KAPITEL XXIV

[1]. Weiterhin muß die epische Dichtung dieselben Arten haben wie die Tragödie, denn sie muß entweder einfach oder verflochten, charakterzeichnend (ethisch) oder leidvoll (pathetisch) sein, auch die Teile mit Ausnahme der musikalischen Komposition und der szenischen Ausstattung müssen die nämlichen sein, denn auch das Epos bedarf der Peripetien (Schicksalswendungen), der Erkennungen und der leidvollen Begebenheiten Endlich müssen die Gedanken und der sprachliche Ausdruck kunstgerecht sein.

[2]. All diesen Forderungen hat Homer, sowohl als erster wie in genügender Weise, Eechnung getragen. Denn er hat jedes seiner Gedichte dementsprechend angelegt, die Ilias einfach und leidvoll, die Odyssee verflochten —beruht sie doch ganz auf Erkennungen—und charakterschildernd. Dazu kommt, daß sie im sprachlichen Ausdruck und in der Gedankenbildung alle (anderen Epen) übertroffen haben.

c. 24, 3. Das Epos.

[3]. Was nun die Komposition anbelangt, so unterscheidet sich die epische Dichtung (von der Tragödie) in betreff ihrer Ausdehnung und ihres Versmaßes. In bezug auf die Ausdehnung dürfte die bereits angegebene Begrenzung hinreichend sein, nämlich, daß man imstande sein müsse Anfang und Ende zu überblicken. Dies wäre der Fall, wenn einerseits die Kompositionea von geringerer Ausdehnung als die der alten (Epiker) wären, andrerseits dem Gesamtumfang der für eine einzelne (Tages-) Vorstellung angesetzten Tragödien gleichkämen.

[4]. Für die Ausdehnung des Umfangs kommt nun der epischen Dichtung ferner eine gewisse Eigentümlichkeit sehr zu statten, insofern es in der Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich gleichzeitig zugetragen haben, nachahmend darzustellen, sondern nur den Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schauspielern abspielt. In der epischen Dichtung dagegen als einer erzählenden Darstellung kann man viele sich gleichzeitig vollziehende Teile vorführen, wodurch, falls sie innerlich zusammenhängen der Körper des Dichtwerks stattlicher wird, so daß dieser (vorteilhafte) Umstand seiner Prachtentfaltung dient, den Zuhörer in einen Stimmungswechsel versetzt und das Gedicht durch ungleichartige Episoden erweitert; ist es doch das nur zu rasch sättigende Einerlei, das den Mißerfolg von Tragödien zu verschulden pflegt.

[5]. Was aber das Versmaß anbelangt, so hat sich das heroische (der Hexameter) erfahrungsgemäß als das angemessene erwiesen. Denn wollte jemand in irgend einem anderen Versmaße eine erzählende Dichtung nachahmend darstellen oder gar in mehreren, so würde das unpassend erscheinen. Denn das heroische ist von allen Versmaßen das gemessenste und gewichtvollste, weshalb es auch vorzugsweise Glossen, Metaphern und Zusätze aller Art aufnimmt; sticht doch auch die erzählende nachahmende Darstellung (selbst) gerade darin von anderen dichterischen Darstellungen ab. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter haben einen beweglichen Charakter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz, jener zum Handeln. Noch verkehrter (1460a) wäre es, wenn jemand allerhand Versmaße untereinander mischen würde, wie dies Chairemon getan. Deshalb hat auch noch niemand eine lange (epische) Komposition in einem anderen als dem heroischen Versmaß gedichtet, sondern die Natur selbst hat, wie wir sagten, das jener zusagende Versmaß zu wählen gelehrt.

[6]. Homer, wie er in vielen anderen Dingen lobenswert ist, ist es auch darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Unklaren darüber ist, was er selbst zu tun habe. Der Dichter soll nämlich so wenig wie möglich in eigner Person reden, denn nicht nach dieser Richtung hin ist er ein nachahmender Darsteller. Die übrigen (epischen) Dichter dagegen treten durchgängig in eigener Person auf und stellen daher nur weniges und auch das nur gelegentlich nachahmend dar. Jener aber (Homer) führt nach einer kurzen Einleitung sofort einen Mann oder ein Weib oder irgend eine andere Figur ein, und zwar nicht ohne Charaktereigenschaft, sondern mit einem (bestimmt ausgeprägten) Charakter.

c. 24, 7. Das Epos.

