Kapitel XV.
Verhältnisse bei den Mahakam Kajan.—Zeitrechnung—Beschäftigungen während der Verbotszeit—Besteigung des Batu Mili—Saatfest—Maskenspiel—Kreiselspiel—Abschied von Adam Igau und Jung—Fahrt zum Mĕrasè—Tod des Häuptlings Bo Li—Begegnung mit malaiischen Rebellen—Beginn mit der Mahakamaufnahme—Zweite Besteigung des Batu Mili—Sage vom Batu Mili—Hahnenkämpfe.
Der Stamm der Kajan befand sich bei unserer Ankunft in einer Übergangsperiode. Nach der letzten günstigen Ernte im Frühling waren zwar die meisten Familien, die seit dem Niederbrennen ihres langen Hauses, 13 Jahre lang, zerstreut auf ihren Reisfeldern gewohnt hatten, an die Mündung des Blu-u gezogen, aber der Hausbau schritt doch nur sehr langsam vorwärts; auch waren viele Familien durch die jahrelange Trennung einander völlig entfremdet und so scheu geworden, dass sie es nicht wagten, mit den eigenen Stammesgenossen am Blu-u zusammenzuziehen. Aus Besorgnis, dass diese Entfremdung den Stammverband und somit die innere Macht des Stammes lockern könnte, wünschte Kwing Irang, dass sich alle Familien baldmöglichst in der neuen Niederlassung vereinigten.
Die Familien der Sklaven zur Rückkehr zu bewegen, war für den Häuptling eine besonders schwierige Aufgabe; denn diese hatten in oft weit entlegenen Flusstälern jahrelang die grösste Freiheit genossen und fürchteten nun mit Recht, dass sie nach ihrer Rückkehr zum Stamme gezwungen sein würden, mehr für den Häuptling zu arbeiten. Nur 10 Sklavenfamilien hatte Kwing Irang, dem wenigstens 150 dipe̥n gehörten, bei sich zurückbehalten und einige andere bebauten unter Aufsicht einer ihm befreundeten, freien Kajanfamilie seine weiter abgelegenen Felder.
Steine zur Bestimmung des Sonnestandes während der Saatzeit.
Die gute Ernte, der sich die Kajan in diesem Jahre erfreuten, spürte ich sogleich an der Schnelligkeit, mit der sich die vom Häuptling geliehenen grossen Fässer aus Baumrinde mit gewöhnlichem Reis und Klebreis füllten. Der reichen Ernte wegen hatte der Stamm auch noch nicht mit Säen begonnen, obgleich es bereits Oktober war. Bei meiner Ankunft 1896 hatte man bereits Anfang September gesät; damals war aber eine Missernte vorangegangen, auch wurden diesmal viele durch den Umzug an der Feldarbeit verhindert.
Die meisten Familien legten in diesem Jahre, des Überflusses an Reis und des Häuserbaues wegen, nur kleine Reisfelder an.
Der offizielle Saattag fiel diesmal, wie auch sonst öfters, nicht mit dem wirklichen Saattag zusammen. Den ersteren bestimmt der alte Priester Bo Jok, nach dem Stand der Sonne, indem er neben dem Hause zwei längliche Steine, einen grösseren und einen kleineren, aufrichtet und dann den Zeitpunkt beobachtet, in dem die Sonne in der Verlängerung der Verbindungslinie dieser beiden Steine hinter den gegenüberliegenden Hügeln untergeht. Der Saattag ist der einzige, den Bo Jok auf astronomischem Wege bestimmt. Im übrigen ist die Zeitrechnung bei den Kajan eine mehr oder weniger willkürliche und vom Ackerbau abhängige (Siehe [Kap. VIII]).
Der Monat oder, wie sie sagen, der Mond (bulăn) spielt bei den Kajan eine grössere Rolle als das Jahr (dumān), von dem kaum jemand recht weiss, aus wievielen Monden es besteht. Für gewöhnlich rechnen sie ein bis zwei Monde auf die Saat, 5 Monde auf die Zeit, die der Reis zum Reifen nötig hat, zwei bis drei Monde auf die Ernte und drei Monde bis zur folgenden Saat.
Die verschiedenen Monde besitzen bei den Bahau keine besonderen Namen.
Bei den Mendalam Kajan besitzen die verschiedenen Tage in der Zeit des sichtbaren Mondes folgende Namen in der Busang Sprache: njinā (sehen) dang (genügend); matan (Auge) dang; lĕkurdang; butit (Bauch) halab (Tetradon, ein Kofferfisch) ok (klein); butit halab aja (gross); kĕlĕong (Körper) paja ok; kĕlĕong paja aja; bĕliling (Rand) dija und kamat (voller Mond). Die folgenden Tage tragen die gleichen Namen, aber in umgekehrter Reihenfolge und mit der Hinzufügung von uli = nach Hause gehen. Die Tage des unsichtbaren Mondes werden nicht bezeichnet.
Die verschiedenen Tageszeiten heissen im Busang der Mendalam Kajan: dow (Tag) bĕkang (offen, gespalten), um 6 Uhr morgens; dow njirang (scheinen) mahing (kräftig), um 9 Uhr ungefähr; dow nĕgrang (aufrecht) marong (wirklich), um 12 Uhr; dow njaja (gross), um 4 Uhr; dow lĕbi (klein), um 6 Uhr abends.
Die Mahakam Kajan besitzen für die Tageszeiten andere Bezeichnungen: bĕluwa (halb) dow, um 12 Uhr mittags; dow uli (von der Feldarbeit heimkehren), ungefähr 4 Uhr; tiling (ein Heimchen, das sich nur bei Sonnenuntergang hören lässt) duan (tönen), um 6 Uhr.
Während die übrigen Stämme mit den Saatfesten und Verbotszeiten bereits begonnen hatten, trafen die Kajan erst ihre Vorbereitungen. Am 13. Oktober liess auch Kwing Irang endlich für seinen Stamm die Verbotszeit eintreten, die auch für uns eine Zeit grosser und sehr erwünschter Ruhe wurde, denn weitaus die meisten arbeitsfähigen Familienglieder zogen bereits morgens früh nach ihren Reisfeldern, um dort die erforderlichen Zeremonien zu verrichten und mit dem Säen zu beginnen. Da die Bahau bei dieser Gelegenheit intim mit ihren Geistern verkehren und die Gegenwart der schreckenerregenden Fremden hierbei von nachteiligem Einfluss ist, überwand ich, um mit allen Leuten auf gutem Fuss zu stehen, meine Neugier und blieb mit den Meinen ruhig zu Hause. Übrigens hatte ich ja auch schon am Mendalam das Saatfest miterlebt. Die Verbotszeit erstreckte sich auch auf uns, und so genossen wir, da ausser Kajan niemand zur Niederlassung Zutritt hatte, auch von aussen her der Ruhe.
Als Tigang mit den Seinen bereits am 16. Oktober bei uns eintraf, durfte er unser Dorf nicht betreten. Er hatte den Mĕrasè hinauffahren wollen, um die Ma-Suling zu besuchen, hatte aber seinen Plan aufgeben müssen, da bei diesen am Tage zuvor die Verbotszeit eingetreten war.
Die Ma-Suling vom Mendalam waren dort noch rechtzeitig, zwei Tage zuvor, angekommen, durften nun aber vor Ablauf des lāli nugal nicht von dort weg. Tigang hatte auch die Niederlassung Lulu Njiwung wegen des lāli gesperrt gefunden und war dann flussabwärts bis nach Long Tĕpai gefahren, wo er Reis für seine Rückreise hatte einkaufen können. Er hatte die Absicht, bei Bĕlarè einen günstigen Wasserstand abzuwarten und dann schnell nach dem Mendalam zurückzukehren; daher beendeten wir eiligst unsere Briefe und Berichte für die Aussenwelt und reichten sie ihm unter Kwing Irangs Zustimmung in sein Boot. Reis, Tabak und andere Dinge durften wir ihm jedoch nicht mitgeben.
Glücklicher Weise war es meinen Jägern und Pflanzensuchern, falls sie nicht die Nacht fortblieben, gestattet, täglich in der Umgegend umherzuschweifen. Abends waren wir wohl ein bis zwei Stunden damit beschäftigt, den Kajan die vom Felde mitgebrachten Insekten und anderen Tiere abzukaufen; Demmeni und zwei der geschicktesten Malaien, Murchar und Abdul, übernahmen die Verpackung der Tiere. Gleichzeitig suchte Demmeni auch den Schaden, den die photographischen Apparate während der Reise durch Feuchtigkeit erlitten hatten, wieder gut zu machen, was ihm auch, dank der praktischen Ausrüstung an Werkzeugen aller Art, die er mitgenommen hatte, glückte.
Der Kontrolleur, der bisher jeden Tag Adjāng, Akam Igaus Sohn, unterrichtet und gleichzeitig auch von ihm gelernt hatte, gab sich alle Mühe, diese Quelle des Busang noch nach Möglichkeit auszunützen; denn so gern wir diesen allgemein beliebten Reisegesellen auch bei uns behalten hätten, mussten wir ihn jetzt doch mit seinem Vater, der sich zu den Kĕnja am Tawang begab, weiter ziehen lassen, da Akam Igau aus Furcht vor seiner Tochter Tipong nicht wagte, Adjāng zurückzulassen, obgleich dieser selbst gern bei uns geblieben wäre.
Inzwischen überlegte ich mit Bier, was mit Rücksicht auf die Überzeugungen unserer Gastherren im Augenblick für die Aufnahme des Mahakamgebietes getan werden konnte. Ein systematisches Zuwerkegehen, wie in einem Lande, in dem man sich jederzeit frei bewegen kann, war hier unmöglich. Am wünschenswertesten wäre es gewesen, mit der Messung des Mahakam vom Howong an zu beginnen, aber in dieser Zeit des lāli nugal durften wir nicht von Hause fort, ich musste sogar 6 Tage warten, bevor ich Bier von einem hoch gelegenen Reisfelde aus eine Übersicht über die Umgegend geben durfte. Die Reisfelder liegen hier nämlich nicht, wie in dem flachen Lande am Mendalam, tief, sondern an den Abhängen oder auf den Gipfeln der Hügelreihen, welche die Kajan zu diesem Zweck entwaldet haben. Da sich die Felder oft bis 200 m oberhalb des Mahakam befinden, bieten sie prachtvolle Aussichtspunkte auf die mit dichtem Walde bedeckte Umgebung.
Ein viel verlockenderer Aussichtspunkt lag jedoch gegenüber, am anderen Ufer des Mahakam, nämlich ein ganz freistehender, oben beinahe kahler, 800 m hoher Andesitkegel, der Batu Mili, der ein prachtvolles Panorama des oberen Mahakamgebietes liefern und daher auch für unseren weiteren Plan der Aufnahme von grösster Wichtigkeit sein musste. Dieses ins Auge fallende Ungeheuer, das seinen 100 m hohen zylinderförmigen Gipfel so unheilverkündend grau aus dem mit dunkelgrünem Urwald bedeckten Kegel erhob, hatte natürlich auf die Gemüter der Kajan tiefen Eindruck gemacht.
Über den Ursprung des Batu Mili und über seine Rolle als Wohnplatz vieler Donnergeister bestehen zahlreiche Erzählungen und sowohl sein Gipfel als auch die Wälder auf seinen Abhängen flössen Schrecken ein; selbst die am anderen Ufer oberhalb am Fluss wohnenden Malaien vermeiden den Berg. Nur in grosser Entfernung darf man Wald zur Anlage von Reisfeldern fällen und dem in diesen unberührten Wäldern zahlreichen Wild Fallen stellen.
Der Batu Mili bei Long Blu-u.
Die Angst der Kajan vor dem Batu Mili erscheint um so unverständlicher, als sie sehr wohl wissen, dass ein Mann einst einen Monat lang unbeschadet auf seinem Gipfel zugebracht hat. Wie mir nämlich Lirung, Kwing Irangs Nichte, erzählte, hatte in ihrer Jugend, vor zwanzig Jahren, in dem damals weiter oben gelegenen Hause ihres Vaters ein Mann gewohnt, für den das Leben nach dem Tode seiner Frau keinen Reiz mehr hatte. Um mit der geliebten Gattin in Apu Ke̥siọ bald wieder vereinigt zu werden, beschloss der Mann, sich das Leben zu nehmen. Er hielt es jedoch für des Gedächtnisses seiner Frau unwürdig, sich auf die übliche Weise, durch Ertränken, Halsabschneiden oder Pfeilgiftessen umzubringen, und bestieg daher den Batu Mili, in der Hoffnung, von den auf dem Gipfel hausenden Geistern getötet zu werden. Länge hörte man nichts von dem Manne, bis er eines Tages entsetzlich abgemagert, sonst aber unversehrt, zurückkehrte—die Geister hatten ihn nicht töten wollen. Er lebte noch mehrere Jahre im Stamme, heiratete aber nicht wieder. Einige meiner Leute hatten ihn noch gekannt.
