Kapitel XVI
Besuch bei den Ma-Suling am Mĕrasè—In Batu Sala, Napo Liu und Lullt Sirāng—Behandlung von Kranken, Einkauf von Löten und Ethnographica—Besteigung des Batu Situn—Beobachtungsposten auf einem Baumgipfel—Rückhehr nach Lulu Sirāng—Symbolische Heiratserklärung—Hochzeitsgebräuche—Ehegesetze—Heimkehr nach dem Blu-u—Besuch hei den Pnihing am Tjĕhan—In Long ’Kup—Besteigung des Liang Baring—Bei den I’nihing am Paketè—Begräbnisstätte der Pnihing—Hadji Umar—Zurücksendung einer Batang-Lupar Gesellschaft Beratung wegen des Haushaus—Besuch von Hinan Lirung.
Am 20. November konnten wir endlich unseren lang geplanten Besuch bei den Ma-Suling am Mĕrasè zur Ausführung bringen. Früh morgens fuhren wir in zwei grossen Böten ab; in dem unsrigen befanden sich ausser uns Europäern, dem Chinesen Mi-Au-Tong und unseren Malaien nur noch zwei Kajan als Steuermänner, da diese das Fahrwasser am besten kannten. Die beiden jungen Leute hatten mich bereits auf meiner früheren Reise öfters begleitet. Bald nach unserer Abfahrt hörten wir das Brummen eines Rehs, das, als schlechtes Vorzeichen, die Kajan zur Rückkehr und zum Aufschieben eines Unternehmens auf acht Tage zwingt. Ich tat, als ob ich nichts hörte und, als meine Steuermänner unruhig wurden und mich fragten, was ich zu tun gedächte, sagte ich einfach: “weiterrudern”, worüber der Chinese in herzliches Lachen ausbrach. Der eine Steuermann, Owat, der mit mir auch zum ersten Mal den Batu Mili bestiegen hatte, war mit meiner Antwort augenscheinlich sehr zufrieden, denn er begann mit seinem Ruder kräftig auszuholen und so blieb dem zweiten Steuermann nichts übrig, als dem Beispiel des ersten zu folgen. Gleich darauf holte uns das zweite Boot ein, in dem sich Kwing Irang mit seinem Sohne Bang, seinen Kajan und den Kampfhähnen befand. Sie hörten in nächster Nähe vor uns den Ruf des hisit auf ihrer rechten Seite; der Vogel prophezeite ihnen also eine glückliche Reise. Der adat gemäss musste Kwing Irang landen und eine Zigarette rauchen.
Meine beiden Kajan hüteten sich, über unser Vorzeichen ein Wort zu sagen, und rauchten mit ernsten Gesichtern ebenfalls ihre Zigaretten. Darauf setzten wir unsere Fahrt schnell fort. Wir machten weder in Lulu Njiwung noch in anderen kleinen Niederlassungen Halt, sondern fuhren direkt bis Batu Sala, um mit dessen Bewohnern die Bekanntschaft zu erneuern und Barth den Häuptlingen vorzustellen. Leider befand sich der Häuptling Paren mit seiner Frau in Long Tĕpai und wir wurden nur von seinem Bruder Bang in der Galerie empfangen. Zwischen ihm und Kwing Irang auf dem Boden sitzend, den Rücken an die schiefe Aussenwand gelehnt, begann ich über alles, was sie seit meiner Abwesenheit erlebt hatten und über die Ernteaussichten zu sprechen. Die Gegenwart des Kontrolleurs, der an der anderen Seite Kwings sass, schien den ängstlichen Bang einzuschüchtern, ich benützte daher einen günstigen Augenblick, um die beiden einander vorzustellen und sprach dann über gleichgültige Dinge weiter. Als sich nach einiger Zeit auch der Kontrolleur an der interessanten Unterhaltung beteiligte, hielt es Kwing Irang fürangebracht, mich zu seinem Schwiegervater Bo Djo zu führen, der Häuptling eines kleinen, bei den Long-Glat lebenden Stammes ist. Ich hatte den alten Mann bereits im Jahre 1897 behandelt; jetzt hatte er wiederum meine Hilfe nötig, da er an Bronchitis und Malaria litt. Er äusserte seine Freude über mein Kommen, erkundigte sich nach seiner Tochter Uniang Anja und deren Söhnchen Hāng und wollte wissen, warum sie nicht mitgekommen waren. Ich wagte ihm nicht zu sagen, dass seine Tochter unserer Kampfhähne wegen nicht hatte mitreisen dürfen. Kwing Irang, den Kranke unangenehm berührten, entfernte sich und ich betrachtete nun mit Musse meine Umgebung, nachdem ich dem alten Manne versprochen hatte, ihn am folgenden Morgen ärztlich zu behandeln. In dieser von alters her wohlhabenden Niederlassung befanden sich viele schöne, alte Gegenstände und ich begann sogleich die hohe, mit Perlen verzierte Mütze von Bo Djos Tochter, die dem Hause vorstand, zu rühmen; auch erkundigte ich mich, wer ihr den hübschen Rock gestickt hatte. Mein Interesse fand grossen Beifall und so liess man mich auch noch andere schöne Dinge sehen. Auf einige Gegenstände machte ich, um vorläufige Unterhandlungen einzuleiten, ein Angebot. Bei meiner Rückkehr ins grosse Haus begegnete ich verschiedenen Bekannten von früher und begab mich daher in guter Stimmung nach unserer Galerie vor der Häuptlingswohnung, wo man alles für eine Mahlzeit und die Nacht vorbereitet hatte und Barth noch immer in eine Unterhaltung mit Bang vertieft sass.
Am folgenden Tage gab es für mich noch so viel Arbeit im Dorfe, dass ich froh war, als uns ein heftiger Regen des Morgens an der Weiterreise verhinderte; ich hatte nun Zeit, mich mit den zahlreichen Kropf- Fieber- und Lueskranken zu beschäftigen und ihnen Arzneien auszuteilen, die ich in grösserer Menge mitgenommen hatte. Als der Regen nach dem Essen aufhörte, brachen wir, mit dein Versprechen wiederzukommen, zum Mĕrasè auf. Die Bevölkerung hatte nun Zeit, über ihre erste Begegnung mit dein gefürchteten Regierungsbeamten nachzudenken und sich über seine Anwesenheit zu beruhigen. Wegen des hohen Wasserstandes und der Schwere unserer Böte erreichten wir erst nach vierstündiger Fahrt Napo Liu, die Niederlassung der Ma-Suling, in der Bo Li gestorben war. Auf Kwings Rat landeten wir nicht bei des Häuptlings Hause, da Lĕdju Lis Familie noch Halbtrauer trug, sondern bei Tĕmenggung Itjot, der uns schon erwartet zu haben schien. Wenigstens empfingen uns einige hübsch gekleidete Malaien vor der Haustreppe, die zu seinem Badehäuschen führte; sie begrüssten uns und forderten uns auf, ihnen nach Itjots Galerie zu folgen, wo wir eine grosse Gesellschaft Bakumpai, Malaien vom Barito, antrafen. Ich kannte die meisten von meinem vorigen Besuch her, es waren aber noch neue Buschproduktensucher vom Bĕlatung, die bei den Ma-Suling Reis einkaufen wollten, hinzugekommen. Die Gesichter, die uns umringten, waren nichts weniger als sympathisch, aber wir mussten sie ertragen, da der Häuptling uns als Fremde in seiner Wohnung nicht aufnehmen durfte. Neben Itjots Wohnung befand sich eine andere, deren Bewohner augenblicklich auf dem Reisfelde lebten, in diese hielten wir nun unseren Einzug.
Während unseres Besuches bei Lĕdju erzählte er uns, dass die neuangekommenen Malaien einen Gong als Bussgeld hatten geben müssen, weil sie die Niederlassung vor Ablauf der Trauerzeit betreten hatten. Eigentlich waren auch wir zu einer Busse verpflichtet, aber Kwing Irang erklärte Ero, der Wittwe von Bo Li, dass wir keine Fremden seien, da wir mit den Kajan zusammenwohnten; so kamen wir mit einem Packen Perlen davon. Die ganze Familie ging noch in Trauer; die Frauen trugen im Hause eine hellbraune tă-ā, die nur bis an die Kniee reichte; die jungen Söhne waren nur mit einem hellbraunen Lendentuch bekleidet.
Die Gesellschaft Bakumpai war sehr nach Kwing Irangs Sinn; den ganzen folgenden Tag über wurde an nichts anderes als an Hahnenkämpfe gedacht. Die zwei Parteien sassen einander gegenüber und beurteilten gegenseitig ihre Hähne nach der Farbe und Anordnung der Federn, nach der Kraft und dem Temperament. Der gutmütige, vorsichtige Kwing war den die Aufregung des Spiels liebenden Malaien viel zu schwerfällig; die Unterhandlungen schienen ihn auch mehr zu interessieren als der eigentliche Kampf, so dass die Geduld seiner Gegenpartei auf eine harte Probe gestellt wurde. Wahrscheinlich liessen sie sich hierdurch zu Unvorsichtigkeiten verleiten, denn Kwing gewann 4 Mal nach einander; da er sein Glück auch noch am folgenden Tag versuchen wollte, benützte er einen angekündigten Besuch des Häuptlings Bo Lea aus Long Tĕpai zum Vorwand, um länger zu bleiben.
Inzwischen hatte ich meinen Tag nicht minder gut verwandt, indem ich die Gelegenheit, wenn man mich als Arzt in eine Wohnung rief, dazu benützt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen und über allerhand schöne Gegenstände, unter anderem auch über eine sehr alte Perlenverzierung für ein Kindertragbrett (tāp be̥ne̱ng) und eine Jacke mit einem aus bunter Knüpfarbeit versehenen Rand, zu unterhandeln. Den Eigentümern, die einen sehr hohen Preis von mir forderten, gab ich bis zu meiner Rückkehr von oben Bedenkzeit.
Zugleich sah ich mich nach grossen Böten um, die ich für unsere Fahrt zur Küste nötig hatte. Auf der vorigen Reise hatte ich von Paren, dem Pnihinghäuptling am Tjĕhan, ein sehr schönes Boot gekauft, in diesem Jahre hatte man in seiner Niederlassung aber nur kleine Böte hergestellt, so dass ich diesmal auf die Ma-Suling rechnete. Unter Itjots Hause fand ich nur schmale, schlechte Exemplare, für die die Besitzer morgens einen sehr hohen Preis verlangten, abends aber bereits 50% abliessen. Wie man mir erzählte, sollten in der grossen Niederlassung weiter oben am Mĕrasè schöne Böte zu haben sein, daher beschloss ich, mich dorthin zu begeben.
Da wir noch mancherlei Pläne auszuführen hatten und die Anwesenheit der vielen Malaien unter den Bahau uns unangenehm berührte, liessen wir Kwing Irang bei seinen Hähnen und fuhren selbst mit unseren Leuten und einigen Kajan den Mĕrasè hinauf. Ich wollte das niedrige Fahrwasser benützen, um im Flussbett geologische Untersuchungen anzustellen, und nahm daher in einem kleinen Boot mit wenigen Ruderern Platz, die mich schnell von einem Ufer zum anderen bringen konnten. Festes Gestein, das nicht zu sehr verwittert war, bemerkte ich nur anfangs, weiter aufwärts war alles Gestein mit einer dicken Erdschicht bedeckt, auf der nur Gestrüpp wuchs, da die Ma-Suling während ihres langdauernden Aufenthaltes am Mĕrasè den ursprünglichen Wald längs des ganzen Flusses ausgerodet hatten. Nach vierstündiger Fahrt machte uns Demmeni auf das Grabmal des früheren Häuptlings Bo Long aufmerksam, das er auf der vorigen Reise photographiert hatte.
