Kapitel XX.

Reise zur Küste: von Long Blu-u nach Long Tĕpai—Passieren der westlichen Wasserfälle—Flössen des Rotang—In Long Dĕho bei Bo Adjāng—Aufenthalt wegen Hochwassers—Ertrinken zweier Long-Glat—Ankunft Kwing Irangs—Weiterreise mit den Kajan—Passieren des Kiham Udang—Wiedersehen mit dem Kontrolleur in Long Bagung—Begegnung mit Kĕnja—Über Uma Mĕhak, Udju Halang, Ana und Tengaron nach Samarinda.

Am 13. April fand unsere langersehnte Abreise von Long Blu-u endlich statt. Die Kajan, die durch den Bau ihrer eigenen Wohnung und andere Arbeiten daran verhindert waren, uns zur Küste zu begleiten, brachten uns jetzt nach Long Tĕpai, teils um etwas zu verdienen, teils um auch etwas für uns getan zu haben. Am ersten Taue fuhren wir bis Batu Sala, übernachteten dort und trafen bereits am Vormittag des folgenden Tages in Long Tĕpai ein.

Das Flusstal verbreitert sich vom Batu Mili an; unmittelbar an den Ufern befinden sich nur wenige Hügel und erst in grösserem Abstand sind einige Berge sichtbar. Zwischen den zahlreichen Inseln bei Lulu Njiwung wählt man, je nach dem Stand des Wassers, um die vielen Stromschnellen zu vermeiden, ein verschiedenes Fahrwasser. Von der Mündung des Mĕrasè an tragen die flachen Ufer nur Gestrüpp, niedrigen Wald und einige Reisfelder. Bei Long Tĕpai erreichen die Ausläufer des Batu Lĕsong, der sich hier dem Mahakam nähert, dessen Ufer.

Long Tĕpai stellt oberhalb der Wasserfälle die wichtigste Niederlassung der Long-Glat vor, weniger ihrer Grösse, als der Persönlichkeit ihres Häuptlings Bo Lea wegen. Der Häuptling von Lulu Njiwung, Ding Ngow, ist in bezog auf seine Geburt zwar vornehmer, er ist aber ein junger, unbedeutender Mann, während Bo Lea als bejahrter Mann und energische Persönlichkeit, trotzdem er nur der Sohn einer panjin ist, in den Augen der Bahau viel mehr Ansehen geniesst. Sein Einfluss lässt sich bereits daraus beurteilen, dass bei der Teilung der Niederlassung Lirung Bān die meisten Bewohner ihm folgten (pag. 281). Als ich mich im Jahre 1896 nach dem oberen Mahakam begab, gereichte es meinem Geleite von Mendalam Kajan zur grossen Beruhigung, dass Bo Lea mit meiner Expedition einverstanden war. Nachdem ich in Long Blu-u zurückgeblieben war, begab sich Akam Igau, nur um sich Bo Lea vorzustellen, nach Long Tĕpai. Bei meinem Besuch in Long Tĕpai hatte ich damals das Glück gehabt, den Häuptling von einer akuten Diarrhoe, die ihn an den Rand des Grabes gebracht hatte, kurieren zu können.

Alle schreckenerregenden Berichte, die ich über Bo Lea zu hören bekam, liefen, wie ich später merkte, darauf hinaus, dass er seine Rechte in bezug auf die Erzeugnisse des Waldes den Malaien gegenüber besser als die anderen Häuptlinge zu wahren wusste und dass jene sich bei ihm weniger breit als anderswo machen durften. Seine Massregeln waren allerdings oft hart, entsprachen aber seiner Natur und waren übrigens auch vom europäischen Standpunkt gegenüber Vagabunden, wie die Malaien es sind, die mit allen Mitteln, die ihren Kopf nicht gefährden, bei den Bahau ein Schlaraffenleben zu führen versuchen, durchaus gerechtfertigt.

Da er, wie alle übrigen Häuptlinge, von Banden, die gegen eine Vergütung von 10% seine Wälder auf Guttapercha und Rotang durchsuchten, sehr bestohlen wurde, hatte er zwei Mal einer Gesellschaft, die die gewonnenen Produkte ohne Bezahlung auf Seitenwegen fortschaffte, ihren ganzen Vorrat abgenommen. Die Schuldigen sorgten dafür, dass diese Tat ruchbar wurde und die an dergleichen energische Massregeln nicht gewöhnten Bahau fanden sie gewalttätig und hart. Übrigens erging es den Malaien bei Bo Lea doch noch besser als bei Bĕlarè, bei dem sie sich überhaupt nicht niederlassen durften.

Bei meiner Ankunft hausten in Bo Leas Galerie so zahlreiche Buschproduktensucher, dass ich es vorzog, bei einem niedrigeren Häuptling, Bo Ibau, der mit Kwing Irangs Schwester Uniang verheiratet war, meinen Einzug zu halten. Die Kajan waren hiermit natürlich sehr einverstanden, aber aus politischen Gründen hätte ich lieber bei Bo Lea gewohnt, da die Häuptlinge ein Wohnen unter ihrem Dache sehr hoch schlitzen. Bo Ibau stellte uns seine neue, 18 m lange und 8 m breite Galerie gänzlich zur Verfügung.

Fast alle Hausbewohner befanden sich der Ernte wegen auf den Reisfeldern. Im Hause traf ich nur Bo Ibau mit seiner kranken, kleinen Tochter. Barth hatte das Kind bereits zu behandeln versucht, aber es hatte das bittere Chinin nicht einnehmen wollen und litt noch fortwährend an chronischen Malariaanfällen, auch sah es kachektisch aus und zeigte eine starke Hypertrophie von Leber und Milz. Ich verspürte jedoch wenig Lust, mich dem verwöhnten Kinde viel zu widmen und interessierte mich mehr für das, was von dem Kontrolleur und seiner Reise nach Long Dĕho bekannt war als vorsichtiger Mann wollte mir Ibau über diesen Gegenstand nichts mitteilen und erklärte, dass ich Njok Lea, den ältesten Sohn des Häuptlings, der den Kontrolleur selbst nach Long Dĕho begleitet hatte, hierüber befragen müsse. Da Njok erst abends vom Felde zurückkehrte, machte ich, nachdem ich unseres Gepäckes wegen einige Anordnungen getroffen, einen Gang durch die Niederlassung, um die seit meinem letzten Besuch staugefundenen Veränderungen zu besichtigen.

Die Niederlassung macht einen gut unterhaltenen, aber alten Eindruck, da man zum Bau altes Material, hauptsächlich Pfähle und Querbalken aus Eisenholz, von Lirung Bān, benützt hatte. Hinter dem langen, hohen Hause am Ufer, in dem 16 Familien wohnen, steht ein zweites, gleich langes Haus, das mit dem ersten durch Bretterstege verbunden ist. Sowohl diese Häuser als die anderen und die der Häuptlinge Bo Lea und Bo Ibau sind durch derartige Stege verbunden, so dass man die ganze Niederlassung, ohne den Boden zu berühren, passieren kann.

Während unter den Häusern der meisten Bahau nur die nackte Erde mit allen Abfällen des Hauses zu sehen ist, ist der Boden unter den Wohnungen der Long-Glat zur Hälfte gedielt, auch führen von hier aus in jede Einzelwohnung Treppen. Der übrige Teil des Raumes ist durch Verschläge, in denen Ferkel oder besonders schöne Schweine gezogen werden, eingenommen. Die Long-Glat bauen ihre Häuser ohne Galerieen, die ihnen unterworfenen Stämme haben sich aber, trotzdem sie über ein Jahrhundert mit ihnen zusammenwohnen, neben anderen Eigentümlichkeiten, auch ihren alten Baustil erhalten. Ihre langen Häuser ruhen, wie die der übrigen Bahau, auf Pfählen und besitzen eine durchlaufende Galerie. Bo Leas Haus liegt unterhalb derjenigen der übrigen Long-Glat, dann folgen die der Ma-Tuwān, Batu-Pala und Long-Tĕpai.

Ein Glied der Häuptlingsfamilie der Ma-Tuwān erzählte mit Stolz, dass der Kontrolleur die letzten Tage in ihrer Galerie gewohnt hatte, aus Furcht, durch das lāli parei der Long-Glat aufgehalten zu werden, da er beim ersten Fallen des Wassers weiterreisen wollte. Der Felsblock, an dem der Wasserstand abgelesen wurde, war aber während der ganzen Verbotszeit der Long-Glat unter Wasser geblieben, so dass der Kontrolleur sich längere Zeit bei ihnen hatte aufhalten müssen. Zu meiner Zufriedenheit hörte ich, dass die Frau des Häuptlings ihren ganzen Satz klinge̱ te̥dăk (Tätowierbrettchen) dem Kontrolleur verkauft hatte. Ich hatte nämlich Barth gebeten, jede Gelegenheit, schöne Gegenstände aufzukaufen, zu benützen, und ihn mit allem Nötigen versehen.

