Kapitel XIV.
Aufforderung und Vorbereitung zu einem Besuch bei den flussabwärts gelegenen Niederlassungen—Ankunft in Long Nawang—Zustände im Dorf—Freundschaftlicher Verkehr mit den Bewohnern—Besuch von fremden Häuptlingen—Politische Versammlung—Besuch bei den Uma-Djalān—Rückkehr nach Tanah Putih—Vorbereitungen zur Heimreise.
Am Abend des Versammlungstages kamen die angesehensten Männer von Long Nawang zu mir, um über meinen eventuellen Besuch bei ihnen zu reden. Der vornehmste von ihnen war Pingan Sorang, der Sohn Pa Sorangs, der Bui Djalong in der Würde eines Oberhäuptlings vorangegangen war. Die Tatsache, dass Pingang Sorang seinem Vater nicht gefolgt war, machte bereits eine gewisse Eifersucht gegen Bui Djalong begreiflich und ich hatte denn auch gehört, das Verhältnis zwischen den beiden Dörfern der Uma-Tow in Tanah Putih und Long Nawang sei kein sehr freundschaftliches. Dies war auch der Grund, weshalb ich Bui Djalong nicht recht traute, als er mich von einem Besuch weiter unten abhalten wollte.
Bui Djalong hatte sich seinen Stammesgenossen gegenüber wahrscheinlich nicht öffentlich meiner Reise nach Long Nawang widersetzen wollen, denn, wie Pingan Sorang erzählte, hatte er mit ihm verabredet, wieder abwärts zu fahren und dann junge Leute mit einer genügenden Menge von Böten den Fluss hinaufzusenden, um mich und die Meinen abzuholen. Von Long Nawang aus wollte er dann die Häuptlinge der Siedelungen weiter unten am Fluss berufen, um auch mit diesen die in Tanah Putih bereits besprochenen Angelegenheiten zu behandeln. Ich versäumte nicht, meine grosse Zufriedenheit mit diesem Plan zu bezeugen, sowohl wegen des Besuches in Long Nawang als der Versammlung wegen.
Bei ihrer Heimreise am folgenden Morgen begegnete Pingan Sorangs Gesellschaft aber ein schlechtes njaho̱, das sie nach Tanah Putih zurückzukehren zwang, und bald darauf vernahm ich, dass jetzt, wo diejenigen, die meinen Zug abwärts vorbereiteten, einem ungünstigen Zeichen begegnet waren, alle Dorfbewohner sich vor meiner Reise fürchteten. Das Missgeschick mit den Vorzeichen verdross mich umsomehr, als ich merkte, dass noch ganz andere Faktoren als blosse Besorgtheit um unsere Sicherheit im Spiel waren; meine Malaien hatten nämlich unter anderem erzählt, man finde in Tanah Putih, ich sei den Besuchern aus fremden Niederlassungen gegenüber zu freigebig gewesen, und fürchtete, ich würde auf einer Reise flussabwärts zu viel von meinen Artikeln wegschenken. Als auch Bui Djalong und einige Älteste mir meldeten, wie sehr die Bevölkerung jetzt gegen meine Reise sei, sagte ich ihnen, ich betrachtete Pingan Sorangs Vorzeichen nicht als das meine und wollte mir die Angelegenheit im übrigen noch überlegen. Ich nahm mir vor, mich, ohne die Häuptlinge der einen oder anderen Partei zu kränken, selbst aus der Verlegenheit zu ziehen; besonders da es sich um eine politische Versammlung in Long Nawang handelte, war es doppelt wünschenswert, der anderen grossen Partei der Kĕnja zu beweisen, dass es durchaus nicht meine Absicht sei, nur mit Bui Djalong in nähere Berührung zu kommen und mit ihm allein Rat zu pflegen. Nach reiflicher Überlegung mit Demmeni erschien es uns am besten, dass die Leute, die uns von Long Nawang aus abholen kamen, vor ihrer Abreise selbst gründlich die Vorzeichen für uns einholten, was alle Teile befriedigen und sicher zu unserem Vorteil ausschlagen musste. Darauf liess ich Bui Djalong, Pingan Sorang und einige der Vornehmsten von Uma Djalān, die meinen Besuch ebenfalls wünschten, zu einer nochmaligen Besprechung zu mir bescheiden und machte den Vorschlag, aufs neue, diesmal in meinem Interesse, Vorzeichen zu suchen. Ich betonte den fremden Häuptlingen gegenüber, wie viel mir an einem Besuch bei ihnen liege, und dass ich sie sicher begleiten würde, wenn sie günstige Vorzeichen fänden; im entgegengesetzten Falle würde ich jedoch nicht mit ihnen hinunterfahren können. Auf diese Weise unterwarf ich mich völlig ihrer adat und bot gleichzeitig den Bewohnern von Long Nawang die Möglichkeit, mich abzuholen, falls sie dies wollten, während ich denen aus Tanah Putih jede Berechtigung, sich beleidigt zu fühlen, nahm. War die Stimmung der Stämme weiter unten ungünstig, so konnten sie ein schlechtes Zeichen vorschützen, mir jedoch nicht den Vorwurf machen, nicht zu ihnen gekommen zu sein. Die Männer aus Long Nawang bezeugten auch sogleich durch Kopfnicken ihr Einverständnis mit dieser Lösung der Frage, doch wurde die Gesellschaft, als sie meinen Vorschlag gemeinsam überlegten, nicht so bald einig. Zum Schluss sagte Bui Djalong, man wolle sich meinem Wunsche fügen, und die von Long Nawang sollten hinunterfahren, um mit den jungen Leuten im Dorfe zu sprechen. An diesem Tage mussten sie ihres joh wegen noch in Tanah Putih bleiben, aber am anderen Morgen kamen sie vor der Abreise noch, um Abschied zu nehmen und versprachen zum Beweis ihrer Wohlgesinntheit, mit allen weiter unten wohnenden Häuptlingen zu mir herauffahren zu wollen, falls ich sie ungünstiger Vorzeichen wegen nicht besuchen könnte.
Abends kam Bajow, der Anführer der Long-Glat aus Long Dĕho, und erzählte mir, man habe ihn gebeten, nach Hause zurückzukehren, weil sein Kommen nur Unglück im Lande verursacht habe; bei seiner Ankunft sei ein Häuptling der Uma-Bom gestorben und dann einer in Tanah Putih, der eben begrabene Vater Sawang Bilongs. Alle Leiden, die sie auf ihrer Herreise erduldet, bewiesen bereits, unter wie schlechten Vorzeichen sie ihre Reise angetreten haben, man sei also der Meinung, er solle so schnell als möglich mit den Seinen abfahren. Obgleich die Long-Glat durchaus nicht geneigt waren, die schwierige Reise sogleich von neuem anzutreten, fühlten sie sich hierzu doch verpflichtet und wollten sich daher mit Hilfe der Uma-Bom auf den Rückweg machen. Ich konnte nichts dagegen tun und gab ihnen nur einige Briefe mit, um sie als die ersten Berichte aus Apu Kajan zur Küste zu senden.
Gleichzeitig mit den Long-Glat reiste auch Kwing Irang mit den Seinen nach dem nicht weit entfernten Uma Tokong; es war dies das erste Mal, dass die Kajan auf eigene Hand andere Kĕnja zu besuchen wagten. Trotz allem Guten, das sie erfahren hatten, der grossen Gastfreiheit, dem herzlichen Umgang und der Sicherheit im Lande selbst hatten die Kajan bis jetzt ihre Angst vor den Kĕnja nicht soweit bemeistern können, dass sie ihrer Neugier, andere Dörfer kennen zu lernen, nachzugeben wagten und den zahlreichen Einladungen, die sie erhielten, Folge leisteten. Obgleich in Tanah Putih niemand bewaffnet einherging, trugen die Kajan doch stets Schwert, Schild und Speer bei sich, zur grossen Belustigung ihrer Gastherren. Dass diese sie nicht hoch schätzten, zeigte sich darin, dass Bui Djalong mit Kwing Irang keine Blutsfreundschaft schliessen wollte, wodurch eine der Hoffnungen dieses Häuptlings unerfüllt blieb. Auch in anderer Hinsicht erlebten meine Mitreisenden manche Enttäuschung. Sie hatten z.B. gehofft, bei den in ihren Augen sehr urwüchsigen Kĕnja sehr vorteilhaften Handel treiben zu können, aber die Kĕnja besassen alle Artikel ebensogut wie die Bahau; auch Salz und Leinwaren hatten nicht den erwarteten grossen Wert. Infolge dieser Umstände war die Stimmung meiner Kajan durchaus nicht immer fröhlich und sie sehnten sich nach der Heimkehr. Dies war auch der Hauptgrund, weswegen die Kajan sich zu einem Besuch bei den Uma-Tokong ermannt hatten. Bui Djalong hatte ihnen nämlich zu verstehen gegeben, dass sein Stamm sie zwar ernähren könne, aber wegen Reismangels nicht imstande sei, ihnen auch für die Rückreise genügenden Proviant mitzugeben. Hierzu hatten sich jedoch die Stämme der Uma-Tokong, Uma-Bom und Uma-Djalān bereit erklärt, falls die Kajan den Reis selbst bei ihnen holen wollten. Hätte sich ihnen eine andere Möglichkeit geboten, um zu Reis zu gelangen, so hätten sie diesen Zug sicher nicht unternommen. Kwing bat mich auch für die Reise um drei Malaien zum Schutz, die ich ihm gern zugestand. Mit den Kajan zugleich zogen auch die Pnihing nach Uma-Tokong, doch schienen letztere, die ohne Tauschartikel auf Reisen gegangen waren, ihren Aufenthalt in Apu Kajan so satt zu haben, dass sie von dort einem Landweg zum Boh folgten und ohne meine Erlaubnis nach Hause zurückkehrten. Die 6 Pnihing bewiesen dadurch, dass sie mehr Mut besassen als alle Kajan zusammen.