Bald darauf gelangten wir an eine Stelle des Ufers, an der alte verfaulte Pfähle und eine stattliche Reihe der am oberen Mahakam seltenen Kokospalmen und andere sehr alte Fruchtbäume als Zeugen einer früheren Niederlassung der Ma-Suling übriggeblieben waren. Der Ort schien jetzt nur von Wild besucht zu werden, denn zwischen den hoch aufgeschossenen Pflanzen zeigte der weiche, humusreiche Boden zahlreiche Spuren von Wildschweinen, Hirschen und wilden Rindern, die sich in grossen Herden, um zu grasen und Früchte zu essen, hierher zu begeben schienen. Das Gehen auf dem aufgewühlten Boden war sehr unbequem, aber Demmeni und Barth drangen doch so weit vor, dass sie eine Hütte mit vor Alter halb eingestürzten Wänden entdeckten, in der eine grosse Menge Schädel aufbewahrt lagen. Wir hörten später, dass die Schädel aus dem alten Hause stammten und dass die Ma-Suling sie aus abergläubischer Furcht nicht in das neue Haus herüberzubringen wagten. Auf ihre Bitte musste Bĕlarè später mit seinen Pnihing das gefährliche Werk für sie ausführen. Als Lohn traten sie ihm die Hälfte der Trophäen ab, mit denen er seine Galerie schmückte.
Leider durften wir die Kokosnüsse und anderen Früchte, nach denen uns stark gelüstete, nicht anrühren, da Lĕdju Li sie wegen des Todes seines Vaters, der diese Fruchtbäume gepflanzt hatte, für buling oder lāli erklärt hatte. Nach einiger Zeit sahen wir auf einer sehr ebenen Fläche längs des Mĕrasè die Niederlassung Lulu Sirāng hervortreten, in der die beiden Brüder Obet Dĕwong und Bo Ngow als Häuptlinge herrschten.
Wir wurden von den Brüdern ebenso freundlich wie in Napo Liu empfangen, was uns um so angenehmer berührte, als sie sehr gut wussten, dass wir in politischen Angelegenheiten kamen. Zwar waren die Häuser auch hier noch nicht ganz vollendet, aber die grosse Galerie Obet Dĕwongs bot uns einen guten Wohnraum.
Während unser Gepäck und unsere Schlafstätte geordnet wurden, begab ich mich zur Häuptlingsfamilie, deren Kinder alle fieberkrank waren. Die Ältesten standen dermassen unter dem Eindruck des weissen Doktors, dass sie das bittere Chinin ohne viel Widerstreben hinunterwürgten; einem kleinen Knaben dagegen konnte ich die Arznei nur in Pillen mit etwas Zuckerrohrsaft beibringen.
Am jenseitigen Ufer lag ein freistehender Hügel von 180 m Höhe, der Batu Marong, der uns einen schönen Überblick über die Umgebung versprach; ich bestieg ihn daher noch am selben Abend, um von dort aus mit Bier über die Aufnahme des Mĕrasè zu beraten. Ein steiler, halb wieder verwachsener Pfad führte uns auf den Gipfel, auf dem nur zwei Bäume und einige Sträucher standen, so dass wir bald eine Aussicht auf die von der Abendsonne beleuchtete Landschaft erhielten.
Wir fanden für die Hartnäckigkeit, mit der die Ma-Suling am Mĕrasè wohnen bleiben, darin eine Erklärung, dass der Fluss durch ein besonders breites und ebenes Tal strömt, das für den Reisbau sehr geeignet sein muss. Hiervon zeugte der Pflanzenwuchs, denn das dunkle, wellige Grün des Urwaldes war erst in einigem Abstand an den Bergabhängen zu sehen, während die helleren, ebeneren grünen Massen des jungen Waldes und der Strauchvegetation die Stellen andeuteten, welche die Ma-Suling einst bereits bebaut hatten. Von alang-alang und Gras, die an anderen Orten so bald auf kultiviertem Boden auftreten, bemerkten wir nichts.
Die Landschaft entzückte uns so sehr, dass es einige Zeit dauerte, bis wir über die topographische Aufnahme ernstlich zu beraten anfingen. Nach Norden hin, wo sich das hohe, steile Kalkgebirge, in dem der Sĕrata, Mĕrasè, Tĕpai und Nijān ihren Ursprung nehmen, mit seinen malerischen Formen erhob, war der Blick besonders anziehend. Die mächtigen, hellen Wände sind ihrer Steilheit wegen nicht bewachsen und heben sich daher von dem Grün ringsherum schön ab. Wir waren hier von den höchsten, spitzen Gipfeln des Kalkgebirges, dem Batu Matjan und Batu Brok, die nach beiden Seiten hin nur allmählich in vielgipflige Rücken auslaufen, nicht weit entfernt.
Ausser von diesen Bergen wurde die Aussicht nicht beeinträchtigt, so dass sich dieser Hügel für Bier als Beobachtungspunkt, von dem er die nächste Umgebung und verschiedene Berge anvisieren konnte, ausgezeichnet eignete. Von dem Quellgebiet des Mahakam, das im Norden liegen musste, konnten wir uns von hier aus keine Vorstellung machen, doch schien dies uns von einem alleinstehenden, hohen Berge am oberen Mĕrasè aus möglich zu sein, daher beschlossen wir, ihn zu besteigen. Vielleicht konnten wir von diesem aus auch den Batu Tibang entdecken, auf dessen Abhängen die Hauptflüsse des Stammlandes der Bahau und Kĕnja entspringen und der daher als der Mittelpunkt der Welt angesehen wird. Wir hatten uns bereits vom Lĕkudjang und Batu Mili aus vergeblich nach dem Batu Tibang umgesehen, der uns auch als Grenzzeichen zwischen englischem und niederländischem Gebiet von Wichtigkeit erschien; ebenso hatten wir vergeblich versucht, Bĕlarè zu einem Zuge nach dem ersehnten Berge zu bewegen. Auf eine zuverlässige Auskunft seitens der Ma-Suling konnten wir nicht rechnen, da diese selbst für die ins Auge fallenden Gipfel des hohen Kalkgebirges, das sie täglich vor sich sehen, keine besonderen Namen besitzen und sich von dem Verhältnis dieser Berge zu denen am oberen Sĕrata, Tĕpai u.s.w. keine Vorstellung machen können. Sie wussten nur; dass der Berg, den wir besteigen wollten, Situn heisst und, wie beinahe alle alleinstehenden Berge, von gefürchteten Geistern bewohnt wird. Während wir uns abends in weitem Kreise sitzend unterhielten, erzählten uns einige Siang Dajak vom Barito, die hier für die Zeit, wo sie im Tal des Mĕrasè Guttapercha suchten, verheiratet waren, etwas Näheres über das Gebiet am oberen Mĕrasè, in dem sie an äusserst steilen Bergabhängen gearbeitet hatten. Eine genauere Vorstellung von den Flusstälern in dieser Gegend hatten jedoch auch sie nicht.
Die Ma-Suling kannten zwar einen Weg, der auf den Situn führte, aber dieser begann am Tasan, einem kleinen Nebenfluss des Mĕrasè, den Lĕdju Li wegen des Todes seines Vaters für buling oder lāli erklärt hatte; somit hatten wir wenig Hoffnung, diesen günstigen Aussichtspunkt zu erreichen.
Am folgenden Tag traf Kwing Irang mit den Seinen bei uns ein und versprach, mit Lĕdju, sobald dieser nach Lulu Sirāng kommen würde, über die Angelegenheit zu reden. Nach einigem Zögern war auch Obet Dĕwong bereit, uns zu begleiten, und Kwing Irang wollte uns für den Zug seinen besten Ratgeber Sorong und acht Kajan zur Verfügung stellen.
Die Häuptlinge hatten noch ein besonderes Interesse an dieser Exkursion; nach der Überlieferung stammen nämlich alle Pflanzen, die man bei religiösen Zeremonien auf dem Reisfelde gebraucht und mit dem Reis gleichzeitig baut, von diesem Berge Situn und sollten dort noch wild vorkommen. Es erwies sich, dass dies nicht der Fall war, aber immerhin lehrte uns diese Überlieferung, dass auch die Kajan einst in diesen Gebieten gewohnt haben müssen. Wir erfuhren später, dass zwei der höchsten Gipfel, deren Namen wir damals noch nicht kannten, zum Batu Matjan gehörten, von dem mir Kwing Irang bereits früher berichtet hatte, dass sein Stamm einst auf ihm gelebt und Reisfelder angelegt habe. Er hatte sich den Batu Matjan aber eher als Hochfläche gedacht.
Während wir in den folgenden Tagen auf Lĕdju warteten, nahm Bier die Umgebung auf und ich beschäftigte mich mit den Bewohnern des langen Hauses, die stark am Malaria litten. Zu meiner Freude konnte ich viele, auch die Kinder des Häuptlings, von ihrer Krankheit heilen.
Ich erlaubte diesen, sich ein hübsches Stück Zeug oder Ohrringe als Geschenk auszusuchen, und erfreute auch die Eltern mit einem Gegenstand, den sie sich wünschten. Bo Ngow hatte glücklicher Weise weniger Kinder und auch seine Frau lebte nicht mehr, so dass er an meine Vorräte geringere Ansprüche stellte; allerdings wurde dieser Vorteil durch seine sehr hübsche und sympathische Tochter teilweise wieder aufgehoben.
Indem ich mit so vielen in Berührung kam, bot sich mir eine gute Gelegenheit, Ethnographica zu sehen und einzukaufen, und, da ich nicht mehr besonders sparsam zu sein brauchte, erwarb ich manche schönen Perlenarbeiten, Matten, Röcke u.s.w. In verborgenen Winkeln am Feuerherde entdeckte ich auch noch einige alte, irdene Töpfe (taring tanah), wie sie früher am Mahakam gebrannt wurden. Zum Erstaunen der Hausbewohner kaufte ich diese Zeugen einer verschwundenen Industrie, auch wenn sie einen Riss hatten; da ich in Salz, Perlen und Zeug einen hohen Preis für sie bezahlte, habe ich wahrscheinlich alle erworben, die noch vorhanden waren.
Den beiden Häuptlingen konnte ich noch anders als durch Geschenke einen Gefallen erweisen. Sie hatten nämlich in diesem Jahre jeder ein sehr grosses Boot gebaut, um es an den Sultan von Kutei zu verkaufen, der sie gut bezahlte, da Böte von dieser Grösse unterhalb der Wasserfälle nicht mehr gebaut werden. In Gesellschaft von Kwing Irang und Sorong besichtigte ich die Böte, von denen jedes 21 m lang und 4–5 Fuss breit war. Das eine Boot war etwas dünner, aber dafür tiefer als das andere; aber beide entsprachen vollständig unserem Zweck und so kaufte ich sie für den geforderten Preis von 100 fl. das Stück. Den gleichen Preis hatte ich auch einige Jahre vorher den Pnihing für ein ähnliches Boot bezahlt.
Inzwischen zeigte es sich, dass Lĕdju sich mit seiner Ankunft bei uns nicht beeilte, auch brachten andere die Nachricht, dass er wegen des Todes eines Kindes in einer Sklavenfamilie die Trauer noch nicht gänzlich abgelegt hatte, so dass die Aussicht, ihn hier zu sehen, nicht gross war Kwing, der hier keine Gegenpartei für seine Kampfhähne fand, sehnte sich danach, wieder hinunter zu ziehen und, da es hier oben auch für den Kontrolleur nicht viel zu tun gab, sollte er Kwing begleiten. Am 26. Januar reisten beide ab. Sicherheitshalber gab ich ihnen alle Schutzsoldaten nach Napo Liu mit, wo die Gesellschaft auf mich warten sollte. Sorong und die Seinen blieben zurück, um uns unter Obet Dĕwongs Führung nach dem Situn zu geleiten. Der Zug wurde unter Kwing Irangs Verantwortung unternommen, der meinte, dass ihm, da Lĕdju nicht gekommen war, um das lāli des Tasan aufzuheben, als ältestem Familienglied das Recht zustand, uns gegen eine Busse an Lĕdju den Fluss hinauffahren zu lassen. Wegen des hohen Wasserstandes war an diesem Tage jedoch an eine Fahrt nicht zu denken, auch hatte ich noch keine Zeit, da man mir nun auch von den Reisfeldern Kranke zur Behandlung brachte und ich Chinin mit einer Gebrauchsanweisung austeilen und den Lueskranken eine Jodkalilösung in Flaschen zubereiten musste. Einige Dorfbewohner setzten noch vor meiner Abreise die anfangs geforderten hohen Preise für Ethnographica herab und so hatte ich so viel zu tun, dass ich mich geduldig auf die Versicherung, dass der Mĕrasè schnell fallen würde, verliess.
