Kapitel XVII
Bau des Häuptlingshauses—Besteigung des Batu Lĕsong—Ermordung einer Sklavin—Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden—Anwerbung netter Leute—Krankenbesuch am Mĕrasè—Reisevorbereitungen—Bang Joks politische Stellung—Kwing Irangs Einzug ins neue Haus—Allerhand Schwierigkeiten—wiederholtes Vorzeichensuchen—Tod eines kleinen Mädchen, Ankunft Akam Igaus—Neue Reisehindernisse.
Mit dem Bau von Kwing Irangs neuem Hause brach für die Kajan eine wichtige Periode an, da jede Familie verpflichtet ist, sich durch Beschaffung von Material und durch Arbeitsleitung an dem grossen Werk zu beteiligen. Auch wir interessierten uns lebhaft für das neue Haus, das in grossem Massstab ausgeführt werden sollte und uns daher von dem, was die Bahau auf diesem Gebiete zu leisten im stande sind, eine Vorstellung geben konnte. Ausserdem bot uns der Bau Gelegenheit, zahlreiche religiöse Gebräuche, von denen wir sonst nichts erfahren hätten, kennen zu lernen.
Von besonderer Wichtigkeit war aber für uns die Tatsache, dass unser Zug nach der Ostküste fast gänzlich von diesem grossen Unternehmen der Kajan abhing; denn ohne deren Hilfe konnten wir kaum die Reise ausführen, auch war es vom politischen Gesichtspunkte aus beinahe eine Notwendigkeit, dass Kwing Irang uns selbst zur Küste geleitete. Bevor aber der Hausbau nicht bis zu einem gewissen Punkt gediehen war, konnte sich der Häuptling mit einer grossen Anzahl von Männern unmöglich auf Reisen begeben; somit betrachtete ich den Gang der Arbeit einerseits mit Interesse, suchte aber anderseits allen meinen Einfluss geltend zu machen, um Kwing Irang zu unterstützen, wenn die Leute nicht den gewünschten Eifer zeigten und lieber ihren eigenen Geschäften nachgingen.
In einem späteren Kapitel sollen der Hausbau und die mit ihm verbundenen Festlichkeiten und religiösen Zeremonien ausführlich beschrieben werden; hier möge nur das, was auf unser tägliches Leben Bezug hatte, erwähnt werden.
Demmeni traf alle Massregeln, um die wichtigsten Perioden beim Bau des Hauses durch photographische Aufnahmen zu fixieren, wobei er gleich Anfangs mit der Schwierigkeit rechnen musste, eine Szene bei Nacht aufzunehmen. Die Kajan achten nämlich auch beim Hausbau streng auf die Vorzeichen und trafen daher wie beim Reisbau, um einem eventuellen ungünstigen Bescheid zu entgehen, die Vorsichtsmassregel, die Arbeitsperiode nachts einzuleiten, da die wahrsagenden Vögel dann schlafen. Demmeni bereitete alles für eine Aufnahme bei Blitzlicht in freier Luft vor, aber die Natur half ihm mit einem heftigen Regenguss über diese Schwierigkeiten hinweg. Die Zeremonie musste auf den Tag verschoben werden und wir brauchten die Kajan nun nicht mit unseren künstlichen Blitzen zu erschrecken.
Bereits am vorhergehenden Tage waren Frauen und Kinder eifrig damit beschäftigt gewesen, Klebreis in Form dreieckiger Päckchen in Palmblätter zu wickeln und im Freien in grossen Kesseln zu kochen. Den Reis lieferten zum grösseren Teil der Häuptling, zum kleineren die Freien, dafür hatten diese aber beim Stampfen geholfen. Andere begaben sich auf den Fischfang, da der Häuptling allen Mitarbeitern Fische als Zuspeise anbieten musste.
Abends versammelten sich die vornehmsten Alten, um mit Hilfe von Rotang den Platz zu vermessen, auf dem das Haus stehen sollte. Sie hatten sich von den Dimensionen des Hauses einen Plan entworfen und begannen nun, indem sie mit ausgestreckten Armen ein Stück Rotang massen, die Länge und Breite des Hauses zu bestimmen. Ihr einem Faden entsprechendes Mass wird de̥pă genannt.
Schwieriger war es, mit dem Rotang ein richtiges Rechteck zu bilden. Hätte ein Sachverständiger die Führung übernommen, so wäre das Kunststück vielleicht geglückt, da nun aber acht oder zehn Männer mithelfen wollten und jeder seine Meinung geltend machte, misslang das Experiment und das Rechteck wurde immer wieder schief. Schliesslich rief man Demmeni als Autorität im Gebiete der Baukunst zu Hilfe und, da alle auf ihn hörten, erhielt man bald das gewünschte Rechteck, auf dem die Pfähle verteilt werden sollten. Hierauf ging man an die Verteilung der Seiten und gab durch in den Boden gesteckte Stöcke an, wo die Pfähle eingerammt werden mussten.
Das Haus sollte 23 m breit werden, d.h. gleich breit wie der Rücken, auf dem die Niederlassung gebaut werden sollte. Es sollte ferner an das provisorische Häuptlingshaus anschliessen und sich bis zu dem langen Versammlungssaal, in dessen Verlängerung man unser Haus gebaut hatte, ausdehnen. Halbwegs hatten wir bereits beschlossen, dass Midan und Doris, deren Küche und Werkstätte sich an den beiden äussersten Enden des Saales befanden, ausziehen sollten, wir waren aber doch überrascht, als bereits am selben Tage nach der religiösen Zeremonie, welche das Einrammen des ersten Pfahles begleitete, einige junge Männer auf das Dach kletterten und über Midan, der gerade unser Essen kochte, das Dach abzubrechen begannen. Sie liessen sich aber überreden, erst in der Mitte zu beginnen, so dass Doris Zeit hatte, seine Werkstätte mit Hilfe einiger Kajan und unserer Malaien in die Wohnung der Malaien an der Mündung des Blu-u überzuführen; auch kamen wir überein, dass Doris’ Werkstätte als Küche für Midan reserviert werden sollte.
Dank den vielen hilfreichen Händen wurde der Saal binnen weniger Stunden seines Daches beraubt, die Dielenbalken abgenommen und die Pfähle mittelst eines Querbalkens, den man mit Rotang horizontal an ihnen befestigt hatte und an dem alle gleichzeitig zogen, aus dem Boden gehoben; darauf wurde in dem Teile, in dem sich in Zukunft die Küche befinden sollte, eine Seitenwand aus Baumrinde angebracht. Als wir gegen Mittag, erfüllt von dem interessanten Schauspiel, das die Aufrichtung des Hauptpfahles durch die Männer und Frauen des ganzen Stammes geboten hatte, in unsere Wohnung zurückkehrten, sah alles wieder so aus, als ob hier nie ein Saal gestanden hätte.
Während der Monate Dezember und Januar beteiligte sich täglich eine grössere oder geringere Anzahl Männer am Hausbau; die Frauen arbeiteten nach dem ersten Tage nicht mehr mit, aber jede Familie stellte so viele jungen Männer zur Arbeit, als sie bei der Feldarbeit entbehren konnte. Die panjin saju waren im Hilfeleisten am eifrigsten, von den übrigen Familien konnte der Häuptling mit seinen Mantri nur mit Mühe genügende Unterstützung erhalten. Sowohl aus diesem Grunde als auch damit nicht einzelne bevorzugt würden, wollte Kwing Irang nicht, dass einige Leute bei uns für Geld arbeiteten. Daher war es unmöglich, für längere Zeit eine grössere Anzahl Männer zu vereinigen, und voraussichtlich trat hierin sowohl während des Hausbaus als während der folgenden Reisernte keine Änderung ein. Ich war daher darauf bedacht, meine Zeit, ausser durch ethnographische Studien, auch noch auf andere Weise nützlich zu verwenden.
Ende Dezember war es Hadji Umar geglückt, mit seiner Familie von Long Tĕpai nach Long Bulèng überzusiedeln, wo er sich beim Malaien Utas einquartierte. Ausser seiner Familie hatte Umar ungefähr acht seiner besten Buschproduktensucher bei sich, Malaien und Dajak, die sich teils als seine Schuldner, teils als seine Geschäftsteilnehmer seit Jahren mit ihm im Urwalde aufhielten. Sie wären gern in meinen festen Dienst getreten, aber ich hatte für sie keine ständige Arbeit, auch vertraute ich ihnen nicht ganz. Dagegen konnten sie mir bei der geplanten Besteigung des Batu Lĕsong sehr gut als Kuli und Ruderer dienen, ich hatte dann nur wenige Kajan nötig. Da auch die Kajan noch nie dieses Grenzgebirge mit dem Stromgebiet des Barito bestiegen hatten und wir unserem eigenen, auf dem Batu Mili entworfenen Plane folgen wollten, konnten uns diese kräftigen Fremden ebenso gut Hilfe leisten.
Die Kajan schienen gehofft zu haben, dass ich ohne ihren Beistand auf den Zug nach dem Batu Lĕsong verzichten würde. Sie fürchteten nämlich, dass mir in diesen ihnen unbekannten und daher unheimlichen Gebieten, in denen die Baritostämme Buschprodukte suchten, etwas zustossen könnte.
Kaum hatten die Kajan daher gehört, dass die Malaien mich begleiten sollten, als verschiedene einflussreiche Männer zu mir kamen, mich auf die grossen Gefahren aufmerksam machten, und mich von meinem Plane abzubringen suchten. Zuverlässige Auskunft über diese Gegend konnte ich nicht erhalten, sie suchten mich im Gegenteil durch allerhand falsche Berichte einzuschüchtern und wankend zu machen.
Um so wenig Männer als möglich mitzunehmen, beschloss ich, den Zug nur mit Bier zu unternehmen und Demmeni und Doris zurückzulassen. Sĕkarang und Amja dagegen sollten mich begleiten; die Aussicht, eine wertvolle Sammlung Gebirgspflanzen anlegen zu können, war zu lockend, um sie zu Hause zu lassen.
Als Kwing Irang merkte, dass ich ernstliche Vorbereitungen traf, machte er aus der Not eine Tugend, indem er das Seine dazu beitrug, um mich wohlbehalten heimkehren zu lassen. Er trug Sorong auf, mich zu begleiten, und trat mir ausserdem fünf der gewandtesten jungen Männer ab.
Glücklicher Weise kannte Sorong wenigstens den Weg bis zu dem Bergrücken, der zwischen dem Blu-u und Danum Parei auf den Batu Lesong führt. Am 16. Januar brachen wir 24 Mann stark in dreien meiner kleinen Böte auf.
Die letzten Tage vor unserer Abreise waren recht trocken gewesen, so dass der Blu-u gerade genügend viel Wasser enthielt, um am ersten Tage bis an den Ort zu gelangen, wo an seinem Seitenfluss, dem Bruni, die verlassenen Reisfelder aufhören und der jungfräuliche Wald mit seinen Riesenstämmen über dem kleinen Flusse ein schattenreiches Dach bildet. Nachts fiel das Wasser noch mehr, so dass die Böte über die Stromschnellen bei den Geröllbänken mehr gezogen als gerudert werden mussten. Wir Europäer zogen es vor, zu Fuss längs des Ufers zu folgen, hatten aber den Fluss hie und da zu durchqueren. Gegen Mittag mussten immer wieder Steine auf die Seite geworfen werden, um den Böten einen Durchgang zu verschaffen. Erst am folgenden Tage erreichten wir auf die gleiche Weise Long Dungo, den Punkt, wo der Landweg zum Danum Parei beginnt. Hier mussten wir einen Teil des Reises, den wir mit Rücksicht auf die unbestimmte Dauer der Reise in grossen Mengen mitgeführt hatten, zurücklassen. Sollte die Besteigung lange Zeit erfordern, so konnte dieser Vorrat stets abgeholt werden.
