls dem Tierreich entlehnt sind die wellenförmigen Grenzlinien der Schenkeltätowierungen, die als iko, Schwanzlinien, bezeichnet werden und die Zickzacklinien im Kniestück, die kalong njipă, Schlangenmuster, genannt werden.

Um die Knöchel tragen die Frauen der Mendalamstämme ein ungefähr 7 cm breites Band, das entweder, nach Art der te̥dăk danau, einheitlich ist, oder aus parallelen, bis 3 mm dicken Linien besteht, die mit gleich breiten Streifen von der natürlichen Hautfarbe abwechseln.

Schenkeltätowierung von Tipong Igau.

Ferner sind der Fussrücken (Tafel: Tätowierung D. Fig. c) und die Zehen mit fünf, der Zahl der Zehen entsprechenden Längsstreifen tätowiert, die wiederum durch zwei Querstreifen von der natürlichen Hautfarbe in ungleichen Abständen unterbrochen werden. Zur Fusswurzel hin sind die Streifen am breitesten, zu den Zehen hin verschmälern sie sich. Bei weitaus den meisten Frauen werden diese Streifen gleichmässig blau tätowiert. Einige Häuptlingstöchter versuchen zwar auch hier schöne Figuren anbringen zu lassen, was allenfalls auf dem Fussrücken glückt, aber die dünne Haut der Zehen entzündet sich so leicht, dass von einem Muster meist nicht viel zu sehen ist. Die Fusstätowierung wird meist ohne klinge̱ te̥dăk, aus freier Hand, ausgeführt. Fig. c zeigt die Fusstätowierung von Tipong Igau, die mit den klinge̱ te̥dăk k, l, m auf Tafel: Tätowierung A., ausgeführt worden ist.

Hand- und Fusstätowierung der Mendalam Kajan.

Auch die Tätowierungen auf Unterarm, Handrücken und Finger werden für gewöhnlich von geübten Künstlerinnen ohne klinge̱ ausgeführt, da ihre Zusammenstellung eine sehr einfache ist (Tafel: Tätowierung D.). Wie aus Fig. b ersichtlich, werden neben Tiermotiven, wie Eulenaugen (manok wăk) und Schwänzen (iko), für diese Tätowierungen auch Himmelskörper, wie der Mond (be̥liling bulan), und Gegenstände aus dem täglichen Leben, wie Haken (krawit) und Bootsspitzen (do̱lo̱ng haro̱k), verwendet, diese kehren mit einigen Variationen in den verschiedenen Armmustern wieder.

Schenkeltätowierung einer Long-Glat-Frau.

Die Armtätowierug Fig. b ist die einer gewöhnlichen Kajanfrau. Fig. a stellt wiederum die Armtätowierung der Häuptlingstochter Tipong Igau dar; die Muster sind hier schöner entworfen und sorgfältiger ausgearbeitet; im übrigen sind die Motive hier die gleichen wie bei b. Die Eulenaugen (manok wak) befinden sich bei b in den Dreiecken, welche die Bootsspitzen (do̱lo̱ng haro̱k) vorstellen. Vergleicht man diese Figur mit a, so sieht man, dass der Schnitzkünstler die Eulenaugen hier mit der innersten Grenzlinie der Bootsspitze verbunden hat, wodurch eine Scheibe, an die sich ein Bogen anschliesst, entstanden ist. Dieses Motiv wiederholt sich in vielen geschmackvollen Variationen in Tipong Igaus Tätowierung. Die klinge̱ te̥dăk, mit denen dieses Muster zusammengestellt worden ist, sind auf Tafel: Tätowierung A. in Fig. g, h und i abgebildet.


Vor noch nicht allzu langer Zeit verteilte sich. die Sitte des Tätowierens bei den Mahakamstämmen derart, dass die Pnihing gar nicht oder wenig tätowierten, die Bahaustämme, ausgenommen die Long-Glat, die Seeen-Tätowierung gebrauchten und bei den Long-Glat, sowie bei den Stämmen am mittleren Mahakam, besonders von den Frauen, sehr komplizierte Muster angewandt wurden.