Spät abends kehrte Njok Lea von seinem Reisfeld am Tĕpai zurück; man schien ihn vor uns gewarnt zu haben, denn er liess seine Familie und, die seines Vaters auf dem Felde übernachten. Er empfand eine gewisse Genugtuung, dass es den Kajan noch immer nicht geglückt war, die Reise mit mir zu unternehmen, auch berichtete er mit Stolz, dass er dem Kontrolleur nach Long Dĕho das Geleite gegeben hatte und dass er ihn noch weiter gebracht hätte, wenn der Kontrolleur nicht dort auf mich hätte warten wollen. Er erzählte ferner, dass Bang Jok unterhalb der Wasserfälle einen Wachtposten aufgestellt hatte, um ihn, sobald wir nach unten kämen, zu benachrichtigen, und dass er damals mit Frau und Kindern sein Haus eiligst verlassen hatte. Der alte Häuptling Bo Adjāng Lĕdjü und dessen Familie waren aber zu Hause geblieben und hatten Barth freundlich empfangen.

Obgleich sie vom Kontrolleur bereits gut bedacht worden waren, kehrten die Häuptlingsfamilien in den folgenden Tagen von ihren Reisfeldern heim, um auch von mir Geschenke in Empfang zu nehmen. Glücklicher Weise hatte ich darauf gerechnet und von Anfang an einige Sachen bei Seite gelegt. Es zeigte sich, dass der Satz Armbänder aus Elfenbein, den ich einstens Hinan Lirung gegeben hatte, seine Wirkung bis hierher geltend machte, denn Bo Lea bat sich für seine Frau den gleichen Schmuck aus. Ich ging bei der Austeilung der Geschenke mit Überlegung zu Werke, da ich sehr viele Menschen und noch dazu nach ihrem Range zu beschenken hatte. Darauf blieb mir nichts weiter zu tun übrig, als Patienten zu behandeln und auf den Neumond zu warten, an dem Kwing Irang kommen sollte. Als ich von diesem nichts hörte und einige Gerüchte über seine Ankunft sich als falsch erwiesen, wuchs meine Ungeduld aufs neue. Des hohen Wasserstandes wegen kamen auch aus Long Dĕho keine Böte heraufgefahren, so dass ich sehr froh war, als sich vier Fremde dazu überreden liessen, mit einem kleinen Boot, das sie über die Felsen tragen oder ziehen konnten, nach Long Dĕho zu fahren, um dem Kontrolleur einen Brief zu übergeben.

Zu unserem Trost fanden wir hier bei den Long-Glat mehr zu essen als in den letzten Monaten bei den Kajan. Unsere Schutzsoldaten schossen in der Nähe einiger Salzquellen in kurzer Zeit ein wildes Rind und zwei Hirsche, die nicht nur frisches Fleisch, sondern auch Proviant für die Reise lieferten. Das Konservieren von Fleisch durch Räuchern und Salzen war mir früher mehrmals missglückt; Bier, der die Arbeit diesmal auf sich nahm, erzielte ein gutes Resultat, indem er das Fleisch in Stücke, die 2–3 dm lang, 1½ dm breit und 3–4 cm dick waren, schneiden und einen Tag lang über einem Holzfeuer trocknen und räuchern liess. Selbst das fette Schweinefleisch liess sich auf diese Weise aufbewahren. So hatten wir von der Menge Fleisch, die ein grosses Stück Wild liefert, mehrmals einige Wochen essen können, was uns bei Stämmen, die nur eine geringe Anzahl Hühner hielten und bei denen auch der Fischfang wenig ergab, sehr willkommen war.

Meine Gesandten brachten erst am 28. April, nachdem das Wasser stark gefallen war, aus Long Dĕho den Bericht, dass unsere ganze Gesellschaft dort längere Zeit geblieben war und mit den Bewohnern auf freundschaftlichem Fuss verkehrt hatte, dass sie aber aus Furcht, wiederum durch Hochwasser aufgehalten zu werden, den günstigen Wasserstand benützt hatte, um den Fluss weiter hinunter zu fahren. Der Kontrolleur war, als unsere Gesandten ihre Rückreise antraten, bereits abgereist, während Bier sich sogar einen Tag vorher aufgemacht hatte, um den Fluss zu messen.

Das Wasser fiel ständig, daher suchte ich zum soundsovielten Male, Bo Lea und Bo Ibau dazu zu bewegen, mir über die Wasserfälle zu helfen. Die beiden Häuptlinge waren nämlich, aus Furcht vor Kwing Irang, dem daran gelegen war, uns persönlich zu begleiten, bisher meinem Drängen gegenüber taub geblieben.

Ein wichtiger Umstand kam mir zu Hilfe. Hadji Umar hatte durch meine Leute Njok Lea melden lassen, dass dieser mit den 600 Packen Rotang, die sie gemeinschaftlich besassen, so schnell als möglich hinabfahren solle, um die Ware mit ihm unten am Mahakam zu verkaufen. Das half. Nun fand sich plötzlich eine genügende Anzahl junger Leute zur Reise bereit und obwohl ich wusste, dass es ihnen hauptsächlich um den Rotang zu tun war, erfreute mich die Aussicht, wieder ein Stück weiter zu kommen, doch zu sehr, um dem Zufall nicht dankbar zu sein. Eine Verzögerung von einigen Tagen wurde noch dadurch bewirkt, dass einige Leute vom Mĕrasè berichteten, Kwing Irang sei im Begriff aufzubrechen und Sorong befinde sich bereits am Mĕrasè. An diesem Tage traf jedoch niemand ein und als ich am folgenden einige Männer in einem Boot nach oben auf Kundschaft schickte, kamen sie mir abends melden, dass man dort nichts wisse. In der Ungewissheit, ob es Kwing Irang jemals gelingen würde, abzureisen, beschloss ich, die Reise mit Njok Lea zu unternehmen. Dieser hatte es nun mit seinem Rotang so eilig, dass er nicht einmal dafür war, ein Boot zu Kwing Irang zu senden, um zu sehen, wie es dort stand.

Am 3. Mai sollten wir wiederum warten, weil einer der Reisegenossen noch nicht vom Reisfelde zurückgekehrt war, aber ich setzte die Abreise doch leicht durch. Es schlossen sich uns auch einige Böte mit Frauen und Kindern an, die unter unserem Schutze Familienglieder in Long Dĕho besuchen wollten. Um 9 Uhr brachen wir auf und zwar ohne den Rotang, der, aus Mangel an Hilfskräften, erst nachdem man uns bis oberhalb der Wasserfälle gebracht hatte, abgeholt werden sollte.

Bei Long Tĕpai beträgt die Breite des Mahakam 200 m, unmittelbar unterhalb der Niederlassung wird das Flussbett aber von hohen, felsigen Ufern eingeengt. Dabei treten bei niedrigem Wasserstande zahlreiche Felsblöcke aus dem Flussbett hervor, so dass eine grössere Anzahl Böte nur hinter einander dem gewundenen Fahrwasser folgen kann. Nach einstündiger Fahrt erreichten wir, nachdem der Kiham (Wasserfall) Hulu in dieser günstigen Zeit mit einiger Vorsicht hatte befahren werden können, den mir von 1897 her bekannten Lagerplatz oberhalb des Kiham Hida, von dem aus das Gepäck und die Böte eine grosse Strecke weit getragen werden mussten.

An der Stelle, an der wir uns eben befanden, windet sich der Mahakam um den Batu Ajo; an seinem rechten Ufer erheben sich beinahe horizontale Sandsteinschichten in senkrechten, über 100 m hohen Wänden, während am linken Ufer ein viel höheres Gebirge, der Ong oder Batu Hida, steil aufsteigt. Da der Fluss sich sein Bette in den harten, weissen Hornstein, der in ½-1 m mächtigen Schichten unter dem Sandstein liegt, hat erodieren müssen, ist sein Bette über eine etwa 2 km weite Strecke sehr schmal und die Wassermassen, die bei Long Tĕpai noch eine Breite von 200 m zur Verfügung hatten, drängen sich hier durch einen 15–20 m breiten Spalt hindurch.