Meine Kuli schienen den Rest des Tages gern hier verbringen zu wollen, aber ich kannte die Schwierigkeiten nicht, denen wir weiter oben begegnen würden, und liess, um keine Zeit zu verlieren, die Leute ihre Tragsäcke in Ordnung bringen.
Von der Landzunge an, welche von dem Bruni und einem seiner Nebenflüsse gebildet wird, bestiegen wir zuerst einen sehr steilen und dann immer flacher werdenden Rücken, der direkt auf die Wasserscheide zwischen Blu-u und Danum Parei hinaufführte. Gegen 3 Uhr gelangten wir auf einem alten Pfade der Buschproduktensucher so weit aufwärts, dass wir aus Furcht, auf dieser Höhe kein Wassermehr zu finden, Halt machen mussten.
Auf den Charakter des grossen Bergrückens begierig setzten wir am folgenden Morgen unseren Marsch fort und erreichten ohne andere Schwierigkeiten, als die Überwindung einiger steiler Partieen, gegen
Uhr eine flache Verbreiterung des Rückens, die nach Sorong den höchsten Punkt auf dem Wege zum Danum Parei vorstellte.
Der hohe Wald, der uns auch hier wieder umgab, benahm jede Aussicht; so blieb uns nichts anderes übrig, als die südliche Richtung einzuschlagen, um auf diese Weise auf den Rücken zu gelangen, der uns auf den Batu Lĕsong führen sollte. Wir befanden uns anfangs plötzlich zwei Mal vor steilen Abhängen, die nach unten in das Tal des Bruni führten, aber einige als Kundschafter ausgesandte Leute brachten uns bald wieder auf die richtige Spur. Der gefundene Rücken war oben 4 bis 10 m breit und wir folgten ihm auf einem für Urwaldverhältnisse sehr befriedigenden Pfade. Da er nie oder nur äusserst selten von Menschen betreten wurde, konnte er nur von Hirschen, Schweinen und Rhinozerossen, die von dem einen Gebiet ins andre zogen, herrühren. Der Pfad führte uns bis dicht an den Batu Lĕsong und nur ab und zu war ein Schwerthieb erforderlich, um Rotang oder Reisig aufzuräumen.
Vom Batu Mili und Batu Situn aus gesehen zeigte der Querrücken, auf dem wir uns befanden, drei aufeinander folgende Erhebungen, deren Höhe nach unten zu allmählich abnahm. Der höchste, der uns als Beobachtungspunkt dienen sollte, lag auf dem Batu Lesong selbst.
Nachmittags erstiegen wir die, von uns aus gesehen, erste, 75 m hohe Erhebung und trafen hier bereits auf einer Höhe von 950 m ü.d.M. die Moosvegetation. Die niedrigen Bäume, die hier den wichtigsten Teil des Pflanzenwuchses ausmachten, waren infolge ihrer Moosbekleidung zu ihrer vier- bis fünffachen Dicke angeschwollen und zwischen ihnen hingen an den Schlingpflanzen wahre Wände von Moos, so dass man in den Zwischenräumen die Töne gedämpft wie in einem geschlossenen Raume hörte.
Hier ruhte ich mit dreien meiner Leute aus und beschloss, auf die übrigen zu warten, die, mit einer Last von etwa 25 kg beladen, nicht so schnell folgen konnten. Es dauerte einige Stunden, bis der letzte Mann bei uns eintraf, und wir mussten nun an unser Nachtlager denken, das wir in dem Sattel zwischen den beiden ersten Erhebungen aufschlugen. Einen kalten Wind abgerechnet störte uns nichts in unserem tiefen Schlaf, denn selbst die zahlreichen Heimchen und Zikaden, die den Wald weiter unten Tag und Nacht mit ihrem Gezirp erfüllten, waren hier entweder nicht vorhanden oder schwiegen. Wahrscheinlich war ersteres der Fall, denn die sonst stets anwesenden Arten der Morgenund Abendzikaden, die sich nur bei Sonnenaufgang und Untergang hören lassen, waren hier durch andere Arten vertreten. Im Laufe des Nachmittags zog Sorong mit einigen Männern noch aus, einen weiteren Weg zu suchen, und kam mit dem Bericht zurück, dass es am geratensten sei, westlich um den Fuss der zweiten Erhebung statt über deren Gipfel zu gehen. Die sehr steilen, hier und da kahlen Wände sahen in der Tat wenig anziehend aus, daher gingen wir am folgenden Morgen auf gleicher Höhe durch einen sumpfigen Wald weiter. Unseren Kajan lief das Wasser im Munde zusammen beim Anblick der zahlreichen Spuren von Wildschweinen und Nashornen. Nach Sorongs Angabe hatten wir einen kleinen Nebenfluss des Blu-u zu durchschreiten und dann einen Gipfel zu besteigen, den er zwischen den Bäumen glaubte durchschimmern gesehen zu haben.
Von unten heraufziehende Wolken umhüllten uns und der freundliche Sonnenschein, der den dunklen, ewig triefenden Wald etwas belebte, verschwand. Wir zogen über eine Menge abgestürzte, scharf kantige Sandsteinblöcke, die nass und mit Moos bewachsen waren und dem Fuss nirgends einen festen Stützpunkt boten. Bald wurde Arm oder Fuss von den Schlingen und Haken der Lianen festgehalten, bald schlugen uns dornige Rotangranken ins Gesicht, so dass wir unter diesen Umständen an zwei Augen lange nicht genug hatten. Unsere Träger bewegten sich von dem einen Felsblock zum anderen, indem sie sich überall mit Händen und Füssen festklammerten; ihr Schweigen bewies den Eindruck, den diese Umgebung auf sie machte. Später überfiel uns ein kalter Regenguss, der die Nässe unserer Kleider zwar nicht mehr steigern konnte, uns seiner Kälte wegen aber sehr unangenehm berührte. Als wir nach einer Kletterei von einigen Stunden an der Richtigkeit von Sorongs Angaben zu zweifeln begannen, suchten wir uns unter einigen überhängenden Felsblöcken einen trockenen Platz und sandten zwei Malaien vom Mĕlawi auf Kundschaft aus.
Die Rast war uns zwar sehr angenehm, aber das Warten erschien uns schliesslich doch etwas lange, auch brachten uns die Malaien nicht einmal sehr ermutigenden Bericht. Zwar hatten sie den Gipfel gefunden, aber sie zweifelten daran, dass er der richtige war, ausserdem wurde der Weg züi ihm nicht besser. Also ging es zwischen Felsblöcken, Sträuchern und Lianen vorwärts, bis wir an ein trockenes Flussbett gelangten, das nur bei heftigem Regen Wasser zu führen schien. Jetzt bildete es nur einen nackten Einschnitt in der Bergwand, mit verwitterten Wänden und gefüllt mit losem Gestein verschiedenster Grösse. Das Gehen war beschwerlich, aber die ungewohnte Freiheit der Bewegung wirkte ermunternd, daher betraten wir mutig, einer hinter dem anderen, den Pfad, der mit 30° Steigung aufwärts führte.
Das Flussbett wurde bald so steil, dass die Vordersten nicht mehr gehen, sondern an den Wänden hinaufklettern mussten. Die Hinteren suchten ihr Heil sehr bald im Walde, denn die von ihren Vorgängern losgelösten Steine wurden ihnen zu gefährlich. Wir beschuhten Europäer brachten auffallender Weise viel mehr Steine ins Rollen als die barfüssigen Eingeborenen, die noch dazu eine Last zu tragen hatten. Die Biegsamkeit und das Gefühl in ihren Fusssohlen bieten ihnen beim Gehen einen grossen Vorteil, daher verwickeln sie ihre Füsse auch so selten in den Schlingen der Lianen, aus denen man sich oft schwerer als aus Schnüren derselben Dicke befreien kann.
Bald befanden wir uns vor einem Kamin, dessen Wände zu verwittert waren, um an ihnen hinaufklettern zu können. Unsere braunen Gefährten kamen uns wieder zu Hilfe, steckten einige dicke Stöcke zu beiden Seiten in den Boden und geleiteten uns so zu dem zuverlässigeren Waldboden. 100 m höher gelangten wir auf einen schmalen Sattel, der auf der anderen Seite ebenso steil abfiel und somit wieder eine Untersuchung verlangte.
Links von uns erhob sich eine hohe, steile, dicht bewachsene Felswand und rechts ein nur 40 m hoher Hügel, der uns voraussichtlich über die nächste Umgebung einen Überblick geben konnte. Indem wir uns durch moosbedecktes Gestrüpp hindurchwanden und mit Hilfe von Leitern schwierigere Stellen passierten, erreichten wir die Spitze, die mit dichtem Grün von Rhododendren und seltsamen Nepenthes bedeckt war. Eine Aussicht war aber nicht vorhanden, denn unmittelbar über uns umhüllte eine dicke Wolkenlage alle höheren Gipfel.
Vor Nässe triefend und vor Kälte zitternd beschlossen wir, bis zum folgenden Tage zu warten, und kehrten auf den Sattel zurück, wo uns die Kajan mit einigen geraden, dünnen Hölzern bald das Gerüst für eine Hütte zusammenstellten, die wir mit einigen Segeltüchern vervollständigten.
Ein Kleiderwechsel brachte uns bald ein behagliches Gefühl; leider musste das Wasser auf dieser Höhe weither geholt werden und wir daher lange auf einen warmen Trunk warten. Die Malaien erstiegen noch den Gipfel links von unserem Sattel und bemerkten, dass er der zweite Gipfel war, um dessen Fuss wir tagsüber gezogen waren, und dass der dritte Gipfel noch hinter diesem lag. Es zeigte sich zugleich, dass diese beiden Gipfel durch eine so tiefe und steile Schlucht getrennt waren, dass an ein Hinüberkommen nicht zu denken war. Obgleich der gefundene seitliche kleine Gipfel nicht der gewünschte war, hatten wir doch durch unseren Zug nach rechts, der Bergwand entlang, nichts verloren, es kam jetzt nur darauf an, längs der Bergwand eine Möglichkeit zu finden, um den letzten Gipfel zu besteigen. Diese Aufgabe überliessen wir am folgenden Tage den Malaien und suchten uns inzwischen mit Lesen und Aufzeichnen so angenehm als möglich zu unterhalten. Die Verhältnisse waren nicht gerade gemütlich; das Thermometer, das nachts auf + 14° C. gefallen war, stieg auch am Tage nicht über + 17° C.; von unserer Hütte aus traten wir sogleich auf durchnässtes, plattgetretenes Moos und, obwohl unser Lager sich auf einem nur wenige Meter breiten Sattel mit sehr steilen Wänden befand, benahm uns das umgebende Gestrüpp doch jede Aussicht. Erst gegen 3 Uhr kam der erste Kundschafter, zum Glück mit gutem Bericht, zurück. Der dritte Gipfel konnte bestiegen werden, sie hatten sogar zum grössten Teil bereits einen Weg gehauen, ausserdem hatten sie Trinkwasser gefunden.