Jetzt hat die Sitte des Tätowierens auch bei den Pnihing Eingang gefunden. Ihre Männer verzieren sich, wenn auch spärlich, mit den Mustern der Mendalambewohner. Ihre Frauen lassen sich eigentümlicher Weise nicht nach Art der anderen Bahaufrauen taitowieren, sondern bringen ganz unsystematisch auf Armen und Beinen Stilisierengen des aso̱ an, mit denen sich bei den übrigen Stämmen nur die Männer schmücken.

Bei den Kajan und den übrigen Bahaustämmen am Mahakam tätowieren sich die Männer jetzt in gleicher Weise wie die Kajan am Mendalam, nur die Tätowierung der Frauen weicht gänzlich von der ihrer Schwestern am Mendalam ab und steht völlig unter dem Einfluss der Long-Glat.

Bevor die Frauen die Long-Glat-Tätowierung annahmen, trugen sie eine charakteristische Figur auf dem Handrücken; ich fand sie nur noch bei wenigen.

Dass die Tätowierung der Long-Glat sich erst vor kurzem bei den Kajan eingebürgert hat, geht auch daraus hervor, dass die Frauen ihre klinge̱ te̥dăk noch stets von den Long-Glat beziehen, obgleich die Männer ihres Stammes sie sehr gut selbst schnitzen können. Die Busang sprechenden Stämme, die, ausser den Ma-Suling, den Long-Glat direkt unterworfen sind, nehmen auch noch gegenwärtig in höherem oder geringerem Masse die Tätowiermotive dieses Stammes an, nachdem sie ihre frühere danau-Tätowierung aufgegeben haben. Die Hauptstämme, wie die Ma-Suling und Ma-Tuwān, ahmen die Long-Glat vollständig nach, andere gebrauchen zwar die klinge̱ te̥dăk der Long-Glat, tätowieren sich aber nach Art der Kajanfrauen, z.B. die Batu-Pala und noch einige andere, die bereits seit länger als einem Jahrhundert mit den Long-Glat zusammenwohnen.

Muster für Schenkeltätowierungen.

Muster für Schenkeltätowierungen.

Unter den Long-Glat findet man also die am Mahakam vorherrschende Tätowiermethode, der, mit geringen Abweichungen, auch alle Bahaustämme unterhalb der Wasserfälle folgen. Bei dieser Tätowierung wird der Schenkel, der Knöchel, der Fussrücken und die Rückseite von Puls, Hand und Fingern verziert. Verschiedenheiten bestehen nur in der Reihenfolge, in welcher die Figuren angebracht werden, und bei denen der Uma-Luhat in Udju Halang z.B. auch in der Anordnung der Schenkeltätowierung. Wenn der Umfang, in dem die Verzierungen bei den Frauen am Mahakam angebracht werden, auch mit dem der Kajanfrauen am Mendalam übereinstimmt, so sind doch die Motive, welche den Tätowiermustern am Mahakam zu Grunde liegen, viel zahlreicher und verschiedener, auch bieten sie in Bezug auf Geschmack und Kunstsinn das schönste, was die Bahau zu leisten vermögen.

Das Hauptgewicht wird bei den Frauen der Long-Glat und bei denen der weiter unten wohnenden Stämme auf eine geschmackvolle und sorgfältige Ausarbeitung der Schenkeltätowierung gelegt. Wie aus nebenstehende Abbildung (Tafel: Tätowierung E.) ersichtlich, bestehen diese Muster aus drei verschiedenen Teilen, einem Mittelstück, das durch eine Art klinge̱, kalong usung tinggang (Schnabel des Nashornvogels) genannt, zusammengestellt wird, zwei gleichen Seitenstücken, für die stets als Motiv stilisierte Flugfedern des Argusfasans (ke̥rip kwẹ) verwendet werden, und einem weiteren Hinterstück links, das aus 1 bis 2 Teilen bestehen kann. Dieses letzte Stück, das nach hinten den Abschluss bildet, entlehnt sein Motiv der Zeichnung auf einem Prunkgrab (song) und wird kalong song se̥pit genannt (se̥pit = Hinterseite der Tätowierung).