Diese Stelle kann nur bei sehr tief stehendem Wasser passiert werden, da bei hohem und besonders bei steigendem Wasserstande die Strömung sehr reissend ist. Auch im günstigsten Falle muss alles Gepäck aus den Böten genommen werden. An den schwierigsten Stellen werden die kleineren Böte mit Hilfe von Baumstämmen, welche als Rollen benützt werden, über die Felsen gezogen, während die grossen Böte, die alle mit einem sehr hohen Rande versehen sein müssen, von den Männern über die Fälle gefahren werden müssen. Das Gepäck wird auf den Felspfaden des linken Ufers hinabgetragen. Die Stellen, an denen Felsen oder Geröllbänke grössere Fälle verursachen, oder die ihrer Enge wegen besonders gefährlich sind, tragen, von oben nach unten gerechnet, folgende Namen: Kiham Hulu; K. Hida; K. Nöb; K. Lobang Kubang; K. Binju; K. Bĕnpalang; K. Kĕnhè.

Sobald wir oberhalb des Kiham Hida angelangt waren, ging ein Teil der Männer Rotang für unsere Böte suchen, ein anderer begab sich nach Long Tĕpai zurück, um nun auch die Bündel Rotang hinunter zu befördern.

Njok Lea hatte den Rotang, der unter seinem Hause aufbewahrt lag, bereits am Tage zuvor in dicke Bündel binden und diese am gleichen Morgen ins Wasser bringen lassen. Die Bündel (gulung) bestehen in der Regel aus 40 Stücken Rotang von 3–4 Faden Länge, die mit Rotangtauen zusammengebunden werden. Für den Transport zu Wasser vereinigt man diese gulung zu Bündeln von 1 m Durchmesser und lässt sie einfach von der Strömung abwärts treiben, wobei einige in den Wasserfällen zwar auseinander gerissen werden und verloren gehen, die meisten aber heil ankommen. Unterhalb der Wasserfälle werden die Bündel zu Flössen zusammengefügt, die je von einem Steuermann flussabwärts gelenkt werden. Nach einiger Zeit kehrten die Männer zu uns zurück und bald darauf trieb ein Rotangbündel nach dem anderen an uns vorbei und suchte sich durch die brausenden Wasser massen seinen Weg. Einige Männer fingen die Bündel in dem ruhigen Becken auf, das sich unterhalb des Lobang Kubang befindet, und banden sie dort vorläufig fest, um sie später die folgenden Fälle hinuntertreiben zu lassen.

Mit Rücksicht auf den vorausgeschwommenen Rotang wurde es für ratsam gehalten, nicht am Kiham Hida, sondern weiter unten das Lager aufzuschlagen, und so beeilte man sich, alles wertvolle Gepäck und die Kisten mit Ethnographica dorthin zu schaffen. Die Familien, die mit uns reisten, hatten gleich nach ihrer Ankunft begonnen, ihr Gepäck so weit als möglich abwärts zu tragen. Da sie einen grossen Reisvorrat mitgenommen hatten, um ihn in Long Dĕho, wo Reismangel herrschte, zu hohen Preisen zu verkaufen, hatten sie sehr grosse Lasten zu befördern. Trotzdem hatten sie es so eilig, weiterzukommen, dass sie nicht mit uns Schritt hielten. Als sie daher weiter unten, statt den Reis mit uns über Land zu transportieren, die kleineren Wasserfälle hinunterfahren wollten, schlugen ihre zu schwer beladenen Böte um und die Männer verloren zwar nicht ihr Leben und ihre Böte, aber ihren kostbaren Reis.

Ich sorgte dafür, dass alles, was getragen werden konnte, aus den Böten geholt wurde; alle Pflanzen mussten natürlich im grossen Boot bleiben, ebenso die grossen Kisten. Obwohl ihm sein Rotang sehr am Herzen lag, traf Njok Lea, in gleicher Weise wie früher Akam Igau und Kwing Irang, alle Vorsichtsmassregeln beim Transport, so dass kein Boot umschlug und keine Kiste fiel. Nachts sank das Wasser noch um einen halben Meter, die grossen Böte konnten daher am folgenden Morgen ohne grosse Gefahr die Fälle passieren. Da die Kajan unter Kwing Irang 1897 das grosse Boot mit lebenden Pflanzen wohlbehalten nach unten geschafft hatten, lag den Long-Glat viel daran, ihnen an Geschicklichkeit nicht nachzustehen. Sie wussten auch, dass ich damals durch die beiden Fälle Binju und Kĕnhè gefahren war, und schlugen mir vor, es diesmal auch mit ihnen zu versuchen. Das Wagstück erschien mir nicht gross und ich befand mich bereits mitten auf dem Fluss, als ich am Ufer Njok Lea bemerkte, der aus Verzweiflung über unser ruchloses Unternehmen die Arme in die Luft erhob; doch verloren seine Leute das Vertrauen nicht.

Der Kiham Binju, der auf den Lobang Kubang folgt, stellt eine verengte Flussstelle mit heftiger Strömung dar, aus welcher hohe Felsblöcke hervorragen. Mit einiger Vorsicht legt man die erste Strecke gut zurück, dann aber wird das Boot von einer Stromschnelle gepackt und geradeaus auf eine alleinstehende Felsspitze geschleudert. Die Wassermassen, die rechts vom Felsen verhältnismässig ruhig fortströmen, prallen etwas weiter unten an das hohe Ufer an, links aber bilden sie einen Strudel, dessen mittlerer Trichter bei normalem Wasserstande sicher einen Meter tief ist. Da man, um rechts weiter unten nicht an das felsige Ufer geschleudert zu werden, über diese Stelle hinweg muss, kann sie nur von langen, schweren Böten, die mit grosser Geschwindigkeit ankommen und sich daher nicht leicht ablecken lassen, überwunden werden. Das Wagstück gelang, aber Njok Lea liess es doch nicht zu, dass Demmeni uns in dem zweiten grossen Boote folgte. Wir übernachteten unterhalb des Binju. Die Nacht blieb trocken, aber morgens hörten wir es im Osten gewittern, auch fiel ein schwacher Regen. Der Fluss begann sogleich zu steigen, doch ist, um den Kiham Kĕnhè zu passieren, ein hoher Wasserstand günstiger als ein sehr niedriger. Wir beeilten uns daher mit unserer Mahlzeit und fuhren bis zum Anfang des Kĕnhè. Hier beschlossen wir, das Gepäck nicht auf dem Bergpfade nach Hait Aja (grosser Sand), unserem nächsten Lagerplatz, tragen zu lassen, sondern mit ihm die Fahrt zu wagen.

Der Wasserstand war für mein grosses Boot gerade der richtige und ich begann die Fahrt, wie früher bereits, stehend. Die heftige Strömung brachte aber das Fahrzeug so sehr ins Schwanken, dass ich mich setzen musste, um nicht umzufallen, und gleich hinter Kĕlang Gak, wo sich ein kleiner Fluss über 50 m hohe Felsen in den Mahakam ergiesst, schlug eine Welle über das Boot. Der grosse Bootsraum füllte sich aber nicht so leicht mit Wasser und da wir uns hier am Ende der Flussenge befanden, beunruhigten wir uns nicht. Im Kĕnhè werden die Wassermassen durch zwei hohe Felsen in einem sicher nicht über 15 m breiten Bette wie durch einen Trichter gepresst, derart, dass sie in der Mitte wild dahinschiessen, zu beiden Seiten aber einige Meter weit ruhiger strömen. Die Bemannung musste nun das Boot nicht nur in diesem ruhigeren Wasserstreifen zu halten suchen, sondern es auch schneller als die Strömung fortbewegen, da es sonst am hinteren Ende gepackt und mit der Spitze gegen die Felswand oder in das tobende Wasser gedreht worden wäre; in beiden Fällen schlägt das Boot um und zerschellt in der Regel vollständig.

Bevor meine Leute noch längs des Uferpfades Demmeni erreicht hatten, um auch ihn im zweiten grossen Boot durch den Kĕnhè zu befördern, stieg das Wasser um 6 Meter. Die Felsen am Anfang des Kĕnhè wurden fast gänzlich überflutet und weiter abwärts geriet die ganze Wasserfläche in Aufruhr und bildete zwei grosse Strudel, über die unser Boot aber noch gut hinwegkam. Schlimmer erging es dem Malaien Bang W-ā, der mit uns nach Udju Tĕpu reisen wollte, weil er sich nach der Ermordung seines Halbbruders Adam bei den Bahau nicht mehr sicher fühlte. Der Mann hatte sein kleines Boot hinter das grosse von Njok Lea gebunden, wurde aber vom Strudel losgerissen und verschwand in der Tiefe. Nach einiger Zeit kam er aber, zur grossen Belustigung der Long-Glat, mit seinem Boote wieder nach oben und wurde von ihnen für den Verlust seiner Sachen so reichlich entschädigt, dass er sein Untertauchen kaum zu bereuen hatte. Des mit enormer Schnelligkeit steigenden Wassers wegen machten sich die Leute um die Rotangbündel, die oberhalb der letzten Fälle angebunden waren, Sorgen. Nach einiger Zeit wurden auch die ersten Bündel heruntergetrieben und bei Halt Aja, wo das Wasser stiller wurde, mit vieler Mühe ans Land gezogen. Einige Männer begaben sich zu Fuss wieder nach oben, um auch die übrigen Bündel zu lösen, damit sie nicht hoch auf den Felsen liegen blieben, von wo man sie bei niedrigem Wasserstande nur schwer in den Fluss hätte schaffen können. Viele wurden auf dem Wege nach unten zwischen Felsblöcken und Baumstämmen eingeklemmt und mussten befreit werden. Glücklicher Weise blieben die Bündel heil und kamen, nachdem man auch noch den folgenden Tag mit ihnen zu tun gehabt hatte, wohlbehalten an.