Am 1. Oktober, zwei Tage nach ihrer Abreise, kehrte Lalau bereits aus Uma Tokong mit dem Bericht zurück, Kwing und die Seinen seien dort sehr freundlich empfangen und gefeiert worden und deshalb wohlgemut zurückgeblieben.
Mittags wurde ich durch die Ankunft von 120 Mann aus Long Nawang überrascht, die mich zu ihnen abholen wollten; augenscheinlich hatten sie nicht allzu lange nach günstigen joh gesucht oder zu suchen gebraucht. An diesem Tage war es Demmeni zum ersten Mal geglückt, eine Frau und einen kleinen Jungen zu einer photographischen Aufnahme zu bewegen; zu ihrer Beruhigung musste ich mich neben die beiden stellen, da sich besonders der Vater des Knaben sehr besorgt zeigte. Nun mussten die Negative noch ausgespült und getrocknet werden, ausserdem hatte ich noch verschiedene Massregeln für eine gute Ausrüstung zu treffen. Hauptsächlich musste ich mir die Art und Menge der mitzunehmenden Tauschartikel wohl überlegen, damit wir während unseres ohnehin kurzen Besuchs in diesen Niederlassungen mit Anstand auftreten konnten. Ich nahm die Abwesenheit von Kwing und seinem Gefolge, die mich begleiten sollten, zum Vorwand, um meine Abreise um einen Tag zu verschieben.
Früh am anderen Morgen machten sich Lalau und einige vornehme Männer aus Long Nawang auf den Weg nach Uma Tokong, um Kwing mit seiner Gesellschaft abzuholen, aber erst spät abends kehrte Lalau allein zurück mit dem Bericht, sowohl Kwing als die Kĕnja würden bei den Uma-Tokong durch grosse Feste, die man ihnen zu Ehren veranstaltet hatte, aufgehalten. Auf einer eigens hierfür zusammenberufenen Versammlung hatte Kwing von uns und unserer adat erzählen müssen. Die Uma-Tokong hatten ein Schwein geschlachtet und viele anderen guten Dinge aufgetischt, welche die Kajan nicht im Stich hatten lassen können. In Tanah Putih war übrigens auch noch niemand bereit, mich zu begleiten, denn alle waren eifrig mit der Saat beschäftigt.
Des Morgens hatte sich Bui Djalong zu mir gesetzt und erzählt, einer der wichtigsten Gründe, die man gegen meine Reise abwärts gehabt habe, sei die Furcht gewesen, dass ich dort sehr unangenehme Dinge zu hören bekäme. Man sei dort noch weniger als in Tanah Putih über das Verhältnis zum Radja von Sĕrawak unterrichtet, den sie alle kannten und sehr fürchteten. Da ich alle anderen Beweggründe, vor allem die Schwierigkeit, eine genügende Menge Männer zur Fahrt vom Felde zu holen, wohl einsah, sagte ich, dass ich seine Begleitung zwar sehr schätzte, diese aber für meine Sicherheit nicht notwendig sei, dass jedoch Kwing und seine Kajan in eine Reise ohne ihn nicht einwilligen würden. Letzteres schien wenig Eindruck auf ihn zu machen, denn er erklärte, ohne die Kajan zu erwähnen, dass er nur mitgehen wolle, um mir die Siedelungen flussabwärts zu zeigen. So bat ich ihn denn, ohne die anderen Dorfbewohner, die zu beschäftigt waren, in meinem Boote mitzufahren, um dann unmittelbar nach Verlauf der grossen Versammlung (tenge̥rān ājā) zurückzukehren, damit er möglichst wenig Zeit verliere. Es war mir sehr beruhigend, dass ihn diese Anordnung zu befriedigen schien, denn wenn er sich gekränkt gefühlt hätte, weil ich die Reise gegen seinen Willen durchsetzte, so wäre mir das höchst unangenehm gewesen.
Kwing Irang, der am anderen Morgen gegen 9 Uhr mit seiner Gesellschaft erschien, war augenscheinlich bereits auf die Fahrt nach Long Nawang vorbereitet, wenigstens machte er keine Einwendungen. So war unsere Karawane bald gebildet und bestand aus dem ganzen Personal, uns Europäern und den Kĕnja, zusammen etwa 120 Mann; der grösste Teil der Leute von Long Nawang war über Land bereits in sein Dorf zurückgekehrt, nachdem wir nicht sogleich hatten mit hinunterfahren können.
Wir verliessen Tanah Putih auf einem gut unterhaltenen, breiten Pfad, den ich noch nicht betreten hatte; wegen meiner vielseitigen Tätigkeit kam ich beinahe nicht aus dem Dorf. Der Pfad führte an den Gräbern und einer kubu vorbei, neben der sich zur Abwehr der bösen Geister auf einem hohen Pfahl eine Holzfigur befand. [Tafel 83]. Von hier gelangten wir abwärts zum Ufer des Kĕdjin, unterhalb der Reihe grosser Wasserfälle. Der an dieser Stelle nur 40 m breite Fluss wurde zu beiden Seiten von hohen, mit mächtigen Bäumen bekrönten Felswänden eingeschlossen. Die Bäume waren zur Befestigung eines schweren Rotangnetzes benützt worden, das von dem einen zum anderen Ufer derartig aufgehängt war, dass einige behauene Stämme auf dasselbe gelegt werden konnten, um als Brücke zu dienen. Seitlich stand das Netz den Stämmen entlang sehr steil in die Höhe und gewährte den Fussgängern ein Gefühl der Sicherheit, doch waren die Netzränder zu weit entfernt, um als Stütze dienen zu können. Da die Stämme sehr lose lagen, vertrauten wir uns diesem Brückenbau nicht an, sondern stiegen längs des steilen Ufers abwärts zum Landungsplatz. Die Kajan benützten grösstenteils ihre eigenen Fahrzeuge, für uns lagen aber zwei sehr lange, allerdings etwas schmale Böte bereit mit hoch vorstehenden Vorder- und Hintersteven, verziert mit schön geschnitzten Köpfen.
Nachdem unser Gepäck in den Böten untergebracht worden war, stiessen einige Männer sie vom Ufer ab und bugsierten sie in den Fluss. In einigen kleineren Böten sassen einige Frauen und boten unter all den Männern einen gemütlichen, beruhigenden Anblick. Wegen des sehr hohen Wasserstandes gelangten wir schnell über die vielen Stromschnellen, die von Bänken aus grobem Flussgestein gebildet wurden. Zwischen einigen sehr langen Schnellen verbreitete sich der Fluss bis auf 80 m. Sie liefen in starken Windungen durch eine sehr flache Landschaft, die ihrer ganzen Ausdehnung nach mit jungem Busch (talon) bedeckt war und nur hier und da einige mit Reis oder anderen Produkten bebaute Felder zeigte. An einigen Nebenflüssen zu beiden Uferseiten vorüberfahrend landeten wir zuerst bei der Niederlassung der Uma-Djalān am Long Anjè, an dessen Oberlauf ein Dorf der Uma-Bakong lag. Hier stiegen einige Männer in unsere Böte, um sich mit uns zur Versammlung zu begeben, worauf die Fahrt abwärts bis gegen halb 4 Uhr fortgesetzt wurde. Dann liess man uns auf einer Geröllbank aussteigen und Toilette machen. Die meisten entkleideten sich, tauchten ein paar Mal in den Fluss, schlangen ihre Lendentücher sorgfältig um die Hüften, zogen ihre Festjacken an und strichen das Haar unter dem Kopftuch glatt. Waffen hatten die Kĕnja auch für diesen weiten Zug nicht mitgenommen, ausgenommen einige Arbeitsschwerter. Während wir uns noch verschönten, kamen auch die hinter uns gebliebenen Kajan an, worauf wir in einer Flotte von 12 Böten in guter Ordnung den Fluss weiter hinunter bis zu dem unmittelbar hinter einer Biegung gelegenen Dorf Long Nawang fuhren. Auf Wunsch der Kĕnja sollten wir bei der Landung zum Erstaunen der Menschenmenge, die uns auf dem hohen Uferwall erwartete, unsere Gewehre einige Mal abschiessen. Unsere Anfahrt musste jedoch unterbrochen werden, weil das ganze Flussbett dicht vor dem Dorfe voll grosser Schuttbänke lag, so dass einige Böte festliefen und von der Mannschaft weiter geschleppt werden mussten. Auch mein sehr schwer geladenes Boot war aufgelaufen, aber alle anderen warteten, um das meine als erstes landen zu lassen, worauf man mich auch als Erster an Land zu steigen aufforderte. Unten am Ufer empfingen uns zwei der tüchtigsten Ältesten, die uns nach Pingan Sorangs Haus führen sollten. Der eine nahm mich bei der Hand, der andere Demmeni und so stiegen wir auch den gekerbten Baumstamm hinauf, der uns auf das etwa 10 m hohe Ufer führte. Zum Glück waren die Stufen der grossen Stämme nur schwach ausgetreten, so dass wir beim Steigen mit unseren Schuhen den Menschen oben keinen allzu komischen Anblick boten. Eine grosse Anzahl kleiner, nackter Buben, die uns bei unserer Ankunft längs des Ufers jauchzend nachgelaufen waren, begleitete uns auch jetzt zu den Häusern, blieb aber draussen stehen, als wir die Treppe zum langen Hause Pingan Sorangs bestiegen, das sich dem Ufer am nächsten befand. Die Bauart glich im allgemeinen der von den anderen Dörfern und auch die Wände und Dächer der meisten Wohnungen waren ganz aus Blättern hergestellt. Nur fiel es mir sogleich auf, dass die Diele aus schönen, dicken Brettern bestand, die sich beim Gehen überhaupt nicht bewegten. Wir gelangten sehr bald in die ăwă, wo bereits viele beisammen sassen, hauptsächlich alte Häuptlinge, da die jüngeren uns von oben abgeholt hatten. Pingan Sorang kam mir ein Stück entgegen und führte mich wieder an der Hand vor das Herdfeuer unter einige Reihen schwarzer Menschenköpfe, die auch hier wieder in Palmblätter gewickelt rauchgeschwärzt über dem Versammlungsplatz baumelten.