Trotz des hohen Lohnes, den ich ausgesetzt hatte, konnte Obet Dĕwong am anderen Morgen nur mit Mühe acht Mann dazu bewegen, ihre Arbeit unseres Zuges wegen zu unterbrechen; daher waren wir erst um 9 Uhr reisefertig. Unsere Pflanzensucher begleiteten uns mit ihren Tragkörben: sie hatten in den letzten Tagen bereits in der Umgebung prächtige Pflanzen gefunden, auf dem Batu Marong unter anderen eine Aroïdee, deren grosse Blätter wie aus dunkelbraunem Sammet geschnitten aussahen.
Ausser den Hütten auf den Reisfeldern weiter oben sahen wir nur noch eine kleine Niederlassung oberhalb der Mündung des Asa, der in einem sehr breiten Tal längs der senkrechten, nördlichen Wand des Ong Dia strömt. Das Tal wird nach Westen durch die Verlängerung des Ong Dia Rückens abgeschlossen, der sich in nördlicher Richtung bis zum Kalkgebirge Batu Matjan hinzieht.
Rotang mit symbolischen Zeichen zur Absperrung eines Flusses.
Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir die Stelle, wo der Tasan von Norden her in den Mĕrasè mündet, der hier um den südlichen Abhang des Batu Situn eine Biegung macht. Etwas weiter oberhalb der Mündung fuhren wir unter dem Rotang hindurch, den Lĕdju Li als Verbotszeichen quer über den Fluss hatte spannen lassen.
Die Flussgeister schienen uns unsere Freveltat nicht übel zu nehmen, denn einer der Ma-Suling entdeckte an einer verbreiterten Stelle, wo das Wasser ruhig strömte, einen grossen Fisch. Das Boot näherte sich lautlos dem Tier und es gelang dem vorderen Steuermann, den Fisch mit seiner Lanze zu spiessen. Das Schlachtopfer wehrte sich zappelnd und tauchte unter, trieb aber, durch den Blutverlust geschwächt, bald wieder an der Oberfläche und wurde mit Jubel in das Boot gezogen.
Weiter oben drängt sich der hier nur 7 m breite Tasan zwischen zwei senkrechten Kalkfelsen hindurch, deren Wände mit Algen, Moos, Farren und anderen Pflanzen feuchter Standorte dicht bewachsen sind.
In früherer Zeit durften die Bewohner dieser Gegenden den Tasan nur bis zu dieser lobang be̥lare̱ (Höhle eines Donnergeistes) hinauffahren; erst seit kurzem wagen sie sich weiter aufwärts. Auch jetzt fuhren wir unter feierlichem Schweigen an dieser Stelle vorüber.
An dem kleinen Fluss Tĕrè weiter aufwärts zogen die Ma-Suling die Böte in den Uferwald, während Sorong mit den Seinen den gleichmässig ansteigenden Rücken hinaufging, um nötigenfalls einen Weg durchhauen zu lassen. Ich folgte ihm langsam mit Obet Dĕwong. Der schwere und bejahrte Mann folgte nur mit Anstrengung, obgleich der Rücken nicht steil und sehr breit war; da Obet in jungen Jahren ein bekannter Jäger gewesen war, gab er sich jetzt alle Mühe, nicht zurückzubleiben.
Bereits bald nach Mittag erreichten wir, auf einer Höhe von 800 m, den Sattel, der unter dem eigentlichen Gipfel lag, und beschlossen, hier unser Lager aufzuschlagen, da wir weiter oben kein Trinkwasser finden würden.
Sorong hatte mit seinen Leuten bereits den Platz zwischen den grossen Bäumen vom Unterholz befreit. Nachdem die Hütte zusammengestellt worden war, blieb noch genügend Zeit übrig, um den eigentlichen Gipfel auszukundschaften.
Dieselben Männer gingen wiederum voraus; wir holten sie aber bald ein, da sie weiter oben in die Rotang- und Moosregion gerieten. Auch die dornigen Stämme der Sagopalmen hielten uns fest, so dass es kaum möglich war, ohne Kleiderrisse und Hautwunden davonzukommen, und so manchmal musste der Pfad durch diese triefende, dunkle Pflanzenmasse gebahnt werden. Für Nashorne schien diese Gegend sehr geeignet zu sein, denn wir bemerkten zahlreiche Spuren von ihnen, auch jagten unsere Leute ein Exemplar auf. In einer flöhe von 1000 m ü.d.M. war alles so dick mit Moos bedeckt, dass wir weder rechts noch links sehen konnten, dazu fiel der Gipfel mit steiler Wand nach unten ab. Es musste noch ein zweiter, höherer Gipfel vorhanden sein, aber bevor wir ihn besteigen konnten, musste Obet Dĕwong den Geistern erklären, wer wir waren, und was wir hier wollten. Hierzu holte er ein mitgenommenes Ei hervor, klemmte es zwischen die 3 Zinken eines an der Spitze gespaltenen Stockes, den er in den Boden gesteckt hatte, und rief darauf die Geister, die auf dem Situn und auch die, die auf dem Batu Pala am oberen Tasan wohnten, an. Er berichtete ihnen, dass er, der Häuptling von Lulu Sirāng, gekommen war, um Kajan vom oberen Mahakam und weisse Fremde, Niederländer, von jenseits des Meeres, welche die Umgegeng besichtigen wollten und durchaus nichts Böses gegen die Geister im Schilde führten, zu geleiten.
Gänzlich beruhigt kletterten wir nun längs eines steilen Abhanges über glatte, moosbedeckte Steine ungefähr 50 m weit hinunter und begannen dann, den eigentlichen Gipfel, der gut 1100 m hoch war, zu besteigen. Auf dem schmalen Gipfel standen wir aber vollständig zwischen hohen Bäumen ohne jede Aussicht; daher musste entweder der Wald gänzlich gefällt werden, woran fast nicht zu denken war, oder auf einem der höchsten Bäume ein Beobachtungsposten gebaut werden. Wohl oder übel entschlossen wir uns zu letzterem und trugen unseren Bahau auf, von einem der schweren Bäume mit breiter Krone die Äste teilweise zu entfernen, so dass auf den übrigbleibenden ein festes Gerüst (lăsān) aus Holz gebaut werden konnte, auf dem unsere Instrumente aufgestellt werden sollten. Auch musste für uns eine Leiter hergestellt werden. Dieser ihnen gänzlich neue Auftrag schien meine Leute zu reizen, vielleicht hatten sie auch erwartet, dass sie den ganzen Wald fällen sollten. Sie machten sich daher eifrig ans Werk und stellten das Gerüst bereits abends fertig. Frierend, durchnässt und sehr ermüdet kehrten wir nach unserem Lager zurück, in dem Midan uns mit einer Tasse warmer Chokolade empfing. Ein Wechsel der Kleidung stellte unser Wohlbehagen bald wieder her und gleich nach Sonnenuntergang begaben wir uns zur Ruhe.
Das Thermometer zeigte morgens zwar noch 18° C., aber das Aufstehen in der nasskalten Umgebung im dichten Nebel war doch nichts weniger als angenehm. Eiligst begaben wir uns auf den Gipfel, in der Hoffnung, über den Wolken eine ebenso freie Aussicht wie am ersten Morgen auf dem Batu Mili zu geniessen. Es zeigte sich aber, dass der Gipfel unseres Baumes nicht frei stand, sondern dass einige Bäume, die die Aussicht benahmen, gefällt werden mussten. Da unser Baum der höchste war, brauchten nur wenige Exemplare entfernt zu werden.
Zur Erwärmung begann ich auf- und niederzuklettern und Moose und Erdorchideen, die mit ihren prächtig gefärbten und gezeichneten Blättern in Felslöchern verborgen sassen, zu suchen. Gesteine konnte ich nicht sammeln, da alle Stücke an der Oberfläche durch und durch verwittert und nicht mehr zu unterscheiden waren. Nur da, wo ein grosser Block vom Abhang abgestürzt war und die Wand lotrecht aufstieg, konnten wir später mit dem Schmiedehammer einige gute Stücke abschlagen.
Als die Wolken unter und um unseren Gipfel nach 10 Uhr sich zu erheben anfingen, stellten wir unsere Instrumente auf. Obgleich das Wetter nicht sehr günstig war, traten im Laufe des Tages doch die ganze Umgebung und auch die Gebirge in der Ferne der Reihe nach hervor. Es zeigte sich, dass das Kalkgebirge im Norden und Westen zahlreiche Gipfel besitzt und von engen, tiefen Schluchten durchschnitten wird. Aus einer dieser Schluchten kam der Mĕrasè zum Vorschein, was die Berichte der Buschproduktensucher bestätigte. Nach Osten, dem Quellgebiet des Tĕpai und Nijān zu, geht das Gebirge in plateauförmige Ketten über, deren weisse, senkrechte Wände denen des Batu Brok und Matjan vollständig gleichen und daher ebenfalls aus Kalk bestehen können. Im Gebiet des oberen Tasan wies man uns einen derartigen, oben flachen Berg als den Batu Pala an, auf dem sich der Stamm der Batu Pala einst ein Jahr lang gegen die Anfälle der Long-Glat unter Lĕdju Aja verteidigt hatte.
Im übrigen ging aus den Aussagen der Ma-Suling nichts Sicheres hervor und selbst Obet Dĕwong der sehr wohl wusste, wie viel uns daran gelegen war, den Batu Tibang zu finden, zeigte uns einen der Gipfel des Kalkgebirges als den gesuchten Berg. Ich war anfangs geneigt, ihm zu glauben, als aber später am Nachmittag in grosser Entfernung hinter diesem Gipfel das Scheidegebirge mit dem Kajanfluss hervortrat, das mit dem Batu Tibang in Zusammenhang stehen musste, sah ich, dass Obets Dĕwongs Behauptung falsch war und verwies ihm diese Art uns zufrieden zu stellen. Das 1800–2000 m hohe Kalkgebirge verbarg uns das dahinter liegende Gebirge und somit wahrscheinlich auch den Batu Tibang. Das ganze Gebiet des oberen Mahakam jedoch lag schöner als je vor uns. Der ganze südliche Teil bis zum Batu Lĕsong trat gut hervor, ebenso der Gipfel des Batu Mili über dem Rücken des Ong Dia, während nach Osten der Batu Ajo, Nijān u.s.w. scharf sichtbar wurden. Es gelang Bier, die erforderlichen Peilungen und Skizzen bis zum Abend zu beenden, so dass wir unsere Zelte am folgenden Morgen abbrechen konnten und so früh unten anlangten, dass der ganze Teil des Flusses vom Situn bis Lulu Sirāng noch gemessen werden konnte. Ich war mit den gesammelten Pflanzen und Gesteinen vorausgegangen und hatte auch noch die Geröllbänke des oberen Mĕrasè und Tasan untersucht, kam aber dennoch mit Obet Dĕwong, den die Exkursion sehr angegriffen hatte, noch zeitig nach Hause. Aus Furcht, dass ich am anderen Morgen früh aufbrechen würde, stellten sich eine Menge Leute mit Hühnern, Früchten, taring tanah und anderen Dingen ein, um hierfür Arzneien oder hübsches Zeug für Röcke oder Perlen einzutauschen. Ich war aber zu müde zum Handeln und versicherte ihnen nur, dass ich mich noch vor meiner Abreise mit ihnen allen befassen würde.
Um seine Aufnahme noch bis zur Mündung des Mĕrasè fortsetzen zu können, machte sich Bier am anderen Morgen als erster auf den Weg. Ich hatte noch viele Stunden damit zu tun, Flaschen mit Jodkalilösung zu füllen, Chininpulver und Pillen auszuteilen und meine schönen Stoffe sehen zu lassen.
Man gönnte mir kaum Zeit zum Essen, doch gelang es mir, noch vormittags abzureisen. Zu meiner Beruhigung fühlte sich Obet Dĕwong nach einer gut verbrachten Nacht wieder wohler. Ich hinterliess ihre gegen seine Fieberanfälle Chininpulver, dagegen versprach er, die beiden Böte, nachdem sie mit Brettern (rambing) versehen worden waren, nach dem Blu-u zu senden.