Am anderen Tage glückte es uns, in 1½ Stunden den Aussichtspunkt, einen sehr schmalen, langen, mit Bäumen dicht bestandenen Gipfel, zu erreichen. Die Bäume waren durch Gestrüpp und dicke Moosbedeckung zu einem Ganzen verbunden und wir konnten uns nur kriechend und kletternd hindurcharbeiten. In einer durch Mooswände gebildeten Kammer liessen wir unsere Zelte aufschlagen, sahen aber zum Leidwesen des Topographen keine Möglichkeit, einen Standplatz auf festem Untergrund für ihn zu schaffen. Hierfür hätten auf dem ganzen Gipfel und teilweise an den Abhängen Bäume gefällt werden müssen, eine Arbeit, die wegen der Härte des Gebirgsholzes nicht ausgeführt werden konnte. Wir suchten daher, wie auf dein Batu Situn, einige beieinander stehende Bäume aus, liessen ihre Kronen bekappen und zwischen ihren Ästen eine Plattform anbringen, über welche ein Dach aus Segeltuch gespannt wurde. Ein besserer Beobachtungsposten war unter den gegebenen Umständen kaum zu erlangen. Trotzdem mussten, um eine freie Aussicht zu erlangen, noch viele hohen Bäume gefällt werden; für die Pflanzensucher bot sich hier eine günstige Sammelgelegenheit, da in dieser Regenzeit alle Bäume Blüten oder Früchte trugen.
Durch seine Höhe von 1690 m ü.d.M. gewährte uns der Gipfel einen Überblick über einen grossen Teil von Mittel-Borneo; die höchsten Bergspitzen wurden zwischen dem oberen Mĕlawi und oberen Kajan sichtbar.
An diesem Tage sahen wir jedoch wenig hiervon, denn nach dem Sonnenschein des Morgens umhüllten uns gegen 11 Uhr die Wolken von unten her. Darauf regnete es ein wenig und abends verursachte die untergehende Sonne einen so eigenartigen bläulichen Dunst über der ganzen Landschaft, dass sie nur in grossen Zügen erkennbar war. Wir setzten unsere Hoffnung auf den folgenden Morgen, aber in der Nacht trat Regen ein, der bis 8 Uhr morgens anhielt. Obgleich der 200 m lange Weg zu unserem Observatorium nicht verlockend erschien und das Thermometer nur + 12° C. zeigte, konnte ich meine Ungeduld doch nicht länger bezwingen und stand bald nach unserem Frühstück fröstelnd auf der Plattform. Hier heulte der mit feinem Regen beladene Wind in den Baumgipfeln und trieb von Süden her halb durchsichtige Wolkenmassen aus dem Murungtal über den Batu Lĕsong, während nach Osten hin ein bleifarbiger Wolkenschleier jeden Ausblick benahm. Unsere Malaien waren nur mit Mühe zum weiteren Fällen der Bäume zu bewegen und einige Exemplare blieben bis zur Ankunft der Kajan stehen, die im Sattel übernachtet hatten und ausser ihren starken Armen auch gute Beile mitbrachten. Noch am gleichen Tage wurde der Gipfel so weit als nötig frei, aber weder der Abend noch der folgende Morgen gewährten irgend welche Aussicht. Unter diesen Umständen wussten wir nichts Besseres vorzunehmen, als in unsere Klambu zu flüchten.
Inzwischen hatten unsere Pflanzensucher mit grossem Erfolg gearbeitet und wollten allmählich den Rückzug antreten, um auch die Pflanzenwelt weiter unten zu untersuchen. Als Schutz und Hilfe gab ich ihnen einige Malaien mit, bemerkte aber später, dass bis auf zwei alle mitgegangen waren. Zum Glück blieben uns die Kajan übrig, die am vierten Tag alle nach oben kamen, um die letzte Nacht vor unserer Abreise oben zu verbringen. An diesem Morgen schien nämlich zum ersten Mal die Sonne und sie wussten, dass der Tag uns eine genügende Aussicht bieten würde. Sie erwarteten mit Ungeduld unseren Aufbruch, begreiflicher Weise, denn der eine hatte ein Lendentuch, der andere ein Kopftuch oder eine Jacke verbrannt, weil er nachts der Kälte wegen zu nah beim Feuer geschlafen hatte.
Der hohe Punkt des Batu Lĕsong, auf dem wir uns eben befanden, bot uns zuerst einen interessanten Blick auf die Gipfelfläche dieses Gebirges. Diese neigt sich mit nur 8° nach Süden, wird höchstens einen Kilometer breit und erstreckt sich ununterbrochen über die ganze Kette. Nur da, wo die zwischen den Nebenflüssen des Mahakam laufenden Seitenketten von der Hauptkette abzweigen, erhebt sich ein Gipfel, wie derjenige, auf dem wir uns eben befanden. Die Kajan nannten den Gipfel, der sich zwischen dem Blu-u und Ikang erhebt, Batu Tokong und behaupteten, dass auf seiner Südseite der Busang entspringe und an dem südlichen Abhang unseres Gipfels der Lito, ein Nebenfluss des Bĕlatung. Die Gipfelfläche sowie die ganze Landschaft sind vollständig mit ununterbrochenem Urwald bedeckt, aus dem nur die senkrechten hellen Wände des Batu Lĕsong an der Nord- und Südseite scharf hervortreten.
Die langen Nebenketten, die sich nach Norden zum Mahakam hinziehen, fehlen nach Süden, im Tal des Murung; hier sieht man nur breite, wenige Kilometer lange Ausläufer, die zum Flusstal hin senkrecht abfallen.
In kurzem Abstand vom Batu Lĕsong und parallel mit diesem erhebt sich im Süden ein anderer Rücken, der den Busang zwingt, längs des südlichen Fusses des Batu Lĕsong nach Westen zu fliessen; den Namen dieses Rückens und etwas Näheres über ihn konnte ich nicht erfahren. Wegen der allgemeinen Waldbedeckung konnten wir die einzelnen Gebirge am oberen Murung auf grösseren Abstand nicht gut unterscheiden. Nur der Batu Ajo im Osten trat seiner ganzen Länge nach deutlich hervor; sein Gipfel besteht ebenfalls aus einer schmalen, waldbedeckten Fläche, nur ist er niedriger als der des Batu Lĕsong. Besonders auffallend war das Bergmassiv des Bomban im Gebiet des Murung, das sich als schmales, kegelförmiges Gebirge von 1900–2000 m Höhe hinter den vorgelagerten, nicht über 1000 m hohen Ketten erhebt. Ich konnte nun die eigenartigen Terrassenbildungen unseres Sandsteingebirges, die mir vom Batu Mili aus aufgefallen waren, von einem anderen Standpunkte aus betrachten. Die 20 bis 100 m mächtigen Sandsteinlagen aus denen dieses Gebirge besteht, sind im Lauf der Zeit so erodiert worden, dass nach Norden niedrigere Terrassen mit der gleichen schwachen Neigung, wie der Hauptrücken, gebildet sind und zwar ist die Terrassenbildung an der Westseite der Querrücken stärker ausgeprägt als an der Ostseite.
Die Nordseite des Batu Lĕsong zeigt eine eigentümliche Zickzacklinie, in deren einspringenden winkeln je ein Fluss seinen Ursprung nimmt.
Die Berge im Tal des Blu-u machten, da sie ganz mit Wald bedeckt sind, von dieser grossen Höhe aus keinen Eindruck; nur der Kasian und der Mili stachen mit ihren hellen Wänden von dem dunklen Hintergrunde ab. Grossartig war der Blick auf das Kettengebirge am oberen Mahakam mit seiner Fortsetzung längs des Kajanflusses. Einzelne Ketten oder Gipfel waren nicht zu erkennen; es zeigte sich aber, dass von diesem Gebirge Querrücken in die Täler des Oga und Boh, in gleicher Weise wie vom Batu Lĕsong zum Mahakam, verliefen.
Nachmittags, als die Sonne im Sinken begriffen war, erfuhren wir aufs neue, wie sehr die Aussicht nicht nur durch die Wolken, sondern auch durch die Sonne beeinträchtigt werden kann; denn Bier konnte nur mit Mühe einige Gipfel im Norden visieren, da ein bläulichgrauer Dunst die ganze Landschaft einhüllte. Das erhaltene Resultat war aber befriedigend, daher beschlossen wir, diesen ungastlichen Ort am folgenden Morgen zu verlassen.
Die Verteilung unseres Gepäcks unter die noch übriggebliebenen Kajan und Malaien kostete nicht viel Mühe, da unsere Lebensmittel fast erschöpft waren, und so machten wir uns am 26. januarleichten Herzens auf den Rückweg: Unsere Kuli hatten den Weg durch Mooswände und Gestrüpp bedeutend verbreitert und verbessert, daher kamen wir, obgleich die Kletterpartie nach unten doch nass und unangenehm war, schnell vorwärts und erreichten noch vormittags den Lagerplatz vor dem ersten Gipfel, an dem wir alle unsere Leute versammelt fanden.
Sĕkarang hatte seine Zeit besonders gut benützt und während des letzten Tages einen wahren Garten von schönen und seltenen Pflanzen zusammengebracht. Das Herbarium war besonders durch eine grosse Anzahl neuer Baumarten bereichert worden. Alles Material musste lebend mitgenommen und zu Hause bearbeitet werden, da in dieser vor Nässe triefenden Umgebung an ein Trocknen nicht zu denken war.
Unsere Arbeit war nun erledigt und eine schnelle Heimreise wünschenswert, daher dachte ich abends über die Möglichkeit nach, den Mahakam in einem Tage zu erreichen. Der Abstieg musste bequemer sein als der Aufstieg und, da die Flüsse durch den Regen der letzten Tage geschwellt sein mussten, erschien mir die Sache nicht sehr schwierig. Mein Vorschlag fand seitens der Träger geringen Beifall, obgleich diese im Grunde auch lieber zu Hause als in dem nassen Urwald sassen. Sie fürchteten augenscheinlich, einen geringeren Lohn zu erhalten, daher versprach ich ihnen sogleich nicht nur den vollen Lohn, sondern auch eine Extrabelohnung, weil der Zug dank der Anstrengung der Leute in kürzerer Zeit vollführt worden war, als ich erwartet hatte.
Am folgenden Morgen verteilten wir die Pflanzensammlung unter die Träger und brachen nach dem Essen auf. Ich vermutete, dass meine Reisegesellschaft es doch noch versuchen würde, erst in zwei Taren aber dafür langsam nach Hause zu gelangen, und beschloss daher, vorauszugehen, um die Leute zum Nachfolgen zu zwingen.