Das Mittelstück der Schenkeltätowierung lässt das Knie der Long-Glat-Frauen unbedeckt und weicht hierin von demjenigen der Frauen in Udju Halang ab, bei denen die Tätowierung bis zur halben Kniescheibe herabreicht. Bei diesen Frauen werden die Figuren unten auch nicht, wie bei denen der Long-Glat, durch Linien begrenzt. Während bei den Long-Glat die klinge̱ te̥dăk, oder wie sie sie nennen, die te̥rong be̥tik, in wechselnder Richtung angebracht werden, richten die Frauen der Uma-Luhat die Figuren stets mit den Tierköpfen nach unten, ausserdem ist bei ihnen die Tätowierung an der Aussenseite des Beines um eine Figurenreihe höher. Die Long-Glat beginnen mit der Ausführung der Tätowierung an der Vorderseite, die Uma-Luhat an der Hinterseite des Beines.

Auf den ersten Blick tragen die Muster bei beiden Stämmen den gleichen Charakter; die Mittelstücke bestehen beinahe stets aus Bögen, deren abgewandte Enden in mehr oder weniger deutliche Tierköpfe auslaufen. Diese stellen entweder den Kopf des Nashornvogels oder, wenn Zähne vorhanden sind, den einer Naga dar. Die Zwischenräume werden mit zierlichen Arabesken ausgefüllt. In diesen Füllfiguren sind die Motive, denen sie ihr Entstehen verdanken, oft sehr schwer zu erkennen; bisweilen treten aber auch hier deutliche Tierfiguren zu Tage. So sind z.B. auf Tafel: Tätowierung F. für die innere Verzierung des te̥rong be̥tik der Long-Glat (Fig. a), bei dem eine doppelte, gleichmässige Nagafigur das Hauptmotiv bildet, zwei Nagaköpfe gebraucht, die sich in der Mitte vereinigen, nur ein Auge besitzen und noch rechts und links zwischen den aufgesperrten Kiefern eine Zunge hervorstrecken. Die Oberkiefer besitzen noch eine Reihe Zähne, die aber nicht mehr mit ihnen in Verbindung stehen. Sowohl die Ober- als die Unterkiefer verlaufen in zierlichen Bögen, die sich mit anderen vereinigen. Die unteren Nagaköpfe haben zu beiden Seiten die Augen eingebüsst, ein seltener Fall; die beiden Kiefer tragen aber noch Zähne.

Vergleicht man die Mittelfigur von a mit der von b, so sieht man, dass diese sich von jener ohne viele Übergänge ableiten lässt, während aber das ursprüngliche Kopfmotiv in a noch deutlich erkennbar ist, ist e an und für sich nicht verständlich.

Die Motive, welche den Tätowierungen der Frauen zu Grunde liegen, sind in allen Ständen die gleichen, nur sind auch bei diesen Stämmen der Entwurf und die Ausführung bei Häuptlingsfrauen besser als bei Sklavinnen, auch sind die Figuren bei jenen oft grösser (Tafel: Tätowierung G., Fig. d, Tätowiermuster einer Sklavin; Tafel: Tätowierung H., Fig. e und f, Tätowiermuster angesehener Frauen). Die Anzahl Reihen zur Füllung der Vorderseite ist bei den Sklavinnen dementsprechend grösser.

Muster für Schenkeltätowierungen.

Muster für Schenkeltätowierungen.

Alle diese Figuren werden mit zwei te̥rong be̥tik, einer rechten und einer linken Hälfte, auf das Bein abgedrückt. Einfachere Figuren, die vom Schnitzkünstler weniger sorgfältig bearbeitet worden sind, zeigen bisweilen asymmetrische Hälften. Von den Figuren a und b wollte man mir nur eine Hälfte verkaufen, daher sind die Figuren bei der Konstruktion symmetrisch geworden; dagegen sind d, e und f mehr oder weniger asymmetrisch.

Völlig abweichend ist die alte Form der Uma-Luhat (Fig. c), die ebenfalls für das Mittelfeld der Schenkeltätowierung benützt wird In den 4 Ecken finden wir je den stilisierten Kopf eines Nashornvogels.

Muster für Schenkeltätowierungen.

Muster für Schenkeltätowierungen.