Unter den Anwesenden sassen bereits verschiedene Häuptlinge vom unteren Kajan, die erst später mit uns Bekanntschaft machten, vorläufig aber nur unser Äusseres anstaunten, während wir auf unsere Klappstühle warteten, die aus den Böten geholt werden mussten. Die neuen Ankömmlinge liessen sich hinter und zwischen den Anwesenden auf den Brettern nieder, ohne dass die grosse ăwă auch nur einigermassen gefüllt wurde. Nachdem unsere Stühle gekommen waren setzten wir uns, worauf Bui Djalong und Kwing Irang zu beiden Seiten von uns Platz nahmen. Den Leuten schien etwas auf dem Herzen zu liegen, was sie nicht zu äussern wagten; bald trat Pingan Sorang, denn auch mit der Bitte vor, der Gesellschaft den Anblick meiner Haut zu gönnen, und da ich wusste, dass ich ihr keine grössere Gefälligkeit erweisen konnte, legte ich sogleich Jacke und Hemd ab und stand auf, um mich eine Zeitlang betrachten zu lassen. Die zahlreiche Menge brach auch hier einstimmig in ein langgedehntes èh aus und starrte dann lange Zeit stumm auf die grosse weisse Erscheinung. Bald darauf brachte man zur Begrüssung einen Topf mit Reiswein von besonders gutem Geschmack, der uns nach der langen Fahrt im offenen Boot sehr erfrischte. Weniger angenehm empfanden wir die zweite Leckerei, ein Glas mit flüssigem Honig von wilden Bienen, vor dem uns nach dem langen Aufenthalt im schaukelnden Boote und bei dem Hunger, der uns quälte, etwas graute. Wir hielten uns jedoch tapfer und verdarben nicht den ersten vorteilhaften Eindruck, den wir zu machen glaubten.
Hiermit war der ernste, aber doch freundliche Empfang abgelaufen, und der Mantri, der uns herbegleitet hatte, forderte uns auf, ihm in das Haus zu folgen, das man für uns bestimmt hatte. Wir gingen rechts durch die ganze Galerie des Hauses und gelangten an ein prächtiges Holzgebäude, das ich bereits im Vorbeifahren vom Flusse aus bemerkt hatte. Die Grundfläche des Hauses betrug etwa 16 × 9 m, und wie man uns erzählte, hatten 700 Menschen 6 Tage lang an dem Bau gearbeitet. Das Haus, das auf [Tafel 86] abgebildet ist, war in der Tat das hübscheste, das ich auf Borneo gesehen hatte. Die Aussenwände schmückten bunte Malereien, auf den Pfählen waren allerhand Tiere, wie Eidechsen, geschnitzt und der First des Daches trug reiche Verzierungen in Form stilisierter Ungetüme und Männer mit europäischen Lanzen und Gewehren. Besonders die bang pakat und die Drachenfiguren unten an der Seite des Hauses waren fein ausgearbeitet. Die innere Ausstattung entsprach vollständig der äusseren. Sämtliche Pfähle und Bretter waren neu, doch setzte uns hauptsächlich ihre Bearbeitung, die diejenige am Mahakam weit übertraf, in Erstaunen. Die Pfähle waren alle so genau viereckig behauen, dass sie wie gehobelt aussahen und so gut ineinandergefügt, dass man die Arbeit eines europäischen Berufszimmermanns vor sich zu haben glaubte und nicht die von Laien, die nicht einmal über Sägen und Hobel zu verfügen hatten.
Kubu in Long Nawang.
Auch der Fussboden war meisterhaft gearbeitet. Die glatten Bretter trugen fast keine Meisselspuren und schlossen fest aneinander. Im Gegensatz hierzu waren die Treppen besonders schmal und schlecht, weil man keine Zeit oder keine Lust zu ihrer Herstellung übrig behalten hatte.
Auch einige Betten und einen schönen Herd aus ganz neuem Holz hatte man für uns gezimmert.
Der Raum genügte, um uns mit Kajan, Malaien und allem aufzunehmen, aber Kwing kehrte mit den Seinen bei den verschiedenen Häuptlingen ein, die ihre Gäste wieder freigebig beköstigten.
Glücklicherweise fiel uns die Menge, die uns voller Interesse von fern anstarrte, nicht lästig. Midan hatte aus Tanah Putih noch ein Huhn mitgebracht, so dass wir ohne fremde Hilfe schnell zu einer Mahlzeit gelangten. Unsere Gastgeber hatten aber auch hieran gedacht und brachten uns etwas später eine grosse Menge Reis und ein Schwein, das wir für den folgenden Tag aufsparten.
Als wir abends ruhig bei der Lampe sassen, stieg die angenehme Überzeugung in mir auf, dass wir mit der Durchsetzung unseres Besuches in Long Nawang das Richtige getroffen hatten. Der freundschaftliche Empfang, die viele Mühe, die man sich mit dem Bau dieses Prachthauses gegeben hatte, und die Anwesenheit so vieler Häuptlinge aus den tiefer gelegenen Dörfern bewiesen mir zur Genüge, dass ich einen Fehler begangen hätte, wenn ich mich von Bui Djalong und den Seinen hätte zurückhalten lassen.
Long Nawang bestand aus 17 langen Häusern mit je 20–40 Familienwohnungen, so dass die Anzahl der Bewohner mindestens 2500 betragen musste. Alle diese Häuser standen auf dem flachen Ufer des Kajan an der Mündung des Nawang. Unweit des Flusses erhoben sich Hügel, auf denen aber keine Häuser standen; alle Dorfleute wohnten dicht beim Fluss, der ihnen Wasser und Badegelegenheit bot. Zwischen den verschiedenen Häusern liefen gute Wege, die hier und da noch mit behauenen Balken oder Brettern belegt waren; der dazwischen liegende Boden war teilweise von Unkraut und Gras gesäubert.
In unregelmässigen Gruppen standen zerstreut kleine Reisscheunen, die im Gegensatz zu den langen Häusern ganz aus Holz gebaut waren. Jede Familie besass meistens mehr als eine Vorratsscheune, weil der Ernteertrag bei den Kĕnja in Folge ihrer Arbeitsamkeit ein viel grösserer ist als bei den Bahau. Ob es diesem Umstand zugeschrieben werden muss, dass erstere 3 Mal täglich, letztere nur 2 Mal zu essen pflegen, wage ich nicht zu entscheiden, denn es ist auch möglich, dass das kältere Klima von Apu Kajan ein grösseres Nahrungsbedürfnis bedingt.
Die Dächer und Wände der gewöhnlichen Häuser bestanden auch hier zum grössten Teil aus Blättermatten, nur die Dächer der Häuptlingswohnungen waren mit wenigen Ausnahmen mit Holz gedeckt. Auf den Fussboden in der Galerie hatte man besondere Sorgfalt verwandt, seine Bretter waren aussergewöhnlich breit und dick. Das Alter und die Dicke der Pfähle in den Häuptlingshäusern liessen erkennen, dass sie bereits mehreren Generationen gedient hatten und stets wieder von der alten Niederlassung nach der neuen mitgewandert waren. Bei den Häusern standen nur wenige Fruchtbäume; auch kleine eingezäunte Gärtchen, wie sie sich sonst in den Dörfern der Bahau und Kĕnja fanden, fehlten hier, wodurch das Ganze ein unfreundliches Aussehen erhielt.
Anderen Tags, am 4. Oktober, wiederholte sich hier das Schauspiel von Tanah Putih. Aus dem grossen Dorfe selbst und wahrscheinlich auch aus der Nachbarschaft strömte vom frühen Morgen an eine Menge Menschen herbei, um uns zu betrachten, die in fröhlichem Gedränge über alles schwatzten, was sie sahen. Mit unseren Malaien standen sie sehr bald in bestem Einvernehmen; meine Leute folgten jetzt meinem Beispiel und waren gegen die Kĕnja viel nachsichtiger und geduldiger als früher den Bahau gegenüber. Übrigens trug die Überzeugung, dass sie sich durch Erregung des Missfallens ihrer Umgebung der grössten Gefahr aussetzten, viel dazu bei, dass sie sich die neugierige Zudringlichkeit der Kĕnja gefallen liessen.