Die Dorfbewohner sahen uns ungern abfahren, aber ich hatte ihnen fast alle meine Arzneien ausgeteilt, in meinen Tauschartikeln war hauptsächlich durch das Einkaufen von Ethnographica eine grosse Lücke entstanden, und so blieb ihnen wenig mehr zu wünschen übrig. Die Strömung brachte uns bald nach unten und in 3½ Stunden kamen wir in Napo Liu an.
Holzstapel als symbolische Heiratserklärung bei den Long-Glat.
Lĕdju Li hatte ich für die Verletzung des lāli auf dem Tasan eine Busse zu bezahlen; die Angelegenheit wurde jedoch unter Kwing Irangs Leitung schnell geregelt. Weit mehr Unterhandlungen kostete mir eine alte, schöne Perlenverzierung für ein Kindertragbrett (tap be̥ne̱ng) mit zwei Menschenfiguren und einem Tigerkopf. Fast der ganze Stamm entrüstete sich darüber, dass ein so altes Stück die Niederlassung verlassen sollte, aber die Tochter der Besitzerin liess sich durch meine schönen Elfenbeinarmbänder zum Verkauf der Perlenarbeit verleiten. Die bereits erwähnte, schöne Jacke mit dein Rand aus Knüpfarbeit wurde mir nun ebenfalls verkauft, so dass ich von unserem Besuch in Mĕrasè sehr befriedigt war.
Wir sehnten uns alle nach Hause zurück und nahmen daher am 13. Tage nach unserer Abreise vom Blu-u von Napo Liu Abschied und erreichten wiederum gegen Mittag Batu Sala, wo wir die Nacht als Gäste des Häuptlings, der inzwischen zurückgekehrt war, verbringen sollten. Den Rest des Tages verwendete ich noch dazu, schöne Schwerter, hölzerne Tätowiermodelle (klinge̱ te̥dak) und Perlenmützen einzukaufen, deren Besitzer inzwischen Zeit gehabt hatten, sich mein früheres Angebot zu überlegen. Wir erfuhren hier wiederum, welch einen grossen Wert das Einkaufen von Ethnographica für den Umgang mit den Eingeborenen besitzt. Der Häuptling und seine Frau waren uns nämlich sehr freundlich entgegengekommen, hatten uns aber zu verstehen gegeben, dass sie kein Geschenk von uns annehmen wollten, dagegen gern bereit wären, uns irgend welche Gegenstände zu verkaufen. Ich begriff, dass mir der Kauf teuer zu stehen kommen würde, erhielt aber von dem Häuptling für 25 fl. einen Korb (ingan dawan) mit Perlenverzierung zum Aufbewahren von Gegenständen, wie er sonst von den Kajan nicht verkauft werden durfte, und von seiner Frau für 15 fl. einen hübsch gestickten Rock. Der Bruder Bang verkaufte mir ein Schwert mit schöner Einlegearbeit. So waren auch hier wieder alle Parteien zufrieden gestellt.
Ein glücklicher Zufall liess uns unter dem Hause der Long-Glat eine Heiratserklärung eines jungen Mannes entdecken. Sie bestand in einem Holzstapel, der den Raum zwischen dem Brettersteg unter dem Hause und der Wohnung der Auserkorenen vollständig füllte Das Holz war als Brennholz von ungefähr 70 cm Länge gehackt und zwischen zwei Stützbalken der Wohnung aufgestapelt worden. Zwischen das Brennholz waren 5 Stücke eines Baumstammes gelegt, an deren abgeplatteten, hervorragenden Enden die Versorgung der Frau durch den Mann sinnbildlich dargestellt worden war. Die Symbole bestanden in einem Beil (ase̱), als Versprechen, Holz hacken zu wollen, einer Hacke (be̱kong), als Versprechen, das Holz fein bearbeiten zu wollen, wie es beim Bau der Böte notwendig ist, und drei verschiedenen Tellern (uwit), einem grossen und zwei kleineren, als Versprechen, für Reis (honen) und Zuspeisen (udjo̱) sorgen zu wollen. Neben dem Holzstapel legt der Mann eventuell auch noch Geschenke nieder. Es glückte Demmeni, einige gute Aufnahmen von dem Stapel zu machen und einiges über die Hochzeitsgebräuche bei den Mahakamstämmen zu erfahren.
Die Gebräuche sind bei den verschiedenen Stämmen und auch, je nachdem es sich um Häuptlinge, Freie oder Sklaven handelt, verschieden. Im allgemeinen wird eine Heirat zwischen Häuptlingen auf die gleiche Weise wie zwischen Freien vollzogen; nur die Sklaven heiraten ohne Zeremonien, doch gilt der Ehebund bei ihnen für ebenso fest als bei den anderen. Die Häuptlinge der Long-Glat richten den Holzstapel nicht unter, sondern vor dem Hause der Geliebten auf und fügen zu den üblichen Symbolen einer Heiratserklärung auch noch schöne Geschenke für die Braut. Von dieser Sitte weichen die Mahakam Kajan insofern ab, als der junge Mann den Stapel in der Wohnung auf dem Gestell, das über dein Herde zur Aufbewahrung von Brennholz dient, errichtet.
Tritt bei den Freien ein junger Mann mit einem jungen Mädchen in den Ehebund, so wird er von seinen Freunden unter Beckenschlag in das Haus der Braut geleitet; die Hochzeitsgeschenke werden gleich mitgebracht. Wie am Mendalam zieht auch am Mahakam der junge Ehemann zuerst ins Haus seiner Schwiegereltern. Folgt dagegen ausnahmsweise die junge Frau dem Manne, so wird sie von ihren Freundinnen zu ihm geleitet. Nach der Ankunft setzen sich beide neben einander auf den Boden, der Mann links, die Frau rechts, und essen einige gekochte Reiskörner, die auf einem Bananenblatt rechts von ihnen liegen; der Mann macht dabei den Anfang. Diese Zeremonie wird mit “be̥ke̥sow” bezeichnet und leitet nur eine vorläufige Ehe ein, während welcher das Paar verschiedenen Verbotsbestimmungen unterworfen ist, die erst beim folgenden Neujahrsfest aufgehoben (be̥t lāli oder be̥t pawe̱) werden. Einer der ältesten im Stamme, der nicht immer ein Priester zu sein braucht, tritt dann vor das Paar, ruft die Geister und die Seelen verstorbener Familienglieder an und berichtet ihnen, dass die Heirat vollzogen wird; ferner macht er die Jungvermählten auf ihre künftigen Pflichten aufmerksam. Dann schlachten Mann und Frau je einen Hahn, um aus der Beschaffenheit seiner Leber die Gesinnung der Geister zu erkennen. Der Teil, dessen Hahn die besten Vorzeichen aufweist, verspricht am meisten zur Wohlfahrt der Familie beizutragen.
Die Jungverheirateten dürfen drei Tage lang die amin nicht verlassen und nur Reis, der in einem Bambusgefäss gekocht worden ist, essen. Das Fleisch wilder oder zahmer Schweine und mit tuba gefangene Fische sind ihnen zu essen verboten. Nach Ablauf der drei Tage gehen beide in ihren schönsten Kleidern acht (heilige Zahl) Mal zum Flusse. Der bewaffnete Mann rodet mit seinem Schwerte etwas Gestrüpp aus, während die Frau mit einer besonderen Schaufel (uing) etwas jätet. Gehören sowohl Mann als Frau einer Häuptlingsfamilie an, so müssen sie den Weg zum Flusse 2 × 8 Mal zurücklegen und stets wieder die gleiche symbolische Feldarbeit verrichten. Dann gilt der Bund als endgültig geschlossen.
Die Frau bringt kein Heiratsgut mit; selbst ihre Schmucksachen gehen nach ihrem Tode, falls keine erbberechtigten Kinder vorhanden sind, an ihre Familie zurück; der Mann dagegen giebt den Eltern der Frau ein Geschenk (tendjai). Für Häuptlinge besteht das tendjai in Gongen, Schwertern, Wurfnetzen u.s.w., die von den Freien geliefert werden, falls der Häuptling standesgemäss heiratet. Die Geschenke der Freien dürfen nur in Schwertern oder Kattun bestehen. Festmahlzeiten sind bei einer Heirat nicht gebräuchlich.
Findet eine Scheidung auf friedlichem Wege statt, so giebt man einander eine uto̤̱k, d.i. eine vollständige Kleiderausstattung; die Geschiedenen dürfen dann sogleich wieder eine neue Ehe schliessen. Solange die uto̤̱k noch nicht gegeben ist, wird eine neue Heirat als Ehebruch betrachtet und als solcher mit einer schweren Busse (ke̥be̥how), welche dem beleidigten Teil entrichtet werden muss, bestraft. Trennen sich Eheleute ohne uto̤̱k, so dürfen sie sich nicht wieder verheiraten.
Bei Ehebruch muss der schuldige Teil dem anderen und eventuell auch einem beleidigten Manne resp. einer beleidigten Frau eine Busse ausbezahlen. Das gleiche gilt auch für Sklaven.
Eheliche Treue wird auch dann geheischt, wenn der Mann langdauernde Reisen unternimmt.
Ein Ehebruch wird, nach Auffassung der Bahau, von den Geistern durch Missernten und andere Unglücksfälle an dem ganzen Stamme gerächt, daher sucht man dessen schlimme Folgen von den übrigen Stammesgliedern abzuwenden. Die Schuldigen werden mit Schweinen, Hühnern, 2 × 8 Eiern und all ihrem Hab und Gut auf eine Geröllbank im Flusse ausgesetzt, um den schlechten Einfluss, der von ihnen ausgeht, aufzuheben (= be̥t dawi). Die Priesterinnen bestreichen das Eigentum der Schuldigen mit dem Blut der Schweine und Hühner, um es unschädlich zu machen.
Die Ehebrecher selbst lässt man mit 2 × 8 Eiern auf einem Floss von der Strömung abwärts treiben. Sie retten sich, indem sie ins Nasser springen und ans Land schwimmen. Wahrscheinlich war dies früher nicht gestattet, wenigstens “erden sie jetzt noch von der Jugend mit langen Grashalmen, die Lanzen vorstellen sollen, beworfen.
Derartige Fälle kommen selten vor oder werden wenigstens selten behandelt; der letzte soll sich bei den Kajan vor 10 Jahren zugetragen haben.
Die Bahau gehen teils Vernunfts- teils Liebesheiraten ein. Im ersten Fall wird ein junger Mann mit einem kleinen, noch gänzlich unerwachsenen Mädchen verlobt und zieht bisweilen dann schon ins Haus der künftigen Schwiegereltern. Wenn dem Mädchen später der auserkorene Bräutigam nicht gefällt, was häufig geschieht, setzt sie bei ihrer Familie oft eine Heirat mit einem anderen, selbstgewählten Manne durch. Sie entwickeln hierbei so viel Energie und Ausdauer, dass sie, selbst wenn sie sich in einen Sklaven verliebt haben, den Sieg davontragen. Ich erlebte zwei derartige Fälle bei den Mahakam Kajan, bei denen die Kluft zwischen Freien und Sklaven überdies viel grösser ist als bei anderen Stämmen.
Am z. Dezember nahmen wir von Batu Sala Abschied und erreichten noch am gleichen Tage Lulu Njiwung, dessen Häuptling Ding Ngow so schüchtern war, dass er in unserer Gegenwart kaum zu sprechen wagte. Wir mussten hier des hohen Wasserstandes wegen zwei Tage bleiben. Ein Teil der Niederlassung war uns verschlossen, da man im langen Hause der Ma-Tuwān lāli nugal feierte; die Bewohner der anderen Häuser begaben sich morgens sehr früh aufs Reisfeld und kehrten erst abends wieder zurück. Wir hatten somit wenig Gelegenheit, die Bevölkerung kennen zu lernen und Ethnographica einzukaufen.
Besonders unangenehm war mir der Umstand, dass mich viele Kranke um Arzneien baten und man mich zu bewegen suchte, noch so lange zu bleiben, bis man mir auch die Kranken von den Reisfeldern ins Haus gebracht habe. Denn meine Arzneien waren grösstenteils verbraucht und mit dein Rest musste ich sehr sparsam umgehen. Es blieb mir daher nichts übrig, als den Leuten zu versprechen, ihnen am Blu-u, der nicht weit entfernt war, Arzneien austeilen zu wollen. Viele von ihnen machten denn auch wirklich nach Ablauf der drückendsten Feldarbeit von meiner Aufforderung Gebrauch.