Berücksichtigt man, dass es mir nur ab und zu glückte, das Tätowiermuster einer Frau käuflich zu erwerben, und dass ich durchaus nicht immer das Schönste erlangen konnte, so kann man sich den Formenreichtum denken, der diesen Stämmen zur Verzierung einer viereckigen Fläche, auf der als Motiv nur ein Bogen angegeben ist, zu Gebote steht. Der den unentwickelteren Völkern so häufig gemachte Vorwurf, dass ihre Kunst von Armut zeuge, trifft für die Bahau in diesem Fall nicht zu.

Das Gleiche gilt auch für die Seitenstücke, die rechts und links vom Mittelfelde angebracht werden und die stets Stilisierungen von Federn des Argusfasans vorstellen. Die Long-Glat bezeichnen sie als “ke̥njṳj jauk dṳ”. Auch hier habe ich das kaufen müssen, was man mir gerade abtreten wollte. So ist von den Mustern, die ich erhielt, nur dasjenige für die Schenkeltätowierung der Long-Glat vollständig; dagegen fehlen bei den fünf (Tafel: Tätowierung I.) abgebildeten Mustern bei a und b das obere Ende, während c, d und e nur kleine Stücke des Ganzen vorstellen.

Seitenstücke für Schenkeltätowierungen.

Alle diese Muster haben die schönen Augen auf den langen Flugfedern (ke̥rip) des Argusfasans (kwẹ) zum Motiv und es spricht für die Phantasie der Bahau, dass sie die auch im übrigen schöne Zeichnung auf der Feder nicht ohne weiteres übernommen, sondern sie durch eigene Erfindungen ersetzt haben.

Die Entwürfe beweisen, dass die betreffenden Künstler nicht an Gedankenarmut gelitten haben, denn betrachtet man ein Muster von oben nach unten, so sieht man, dass das Motiv an verschiedenen Stellen verschieden behandelt worden ist. Dass die Figuren nicht immer symmetrisch sind, muss einer nachlässigen Bearbeitung zugeschrieben werden, da die wirklich guten Schnitzkünstler stets auf Symmetrie achten.

Als Schlussstück zwischen den beiden stilisierten Federn auf der Hinterseite der Schenkel gebraucht man ein te̥rong be̥tik, zwischen dessen beiden Hälften die Frauen der Uma-Luhat einen 1 cm breiten Raum lassen. Auch bei den Long-Glat besteht dieses Schlussstück aus zwei Teilen, aber nicht ausnahmslos, wie aus dem sehr schönen Beispiel eines song se̥pit auf Tafel: Tätowierung J, Fig. e zu ersehen ist.

Die verschiedenen Arten song se̥pit, vom einfachsten bis zum kompliziertesten, sind auf der gleichen Tafel in Figur a, b, c, d neben einander abgebildet. Das song se̥pit, das für die abgebildete Schenkeltätowierung einer Long-Glat verwendet worden ist, stellt sich der Fig. e würdig zur Seite. Obgleich diese Figur asymmetrisch ist, da die eine Hälfte breiter als die andere, hat der Künstler den langen, schmalen Raum doch mit bewundernswerter Geschicklichkeit zu füllen verstanden.

Zu dem Reichtum von Fig. e stehen die schlichten, strengen Formen von d in scharfem Gegensatz. Hier ist die Symmetrie viel besser durchgeführt. Am Holzmodell ist auch deutlich zu sehen, dass es von einem geübten Künstler herrührt; denn das Relief ist besonders scharf und tief ausgeschnitten.

Da alle abgebildeten Figuren song se̥pit vorstellen, ist es begreiflich, dass die Hauptlinien den gleichen Charakter tragen, doch machen sich bei ihnen, wie bei den Stilisierungen der Feder des Argusfasans, individuelle Verschiedenheiten geltend.

Für die Knöchel gebrauchen die Long-Glat u.a. stets ein Band, das aus sechzehn 3 mm breiten Linien, welche mit ebenso vielen Streifen von der natürlichen Hautfarbe abwechseln, besteht. Das Band wird te̥dăk aking genannt.