In der letzten Zeit, wo die Kajan in nächster Nähe ihres Dorfes nach Grundstücken suchten, hatten sich einzelne doch viel näher an den gefürchteten Berg herangewagt als früher. So hatte einer der angesehensten Männer des Stammes, Bo Kwai, dessen Sohn Maring uns bei unserem vorigen Besuch oft als Führer gedient hatte, sogar auf dem westlichen Rücken des Batu Mili sein Reisfeld anzulegen gewagt. Nach diesem hochgelegenen Punkte wollte ich Bier zur Orientierung führen, zugleich aber auch versuchen, längs dieses Rückens, der, nach den Gipfeln der Bäume zu urteilen, am höchsten auf die nach allen anderen Seiten senkrecht abfallende Spitze hinaufführte, zu einem noch günstigeren Aussichtspunkte zu gelangen. Kwing Irang schüttelte das Haupt und erklärte bestimmt, dass wenigstens der Gipfel des Berges nicht zu besteigen sei. Keiner der Kajan wollte uns weiter als bis zum Reisfeld des Bo Kwai führen und auch dahin wollten nur zwei mit; die anderen fürchteten, dass man sie am Ende doch noch zwingen würde, in diese schreckenerregenden Wälder einzudringen. Meine eigenen Leute waren, als Fremde in dieser Gegend, weniger bang vor den Geistern des Batu Mili und drei der besten, der Korporal Suka, der dajakisches Blut mit malaiischer Energie vereinigte, und zwei Pinau Malaien erklärten sich zum Mitgehen bereit. Unter dem fremden Gesindel, das sich am Mahakam auf hielt, befand sich auch der bereits erwähnte Chinese Mi-Au-Tong, der wegen Schulden aus Pontianak erst nach Sintang, dann an den oberen Kapuas und schliesslich an den oberen Mahakam geflüchtet war; da der Mann die Umgegend kannte und auf einen guten Taglohn erpicht war, nahm ich ihn mit.
Am Morgen des 22. Oktober machten wir uns auf den Weg. Über die neu angelegten Reisfelder am Fusse des Berges gelangten wir an einen bewaldeten Abhang, den wir hinaufstiegen, bis wir endlich nach einigen Stunden auf 650 m Höhe vor einer senkrechten Felswand standen, die ein Erklimmen des Gipfels unmöglich zu machen schien. Die Vegetation kam uns aber auch diesmal zu Hilfe, denn die Malaien entdeckten bald hinter ein paar Felsblöcken eine 2–3 m breite Felsspalte, an welcher einige mächtige Lianen wie dicke Kabel herabhingen und eine vorzügliche Gelegenheit zum Klettern boten. Meine barfüssigen Begleiter kletterten denn auch sogleich an den Lianen hinauf und schwangen sich dann auf eine durch Baumwurzeln zusammengehaltene Felsmasse an der rechten Seite der Spalte. Von dort aus fanden sie augenscheinlich eine Möglichkeit zum Weiterkommen; denn ihre Stimmen verklangen mehr und mehr. Da ich mit meinen beschuhten Füssen das Kletterkunststück meiner Leute nicht nachmachen konnte, rief ich sie mit meiner Pfeife zurück, um ein Mittel zu ersinnen, das auch mich über die Felswand brächte. Dünne, gerade Stämmchen und Rotang, um sie zu verbinden, waren in nächster Nähe im Überfluss vorhanden; so war denn bald eine Art Leiter hergestellt, auf der ich unter Zurücklassung meines Hundes und Stockes gut folgen konnte. Der Hund erhob allerdings ein Jammergeheul, das erst endete, als ich mich später wohlbehalten wieder bei ihm einfand.
Weiter oben ging es an einer Seitenwand des Rückens hinauf, wobei wir die Hände mindestens ebensoviel als die Füsse gebrauchten. Zwischen Gestrüpp hindurch führten mich meine Begleiter über moosbedeckte Wurzeln den Abhang aufwärts, der ohne diese gänzlich unzugänglich gewesen wäre. Vor und hinter mir achtete je ein Malaie darauf, dass die Wurzeln, denen ich mein Gewicht anvertraute, auch stark genug waren und dass ich meinen Fuss nicht auf Moos setzte, das von unten nicht genügend gestützt war oder auf einem verfaulten Baumstamm lag. So kamen wir langsam aber doch stetig vorwärts und, nachdem wir noch einen Punkt passiert hatten, von dem aus ich auf Anraten des Chinesen nicht nach rechts blicken durfte, wurde der Rücken weiter oben gangbarer, da wir einem augenscheinlich durch Tiere unterhaltenen Pfade folgen konnten. Wir mussten ihn zwar kriechend zurücklegen, standen aber bald vor der nackten Felswand dicht unter dem Gipfel. Ein Spalt in der Mauer und einige Unregelmässigkeiten im Gestein genügten, um meine Leute bei 70° Steigung über die 20 m hohe Wand zu bringen, und, da sie der Meinung waren, dass ich, einmal so weit gekommen, nun auch die Spitze besteigen müsste, entledigte ich mich meines Schuhwerks und langte mit einiger Hilfe ebenfalls oben an.
Nachdem wir die herrliche Aussicht über die weite Waldlandschaft genossen hatten, beeilten wir uns, auf dem gleichen Wege wieder nach Hause zu gelangen, und kamen in der Tat glücklich, wenn auch sehr ermüdet, heim.
Das Erstaunen der Kajan über das unerwartete Gelingen unseres Unternehmens war gross; sie hatten von unserer Anwesenheit auf dem Gipfel aber nichts gemerkt und auch unsere Schüsse nicht gehört, so dass ein an einen Stock gebundenes Stück weissen Kattuns, das wir oben als Signal zurückgelassen hatten, unserer Erzählung als Beweis dienen musste.
In Anbetracht, dass wir auf dem Gipfel für Beobachtungen keine Zeit gehabt hatten und Bier auch nicht dabei gewesen war, nahm ich mir vor, bald wieder dorthin zurückzukehren. Kwing Irang, von Natur unternehmend, aber durch seine Umgebung und seinen Aberglauben eingeschüchtert, erklärte sich jetzt sogleich bereit, mich zu begleiten. Darauf meldeten sich auch einige zwanzig junge Kajan als Begleiter auf den bisher so gefürchteten Berg an; doch musste die zweite Besteigung bis nach Ablauf der Verbotszeit und der drückendsten Arbeit während der Saatzeit verschoben werden.
In allgemeinen gelten am Mahakam für die Verbotszeit die gleichen religiösen Vorschriften wie am Mendalam, doch machen sich Verschiedenheiten in der Auffassung der adat geltend. Die Saatzeit zerfällt in drei neuntägige Perioden, von denen jede, nach Rechnung der Kajan, aus einem Opfertag und acht Nächten besteht.
Am ersten Tage der ersten Saatperiode begiebt sich der Häuptling mit den Seinigen und vielen anderen Familien auf das Reisfeld, um den Geistern zu opfern (murang). Da die Geister am Geruch merken können, wer sich am Opfer (kurang) beteiligt hat, werden auch die sehr kleinen Kinder mitgenommen, damit auch diese das Opfer berühren. Bei dieser Art des Opfers wird zweimal im Laufe des Vormittags eine Mahlzeit gehalten. Darauf müssen die Kajan acht Tage me̥lo̱.
Am ersten Tage der zweiten Periode findet das Maskenspiel statt.
Am zweiten Tage beginnt man das grosse Feld des Häuptlings zu besäen, eine Arbeit, an der sich Vertreter sämtlicher Familien sowohl der Freien als der Sklaven beteiligen. Am gleichen Tage opfern die Familien der Freien auf ihren eigenen Feldern, worauf sie an den Tagen zu säen beginnen, die sich für sie in dieser Periode als günstig erwiesen haben. Gewisse Tage sind nämlich nur für gewisse Familien günstig; der Häuptling darf nur am 1ten, 3ten und 7ten Tage säen, andere Familien haben wieder andere Saattage. Die Tage, an denen nicht gesät werden darf, leiten sich von Todes- oder grossen Unglücksfällen oder besonderen Missernten her. Alle diese Bestimmungen gelten nicht nur für diese zweite neuntägige Periode, sondern auch für die dritte, ebenfalls neuntägige Saatperiode. Während der zweiten Periode darf aber nur an sechs Tagen gesät werden, der achte und neunte sind Ruhetage.
Am folgenden Tag beginnt die dritte Periode mit Maskenspiel und verläuft in gleicher Weise.
Haben am zweiten Tage der dritten Periode Freie und Sklaven wieder für den Häuptling gesät, so dürfen letztere mit dem Besäen der eigenen Felder beginnen; sie opfern jedoch nicht selbständig, sondern mit dein Häuptling gemeinsam.
Das grosse Reisfeld des Häuptlings wird lumā ajọ genannt.
Jede Kajanfamilie richtet am zweiten Tage der ersten Periode auf ihrem Felde ein Opfergerüst (pe̥lāle̱) auf, mit dem die Säer während des Säens in Verbindung bleiben müssen; daher ist es Fremden verboten, zwischen diesen und dem pe̥lāle̱ hindurchzugehen; auch dürfen die Kajan sich auf dem Felde nicht mit Fremden abgeben, vor allein nicht mit ihnen sprechen. Ist dies zufällig doch geschehen, so hört man an diesem Tage mit dem Säen auf.
Die erste neuntägige Periode bildet die eigentliche Verbotszeit, während welcher kein Fremder die Niederlassung betreten und kein Dorfbewohner die Nacht ausserhalb des Hauses verbringen darf. Ferner dürfen die Kajan nicht jagen, Früchte pflücken und mit dem Wurfnetz (djala) oder Schöpfnetz (hiko̤̱p) fischen gehen. Im Gegensatz zu der adat der Mendalam Kajan dürfen die Mahakam Kajan in dieser Zeit Blut vergiessen, indem sie Schweine und Hühner schlachten, auch ist Angeln (niese) erlaubt und menstruierenden Frauen gestattet, das Reisfeld zu betreten. Dagegen dürfen die Frauen in dieser Periode einige Arten Fische nicht essen. Auch ist es bei ihnen lāli, nach Anfang der Saat zeit die Felder durch Fällen von Wald noch zu vergrössern, und erst, nachdem vier Tage der zweiten Periode verlaufen sind, darf das kleine, übriggebliebene Holz auf dem Felde verbrannt werden.
Hudo̱ Kajo̱, als Geister verkleidete Männer.
In den letzten Tagen vor der Maskerade haben besonders die jungen Leute vollauf mit den Vorbereitungen zu tun. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Maskenspiels lässt sich nur noch an dem Geistertanz, den die jungen Männer aufführen, erkennen. Das Spiel wurde, wahrscheinlich weil der Stamm nun zum ersten Mal wieder beisammen wohnte und als Ganzes das Fest feierte, gerade jetzt vollständig aufgeführt, was bei meinem vorigen Aufenthalt und auch im folgenden Jahr nicht mehr der Fall war.
Ihrer Überzeugung gemäss, dass die Geister mächtiger sind als die Menschen, nehmen die Kajan an, dass, wenn sie die Gestalt der Geister nachahmen und deren Rollen erfüllen, sie auch Übermenschliches zu leisten vermögen. Gleichwie ihre Geister also die Seelen der Menschen zurückzuholen im stande sind, glauben diese, auch die Seelen des Reises zu sich heranlocken zu können. Zu diesem Zwecke handhabt die Hauptperson beim Maskenspiel einen langen, hölzernen Haken (krawit bruwa), dessen Schaft teilweise zu langen, feinen Spänen zerschnitten und mit diesen verziert ist (Siehe Taf.: hudo̱ kājo̱). Die Darsteller treten in einem bestimmten Augenblick hinter einander in eine Reihe und reichen einander hinter der Hauptperson, die voranschreitend den langen Haken in die Höhe hebt, die Hand. Hierauf macht der Vordermann, und mit diesem zugleich auch die ganze Reihe, eine Bewegung, als wolle er mit dem langen Haken etwas zu sich heranholen, nämlich die Seelen des Reises, die sich bisweilen zum Kapuas und Barito verirren.