Den 16ten Tag nach unserer Abreise setzten wir unsere Fahrt bei fallendem Wasser fort und erreichten wohlbehalten unsere Niederlassung am Blu-u. Alles sah dort so aus, wie wir es verlassen hatten. Unsere Kisten mit kostbaren Tauschartikeln, die der Häuptling in seiner Wohnung unter dem Schutz seiner Frauen aufbewahrt hatte, brachten wir in unser Haus zurück und sassen dann abends wieder sehr befriedigt unter unserem festen, ruhigen Dache.
Unser stilles Leben dauerte nicht lange, denn Kwing Irang äusserte den Wunsch, uns nun auch baldmöglichst in den verschiedenen Pnihingniederlassungen einzuführen. Er hielt es nämlich für wünschenswert, dass der Kontrolleur auch diesen Stamm näher kennen lernte, auch wollte er nicht, dass sich die Pnihing durch unser Fortbleiben zurückgesetzt fühlten. Für später hatte Kwing allerhand grosse Pläne, die ihn ans Haus fesselten, daher wollte er den Besuch so schnell als möglich ins Werk setzen. Unsere Europäer und die Pflanzensucher sollten sich an der Reise beteiligen, Doris und die Seinen dagegen sollten zu Hause bleiben, da unser unstätes Leben für ein Sammeln auf zoologischem Gebiete nicht geeignet war, wie wir während unseres Zuges nach dem Mĕrasè erfahren hatten. Wir hatten nun ein Boot weniger nötig, was den Kajan durchaus nicht gefiel, da die jungen Leute, die nicht mit nach dem Mĕrasè gezogen waren, gehofft hatten, nun auf der Reise zu den Pnihing auf angenehme Weise viel Geld zu verdienen.
Als wir uns mit unserem Gepäck am 10. Dez. in 4 Böte verteilen wollten, stellte sich heraus, dass sich zu viele reiselustige Kajan eingefunden hatten. Der Häuptling hatte sie augenscheinlich zum Zurückbleiben nicht überreden können oder wollen, und so musste ich bei unserer Abreise, als alles bereits gepackt war, noch selbst drei Männer zwingen, ihre Tragkörbe, Speere und Schilde aus den Böten zu holen, die für so viele Leute nicht genügend Platz boten. Kwing gab zu unserer Freude den Wunsch zu erkennen, dass der Kontrolleur die Fahrt in seinem Bote machen sollte und, da auch der Wasserstand sehr tief war, zogen wir alle wohlgemut flussaufwärts. Für den Häuptling bildete diese Fahrt eine wahre Vergnügungsreise, denn seit meinem vorigen Besuch hatte er die Tochter eines Häuptlings in Long ’Kup geheiratet, die er wegen seiner kleinen provisorischen Wohnung, in der sich bereits seine beiden anderen Frauen befanden, nicht bei sich aufnehmen konnte. Seine älteste Frau Hiāng gestattete ihm nur selten, zu den Pnihing zu fahren, und so bot ihm unsere Reise einen erwünschten Ausweg. Wir konnten nun nicht umhin, in Long ’Kup zu übernachten und zwar in der Galerie von Kwings Schwiegervater.
Die Häuptlingsfrauen zeigten sich für die schönen Perlen und Stoffe, die ich ihnen mitgebracht hatte, sehr empfänglich; die Männer dagegen hatten auch hier ihre eigenen Anschauungen über Geschenke und wollten keine hübschen Sachen, wohl aber Arzneien von mir annehmen.
Wir waren so früh angekommen, dass ich noch Zeit gehabt hätte, mit vielen Bekanntschaft zu machen und Verschiedenes einzukaufen. Leider blieb die Galerie leer, trotzdem ich früher bereits mehrmals hier gewesen war; man schien sich vor uns also doch noch zu fürchten. Kwing Irang konnte sich von seiner jungen Frau nicht trennen und unsere Kajan hatten sich zu ihren Bekannten begeben. Da keiner von uns Pnihingisch sprach, war eine Unterhaltung mit den Hausbewohnern unmöglich, und ich beschloss daher, mit dem alterprobten Mittel, der Austeilung von Geschenken, eine Verständigung zwischen uns anzubahnen.
Mit vieler Mühe suchte ich zwei kleine Mädchen, die uns aus der Ferne verlegen anstarrten, dazu zu bewegen, sich uns zu nähern und aus einer Dose einen bunten Fingerring hervorzuholen. Durch die blitzenden Kleinodien angelockt zogen sie einander halb ängstlich, halb lachend an den Röcken vorwärts. Zögernd streckte jede ihr Ärmchen aus, ergriff einen Ring und eilte nach Hause, um ihren Schatz zu zeigen. Bald darauf geriet die ganze Frauenwelt in Bewegung und stellte sich mit ihren Kindern in dichter Reihe um mich herum. Eine Dose voll Fingerringe nach der anderen verschwand, wobei die Frauen den Kindern stets den Vorrang liessen. Um die Austeilung der kleinen Geschenke, die wegen unserer Unkenntnis der Sprache recht einförmig verlief, etwas zu beleben, versteckte ich die Perlen, Nadeln oder Ringe in meiner Hand oder hielt diese so fest, dass jede nur mit einer kleinen Anstrengung zu ihrem Geschenk gelangen konnte. Die Zuschauer amüsierten sich herrlich über die Bemühungen derjenigen, die an der Reihe war. Einige wurden verlegen, aber keine wurde böse. Bald wurde unsere Umgebung so vertraulich, dass einige die wenigen Worte Busang, die sie kannten, zu sprechen wagten. Mit hübschem, geblümtem Zeug, Perlenketten und dergl. suchte ich die Frauen zu bewegen, mir einiges von ihrem Hausrat und ihren Kleidungsstücken zu verkaufen und war mit meinen vorläufigen Unterhandlungen sehr zufrieden. Schnitzarbeiten und andere Kunstartikel konnte ich nicht erhalten, weil die Pnihing nichts derartiges herstellen, wohl aber einige Röcke mit hübschen -Rändern, einige Hüte und, was uns ebenfalls sehr willkommen war, eine grosse Menge Reis, Hühner und Früchte. Böte, deren ich immer noch nicht genug hatte, konnte ich hier nicht kaufen, doch sollten sie in der Pnihingniederlassung am Tjĕhan zu haben sein.
Der Liang Karing an der Mündung des Tjĕhan.
An der Mündung des Tjĕhan in den Mahakam liegt der Liang Karing, dessen schöne weisse Kalkfelsen die Landschaft beleben. In der Hoffnung, von diesem Berge aus eine gute Übersicht über diesen Teil des oberen Mahakam zu erhalten, beschlossen wir, in dem an der Mündung- gelegenen Pnihinghause zu übernachten. Morgens früh brachen wir von Long ’Kup auf und erreichten zuerst Bĕlarès Niederlassung, an der wir nicht Halt machten, da die Pnihing augenblicklich auf ihren Reisfeldern wohnten und der Häuptling sich mit einigen Männern auf der Jagd am oberen Mahakam befand. Schon seit Jahren zog Bĕlarè, sobald er die Zeit dazu fand, für viele Wochen in den Wald und lebte dort fast gänzlich von dem, was der Wald ihm lieferte.
Um 12 Uhr legten unsere Böte bei der Niederlassung am Tjĕhan an. Die Hausbewohner erklärten, keinen Weg auf den Liang Karing zu kennen und, da ich ihre Abneigung gegen Besteigungen dieser Berge kannte, schickte ich Maring Kwai, einen jungen Mann, der bereits im Jahre 1897 mit meinem Pflanzensucher Djahéri einen Gipfel des Liang Karing bestiegen hatte, und Suka, der für dergleichen Exkursionen am geeignetsten war, aus, um einen Weg zu suchen, der auch für Bier und mich brauchbar war. Inzwischen erfreuten wir uns zum ersten Mal wieder an einer guten Mahlzeit und erhielten bald darauf die willkommene Nachricht, dass man den Gipfel des Berges von der einen Seite aus erreichen könne. Suka hatte Maring nur mit grosser Anstrengung auf dem früheren Pfade nach oben folgen können, aber sie hatten vom Gipfel aus für den Abstieg einen besseren Weg gefunden.
Um keine Zeit zu verlieren, brach ich mit Bier und den Pflanzensuchern sogleich auf. Wir setzten über den Fluss und standen bald darauf vor den senkrechten Kalkwänden des Liang Karing. Auf der rechten Seite bemerkte ich am Fuss des Berges grosse Höhlen, in denen die Pnihing ihre Toten beisetzen; ich hielt es jedoch nicht für ratsam, die Leute am Tjĕhan durch meine Neugierde zu beunruhigen und schlug, um den gefundenen Weg zu erreichen, die entgegengesetzte Richtung ein.
Die hier schwach geneigten Sandsteinschichten heben sich deutlich von dem anschliessenden Kalkgestein ab, in gleicher Weise wie dies bei den Kalkkegeln am Bulit der Fall ist. Da es mir nicht glückte, Fossilien zu finden, kann das Alter dieser Schichten vorläufig nicht bestimmt werden. Weiter aufwärts gelangten wir an die Stelle, von der aus die Besteigung beginnen konnte. Die Felswände waren hier zwar ebenso steil als an der anderen Seite, aber ein Kamin, der unten gänzlich mit abgestürzten, von Moos und Algen bedeckten Kalkblöcken angefüllt war, machte einen Aufstieg möglich. Mit Händen und Füssen kletterten wir an einer Seite, wo das Kalkgestein scharfe Vorsprünge und Vertiefungen zeigte, an der lotrechten Wand empor und erreichten die Stelle, an der sich die Wände in einem Bogen dem Gipfel zuneigten.
Die scharfen Spitzen und Kanten des Gesteins drangen durch unsere nassen Stiefelsohlen hindurch; wie die unbeschuhten Füsse der Eingeborenen Stand hielten, erschien uns unbegreiflich. Auch oberhalb der Wände war der Berg noch so steil, dass wir nur mit Hilfe des Gestrüppes, das hier wuchs, vorwärts kamen. In noch höherem Masse als der schlechte Weg hielt mich jedoch die interessante Vegetation auf; in den mit Moos und Algen dicht bewachsenen Spalten und Höhlen der Kalkfelsen hatten nämlich Begonien und Erdorchideen eine Farbenpracht ihrer Blätter entwickelt, wie ich sie noch nirgends beobachtet hatte. Auf den langen, spitzen Blättern der Begonien wechselten Gold und Silber mit prächtigem Rot, Braun und Violett, während die marmorierten Blätter der Erdorchideen ein mit dem Alter wechselndes Farbenspiel zeigten. Die Pflanzensucher hielten eine reiche Ernte, was um so erwünschter war, als die auf der vorigen Reise gesammelten Pflanzen während des langen Aufenthaltes bei den Kajan umgekommen waren. In kurzer Zeit erreichten wir den Gipfel des Berges, der nur spärlich mit Gestrüpp und krautartigen Pflanzen bedeckt und durch den Regen stark zerklüftet und erodiert war. Bier machte sich sogleich an die Arbeit und bedauerte nur, dass zahlreiche, höhere Berge die Aussicht beeinträchtigten. Die auf das hohe Kalkgebirge Batu Matjan im Norden, den Batu Lĕsong im Süden und viele andere Punkte in der Umgebung ausgeführten Peilungen machten jedoch auch diese Exkursion wertvoll. Abends kehrten wir steif und nass ins Dorf zurück, wo Barth und Demmeni die Zeit in Gesellschaft vor. Kwing Irang, dessen ältestem Sohn und dem freundlichen Häuptling Bo Anjè und dessen Frau verbracht hatten. Unter dem angenehmen Eindruck dieser Unterhaltung bot man uns eine reiche Mahlzeit mit Huhn, Eiern und Früchten an. Um 7 Uhr abends lagen wir bereits in tiefem Schlaf. Unserer Gesellschaft schien es hier sehr gut zu gefallen, ich dagegen wollte lieber so früh als möglich weiter reisen. Die Fahrt hatte aber bei dem niedrigen Wasserstande und der Grösse des einen Bootes ihre Schwierigkeiten, daher langten wir erst um ½ 3 Uhr bei der mir von früher her bekannten Niederlassung der Pmhing am Pakatè, einem kleinen Nebenfluss des Tjĕhan, an. Demmeni hatte auf der Fahrt eine gute Aufnahme des Kiham Tukar Anang machen können, eines Wasserfalles, der durch im Flussbette liegende Kalkblöcke gebildet wird.