Die Füsse werden bei den Frauen dieser Stämme nach Art der Mendalam Kajan tätowiert; nur werden die Streifen stets ganz gefüllt; besondere Figuren werden nicht angebracht.

Für die Tätowierung der Rückseite von Puls und Hand verwenden die Frauen der Long-Glat zwei verschiedene te̥rong be̥tik, die durch 4 gerade Linien getrennt werden. Die oberste Figur wird auf die Rückseite von Unterarm und Puls, die folgende auf die Mittelhand tätowiert. Zu den Fingern hin folgen wieder 4 gerade Linien und auf den Gelenken zwischen den Knochen der Mittelhand und der ersten Fingerglieder wird eine Reihe Dreiecke angebracht. Das erste Viereck liegt auf dem ersten Fingerglied, das zweite auf dem zweiten; das Nagelglied bleibt frei, nur das Nagelglied des Daumens erhält einen Fleck.

Schlussstücke für Schenkeltätowierungen.

Als Beispiel für Handtätowierungen der Long-Glat mögen die beiden Figuren a und b auf Tafel: Tätowierung K. gelten. Die zwei klinge̱ te̥dăk von Fig. a stammen aus Long Tĕpai; das Muster wird be̥tik kule̱, Panthermuster, genannt, weil es das gefleckte Fell eines Panthers nachahmen soll. Dies ist ein seltener Fall, da gewöhnlich nur die Köpfe der Tiere als Motive verwendet werden. Die schwarzen Flecken auf dem Fell des Borneoschen Panthers sind besonders bei der obersten Figur gut getroffen und geschmackvoll stilisiert, in der untersten Figur treten sie weniger deutlich hervor.

Handtätowierungen der Long-Glat.

Fig. b trägt einen anderen Charakter. Hier ist nur in dem unteren Teil ein Tierornament zu erkennen und zwar in den symmetrisch angebrachten Köpfen des Nashornvogels, die nur aus Auge, Schnabel und Horn bestehen. Die oberste Verzierung von b, in welcher ein Motiv kaum zu erkennen ist, zeichnet sich durch eine bedeutende Asymmetrie aus. Dass diese Asymmetrie in einer Tätowierung der Bahau keine grosse Störung hervorruft, geht aus der Tätowierung der Kajanfrau vom oberen Mahakam hervor (Tätowierung L.). Die obere und die untere Figur waren auf die beiden Seiten desselben Brettes geschnitten. Während die erstere nun stark asymmetrisch ist, hat derselbe Künstler auf der anderen Seite eine beinahe symmetrische Verzierung hergestellt. In der oberen Figur ist ein Tiermotiv nicht leicht zu erkennen, dagegen führen in der unteren die beiden Augen rechts und links in der Mitte wiederum auf zwei Köpfe und zwar, wie das gebogene und das gerade Horn und der grosse Schnabel andeuten, auf die des Rhinozerosvogels.

Handtätowierungen der Uma Luhat; Kajan am Blu-u.

Die drei Handtätowierungen, die mit den Tätowierbrettchen der Uma-Luhat zusammengestellt wurden, haben einen eigenen, von dem der Long-Glat abweichenden Stil (Tafel: Tätowierung L. und M. Die Verzierungen sind nicht so reich und fein ausgearbeitet als die der Long-Glat, auch ist das Relief niedriger und breiter. Dass auch die Uma-Luhat Tiermotive für ihre Ornamente verwenden, zeigt die oberste Figur von a, bei der zwei mit Zähnen bewaffnete Köpfe deutlich zu unterscheiden sind.

Handtätowierungen der Uma Luhat.

Fig. b auf Tafel: Tätowierung M. zeigt, in welcher Weise die Künstler eine Figur von der anderen ableiten. In der linken, oberen Ecke der unteren Verzierung ist ein Auge angegeben, von dem aus sich ein mit Zähnen versehener Kiefer nach innen und unten erstreckt. In der rechten Ecke befindet sich im Grunde die gleiche Verzierung, aber durch die Verbindung des Auges mit der weissen Linie, welche sich zwischen den zwei schwarzen befindet, ist die gleiche Figur entstanden, die wir bei der Armtätowierung der Kajan am Mendalam finden; doch ist sie dort aus der Stilisierung eines Eulenauges mit dem Bug eines Bootes hervorgegangen.