Holzmasken.
Wie wichtig die Bahau es finden, dass sich die Reisseelen stets in ihrer Nähe aufhalten, ersieht man daraus, dass Bĕlarè die Missernten der letzten Jahre dem Umstande zuschrieb, dass beim Verbrennen seines Hauses durch die Batang-Lupar auch die Reisseelen vertrieben worden waren. Da Geister nach Auffassung der Kajan nicht sprechen können, dürfen auch deren Darsteller kein Wort äussern, da sie sonst Gefahr laufen, tot niederzufallen.
Entsprechend ihrer Vorstellung, dass die mächtigen Geister mit allem, was ihnen selbst schreckenerregend vorkommt, ausgestattet sind, verwandeln sich die jungen Männer in stark behaarte Wesen mit grossen Augen, riesigen Hauern und grossen, mit den Eckzähnen der Panther verzierten Ohren. Eine mit den schönen Schwanzfedern des Rhinozerosvogels geschmückte Kriegsmütze und ein Schwert vervollständigen das Kostüm.
Um die starke Behaarung nachzuahmen, werden grosse Bananenblätter seitlich ausgefranst und mit dem Hauptnerv um den ganzen Körper gewickelt, der auf diese Weise in eine unförmliche grüne Masse verwandelt wird.
Mehr Mühe kostet die Herstellung der grossen Masken aus leichtem, weissem Holz (hudo̱ kājo̱), die besonders bei den Kajan und Long-Glat sehr kunstgemäss und sorgfältig geschnitzt werden. Gewöhnlich stellt jeder junge Mann seine eigene Maske her, aber einige besonders Geschickte legen bisweilen an die der anderen die letzte Hand an. Obwohl die Linien und Flächen der Masken sehr grotesk sind, werden sie doch stets deutlich und symmetrisch ausgeführt; auch die später angebrachte Malerei zeugt von dem Farbensinn, der diesen Stämmen eigen ist. Das Gesicht besteht aus einem einzigen Stück, nur der Unterkiefer wird gesondert angebracht, um ihn während des Tanzes klappernd bewegen zu können. Sowohl im Ober- als im Unterkiefer werden die grossen Hauer mittelst hölzerner Stifte befestigt. Wenn möglich, stellt man die Augen durch Deckel von Spiegeldosen, sonst aber durch Deckel der runden, kupfernen Beteldosen dar.
Die grossen, oft schön geschnitzten Ohren bestehen aus Scheiben, in denen oben künstliche Pantherzähne stecken, während unten, an langen Bändern, welche die ausgereckten Ohrläppchen vorstellen, Ohrgehänge hängen. Die Ohrverzierungen werden nach den veralteten Modellen, die jetzt nur noch als Antiquitäten aufbewahrt werden, verfertigt. Als Bart benützt man, wenn möglich, das aus Celebes eingeführte weisse Ziegenhaar (bok kading), das bei den Bahau als Verzierung für Schwerter und Schwertscheiden sehr beliebt ist. Diejenigen, die Ziegenhaar nicht erschwingen können, begnügen sich mit einem Bart aus den weissen Fasern der Ananasblätter, aus denen auch Zeuge hergestellt werden. An der Maske werden Nasenlöcher oder Öffnungen zwischen Nase und Augen angebracht, die dem Darsteller das Hindurchsehen gestatten.
Landung der Geistermasken.
Werden bei besonderen Gelegenheiten, die Tänze von Priestern aufgeführt, so benützen sie lange, weisse Späne von Fruchtbaumholz, um die Haare darzustellen.
Die Verkleidung fand auf einer weiter oben im Mahakam gelegenen Geröllbank statt, nachdem alle in Ruhe ihr Mahl beendet und die letzten Vorbereitungen für die Maskerade getroffen hatten. In einigen langen Böten, von kleinen Knaben gerudert, kamen die sehr wild aussehenden Gestalten flussabwärts bis zur Landungsstelle gefahren, wo andere Männer damit beschäftigt waren, nach dem Bad ihre schönsten und längsten Lendentücher um die Hüften zu schlingen. Ebensowenig wie die Bahau für sich selbst einen guten Bade- oder Anlegeplatz am Ufer freihalten, indem sie etwa in den Fluss gestürzte Baumstämme aufräumen, hatten sie jetzt für die Landung der Geister, die ihnen zu einer guten Ernte verhelfen sollten, irgend welche Vorbereitungen getroffen. So landete denn die phantastische Gesellschaft zwischen halb verfaulten Baumstämmen und den Erdmassen, die bei dem niedrigen Wasserstand zum Vorschein kamen.
Schweigend bestiegen die Geister das hohe Ufer und begaben sich sogleich auf den freien Platz, der sich zwischen der provisorischen Wohnung des Häuptlings und der unsrigen befand. Hier wurden sie von einer zahlreichen Menge erwartet, die ihre schönsten, mit Stickereien und Figuren verzierten Kleidungsstücke angelegt hatte. Viele Kinder und junge Frauen prunkten auch noch mit schön gearbeiteten Mützen, Armbändern und Halsketten. Ich hatte jetzt Gelegenheit, alles Schöne, was der Stamm an Perlenarbeiten und Stickereien besass, kennen zu lernen; für gewöhnlich werden diese Herrlichkeiten verborgen gehalten.
Um alles besser beobachten zu können, begab ich mich zu Kwing Irang, den ich in seiner Reisscheune mitten unter allen Körben mit Kampfhähnen hockend antraf. Von hier aus, nicht allzu hoch über dem Erdboden, konnten wir den Tanz gut beobachten.
Tanz der Geistermasken.
In einem bestimmten, auf dem Gong angegebenen Rhythmus, von dem, bei Gefahr eines Unglückes für die Teilnehmer, nicht abgewichen werden durfte, stellten sich die grünen Massen in brennender Mittagssonne in einen Kreis und führten unter begleitenden Armbewegungen und Schütteln und Drehen des Hauptes allerhand Schritte aus. Gegen 12 Uhr kamen noch einige verkleidete junge Leute von dem Flüsschen Ikang, um die Zahl der Geister zu verstärken, so dass ihrer dieses Jahr 23 waren. Nachdem sie eine gute halbe Stunde getanzt hatten, wobei ihnen ihre kühle Bedeckung in der Hitze sicher gut zu statten kam, stellten sich alle hinter einander, um die bruwa parei (Seele des Reises) aus fernen Gegenden zu sich zu holen.
Bald darauf begannen die hudo̱ kājo̱ (Verkleidete mit Holzmasken) doch zu ermüden und der Anführer begab sich mit seinem krawit bruwa voran in den Versammlungssaal, der die Menschenmenge kaum zu fassen vermochte. Daher wurde die Kinderschar entfernt und für die grünen Geister in der Mitte ein freier Raum geschaffen, worauf sich die unförmlichen, mit grotesken Masken gekrönten Grashaufen am Boden niederliessen und, nach den Bewegungen der Blätter zu urteilen, auf sehr menschliche Weise nach Luft zu schnappen begannen. Einer der Vermummten hielt es hinter seiner Maske nicht aus und legte sie ab, um zu trinken. Da verliess Kwing Irang seine krähende Gesellschaft und begab sich ebenfalls in den Saal, wo er sich zwischen einigen der ältesten vornehmen Männer niederliess und auch mir einen Platz anbot.
Wahrscheinlich hatte man diesen Augenblick erwartet, denn plötzlich wurde alles still und Kwing Irang benützte die Gelegenheit, um durch den Mund eines der Ältesten den Masken und durch diese dem ganzen Stamme öffentlich zu verkünden, dass wir Weissen wiederum gekommen waren, um längere Zeit unter ihnen zu wohnen, dass wir nichts Böses im Schilde führten und er daher von allen erwartete, dass sie uns helfen und nie hindern würden. Ein gutmütiges Gebrumm oder Gebrüll stieg aus den grünen Haufen hervor und die Masken gaben durch sprechende Kopfbewegungen ihr Einverständnis zu erkennen, das auf uns eine sehr beruhigende Wirkung ausübte.
Dieser feierliche Austausch der Gedanken und Gefühle wurde durch das Gejauchze unterbrochen, das die Kinder draussen beim Erblicken einer langen Reihe von Korbmasken (hudo̱ ădjāt) anhoben. Was uns betraf, so wurden wir weit mehr durch eine folgende Reihe hudo̱ lakeuj, lieblicher junger Mädchen, die in Männerkostüm an der Maskerade teilnahmen, gefesselt.
Maskerade der Frauen.
Die hudo̱ ădjāt besteht aus einem Rotangkorb, überzogen mit weissem Zeuge, auf welchem man mittelst einiger Lappen, einiger blinkender Deckel und ein paar Kattunstreifen, an welche Ohrringe gehängt werden, die charakteristischen Merkmale eines Kajankopfes nachahmt. In diesen Korb wird der Kopf zur Hälfte hineingesteckt und der ganze Körper dann mit einer Jacke und grossen Tüchern behängt; durch zwei Bambusstöcke werden die Ärmel der Jacke seitlich in die Höhe gehalten. Diese unförmlichen Gestalten bewegten sich im Tanzschritt über den Platz; aber trotz des Geflüsters, dass hinter diesen Masken die höchsten Damen der Kajanwelt, ja sogar die beiden Frauen von Kwing Irang verborgen waren, konnten sie unser Interesse doch nicht von den jungen Mädchen ablenken, die in dem ihnen ungewohnten Kostüm schüchtern hinter den hudo̱ ădjāt einherschritten.
Frauen in Festkleidung.
Der Gegensatz zwischen den jungen, vollen Gestalten in der kleidsamen, kecken Männertracht und den formlosen Massen war allerdings gross genug. Die jungen Mädchen hatten auf ihre Kleidung mehr Geschmack und Sorgfalt verwandt als die jungen Männer selbst zu tun pflegen. Die Tücher um Lenden und Haupt aus reinem, weissem Kattun oder Baumrinde waren gefällig geschlungen und auch das Schwert und der lange Schal waren geschmackvoll gewählt worden. Bereits 1896 waren mir diese Mädchen, bevor ich sie noch als solche erkannt hatte, durch ihre hübsche Kleidung unter der Menge aufgefallen. Nur einige von ihnen schienen die Vorstellung bereits öfters gegeben zu haben, zeigten sich freier und wagten selbst einen Tanzschritt anzuschlagen; die meisten befanden sich überdies noch in einer ihnen fremder. Umgebung, so dass die Zuschauer sicher mehr Genuss von der Vorstellung hatten als sie selbst. Das Urteil der Frauen über diese Gruppe lautete nicht günstig, auch schienen sich die Gattinnen des Häuptlings unter ihren Körben über ihre jüngeren Gefährtinnen geärgert zu haben, wenigstens versprach uns mittags Uniang Anja, Kwing Irangs zweite Frau, dass sie abends mit einigen Auserwählten in der amin des Häuptlings die Vorstellung wiederholen wollte und zwar wie es sich gehörte.
Als Männer verkleidete Frauen.
Unsere Aufmerksamkeit fand eine plötzliche Ablenkung. Die Menschenmenge stob aus einander und aus dem Walde hinter dem Hause traten sechs zerlumpte Individuen hervor. Zerschlissene Matten umhüllten ihren Körper, auf dem Kopfe trugen sie schmutzige, alte Rotangkappen oder Mützen aus Fell, das bereits die Haare verloren hatte; alte Tragkörbe, hölzerne Speere und übertrieben grosse Pfeilköcher in Form von für Schweinefutter bestimmten Baumbusgefässen an der Seite vervollständigten die Ausrüstung. Nach allen Seiten scheue Blicke werfend schlich die Bande vorsichtig heran und wurde, besonders seitens der Jugend, mit Jubel und Spott begrüsst. Uns wäre die Bedeutung dieser Szene unverständlich gewesen, wenn man uns nicht gesagt hätte, dass man sich gelegentlich der Maskenperiode auch über Menschen und Zustände lustig mache. Hier handelte es sich um eine Verspottung des Lebens der Punan in den Wäldern. Die Punan, die von den Bahau im Grunde sehr gefürchtet werden, bilden nämlich ihrer eigentümlichen Lebensweise wegen einen dankbaren Gegenstand für den Spott. Die Darsteller ernteten daher auch reichen Beifall seitens des Publikums; wahrscheinlich macht man sich bei nächster Gelegenheit über uns Europäer lustig, indem man uns etwa beim Pflanzen- und Steinesammeln oder beim Enthäuten der Vögel darstellt.