Als alle zum Abmarsch bereit waren, machte ich mich in Gesellschaft von Sorong, der nur sein eigenes Gepäck zu tragen hatte, auf den Weg. Mit unserem schnellen Schritt erreichten wir in 3½ Stunden unseren Lagerplatz auf dem Rücken, der zum Bruni hinunterlief. Sorong erklärte, der Ruhe bedürftig zu sein, und konnte auch nach einiger Zeit nur mühsam vorwärts, so dass uns die fünf jungen Kajan einholten. Durch unser ständiges Vorausgehen und durch die Nähe des Flusses gereizt stürmten sie ohne stillzuhalten an uns vorüber. Ich liess Sorong zurück und folgte den fünf, musste aber sehr schnell gehen, um mit ihnen Schritt zu halten. In kurzer Zeit erreichten wir den Bruni, der inzwischen stark geschwollen war. Als wir den Fluss durchquerten, sanken wir tief ins Wasser ein; das Bad, das erste nach unserer Abreise, erfrischte uns herrlich, auch liess uns die Aussicht, mit unseren Böten ohne Schwierigkeit nach Hause zu gelangen, unsere Müdigkeit und die Steifheit unserer Gliedmassen vergessen. Innerhalb einer Stunde waren alle vereinigt, die Böte aus dem Walde geholt und zu Wasser gelassen worden. Das Einladen des Gepäckes ging schnell von statten und darauf ging es erst den Bruni dann den ebenfalls geschwollenen Blu-u hinunter. Noch vor Sonnenuntergang landeten wir bei unserer Wohnung, zur grossen Verwunderung der Dorfbewohner, die uns noch lange nicht zurück erwartet und einen Erfolg unseres Zuges nicht für wahrscheinlich gehalten hatten. Mühsam stieg ich den 30 m hohen Uferwall hinauf und merkte noch nach Tagen, dass ein derartiger Zug viele Anspannung erfordert.
Alle unter der Aufsicht des Kontrolleurs zurückgebliebenen Leute befanden sich wohl, waren aber, wie die ganze Niederlassung, über einen brutalen Mord, der in den letzten Tagen verübt worden war, erregt.
Utas, der malaiische Gatte Lirungs, die in Long Bulèng wohnte, war gleich nach unserer Abreise von einem Handelszug nach dem oberen Murung zurückgekehrt und hatte unter seinen verschiedenen Handelsartikeln auch eine Sklavin mitgebracht. Wenige Tage vorher hatte Lasa, der Sohn des Ma-Suling Häuptlings Tĕkwan, als er seine Tante Lirung besuchte, die Sklavin aus dem Hause gelockt, mit zwei jungen Kajan in ein Boot gesetzt und war mit ihr flussabwärts gefahren. Als auf halbem Wege von seinem Hause alle auf einer Geröllbank ausgestiegen waren, um zu baden, fiel Lasa plötzlich die alte Frau an und ermordete sie. So schien sich die Geschichte, von allen wahren und unwahren Ergänzungen abgesehen, wirklich zugetragen zu haben.
Die Tat war sowohl Kwing Irang als uns gegenüber eine sehr freche; denn Lasa gehörte durch seine Mutter Uniang, eine Schwester von Lirung, zum Kajanstamm und, da die alte Frau bereits in Lirungs Hause gegessen hatte, war, nach Auffassung der Kajan, in ihr eine Stammesgenossin ermordet worden. Ein derartiges Verbrechen wird von den Bahau viel schärfer verurteilt, als wenn es sich um die Ermordung eines Fremden, wenn auch eines Angehörigen eines benachbarten Stammes, handelt.
Kwing Irang geriet durch diese Angelegenheit in grosse Verlegenheit, denn er hatte sie noch nicht mit dem Kontrolleur besprochen und für uns war es schwierig, aktiv aufzutreten, besonders deswegen, weil der wahre Sachverhalt, der widersprechenden Berichte wegen, durchaus nicht klar schien.
Zuerst hörten wir, Kwing Irang habe die beiden Kajan, deren Unschuld an dem Mord sich übrigens bald erwies, zur Strafe nach Long Bulèng geschickt, um dort zu arbeiten, und gleich darauf erklärte der Häuptling dem Kontrolleur, er habe die Absicht, seinem Enkel (Sohn seiner Nichte) die Strafe für Mord im eigenen Stamme aufzuerlegen. Da die betreffende Strafe in solch einem Fall bei allen Bahau in der Auferlegung einer Busse besteht, mussten wir uns mit seiner Absicht zufrieden geben.
Bald darauf, am a. Februar, kamen Tĕkwan und Uniang, die Eltern des Mörders, in grosser Gesellschaft heraufgefahren, um über den Vorfall zu unterhandeln. Sie durften jedoch das Haus des Kajanstammes nicht betreten, da nach einem derartigen Mord niemand mit dem Mörder oder mit dessen Familie, aus Furcht krank zu werden (einen dicken Bauch zu erhalten), in Berührung kommen will, selbst nachdem bereits eine Busse auferlegt worden ist. Erst nachdem der Mörder oder seine Familie dem Häuptling ein Schwert, ein Stück Zeug und einige Hühner übergeben haben und diese mit dem Schwerte getötet worden sind, fürchtet man sich nicht mehr, durch eine Begegnung mit dem Mörder den Zorn der Geister zu erregen.
Bevor die Hühner geopfert werden, suchen so viele Leute als möglich die Tiere zu beissen, damit die Geister an dem auf die Tiere übertragenen Geruch die Teilnahme aller am Opfer erkennen können und die Blutschuld ihres Stammesgenossen nicht auch an ihnen zu rächen suchen.
Darauf legte Kwing Irang in einer Zusammenkunft den Eltern des Mörders eine Busse von 1000 Reichstalern auf. Den gleichen Betrag hatte er dem Radja von Sĕrawak bezahlen müssen, nachdem er selbst einen Chinesen getötet hatte, auch hatte er einst von einigen Murungern für den Tod dreier seiner Stammesgenossen die gleiche Summe gefordert. Um diese Busse zu entrichten, war Tĕmĕnggung Itjot damals mit einem Sklaven und allerhand Waren nach dem oberen Mahakam gezogen.
Viel später erst kämen wir zur Überzeugung, dass die Sache sich so zugetragen haben musste, dass Lasa dem Utas, als dieser sich lange vor unserer Ankunft nach dem Murung begab, aufgetragen hatte, ihm für das Geld oder die Artikel, welche er ihm mitgab, einen Sklaven oder eine Sklavin zu kaufen. Als Häuptlingssohn fühlte sich nämlich Lasa, um für voll angesehen zu werden, verpflichtet, einen Menschen zu töten. Da bei den Bahau selbst Sklaven nicht verkauft werden und ihm zu einer Kopfjagd Lust oder Gelegenheit fehlte, ergriff er dieses Mittel, um den Anforderungen seiner männlichen Ehre zu genügen; denn, wie an anderem Ort bereits gesagt ist, gilt selbst das Töten einer alten Sklavin bei den Bahau als Zeichen von Mut. Augenscheinlich wollte er sein Geld nicht verlieren und tötete daher die Sklavin, trotzdem wir uns bei Kwing Irang aufhielten. Dabei beging er die Unvorsichtigkeit, die Sklavin zu töten, nachdem sie sich bei den Kajan bereits niedergelassen und gegessen hatte. Aus Furcht, dass wir den Malaien Utas, der in dieser Angelegenheit eine zweifelhafte Rolle gespielt hatte, zur Verantwortung ziehen würden, hielt man uns den wahren Sachverhalt so lange verborgen; vielleicht war er auch nur wenigen bekannt. Auch Lasa schien sich nicht sicher zu fühlen, denn er war sofort nach den Reisfeldern der Ma-Suling, die hoch oben am Mĕrasè lagen, geflohen.
Kaum hatte sich die Aufregung über diesen Mord etwas gelegt, als Berichte aus Long Tĕpai eintrafen, welche die Bevölkerung noch weit mehr beunruhigten. Bald nach unserer Rückkehr vom Batu Lĕsong war Hadji Umar nämlich in Handelsangelegenheiten nach Long Tĕpai gezogen und kehrte am 7. Februar mit der Nachricht zurück, dass er die Bewohner von Long Tĕpai in grosser Aufregung verlassen habe, weil sechs Siang vom Murung, die am oberen Tĕpai Guttapercha suchten, auf Batang-Lupar Dajak gestossen waren, die den Wald unberechtigter Weise ausbeuteten. Die Siang waren mit Erlaubnis des Häuptlings Bo Lea von Long Tĕpai den Fluss bis zu seinem Ursprung hinaufgefahren und hatten in dem für gewöhnlich gänzlich unbewohnten Gebiete hacken gehört. Als sie vorsichtig heranschlichen, sahen sie zwei Männer, die im Begriff waren, eine Sagopalme zu fällen. Durch einen kleinen Hund, der fortlief, aufmerksam gemacht begannen die Männer, dem Berichte nach, mit vergifteten Pfeilen auf die Siang zu schiessen, ohne sie zu treffen, worauf diese mit Gewehrschüssen antworteten. Die beiden Männer ergriffen die Flucht, wurden aber von den Siang verfolgt, die schliesslich auf eine nach Art der Batang-Lupar gebaute Hütte stiessen, die mindestens 30 Personen beherbergen konnte.
Die Bande schien in grosser Eile geflohen zu sein, denn sie hatte Schwerter, Kochtöpfe und eine grosse Menge Guttapercha zurückgelassen. Die Siang, die sich in dieser Umgebung nicht sicher fühlten, kehrten nach Long Tĕpai zurück und nahmen als Beweis für ihr Erlebnis Guttapercha und allerhand Gegenstände mit. Die zweifellose Nähe der Batang-Lupar, vor denen man am oberen Mahakam stets Furcht empfindet, rief bei den Bewohnern von Long Tĕpai einen solchen Schrecken hervor, dass sie sich sofort rüsteten, um auf den Feind loszugehen. Man beschloss jedoch, bevor man zur Tat schritt, sei es auf Anraten Hadji Umars, sei es, weil die Häuptlinge selbst es für sicherer hielten, die Angelegenheit erst mir und Barth vorzulegen. Daher kam Umar uns melden, dass am folgenden Tage Bo Tijung, der älteste, vornehmste und einflussreichste Mann von Long Tĕpai, zu uns kommen werde, um die Sache mit uns zu beraten. Dieser Vertrauensbeweis der Long-Glat, deren Gesinnung uns gegenüber bisher stets zweifelhaft gewesen war, gewährte uns eine grosse Genugtuung, auch freuten wir uns, den Bahau beweisen zu können, dass wir ihnen bei gegebener Gelegenheit ernstlich beistehen wollten. Wir überlegten daher, was in dieser Angelegenheit weiter zu tun sei. Da die Bahau die Batang-Lupar als Kopfjäger sehr fürchteten und die Long-Glat in der Tat allen Grund dazu hatten, weil sie den am Oga an den fünf Batang-Lupar verübten Mord noch nicht gesühnt hatten, war es äusserst wahrscheinlich, dass sie bei einer eventuellen Begegnung sogleich auf ihre Feinde schiessen würden. Hierdurch wären gegenseitige Racheakte und vermehrte Unruhe im Lande veranlasst worden; wir mussten daher trachten, die ganze Bewegung in Händen zu behalten.