Die Kĕnjastämme vom oberen Kajan tätowieren sich auf die gleiche Weise wie die Bahau. Sie zeigen aber einige Eigentümlichkeiten, die um so bemerkenswerter sind, als die Kĕnja noch den ursprünglichen Zustand dieser Stämme repräsentieren.

Der Busang sprechende Stamm der Uma-Lĕkèn tätowiert auf eine andere Weise als die übrigen Kĕnjastämme, die ihren eigenen Dialekt besitzen. Als Beispiel für die eigentliche Kĕnjatätowierung mag die alte Methode der Uma-Tow dienen (Tafel: Tätowierung N), die neuerdings aber mehr und mehr durch die der Uma-Lĕkèn, welche derjenigen der Kajan am Balui und Mendalam gleicht, verdrängt wird. Die Frauen der Uma-Lĕkèn reisen daher jährlich zu den anderen Stämmen am oberen Kajan, um sie zu tätowieren.

Die Männer der Kĕnja tätowieren sich sehr wenig und nur zum Schmuck. Sie erzählten mir, dass die Baliau die Sitte, sich nach begangenen Heldentaten tätowieren zu lassen, von den Bukat übernommen haben.

Die alte Tätowierung der Frauen vom Stamme Uma-Tow besteht in der Hauptsache in einer Verzierung der Hände, Arme und Beine. Die Armtätowierung zeigt unterhalb des Ellbogens ein breites Band, das an der Innenseite einen 2 cm breiten Hautstreifen frei lässt (Tafel: Tätowierung N. Fig. a). Von dem Bande verlaufen bis zu den Fingernägeln Längsstreifen, die nur zweimal von Querlinien von der natürlichen Hautfarbe unterbrochen werden. Dies ist durchaus die danau-Tätowierung, welche früher bei den Busang sprechenden Baliau angewandt wurde.

Die Beinverzierungen sind auf der gleichen Tafel in Fig. b, c, d, e, f abgebildet; sie werden so angebracht, dass b vorn auf dem Schenkel oberhalb des Knies, e an der Aussenseite des Beins, d unterhalb der Kniescheibe längs des Schienbeins, e darunter und f an der Innenseite des Beins zu liegen kommt. Ferner tätowieren sie auf die Wade, unter der Kniekehle, eine Verzierung, die dem Mittelstück von c gleicht.

Von den Frauen der Häuptlingsfamilie ist jedoch keine mehr auf diese Weise geschmückt, diese lassen sich alle von den Frauen der Uma-Lĕkèn tätowieren und viele panjin folgen ihrem Beispiel.

Tätowierung der Kĕnja Uma Tow.

Die Tätowierungen der einfachen und die der angesehenen Frauen unterscheiden sich hauptsächlich durch die Anzahl der verwendeten iko, Schwanzlinien, (Tafel: Tätowierung O. und P.). Die Kĕnjafrauen tragen bis zu 16 solcher Linien, die bis auf die halbe Wade hinunterreichen. Die klinge̱, die für die Lĕkèn-Tätowierung bei den Kĕnja gebraucht werden, sind sehr zahlreich. Hier ist die Tätowierung einer vornehmen Frau wiedergegeben, der allein das Recht zusteht, ein Muster mit zwei Hundeköpfen zu gebrauchen, ferner die einer panjin, bei der das Tiermotiv in den Hintergrund tritt.

An der Aussenseite des Schenkels reicht die Tätowierung bis zum halben Gesäss, an der Innenseite dagegen nur bis zur Schenkelfalte. Überdies sind die Figuren an der Innenseite des Schenkels spärlicher, weil die Haut an diesen Stellen besonders empfindlich ist. Die brauen lassen sich diese Tätowierung vor ihrer Heirat anbringen und zwar erst auf der Hinterseite des Schenkels, dann auf dem Knie und schliesslich auf der Vorderseite.

Schenkeltätowierung der Kĕnja.

Die Handtätowierung der Kĕnjafrauen stimmt im wesentlichen mit der der Mendalam Kajan überein.

Schenkeltätowierung der Kĕnja.