Als Punan verkleidete Kajan.
Hierauf führten kleine Knaben allerhand Vorstellungen auf, die wir nicht gut verstanden, die den Zuschauern aber grossen Spass bereiteten.
Inzwischen hatten sich die hudo̱ kājo̱ in ihren Wohnungen oder, falls sich diese noch nicht hier befanden, in einer verborgenen Ecke mit Hilfe ihrer Angehörigen ihres grünen Geistergewandes und ihrer Masken entkleidet und wollten augenscheinlich die Gelegenheit, mit so vielen zusammenzusein, nicht vorübergehen lassen, ohne sich mit einander im Kreiselspiel, das alle Kajan leidenschaftlich lieben, zu messen. Die gebräuchlichen Kreisel (asing) sind ungefähr 3 dm hoch, haben eine eirunde, seitlich abgeplattete Form und enden oben in einer stumpfen Pyramide, unten in einer stumpfen Spitze. Sie werden aus dem härtesten und schwersten Holze hergestellt, zuerst mit einem Meissel roh bearbeitet und dann mit der Hand beschnitten und oft sorgfältig geglättet.
Der Kreisel wird dadurch in Bewegung gebracht, dass man ihn von oben an mit einer dünnen Schnur, die allmählich dicker wird und an ihrem Ende einen Durchmesser von 3 cm erreicht, umwickelt und diese beim Schleudern des Kreisels an dem verdickten Ende schnell zurückzieht. Die Kreisel, besonders die platteren Formen, lassen, wenn sie von kräftigen Männern geschleudert werden, ein lautes Brummen ertönen.
Am Kreiselspiel beteiligt sich stets eine beliebige Anzahl junger Leute; der erste Spieler schleudert seinen Kreisel mitten auf den freien Platz, der zweite versucht den seinigen derart zu werfen, dass er den ersten verdrängt, selbst aber in Drehung bleibt. Sowohl bei diesem Spiel als auch bei dem der Kinder im allgemeinen habe ich nie einen anderen Zweck erkennen können als Freude am Spiele selbst und an der körperlichen Übung; von einer Preisgewinnung ist nie die Rede, auch wird nie einer mattgesetzt, so dass auch der Ungeübteste so lange mitspielen kann, als er will. Es beteiligten sich 20–30 Männer am Spiel.
Kreiselspiel.
In dem auf nebenstehender Tafel dargestellten Augenblick hat die rechts im Vordergrund stehende Figur ohne Kopftuch soeben den Kreisel geschleudert, der im Schatten des Hauses, vom Beschauer aus links, unter dem Arm des in Wurfbewegung begriffenen Mannes zu erkennen ist. Dieser sowie zwei andere Männer links im Hintergrunde halten ihre Kreisel in der Hand, bereit sie im nächsten Moment den Vorgängern nachzuwerfen. Weiter rechts ist ein Mann noch gerade in der Wurfbewegung begriffen, hat aber augenscheinlich mit seinem Kreisel das Ziel verfehlt.
Bereits einige Tage vor diesem Wettspiel hatten sich einige Männer nach der Rückkehr vom Reisfeld noch in der Dämmerstunde im Spiel geübt. Das Kreiselspiel wird, wie verschiedene andere, nur gelegentlich des Saatfestes betrieben. Auch noch in der letzten Saatperiode nehmen Erwachsene, meist aber kleine Knaben mit kleinen Kreiseln, das Spiel wieder auf. Auf andere Weise wird das Kreiselspiel auch von den Malaien an der Westküste gepflegt.
Abends erwies sich der Versammlungssaal als viel zu klein, um alle, die das hudo̱ lakeuj der Frauen, unter Uniang Anjas Leitung, ansehen wollten, aufzunehmen, trotzdem die Kajan vom Ikang und viele weiter wohnenden Familien bereits vor Einbruch der Dunkelheit sich auf den Heimweg gemacht hatten. Wir trugen das unsere zum Feste bei, indem wir mit Petroleumlampen den Tanzplatz erleuchteten, der sonst nur durch Harzfackeln spärlich erhellt wird, was vielleicht für die Augen der Kajan, aber nicht für die unseren genügte, um von dem Schauspiel einen richtigen Eindruck zu erhalten. Zum Glück bereitete unsere Extravaganz uns viel Genuss, denn sechs junge Frauen, die nicht nur mit ihrem Äusseren, sondern auch mit ihren Leistungen zu glänzen verstanden, folgten Uniang. Diese hatte zwar bei ihren 30 Jahren, in denen sie oft krank gewesen war, viel an Schönheit eingebüsst, war aber ihrer Rolle als Vortänzerin immer noch würdig; sie führte nicht nur die Tanzschritte, sondern auch die begleitenden Armbewegungen mit Grazie aus. Nach einer bestimmten Melodie, welche auf einer Guitarre (sape̱) gespielt wurde, tanzte Uniang auf echt indische Weise, mit viel Beugungen und ruhigem Bewegen der Gelenke, aber doch weit lebhafter, als es auf Java üblich ist. Die Aufführung wurde von keinem Gesang begleitet.
Der Tanz hatte erst nach dem Abendessen, gegen 4 Uhr, begonnen und dauerte sehr lange, so dass sich viele der Unseren nach den Ermüdungen des Tages bereits vor Ablauf dieses sehr eigenartigen Schauspiels zur Ruhe begaben; nur der Kontrolleur und ich mussten, als die Hauptpersonen, noch Stand halten. Freilich hatte mich Kwing Irang, der mit seinem Söhnchen Hāng bei uns sass, schon während der Vorstellung darauf vorbereitet, dass ich nachher noch an einer Beratung teilnehmen musste, da Li, Häuptling der Ma-Suling und Halbbruder von Kwing, schwer krank war und man mich nur, um das lāli der Kajan nicht zu stören, nicht bereits gerufen hatte. Jetzt, wo die Verbotszeit ihr Ende erreicht hatte, war aber auch keine Zeit mehr zu verlieren und ich sollte am anderen Morgen sogleich mit einem Boot zum Mĕrasè aufbrechen.
Trotz aller Eile fand ich am folgenden Morgen doch noch Zeit, Jung und die Seinigen, die bereits nachts angekommen waren und jetzt, wo unser lāli vorüber war, baldmöglichst an den Kapuas zurückkehren wollten, noch zu empfangen. Ich gab ihnen wegen ihres Lohnes und der Verteilung meiner Böte, die noch am pangkalan Howong im Walde lagen, Briefe an den Kontrolleur von Putus Sibau mit. Die Böte verkaufte ich für 2 bis 3 Dollar das Stück an Liebhaber und belohnte einzelne Häuptlinge noch besonders, indem ich ihnen eines derselben schenkte. Kwings ältester Sohn, Bāng Awăn, hatte alle Mühe, für die Fahrt nach dem Mĕrasè genügend Leute zu finden, weil alle auf ihren Feldern eifrig beschäftigt waren; aber nach dem Essen glückte es ihm doch noch, eine Bemannung für das Boot zu beschaffen, und so fuhr ich denn mit ihm, Midan und meinem Hunde ab. Nach den Berichten, die mir Jung vom Mĕrasè gebracht hatte, musste der Zustand des Kranken hoffnungslos sein; ich hielt es aber doch für geraten, zu ihm zugehen. Auf unserer Fahrt, während welcher die Sonne ununterbrochen auf die Wasserfläche herniederbrannte, passierten wir unter anderen auch die mir von früher her bekannte Niederlassung der Long-Glat, Lulu Njiwung, in der noch lāli nugal herrschte. Bei Batu Sala legten wir an, um die neuesten Nachrichten vom Mĕrasè zu vernehmen, damit wir nicht nach dem Tode des Häuptlings dort ankämen und durch das dann eingetretende lāli dort festgehalten würden; auch wollte ich in Batu Sala den Häuptling Paren und dessen Familie begrüssen. Die Berichte lauteten zwar nicht ermutigend, aber gestorben war Li noch nicht, daher machten wir uns schnell auf die Weiterreise und erreichten um 4 Uhr Napo Liu, die Niederlassung, in der Li als Gemahl der Frau Eipo lebte, die hier Häuptling der Ma-Suling war.
Napo Liu.
Die Niederlassung bestand aus mehreren grossen, langen Häusern und einigen kleineren von malaiischer Bauart und befand sich auf einem grossen, flachen Terrain, das trotz des augenblicklich bedeutenden Wasserstandes doch noch 4 m hoch war und daher von Überschwemmung nur selten zu leiden haben konnte. Mitten in der langen Reihe erhob sich das besonders grosse Haus, das die Häuptlingsfamilie mit ihren Sklaven bewohnte. Während ich den langen mit Einkerbungen versehenen Baumstamm emporkletterte, bemerkte ich, dass das Haus ganz neu war. Seine Wände waren grösstenteils noch nicht bearbeitet und auch Feuerherde und allerhand Vorrichtungen an der Galerie waren noch nicht angebracht worden. Zum Umschauen liess man mir aber keine Zeit, sondern führte mich sogleich in die grosse amin zum Kranken. Dieser lag in einem Raume, der von dem übrigen grossen Gemache durch eine Wand geschieden war. Der früher bereits magere Mann war nun zum Skelett abgemagert und lag mit der für die dunklen Rassen charakteristischen grüngrauen Totenfarbe halb bewusstlos da. Viele Frauen sassen mit gedrücktem Ausdruck um ihn herum, suchten ihm mit kaltem Wasser das Haupt zu kühlen, ihm noch etwas Nahrung beizubringen und ihn durch Zuspruch bei Besinnung zu erhalten. In dem weiten Raum befanden sich viele Menschen, Bahau und Malaien, die alle schweigend Betel kauten, den Bulan, die Häuptlingstochter, umherreichte.
Bereits der erste Eindruck des Kranken flösste mir wenig Hoffnung ein, als ich auch keinen Puls mehr fühlte, wusste ich, dass hier nicht mehr zu helfen war. Hätte man mich trotz der Verbotszeit einige Tage früher gerufen, so wäre die Aussicht auf Rettung viel grösser gewesen; denn die Krankheit, akute Malaria, hatte den für Mittel-Borneo typischen Verlauf genommen. Die Fieberanfälle hatten sich während 14 Tagen wiederholt, bis sich häufige und wässrige Entleerungen des Darmes mit tenesmi einstellten, welche den Zustand des Kranken komplizierten. Während der letzten 4 Tage war der Patient dadurch sehr geschwächt worden, trotzdem das Fieber stark nachgelassen hatte. Wegen des lāli nugal der Kajan hatte man gewartet, mit dem Resultat, dass die Krankheit nun in kürzester Zeit tötlich verlaufen musste. Damit die Schuld an dem Tode nicht mir zugeschoben werden konnte, erklärte ich sofort, nicht mehr helfen zu können. Auf meine Nachfrage erfuhr ich, dass auch hier wieder die Behandlung des Kranken viel zur Verschlimmerung seines Zustandes beigetragen haben musste; man hatte ihm, hauptsächlich gegen die Intestinalkrankheit, Arzneien der Bahau, Malaien und Chinesen eingegeben, von denen jede für sich schon auf einen geschwächten Körper höchst schädlich einwirken musste. Ferner hatte der arme Kranke, als sein Zustand ernst wurde, auch durch den Aberglauben seiner Umgebung entsetzlich zu leiden, da diese ihn durch Zuspruch und selbst durch Anfassen am Einschlafen zu verhindern suchte. Die Bahau tun dies, weil sie annehmen, dass die Seele den Körper sowohl im Schlafe als beim Tode verlässt und beim Einschlafen eines Schwerkranken nicht wieder zurückkehren könne. Selbst heftiger Protest seitens des Kranken bringt die Leute nicht von ihrer Handlungsweise ab. Für einen europäischen Arzt, der froh ist, wenn seine Patienten im Schlafe wieder Ruhe und Stärkung finden, ist es sehr schwer, sich in einem derartigen Fall eines Widerspruches zu enthalten; und doch muss man sich, um nicht selbst Gefahr zu laufen, in hoffnungslosen Fällen hierzu überwinden. Wo indessen begründete Aussicht auf Genesung vorhanden war, habe ich die Verantwortung gegenüber der verblendeten Familie auf mich zu nehmen gewagt.