Aufwärtsziehen der Böte im Kiham Tukar Anang.
Wie die anderen grossen Niederlassungen der Pnihing steht auch die am Pakatè unter mehreren Häuptlingen, von denen jeder über seiner Wohnung ein erhöhtes Dach und vor ihr eine verbreiterte Galerie besitzt, so dass das Dach der Pnihing nicht wie dasjenige anderer Bahauhäuser eine nur einmal, sondern eine mehrfach unterbrochene Linie aufweist. Einer dieser Häuptlinge ist stets der angesehenste, hier war es Paren. Wir Europäer hielten in seiner Galerie Einzug, während die Malaien beim Häuptling Bang einquartiert wurden. Da sich beinahe alle Hausbewohner auf den Reisfeldern aufhielten, hatten wir Zeit, zuerst an unsere eigenen Angelegenheiten zu denken, unter denen der Einkauf von grossen Böten und Ethnographica die wichtigsten bildeten. Das grosse Boot des Häuptlings Paren, das bei meinem früheren Besuch noch im Walde lag, erwies sich als lang, aber als viel zu schmal, um stark beladen werden zu können; daher kam ich mit Kwing Irang überein, anstatt dieses einen Bootes zwei kleinere zu suchen. Es glückte ihm auch, zwei passende Böte zu finden, die ich abends nach der Rückkehr des Besitzers von der Feldarbeit für Zeug und Geld erwarb.
Ich hatte die Leute bereits das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht, dass ich gern allerhand Gegenstände kaufen wollte, nun schienen sie sich über die Dinge, die sie missen konnten, inzwischen klar geworden zu sein; denn anderen Tages kamen sie mit hübschen Röcken, Schwanzfedern des Rhinozerosvogels und auch mit Reis und Früchten an, so dass ich meine Tauschartikel stark angreifen musste. Zum grossen Erstaunen ihrer Besitzer kaufte ich auch einige eigenartig geschnitzte Türschwellen. Die Nachfrage nach Chinin und Jodkali war auffallend gross; letzteres war besonders nötig, da die Pnihing an Kröpfen leiden. Es tat mir leid, dass die Tochter des Häuptlings Bang, die einen kindskopfgrossen Kropf besass, den Gebrauch der Jodkalilösung, die ich ihr das vorige Mal in drei Weinflaschen übergeben hatte, nicht fortgesetzt hatte. Da ein langdauernder Gebrauch von Jodkali den Umfang kleinerer oder grösserer Kröpfe stark vermindert, hätte es mich interessiert zu beobachten, ob auch bei dieser bedeutenden Hypertrophie eine Wirkung eingetreten wäre. Die Familie hatte ihrem Gedächtnis in bezug auf meine Vorschrift nicht vertraut und das Mittel daher nicht weiter gebraucht. Dass man an der Arznei nicht zweifelte, bewies der grosse Zulauf der Leute mit gut gereinigten Weinflaschen, welche ich mit der Lösung füllen sollte. Da es heftig regnete und die Wolken so niedrig hingen, dass an ein Ausgehen, um von irgend einem Punkte eine Übersicht zu erhalten, nicht zu denken war, konnte ich alle Wünsche meiner Patienten, die zum grössten heil weiblichen Geschlechtes waren, erfüllen.
Als der Himmel sich etwas aufhellte, begaben wir uns auf einen neben dem Hause gelegenen 100 m hohen Hügelrücken, auf dem die Pnihing den Wald für die Anlage eines Reisfeldes gefällt hatten. Der Hügel bot uns einen schönen Aussichtspunkt, der steile und gewundene Pfad, der über halb verfaulte Baumstämme und Äste und zwischen nassem Gestrüpp hindurch führte, war aber nichts weniger als bequem. Auf dem Gipfel angelangt dauerte es noch einige Zeit, bis die Wolken sich genügend verteilten, um uns eine beschränkte Aussicht auf den Batu Lesong und das Gebirge am Ulu Sĕrata zu gewähren. In der Nähe war kein höherer Gipfel vorhanden, der uns eine umfangreichere Aussicht gewähren konnte, daher beschlossen wir, unseren Aufenthalt am Tjehan abzukürzen. Bier sollte am folgenden Tage den Tjĕhan so weit als möglich hinauffahren und den Fluss dann bis zu seiner Mündung messen. Wir wurden aber noch einen Tag lang durch allerhand Geschäfte aufgehalten, hauptsächlich auch durch die zahlreichen Pflanzen, welche unsere Pflanzensucher gesammelt hatten. Der von uns bestiegene Hügelrücken bot ebenfalls eine reiche Flora; besonders auffallend waren die zahlreichen Arten der Farren. Einige besassen höchst seltsame Blätter, z.B. grasförmige, oder vollständig viereckige, oder in Form von Eichenblättern; die meisten zeigten die dunkle, stahlblaue Farbe der echten Urwaldpflanzen. Die Exemplare wurden an Ort und Stelle in kleine Körbe gepflanzt, die ich zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, sie füllten nicht weniger als 7 grosse Körbe; ausserdem hatte Amja, der sich hauptsächlich mit dem Herbarium beschäftigte, noch von diesen und anderen Arten eine grosse Menge getrocknet.
Niederlassung der Pnihing am Long Pakatè.
Den dritten Tag unseres Aufenthaltes widmete ich gänzlich den Hausbewohnern, indem ich bereits früh morgens mit einer allgemeinen Austeilung von Fingerringen begann, die ich ihnen früher versprochen hatte. Obgleich die Frauen bereits das vorige Mal zahlreiche Fingerringe von mir gekauft oder erhalten hatten und diese Zierrate an den Händen der stets arbeitenden Frauen sich als sehr undauerhaft erwiesen hatten, schien sich die Lust nach ihrem Besitze nicht vermindert zu haben; denn die Frauen eilten aus der ganzen Niederlassung herbei und belagerten uns in dichten Haufen. Da hier viele Frauen und Töchter von Häuptlingen anwesend waren, denen ich nicht allen besondere Geschenke geben konnte, erwies ich ihrer Würde die nötige Aufmerksamkeit, indem ich ihnen gestattete, nicht nur einen, sondern mehrere Fingerringe selbst zu wählen. Dieses Vorrecht, schien in der Tat viel Anerkennung zu finden.
Mit Figuren verzierter Stein im Tjĕhan.
Unter den Anwesenden vermisste ich ein auffallend hübsches Mädchen, das, wie ich erfuhr, die Tochter des Häuptlings Bang war. Vor Sorge um ihren Mann, den Malaien Si Hebar, der vor langer Zeit mit dem Versprechen bald zurückzukehren nach dein Busang gezogen war, um dort Buschprodukte zu sammeln und nichts von sich hatte hören lassen, war die Frau nicht dazu zu bewegen gewesen, in unsrer heiteren Gesellschaft zu erscheinen.
Mit Figuren verzierter Stein im Tjĕhan.
Dieser Si Hebar war einst, als er es in den trostlosen Wäldern am Busang nicht mehr hatte aushalten können, zu den Mahakamstämmen gezogen, bei denen er allen Mädchen die Köpfe verdrehte. Erst lebte er eine Zeitlang mit Lirung, der Tochter des Häuptlings am Howong. Amun Lirung und seine energische Gattin waren aber über diese Freundschaft durchaus nicht entzückt und, da Lirung, wie wir uns in Long ’Kup, wo sie jetzt mit Tingang Kohi verheiratet ist, überzeugen konnten, kein anziehendes Äusseres besass, war er zu den Pnihing am Pakatè gezogen. Bangs Tochter, die mir schon auf der vorigen Reise ihrer Schönheit wegen aufgefallen war, hatte es dem malaiischen Don Juan angetan, er freite um sie, ohne auf die Gefahr, die ihm vom Howong her drohte, zu achten. Dass ihr Geliebter sie verlassen und wo anders Trost gefunden hatte, konnte Lirung aber nicht verwinden. Sie sehnte sich nach Rache und trug drei Männern der Bukat, die neben der Niederlassung ihres Vaters wohnten, auf, dem Si Hebar im Walde nachzustellen und ihr seinen Kopf zu bringen. Das Schlachtopfer schien indessen etwas Ähnliches von der früheren Geliebten erwartet zu haben, denn er begab sich mir mit grosser Vorsicht ausserhalb des Hauses und die Bukat mussten ohne sein treuloses Haupt nach dem Howong zurückkehren. Lirung geriet über das Missglücken ihres Racheplans in Wut und warf den Bukat vor, dass sie keine Männer seien, dass sie Frauenröcke zu tragen verdienten und dass sie eine solche Männerarbeit mit besserem Erfolge ausgeführt hätte. Tief beschämt kehrten die Bukat in den Wald zurück und schlugen, um Lirung ihre Männlichkeit zu beweisen, zwei Sĕputan vom Kaso die Köpfe ab. Si Hebar aber hatte seinen Aufenthalt am Pakatè auf die Dauer wohl nicht für sicher gehalten und daher sein Nomadenleben am Busang wieder aufgenommen.
Seine verlassene Frau konnte ihre Neugierde, als das Kichern und Jubeln der Menge bei der Austeilung immer lauter wurde, schliesslich doch nicht bezwingen und erschien plötzlich in unserem Kreise. Sie hatte die Kleidung der Pnihingfrauen gegen ein dunkles, malaiisches Gewand vertauscht, was ihre Erscheinung sehr beeinträchtigte; da sie in den letzten zwei Jahren auch noch ihre Jugendfrische eingebüsst hatte, war sie lange nicht mehr so anziehend wie früher. Für ein hübsches Stück Zeug zeigte sie trotz ihres Kummers immer noch Interesse und, nachdem sie es einmal angenommen, bat sie mich sogleich auch um einen Ring mit einem besonders grossen Stein.
Zum Schluss entspann sich unter uns ein lebhafter Hühnerhandel. Die Hühner, die die Kajan zum Verkauf für uns zur Verfügung hatten, erreichten nämlich ihr Ende und, um nicht gleich auf allerhand Surrogate angewiesen zu sein, versuchte ich hier Hühner einzukaufen. Während die Kajan uns meistens Hennen zu essen gaben, weil sie von den jungen Hähnen eventuelle Kampfhähne erwarteten, verkauften uns die Pnihing lieber die Hähne, da sie die eierlegenden Hühner höher schätzten. Die Hähne waren kaum in unserem Besitz, als die Kajan sie mit viel Aufmerksamkeit betrachteten und betasteten, mit dem Resultat, dass ihrer drei aus Midans Händen gerettet wurden mit dem Versprechen, sie zu Hause durch andere zu ersetzen. Obwohl überzeugt, dass der Tusch nicht zu meinem Vorteil ausschlagen würde, gab ich ihrem Wunsche doch gerne nach.
Nach diesem letzten, ruhigen Tage wollte ich anderen Morgens früh aufbrechen, musste aber die Leute, um die Böte zu Wasser zu lassen und das Gepäck einzuladen, stark antreiben. Bevor wir nämlich nach dem Blu-u zurückkehrten, sollte unterwegs noch manches vorgenommen werden. Am meisten interessierte uns ein Besuch, den wir einem Begräbnisplatz der Pnihing am Fuss des Liang Nanja machen wollten. Kwing Irang hatte uns schon auf der vorigen Reise hierhergeführt, weil er unser Interesse für dergleichen kannte, und wohl auch, um uns von dem Begräbnisplatz der Kajan fernzuhalten. Nun schlug er uns selbst vor, unser Essen auf der Geröllbank unterhalb des Kiham Tukar Anang am Fusse der Kalkberge zu kochen.