Eine Gesellschaft Buschproduktensucher, Kahájan Dajak, die uns entgegen kam, berichtete, dass sie dem Kontrolleur unterhalb des Kiham Halo, wo er sein Lager aufgeschlagen hatte, begegnet war. Da das Wasser ebenso schnell fiel als es gestiegen war, konnten wir am 7. Mai ruhig nach Long Dĕho weiterfahren.

Bei unserer Ankunft trafen wir nur den alten Häuptling Bo Adjāng Lĕdjü mit einer grossen Anzahl weiblicher Familienglieder zu Hause. Wir wurden in dem verlassenen Hause des Malaien Inoi empfangen, der aus Bandjarmasin gebürtig und hier einige Jahre als Schreiber und Berater Bang Joks tätig gewesen war. Er hatte mit vielen seiner Stammesgenossen in einer der Schulen, welche die Rheinische Mission in der “Zuider-Afdeeling” errichtet hat, seine Bildung genossen. Auch Barth hatte in seinem Hause gewohnt. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, begannen wir Umschau zu halten und die alten Bekannten zu begrüssen.

Obgleich Long Dĕho ein sehr grosses Dorf ist, eine zahlreiche Bevölkerung enthält und von Händlern von der Küste, die hier vor allem in Buschprodukten Handel treiben, viel besucht wird, sieht es doch baufälliger und vernachlässigter als die Niederlassungen weiter oben am Flusse aus. Dies ist zum Teil der geringen Energie der Bewohner zuzuschreiben, die in Übereinstimmung hiermit unter allen Mahakamstämmen am meisten an Nahrungsmangel leiden.

Der greise Bo Adjāng, der mich vor zwei Jahren noch humpelnd in meiner Wohnung besucht hatte, war inzwischen so zusammengefallen, dass er abgezehrt und mit geschwollenen Gelenken bewegungslos auf seiner Matratze sass und sich von seinen zahlreichen Töchtern und Frauen pflegen liess. Er musste ungefähr 90 Jahre alt sein, denn er erinnerte sich noch, mit etwa 15 Jahren, Georg Müller 1825 bei seinem Vater gesehen zu haben. Adjāng war nämlich der jüngste Sohn des berühmten Long-Glat-Häuptlings Bo Lĕdjü Aja, der seiner siegreichen Kriegszüge wegen als der Napoleon von Borneo bezeichnet worden ist. Da die Bahau in Bezug auf alles, was die Ermordung von Georg Müller betrifft, sehr verschlossen sind, hatte ich mit Adjāng, als einem Augenzeugen, Bekanntschaft geschlossen. Er erzählte, dass Georg Müller ein Mann mit einem grossen Bart gewesen sei; auch zeigte er min Müllers Feuersteingewehr, das ich ihm abkaufte. Adjāng war infolge seines Alters minder zurückhaltend als die anderen und berichtete mir einiges über Müllers trauriges Ende (pag. 281).

Wie ich mich bei Bo Adjāng überzeugen konnte, wird die Vielweiberei bei den Long-Glat-Häuptlingen unter malaiischem Einfluss in weit höherem Grade als oberhalb der Wasserfälle betrieben. Von Adjāngs zahlreichen Frauen lebten noch fünf, von denen zwei zur Arbeit bereits zu alt waren, drei aber alle Dienste verrichteten, die anderswo den Sklavinnen zufallen. Eine der Frauen war so jung, dass sie erst seit wenigen Jahren seine Gattin sein konnte. Ferner waren vier verheiratete Töchter anwesend, weil der Tod des kranken Vaters jeden Augenblick erwartet wurde.

Adjāngs ältester Sohn, Ibau Adjāng, und zwei Sklavinnen vervollständigten die Familie, deren Zusammenleben durch Zwistigkeiten aller Art so unangenehm geworden war, dass man seit meinem vorigen Besuch ein grosses Wohngemach angebaut hatte, in dem nun zwei Frauen mit ihren Kindern getrennt lebten. In dem gleichen Genrache hatten auch Ibau Adjāng und seine Schwester Dèw Adjāng ihre eigenen Kammern, in denen sie schliefen und ihr Privateigentum bewahrten.

Am folgenden Morgen hatte ich meine Toilette noch kaum beendet, als vier von Adjāngs Frauen bei mir eintraten und meine Tauschartikel, von denen ihnen der Kontrolleur viel erzählt hatte, besichtigen wollten. Barth selbst hatte seinen Vorrat bereits in Long Tĕpai fast gänzlich erschöpft und so hatte man alle Erwartung auf mich gespannt. Ich fühlte mich der Häuptlingsfamilie gegenüber ohnehin verpflichtet, und da Bang Jok geflohen war, kam meine Freigebigkeit der Familie Adjāng Lĕdjüs zugute. Zuerst musste ich wiederum die Armbänder aus Elfenbein zeigen; vorsichtshalber holte ich auch nur diese aus der Kiste hervor. Von den Frauen hatte keine ein grosses Geschenk von mir zu beanspruchen, aber die einen waren etwas angesehener oder sympathischer als die anderen, so dass ich bald merkte, dass ein Satz Armbänder nicht genügen würde. Die vier vorhandenen Sätze wurden auch sogleich von den Damen in Beschlag genommen, doch sahen sie ein, dass ich sie unmöglich alle abtreten konnte; da sie sich jedoch ebensowenig von den Armbändern zu, trennen vermochten, verfielen sie auf den Ausweg, mir hübsche Perlenmützen und andere kostbare Perlenverzierungen als Gegengeschenk anzubieten. Die einen zeigten sich hierin freigebiger als die anderen, und so gelangte ich in kurzer Zeit zu mehreren schönen Stücken, die ich auf andere Weise nicht hätte erwerben können. Mit diesen Unterredungen und der Behandlung Adjāngs, den ich von Fieber und Husten befreien sollte, und vieler anderer Kranken verging der Tag. Da ich den günstigen Wasserstand noch benützen wollte, um die folgenden Wasserfälle zu passieren, war ich sehr wenig erbaut, als abends die Nachricht kam, dass es Njok Leas Leuten noch nicht gelungen war, allen Rotang von Hait Aja abzuholen; überdies mussten die Bündel hier von neuem gebunden werden.

Sĕkarang hatte, durch die Erfahrung belehrt, bereits abends zuvor alle Pflanzen unter dem Palmblattdache des grossen Bootes hervorholen und an Land bringen lassen. Da er dies bei jedem Aufenthalt tun liess, litten seine Pfleglinge nur während der Fahrt durch Hitze, Dunkelheit und schlechte Luft. Sie sahen in der Tat nach unserer Ankunft am unteren Mahakam nicht schlechter als am oberen aus.

Während ich als Arzt einen Rundgang durch die Niederlassung machte, wurde es mir plötzlich klar, warum es mit dem Herbeischaffen des Rotang so langsam vorwärts ging; in der einen Familie, in der sich ein hübsches junges Mädchen befand, traf ich den einen Long-Glat, in einer anderen den anderen u.s.f. Die jungen Leute, die Njok Lea mitgenommen hatte, fanden hier so viele Bekannte und liebe Verwandte, dass sie in den ersten Tagen nur für diese Sinn hatten und Njok Lea nicht viel mit ihnen anstellen konnte. Nachts lag er auch beinahe allein in dem grossen Raume, der den Long-Glat in unserem Hause angewiesen worden war, während die übrigen die Vorrechte genossen, welche die unverheirateten Frauen den Junggesellen gewähren dürfen. Erst am dritten Tage waren alle Bündel geordnet, aber noch nicht zu einem Floss, das man schon hier zusammenstellen wollte, vereinigt worden. Das Wasser war indessen wieder gestiegen und die Geröllbank, die am jenseitigen Ufer den richtigen Wasserstand für das Passieren der unteren Wasserfälle angab, war bereits überschwemmt.