Obgleich Bo Li bereits viel zu schwach war, um sprechen zu können, und seine Augen auch schon halb gebrochen waren, ermunterte man ihn doch ständig dazu, einen Laut von sich zu geben. Ich verliess daher schnell das traurige Schauspiel, wurde aber draussen auf der Galerie sogleich von Bahau, Malaien und Bakumpai umringt, die alle aus Interesse für den Kranken oder aus Furcht, wegen der nach dem Tode eintretenden Verbotszeit in der Niederlassung eingeschlossen zu werden, sich bei mir erkundigten, ob noch Hoffnung vorhanden sei. Ich konnte weder diesen noch den beiden Söhnen des Häuptlings, Lĕdju und Ibau, die übrigens selbst kaum noch zu hoffen wagten, einen tröstlichen Bericht geben. Die Brüder und einige andere stellten mittelst einiger Planken auf der Galerie eine Erhöhung her, auf der ich mein Klambu aufrichten konnte; auch gaben sie meinem Bedienten Reis und ein Huhn, um mir ein Abendessen herzurichten, und zogen sich dann zu ihrem Vater zurück.
Gruppe der Murung Malaien in Napo Liu.
Ich hatte noch kaum Zeit gehabt, mich durch ein Bad im Fluss nach der Hitze und Ermüdung des Tages zu erfrischen, als man mir meldete, dass Temenggung Itjot, ein malaiischer Häuptling, der mit einer Tochter eines anderen Häuptlings in der gleichen Niederlassung verheiratet war, mir seine Aufwartung machen wolle; auch eine grosse Gesellschaft verwandter Malaien vom oberen Murung, die gekommen waren, um Itjot nach achtjähriger Abwesenheit in sein Geburtsland zurückzuholen, sollte ihn begleiten. Obgleich meine Zusammenkunft mit Itjot 1896 und 1897 sehr harmlos verlaufen war, erschien mir doch eine Begegnung mit einer grossen Gesellschaft Murunger nicht so ganz ungefährlich, da sie ganz aus Anhängern des von der niederländischen Regierung vertriebenen Sultanats prätendenten Gusti Mat Sĕman bestand, die sich jetzt an den oberen Barito geflüchtet hatten. Nach Landessitte kam die ganze Schar, zu meiner Ehre und vielleicht auch zur eigenen Beruhigung, mit schönen Schwertern bewaffnet zu mir. Unsere Begrüssung durch Händeschütteln verlief mit den alten Bekannten freundschaftlich, mit den Neuangekommenen dagegen sehr schüchtern, worauf ich mich, allein mit meinem Hunde, mitten unter 25 Feinden meines Vaterlandes niederliess. Die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme derjenigen, die ich von früher her kannte, zeigte sich sehr verlegen, so übernahm ich denn die- Leitung des Gespräches und begann zu erzählen, wie es mit dem Kranken stand, auch erkundigte ich mich nach dem Befinden von Itjots Familie und kam hiermit auf ein Thema, das die meisten interessierte. Itjot kam sogleich auf die Sorgen zu sprechen, die ihm die Ernährung eines Kindes, das seine junge Frau an Stelle des eigenen, verstorbenen, angenommen hatte, verursachte. Das Kind konnte von der Mutter nicht ernährt werden und, da andere Milch nicht vorhanden war, musste das Kind mit weich gekochtem Reis und Bananen ernährt werden, wodurch es krank geworden war. Ich glaubte, hier mehr mit kondensierter Milch als mit Arzneien helfen zu können, und so machte ich denn den Pflegevater mit zwei Büchsen Milch glücklich und versprach, ihm am folgenden Morgen zu zeigen, wie er sie gebrauchen sollte. Meine grosse Freigebigkeit fand durchaus nicht den Beifall meines Bedienten Midan und nur zögernd lieferte er den ganzen Milchvorrat, den ich augenblicklich bei mir hätte, aus. Übrigens verwandelte sich auch bei meinen Landesfeinden mancher scheue Blick in einen verwunderten. Es befanden sich nämlich unter ihnen Fieber- Syphilis- und Kropfkranke, die meine Hilfe sehr nötig hatten. Nun war Itjot zwar von früher her an die Gratisausteilung meiner Arzneien gewöhnt, seine unheimlichen Gefährten jedoch sahen mit Erstaunen, dass ich einigen Kranken umsonst etwas Chinin mitgab und ihnen versprach, mich am anderen Morgen persönlich mit ihnen zu befassen. Heikle politische Punkte gänzlich vermeidend erkundigte ich mich, um auch Itjots Bruder, Raren Na-un zu Worte kommen zu lassen, nach einigen gleichgültigen Angelegenheiten vom Murung und so erhielten diese Menschen, die übrigens durchaus keine bösen Absichten gehabt zu haben schienen, von dem ersten Europäer, dem sie am Mahakam begegneten, keinen schlechten Eindruck. Hiervon überzeugte mich der herzliche Händedruck, den ich von den Vornehmsten beim Abschied empfing; die Niederen wagten eine derartige Vertraulichkeit nicht.
Grabmal des Ma-Suling-Häuptlings Bo Long.
Inzwischen hatte Midan mir das Essen bereitet. Nach dem Mahl machte ich dem sterbenden Bo Li noch einen Besuch und verschwand dann bei Sonnenuntergang hinter meinem Moskitonetz, wo ich sogleich fest einschlief. Ab und zu erwachte ich durch das Hin- und Hergehen der erregten Menschen, die ihren Häuptling sterben sehen wollten, als plötzlich gegen 10 Uhr heftige Schläge auf grosse Gonge in der Galerie mich vor Schreck zitternd auf meiner Matratze auffahren liessen. Aus der amin aja ertönte Weinen und jammern; Bo Li war also verschieden. Ich machte mich bereit, den Lauf der Dinge in meinem Klambu abzuwarten, als ich beim Schein einer Harzfackel zuerst das Gesicht meines Dieners, dann das von Itjot erblickte, die mich aufforderten, mich sogleich mit ihnen nach Itjots Hause zu begeben, da ich hier bei der Erregtheit der Bahau in solchen Augenblicken nicht sicher, in jedem Fall aber auf der Galerie nur hinderlich sein würde. Ich wagte dem Rate nicht zu widerstehen und begab mich, wenn auch zögernd, mit Itjot nach dessen Wohnung. Unterdessen wurde auch in der Galerie durch Schläge auf die Gonge den Geistern von Apu Ke̥sio und den benachbarten Niederlassungen der Tod des Häuptlings verkündet. Neben dem Weinen der Angehörigen ertönte nun auch das Jammern der Klageweiber. Die Männer hatten sogleich nach des Häuptlings Verscheiden ihre Schwerter gezogen und begannen mit ihnen, um die bösen Geister zu verjagen, heftig erregt in der Luft herumzufuchteln oder auf Wände und Pfosten loszuschlagen. Itjot fürchtete, dass bei dieser Gelegenheit mir oder den Meinen zufällig oder absichtlich etwas zustossen konnte, und war hauptsächlich deswegen gekommen mich abzuholen. Es geschieht nämlich ab und zu, dass im Dunkeln nicht nur die Wände des Hauses, sondern auch einer der Anwesenden getroffen wird. Stirbt ein grosser Häuptling, so wird oft seine ganze Wohnung innen durch Schwertschläge beschädigt.
Vor Ermüdung schlief ich auch in Itjots weit abgelegenem Hause gut ein, musste aber am anderen Morgen früh wieder auf sein, um den vielen Patienten zu helfen, die mit allerhand Leiden zu mir kamen und aus meiner Anwesenheit noch Nutzen ziehen wollten. Sie beeilten sich, weil sie unseren frühen Aufbruch fürchteten; darauf erschien auch Bang Awăn, Kwing Irangs Sohn, und meldete, dass wir früh heimkehren mussten, um seinem Vater den Todesfall zu berichten. Die Sache hatte Eile, weil die Leiche nur 4 Tage im Hause bleiben durfte, um dann in einem bereits vorhandenen Prunkgrab (salong) eines anderen Häuptlings beigesetzt zu werden. Da das Haus, indem Bo Li gestorben, noch nicht fertig gebaut, sein lāli also noch nicht abgelaufen war, musste nämlich nach der acht das Begräbnis so bescheiden als möglich vollzogen werden. Kwing Irangs Gegenwart als Bruder war aber erforderlich und daher Eile geraten.
Dass auch Kajan zu eilen im stande sind, erfuhr ich an diesem Tage, da wir um 8 Uhr wegfuhren und ununterbrochen durchrudernd um ½ 11 Uhr abends ankamen. Zum Glück war der Himmel etwas bewölkt und der Tag nicht sehr heiss, so dass ich zum Schluss nur hungerig, fröstelnd und steif am Blu-u anlangte.
Am folgenden Tag beschlossen unsere Dorfbewohner, den Leuten am Mĕrasè zu helfen, indem sie ihnen zur Bewirtung der beim Begräbnis Behilflichen ein Schwein und Reis zur Verfügung stellten. Abends kostete es viel Mühe, um in dieser drückenden Arbeitszeit eine genügende Anzahl junger Leute zur Fahrt zu vereinigen. In den letzten Tagen ging alles bei Sonnenaufgang aufs Feld und nur die Kranken und Alten blieben im Hause zurück.
In diesem gewichtigen Falle fanden sich aber doch schliesslich genügend viel Ruderer ein, und so konnte Kwing Irang mit seinem Sohn Bang Awăn und seinem Mantri Bo Kwai, dem Schweine und dem Reis zum Mĕrasè aufbrechen, um seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen.
Bereits während des lāli nugal hatten wir erfahren, dass es unmöglich war, für alle unsere Unternehmungen Männer als Führer oder Ruderer zu finden. In unserer jetzigen Kajanumgebung war aber von Gefahr keine Rede, daher konnten wir auch sehr gut unter unserem eigenen Geleite einige gewandte Leute wählen, die Bier bei der topographischen Aufnahme zu helfen im stande waren; auch erklärte sich der chinesische Händler, der das Flussgebiet und auch die Namen der Berge kannte, bereit, als Führer zu dienen. Am Tage nach der Abreise von Kwing machte sich denn auch Bier mit einem grossen und zwei kleinen Böten, dem Chinesen und zehn unserer Leute auf den Weg, um den Mahakam vom Howong bis an den Blu-u zu messen.
In Anbetracht, dass sein Geleite den Bahau völlig fremd war, sollte Bier sich vorläufig an den Hauptfluss halten. Die Nebenflüsse konnten später gemessen werden, während wir mit Kwing Irang die dort ansässigen Stämme besuchten.
So wurde es denn still in unserer Umgebung und jeder ging seiner Liebhaberei und Arbeit nach. Barth hatte vollauf damit zu tun, alles, was er auf der Reise und später im täglichen Verkehr mit Adjang und der Bevölkerung aufgezeichnet hatte, zu ordnen. Sein Wörterschatz wuchs ständig, indem er den Unterhandlungen zuhörte, die ich den ganzen Tag über beim Einkaufen unserer Lebensmittel und Ethnographica mit Männern, Frauen und Kindern zu führen hatte. Mit seinem geübten Ohr gelang es ihm, zahlreiche Eigenarten der Busangsprache zu beobachten.