Mit Ungeduld erwartete man die Austeilung von Geschenken; da ich aber weder wusste noch sehen konnte, wer Häuptling, Freier oder Sklave war, so wäre mir diese Aufgabe auch jetzt wieder sehr schwer gefallen, wenn nicht bereits früh Morgens einige niedrigere Häuptlinge zu mir gekommen wären, um zu überlegen, wie ich am besten vorgehen sollte. Sie machten den Vorschlag, dass die Häuptlinge von allen 17 Häusern mir der Reihe nach ihre panjin vorstellen und dabei mitteilen sollten, wer auf ein grösseres und wer auf ein kleineres Geschenk Anspruch machte. So geschah es denn auch; trotzdem war es in den nächsten Tagen äusserst ermüdend, so viele Personen beschenken zu müssen, die alle um mehr baten, und den Vorrat dabei nicht aus dem Auge zu verlieren. Meine beiden vornehmsten Ratgeber standen mir treu zur Seite und zogen schliesslich die Unzufriedenheit derjenigen auf sich, die ohne sie ein grösseres Geschenk von mir erwartet hatten. Auch jetzt kamen weitaus mehr Frauen und Kinder als Männer, um ein Geschenk zu erbitten; doch fehlten auch letztere nicht, besonders die Familienväter suchten eifrig für ihre Kinder ein hübsches Stück Zeug, etwas Perlen, oder eine Tasse mit Salz zu erwischen Die Mütter steckten mir sogar die bewegungslosen Händchen ihrer Säuglinge zu, damit ich etwas Perlen für ein Armband oder ähnliches in sie hineinlegte. Aus manchen Häusern führte man mir 60–70 Personen auf ein Mal zum Beschenken zu, so dass ich täglich nur einige Häuser abmachen konnte. Da ich ausserdem noch mit den einen handeln, die anderen auf Krankheit untersuchen und mit Arzneien versehen musste, waren die Tage in Long Nawang von morgens bis abends sehr belegt. Ich war sogar nicht immer imstande, den vielen Einladungen der Häuptlinge in ihre amin Folge zu leisten, und hatte alle Mühe, meine schwerkranken Patienten in den verschiedenen Häusern zu besuchen. Da sich das Dorf mehrere Hundert Meter dem Ufer entlang ausdehnte, erforderten meine Krankenbesuche oft lange Wanderungen, bei denen ein grosses Geleite von Kĕnjakindern nie fehlte, die nicht wie die Bahau schüchtern hinter mir hergingen, sondern jauchzend durch das Gras zu beiden Seiten des Wegs hersprangen, ohne jedoch durch zu grosse Zudringlichkeit lästig zu werden. Alle Dorfbewohner waren übrigens in diesen Tagen so lebhaft und aufgeregt, dass ich meinen Hund aus Furcht vor einem Unglück anbinden musste. Auch hier überliessen sie mir die Gegenstände, an denen mir lag, gern für einen entsprechenden Preis. Zwar waren ihre Forderungen bisweilen etwas hoch, besonders die mancher Häuptlinge, die an der Küste von dem grossen Interesse der Weissen für ihre Ethnographica gehört hatten, aber wie am Mahakam fasste ich auch hier einen etwas teuren Kauf als ein Geschenk für den betreffenden auf, für den ich sonst bei der grossen Anzahl Hochgestellter nur schwer etwas Grösseres übrig gehabt hätte. Auf dieselbe Weise beschenkte ich auch einige nette junge Mädchen aus einigen Häuptlingsfamilien; besonders Ping, die Enkelin Pingan Sorangs, wurde wegen ihres hübschen Äusseren und der geschmackvollen Kleidung, die sie trug, reichlich von mir bedacht. Für allerhand wertvolle Dinge, die sie von mir haben wollte, verkaufte sie mir mit Hilfe ihrer Mutter, die etwas Busang sprach, der Reihe nach ihr ganzes Kostüm, von der Mütze an bis zur Jacke und dem Rock. Sie erhielt schliesslich einen solchen Schatz an schönem Zeug und Perlen, dass kurz vor meiner Abreise ihr Vater und Grossvater mit ihr zu mir kamen, um sich für alles, was ich Ping gegeben hatte, zu bedanken. Es war dies das erste Mal, dass man mir für genossene Wohltaten nach europäischer Weise Dank sagte. Mit hübschem Zeug durfte ich übrigens freigebig sein, weil die Masse des Volkes, wie schon gesagt, dauerhaften, dicken Baumwollstoff weitaus vorzog.
Obgleich ich ganz überzeugt war, dass eine reiche Austeilung von Geschenken dazu beitragen musste, ein gutes Verhältnis mit den Eingeborenen anzuknüpfen, so war es doch nicht meine Absicht, beim Volk die Meinung zu erwecken, die Dinge besässen für mich keinen Wert; bei praktisch denkenden Eingeborenen wäre eine derartige Vorstellung sehr unerwünscht gewesen. Ich suchte daher jedes Geschenk auf das Notwendige zu beschränken, kam aber dabei oft dem Mindestmasse der Ansprüche meiner neuen Freunde bedenklich nahe und so geschah es bisweilen, dass einer eine Gabe als zu gering nicht annehmen wollte. Erst wenn ich das Geschenk durch eine kleine Zugabe vergrössert hatte, wurde es in Empfang genommen und dann oft mehr geschätzt, als wenn ich es sogleich ohne Bedenken weggegeben hätte. Im allgemeinen war ich also nicht zu freigebig. Übrigens schienen sich die Leute sehr gut in die Schwierigkeiten meiner Lage hineindenken zu können, denn einige der Ältesten Männer äusserten mehrmals ihre Bewunderung über meine Nachsicht gegenüber den Schwächen ihrer Mitbürger. Die Austeilung von Geschenken bot eine erwünschte Gelegenheit, vielen Gliedern eines Stammes, mit denen ich sonst nicht in Berührung gekommen wäre, eine angenehme Erinnerung und die Überzeugung zurückzulassen, dass es ausser dem Radja von Sĕrawak, den sie als einen fernen, stets drohenden Feind hatten betrachten lernen, noch andere einflussreiche Weisse gab, die nur Gutes mit ihnen im Sinn hatten.
So hatten wir bereits am ersten Tage bei der Bevölkerung einen günstigen Eindruck hervorgerufen, bevor am zweiten die grosse Versammlung gehalten wurde. Sehr früh morgens brachten zwei Häuptlinge bereits die Bewohner ihrer Häuser zu mir, aus Furcht, dass ich sonst keine Zeit haben würde, um sie alle zu beschenken. Ich hatte nämlich sogleich bekannt gegeben, dass ich schwerlich länger als fünf Tage würde bleiben können, obgleich es mir sehr leid tue, das schöne Haus nur so kurze Zeit zu bewohnen. Man tröstete mich damit, dass das Haus doch stehen bleiben und als “kubu tuwan dokter” (Haus des Herrn Doktor) später zur Aufnahme von Gästen dienen würde.
An diesem Morgen kamen auch schon die Häuptlinge von Uma-Kulit zu mir herüber, von denen ich einige Einzelheiten über die Töpferei vernahm, welche den Haupterwerbszweig ihres Stammes bildet. Da diese Häuptlinge zu Bui Djalongs Partei gehörten und ich sie für die Versammlung günstig stimmen wollte, fragte ich sie, was sie sich zum Geschenk wünschten. Zum Glück waren sie nicht unbescheiden, nur musste ich einem von ihnen den Rest des dicken Kattuns geben, den ich ursprünglich für meine Gesteinsammlung mitgenommen hatte.
Ich hatte erwartet, wie gewöhnlich erst gegen Mittag zur Versammlung gerufen zu werden, doch geschah dies schon bald nach dem Morgenfrühstück. Bei meinem Erscheinen waren auch bereits viele in der āwā vereinigt; augenscheinlich hatte sie die Neugierde dorthin gelockt, denn von 9 bis halb 12 Uhr taten wir nichts anderes als über allerhand Gleichgültiges schwatzen und einander mit gegenseitigem Interesse betrachten. Bei der grossen Offenherzigkeit der Kĕnja erfuhr ich von ihnen wieder sehr viele Einzelheiten, vor allem über die weiter unten gelegenen Siedelungen der Uma-Kulit, Uma-Bakong, Uma-Baka, Uma-Tĕpu und Uma-Lĕkĕn. Die Vertreter dieser Dörfer fanden es sehr angenehm, von den Ihrigen erzählen zu können, und wurden hierzu noch durch gegenseitigen Wetteifer angespornt. Mit den Männern des am weitesten unten am Fluss wohnenden Stammes der Uma-Lĕkĕn unterhielt ich mich ohne Dolmetscher, da diese stets Busang reden. Von den übrigen beherrschten nur wenige diese Sprache in genügendem Masse, um eine Unterhaltung mit mir zu wagen. Ich erfuhr jetzt, warum man links um unserer āwā, vor der linken Hälfte von Pingan Sorangs Haus, einen hohen Zaun errichtet hatte, hinter den unsere Gesellschaft nicht treten durfte. Zu unserem Erstaunen herrschte im Dorfe augenblicklich das lāli für die Saat, aber wegen unseres Besuches hatte man das Verbot nur für die eine Hälfte des Hauses gelten lassen, wo die Familie der dājung wohnte, die diesem lāli besonders streng unterworfen war. Die Kĕnja bewiesen hierdurch eine viel freiere Auffassung als die Bahau, die sich unter allen Umständen streng an ihre Kultusvorschriften halten.