Ob sich nur diese kleine Bande Sĕrawakischer Dajak in der Umgegend aufhielt, oder ob sie zu einer viel grösserem gehörte, war gänzlich unbekannt. Als Folge des vor zwei Jahren von den Long-Glat verübten Mordes hatten bereits zahlreiche Gerüchte von Rachezügen seitens der Butang-Lupar, die schon unternommen waren oder erst unternommen werden sollten, die Runde gemacht, und es war daher sehr wohl möglich, dass die entdeckten Buschproduktensucher in der Tat darauf aus waren, sich an den Long-Glat von Long-Tĕpai oder anderen Niederlassungen zu rächen.
Bevor wir über die Anzahl und den Aufenthaltsort der Feinde nähere Auskunft erlangt hatten, konnten wir keine wichtige Massregel ergreifen. Dass die Bahau aber in der Aufregung des Augenblicks zu ruhiger Überlegung und Geduld nicht fähig waren, merkten wir am folgenden Tage, als Bo Tijung mit zwei Böten bei uns landete und nach einem kurzen Besuch bei Kwing Irang uns sogleich seine Aufwartung machte. Sein Bericht stimmte mit dem von Hadji Umar überein, auch hatte er als Beweisstück Guttapercha mitgebracht. Die Batang-Lupar bereiten nämlich die Guttapercha auf eine besondere Art und Weise, die nicht zu verkennen ist. Erstens vermengen sie die Guttapercha stark mit Baumrinde, so dass sie eine schwammige Masse bildet, zweitens formen sie aus ihr viereckige, platte Kuchen, die ungefähr 3 × 5 dm gross und 1 dm dick sind. Die Bahau dagegen, besonders die Siang, vermengen die Guttapercha viel weniger und geben ihr eher eine zylindrische Form.
Bo Tijung hatte eigentlich gehofft, unsere Zustimmung zu erhalten, um mit allen kriegstüchtigen Männern sogleich auf die Batang-Lupar Jagd zu machen, und wollte daher anfangs ernsten Überlegungen kein Gehör schenken. Schliesslich konnte er aber unseren Einwand gegenüber, dass man über Anzahl der Feinde und den Ort, an dem sie zu finden waren, wenig wusste, nicht taub bleiben, auch schätzte er unser Versprechen, mit unseren gut bewaffneten Schutzsoldaten sicher Hilfe leisten zu wollen, sehr hoch. Aus unserem Gespräche, dem bald auch Kwing Irang, Hadji Umar und viele andere beiwohnten, glaubte Bo Tijung herauszuhören, dass wir das Mitnehmen der Guttapercha tadelten, und benützte die Gelegenheit, um seiner inneren Unzufriedenheit über den Lauf der Dinge Luft zu machen. Er äusserte sich heftig über das vermeinte Unrecht, die Guttapercha, die im eigenen Gebiet gestohlen worden war, nicht haben mitnehmen zu dürfen. Hadji Umar machte ihm bald klar, dass wir durchaus nicht dieser Ansicht waren, dass wir in dieser Angelegenheit nur vorsichtig zu Werke gehen wollten.
Die Unterredung mit Bo Tijung zeigte uns, dass, falls wir die Leitung der Dinge behalten wollten, die Gegenwart eines von uns in Long Tĕpai unumgänglich notwendig war, da selbst die Klügsten der Long-Glat kaum noch zu halten waren.
Nach dieser vorläufigen Beratung kam ich mit dem Kontrolleur überein, dass wir jetzt, wo die Mahakamstämme uns so günstig gesinnt waren und selbst Angelegenheiten, die sie so nahe angingen, mit uns berieten, eine Teilung unserer Gesellschaft riskieren konnten, und so beschlossen wir, dass Barth mit allen bewaffneten Malaien nach Long Tĕpai ziehen sollte, um dort nach Umständen zu handeln, und dass Hadji Umar, der die dortigen Verhältnisse und Menschen am besten kannte, ihn begleiten sollte. Barth sollte so lange in Long Tĕpai bleiben, bis ich mit Kwing Irang bei ihm eintraf, um dann gemeinschaftlich die Reise nach der Küste fortzusetzen.
Auf die Frage, wann er mit uns würde abreisen können, antwortete Kwing Irang nur: “so bald als möglich,” ohne einen bestimmten Termin anzugeben.
Am 9. Februar teilte sich unsere Gesellschaft tatsächlich und Barth fuhr mit den Seinen, zur grossen Zufriedenheit Bo Tijungs, flussabwärts.
In Long Tĕpai fand er alle bereit, sogleich einen Kriegszug nach dem oberen Tĕpai zu unternehmen; doch brachte er die Leute dazu, sich vorläufig darauf zu beschränken, unter Leitung einiger unserer besten Schutzsoldaten auf Kundschaft auszuziehen und zwar in so grosser Anzahl, dass man auch stärkeren Banden Widerstand leisten konnte.
Die Expedition brachte die Nachricht zurück, dass die Batang-Lupar, die in der Hütte gewohnt hatten, wahrscheinlich keiner grösseren Bande angehörten und so eilig geflohen waren, dass sie ihr Hab und Gut hatten zurücklassen müssen. Nachdem die Gesellschaft einige Tage in der Batang-Lupar Hütte gewohnt hatte, zog sie mit allen transportablen Gegenständen nach Long Tĕpai zurück und beruhigte die Dorfbewohner. Beinahe hätte sich auf dem Zuge ein Unglück zugetragen, da einer von Hadji Umars Begleitern, ein zum Heidentum übergetretener Malaie aus Sĕrawak, gleichfalls namens Umar, plötzlich sein Gewehr auf Njok, den ältesten Sohn von Bo Lea, angelegt hatte. Wenn einer unserer Schutzsoldaten das Gewehr nicht in die Höhe geschlagen hätte, wäre Njok sicher niedergeschossen worden. Der Mann war sogleich in den Wald geflohen und hatte sich nicht mehr sehen lassen. Acht Tage darauf erfuhren wir, dass Umar erschöpft in Long Bulèng angelangt war. Später beging er Ähnliches am Sĕrata und verursachte schliesslich auch bei den Kajan grosse Aufregung, indem er fünf junge Malaien verwundete und einen Dajak tötete. Jetzt sahen selbst die Kajan ein, dass der Mann an Verfolgungswahnsinn litt. Kwing Irang hatte mir nicht glauben wollen, als ich den Mann für geisteskrank erklärte und ihm nach dem Begebnis in Tĕpai riet, das gefährliche Individuum nach Sĕrawak zurückzusenden. Mit vieler Mühe gelang es den Kajan, den Mann, der sich im Walde versteckt hielt, zu töten.
Nun folgte für mich eine sehr ruhige Zeit, in der ich nur für den täglichen Unterhalt meiner Leute zu sorgen, meine ethnographische Sammlung zu vergrössern und die Lebensverhältnisse der Kajan zu studieren hatte. Der Bau von Kwing Irangs Haus bildete für mich den Mittelpunkt des Interesses.
Auf Andringen von Kwing Irang und seinen Mantri beteiligten sich einige Monate hindurch beinahe täglich einige Männer an der Arbeit, aber der Bau schritt doch lange nicht so schnell vorwärts, als der Häuptling und ich es wünschten. Kwing hatte mir bereits öfters mitgeteilt, dass, so lange er sein neues Haus noch nicht bezogen hatte, von einer Reise zur Küste keine Rede sein konnte. Jetzt, wo meine Gegenwart aus politischem Interesse bei den Long-Glat viel notwendiger war als bei den Kajan, wurde meine Ungeduld, das Haus endlich fertig dastehen zu sehen, begreiflicher Weise immer grösser. Und doch wollte ich die Reise ohne Kwing Irang lieber nicht fortsetzen, da seine Anwesenheit für den Eindruck auf die weiter unten wohnenden Stämme von zu grosser Bedeutung war. Von diesem Gesichtspunkte aus war es sehr günstig, dass der Kontrolleur schon jetzt die Möglichkeit hatte, sich bei den Long-Glat einzuleben; die Berichte, die er ständig nach oben sandte, lauteten auch sehr befriedigend.
Immer wieder wies ich die Kajan auf ihre Pflicht, sich mit aller Kraft dem Hausbau zu widmen. Es wurden selbst zweimal des Abends Versammlungen abgehalten, in denen ich mit allem Einfluss, den ich besass, für den Bau des Hauses eintrat; der Häuptling konnte nämlich keine Arbeiter mehr finden, da die Leute mit dem Bau ihrer eigenen Wohnung beschäftigt waren. Zu meiner Genugtuung wurden meine Vorstellungen wirklich beherzigt und der Hausbau schritt, im Vergleich mit der sonstigen Arbeitsweise der Bahau, schnell vorwärts. Die Kajan waren hiervon so überzeugt, dass sie mir sagten, das Haus sollte später stets: “uma tuan Doktor” (Haus des Herrn Doktor) heissen. Nichtsdestoweniger schienen mir die Tage kein Ende nehmen zu wollen.
Bier hatte seine Aufnahmen in Zeichnung gebracht und es wurde für ihn Zeit, seine Arbeit an einem anderen Ort fortzusetzen. Da auch der Kontrolleur in Long Tĕpai nur fünf Schutzsoldaten bei sich hatte, schien es mir notwendig, uns unabhängig von den Bahau Hilfskräfte zu verschaffen, die mir auch, nachdem ich den Kontrolleur bis nach Samarinda begleitet hatte, bei meiner Rückkehr ins Innere von Nutzen sein konnten. Ich nahm daher sogleich die besten Elemente von Hadji Umars Gesellschaft und ausserdem auch noch einige andere Malaien aus unserer Nachbarschaft in meinen Dienst. Die Leute waren froh, dass sie nun, wo die Kajan nicht mithalten konnten, von der Gelegenheit, einen guten Lohn zu verdienen, profitieren konnten. Es wurde mir um so leichter, Personal zu finden, als keinem von uns bisher ein Unglück zugestossen war und ich durch meine ärztliche Praxis das Vertrauen aller genoss. Im Hinblick auf meinen späteren Besuch bei den Kĕnja war ich auf Leute des gleichen Landes angewiesen, da ich erfahren hatte, dass nur ein kleiner Teil meines jetzigen Geleites dafür geeignet war oder geneigt sein würde, noch ein zweites Jahr bei mir zu bleiben. Unter den javanischen Leuten waren mehrere, die mir von keinem Nutzen sein konnten und die ich daher nach Java zurückschicken wollte, während die Malaien von der “Wester-Afdeeling” von Borneo, sowohl die Schutzsoldaten als die Melawie Malaien, sich zu sehr nach ihren Familien sehnten, um noch weiter mitgehen zu wollen. Indem ich von den Javanern, die in letzter Zeit ein sehr faules Leben geführt hatten, alle entbehrlichen Leute wählte, gelang es mir, Bier für drei Böte eine Bemannung zu verschaffen, mit der er den Mahakam vom Blu-u bis Long Tĕpai weiter aufnehmen konnte; von dort aus sollte er mit Hilfe der Long-Glat, die ihm der Kontrolleur zu verschaffen suchen musste, weiterarbeiten.
Des hohen Wasserstandes wegen musste Bier lange Zeit mit seiner Aufnahme warten und noch vor seiner Abreise fanden unsere Gedanken eine plötzliche Ablenkung.