Ich war auch diesmal beim Auspacken meines Vorrates an Perlen und Zeugen sehr vorsichtig gewesen; die Festlichkeiten hatten mir aber eine Vorstellung von allem, was ich zu erlangen suchen musste, gegeben, daher begann ich die Kajan mit einigen hübschen Arten von Perlen und Stoffen zu locken. Sie reagierten auch sofort, indem sie mir Stickereien und Perlenarbeiten brachten, die ich früher fast gar nicht hatte erlangen können. Meine schönen inu be̥ne̱ng (Perlen für Kindertragbretter) erregten besonderes Aufsehen und zu meinem Erstaunen wurden mir sogleich einige jener wertvollen Arbeiten abgetreten, obgleich die Menge Perlen, die ich hierfür zurückgab, nicht viel Beifall fand. Weniger gut gelang es mir, für sehr kleine, bunte Perlen, inu buko̱, fertige Arbeiten zu erlangen, wenigstens wollte man mir die Perlenverzierungen der hohen Festmützen dafür nicht abtreten. Nur für meine silbernen Ohrringe (hisang pẹrăk) und Armbänder aus Elfenbein wollte man sich von den schönen Mützen trennen. Ich hatte aber noch Zeit und musste meinen Preis halten, um des Schönsten und Besten, das die Bevölkerung hervorbrachte, habhaft zu werden, Daher verlief die erste Zeit mit Nachfragen und Unterhandlungen, die erst viel später, oft erst nach Monaten, zu einem Ergebnis führten. Demmeni, der sich bereits früher durch das Reparieren von Schmucksachen und allerhand Hausrat bei den Eingeborenen beliebt und bekannt gemacht hatte, erfreute sich wieder eines grossen Zulaufs. In unserer Wohnung fand er aber für seine Werkstätte keinen Platz, daher kam es uns sehr gelegen, dass der Schmied des Stammes, Awang Kalei, uns seine neben der unsrigen befindliche Wohnung überliess und selbst auf seinem Reisfelde Quartier nahm.
Kwing Irang kehrte unmittelbar nach dem Begräbnis seines Bruders wieder zurück; er hatte auch keine Nacht mehr am Mĕrasè verbringen dürfen, weil die einen Monat dauernde Verbotszeit gleich nach der Bestattung eingetreten war und es bei Strafe hoher Busse keinem, der nicht am Mĕsarè wohnte, in dieser Zeit gestattet war, das Flussgebiet zu verlassen oder zu betreten. Händler, die sich vorübergehend dort aufhielten, hatten sich noch in den letzten Tagen schleunigst davongemacht, um nicht einen Monat Zeit zu verlieren.
Kwing Irangs Familie ging in Trauer bezw. in Halbtrauer, indem sie alle Schmucksachen und schönen Kleider ablegte und besondere Trauerkleider anlegte. Letztere bestanden für Kings Frauen in schlichten Jacken und Röcken, waren aber nicht aus Baumrinde oder hellbraunem Kattun verfertigt. Auf uns Europäer machten die Frauen jetzt, da sie nicht mit Schmucksachen bedeckt waren, einen viel nackteren Eindruck als früher. Kwing Irangs Traueranzug bestand aus einem Lendentuch (bă) von hellbraunem, d.h. weissem, im Morast braungefärbtem Kattun. Handelt es sich um einen Todesfall in der Familie selbst, so tragen die Frauen am Mahakam, wie die am Mendalam, eine tă-ā und eine ärmellose Jacke aus Baumbast oder braunem Kattun und ein in Form einer Kappe um das Haupt gewundenes Tuch (Siehe nebenstehendes Bild).
Wegen der Halbtrauer der Häuptlingsfamilie durften keine Festlichkeiten im Stamme gefeiert werden, bevor am Mĕrasè am Ende der Verbotszeit das erste be̥t lāli lumu (Ablegen der Trauer) durch Opfer stattgefunden hatte.
Am 7. November kehrte Bier sehr befriedigt von seiner ersten Flussmessung zurück, denn es war ihm gelungen, die anfängliche Schwierigkeit, am Ufer selbst einen Beobachtungspunkt zu finden, zu überwinden. Leider wurde seine gute Stimmung nicht von seinen Begleitern geteilt; sowohl der Chinese als die Malaien beklagten sich bei mir über Biers rauhe Behandlung und erklärten, in Zukunft nicht mehr mit ihm allein reisen zu wollen. Bier kehrte nämlich diesen Leuten gegenüber zu stark den Europäer und deutschen Unteroffizier heraus. Die Nachricht berührte mich sehr unangenehm, weil gerade die Malaien bei der Aufnahme am besten helfen konnten und es unter diesen Umständen viel zu gefährlich gewesen wäre, Bier Bahau mitzugeben. Nach einiger Überlegung mit dein Kontrolleur suchten wir Bier begreiflich zu machen, dass ein Europäer sich auch einem Eingeborenen gegenüber nicht alles erlauben dürfe, fanden aber bei dem rauhen Soldaten nicht viel Verständnis und so blieb mir nur die Wahl, die topographische Aufnahme gänzlich aufzugeben und Bier so schnell als möglich an die Küste zu senden oder stets selbst mit ihm zu ziehen, was für mich so viel bedeutete, als meine ethnographischen Studien grösstenteils aufzuopfern. Die Wichtigkeit einer guten Karte von Mittel-Borneo und die Aussicht, gleichzeitig auch auf geologischem Gebiet mehr leisten zu können, brachten mich dazu, letzteres zu wählen. Mein Verdruss steigerte sich noch durch den Bericht der Malaien, dass Bĕlarè jetzt in der Saatzeit nicht mit uns zum Ursprung des Mahakam ziehen könne und dass er auf seine frühere Forderung von 1–2 Reichstalern pro Tag und Person zurückgekommen sei, ein Zeichen, dass Bĕlarè zum Unternehmen des Zuges nicht geneigt war und dass wir unseren Plan vorläufig aufgeben mussten, so gern wir auch die Grenzen gegen Sĕrawak festgestellt hätten.
Der Tod seines Bruders hatte Kwing Irangs Unternehmungsgeist nicht gelähmt; denn gleich nachdem die drückendste Saatperiode vorüber war, erklärte er sich bereit, mit uns den Batu Mili zu besteigen. Da es sich jetzt um einen Zug von mehreren Tagen handelte, nahm ich auch die Jäger und Pflanzensammler mit, damit sie von der Fauna und Flora dieses jungfräulichen Berges eine gesonderte Sammlung anlegten. Bier und ich wollten uns mit der Aufnahme und dem Studium der Formationen dieses Teils des oberen Mahakam beschäftigen. Kwing Irang nahm 17 junge Leute und ich noch die vier Malaien von früher mit.
Um den grossen Umweg über die Reisfelder zu vermeiden, fuhren wir den Mahakam abwärts, bis zum Batu Plöm (plo̤̱m = Splitter), einem grossen Andesitblocke, der im Fluss unmittelbar am Fuss des Abhanges liegt, dem entlang wir auf steilem Pfade schnell bis zu dem eigentlichen, zylinderförmigen Gipfel des Batu Mili hinaufklimmen konnten. Der Batu Plöm besteht aus dem gleichen Gestein wie der Batu Mili und nach der Sage der Kajan ist er auch in der Tat von diesem abgestürzt.
In früherer Zeit, so lautet die Sage, reichte der Batu Mili bis an den Himmel und zwar zum grossen Verdruss der Stämme am Mahakam; denn sobald der Reis unten zu reifen begann, kamen allerhand Tiere vom Himmel auf die Erde herab und frassen die ganze Ernte auf. Daher beschlossen einige Stämme: die Punan, Pnihing, Kajan und Long-Glat, diese Verbindung aufzuheben und den Batu Mili umzuhacken. Sogleich machten sich alle ans Werk, aber nur die Kajan und Long-Glat besassen Beile, die anderen bearbeiteten den damals weichen Stein mit einem Bambusstück. Sie verursachten daher auf dein Stein keine so glatten Flächen wie diejenigen, die mit Beilen arbeiteten, was sich noch heute an ihrer Haut erkennen lässt, denn Punan und Pnihing leiden viel mehr an schuppenbildenden Hautkrankheiten als Kajan und Long-Glat. Es dauerte lange, bis alle ihr Werk beendet hatten, auch lief es nicht ohne Unfall ab; zuerst flog ein Splitter in das Auge eines der vornehmsten Häuptlinge jener Zeit, Bang Ka-āng, der unten am Mahakam stand und das eifrige Arbeiten über ihm beobachtete. Nur mit grosser Mühe gelang es, mittelst eitles sehr harten Stückes Holz den Splitter zu entfernen, der jetzt noch als Batu Plöm in Form eines mächtigen Felsblockes im Mahakam liegt.
Um den Gipfel des Batu Mili in die gewünschte Richtung fallen zu lassen, umwanden ihn die Arbeiter mit einem kolossalen Rotangseil, aber als die Masse zu wanken begann, erschraken sie so gewaltig, dass jeder Stamm sich in seine Böte stürzte und schleunigst in sein Land zurückkehrte, und zwar die Kajan und Long-Glat flussabwärts, die Pnihing flussaufwärts. Die Punan vergassen in ihrer Verwirrung, von ihren Böten Gebrauch zu machen, und flüchteten nur so in die Wälder, in denen sie auch heute noch umherschweifen.
Da niemand das Rotangseil leitete, verwickelte es sich zwischen den Felsen, so dass dieser Teil des Batu Mili mit seinem Fuss im Mahakam schief hängen blieb. Infolge dieser Abdämmung staute sich der Fluss derart, dass alles Land flussaufwärts, bis auf einen Berg, auf den sich alle Menschen flüchteten, unter Wasser gesetzt wurde. Lange Zeit lebten sie dort, bis eines Tages zwei Männer, die in einem grossen Boote auf der Wasserfläche fuhren, durch eine mächtige Liane, wie sie glaubten, aufgehalten wurden. Mit ihren Beilen machten sie sich über die vermeintliche Liane her und es gelang ihnen auch, sie zu durchhacken es war aber das Rotangseil, an dem das abgeschlagene Stück des Batu Mili hing, das nun mit heftigem Aufschlag auf die Erde niederstürzte, auf welcher es noch heute als Batu Lesong (Scheidegebirge zwischen Mahakam und Murung) liegt. Das Wasser des Mahakam strömte nun ab und zwar mit solcher Kraft, dass es die beiden Männer in ihrem Boote bis zum Meere mitführte, wo sie ertranken.
Beim Abströmen des Wassers blieben die Fische in den Fasern des zerrissenen Rotangseiles hängen, wodurch die Bahau das Weben von Netzen lernten; sie stellen jetzt noch ihre Netze stets aus dieser Liane (te̥ngāng oder aka klẹa) her.
Nachdem die Menschen dieses grosse Werk vollführt hatten, fand Bang Ka-āng, dass er sie belohnen müsse, und beschloss daher, den Mahakam, Barito und Kapuas mit Fischen zu bevölkern. Zu diesem Zwecke zog er abwärts, bis unterhalb der Wasserfälle des Mahakam und warf die Fische von dort aus in den Barito und Kapuas, was natürlich nur einem Menschen von seiner Grösse möglich war.
Als er den Fluss weiter hinunter fuhr, begegnete er Menschen, die viel kleiner waren als er. Der Sohn des dortigen Häuptlings spielte mit einem Rotang, der dick wie ein Schenkel war, und machte dem Riesen Bang Ka-āng, um ihn zu erschrecken und aus dem Lande zu vertreiben, weiss, dass sein Vater diesen Rotang als Beinring benütze. “Dann muss Dein Vater sehr gross sein” rief Bang Ka-āng aus “rufe ihn mal her, damit wir sehen, wer der Stärkere ist!”
Der Häuptling liess aber den ganzen Tag auf sich warten und, als er nachts am Ufer erschien, stiess er ein solches Gebrüll aus, dass es Bang Ka-āng nun wirklich angst wurde und er den Fluss hinunter flüchtete; seither hat man nie mehr etwas von ihm vernommen.
Am oberen Mahakam nennt man den Regenbogen “Bang Ka-āngs Lendentuch” (= bă Bang Ka-āng).