Während wir uns so unterhielten, erfreuten wir uns an dem Anblick vieler Reihen von jungen Frauen, die aus den verschiedenen Häusern einen Beitrag zur Mahlzeit brachten, an welcher sich die Versammelten vor der eigentlichen Arbeit stärken sollten. Bescheiden vor sich hinsehend und vor den Blicken so vieler fremder Männer verlegen eilten die Kĕnjaschen Schönen etwas besser als gewöhnlich gekleidet in hastigen Schritten an uns vorüber und verschwanden hinter der hohen Türschwelle von Pingan Sorangs Wohnung. Traten sie wieder heraus, so konnten sie nicht umhin, uns und die vielen Fremden mit lachendem Gesicht aus der Ferne zu betrachten; sie blieben sogar ab und zu eine Weile stehen.
Erst gegen Mittag traten die Vornehmsten ein und wurde die Versammlung geordnet. Die Neuangekommenen setzten sich öfters in die hintersten Reihen und wurden dann von einem der Ältesten, die als Zeremonienmeister auftraten, bei der Hand genommen und an einen ihrer Würde entsprechenden Platz geführt. Die Versammlung bot zum Schluss ein übersichtliches Bild von der Würde der Anwesenden, indem die Vornehmsten um den eigentlichen Herd dicht vor uns unter den Schädeln, die jüngsten dagegen in den hintersten Reihen sassen. Im ganzen waren vielleicht 300 Mann vereinigt, als Pingan Sorang das Zeichen zum Auftragen der Mahlzeit gab.
Diese war bereits von den jungen Leuten in der amin aja unter Lachen und Scherzen zubereitet worden; nach kurzer Zeit trugen einige nett gekleidete junge Männer zuerst das Essen der vornehmsten Häuptlinge herein, dann die Päckchen mit Klebreis für die grosse Masse und gaben jedem den ihm zukommenden Anteil. Für Acht von uns hatte man neben dem Klebreis eine Schüssel mit fein gehacktem, in Wasser gekochtem Schweinefleisch hingestellt, eine etwas fette, aber doch schmackhafte Suppe. Nachdem wir gegessen hatten, wurden unsere Schüsseln den Ältesten der Stämme und dann den übrigen panjin vorgesetzt. Nach der Suppe wurde Reiswein herumgereicht, auch diesmal von vortrefflicher Qualität. Das Anbieten eines Glases djakan bedeutete auch hier eine Aufforderung zum Sprechen und so wurde mir das erste Glas gereicht, damit ich durch den Trunk gestärkt das Wort ergriffe. Das tat ich denn auch, doch befolgte ich diesmal den Rat, nicht allzusehr auf die Bezahlung der Bussen zu dringen, welche die Kĕnja den Mahakambewohnern schuldeten. Ob Kwing Irang, der neben mir sass, um den ferneren Verlauf meiner Rede besorgt war, oder ob er dem Glase djakan, das auf ihn wartete, entgehen wollte, weil es ihm bei anderen Gelegenheiten schwer im Magen gelegen hatte, weiss ich nicht, aber er ergriff plötzlich ungefragt das Wort und setzte meine Rede fort. Dass man sein Busang besser verstand als das meine, bezweifle ich; die Versammlung gab jedoch ihrer Verwunderung über dieses ungewöhnliche Verfahren keinen Ausdruck, sondern hörte geduldig zu.
Nachdem Kwing geendet hatte, fragte man Bui Djalong, wer sprechen sollte; so wurde er während der ganzen Dauer der Versammlung, auch hier, in der amin seines Vorgängers Pa Sorang, als erster geehrt. Bui Djalong bestimmte als den Vornehmsten Taman Lawang Pau, den Häuptling der Uma-Tĕpu, der eine lange Rede hielt über das Unrecht, das sein Stamm durch den Überfall der Uma-Alim erfahren hatte; begreiflicherweise war er von diesem Gegenstand erfüllt, doch stand dieser mit dem Zweck unserer Versammlung in keinem Zusammenhang. Von den folgenden Reden verstand ich wieder wenig oder nichts; nur den Uma-Lĕkĕn konnte ich folgen. Nachdem die Vornehmsten alle das Wort geführt hatten, erhielt auch Bui Djalong einen Becher, den er etwas zögernd annahm. Erst sprach er mich kurz in Busang an und sagte, dass alle sich gern der niederländischen Oberherrschaft fügen wollten, dass aber viele fürchteten, dann von dem Radja von Sĕrawak leiden zu müssen. Mit den Worten: “dieses für Sie” wendete er sich von mir ab und setzte seine Rede fort in der Kĕnja-Sprache, in der er ernsthaft und fliessend zu den Versammelten sprach. Auch jetzt machte seine Redeweise den angenehmsten Eindruck. Nach ihm erhielten noch viele andere Häuptlinge das Wort, aber einige waren zum Sprechen zu verlegen, andere sagten nur einen Satz; ausnahmsweise trug ein Häuptling auch einem seiner Ältesten auf, an seiner Statt seine Meinung zu äussern, was die Mahakamhäuptlinge beinahe stets taten.
Gegen 3 Uhr wurden auch hier eine Menge Schwerter als Friedenszeichen der verschiedenen Niederlassungen hereingebracht und grösstenteils mir und Kwing geschenkt, mit Hinzufügung des Ortes, von dem jedes Schwert stammte. Auch Demmeni erhielt einige Schwerter, ebenso wurden Bĕlarè, Bang Jok und den Bukat am Mahakam durch Kwing Irang je ein Schwert als Friedenszeichen zugesandt. Zum Schluss erteilte mir Bui Djalong auf meine Bitte nochmals das Wort, damit ich die Leute beruhigen und ihnen das Verhältnis zwischen der sĕrawakischen und der niederländischen Macht auseinandersetzen konnte. Bui Djalong hatte das bereits getan, aber er meinte, man würde meinen Versicherungen mehr Glauben schenken. Dass ich in der Tat Vertrauen genoss, zeigte sich darin, dass man mich bat, noch an diesem Tage dem Radja einen Brief zu schreiben, in dem ich ihm meine Gegenwart meldete und darlegte, dass die Kĕnja gegen Sĕrawak nicht Böses im Sinn hatten, jedoch um Aufschub der noch schuldigen Bussen baten. Bei der Besprechung der Streitigkeiten mit den Uma-Alim zeigten sich die Uma-Tĕpu sehr befriedigt von meinem Versprechen, dafür sorgen zu wollen, dass der Beamte an der Mündung des Kajanflusses den Uma-Alim ein Schreiben zukommen lasse, in dem er sie vor ferneren Überfällen warnte. Hierbei drückten sie allerdings ihren Zweifel darüber aus, ob es wohl sicher sei, dass die Weissen an der Mündung des Kajan (Kĕdjin) und Kĕlai (Bĕrau) auch zu meinem Volk gehörten, und es kostete mich wiederholte Versicherungen, dass es sich wirklich so verhielt, bevor man sich in diese Tatsache finden konnte.
Abends nach der Rückkehr in meine kubu musste ich noch den englischen Brief an den Radja von Sĕrawak abfassen, wobei eine zahlreiche Menge, die sich bei der feierlichen Handlung etwas ruhiger als sonst verhielt, um mich herumstand. Obgleich ich vor Müdigkeit durchaus nicht zum Schreiben aufgelegt war, musste der Brief doch beendet werden, da der Häuptling der Uma-Kulit, der der Wasserscheide am nächsten wohnte, ihn am folgenden Morgen mitnehmen und dann weiter transportieren sollte.
Eine bessere Schreibgelegenheit hätte ich übrigens auch am folgenden Tage nicht gefunden, denn des Morgens kamen erst die Bewohner einiger Häuser zum se̥lābā und später die fremden Häuptlinge, um Abschied zu nehmen. Sie kehrten alle am Nachmittage in ihre Niederlassungen zurück und verbreiteten dort die Kunde von einem grossen weissen Manne, der im Besitz reicher Schätze sei.
Blick auf die Niederlassung der Kĕnja zu Long Nawang.
Darauf erschienen die Bewohner von Long Nawang selbst und brachten Reis, Eier und Früchte in grosser Menge, hauptsächlich um sie gegen grosse, schöne Perlen und Zeug auszutauschen. Auch der vierte Tag unseres Aufenthaltes ging in so regem Verkehr mit der Bevölkerung vorüber, dass ich mich energisch losreissen musste, um meine Patienten besuchen und das Dorf besichtigen zu können.
Zu gründlichen Studien von Land und Volk fehlte mir die Zeit, und da das Getriebe der Besucher von morgens bis abends kaum zu ertragen war, sehnte ich mich nach dem Augenblick, wo ich, ohne unserem Abkommen untreu zu werden, wieder flussaufwärts fahren konnte. Meine Reisegefährten dagegen unterhielten sich hier sehr gut und fanden in der grossen Niederlassung bessere Handelsgelegenheit als in dem kleineren Tanah Putih. Als Abschlagszahlung von ihrem Lohn kauften sie von mir kostbare Tauschartikel, hauptsächlich Sätze von Elfenbeinarmbändern (gadin), die sie meistens gegen alte Perlen austauschten, die am Mahakam so viel mehr wert waren. Kwing Irang war es auch geglückt, sich alte kupferne uhing oder Glöckchen zu verschaffen, die seine Frauen unten an ihren Jacken trugen und die nur noch bei den Kĕnja in grösserer Anzahl zu finden waren. Er hatte bereits lange seine gadin für sie aufgespart, aber erst jetzt glückte es ihm, sie vorteilhaft gegen die uhing auszutauschen. Diese schienen übrigens so selten zu sein, dass die panjin der Kajan ihrer nicht habhaft werden konnten. Da jeder Kauf Unterhandlungen erforderte, die oft Tage dauerten, war die Eile fortzukommen bei unseren Leuten nicht sehr gross; wenn die Kajan sich im Grunde nicht so sehr nach der Heimreise gesehnt hätten, wären sie zum Aufbruch von Long Nawang noch schwerer zu bewegen gewesen. Nach Übereinkunft mussten wir auf der Rückfahrt einige Tage bei den Uma-Djalān verbringen, was uns ebenso bewegte Tage wie in Long Nawang verhiess.