Zum Glück waren keine Pnihing unter uns und, ohne den Kajan viel zu sagen, bahnten Demmeni und ich uns einen Weg durch den Waldesrand und fanden denn auch den Pfad, der uns über einige Felsblöcke zur weissen Wand führte, die, soviel wir durch den Wald sehen konnten, So m hoch gerade aufstieg und dann ein überhängendes Gewölbe bildete. Im Walde rührte sich kein Blatt und die senkrecht über uns stehende Sonne warf grelle Lichter und dunkle Schlagschatten auf die wild umherliegenden Felsblöcke, die augenscheinlich von dem hohen Gewölbe einst abgestürzt waren. Während wir noch darüber in Unsicherheit waren, welchen Weg wir in diesem Chaos einschlagen sollten, erschienen zwei unserer jungen Kajan und machten uns hinter einem Felsvorsprung auf neun Särge. aus ausgehöhlten Baumstämmen aufmerksam, die zwischen dem Fuss der Wand und einem grossen Kalkblock in drei Reihen übereinander gestapelt standen. Die Särge mussten bereits alt sein, denn durch den eingesunkenen Boden des einen kam ein Schädel zum Vorschein.
Särge der Pnihing.
Einer der Kajan erstieg, um besser sehen zu können, einen höher gelegenen Punkt und winkte uns, ihm zu folgen. Wir überblickten nun den ganzen Fuss der Felswand, an der sich in langer Reihe. Gruppen von Särgen befanden, die mit den danebenstehenden Waffen und Kleidungsstücken im grellen Sonnenlicht einen unheimlichen Eindruck auf uns machten; dazu fürchteten wir uns, von Pnihing überrascht zu werden. Still begaben wir uns nach der anderen Seite der Felswand, die uns einen geeigneten Standpunkt zur Aufstellung unseres photographischen Apparates versprach. Den beiden Kajan war es ebenfalls unheimlich zu Mute, sie folgten uns aber doch stillschweigend.
Von der anderen Seite konnten wir alles gut übersehen: die Särge, welche von der überhängenden Wand vor Regen beschützt wurden, standen über und rieben einander um grosse, viereckige Kisten herum, in denen sich durch einander alle Dinge befanden, welche den Toten für das Leben im Jenseits mitgegeben werden, wie Tragkörbe, Hüte, Schilde und Waffen; daneben dienten mit der Spitze nach oben in die Erde gesteckte Speere zum Aufhängen von Kriegsmänteln und Hüten.
Die Särge waren unverziert und bestanden nur aus ausgehöhlten Baumstämmen, die mit einem Brett oder Schild lose bedeckt waren. Dagegen trugen alle Kisten mit den Gegenständen farbige Malereien, hauptsächlich Masken böser Geister; eine Kiste zeigte an einer Seitenwand ein Relief von 3 dm grossen, bunt bemalten Menschenfiguren..
Demmeni und ich fühlten uns durch dieses stille, grellbeleuchtete Schauspiel unter der hohen, weissen Wand mit dem finsteren Urwald ringsherum wie von einem Traume befangen. Während wir alles für eine Aufnahme vorbereiteten, erschien zu unserem Schreck plötzlich ein Hund vor uns, der uns sogleich eine Gesellschaft Pnihing vermuten liess. Das Tier sah so abgezehrt aus, dass es augenscheinlich bereits lange Zeit umhergeschweift war; die Kajan erzählten uns, dass die Pnihing ihre Hunde, wenn sie bissig und daher Kindern gefährlich wurden, bisweilen verstiessen. Unsere Gemütsverfassung wurde dadurch aber nicht ruhiger, daher beeilten wir uns mit der Aufnahme. Unsere Begleiter dagegen wurden so mutig, dass der eine sich bereit erklärte, einen Speer für unsere Sammlung fortzunehmen. Den Ruf eines Grabschänders wollte ich mir in dieser Gegend jedoch nicht erwerben und verbot daher den Raub.
Bei unserer Rückkehr zu den Böten fragte mich Kwing Irang, warum wir nicht einige Schädel mitgenommen hätten. Die Kajan selbst wären für eine derartige Schändung ihrer Toten im stande gewesen, uns zu töten. So bestehen zwischen diesen Stämmen stets Missgunst und der Wunsch, einander etwas Unangenehmes zuzufügen.
Inzwischen hatten die Kajan und Malaien ihr Essen gekocht und nach einer eiligen Mahlzeit bestiegen wir wieder unsere Böte und erreichten noch früh genug die Niederlassung an der Tjĕhanmündung, um noch Hühner und Früchte einzukaufen und zu sehen, ob der Häuptling sein Versprechen, uns Schwanzfedern des Rhinozerosvogels zu besorgen, gehalten hatte. Diese Federn sind nämlich bei den Kajan sehr kostbar und eigentlich auch nicht käuflich, aber die Pnihing, die so viele Jägerstämme unter und um sich haben, waren eher geneigt, sie uns abzutreten. Ich erhielt nun auch eine genügende Anzahl Federn, um die Holzmasken vom Saatfest, die ich ohne Kriegsmützen und Federn hatte kaufen müssen, mit ihnen zu schmücken.
In der Nähe der Mündung trafen wir Bier mit seinen Leuten und blieben noch so lange beisammen, bis wir zu gleicher Zeit abfahren konnten. Um nicht die Niederlassung von Bĕlarè zu übergehen, sollten wir auf Kwing Irangs Rat dort anlegen, obwohl Bĕlarè und Kaharon sich immer noch auf der Jagd am oberen Mahakam befanden.
Wir sahen zwar nur wenige Personen, aber für Kwing Irang und die Seinen war der Besuch doch von Wert, denn sie benützten die günstige Gelegenheit, um Bĕlarès Wohnung und Vorgalerie zu messen, damit sie das neue Haus Kwing Irangs, mit Rücksicht auf seine höhere Geburt, entsprechend grösser bauen konnten. Ich begriff anfangs nicht, was sie eigentlich wollten; sie nahmen eine Stange, verkürzten sie auf Armweite und massen dann sehr genau die Dimensionen der Dielen von Wohngemach und Galerie. Da in der letzten Zeit öfters davon die Rede gewesen war, dass man nach Ablauf der drückendsten Saatzeit mit dem Hausbau beginnen wollte, merkte ich, dass sie nun wirklich für ein würdiges Heim für Kwing Irang sorgen wollten. Ihre Beratungen dauerten mir aber zu lange und, da Kwing ohnehin in Long ’Kup übernachten wollte, wir dagegen nicht, über liess ich sie ihren Angelegenheiten und fuhr weiter nach dem Blu-u, wo wir, mit Erfahrungen, Ethnographica, Pflanzen und Böten bereichert, sehr befriedigt anlangten.
Einige Tage darauf erhielten wir durch die Ankunft des Malaien Hadji Umar ganz unerwartet Nachrichten von der Aussenwelt. Umar stammte vom unteren Kapuas her, hielt sich aber seit zehn Jahren als Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher am oberen Murung und oberen Mahakam auf und genoss sowohl bei seinen Landsleuten als bei den Bahau einen guten Ruf. Ich hatte gehofft, von der Unterstützung dieses Mannes, dessen gute Gesinnung der niederländischen Regierung gegenüber ich kannte und der im Jahre 1897 bei einer Begegnung in Udju Tĕpu einen günstigen Eindruck auf mich gemacht hatte, Gebrauch machen zu können. Wie wir bereits in Putus Sibau gehört hatten, befand sich aber Umar, bei unserer Ankunft am oberen Mahakam, noch an dessen Mittellauf, daher liessen wir den Assistent-Residenten von Samarinda bitten, uns Umar entgegenzusenden. Dieser hatte sich aber nur auf einen Brief des Assistent-Residenten hin nicht flussaufwärts begeben wollen, sondern war, um Näheres zu erfahren, erst nach der Mündung des Mahakam gereist und hatte auch in Tengaron, dem Sitz des Sultans von Kutei, Halt gemacht. Hierdurch erhielten wir so schnell, als überhaupt möglich war, Briefe und Pakete von der Küste. Eine grosse Freude bereitete uns auch ein Packen drei Monate alter europäischer Zeitungen, welche die “Societeit” von Samarinda uns zur Verfügung gestellt hatte. Nachdem wir unsere Neugierde befriedigt hatten, lieferten die Zeitungen noch ein ausgezeichnetes Material zum Einpacken von Vögeln, Säugetierhäuten und Ethnographica.
Von dem grössten Interesse war uns aber Hadji Umar selbst, weil er die Verhältnisse unter den Bahau am besten kannte und weil er uns über die Gesinnung der Long-Glat weiter unten am Flusse am zuverlässigsten Auskunft geben konnte.
Der Malaie zeigte sich anfangs aber nicht sehr gesprächig und zwar nicht nur uns, sondern auch Kwing Irang gegenüber, denn als dieser wie gewöhnlich abends mit den jungen Leuten die Hähne kämpfen liess und Umar ebenfalls in den Kreis trat, grüsste er den Häuptling nur von Weitem. Man hätte glauben können, dass die beiden einander nicht kannten oder dass sie sich täglich sprachen, so wenig Beachtung schenkten sie einander; dabei hatte Umar früher Jahre lang bei Kwing gewohnt und war nun lange fort gewesen, zudem wollten sich beide gewiss gern über die politische Bedeutung unserer Expedition aussprechen. Augenscheinlich hatte Umar, als er dem Häuptling abends einen offiziellen Besuch machte, mit diesem überlegt, wie er sich uns gegenüber in Zukunft verhalten sollte, denn am folgenden Morgen hatte sein Gesicht einen weniger ernsten Ausdruck, auch gab er uns im Laufe des Gesprächs eine deutliche Vorstellung von der Stimmung der Niederlassungen unterhalb der Wasserfälle. Nachdem ihm der politische Zweck unserer Reise eingeleuchtet hatte, zeigte er sich geneigt, sich gegen einen Gehalt von 50 fl. monatlich unserer Expedition anzuschliessen. Umar war mit vier Malaien heraufgekommen, wir hofften daher, auch an diesen vier an das Waldleben gewöhnten Menschen gelegentlich eine gute Stütze zu finden. Umar zog vorläufig in das Haus eines Glaubensgenossen, der mit einer kleinen Gesellschaft Mohammedaner am jenseitigen Ufer wohnte. Durch seine Friedensliebe und Gutmütigkeit hatte Kwing Irang bereits seit dem Beginn seiner Häuptlingschaft eine ganze kleine Kolonie von Malaien herangelockt, die sich aber von den Kajan stets in einigem Abstand hielten. Als der Stamm sich noch weiter oben am Blu-u aufhielt, wohnten die Malaien bereits am Mahakam unter Aufsicht eines Bandjaresen vom oberen Murung, namens Utas, der mit einer Nichte von Kwing Irang, Lirung, verheiratet war. Utas lebte teils auf Kosten seiner Frau, teils verdiente er selbst etwas durch Handel und Handwerkerarbeit, wie z.B. durch Herstellen silberner Ohrringe aus Münzen, durch Reparieren von Kupfersachen u.s.w.; ausserdem übte er das Amt eines Arztes und nötigenfalls auch eines Bahaupriesters aus. Er verbrachte seine Zeit abwechselnd bei Lirung am Mahakam und auf sogenannten Handelsreisen am Murung, wo er in Wirklichkeit bei seiner zweiten Frau und seinen Kindern lebte.
Auch jetzt noch nehmen sich die meisten Malaien für längere oder kürzere Zeit Frauen aus dem Kajanstamme. Ausser diesen einigermassen stabilen Familien befindet sich in der Kolonie stets eine grosse Menge Gäste, Händler und Buschproduktensucher, die sich hier nur vorübergehend aufhalten. Zur Zeit des Hadji Urar war der Zufluss an Fremden viel grösser gewesen, aber, seitdem die Guttaperchabäume im Tal des Blu-u ausgerodet worden waren, hatte sich die grosse Menge der Buschproduktensucher am oberen Mahakam um Temenggung Itjot geschart.