Während die Kajan unsere Böte an Land zogen und an den Bäumen festbanden, damit sie bei plötzlich eintretendem Hochwasser nicht fortgeführt wurden, hielten wir mit Kwing Irang auf dem Batu Plöm sitzend einen kleinen Kriegsrat. Da ich wusste, mit welcher inneren Angst der Häuptling die Besteigung unternahm, hatte ich mir vorgenommen, auf alle seine Pläne einzugehen. Kwing schlug vor, dass wir erst bis zur senkrechten Felswand hinaufsteigen und dass meine Malaien und seine Kajan dann Leitern und Stützen an den schwierigsten Stellen anbringen sollten; gegen Abend wollte er dann zuerst den Gipfel ersteigen und dort ein kleines Schwein, ein Huhn und einige Eier opfern, um die über unser Eindringen in ihr Gebiet erzürnten Geister zu besänftigen. Ich hatte gegen diesen, auf kajanischen Aberglauben begründeten Plan nichts einzuwenden und so kletterten wir denn längs des Grates, bei einer durchschnittlichen Steigung von 43°, bis zu der lotrechten Felswand hinauf und gingen links um sie herum bis zu der Stelle, wo der früher von mir benützte Bergrücken die Wand erreichte. Hier fanden wir einen Platz, auf dem der Häuptling mit der Hälfte seiner Leute einige Zelte aufstellen konnte, während die andere Hälfte einen Weg nach oben für uns herrichtete. Gegen Abend war dieser fertig und Kwing Irang begann seinen Aufstieg. Nach dem Bericht der Malaien wurde ihm zuletzt so angst und bange, dass sie ihn nur mit Mühe dazu brachten, den Gipfel völlig zu erklimmen. Nachdem er den Geistern sein Opfer dargebracht hatte, beeilte er sich mit dem Abstieg und war sehr froh, nachts mit heiler Haut wieder bei uns im Zelte sitzen zu können. Die Nacht war regnerisch und stürmisch gewesen, trotzdem machten Bier und ich uns schon in der Morgendämmerung auf den Gipfel auf. Wegen der Leitern war die Besteigung diesmal viel müheloser als früher; innerhalb einer halben Stunde hatten wir die 150 m zurückgelegt.
Auf dem Gipfel erwartete uns eine wunderbare Aussicht. Die Wolken, die nachts die Landschaft am oberen Mahakam bedecken, lagen jetzt unter uns und die Sonne schien herrlich auf die schneeweisse Fläche herab; nach der feuchtkalten Atmosphäre in den Wäldern am Bergabhang berührte uns die hier oben herrschende Wärme aufs angenehmste. Der Himmel war wolkenlos. Wir wurden nicht müde, unsere Blicke über das weite, strahlend weisse Nebelmeer schweifen zu lassen, aus dem einzelne hohe, dunkle Bergspitzen, unbekannt und geheimnisvoll, hervorragten. Noch nie war es uns geglückt, eine so unbeschränkte Aussicht über Mittel-Borneo zu geniessen.
Obgleich wir die Entfernung der hintersten Berge nicht kannten, sagten uns doch einige bekannte Gipfel im Kapuasgebiet, dass sie sehr gross sein musste. Über der Wasserscheide kam der Terata und hinter ihm noch andere Gipfel zum Vorschein. Nach Osten hin zog sich längs des Horizontes ein gipfelreiches Gebirge; es musste das Ober-Kapuas-Kettengebirge sein; seine einzelnen Spitzen und Rücken waren aber nicht zu unterscheiden. Unzweifelhaft setzte sich dieses Gebirge in das Gebiet des oberen Mahakam fort und wahrscheinlich auch noch weiter östlich, was wir vom Lĕkudjang aus nicht hatten sehen können. Auch jetzt wurde uns die Aussicht nach dieser nordöstlichen Richtung durch dicht vor uns liegende, hohe Bergspitzen benommen, nach dem Verschwinden des Nebelmeeres musste sich jedoch der Zusammenhang dieses Berglandes mit dem Ober-Kapuas-Kettengebirge feststellen lassen.
Auch nach Süd-Osten erhoben sich zahlreiche Gipfel aus der Wolkenmasse, während genau nach Süden der Batu Lĕsong mit seinen leicht gewellten Gipfel den Gesichtskreis abschloss.
Die Kajan wurden durch den Anblick, der sich ihnen bot, ganz verwirrt, sie konnten von keinem einzigen Berge den Namen angeben und hatten augenscheinlich noch nie dergleichen gesehen. Für jemand, der die Bahau nicht näher kennt, ist es fast unglaublich, dass ihnen ihre nächste Umgebung so fremd ist. Nur wenige kennen die Namen der benachbarten Berge, auch wissen sie nicht einmal, wo die Berge liegen, die als ihre früheren Wohnplätze in ihren Überlieferungen eine grosse Rolle spielen, wie z.B. der Batu Matjan, der Batu Brok am Ulu Tĕpai u.s.w. Nur die Intelligentesten, die viel gereist sind, wissen besser Bescheid, aber auch nur in den Gegenden, die sie auf ihren Zügen passiert haben.
Wir weilten bereits längere Zeit auf dem Gipfel, als sich im Osten ein Wind erhob und das bis dahin bewegungslose Nebelmeer an der Oberfläche in Aufruhr brachte, indem er in das weisse Federbett tauchte und die Dämpfe in leichten Wolken nach oben warf, wo sie sogleich fortgetrieben wurden. Die gleichmässige, weisse Fläche ballte sich zu einzelnen grossen Wolkenmassen zusammen, die neben einander und um uns herumliegend alles bedeckten; sie boten dem Winde mehr Angriffspunkte, gerieten bald in Bewegung und verdeckten alle niederen Gipfel. Bier hatte bereits zahlreiche Gipfel visiert und so wollten wir nur noch warten, bis das Bergland selbst zum Vorschein kam. Midan brachte uns das ersehnte Frühstück, das er einigen Kajan zu tragen gegeben hatte, nach oben und wir genossen einige Augenblicke der Ruhe. In nordöstlicher Richtung musste viel Gestrüpp entfernt werden, um eine freie Aussicht zu erlangen, denn der Gipfel war nur nach der entgegengesetzten Seite hin gänzlich nackt d.h. nur mit wenigen Flechten bedeckt. Die Kajan waren anfangs, aus Furcht die Geister zu erzürnen, nicht dazu zu bewegen gewesen, ihre Schwerter zum Umhacken der Sträucher zu gebrauchen, so dass meine Malaien die Arbeit allein verrichten mussten. Später entschlossen sich auch einige Kajan zum Mithelfen und so wurde die Arbeit für die Aufnahme zeitig genug erledigt. Die Sträucher bestanden aus ganz anderen Arten als unten am Mahakam. Da sie sich alle in Blüte befanden, lieferten sie für das Herbarium einen schönen Fund. Auch die Sammlung lebender Pflanzen konnten die Pflanzensucher bereichern, denn in den Felsspalten wuchsen harren mit grasartigen Blättern und schöne, grossblütige Rhododendren hingen von den Wänden herab. Es dauerte jedoch einige Zeit, bevor wir einiger Exemplare habhaft werden konnten, weil die Wände bis zum obersten, im Durchschnitt nur 60 Meter breiten Gipfel stets senkrecht blieben.
Nach dem Frühstück fand ich, zwischen dem Gestrüpp unterhalb des Gipfels mich hindurchwindend, verschiedene Pfade, von denen meine Leute behaupteten, dass sie von Wildschweinen herrührten. Es musste also noch ein anderer Zugang zum Gipfel vorhanden sein, denn den von uns gewählten konnten Wildschweine nicht gebrauchen. Schliesslich fand ich wirklich eine Schutthalde, die allerdings eine Neigung von 70° besass, die diesen Tieren aber vielleicht doch als Aufgang dienen konnte.
Erst gegen 9 Uhr kam ein Teil der Berge wieder zum Vorschein, unter anderen auch der Höhenzug, der sich von Ost nach West nördlich vom Batu Mili hinzieht und im Ong Dia am Mĕrasè seinen Abschluss findet. Nach dieser Seite zu fällt der Batu Mili sehr steil ab und ist von dem ebenso steilen Ong Dia durch eine 500 m tiefe Schlucht getrennt.
Gegen halb elf Uhr wurden wir selbst in Wolken gehüllt und konnten uns von der, trotz des heftigen Windes, brennenden Sonne erholen. Lange dauerte die Erholung aber nicht, auch hatte Bier, um an einem Tage die ganze Arbeit zu erledigen, alle seine Zeit nötig. Für mich war der Aufenthalt hier oben sehr lehrreich, da er mir eine Vorstellung vom Relief dieser Gegend gab. Die Sonne liess auch auf grosse Entfernung die Einzelheiten in der Landschaft deutlich hervortreten. So zeigte sich, dass die Nebenflüsse des Mahakam an der Nordseite des Batu Lesong durch Erosion interessante Formen hervorgerufen haben. Der lange, leicht gewellte Rücken des Batu Lĕsong fällt, ausser an den Stellen, wo sich seine Querrücken befinden, senkrecht ab. Als Wasserscheide zwischen Murung und Mahakam musste der Berg einen vorzüglichen Beobachtungspunkt liefern; ich betrachtete ihn daher tagsüber bei verschiedener Beleuchtung, um zu sehen, von wo aus man ihn besteigen konnte. Die Kajan wagten sich nicht so weit fort und die einzelnen Truppen Buschproduktensucher, die sich am oberen Blu-u befanden, hatten von dort aus unmöglich den Gipfel besteigen können. Nach dem Bericht der Leute, führte vom Flusstal des oberen Tjĕhan aus zwar ein Pass über den Batu Lesong, aber er musste in einem Sattel liegen, weil das Gebirge gerade dort zu einer Höhe von 1800 Metern ansteigt; als Beobachtungspunkt war er also sehr ungeeignet. Mehr schien mir ein auf dem Gipfel befindliches Plateau zu versprechen, von dein aus ein langer Querrücken zwischen dem Danum Parei und Dini zum Mahakam herunterläuft. Ich bemerkte mit meinem Fernglas keine tiefen Einschnitte in diesem Rücken, somit konnte er uns wahrscheinlich mit Hilfe seiner Waldbedeckung zum ersehnten Ziele führen. Von dem rechten Nebenfluss des Blu-u, dem Bruni, aus sollte ein Pfad zum Danum Parei führen und von dort aus musste der Querrücken zu erklimmen sein. Da ich keine Hoffnung hatte, am oberen Mahakam bessere Auskunft zu erhalten, beschloss ich, meinen Beobachtungen zu vertrauen und auf diesem Wege die Besteigung des Batu Lĕsong später vorzunehmen.
Sehr erhitzt und ermüdet, aber befriedigt von allem Genossenen und Beobachteten, erreichten wir unser Lager, zur grossen Beruhigung Kwing Irangs, der sich selbst nicht wieder hinaufgewagt und den Geistern unseretwegen nicht getraut hatte.
Völlig beruhigt zeigte sich Kwing Irang jedoch erst am folgenden Morgen, nachdem ich die Nacht ruhig und traumlos geschlafen hatte; er schloss hieraus, dass sich die Geister trotz meiner auf dein Gipfel begangenen Freveltaten, wie das Umhacken des Gestrüpps, nicht an mich heranwagten.
Bier begab sich bereits sehr früh wieder nach oben, um noch, bevor die Nebel sich erhoben, einige Bergspitzen anzupeilen. Unterdessen beschäftigte ich mich unten mit dem Sammeln von Moosarten, die auf dem Gipfel, wahrscheinlich unter dein Einfluss von Sonne und Wind, nicht vorkamen. In dem feuchten Walde unter den hohen Baumkronen fand ich dagegen eine Menge sehr eigenartiger Formen, so dass ich in Begleitung des Pinau Malaien Persat immer weiter um den Fuss des Gipfels herumging, bis ich plötzlich vor dem unteren Ende der Schutthalde stand, welche die Schweine als Aufgang benützten.
Bei meiner Rückkehr ins Lager fand ich Bier schon vor und so konnten denn sogleich unsere Sammlungen und Instrumente verpackt werden.
Doris hatte mit den Seinen nicht viel Glück gehabt, unter den geschossenen Vögeln fand sich keine neue Art; dagegen konnten die Pflanzensucher eine grosse Fracht neuer Pflanzen nach unten befördern.
Trotz aller bösen Prophezeiungen der Kajan war unser Zug somit ohne Unfall verlaufen. Kwing Irang war nicht einmal, wie nach der Besteigung des Batu Kasian im Jahre 1896, erkältet. Damals fasste er seine Erkrankung als eine Strafe der Geister auf; in Wirklichkeit war sie die Folge einer kalten, regnerischen, auf 600 m Höhe verbrachten Nacht. Diesmal hatte ich ihm vorsichtshalber für die Nacht ein flanellenes Sporthemd gegeben, das ihn so gut erwärmt hatte, dass er nun aus Befriedigung über seine heldenhafte Besteigung des Geisterberges bereit war, mich zu einem Weiher zu begleiten, der in der Nähe des Batu Plöm im Walde liegen sollte und in welchem sich die Donnergeister des Batu Mili jede Nacht zu baden pflegten. Leider kam es nicht zu diesem Ausflug.