In meiner Besorgnis, durch Hochwasser in Long Dĕho aufgehalten zu werden, begrüsste ich am anderen Morgen die wenigen Grashalme, die auf der Geröllbank hervortauchten, mit Freude, und da das Wasser stets weiter fiel, suchte ich Njok zur Abreise zu überreden. Der grossen Gefahr wegen weigerten sich viele, aber ich liess alles Gepäck in meine Böte bringen, erstens um in der Nähe des Kiham Udang, des gefährlichsten Falles zu sein, sobald das Wasser eine Fahrt auf demselben zuliess, zweitens um auf die Long-Glat einen Druck auszuüben. Njok zeigte sich endlich, wenn auch zögernd, damit einverstanden, uns in den zwei grossen Böten weiter zu befördern; für die kleinen wäre die Reise zu gefährlich gewesen, was ich nur zu bald selbst merkte, denn obgleich ich früher bereits bei günstigem Wasserstande diesen Teil des Flusses hinabgefahren war, hatte ich nicht gedacht, dass ein Unterschied von zwei Fuss im Niveau des Wassers einen solchen Einfluss auf die Strömung haben könnte. Gleich hinter den beiden, von den Long-Glat abhängigen Niederlassungen Batu Pala und Uma Wak verengt sich das Flussbett von 150 auf 75 m und weiter unten bahnt sich der Fluss zwischen grossen Sandsteinfelsen (Batu Brāng), die nur etwa 40 m von einander entfernt sind, einen Weg. Nachdem wir hier mit grosser Geschwindigkeit hindurch gefahren waren, gerieten wir an eine Stelle, wo das gestaute Wasser, das sich plötzlich verbreiten kann, sehr gefährliche Strudel bildet, die wir nur dank der Schwere unserer Böte und der Geschicklichkeit unserer Mannschaft überwinden konnten. Weiterhin wird der Fluss durch hohe, senkrechte Wände wiederum in ein schmales, nur 60–70 m breites Bette gezwängt, so dass ich der stets heftig bleibenden Strömung wegen schliesslich doch bereute, nicht gewartet zu haben. Ich hoffte jedoch auf ein baldiges Fallen des Wassers und bat daher Njok, der nach Long Dĕho zurückkehrte, so schnell als möglich nachzukommen.

Den Udang zu passieren war unmöglich, denn in seiner engen Schlucht schlugen die zusammengepressten Wassermassen in hohen Wellen empor, während halbuntergetauchte Felsen unregelmässige Strömungen verursachten. Dreihundert Meter weiter aufwärts befand sich aber am linken Ufer eine kleine, von Felsen eingeschlossene Bucht, in der bei normalem Wasserstande Sand und Äste blosslagen, jetzt aber zwei Meter tiefes Wasser stand, das zum Unterbringen unserer Böte gerade genügte. Njok begab sich zu Lande nach Long Dĕho zurück und zwar schweren Herzens, da er mich nicht dazu bewegen konnte, mit ihm zu gehen, und uns allein mit unseren Malaien und Javanern zurücklassen musste. Wir litten jedoch weniger durch den Gedanken an irgend welche Gefahren als durch den Ärger über das Steigen des Wassers und verbrachten im übrigen in unseren Böten eine sehr ruhige Nacht.

Das Wasser war morgens noch nicht gefallen; ich liess daher auf dem hohen Uferwall einen Platz aushauen, auf dem Sĕkarang die Pflanzen der frischen Luft aussetzen konnte. Kurz darauf erschienen fünf Long-Glat, die Njok in seiner Besorgnis geschickt hatte, um auf uns und unsere Böte zu achten. Sie erzählten, dass Njok am vorigen Abend vor Erregung nicht hatte essen können. In unserem feuchtkalten Schlupfwinkel, in wenigen Metern Abstand vom brausenden Fluss, verbrachten wir drei Tage, während welcher das Wasser abwechselnd 6 m stieg und dann um ebensoviel wieder fiel. Da der Wald sehr steil anstieg, konnten wir uns keine Bewegung verschaffen, doch gewährte das wilde Tosen der Wasser im Kiham Udang einen prachtvollen Anblick.

Am 16. Mai, als das Wasser zwar etwas gefallen war, aber doch noch mit grosser Schnelligkeit an unserem Schlupfwinkel vorüberschoss, äusserten des Morgens vier unserer Long-Glat den Wunsch, mit ihrem Boot bis nach Uma Wak zurückzufahren, um dort ihren Vorrat an Sirihblättern zum Betelkauen zu erneuern. Obgleich ich das Unternehmen sehr gewagt und mit dem Anlass in keinem Verhältnis fand, war ich doch zu sehr daran gewöhnt, mich in derartigen Angelegenheiten der Meinung der Bahau zu fügen, die vom Befahren dieser Flüsse so viel mehr als die Weissen verstehen, als dass ich mich ernsthaft ihrem Wunsch widersetzt hätte.

Eine Stunde darauf, als wir neben einander auf dem Uferwall sassen, bemerkten wir ein Boot mit Schilden, das an uns vorüber trieb, als hätte es sich eben vom Ufer gelöst. Wir beunruhigten uns daher keineswegs, fanden es aber schade, dass die Strömung zu heftig war, um das Boot durch Schwimmen vom Untergang im Udang zu retten. Wir mussten ruhig zusehen, wie es dort von den Wellen einige Male emporgehoben, mit Wasser gefüllt und in die Tiefe gezogen wurde.

Zu unserer Verwunderung erschien ungefähr eine Stunde darauf einer der vier Long-Glat, Lugat, mit einigen Bewohnern von Uma Wak und fragte uns, ob sein Bruder Adjāng und Ibau nicht bei uns seien. So viel wir aus seiner verworrenen Erzählung begriffen, waren sie in ihrem Boot hinaufgefahren, aber bald von einem Strudel erfasst worden, wobei Lugat aus dem Boote geschleudert wurde. Nachdem dieser, nach längerem Kampf mit dem Wasser, die Oberfläche erreichte hatte, rettete er sich schwimmend ans Ufer. Dort fand er den einen Gefährten, Dja-āng, dem es ebenso ergangen war. Von den beiden anderen wussten sie nichts. Da sie an diesem Tage nicht zurückkehrten, waren sie augenscheinlich ertrunken. Den Leuten von Uma Wak traten die Tränen in die Augen, als sie hörten, dass die beiden nicht bei uns waren, und Lugat brach in heftiges Weinen aus, rief nach Adjāng und Ibau und machte sich Vorwürfe, dass er nicht besser für sie gesorgt hatte.

Demmeni und ich standen selbst noch so sehr unter dem Eindruck des plötzlichen Todes der beiden tüchtigen jungen Leute, mit denen wir kurz zuvor gescherzt hatten, dass wir keine Trostworte fanden. In unserer unglücklichen Lage und in dieser wilden, finsteren Umgebung fühlten wir uns durch das Geschehene doppelt niedergeschlagen. Schwere Wolken hingen über uns und ununterbrochen fiel ein feiner Staubregen.

Im Lauf des Tages traf Njok tief betrübt bei uns ein. Obgleich ich indirekt an dem Unglück die Schuld trug, indem ich zu früh von Long Dĕho aufgebrochen war, hörte ich kein Wort des Vorwurfs; nur betrauerten alle den Verlust der Ihrigen und Lugat quälte sich unaufhörlich mit Selbstvorwürfen.

Die Leute von Long Dĕho und Uma Wak kehrten mit Njok nach Hause zurück und liessen andere Dorfgenossen bei uns. Am anderen Morgen kam Njok zu uns und sagte, er habe abends mit anderen beschlossen, hier neun Tage zu verbringen, da die Leichen, die er gern begraben wollte, in dieser Zeit an die Oberfläche kommen würden. Die Bewohner der anderen Niederlassungen sollten ihm helfen. Ich war überzeugt, dass die heftige Strömung die Leichen abwärts getrieben haben musste, aber Njok behauptete, dass dies nicht der Fall sei. Nach einiger Zeit trafen auch Ibau Adjāng und einige Böte der Uma Wak und Batu Pala ein, um suchen zu helfen. Ein Lager wurde oberhalb und ein zweites unterhalb des Kiham Udang aufgeschlagen. Zu meinem Erstaunen brachte mir Njok noch eine andere, erfreuliche Nachricht, nämlich, dass die Kajan mit Kwing Irang bereits in Long Dĕho waren und dass Sorong sogleich kommen würde, um zu berichten, warum sie so lange mit der Abreise gezögert hätten.