A m Morgen des 23. Februar erschien Kuntji, ein Malaie, der bei den Ma-Suling am Mĕrasè lebte, mit einer Anzahl Leute aus Lulu Sirāng und meldete, dass der Häuptling Obet Dĕwong seit einiger Zeit wieder so ernstlich krank war, dass er meine Hilfe sogleich nötig hatte. Die Nachricht berührte mich äusserst unangenehm, denn man schrieb die Krankheit natürlich, diesmal zum Teil mit Recht, unserer Exkursion auf den Batu Situn zu, auch konnten nun die Ma-Suling, die bereits grosse Vorbereitungen getroffen hatten, um unter meinem Schutz die Gebiete unterhalb der Wasserfälle und die dortigen Märkte zu besuchen, nicht mit uns reisen. Da es sich bald herausstellte, dass es dem Häuptling lange Zeit gut gegangen war, dass er aber durch grosse Unvorsichtigkeit, wie durch langes Stehen in kaltem Flusswasser beim Fischen und durch Hacken von Rotang und Brettern für Böte, einen Rückfall bekommen hatte, wollte ich mich in der ersten Aufwallung nicht weiter mit ihm befassen. Ausserdem war die Reise nach Lulu Sirāng wegen des Hochwassers im Mahakam und Mĕrasè gefährlich und so schwierig, dass wir kaum Aussicht hatten, die Niederlassung noch am gleichen Tage zu erreichen. Bei ruhiger Überlegung sagte ich mir jedoch, dass der Tod des Häuptlings einen sehr unangenehmen Eindruck hinterlassen würde, den meine Weigerung, ihm zu helfen, nur verschlimmern konnte. Auch fiel mir ein, dass wir möglicherweise einen Teil der Reise über Land zurücklegen konnten, denn ich hatte vom Batu Marong aus gesehen, dass die Gegend zwischen dem Mahakam und Lulu Surāng zwar mit Urwald vollständig bedeckt, aber eben war. Da an beiden Enden dieser Ebene, am Mahakam und am Mĕrasè, Ma-Suling wohnten, führten vielleicht Pfade durch den Wald.
Bei näherer Erkundigung bestätigte sich meine Vermutung; wir konnten uns somit die Fahrt auf dem Mĕrasè ersparen und hatten dazu Aussicht, unser Ziel schneller zu erreichen.
Eine halbe Stunde darauf sass ich mit Midan, meinem Hunde und den notwendigen Arzneien im Bote der Ma-Suling, das von der heftigen Strömung mit grosser Geschwindigkeit flussabwärts geführt wurde. Bier, der am gleichen Tage mit der Aufnahme hatte anfangen wollen, musste die Arbeit wieder aufschieben; auch sollte er in den folgenden Tagen nach Gutdünken handeln.
Bereits um 11 Uhr hatten wir Lulu Njiwung passiert, waren zwischen zahlreichen kleinen Inseln hindurchgefahren und landeten oberhalb der Mündung des Mĕrasè bei der Niederlassung des Ma-Suling-Häuptlings Tĕkwan. Hier stieg ich aus und sandte einige Ma-Suling nach oben, um Führer zu holen, da ich selbst noch viel zu sehr unter dem Eindruck des von Lasa verübten Mordes stand, um dessen Elternhaus betreten zu wollen. Diejenigen, die den Weg nach Lulu Sirāng kannten, wohnten auf ihren Reisfeldern, an denen wir vorüber mussten. Zwei junge Ma-Suling aus unserem Boot, mein Diener und mein Hund sollten mich begleiten, während der Malaie Kuntji, der nicht mit uns zu gehen wagte, und die vier anderen Ma-Suling versuchen sollten, den Mĕrasè hinaufzufahren.
Als es bald darauf zu regnen begann, wurden die im übrigen gut unterhaltenen Wege, die zu den Reisfeldern führten, sehr glatt, besonders an viel betretenen Stellen und auf Hügeln.
Nach einer Stunde schlugen wir Seitenwege ein, die zwar viel unebener waren, dem Fusse aber besseren Halt boten. Nach kurzer Zeit erreichten wir die Hütte (le̥po̱ luma) auf dem Reisfelde, dessen Besitzer uns als Führer dienen sollte. Der Mann behauptete jedoch, nicht fort zu können, und gab uns zwei andere an, die zur Begleitung bereit sein würden.
Auf einigen kaum erkennbaren Pfaden und durch einige Bäche hindurch gelangten wir zu anderen Ladanghäusern, in denen wir zwei Männer fanden, die in der Tat mitgehen wollten.
Von den Reisfeldern führte der Weg in den Wald längs flachen, sandigen Flussbetten, in denen das Waten zwar nicht mühsam, aber beim strömenden Regen auch nicht ermunternd war.
Wir folgten dem letzten Flussbett, das immer steiniger wurde, bis zum Ursprung; hier mussten wir die Ebene verlassen und mehrere hohe Hügel passieren. Die nassen Lehmpfade, die steil nach oben führten, stellten an unsere Beine und Lungen starke Ansprüche, aber auf den Gipfeln der Hügel angekommen fanden wir wirklich gute und nicht glatte Pfade, denen wir stundenlang folgen konnten. Erst bei Einbruch der Dunkelheit stiegen wir abwärts und folgten sehr ermüdet den Pfaden, die durch die Reisfelder der Ma-Suling von Obet Dĕwongs Dorfe führten. Unglücklicher Weise bestanden diese Pfade grösstenteils aus freiliegenden, dünnen Baumstämmen, von denen je zwei oder drei auf Querbalken neben einander einen Fuss über dem Erdboden ruhten. Strauchelnd, gleitend und fallend bewegten wir uns langsam vorwärts und waren am Ende erstaunt, ohne Arm- und Beinbruch davongekommen zu sein. In einem Ladanghause, in dem Licht brannte, wollten wir uns mit Fackeln versehen, aber die Leiter war hinaufgezogen und, als wir uns dem Hause näherten, löschten die Bewohner das Licht aus und gaben keine Antwort. Unsere Führer erklärten, dass es viel zu gefährlich sei, an andere Hütten zu klopfen, da die Leute sich nachts fürchteten und auf uns schiessen konnten.
So gingen wir denn weiter und erreichten, bevor es ganz dunkel wurde, die Hütte von Verwandten der beiden Ma-Suling von Obet Dĕwong. Nachdem wir hier eine halbe Stunde Rast gehalten hatten, suchten wir mit Hilfe von Harzfackeln in der stockdunklen Nacht weiter zu kommen. Zum Glück befanden wir uns nicht mehr weit von der Niederlassung entfernt, wir mussten nur noch einem kleinen Flusse folgen und dann zum Teil über den Marong hinüber.
Zwischen Wasser und Erde machten wir bereits seit langem keinen Unterschied mehr, daher empfanden wir es auch nicht als besonders unangenehm, dass wir durch einen kleinen, aber sehr geschwollenen Fluss mit moderigem Grunde waten mussten und dass das Wasser uns bis an die Brust reichte.
Die schmale Schlucht zwischen den hohen, dicht bewachsenen Ufern wurde von dem flackernden Schein unserer Fackeln phantastisch beleuchtet. Hinderten uns unter Wasser liegende Äste und Baumstämme am Vorwärtsgehen, so fanden wir am Ufergras und an den Zweigen einen Halt. Mein Hund suchte sich zwischen dem Ufergebüsch heulend seinen Weg, da er gegen die heftige Strömung nicht schwimmen konnte. Der Fluss wurde immer flacher und nach einer halben Stunde verliessen wir das Bette, um den Batu Marong so weit zu besteigen, dass wir auf die andere Seite hinübergelangen konnten. Dort sahen wir den Mĕrasè plötzlich zu unseren Füssen und jenseits des Ufers stand das Haus von Obet Dĕwong. Als habe man uns erwartet, erschienen auf unser Rufen sogleich einige Männer, die uns über den in der Tat sehr geschwollenen Fluss ruderten.
Obgleich mein äusserer Mensch durchaus nicht in eine Häuptlingswohnung passte, führte man mich doch sogleich zu Obet Dĕwong, der über mein Kommen sehr erfreut war. Man hatte mich nicht umsonst gerufen; der grosse Mann lag völlig apathisch mit halbgebrochenen Augen da; seine Zunge war trocken und schwarz, auch sprach er nur mit Anstrengung.
Da er täglich um die Mittagszeit einen Fieberanfall bekam, hielt ich es für geraten, ihm nicht vor dem folgenden Morgen Chinin zu geben, ihn augenblicklich durch Kognak mit Wasser zu beleben und dann, da sein Puls es zuliess, mittelst Morphium schlafen zu lassen. Den Kognak musste ich stark verdünnen, da die Kehle der Bahau, die fast nichts anderes als Wasser kennt, für Alkoholica sehr empfindlich ist. Die Wirkung war eine befriedigende, denn bevor ich mich von meiner Übermüdung so weit hergestellt hatte, dass ich an Essen und Schlafen denken konnte, hatte sich der Patient, zur grossen Freude seiner Umgebung, bereits etwas erholt. Nach meiner Mahlzeit von Huhn und Reis gab ich dem Häuptling ein Morphiumpulver, worauf er in ruhigen Schlaf fiel.
Wahrscheinlich schlief mein Patient besser als ich, denn obgleich es Kuntji gelungen war, bald nach uns anzukommen und er mein Bettzeug mitgebracht hatte, schlief ich nur schwer ein und erwachte mit einem heftigen Brustkrampf. Gegen Ende der Nacht legte sich der Krampf und am folgenden Morgen gab es so viel zu tun, dass ich auf mich selbst nicht mehr achten konnte. In aller Frühe gab ich Obet Dĕwong seine Dosis Chinin, die er bereitwillig einnahm, mit dem Erfolge, dass der Fieberanfall an diesem Tage ausblieb. Darauf strömten wiederum Kranke herbei, die mich um Chinin, hauptsächlich aber um Jodkali baten, dessen gute Wirkung sie seit meinem letzten Besuche, wo ich ihnen dieses Mittel in grösserer Menge verteilt hatte, aus Erfahrung kannten. Unter anderem erfuhr ich von den Leuten, dass viele es lebhaft bedauerten, wegen der Krankheit des Häuptlings nicht mit mir zur Küste reisen zu können. Zwar glaubte der Häuptling immer noch an seine baldige Genesung und an eine Teilnahme an der Reise, aber ich nahm mir vor, ihm wegen seines Leichtsinns in bezug auf seinen augenblicklichen Zustand und in Anbetracht seiner hohen Jahre, auch für die Zukunft Vorstellungen zu machen.
Die vorgenommene Unterredung fand bereits abends statt, auch teilte ich dem Kranken mit, dass ich noch den folgenden Tag bei ihm bleiben wollte, um ihm selbst die Arznei zu verabreichen. Die Chinindosis, die er morgens und abends regelmässig einnahm, und die rationelle Ernährung taten dem Manne sichtlich gut. Am Abend vor meiner Abreise erklärte ich Obet nochmals, dass ich ihn bestimmt nicht auf die Reise mitnehmen würde und dass er sich noch lange nach seiner Genesung in Acht nehmen müsse, um einen Rückfall, der für ihn sehr gefährlich werden konnte, zu vermeiden. Dank den zurückgelassenen Arzneien genas der Patient vollkommen, als er aber später hörte, dass es mit meiner Abreise Ernst wurde und dass die Kajan mich begleiten sollten, zog er doch wieder in den Wald, um seine Böte rüsten zu lassen. Trotz einer Erkältung, die er sich hierbei zuzog, ging er wieder fischen und wurde schliesslich von einem so heftigen Fieberanfall gepackt, dass er nach drei Tagen starb.