Obgleich Kwing Irang und seine Leute nur unter meinem Schutz das Unternehmen gewagt hatten und viel mehr Menschen mitgegangen waren als ich nötig hatte, musste ich doch allen den üblichen Lohn von 2.50 fl. in drei Tagen und dem Häuptling 2.50 fl. pro Tag geben. Da es sich hier nur um eine Exkursion von kurzer Dauer handelte, war der Preis erträglich.
Anders verhielt es sich bei unserem Zuge an den Mĕrasè den wir, nachdem die Verbotszeit dort beendet war, unternahmen. Der Zweck unseres Aufenthaltes am Mahakam machte es notwendig, dass wir uns möglichst lange bei den Stämmen aufhielten, und nun meinte Kwing Irang, dass wir es unserer Würde schuldig waren, bei den Ma-Suling mit zahlreichen Böten und Menschen aufzutreten. Ich legte jedoch auf seine einigermassen selbstsüchtige Begründung nicht viel Gewicht, da unser Ansehen bei den Bahau auf etwas anderem als einem grossen Gefolge beruhen musste, und beschloss daher, zur Erforschung des neuen Gebiets alle unsere Sammler und die übrige Gesellschaft und nur eine beschränkte Anzahl Bahau mitzunehmen, die im Grunde doch nur ein von mir bezahltes Geleite Kwing Irangs bildeten. Kwing wollte nämlich die Gelegenheit benützen, um mit seinen Kampfhähnen am Mĕrasè zu glänzen; dabei sollte das zahlreiche Gefolge noch zur Erhöhung seines Ansehens dienen. Infolge der guten Ernte befanden sich nicht nur die Kajan, sondern auch die Hähne in blühendem Zustand und versprachen, die Ehre des Häuptlings gegenüber den Bakumpai oder Barito Malaien, die sich bei Itjot am Mĕrasè aufhielten, gut zu vertreten.
Die Hahnenkämpfe (pe̥tuduk) sind seit zwei Generationen bei allen Bahau am Mahakam durch die Malaien von Kutei eingeführt worden. Die Malaien betreiben die Hahnenkämpfe. nur als Hazardspiel, bei dein die Kraft und Gewandtheit der mit eisernen Sporen (tadji) bewaffneten Hähne nur insofern Interesse einflössen, als sie den Gewinn oder Verlust eines hohen Einsatzes oder einer Wette bestimmen. Den gleichen Charakter tragen die Hahnenkämpfe auch bei den Bahau unterhalb der Wasserfälle, hauptsächlich bei den Häuptlingen Kanu Jok und Si Brit oder Raden Mas, die, als sie vom Sultan jahrelang in Tengaron zurückgehalten wurden, dort malaiische Gewohnheiten annahmen. Auch unter den Häuptlingen oberhalb der Wasserfälle nimmt die Überzeugung immer mehr zu, dass sie es ihrer Würde schuldig sind, Kampfhähne zu halten; selbst mancher ihrer jungen Untertanen besitzt einen Hahn. Nur ein Häuptling von der hohen Stellung Kwing Irangs hält sich eine grössere Anzahl Hähne; die übrigen finden es zu lästig, die Tiere so lange zu füttern und durch Baden, Massieren und Üben zum Kampfe vorzubereiten. Unter den Pnihing fand ich nur bei Bĕlarè einen Hahn, der in einem Korbe in der Galerie hing. Er verkaufte seine Hähne aber lieber, als dass er sie selbst kämpfen liess.
Kwing Irang kaufte seine Hähne in der Regel von seinen Freien, die die Tiere teilweise bereits selbst dressiert hatten. Die ausgebreitete Hühnerzucht der panjin verfolgte ursprünglich den Zweck, Opfertiere zu liefern; seit Einführung der Hahnenkämpfe wird sie aber in noch grösserem Massstabe betrieben.
Eine bestimmte Rasse wird nicht gezogen; in früheren Jahren hatten jedoch die Malaien vom Kapuas und unteren Mahakam dem Häuptling einige besonders grosse Exemplare von Kampfhähnen mitgebracht und von diesen stammen seine jetzigen, grossen Hähne ab.
Beim Abschied im Jahre 1897 hatte Kwing Irang auch mich gebeten, beim nächsten Besuch Hähne mitzubringen. Der eifrige Betrieb der Hühnerzucht kam uns sehr zustatten, da er uns ständig mit Hühnern und Eiern versorgte. Die Kampfhähne unterscheiden sich von den überall sonst auf Borneo vorkommenden Hähnen nur durch ihre Grösse; besondere Rassenmerkmale besitzen sie nicht.
Die Kämme werden den Hähnen kurz abgeschnitten und auch die Sporen werden meist mit einem Stück Blech abgesägt und zwar so, dass keine Blutung entsteht. Man tut dies, damit sich die Hähne bei Übungsgefechten keinen Schaden zufügen können.
Bei ernsten Gefechten werden den Tieren ungefähr 7 bis 8 cm lange, scharf geschliffene Sporen (tădji) an die Unterseite des Fusses gebunden. Der Sporn wird stets nur an einem Fuss befestigt; er läuft entweder gradlinig oder gebogen oder gewunden in eine Spitze aus.
Die Sporen werden von bestimmten Personen, die die Kunst an der Küste gelernt haben, geschliffen und zwar aus Rasiermessern, Tischmessern u.a., welche von Malaien eingeführt werden. Kwing Irang und sein Sohn Bang hatten es im Schleifen besonders weit gebracht; ihre Sporen waren so fein bearbeitet, dass sie tadelloser auch aus einer europäischen Werkstatt nicht hätten hervorgehen können.
Das Schleifen geschieht auf Drehscheiben von verschiedener Grösse und Feinheit, die auf einem einfachen Gestell ruhen und von einem Knaben mittelst einer hin- und hergezogenen Schnur in Bewegung gesetzt werden. Auch diese Drehscheiben sind von den Malaien übernommen worden.
Kwing Irang besass, je nach der Beschaffenheit seines Reisvorrats und der Aussicht auf künftige Gefechte, zwischen 5 und 30 Hähnen, von denen jeder gesondert in einem aus Rotang geflochtenen Korbe unter dem Dache seiner Wohnung hing oder bei den zuverlässigsten seiner Sklaven einquartiert war.
Die Hähne werden morgens und abends ausschliesslich mit ungespelztem Reis gefüttert; sie bekommen wenig zu trinken und gehen nur dann frei herum, wenn der Häuptling sich mit ihnen abends beschäftigt, mit ihren Klauen Gymnastik treibt und die Tiere miteinander kämpfen lässt. Die Hähne werden in der Regel täglich im Fluss gebadet und nass wieder in den Korb gesetzt.
Wahrscheinlich, würde man auf die körperliche Entwicklung der Hähne noch grössere Sorgfalt verwenden, wenn nicht, besonders bei den Bahau, die Farbe und Anordnung der Federn bei der Beurteilung der Tauglichkeit eines Tieres eine so grosse Rolle spielten. Es werden zwar von der Gegenpartei auch die Entwicklung der Muskeln und die Körpergrösse in Betracht gezogen, aber die Farbe der Federn erscheint doch ebenso wichtig. Daher werden, um den Wert der Hähne herabzusetzen, häufig vor den Kämpfen einige Federn von besonders guter Bedeutung ausgezogen.
Bei den Hahnenkämpfen gewinnt derjenige Hahn den Sieg, der den anderen tötet oder in die Flucht jagt. Man beginnt die Tiere zu reizen, indem man dem einen den Kopf festhält und das andere hineinhacken lässt, bis man aus der Heftigkeit der Anfälle ersieht, dass die Tiere genügend in Wut geraten sind. Dann setzt man die Hähne in einem Abstand von 4–5 m auf den Boden und lässt sie gleichzeitig auf einander los. In der Regel laufen sie auf einander zu, fliegen an einander auf und suchen sich mit ihren Sporen zu verwunden. Bisweilen ist keiner der Hähne kampflustig; die Wette bleibt dann unentschieden. Dies ist auch der Fall, wenn beide Tiere gleichzeitig an ihren Funden sterben, oder wenn der Sieger den Besiegten, der ihm zugetragen wird, nicht mehr hacken will, zu hacken wagt oder wegen Ermüdung oder Blutverlust nicht mehr zu hacken im stande ist. Können beide Hähne nicht mehr weiterkämpfen, so gewinnt ebenfalls keine der Parteien.
Die Wunden, die die Tiere einander beibringen, sind oft sogleich tötlich. Dringt der eiserne Sporn in den Leib, so wird dieser nicht selten 67 cm weit aufgerissen, der Hals wird bisweilen mit einem Mal gänzlich durchgeschnitten. Öfters kann ein Hahn seinen Sporn, wenn er in einem Knochen festsitzt, nicht befreien; man wartet dann eine Zeitlang, nimmt die Tiere dann auf und sieht den Kampf, wenn beide Tiere noch leben, als unentschieden an. Es kommt vor, dass die Tiere nur schwach verwundet sind oder hauptsächlich Fleischwunden haben. Merkwürdiger Weise verstehen die Bahau derartige Wunden mit Nadel und Faden geschickt zu nähen und zu heilen, während sie noch nicht auf den Gedanken gekommen sind, die Wunden bei Menschen auf die gleiche Art zu behandeln. Wahrscheinlich haben sie mit der Sitte der Hahnenkämpfe zugleich die der Wundbehandlung von den Malaien übernommen. Die Kajan verteidigten mir gegenüber das grausame Gefecht mit den Sporen damit, dass auf diese Weise dem Leiden der Hähne schnell ein Ende gemacht würde, während sie ohne Sporen so lange kämpften, bis sie vor Erschöpfung oft tot niederfielen.
Bei den panjin werden die Hahnenkämpfe nur als Zeitvertreib, den sich nur die Wohlhabenden und auch diese nur in bescheidenem Masse erlauben dürfen, aufgefasst. Nach vollbrachtem Tagewerk lassen die jungen Leute abends öfters ihre Hähne miteinander kämpfen, aber nur sehr selten mit Sporen und um einen Gewinn; auf Wetten lassen sie sich überhaupt nicht ein. Den Einsatz bildet eine alte Perle, ein Beil oder ein Schwert. Verheiratete Leute beteiligen sich nur ausnahmsweise an diesem Vergnügen, das in dieser Form durchaus unschuldig ist. Lassen sich dagegen die Häuptlinge auf ihren Reisen flussabwärts mit Malaien oder Barito und Kahájan Dajak in Wettkämpfe ein, so wird der Einsatz stets so hoch wie möglich gewählt.
Die Sitte verlangt, dass die Stammesgenossen auf den Hahn ihres eigenen Häuptlings setzen. Kwing Irangs Einsatz variierte zwischen 5 und 40 fl.; sein Gefolge wettete 1 bis 2.50 fl. pro Person, so dass stets noch 50 bis 60 fl. hinzukamen und bisweilen 100 fl. auf einen Hahn gesetzt wurden. Bang Jok und die Malaien setzten oft noch grössere Summen auf ihre Hähne; Kwing Irang tat es nur bei einigen besonderen Tieren.
Auch bei den Hahnenkämpfen der Bahau spielen nicht mir die Geister mit ihren Vorzeichen, sondern auch allerlei abergläubische Vorstellungen eine wichtige Rolle. Begiebt sich Kwing Irang z.B. mit seinen Hähnen zu einem anderen Häuptling, so fassen die Kajan diesen Zug als einen wirklichen Kriegszug auf und suchen alles zu vermeiden, was der Männlichkeit und Tapferkeit der Hähne schaden könnte. Daher war Kwing Irang bei unserer Reise zur Küste im Jahre 1897 durchaus dagegen, dass Frauen mit uns reisten, weil diese auf seine Kampfhähne einen nachteiligen Einfluss ausüben konnten. Als eine Frau schliesslich doch mitzog, lagerte sich Kwing Irang mit seinen Hähnen stets in möglichst grosser Entfernung von ihr. Nach Ansicht der Bahau wird nicht nur die Kraft der Hähne, sondern auch die der Männer durch die Berührung mit etwas Weiblichem beeinträchtigt. Die Kajanmänner vermeiden es daher, einen Webstuhl oder getragene Frauenkleider anzurühren; tun sie dies, so werden sie “dawi”, d.h. schwach und haben auf der Jagd, beim Fischfang und im Kriege keinen Erfolg.