Gleich nach dem Essen traf Sorong wirklich ein und erzählte, dass Kwing Irang, seinem Plan gemäss, beim bulan pusit (Neumond) mit ihm ein me̥lo̱ njăho̱ gehalten hatte, dass aber am Abend des zweiten Tages alle Gonge in der Niederlassung ertönt hatten, weil ein Ehepaar, Anjang Bawan und Anja Song, die am Abhang des Batu Mili Harz suchten, noch nicht zurückgekehrt waren. Es blieb ihnen nichts übrig, als mit allen anderen auf die Suche zu gehen, was vier Tage dauerte, worauf Anjang, man wusste nicht wie, plötzlich in einer Hütte erschien, in der einige alte, halb blinde Männer wohnten. Sein Mund war voll Erde, die man nur mit Mühe entfernen konnte, auch konnte er beinahe nicht sprechen. Aus seinen verwirrten Antworten erfuhr man nur, dass er und seine Frau durch Geister erschreckt worden waren und dass diese sie auf den Berg mitgenommen hatten. Im Reiche der Geister, die gerade Neujahr feierten, hatten sie einander aus dem Auge verloren; doch hatte sich Anjang trotzdem am Hühner- und Schweinefleisch gütlich getan. Nach einigen Tagen, als man sich gemeinschaftlich über hohe Bretterstege zu den Geistern auf dem gegenüberliegenden Batu Kasian begab, fiel Anjang vom Stege und langte plötzlich bei den alten Männern an. Seit der Zeit war er sehr verschlossen und wollte nichts mehr erzählen. Auch nach viertägigem Suchen hatte man Anja Song nicht gefunden, aber Kwing hatte nicht länger warten wollen und war abgereist. Ich zweifelte nicht an der Wahrheit dieses Berichtes, wusste aber nicht, was ich davon denken sollte, und erhielt auch von Sorong keinen Aufschluss.

Am 18. Mai, gegen Mittag, traf Kwing Irang mit 10 Leuten bei uns ein. Dass er nun doch die Reise mit mir fortsetzen konnte, schien ihn sichtlich zu bewegen und ich war zu froh, diese Unglücksstätte verlassen zu können, um ihm der endlosen Verzögerungen wegen Vorwürfe zu machen. Hierzu hatte ich, mit meiner Überlegenheit an Kenntnissen und Handlungsfreiheit übrigens kein Recht, da er ohnehin meinetwegen mit den Überzeugungen und Sitten seines Stammes einen ständigen Kampf führte.

Kwing erklärte auch jetzt, nicht mit den Long-Glat auf das Finden der Leichen warten zu können. Er wollte am anderen Morgen mit seinen Kajan und ihrem vielen Gepäck den Udang passieren und mich dann abholen. Das Wasser fiel und der Himmel klärte sich auf, so sah ich Kwing guter Stimmung nach Uma Wak zurückkehren. Hier konnten sich die jungen Kajan nur mit Mühe den Liebenswürdigkeiten der Frauen entziehen, die die frischen jungen Burschen gern bei sich behalten hätten; es blieb diesen auch nichts übrig, als durch Geschenke, wie Tragkörbe und neue Kopftücher aus Baumbast, den Frauen ihren Dank zu bezeigen. Daher fuhr die Flotte der Kajan, die aus 20 Böten bestand, erst um 12 Uhr an uns vorüber; nur Kwing legte für einen Augenblick bei uns an, um zu sehen, ob wir reisefertig waren.

Am Abend zuvor war es den Long-Glat geglückt, wenigstens eine der Leichen zu finden. Lugat, der den ganzen Tag mit einigen Freunden den Fluss auf- und niedergefahren war, hatte die Leiche seines Bruders, noch bevor diese in den Udang geriet, auffangen können. Am gleichen Abend wurde Adjāng am Ufer begraben, ein kleines Grabmal errichtet und dort zugleich auch für Ibau, dessen Leiche später am mittlerer. Mahakam gefunden wurde, eine Ausstattung für Apu Ke̥siọ niedergelegt.

Mit Njok vereinbarte ich, dass ich in Uma Mĕhak auf ihn warten sollte, da er uns mit seinem Gepäck und Rotang folgen wollte. Allein hätten die Long-Glat dies sicher nicht zu tun gewagt, da das Unglück, ein deutlicher Beweis der Unzufriedenheit der Geister, sie zur Heimreise gezwungen hätte.

Gegen 3 Uhr wurden wir aus unserer feuchten, dunklen Höhle, in der wir nun 1 m niedriger als anfangs lagen und mit unseren Böten zwischen Sand und Ästen eingeklemmt zu werden drohten, befreit. Die Malaien hatten die Pflanzen wieder in das grösste Boot gebracht, das mittelst fester Rotangtaue längs der Uferfelsen vorsichtig den Fall hinabgelassen wurde.

Das übrige Gepäck wurde, ausser den Kisten, die für einen Mann zu schwer waren, aus den Böten genommen. Die Kisten wurden, trotz der Erhöhung der Bootsränder, doch noch nass, da sie nicht vollständig wasserdicht waren und durch double-waterproof-sheeting nicht ganz bedeckt werden konnten; so verdarb uns noch ein bedeutender Teil unserer grösseren Ethnographica.

Nachdem wir den Kiham Udang überwunden hatten, blieb uns noch Zeit übrig, uns ruhig abwärts treiben zu lassen. Ich fühlte mich wie aus einem finsteren Gefängnis in eine strahlende Aussenwelt versetzt. Von der Tiefebene des mittleren und unteren Mahakam trennte uns nur noch der Kiham Halo. In einem Brief, den der Kontrolleur einigen Kahájan Dajak, die aufwärts zogen, für mich mitgegeben hatte, schrieb er mir, dass er unten in Long Bagung auf mich wartete.

Zwar regnete es am folgenden Morgen und die. tief herniederhängenden Wolken hüllten die schönen Gipfel der Berge ein, auch hatte der bilang (Baumgekko) nachts seine warnende Stimme ertönen lassen, aber Kwing Irang machte, wie früher zur Beruhigung des Tieres einen kleinen Rundgang durch den Wald und da der Fluss nur wenig stieg, sassen wir um 8 Uhr bereits in den Böten, in der Hoffnung, den Kontrolleur noch am gleichen Tage zu erreichen. Wir hatten diese frohe Aussicht zur Ermunterung sehr nötig, denn die schmale Schlucht des Kiham Halo, die uns 1897 bei guter Beleuchtung entzückt hatte, zeigte sich jetzt, wegen der schwer aufliegenden Wolken, nur als eine finstere Spalte, die bei dem Geschrei, das die Kajan über den tobenden Wassermassen anhuben, einen doppelt unheimlichen Eindruck machte.

Auf halbem Wege begegneten wir in der engen Durchfahrt einer Gesellschaft Kĕnja, die ihre Böte langsam an Rotangseilen längs der Uferfelsen aufwärts zogen. Trotzdem ich, hauptsächlich im Hinblick auf unsere späteren Pläne, grosse Lust verspürte, mit Kĕnja in Berührung zu kommen, konnten wir bei ihnen nicht Halt machen, da die heftige Strömung uns mit sich riss. Die Kajan liessen nun ihren Ajo-Ruf um so lauter ertönen; die Kĕnja antworteten und aus den Bergen erschallte das Echo. Der Fluss wurde stets breiter und die Ufer niedriger, bis wir gegen 3 Uhr nachmittags hinter einer Flussbiegung Long Bagung zum Vorschein kommen sahen. Durch einige Gewehrschüsse meldete ich Barth unsere Ankunft.

Long Bagung ist eine Haltestelle für malaiische Händler und Buschproduktensucher und liegt auf dem rechten Ufer des Mahakam. Der Kontrolleur hatte hier bereits wochenlang auf uns gewartet; es war ihm zwar im allgemeinen gut ergangen, doch freute er sich, endlich mit uns weiterreisen zu können. Seine Gesellschaft hatte an Fieber gelitten, am meisten Hadji Umar, der auch jetzt noch krank lag. Die Aufnahme des Mahakam war Bier gut geglückt, nur war er durch das häufige Hochwasser oft an der Arbeit gehindert worden und im Kiham Halo war ihm ein Boot an den Felsen zerschellt, wobei beinahe ein Malaie ums Leben gekommen wäre.

Abends tauschten Barth und ich unsere Erfahrungen über die Gesinnung aus, die die Mahakambevölkerung uns gegenüber hegte und über die Möglichkeit, eine niederländische Verwaltung bei ihr einzusetzen. Auch Barth hatte während seiner monatelangen Reise den Eindruck empfangen, dass eine stärkere Macht, die sich mit der ganzen Verwaltung betraute, hauptsächlich zum Schutz gegen Einfälle aus Sĕrawak und Kutei, sehr erwünscht sei.

Obwohl Barth als Fremder nach Long Tĕpai und Long Dĕho gekommen war, hatte die Bevölkerung ihm viel Sympathie bezeigt, nur war sie ihm, als Fremdem, begreiflicher Weise mit mehr Misstrauen entgegengekommen als einem Menschen ihrer eigenen Umgebung.