Auf den 8. Oktober war unsere Abreise festgesetzt, aber die Reiselust war sowohl bei der Mannschaft als bei den Reisenden sehr gering, und so ging ich denn gern auf Pingan Sorangs Vorschlag, noch einen Tag länger zu bleiben, ein, besonders da er bemerkte, seine Männer müssten an diesem Tage noch auf dem Lande arbeiten und könnten mich daher nur schwer begleiten. Vielleicht verhinderte an diesem Tage auch ein lāli die Reise, doch hatte ich keine Zeit, mich danach zu erkundigen. Wir waren mit den Dorfbewohnern so vertraut geworden, als wenn wir uns bereits monatelang in ihrer Mitte befunden hätten; sehr angenehm berührte uns auch die Präzision, mit der für unsere Abreise gesorgt wurde, auch nachdem man nichts mehr von uns zu erwarten hatte.
Der Wasserstand blieb günstig und so konnten wir am sechsten Tage nach unserer Ankunft Anstalten zur Abreise treffen. In der Frühe kamen noch einige Häuptlinge, um mich um etwas zu bitten, hauptsächlich um alte Kleider, die hier zum Unterschied vom Kapuas und Mahakam sehr geschätzt waren; andere dagegen, wie die genannte Ping, kamen, mir ihre Kleider abzuliefern, die sie auf meine Bitte ordentlich geflickt hatten.
Man hatte, wie es sich zeigte, darauf gerechnet, dass die Uma-Djalān uns nach ihrem Dorfe abholen würden, denn es standen zwar eine genügende Menge Böte zu unserer Verfügung, aber ausser den Häuptlingen, die uns das Geleite geben sollten, keine Mannschaft. Als jedoch niemand erschien, brachte man doch eine genügende Anzahl Leute zusammen, um die Reise anzutreten. Als unser Gepäck in die Böte verteilt worden war und die Mannschaft einsteigen wollte, erschien um die Ecke eine Flotte von 30 Böten der Uma-Djalān mit etwa 100 Mann, um uns abzuholen. Mit so grosser Hilfe ging das Umladen schnell von statten und die Long-Nawang zogen ihre Böte wieder an Land, froh nicht mitzugehen zu brauchen. Von kräftigen Armen fortgerudert, verloren unsere Böte die grosse Niederlassung bald aus dem Auge. Doch dauerte die Fahrt mehrere Stunden, während welcher wir noch einmal essen mussten, da die Kĕnja ohne zwingenden Grund nicht gern auf eine ihrer drei Mahlzeiten verzichten.
Aus Furcht vor der bevorstehenden Unruhe bedauerte ich den etwas längeren Aufenthalt in der freien Natur nicht und benutzte die Gelegenheit, um mit einigen unserer neuen Gastherren Bekanntschaft zu schliessen.
Vor unserer Ankunft im Dorfe mussten wir auch jetzt viele Gewehrschüsse abfeuern; ich brauchte meine Patronen nicht mehr so sehr zu sparen und so tat ich den Kĕnja und meinem Geleite gern das Vergnügen. Taman Lĕdjü, der angesehenste der anwesenden Häuptlinge, nahm mich am Landungsplatz wieder bei der Hand und führte mich so einige Hundert Meter durch die grosse Niederlassung und dann eine unbequeme kleine Treppe hinauf; augenscheinlich war dies eine besonders feierliche Art den Einzug zu halten. Die Menschen meinten es gut mit uns, hatten sehr praktisch einen Teil der ăwă des Häuptlings für uns Europäer durch eine Hecke abgeschlossen, wodurch wir die Menge fernhalten konnten, und boten uns unmittelbar nach unserer Ankunft eine Ziege und ein kleines Schwein zum Geschenk an. Unsere weisse Haut wurde wiederum von einer zahlreichen Schar bewundert, aber das war bald geschehen und dann durften wir uns hinter unsere Umzäunung und bald darauf hinter unsere Moskitogardinen zurückziehen.
Am anderen Tage, dem 10. Oktober, kamen die Leute von ihren Reisfeldern heim, betrachteten uns von allen Seiten und waren so ungezwungen, als ob wir bereits lange bei ihnen gewesen wären. Sogleich entstand ein gutes Verhältnis zwischen uns und nach wenigen Tagen fühlten wir uns unter diesen freundlichen Leuten wie zu Hause.
Taman Ulow, der uns vom Boh her kannte, und ein vornehmer Priester Bo Usat traten von Anfang an als Unterhändler zwischen uns und der Menge auf und rieten uns gemeinsam mit dem Häuptling Taman Lĕdjü, auch ihre 14 Häuser auf die gleiche Weise zu selăbă wie in Long Nawang. Da ich nur 3 Tage bleiben wollte, war diese Methode sicher die praktischste, und bereits am ersten Vormittag arbeitete ich sechs Häuser ab, obgleich sich deren Bewohner auch hier sehr gewissenhaft einstellten und alle Lebensalter von den Säuglingen bis zu den alten Männern und Frauen bedacht werden mussten. Die Arbeit war hier übrigens leichter als in Long Nawang; mit etwas Salz für die Kinder und Zeug und Perlen für die Älteren stellten sich alle zufrieden. Auch die gescheidte sympathische Frau des Häuptlings und deren hübsche Töchter waren stets behilflich, ihre Untergebenen zu bescheideneren Wünschen zu bewegen. Des Abends plauderten wir noch eine Weile mit den Häuptlingen von Uma-Djalān und Long Nawang, die noch nicht heimgekehrt waren, am Herdfeuer in der ăwă.
Die Austeilung von Geschenken und Arzneien nahm auch den ganzen folgenden Vormittag in Anspruch. Darauf kamen die vornehmsten Männer des Dorfes in die ăwă zu einer Beratung, wobei sie sich auch hier nach Rang und Stand um einen Mittelpunkt gruppierten, der wiederum durch dag Feuer und einige Reihen von Menschenschädeln darüber gebildet wurde. Zuerst reichte man uns sehr unschuldigen djakan und dann Klebreis mit Schweinefleisch, die beide trefflich schmeckten. Zum Essen hatten wieder teilweise alle Häuser beigetragen, aber diesmal traten die Frauen von hinten in die amin ājā ein, so dass wir uns mit ihrer Betrachtung nicht die Zeit kürzen konnten. Des Morgens hatte die ăwă übrigens nur für die Gesellschaften, die aus den Häusern zum se̥lābā kamen, Raum geboten. Bei dieser Zusammenkunft fanden keine langen Auseinandersetzungen statt, weil die wichtigsten Männer das Notwendige bereits gehört hatten; die Feier bedeutete daher mehr eine Anerkennung unseres Besuches und eine Bewirtung. Zum Schluss wurden uns auch hier einige Schwerter überreicht, die das gegenseitige gute Verhältnis besiegeln sollten.
Hierauf fuhren die von Long Nawang wieder ab, und konnten wir uns seit vielen Tagen zum ersten Mal nachmittags wieder zur Ruhe legen. Bald kam jedoch wieder eine frage- und tauschlustige Menge angezogen, die mich bis ½ 8 Uhr abends beschäftigte und noch länger geblieben wäre, wenn ich mich nicht zu einigen Häuptlingen ans Feuer gerettet hätte.
Der 12. Oktober war wiederum erst der Austeilung von Geschenken gewidmet, mit denen sich alle zufrieden zeigten, mit Ausnahme der meisten Häuptlinge. Diese wünschten alle einen Satz Armbänder, aber ich gab nur Taman Lĕdjü und Bo Usat, den vornehmsten, ein so grosses Geschenk. Es wurde beschlossen, dass die Kajan sich mit einigen Uma-Djalān nach der Niederlassung der Uma-Bakong weiter oben am Anjè begeben sollten, wo man ihnen Reis für die Rückreise versprochen hatte. Zugleich wollte man dort, wie es sich später herausstellte, die Männer ersuchen, mich und die Meinen nach Tanah Putih zu bringen. Ich selbst hatte für mein eigenes Personal bereits Reis in Überfluss erhalten und gekauft. Da jeder Dorfbewohner am ehesten einen Beitrag an Reis liefern konnte, kam jedes Haus beim se̥lābā in der Regel mit einem grossen Korb voll Reis an, viel weniger mit Früchten und anderen Dingen, die mir auch weniger von Wert gewesen wären. Kwing und sein Gefolge zog noch am selben Nachmittage aus und kehrte am folgenden Tage mit einem Vorrat Reis zurück, sehr aufgeräumt über die ihnen gebotene gute Bewirtung, bei der man ein grosses Schwein geschlachtet hatte. Dass die Häuptlinge von Uma-Djalān über ihre Geschenke nicht allzu unzufrieden waren, erfuhr ich zu meinem Vergnügen noch am gleichen Morgen, als man mir im Namen aller ein schönes Boot schenkte, um mit ihm später den Kajan wieder aufwärts zu fahren.