Bei meiner Abreise am 26. Februar wiegte ich mich jedoch noch in der Illusion, dass ich den Häuptling gerettet hatte, und zu meiner angenehmen Überraschung erklärten sich diesmal sechs Mann ohne Widerrede bereit, mich nach Long Blu-u zurückzubringen. An Napo Liu liess man mich nicht ohne Weiteres vorbeifahren, sowohl bei Lĕdju Li als bei Tĕmĕnggung Itjot musste ich viele Kranke behandeln; da der Mahakam überdies noch sehr geschwollen war, wurde es Abend, bevor wir unterhalb der Niederlassung von Tĕkwan ankamen. Hier herrschte lāli parei (Verbotszeit beim Beginn der Ernte), weswegen wir nicht im Dorfe übernachten durften, was mir sehr angenehm war. Als Nachtquartier fanden wir eine leerstehende, kleine Reisscheune, in welcher meine Leute mir das Klambu aufschlugen und sich dann unter demselben neben einander schlafen legten. Glücklicher Weise regnete es am folgenden Morgen nicht, so dass wir mit frischem Mut den Kampf mit der Strömung wieder beginnen konnten. Einige Stellen liessen sich nur mit grosser Anstrengung überwinden, da der Mahakam nachts leider wieder gestiegen war. Als wir zwischen den Inseln hindurch auf gänzlich neuen Wegen fuhren, trafen wir auf einem derselben Bier mit seiner Gesellschaft, der nicht länger auf einen günstigen Wasserstand hatte warten wollen und nun, so gilt es eben ging, für seine Peilungen passende Standorte zu finden suchte. Er erzählte, dass uns einige Schutzsoldaten eine Postsendung aus Long Tĕpai mitgebracht hatten, die ich ihm zum Trost zukommen zu lassen versprach.
Zu Hause angekommen fand ich alles in Ordnung, nur war ich sehr enttäuscht, dass das Dach des neuen Hauses noch immer nicht ganz gedeckt war und dass noch neue Dachschindeln gemacht werden sollten, so dass wir sicher bis zum folgenden Monat warten mussten, bevor an eine Abreise zu denken war.
Anfang März beauftragte ich die Pflanzensucher, die Pflanzen, die bis dahin frei in Bambuskörben gestanden hatten, in Kisten zu setzen. Die Malaien und Javaner sollten inzwischen unsere Böte mit neuen Rändern versehen und die alten mit Rotang festbinden.
Die Kajan ersahen hieraus, dass ich ernsthaft an die Reise dachte und dass ich nicht die Absicht hatte, wie im Jahre 1897, ihre Ernte abzuwarten. Durch das späte Säen, den Bau des Häuptlingshauses und vieler kleinerer Häuser, sowie durch den vielen Regen, der den Reis nicht reifen liess, war die der Ernte vorangehende Verbotszeit bei den Kajan erst Anfang März abgelaufen. Ich hoffte nun bald zu vernehmen, dass man sich auf die Vogelschau begeben würde, stattdessen erzählten mir einige Knaben im Geheimen, dass man auch noch für die Seitenwände des Hauses Eisenholzschindeln herstellen wollte. Ich war zu sehr daran gewöhnt, durch Umwege hinter die Wahrheit zu kommen, um den Knaben keinen Glauben zu schenken, und rechnete daher sogleich mit einer neuen Verzögerung unserer Abreise. Meine Vermutung erwies sich als richtig, nur beruhte die Verzögerung nicht auf der Herstellung von Schindeln.
Die Hauptsache war, dass wir aus der Zeit, die wir notgedrungen bei den Bahau verbringen mussten, so viel Vorteil als möglich zu ziehen suchten.
Der Kontrolleur hatte bereits einen Monat bei den Long-Glat in Long Tĕpai verbracht und somit genügend Zeit gehabt, um die Bevölkerung kennen zu lernen; er selbst war übrigens derselben Meinung. Da Bier sich nun auch mit seiner Gesellschaft dem Kontrolleur angeschlossen hatte, waren beide stark genug, um sich in eine Umgebung zu wagen, von deren friedfertiger Gesinnung wir nicht so ganz überzeugt waren. In dieser Überlegung schlug ich Barth vor, bei günstigem Wasserstand bis Long Dĕho hinunterzufahren, zudem lauteten die Berichte von dort derart, dass ein längerer Aufenthalt unserer Gesellschaft oder eines Teiles derselben dort sehr wünschenwert war. Der Häuptling von Long Dĕho, Bang Jok, war von unterhalb der Wasserfälle gebürtig und hatte sich mit seinem Stamm erst im Jahre 1893, als er sich in seiner früheren Niederlassung Lirung Tika wegen der Bedrohungen des Sultans nicht mehr sicher fühlte, ober halb der Gastlichen Wasserfälle, des Kiham Halo und Kiham Udang, niedergelassen. Seit der Zeit hatte er allen Versuchen einer Annäherung seitens des Sultans widerstand geboten und war auch nie wieder nach Tengaron gefahren. Doch kam er der Aufforderung des Sultans, die 1895 durch den vornehmen Gesandten Pangéran Tĕmĕnggung an ihn erging, gegen die Banden Buschproduktensucher aus dem Baritogebiet aufzutreten, nach. Diese Leute brachten nämlich einen grossen Teil der Guttapercha, die sie im Gebiet des mittleren Mahakam sammelten, nach dem Barito hinüber, wodurch sie den Sultan um einen Teil des Ausfuhrzolles von 10%, den er an der Mahakammündung erhebt, schädigten. Bang Jok war nicht im stande, gegen diese starken, gut bewaffneten Banden aufzutreten, und liess daher gelegentlich kleinere Gesellschaften durch seine Untergebenen berauben und töten. Auf diese Weise hatte er direkt und indirekt zu mehreren in den letzten Jahren verübten Morden Veranlassung gegeben und sah daher, aus Furcht vor Strafe, einer Begegnung mit uns Niederländern ungern entgegen.
Da wir wussten, dass Bang Jok alle diese Morde auf des Sultans Rat ausgeführt hatte, und wir übrigens auch nicht das Recht hatten, gegen in früheren Jahren begangene Taten aufzutreten, beabsichtigten wir, auf diese Angelegenheit gar nicht einzugehen. Die Regierung von Kutei jedoch, die unsere wachsende Macht unter den Bahau mit scheelen Augen ansah, benützte Bang Joks Furcht vor uns als wichtigsten Hebel, um zu verhindern, dass auch dieser Häuptling auf unsere Seite trat. Ein gewisser Hadji Udjon hielt sich bereits seit Monaten als Gesandter des Sultans bei Bang Jok auf, um ihn dazu zu bewegen, noch vor unserer Ankunft nach Tengaron hinunterzufahren, von wo aus man ihm allerhand schöne Versprechungen machte. Diese Umstände liessen uns lange Zeit über den Empfang, der uns in Long Dĕho zu Teil werden würde, in Unsicherheit, und nur die gute Gesinnung der Long-Glat von Long Tĕpai, naher Verwandter derer von Long Dĕho, hatte uns einigermassen beruhigt. Ich hielt es daher für notwendig, dass der Kontrolleur ein starkes Geleite bei sich hatte, bevor er sich über die westlichen Wasserfälle nach Long Dĕho wagte, und wäre am liebsten selbst mit ihm gezogen, wenn ich nicht durchaus auf Kwing Irang hätte warten müssen, besonders jetzt, wo auch die Ma-Suling sich an der Reise nicht beteiligten und wir auch nur mit Hilfe der Kajan alles Gepäck nach der Küste schaffen konnten.
Bevor sich der Kontrolleur in Bewegung setzen konnte, verstrich jedoch noch eine geraume Zeit. Bier hatte seine Aufnahme noch kaum bis zur Mündung des Mĕrasè ausgeführt, als ihm Barth trotz des hohen Wasserstandes mit einigen Long-Glat entgegen fuhr, um ihm die Möglichkeit zu geben, auch den Pahngè zu messen, der einen wichtigen Handelsweg nach dem Bĕlatung im Gebiet des Murung bildet. Dies glückte denn auch, obgleich die Wasserscheide nicht erstiegen und nur der Fluss selbst aufgenommen wurde. Mit Hilfe der Long-Glat mass Bier später in gleicher Weise auch den Tĕpai. So lange aber das Wasser in Long Tĕpai nicht bis zu einem bestimmten Zeichen an einem Felsen im Fluss fiel, war an ein Überschreiten der Wasserfälle nicht zu denken.
Die zwei letzten Monate waren, wegen der Einsamkeit und des Mangels an ernster Arbeit, die sowohl unter der Aussicht auf unsere baldige Abreise als unter unserer Sehnsucht nach dieser litt, sehr unangenehm gewesen; an unseren Sammlungen wurde nicht mehr eifrig gearbeitet, denn für Exkursionen konnten wir von den Kajan, die mit der Ernte beschäftigt waren, keine Unterstützung erhalten und die Ethnographica hatte ich alle eingekauft, bis auf einige besonders schöne Stücke, derentwegen ich bereits seit Monaten mit den Besitzern unterhandelte, ohne dass vorläufig ein Resultat zu erwarten war. Ich verschob diese Käufe bis zu meiner Rückkehr von der Reise zur Küste.
Auch meine Kranken liessen mich im Stich, in dieser günstigen Jahreszeit kamen nur selten Malariafälle vor und die chronischen Krankheiten hatte ich so weit als möglich geheilt oder den Patienten die Mittel zu weiterer Selbstbehandlung gegeben.
Überdies sah es in unserer Wohnung ungemütlich aus, denn die vielen Ethnographica und Vögel waren, sobald man Kisten für sie hergestellt hatte, eingepackt worden. Alle diese Umstände liessen uns den langsamen Fortschritt der Reisevorbereitungen seitens der Kajan noch unangenehmer empfinden.
Nachdem der Häuptling Anfang März das lāli parei noch in seiner kleinen Wohnung gefeiert hatte, fand der Einzug in das neue, noch nicht ganz fertige, aber doch regendichte Haus statt, worauf zwei Tage me̥lo̱ und dann die Aufhebung der Verbotsbestimmungen (be̥t lāli) für das Haus folgten. Der ganze Stamm beteiligte sich an den Festlichkeiten, die uns für einige Tage Abwechselung boten. Leider folgte hierauf wieder ein unvermeidliches achttägiges me̥lo̱ und dann erst begann man das grosse Häuptlingsboot in Ordnung zu bringen. Erst mussten aber noch Ränder (apin) im Walde gesucht werden, was keine Kleinigkeit war, da die Länge des Bootes 18 m und die Breite 1,2 m betrug. Diese Arbeit wurde aber, als sich die Kajan einmal ernsthaft aufrafften, über Erwarten schnell ausgeführt und in einem Tage waren auch die Bretter an das Fahrzeug gebunden worden. Zwar wusste ich, dass viele Leute ihren Reis für die Fahrt zubereitet hatten, aber da seither viele Monate verstrichen waren, hatten diese Vorbereitungen kaum noch einen Wert. Selbst die Erklärung eines Mantri, dass ich es hoch anschlagen müsse, dass Kwing Irang doch mit mir ging, obgleich sich ein Bahauhäuptling, wenn er eben sein Haus bezogen hat und dieses auch noch nicht vollendet ist, nicht auf die Reise begeben dürfte, verbesserte meine Stimmung nicht sonderlich.