Bier, den das lange Warten am selben Ort sehr gelangweilt hatte, fuhr am folgenden Tage fort, um den Mahakam weiter unten zu messen; wir versprachen, in Uma Mĕhak auf ihn warten zu wollen und begaben uns erst zwei Tage später auf die Reise.

Unsere Gesellschaft war somit ohne bedeutende Verluste über die Wasserfälle gelangt; nur Hadji Umars Zustand beunruhigte mich. Umar war bereits die letzten drei Jahre leidend gewesen; ich hatte zwar seinen Zustand während seines Aufenthaltes am Blu-u etwas bessern können, aber seit der Zeit war das Fieber immer wieder zurückgekehrt. Dass Umar sich weigerte, Chinin einzunehmen, verschlimmerte seine Lage; ich wusste ihm nicht zu helfen. Obwohl er mit uns zur Küste fuhr, war seine Anwesenheit uns unter diesen Umständen kaum von Nutzen.

Eine der interessantesten Begegnungen, welche der Kontrolleur während seines sehr eintönigen Aufenthaltes gehabt hatte, war die mit den Kĕnja, die wir im Kiham Halo getroffen hatten. Da Barth meine Absicht, die bis dahin so gut wie unbekannten Kĕnjastämme zu besuchen, kannte, war er dem Zufall dankbar, dass diese Gesellschaft, die eine Handelsreise nach dem unteren Mahakam unternommen und einen Besuch bei ihren Stammverwandten am Tawang gemacht hatte, die ausgedehnte Geröllbank bei Long Bagung als Lagerplatz wählte. Kaum hatten die Kĕnja erfahren, wer auf dem Ufer wohnte, als ihre vornehmsten Leute Barth einen Besuch machten. Dabei erschienen sowohl die Häuptlinge als deren Geleite völlig unbewaffnet, was in einem Lande, in dem jung und alt stets bewaffnet geht, sehr auffallend war. Das Gespräch, das in der Busang-Sprache geführt wurde, verlief durchaus gemütlich. Die Kĕnja hatten sehr offenherzig von ihrem Lande berichtet und zu verstehen gegeben, dass meinem Besuch bei ihnen nichts im Wege stände, dass sie mich im Gegenteil gern bei sich sehen würden. Barth hatte ihnen die Erinnerung an ihren Besuch angenehm zu machen verstanden, indem er sie reichlich mit Tabak und Perlen bedachte.

Der Kontrolleur hatte ausserdem die nähere Bekanntschaft mit Blutsverwandten von Bang Jok gemacht, der sich selbst nur kurze Zeit in Long Bagung aufgehalten und auch seine Frau und Kinder nach Udju Halang mitgenommen hatte. In Long Bagung wohnte nämlich seine Schwester Bua, die in zweiter Ehe einen Malaien Rauf, den Sohn eines früheren Distrikt-Häuptlings vom oberen Barito, Raden Djaja Kusuma, geheiratet hatte. Kusuma war der erste Malaie gewesen, der die Bahauhäuptlinge zu besuchen gewagt und sich angeboten hatte, ihre Wälder auf Buschprodukte durchsuchen zu lassen. Dadurch hatte er in den neunziger Jahren die fremden Buschproduktensucher nach dem Mahakam gezogen. Seine drei Söhne liessen sich dort nieder, zwei als Kaufleute, einer als Gatte von Bang Joks Schwester, die ebenfalls Anrecht auf die noch unberührten Wälder der Long-Glat von Lirung Tika hatte. Bug war nach dem Tode ihres ersten Gatten, eines Häuptlings in Mujub, nicht zu ihrem Bruder gezogen, sondern hatte sich Long Bagung gegenüber, am jenseitigen Ufer, ein Haus gebaut und später Raup geheiratet. Dieser verstand, dank seinen Beziehungen zu den Buschproduktensuchern am Barito, die Wälder seiner Frau vorteilhaft auszubeuten, ausserdem verdiente er viel als Kaufmann, indem er alles, was die Leute für ihre Lebensbedürfnisse nötig hatten, von der Küste beischaffen liess und auch mit den Bahau und Kĕnja von oben Tauschhandel trieb. Eine weitere Kundschaft besass er im Gebiet des oberen Murung, den er längs des Bunut leicht erreichen konnte. Raups Familie hatte sich ebensowenig wie die in Long Dĕho zurückgebliebenen Häuptlinge vor einer Berührung mit dem Kontrolleur gefürchtet und so hatte sich über den hier 200 m breiten Fluss ein lebhafter Verkehr entwickelt. Sehr willkommen war es Barth, dass er hier wieder Salz, Zucker, Petroleum und einige Konserven kaufen konnte, Dinge, mit denen wir bereits seit langem sehr sparsam hatten umgehen müssen. Der Fluss ist hier überdies nicht so ausgefischt wie oberhalb der Wasserfälle, wo der Fischstand durch die tuba-Fischerei sehr heruntergebracht worden ist. Bei Hochwasser suchen die Fische hier in kleinen, für gewöhnlich trockenen Nebenflüssen eine Zuflucht vor der reissenden Strömung. Die Malaien, die sich bei Barth befanden, schlossen die Nebenflüsse bei Hochwasser mittelst eines Heckwerks aus Bambus ab und fingen auf diese Weise bei fallendem Wasser mehr Fische als sie gebrauchen konnten.

Am 22. Mai liessen wir uns, nachdem alles Gepäck in den Böten untergebracht worden war, ruhig vom Flusse abwärts treiben, in der angenehmen Überzeugung, dass uns bei hohem oder niedrigem Wasserstande kein ernsthaftes Hindernis mehr drohte. Das Wasser war wieder so hoch gestiegen, dass wir weiter unten Bier zur Tatenlosigkeit verurteilt antrafen, weil die hier niedrigen und daher überschwemmten Ufer ihm keinen Standplatz boten. Am folgenden Tage fuhr er denn auch nach Uma Mĕhak weiter, mit der Absicht, dieses Stück später zu messen.

Die rasche Strömung brachte uns bereits bald nach 4 Uhr nach Uma Mĕhak, der ersten grösseren Niederlassung unterhalb der Wasserfälle. Seitdem Uma Mĕhak in den letzten Jahren der Sammelpunkt malaiischer Buschproduktensucher geworden ist, sind auf dem Uferstreifen zwischen den langen Bahau-Häusern und dem Flusse malaiische Häuser entstanden, so dass das Ganze nicht mehr den einheitlichen Charakter der Niederlassungen oberhalb der Wasserfälle trägt. Auch beim Betreten des Dorfes machte alles einen verfalleneren Eindruck als oben. Da die Bevölkerung hier nicht zahlreich genug ist, wechselt sie ihre Dörfer viel seltener als es am oberen Mahakam üblich ist, daher sehen die Häuser hier in der Regel älter und baufälliger als im Innern der Insel aus.

Auf der Galerie des langen Hauses wurde uns aber ein gutes Unterkommen angeboten und wir liessen im grossen Raume Bretterverschläge herrichten, um einige von uns, die an Fieber litten, von dem grossen Getriebe fernzuhalten. Das Interesse für uns war hier besonders rege und da wir nur einige Tage bleiben wollten, suchte man nach Möglichkeit, aus unserer Gegenwart Vorteil zu ziehen; hauptsächlich wurde ich um Arzneien angegangen. Wir fühlten aber wenig Sympathie für unsere neue Umgebung, denn aus einem Kreise primitiver, unverdorbener Bahau gerieten wir hier plötzlich in eine degenerierte Gesellschaft der verschiedensten Stämme vom Barito und Mahakam. Von allen Seiten starrten uns Menschen mit fremden, verdächtigen Gesichtern an, die sich hier zu dem alleinigen Zwecke, um den oberhalb der Wasserfälle unbekannten Genüssen, wie Hazardspielen und Hahnenkämpfen um hohen Einsatz und dergl. zu fröhnen, aufhielten. Dabei herrschten hier ständig Streit und Zank, an die wir seit langer Zeit nicht mehr gewöhnt waren. Man hatte uns übrigens oberhalb der Wasserfälle bereits darauf aufmerksam gemacht, dass sich in diesem Zentrum der Buschproduktensucher alles um Spiel und Wetten drehte.

Abends, lange nachdem wir uns zur Ruhe begeben hatten, hörten wir noch Würfel rollen und Geld zählen; beim Schein kleiner Lampen hockten auf der Galerie kleine Gruppen, die teils mit chinesischen, teils mit europäischen Karten spielten. Bei Sonnenaufgang hielten einige Buginesen, die als die wichtigsten Bankiers fungierten, ihren Einzug in der Galerie und versammelten bald einen grossen Kreis um sich. Zum grossen Verdruss ihrer Häuptlinge beteiligten sich auch die Bahau des langen Hauses am Spiel, wodurch sowohl der Ackerbau als das Verhältnis des Hausbewohner untereinander litt. Die Häuptlinge konnten sich nicht besser ausdrücken, als indem sie diesen Zustand als “rusak murib Bahau” “Verderben des Bestehens der Bahau” bezeichneten.