Kwing Irang berichtete, die Uma-Bakong hätten versprochen, zu uns herunterzufahren, um uns nach Tanah Putih zu bringen und auch noch mehr Reis für die Kajan zu sammeln.
Gewöhnt an die Unzuverlässigkeit der Bahau bei Abmachungen, begann ich am folgenden Morgen über das Ausbleiben der Uma-Bakong besorgt zu werden, doch wohnten diese ein grosses Stück weiter oben am Fluss, somit war es begreiflich, dass ihre 100 Mann erst gegen 9 Uhr ankamen. Auch die Böte der Uma-Djalān verursachten uns einiges Kopfzerbrechen wegen ihres geringen Laderaumes, aber die grosse Mannschaft hatte unser Gepäck bald in ihnen verteilt und dann ging es den Fluss wieder aufwärts. Auch jetzt nahm man sich so viel Zeit, dass immer wieder ein Boot anlegte, um Erfrischungen, hauptsächlich Zuckerrohr aber auch Früchte vom Felde zu holen, mit denen man seinen Durst löschte. Fanden die Kĕnja an den Ufern einige Böte, die besser waren als die ihrigen, so luden sie unser Gepäck in jene über und fuhren weiter, ohne die betreffenden Besitzer von ihrem Tun zu benachrichtigen. Diese eigentümliche Handlungsweise ist bei den Kĕnja ganz allgemein im Schwang; da sie sich nicht vorstellen können, dass weit entfernt wohnende Stämme anderen Rechtsbegriffen huldigen, folgen sie ihrer Sitte auch auf den Feldern der Bahau am Mahakam und anderswo und sind dort deshalb verhasst und gefürchtet. Da unterwegs auch noch gekocht wurde, erreichten wir erst um 3 Uhr unsere Abfahrtstelle oberhalb der Djĕmhāngmündung, von wo wir, froh wieder nach Hause zu kommen, nur noch ein Stück über Land zurückzulegen hatten.
In Tanah Putih fand ich, unser ganzes Hab und Gut unverletzt wieder vor. Die Bewohner sehnten sich bereits nach meiner Rückkehr, da einige Kranken meiner Hilfe dringend bedurften. Diese dienten mir als Vorwand, um einige Männer aus Long Nawang, die mich um Kleider baten, bis zum folgenden Tag zu vertrösten. Dann erwartete man mich aber bereits früh bei Bui Djalong, wo einige Männer unter Taman Lawang Pau von unten die Meldung brachten, dass ein Malaie aus Sĕrawak eingetroffen und zu den Uma-Aga gezogen sei. Dieser Mann hatte behauptet, von den Autoritäten in Sĕrawak gesandt worden zu sein, und die Kĕnja ernsthaft gewarnt, sich mit mir einzulassen. Er brachte jedoch keinen Beweis mit, dass ihn in der Tat ein englischer Beamte geschickt hatte, auch hätte ihm dieser sicher nicht erlaubt, auf niederländischem Gebiet auf derartige Weise über uns zu reden; zweifellos musste sein Auftreten seiner eigenen feindlichen Gesinnung zugeschrieben werden. Die Häuptlinge wollten das auch annehmen, hielten es aber für geraten, dass ich auch nach dem Baram über das Treiben dieses Mannes schriebe, damit man auch dort erfahre, dass ich mich im Kajangebiet aufhielt.
Ich benutzte die Gelegenheit, um mit den beiden Häuptlingen über meine Rückreise zu sprechen, damit die unvermeidlichen langen Vorbereitungen möglichst zeitig begonnen Wurden und man in den Dörfern weiter unten sogleich erfuhr, dass ich in der Tat abreisen wollte. Es war nämlich beschlossen worden, dass mich die Vertreter vieler Stämme nach dem Mahakam begleiten sollten, und obgleich ich mir davon nicht viel versprach, wollte ich die Betreffenden doch von meinem Plan benachrichtigen. Die Abreise wurde auf den Beginn des folgenden Neumonds festgesetzt. Dabei betonte ich ausdrücklich, dass ich nicht gewöhnt sei, wegen schlechter Vorzeichen einen Monat zu warten, und dass die Kajan für die Rückreise keine Zeichen zu suchen brauchten. Wolle man mich begleiten, so müsse man zeitig bereit sein. Etwas später wurde ich um einige Paar Hosen, Perlen und Ringe als Lohn für ihre Begleitung die Männer der Uma-Bakong los, kaufte noch eine hübsche Matte von Bo Usat, um diesen einflussreichen Priester der Uma-Djalān noch mehr für mich zu gewinnen, und war mittags endlich einmal von allem Gedränge befreit, da beinahe ganz Tanah Putih auf die ladang gezogen war.
Um mein Reisegepäck möglichst einzuschränken, überlegte ich, was zurückbleiben durfte und was unbedingt mit musste. In Long Nawang hatte ich bereits ein paar Häuptlinge mit zweien meiner Stahlkoffer, deren Inhalt weit und breit unter den Kĕnja zerstreut war, glücklich gemacht; auch Bui Djalong wollte durchaus so einen Koffer haben, den ich ihm leicht geben konnte, da meine Tauschartikel sehr zusammen geschmolzen waren und ich nur wenige wertvolle Dinge, wie einige Elfenbeinarmbänder, wieder mitnehmen wollte. Kwing erstand im letzten Augenblick jedoch noch zwei Sätze, um für diese eine grosse guliga, die er bei den Uma-Tokong gesehen hatte, durch Anjang Njahu kaufen zu lassen, den er zu diesem Zweck dort hinschickte. Zu gleicher Zeit zog Bang Awan auch mit einigen Kajan zu den Uma-Bom, teils aus Neugier, teils um noch Reis für die Rückreise zu kaufen.
Eine angenehme Überraschung bereiteten mir in diesen Tagen einige Männer der Uma-Kulit, die nach Tanah Putih kamen, um Töpfe zu verkaufen; sie erzählten nämlich, dass die Batang-Lupar, als sie den bewussten Brief von mir an den Radja sahen, gesagt hätten, dass der Radja ihnen jetzt wohl nicht länger erlauben würde, im Kajangebiet, auf niederländischem Boden, Kautschuk (lătong) zu suchen, worauf sie sich sehr bald über die Wasserscheide davon gemacht hätten. Diese Tatsache war ein schneller und schlagender Beweis für die Richtigkeit meiner Aussagen auf politischem Gebiet.
Alle überflüssigen Arzneien und Chemikalien zur Konservierung von Zoologica begannen wir jetzt zu vernichten. Einige Schwierigkeiten verursachten uns anfangs die Gifte, weil wir sie aus Furcht, dass die Kĕnja sich auch nach einer Warnung an ihnen vergreifen könnten, nicht vergraben wollten. Zuletzt versenkten wir sie an einer tiefen Flussstelle unterhalb des Dorfes. Die Flaschen fanden viele Liebhaber, es war sogar schwierig, bei der Verteilung keinen Neid zu erwecken; leider durften wir die Büchsen, in denen sich Arsenik und Ähnliches befunden hatte, nicht wegschenken, sondern mussten sie zum Ärger unserer Besucher vernichten. Unsere abgetragenen Kleider fanden reissenden Absatz; kaum merkten die Leute, dass ich nur das Notwendigste für die Reise zur Küste beiseite legte, als sie um ein altes Beinkleid oder Jacket eine förmliche Belagerung veranstalteten.
Diese Begierde nach Kleidern hätte uns beinahe noch ein ernsthaftes Unglück zugezogen; man hatte nämlich Kwing Irang in Long Nawang ohne mein Wissen seine letzte Jacke abgebettelt, wodurch der bejahrte Mann in diesem rauhen Klima schwer erkrankte. Er hatte die Bitten nicht abzuschlagen gewagt und mich auch um keine andere Jacke gebeten, bis man mich eines Morgens zu ihm rief, weil er infolge einer Erkältung an heftigem Fieber krank lag. Ich gab ihm sofort eines meiner warmen wollenen Jagdhemden, in das er sich voll Wohlbehagen einhüllte. Das half jedoch nichts gegen das immer heftiger werdende Fieber, das sich als eine durch Erkältung hervorgerufene Malaria erwies. Abgesehen von der Krankheit selbst verursachte auch der Patient mir viele Schwierigkeiten, denn wie die meisten Häuptlinge war auch er von Kind an sehr verwöhnt worden und hatte sich nicht zu überwinden gelernt. So hatte sich Kwing in der Regel nicht dazu entschliessen können, eine unangenehme Medizin einzunehmen. Allerdings war Kwing so weit von Hause fort etwas fügsamer, als er aber anfangs nach den Chininpillen leicht erbrach, liess er sich nur nach langer Überredung dazu bewegen, die Arznei aufs neue einzunehmen. Es war ein Glück, dass sein Sohn Bang Awan und der Priester Bo Bawan sich bei den Uma-Bom befanden. Die Kajan glaubten nämlich sogleich an Verrat und Vergiftung seitens der Kĕnja und eine Erzürnung der Geister von Apu Kajan und wollten daher ohne Zögern mit dem kranken Kwing den Fluss hinauffahren, um im Walde zu kampieren und den Geistern zu opfern. Der Kranke, dessen Tod in diesem Augenblick einen wahren Schlag für das Resultat meiner Reise bedeutet hätte, befand sich beinahe fieberfrei, als die Seinen von den Uma-Bom zurückkehrten. Immer wieder stellte ich diesen vor, wie gefährlich für Kwing ein Transport aus der gut geschlossenen amin Bui Djalongs in den nasskalten Wald werden könne, und es schien, als ob sie die Richtigkeit meiner Worte einsähen, wenigstens blieben sie den ersten Tag in Tanah Putih. Am zweiten jedoch verschwand Kwing plötzlich mit seinem ganzen Gefolge und ging am Ufer des Kajan hausen. Tags zuvor hatten sie ihn nicht fortschaffen können, weil ein Toter noch unbeerdigt war, so dass ich noch die Möglichkeit gehabt hatte, meinen Patienten mit einer letzten Chinindosis gänzlich vom Fieber zu befreien und ihm seinen normalen Appetit wiederzugeben. Der Rückfall, den ich natürlich fürchtete, blieb jedoch aus, vielleicht dank den Arzneien, der warmen Kleidung und den Verhaltungsmassregeln, die ich ihm mit Lalau nachsandte. Kwing erklärte, sich genau an meine Vorschriften halten zu wollen. Er beabsichtigte, mit seinem Gefolge langsam nach Long Lāja vorauszufahren und mich dort zu erwarten. Die Kajan holten noch einen Teil meines Gepäcks, um mich nicht mit einer allzu grossen Menge zurückzulassen. Es erwies sich, dass die Kĕnja trotz ihrer in mancher Hinsicht viel freieren Auffassung sich doch sehr streng an die Zeichen ihrer Vögel hielten, besonders bei dieser Reise in eine ihnen feindlich gesinnte Gegend. Ich hörte, viele Niederlassungen wollten sich an der Reise beteiligen, im Ganzen etwa 500 Mann, aber jedes Dorf müsse seine eigenen Vögel suchen. Man glaubte für diesen Zug nicht weniger als 10 verschiedene gute Vorzeichen nötig zu haben; da weitaus die meisten in dieser Reihe ein böses Omen fanden, waren sie stets wieder gezwungen, nach Hause zurückzukehren.