Selbst am 10. März beanspruchte Kwing noch meine Hilfe, weil er selbst keine genügende Anzahl Menschen zusammen bringen konnte, um in seiner Vorgalerie eine Diele legen zu lassen. Diese bestand aus zahlreichen, schweren Brettern des Tenkawangbaumes, der trotz seiner Nützlichkeit hierfür in grosser Zahl geopfert wurde. Die Bretter waren ungefähr 1 dm dick und 5–7 dm breit bei einer Länge von ungefähr 10 m. Aus einem grossen Baum wurden zwei Bretter hergestellt und zwar vereinigten sich stets zwei Familien, ein bearbeitetes Brett zu liefern.
Um diese Bretter an Ort und Stelle, drei Meter hoch über den Erdboden, zu heben, waren mehr Männer als die sechs oder acht, die ständig am Hause arbeiteten, erforderlich, aber da alle eifrig auf ihren Feldern beschäftigt waren, bat mich Kwing Irang, noch einmal die Leitung einer Versammlung übernehmen zu wollen, in der den Familienhäuptern nochmals eingeschärft werden sollte, dass sie ihrem Häuptling und mir gegenüber verpflichtet waren, wiederum Hilfe zu leisten.
A m folgenden Tage wurden in der Tat alle bereits vorhandenen Bretter an ihren Platz gelegt, aber es erwies sich, dass noch so viele Familien die Lieferung ihrer Planke bis nach der Ernte oder nach dem Bau ihrer eigenen Wohnung verschoben hatten, dass noch ungefähr die Hälfte der 13 × 28 m grossen Oberfläche ungedeckt blieb. Hierfür gebrauchte jedoch Kwing die noch nicht benützten Bretter der Mittelwand, die man vorläufig aus altem Material hergestellt hatte und die man erst nach der Rückkehr von der Küste vollenden wollte.
Unter diesen Beschäftigungen trat der z B. März ein, bis Sorong mit vier Mann auf die Vorzeichensuche ging. Nach der Meinung der meisten Kajan geschah dies viel zu früh, aber Kwing Irang tat alles, was er konnte, um die Reise zu beschleunigen, ohne die adat und seine eigenen Interessen allzu sehr zu benachteiligen. Vom 24sten bis zum 28sten durfte nämlich nichts Besonderes ausgeführt werden, da der Mond in dieser Zeit, wo er am vollsten ist, “schlechter Mond” (bulan djă-ăk) genannt wird. Die Kajan bauen in dieser Zeit keine Häuser und Böte und gehen auch nicht auf die Vorzeichensuche. Dass Sorong sich so früh aufgemacht hatte, half leider nichts, denn am 30. März kam er mit der traurigen Nachricht zurück, dass Obet Dĕwong nun doch, nach einem Ausflug in den Wald, gestorben war. Durch einen derartigen Todesfall verlieren die gefundenen Vorzeichen ihren Wert und es müssen später wieder neue gesucht werden.
Noch am gleichen Tage kam von den Pnihing aus Long ’Kup die Nachricht, dass Paren, der kleine Sohn, den Kwing dort von seiner jüngsten Frau hatte, seit einigen Tagen an Fieber litt und dass man den Vater erwarte. Mit dem Versprechen bald zurückzukehren begab sich Kwing noch am selben Nachmittag nach Long ’Kup.
Als Kwing in den ersten Tagen nicht zurückkehrte, ging Sorong in zwei Böten wiederum auf die Vorzeichensuche.
Da der Häuptling im Fall des Todes seines Sohnes überhaupt nicht hätte reisen dürfen, begann ich mich zu beunruhigen und fuhr am 2. April selbst nach Long ’Kup, um zu sehen, wie die Sachen standen und ob ich helfen konnte. Bei meiner Ankunft war man gerade damit beschäftigt, Kwings Gepäck für die Rückreise in die Böte zu laden; auch war im Zustand des Knaben eine Besserung eingetreten. Es zeigte sich, dass man ein grosses Beschwörungs- und Genesungsopfer (e̥nah abei) gebracht hatte und dass die Kajan von dem herrlichen Klebreis mit Schweinefleisch, den sie genossen hatten, noch ganz erfüllt waren. Von dem Rest der schönen Opfergerichte sollte ich nun durchaus auch noch etwas geniessen. Ich liess mich nicht lange nötigen und zwar nicht nur, um meinen Gastherren eine Freude zu bereiten, denn auf meinem Tisch war in letzter Zeit so selten Fleisch erschienen, dass ich das fette Schweinefleisch, trotzdem es ohne Salz gekocht war, gierig verzehrte.
Am gleichen Abend waren wir wieder in Long Blu-u zurück, wo ich zu meinem Verdruss hören musste, dass ein neunjähriges Mädchen, das die Eltern allein zu Hause gelassen hatten, plötzlich erkrankt und gestorben war. Wahrscheinlich hätte ich dem Kinde nicht helfen können und die Kajan trösteten sich mit der Annahme, dass das Kind vielleicht über irgend ein Tier gelacht und daher von den Donnergeistern getötet worden war. Mir schien eine Vergiftung vorzuliegen, ich hielt es aber für geraten, meine Vermutung nicht auszusprechen, da sich sonst alle vor Vergiftung gefürchtet hätten.
Infolge des Todesfalles durfte man, solange das Kind nicht bestattet war, weder an den Böten noch an der Reiseausrüstung arbeiten, auch liess Kwing Irang den Sorong, der bereits einen günstigen Vogel gesehen hatte, zurückrufen, da die Vogelschau in diesem Fall lāli war. Der Häuptling beredete zwar die Eltern der Verstorbenen, die Leiche in einer Felsenhöhle (liang) beizusetzen und ihr nicht erst, wie man anfangs beabsichtigt hatte, eine Hütte zu bauen, was lange gedauert hätte; aber immerhin verloren wir durch diesen Todesfall wieder zwei Tage.
Darauf begannen Kwing und sein Sohn Bang wirklich eifrig an ihren Böten zu arbeiten und viele Freie folgten ihrem Beispiel; zugleich wurde Sorong wiederum auf die Vogelschau geschickt, die ihn allmählich zu langweilen begann. Sorong war nämlich ein in der Jugend geraubter Kahájan Dajak, der dem Glauben der Bahau, obgleich er beim Häuptling eine bevorrechtete Stellung genoss, nicht viel Wert beilegte; nur äusserte er hierüber nie seine Meinung.
Am 10. April langte Akam Igau mit den Seinen unerwartet bei uns an. Sie hatten alle diese Monate bei ihren Verwandten am Tawang verbracht und wegen des hohen Wasserstandes im Makaham eine mühevolle und lange Rückreise gehabt. Nachdem sie die Wasserfälle passiert hatten, waren sie gezwungen gewesen, noch sechs Nächte in Long Tĕpai zu verbringen., weil man dort wegen des Baues eines neuen Hauses auf die Vogelschau ausgegangen war.
Die Mendalam Kajan brachten die Nachricht, dass der Kontrolleur und Bier bereits nach Long Dĕho gereist waren, aber dass sich Bang Jok einen Tag vor ihrer Ankunft nach Udju Halang begeben habe, wo seine Schwester gestorben war. Obgleich letzteres sicher der Fall war, schien mir Bang Joks Abreise im letzten Augenblick doch nur ein Vorwand zu sein. Also war es in Kutei doch gelungen, diesen bedeutenden Häuptling vor uns derart in Schrecken zu versetzen, dass er seine eigene Furcht vor Kutei dabei vergass. Bang Joks wurde auch sogleich von dem Sultan mit einem Dampfboot von Udju Halang nach Tengaron abgeholt, wo wir ihn später trafen.
Die Mendalam Kajan wollten sogleich weiterreisen, ich konnte sie daher nur mit Mühe dazu bewegen, noch einen Tag zu warten, um unsere Briefe mitzunehmen. Da Kwing in seinem neuen Hause noch keine Gäste empfangen durfte, übernachteten sie in Long Bulèng. Am anderen Tag kam Sorong endlich melden, dass die wichtigsten Vögel ihre Zustimmung zur Reise gegeben hatten. In einem Gespräch mit dem Häuptling äusserte dieser den Wunsch, mit allen Kajan, die mitgehen sollten, ein me̥lo̱ njaho̱ von zwei Tagen abzuhalten; danach sollte man mein Gepäck in die Böte laden. Nach dem monatelangen Warten kostete es mich einige Selbstüberwindung, meine Zustimmung zu geben, aber da Kwing Irang die Sache für wichtig hielt, willigte ich ein. Zwei Tage darauf wurden morgens alle Böte zu Wasser gelassen und mit Reis, Guttapercha etc. beladen. Zwischen meinen seit so langer Zeit schon gepackten Sachen sitzend beobachtete ich von meiner Wohnung aus mit grosser Befriedigung die Emsigkeit der Kajan, als ich diese plötzlich in grosser Hast alles Gepäck wieder den hohen Uferwall herauftragen sah; selbst die Frauen halfen mit, um schneller fertig zu werden. Ihre Handlungsweise erschien mir unerklärlich, aber gleich darauf teilte man mir im Namen von Kwing Irang mit, dass von einer Abreise keine Rede sein könne, weil einer ihrer wahrsagenden Vögel, noch dazu der hisit, erst über das Haus und dann sogar durch das Dach ins Haus geflogen sei. Für den Anfang einer Reise war dies ein äusserst ungünstiges Zeichen, daher musste nach einem me̥lo̱ njaho̱ von vier Tagen von neuem auf die Vogelschau gegangen werden. Nach dieser Zeit war aber der Monat so weit vorgeschritten, dass man zufolge der adat keine grosse Reise mehr unternehmen durfte, sondern bis zum nächsten Neumond (bulan pusit) warten musste. Das hiess aber meiner Geduld zu viel zumuten und ich erklärte Kwing, dass ich mich von Akam Igau, der mit seinen Leuten noch nicht abgereist war, nach Long Tĕpai werde bringen lassen, um dort auf ihn zu warten oder mit Hilfe der Long-Glat weiter nach Long Dĕho zu gehen.
Kwing zeigte sich zwar mit meinem Plane einverstanden, nur billigte er nicht die Begleitung der Mendalam Kajan und versicherte, dass seine eigenen Leute mich nach Long Tĕpai bringen würden, unter Anführung des alten, halb blinden Priesters Bo Jok, der die Long-Glat über den Stand der Dinge aufklären sollte.
Kwings Vorschlag passte mir um so besser, als Akam Igau sich nicht gern noch länger aufgehalten hätte. Er trat denn auch wirklich am 12. April seine Heimreise an, nachdem wir seine ganze Gesellschaft mit Salz versorgt hatten.