Zwei in Uma Mĕhak verbrachte Tage genügten, um uns davon zu überzeugen, dass derartige Zustände auf die Dauer nur zur Demoralisierung einer Bevölkerung dienen können, deren gute Eigenschaften wir oberhalb der Wasserfälle kennen gelernt hatten. Ausserdem bilden sie für alle, die von der Ostküste aus Beziehungen mit dein Binnenlande anknüpfen wollen, eine Gefahr. Wir hätten hier nur durch einen langdauernden Aufenthalt Einfluss ausüben können; da wir hierfür aber keine Zeit hatten und den ersten Teil des von der Regierung gestellten Auftrages erfüllt hatten, beschlossen wir, den Mahakam weiter bis Udju Halang zu fahren und dort zu warten, bis ein Dampfboot uns zur Küste abholen würde.

Bier begann von Uma Mĕhak aus, bei günstigerem Wasserstande, seine Aufnahme und hoffte sie noch vor unserer Abreise zur Küste bis Ana fortsetzen zu können.

Ich hatte die Ruhetage dazu verwandt, unseren Pflanzensucher Sĕkarang von der Malaria zu kurieren, aber das Fieber hatte ihn bereits so angegriffen, dass es für ihn ein Glück war, dass wir zu Wasser und nicht zu Lande weiterreisten. Schlimmer ging es Hadji Umar, der sich immer noch weigerte, Arzneien zu nehmen, und daher täglich an Malariaanfällen litt und sichtlich herunterkam. Er raffte sich trotzdem auf, um mit uns weiterzureisen und nahm auch seine Familie mit.

Nach einer langen Tagereise erreichten wir Udju Halang, das uns offen stand, da das lāli wegen des Todes von Bang Joks Schwester bereits aufgehoben war. Wir nahmen sogleich die Galerie in Beschlag; während Kwing Irang mit den Seinen am folgenden Tage nach Udju Tĕpu und Ana weiterfuhr, um dort Handel zu treiben und uns zu benachrichtigen, sobald das Dampfboot uns abholen käme. Gleich nach Kwings Abreise traf auch Njok Lea bei uns ein; es hatte ihn unangenehm berührt, dass wir in Uma Mĕhak nicht auf ihn gewartet hatten, doch reiste er schliesslich guter Stimmung Kwing nach.

Trotz meiner Ungeduld, die Küste zu erreichen, hoffte ich doch, hier einige Ruhetage zu finden, da wieder einige von uns an Malaria erkrankt waren. Barth, der die ganze Reise über gesund gewesen war, wurde nachts von einem heftigen Fieberanfall gepackt, ferner erkrankten zwei Schutzsoldaten, auch fühlte sich Sĕkarang immer noch nicht wohl. In den vier Tagen, die wir hier bleiben konnten, gelang es uns zum Glück, alle soweit wiederherzustellen, dass sie die Reise fortsetzen konnten. An Beschäftigung fehlte es uns auch hier nicht. Doris ordnete seine Vögel und die anderen untersuchten die eisernen Koffer, um deren Inhalt nötigen Falls zu trocknen.

Am meisten machte mir wiederum die Bevölkerung zu schaffen, die stark an Malaria und anderen Krankheiten litt und der ausserdem viel daran lag, mir in kurzer Zeit allerhand Gegenstände zu verkaufen. Ich merkte hier deutlich, dass die Bevölkerung, durch den langdauernden Umgang mit Malaien an Handel gewöhnt, sich viel leichter als im Innern von ihrem Hab und Gut trennte. Daher erwarb ich hier an schönen Dingen, besonders an Tätowiermustern, in vier Tagen mehr als während meines langen Aufenthaltes am oberen Mahakam. Auch empfand ich es als vorteilhaft, dass die Leute den Wert des Geldes gut kannten; sie freuten sich hier über einen Gulden ebenso sehr wie oberhalb der Wasserfälle über vier. Von Udju Halang rühren auch die im vorhergehenden Kapitel abgebildeten Tätowiermuster der Uma-Luhat, der Bewohner dieser Niederlassung, her.

Leider war der Häuptling Adjāng nicht zu Hause; er war als der beste Schwertschmied unterhalb der Wasserfälle bekannt und hätte mir gewiss einige schöne Exemplare verkaufen können.

Am dritten Tage unseres Aufenthaltes traf auch Bier, der seine Messung bis Ana fortgesetzt hatte, bei uns ein. Abgesehen von dem kleinen Stück oberhalb Uma Mĕhak, das später ergänzt wurde, hatten wir unseren ganzen Reiseweg von der Wasserscheide an messen können und somit konnten die bereits erwähnten Aufnahmen des Kapuasgebietes und des Gebietes von Ana bis zur Küste miteinander in Zusammenhang gebracht werden.

Nun hatten wir noch nach einem Orte Umschau zu halten, der sich als Wohnsitz für einen niederländischen Beamten eignete; aber die Aufgabe war nicht leicht zu lösen, denn gleich unterhalb Uma Mĕhak flachen sich beide Uferseiten ab und nur hie und da erheben sich einige Hügel, die weiter unten gänzlich fehlen. Die wenigen, nur wenige Meter über dem Wasserstande befindlichen Erhebungen waren bereits von den Niederlassungen der Bahau eingenommen. Wir fuhren daher nach vier Tagen weiter nach Ana, wo wir uns zugleich in grösserer Nähe des Dampfbootes befanden.

In Ana nahm uns die Wittwe des früheren höchsten Häuptlings dieses Gebietes, Si Ding Lĕdjü, als ihre Gäste auf. Lĕdjü war mir während meines ersten Aufenthaltes am oberen Mahakam, im Jahre 1897, entgegengereist und hatte mir auf allerlei Weise zu helfen getrachtet. Seine Wittwe zeigte mir mit Stolz ein schönes silbernes Teebrett, das ich für sie in Batavia als Geschenk der Regierung besorgt hatte und das ihr der Assistent-Resident von Samarinda später überreicht hatte. Obwohl sie in sehr bescheidenen Verhältnissen zurückgeblieben war und ihr Schwager die Häuptlingschaft für ihren unmündigen Sohn Djü führte, tat sie doch alles, um uns den Aufenthalt bei ihr so angenehm als möglich zu machen. Wir wurden nicht in der Galerie, sondern in der Häuptlingswohnung selbst aufgenommen, was bis dahin nicht vorgekommen war. Unseren Malaien wurde eine grosse, leere Wohnung angewiesen, in der auch der grösste Teil unseres Gepäckes Platz fand.

Zum Glück war Sĕkarang so weit hergestellt, dass er die Sorge für die Kisten mit lebenden Pflanzen wieder übernehmen konnte. Die Sammlung befand sich, da sie die meiste Zeit in der freien Luft verbracht hatte, in ausgezeichnetem Zustand. Für diese Produkte der kühlen Gebirgswälder wurde nun aber das Klima in der Ebene viel zu warm; da sie überdies vor den Salzteilchen in der Luft während der Seereise geschützt werden mussten, hatten sie eine ständige Bedeckung nötig, die wir ihnen aus Rotangschirmen, welche mit Kattun überzogen wurden, herstellen liessen.

Sobald Kwing Irang erfahren hatte, dass wir uns in Ana befanden, gesellte er sich zu uns, um mit uns zu überlegen, wer von seinen Leuten uns nach Samarinda begleiten sollte. Um zum ersten Mal in ihrem Leben eine Dampferfahrt mitzumachen, um die Wunder einer Küstenstadt zu sehen und um in Samarinda allerhand Dinge einzukaufen, wollten nämlich sehr viele mitreisen, daher rief Kwing meine Autorität zu Hilfe. Nachdem wir auch Njok Leas Rat eingeholt hatten, beschlossen wir, dass 6 Kajan, 4 Long-Glat und die beiden angesehensten Mantri, Sorong und Bo Ului Jok, mitgehen sollten. Kwing Irang selbst und die anderen Häuptlinge wagten aus Furcht, vor dem Sultan nicht uns zu begleiten und wollten uns daher in Udju Tĕpu erwarten.

Als der Handelsdampfer des Sultans “Sri Mahakam” in Udju Tĕpu ankam und der Bootsführer hörte, dass wir uns in Ana befanden, zeigte er sich sogleich bereit, uns dort mit unserem Gepäck abzuholen.

Nach zweitägiger Fahrt erreichten wir Tengaron, wo wir uns dem Sultan vorstellten. Er empfing uns in seinem Palaste und stellte uns einen Dampfer zur Verfügung, der uns noch am gleichen Tage nach Samarinda brachte.