Als ich in Tanah Putih noch nichts von einem Vorzeichensuchen merkte und Bui Djalong darüber sprach, erklärte er, dem Anführer der Männer, die mit mir gehen sollten, geraten zu haben, nicht selbst auf die Vogelschau zu gehen, sondern sich derjenigen Niederlassung anzuschliessen, der es gelungen wäre, günstige Vorzeichen zu finden. Die jungen Leute wagten jedoch nicht, diesem Rat zu folgen, und begannen auch von ihrem Dorfe aus auf die Vorzeichensuche zu gehen. Sie hatten jedoch schlechten Erfolg und beschlossen daher doch nach einigen Tagen, auf Bui Djalongs Vorschlag einzugehen, weil sie sich nicht wie die anderen Niederlassungen berechtigt glaubten, bei einem schlechten Omen für immer heimzukehren. Einer über 70 Mann starken Truppe aus Long Nawang war es gelungen, unter ständig guten Zeichen über die Wasserscheide zu ziehen, und nun kehrte ein Teil zurück, um mich abzuholen, während der andere im Gebirgswald blieb, Böte baute und Guttapercha suchte, um diese später am Mahakam zu verkaufen. Bit, der Schwiegersohn Bui Djalongs und Abing Djalong und Ibau Anjè, die Anführer von 80 Mann aus Tanah Putih, wollten sich jetzt den Männern aus Long Nawang anschliessen. Da dies nur unter günstigen Vorzeichen geschehen konnte, zogen sie eines Morgens mit Sack und Pack auf die Suche aus. Anfangs ging alles nach Wunsch, aber als sich einer der Teilnehmer an einem Ruheplatz im Fluss baden wollte, begegnete er der rotköpfigen Schlange, worauf alle nach Hause zurückkehrten und für einen Tag me̥lo̱ eintrat. Als sie sich dann aufs neue aufmachten, flogen zwar der te̥lăndjăng und der hisit rechts d.h. günstig auf, aber darauf trieb die Stimme des Rehs sie ins Dorf zurück. Die Anführer hielten es jetzt nicht mehr für geraten, dass sich so viele an der Reise beteiligten, und da Bui Djalong durchaus nicht wollte, dass die von Long Nawang mich allein begleiteten, beschlossen 4 Häuptlinge, trotz aller bösen Zeichen doch mit mir zu ziehen. Die Vier versuchten nun, sich je zu zweien den vorausgereisten Männern von Long Nawang anzuschliessen, was ihnen auch gelang, ohne bösen Zeichen zu begegnen. Ihre früheren Reisegefährten wollten nur bis oberhalb des Batu Plakau mitgehen, um uns über diese schwierige Stelle zu bringen; obgleich viele von ihnen sich sehr darüber ärgerten, dass sie nicht weiter mit durften, wagte doch keiner gegen die Warnung ihrer Geister sich auf ein solches Unternehmen einzulassen.
Frau der Kĕnja Uma-Tow.
Auch in den anderen Dörfern liessen sich die Bewohner nur mit Mühe von der Reise zurückhalten. Nachdem die Männer von Uma-Djalān sich zwei Mal auf den Weg gemacht und jedes Mal wegen eines schlechten jo̱h hatten zurückkehren müssen, waren sie zu mir gekommen, um den Malaien Lalau zu holen, in der Hoffnung, dass dieser imstande sein werde, ihre jo̱h günstig zu stimmen. Doch auch diese Gesellschaft hörte den kidjang und musste auch nach 9 tägiger Reise mit 110 Mann zurückbleiben. Taman Ulow und einige andere, denen es eine Freude gewesen wäre, mich auch auf der Rückreise zu begleiten, meldeten mir sehr verstimmt ihr Missgeschick und liessen sich auch durch Geschenke nur halb trösten.
Knabe der Kĕnja Uma-Tow.
Unter allen diesen Enttäuschungen trat der 3. November ein, bevor man mit dem Vorzeichensuchen so weit gefördert war, dass ich selbst an eine Abreise denken konnte. Bui Djalong, der selbst nicht viel auf Vorzeichen zu geben schien, ärgerte sich, dass die jungen Männer so viel Wesens daraus machten, und zwang daher halbwegs einen Teil der Männer, die noch mit dem Vorzeichensuchen beschäftigt waren, mich an einem bestimmten Tage abzuholen. Ich selbst schickte meine Malaien an das Ufer des Kajan voraus, um dort Hütten für uns zu bauen und einen Teil des Gepäckes mitzunehmen. Nach Übereinkunft sollte Ibau Anjè mich am anderen Tage mit den Männern seines Hauses abholen, hauptsächlich um unsere Sachen zum Fluss zu transportieren. Einige von ihren Feldern zurückkehrende Männer erzählten uns, die von Uma-Djalān ausgesandten Leute wären bereits so weit vorgerückt gewesen, dass ihr Lagerplatz sich dicht unterhalb der Brücke über den Kajan befand.
Am letzten Abend war unsere Wohnung ständig voller Freunde und Bekannten, die Abschied nehmen wollten und ihr Bedauern darüber aussprachen, dass wir schon so bald wieder abreisten. In den letzten Tagen machte sich in allen unseren Gesprächen die Abschiedstimmung bemerkbar.
Früh am anderen Morgen erschienen bereits eine Menge Häuptlinge bei uns, die sich alle verabschieden (nẹăt) und ihren Kummer (lẹwang) über unsere Abreise ausdrücken wollten. Einige blieben nur kurze Zeit, andere länger, auch waren die Kinder wie immer sehr lebhaft, so dass nur wenig Raum und Zeit übrig blieben, um an das Einpacken der Sachen die letzte Hand anzulegen. Einige Frauen tauschten noch zuletzt etwas Reis, Tabak und Eier gegen Perlen aus und erschöpften dadurch meinen Perlenvorrat beinahe gänzlich. Die meisten älteren Frauen hatten Tränen in den Augen und auch meine Scherze brachten kein Lächeln auf den Gesichtern meiner besten Freundinnen zum Vorschein. Bui Djalong und sein Bruder Bo Anjè blieben bei uns, bis wir aufbrachen, was erst um 9 Uhr geschehen konnte, weil die Kĕnja noch aus ihrem Lager herunterkommen mussten. Ich begann bereits an ihrer Ankunft zu zweifeln, als sie endlich erschienen, aber in geringerer Anzahl als verabredet war, so dass viele kleineren Gepäckstücke noch unter die Anwesenden zum Tragen verteilt werden mussten. Am schnellsten waren die jungen Mädchen unter Anführung von Dow, Bui Djalongs Tochter, bei der Hand, um Tragkörbe zu holen und den Rest der Sachen in diese zu verteilen. Sie verliessen in langer Reihe die Hütte, um alles an den Fluss zu tragen. Auch unsere Malaien waren mit ihren Lasten bereits vorausgegangen, so dass wir uns mit nur wenigen Begleitern als Letzte auf den Weg machten.
Bui Djalong drückte zu wiederholten Malen sein Bedauern darüber aus, dass er wegen der Fehden mit den Uma-Alim und anderer Hindernisse sein Land eben nicht verlassen konnte, um uns zu begleiten. Ich hatte ihm und seiner Frau bereits am Tage vorher einen Abschiedsbesuch gemacht; wie er mir jetzt beim Fortgehen die Hand drückte, fragte er sehr bewegt, ob wir uns je wiedersehen würden. Er schien nur halb getröstet als ich ihm sagte, dass es wohl noch einige Jahre dauern werde, bevor ich wieder eine so grosse Reise unternehmen könne.