Die Niederlassung der Malaien hiess, ihrer Lage an der Mündung des Bulèng nach, Long Bulèng. Da Hadji Umar seine Familie vorläufig noch in Long Tĕpai gelassen hatte, kehrte er nach zwei Tagen dorthin zurück mit dem Versprechen, in fünf Tagen wieder zurück zu sein. Aus meinem Gespräch mit ihm merkte ich, dass die Häuptlinge am Unterlauf gern etwas Näheres über unsere Pläne hören wollten und dass es hauptsächlich für Bang Jok, der in den letzten Jahren zahlreiche Kopfjagden hatte ausführen lassen, eine grosse Beruhigung sein musste, dass wir uns mit dem, was geschehen war, nicht mehr befassen wollten.
Am selben Tage hatten wir noch Gelegenheit, den Kajan zu zeigen, wie wünschenswert unsere Gegenwart für sie war. Eine Gesellschaft Batang-Lupar aus Sĕrawak kam nämlich den Mahakam heruntergefahren mit der Absicht, die Fahrt noch weiter fortzusetzen. Eine derartige kleine Gesellschaft ist aber, wenn sie nicht einen bestimmten Zweck ihrer Reise angeben kann, stets verdächtig, insbesondere in diesem Fall, da aus Sĕrawak Gerüchte über eine drohende Kopfjagd als Strafe für einen an fünf Landsleuten am Boh verübten Mord im Umlauf waren. Der Mord war durch Punan im Auftrage von Bang Jok ausgeführt worden, der das Stehlen von Buschprodukten in seinem Gebiet mit scheelen Augen angesehen und zuletzt seine Zuflucht zu einer so scharfen Massregel genommen hatte.
Augenscheinlich hatten die Pnihing die Gesellschaft Batang-Lupar nicht aufzuhalten gewagt; da die Kajan sich auch nicht energischer zeigten, mussten wir die Sache in die Hand nehmen. Als gesellschaftlich gebildete Menschen kamen die Untertanen des Radja Brooke zu dem Kontrolleur, um ihn wegen ihrer weiteren Fahrt auf dem Flusse um seine Zustimmung zu bitten. Aber Barth verweigerte ihnen diese, weil er in einem friedlichen, in malaiischer Sprache geführten Gespräche nicht erfahren konnte, von wo die Leute herkamen und was sie am Mahakam eigentlich wollten. Zum Erstaunen der Kajan fuhren die Batang-Lupar ohne Widerspruch einfach den Fluss wieder aufwärts.
Unsere Kajanfreunde hatten sich durch dieses Begebnis wieder einmal von unserer Macht und unserem Einfluss überzeugen können, was um so erwünschter war, als unsere und der Kajan Pläne zu kollidieren drohten. Während sie sich von dem grössten Unternehmen, das in einem Stamme vorkommt, dem Bau der Häuptlingswohnung, vollständig beherrschen liessen, wollte ich noch den Batu Lĕsong besteigen und dann so schnell als möglich flussabwärts fahren, um noch die Verhältnisse bei den Long-Glat kennen zu lernen.
Am 20. Dezember fand zur Beratung verschiedener Angelegenheiten eine Zusammenkunft statt, an der nicht nur die vornehmsten Männer unserer Niederlassung, sondern auch Bang Lawing, der Häuptling der Kajan am Ikang, Teil nahmen.
Aus Mangel an Besserem musste die Galerie, an die unser Haus gebaut war, und in der Midan seine Küche eingerichtet hatte und Doris die Vögel und Säugetiere abhäutete, als Versammlungssaal dienen. Viele, denen diese Beschäftigungen noch so gut wie unbekannt waren, zeigten für das, was meine Leute vornahmen, mehr Interesse als für das, was verhandelt wurde. In der Theorie durfte sich zwar jeder frei äussern und mitstimmen, aber in Wirklichkeit waren es doch hauptsächlich die alten, angesehenen Männer, welche die Beschlüsse fassten. Da beim Hausbau hauptsächlich den Priestern, als den Kennern der Vorzeichen, Gehör geschenkt werden musste, schwiegen die anderen von selbst. Übrigens ist es bei den Kajan am Mahakam allgemein Sitte, dass bei dergleichen Versammlungen die jungen Leute zu allem, was die Alten wollen, Ja und Amen sagen. Die Versammlung dauerte trotz der Hitze in dem kleinen Raum von morgens 9 Uhr bis zum Abend, wobei stets neue Leute, die sich für die Angelegenheit interessierten, zuhören kamen und jeder tat, was er wollte. In diesem Fall war die Freiheit des Einzelnen, wegen der Enge des Raumes, in dem jeder nur einen Sitzplatz einnehmen durfte, beschränkt, so dass er nicht, wie wo anders, sein Netz weben, einen Korb flechten, eine Schnur drehen konnte. Aus diesem Grunde waren die Teilnehmer wohl auch für einen schnellen Verlauf der Beratungen, denn obwohl es sich um ernste Dinge handelte, waren die Beschlüsse abends bereits gefasst; nach einigen Tagen sollte mit dem Hausbau begonnen werden, ferner wurde bestimmt, wieviel jede Familie nach der acht an Baumaterial zu liefern hatte; meine Pläne wurden zwar besprochen, doch fand man, dass sie keine Eile hatten; die Besteigung des Batu Lesong wurde allgemein als ein zweckloses, sehr gewagtes Unternehmen aufgefasst und für unsere Reise zur Küste hatten sie wegen des Hausbaus, der den ganzen Stamm in Beschlag nahm, weder Lust noch Verständnis.
Eine weitere Angelegenheit, die sich auf den ganzen Stamm bezog, wagte man, aus Furcht, den Betreffenden zu kränken oder zu reizen, nicht öffentlich zu beraten. Es handelte sich nämlich um einen Gast des Stammes, einen Dajak aus Sĕrawak, namens Banjin, der den Dorfbewohnern immer mehr zur Last fiel.
Der Mann war von einer Gesellschaft Dajak aus Sĕrawak, die sich vor einigen Monaten eine Zeitlang am Mahakam auf hielt, zurückgeblieben und man hatte ihm, da er sich allerhand Airs zu geben verstand, selbst ein Kajanmädchen zu heiraten gestattet. Banjin, hatte sofort gemerkt, welch einen Eindruck er auf seine Umgebung machte und dass diese sich leicht einschüchtern liess. Wenigstens begann er, seine Frau schlecht zu behandeln, fremdes Eigentum zu gebrauchen, von den Leuten alles, was er nötig hatte, zu fordern, die Frauen zu belästigen, kurzum, er betrug sich so, wie es seiner wilden Laune im Augenblick passte. Damit ihm die Kajan nichts anzutun wagten, drohte er ihnen mit der Rache des Radja von Sĕrawak, so das Kwing Irang seinen Leuten riet, noch Geduld mit dem Subjekt zu üben. Da Bang Lawing vom Ikang augenblicklich anwesend war, wurde diese Staatsangelegenheit von den beiden Häuptlingen im Geheimen behandelt, denn als ich mich am folgenden Morgen in der Frühe als Arzt nach Kwing Irangs Wohnung begab, um mich nach dem Befinden einer seiner Frauen zu erkundigen, fand ich dort die beiden Häuptlinge, einige der vornehmsten Alten des Stammes und Banjin versammelt. Ich hatte Banjins Geschichte, da sie sich auf den Reisfeldern abspielte, erst vor wenigen Tagen erfahren und es interessierte mich zu sehen, was sie mit dem Individuum anfangen würden. Ich durfte der Beratung beiwohnen und setzte mich daher zu den übrigen. Der Schuldige hatte bereits bei meinem Eintritt seine hochfahrende, aggressive Haltung aufgegeben und war an die Wand gelehnt in sich zusammengesunken. Man wagte in meiner Gegenwart nicht, mit der Sache deutlich ans Licht zu kommen, und aus Banjins früherer Haltung schloss ich, dass man auch nicht energisch gegen ihn aufgetreten war. Kwing Irang wagte kaum zu erwähnen, welch eine Angst und Unruhe dieser junge Taugenichts bei seinem Schwiegervater anstiftete, und sprach noch von einem Vergleich, obgleich sich der ganze Stamm nach der Abfahrt dieses Gastes sehnte.
Trotz der offenbaren Verlegenheit des Schuldigen hatte Kwing nicht den Mut, ihm zu sagen, dass er sich entfernen müsse. Daher mischte ich mich in die Angelegenheit und erklärte dem Manne kurz und bündig, dass er, als eine Plage des ganzen Stammes, sich mit der ersten Gelegenheit zu den Pnihing und von dort weiter nach Sĕrawak zu begeben habe. Der Mann wagte mit keinem Wort zu widersprechen und da machte Kwing Irang den Vorschlag, dass er, bis sich eine Reisegelegenheit für ihn finde, bei den Familien seiner Sklaven auf dem Reisfelde wohnen sollte. Der Verstossene verschwand sogleich und mit ihm auch der Druck, der auf den Angesehensten des Stammes gelastet hatte. Abends führten drei Männer Banjin in einem Boot nach dem Reisfeld, wo sich die Menschen seiner Drohungen wegen sehr vor ihm fürchteten. Die Männer baten mich daher dringend um Erlaubnis, den Mann binden und sich wehren zu dürfen, falls er auf Frauen und Kinder einen Anschlag machen sollte. Dagegen hatte ich natürlich nichts einzuwenden. Infolgedessen hielten zwei Männer die Nacht über bei Banjin Wacht, der sich übrigens eines friedlichen Schlummers erfreute.
Noch am gleichen Tage bot sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, um den lästigen Gesellen los zu werden. Es erschien nämlich die energische Hinan Lirung vom Howong und stellte nochmals an meinen und der Kajan Reisvorrat ihre Ansprüche. Sie war schon früher einmal mit einigen Männern bei mir erschienen und hatte das Salz gebracht, das ich nach dem Zug über die Wasserscheide im Walde hatte zurücklassen müssen, und war dann mit ihrem Lohn an Reis, Salz und Zeug reich beladen zurückgekehrt. Nun kam sie zum zweiten Mal unter dein Vorwand, dass sie oben keinen Reis mehr habe.
Die Sorge für ihre Stammesgenossen war mit Recht ihr anvertraut, denn, während ihr Mann Amun Lirung den Ruf eines Schwätzers besass, fürchtete man sich vor Hinan Lirung. Auch Kwing Irang kam ihr mit wenig Sympathie entgegen, dessenungeachtet gelang es ihr bereits abends, auf Schuld und für eine kleine Menge schwarzen Kattuns, den sie von mir erhalten hatte, eine grosse Menge Reis von ihm zu erpressen. Auch bot sich mir nochmals Gelegenheit, mich von der Unerschrockenheit und Gewandtheit meiner kleinen, untersetzen Freundin zu überzeugen. Sie erzählte mir nämlich, dass sie selbst am oberen Howong einige Batang-Lupar, die bei den Bukat Buschprodukte sammelten, aufgesucht und, wie wir es ihr das vorige Mal aufgetragen, über die Grenze zurückgeschickt hatte. Somit hatte sie sich als würdige Mutter ihrer Tochter Lirung gezeigt, die in ihrer Liebesgeschichte gegen Si Hebar mit so vieler Energie aufgetreten war. Hinan Lirung erwarb sich nun ein zweites Verdienst, indem sie auch den Banjin gern expedieren wollte. Sie hatte für den Mann sogar schon eine weitere Reisegelegenheit gefunden, nämlich die Batang-Lupar, die wir weggeschickt hatten und die sich noch immer bei den Pnihing am Howong aufhielten. Hinan hatte nun zwar für ihre Heldenhaftigkeit eine Belohnung verdient, doch stellte sie immerhin durch ihre energischen Anfälle auf unseren Reis und unsere Tauschartikel an unsere Widerstandskraft allzu grosse Anforderungen. Selbst die Behauptung der jungen Kajan, dass die alte Frau aus persönlicher Sympathie zu mir so häufig angefahren kam, erleichterte mir nicht die Anstrengung, die sie mir verursachte. In unserer schwachen, indolenten Umgebung bot Lirungs ausgesprochene Persönlichkeit jedoch eine Abwechslung und, als wir abends nicht allzu grosse Mengen Reis, Zeug, Perlen und Salz in ihrem Boote verschwinden sahen, drückten wir ihr zum Abschied herzlich die Hand und legten ihr die Sorge für Banjin und die anderen Batang-Lupar nochmals ans Herz. Wahrscheinlich expedierte sie später die Gesellschaft persönlich weiter, wenigstens hörten wir nichts mehr von ihnen.