[7]. In der Tragödie muß man das Wunderbare darstellen in der epischen Dichtung dagegen hat vielmehr das Vernunftwidrige, auf dem in der Hauptsache das Wunderbare beruht, seinen Platz, weil man (daselbst) nicht auf den Handelnden seine Blicke wendet; wie denn z.B. die Vorgänge bei der Verfolgung Hektors[70] auf der Bühne dargestellt einen lächerlichen Eindruck machen würden, auf der einen Seite die stillstehenden und nicht verfolgenden Mannen, auf der anderen einer[71], der abwinkt. Im Epos dagegen bleibt das Widersinnige (eines solchen Vorgangs) verborgen, denn das Wunderbare erregt Wohlgefallen. Ein Beweis dafür ist, daß alle Erzähler übertreiben, in der Absicht damit zu erfreuen.

[8]. Im besonderen hat Homer auch die anderen (Epiker) belehrt, wie man (zweckmäßig) Unwahres sagen könne. Dies beruht aber auf einem Trugschluß. Die Menschen glauben nämlich, da, wenn ein erstes (A, die erste Praemisse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite Praemisse) eintritt, daß nun ebenso, falls das Spätere (B) wirklich ist, auch das Frühere (A) wirklich ist oder geschieht. Das ist aber ein Fehlschluß. Falls nämlich das erste (A) falsch ist, etwas anderes (B) aber—die Richtigkeit des ersten (A) vorausgesetzt-—otwendigerweise wirklich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B) hinzufügen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser Geist, daß nun auch das erste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist folgendes aus der Badeszene[72] ‹....›

[9]. Endlich muß man dem unmöglichen Wahrscheinlichen vor dem möglichen Unglaubhaften den Vorzug geben. Allerdings darf man nicht die Stoffe auf vernunftwidrige Einzelteile aufbauen, sie sollen wo möglich überhaupt nichts Vernunftwidriges enthalten, wenn aber dies nicht möglich, so möge es (wenigstens) außerhalb der (eigentlichen) Handlung Hegen, wie z.B. (das Vernunftwidrige) im Oidipus, seine Unkenntnis nämlich, auf welche Weise Laios ums Leben kam[73], aber nicht innerhalb des Dramas, wie z.B. in der Elektra[74] die Berichterstattung über die pythischen Spiele oder in den Mysern der Mann, der stumm von Tegea bis Mysien wanderte.[75] Zu sagen, daß sonst die Fabel in die Brüche gehen würde, wäre also lächerlich, man muß eben von vornherein keine derartigen Fabeln anlegen. Hat man es aber dennoch getan und erscheint das Stück im allgemeinen glaubwürdig, so mag man auch das etwa Vernunftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die Unzuträglichkeit der Szenen in der Odyssee, die sich bei der Aussetzung[76] (des schlafenden Odysseus) abspielen (1460b) sofort in die Augen fallen, wenn ein minderwertiger Dichter sie verfaßt hätte. Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch andere Vorzüge das Vernunftwidrige versüßt und dadurch (dem Bewußtsein) entrückt.

[10]. Dem sprachlichen Ausdruck soll der Dichter seine besondere Sorgfalt in den inhaltsleeren Teilen zuwenden, d.h. solchen, die weder durch Charakterschilderung noch durch Gedanken sich auszeichnen. Andrerseits würde freilich ein allzu glänzender Stil sowohl die Charakterzeichnung wie den Gedankeninhalt verdunkeln.


[KAPITEL XXV]

c. 25, 1. Das Epos, Probleme und Lösungen.

[1]. Über die Probleme[77] (kritische Bedenken) und deren Lösungen (Widerlegungen), auf wie vielen und wie beschaffenen Gesichtspunkten sie beruhen, wird man sich durch folgende Betrachtung ein klares Bild machen können. Da nämlich der Dichter ebenso wie der Maler oder irgend ein anderer bildschaffender Künstler ein nachahmender Darsteller ist, so muß er notwendigerweise stets eine bestimmte von drei möglichen Arten nachahmend darstellen, nämlich entweder (1) wie die Dinge waren oder sind oder (2) wie man sagt, daß sie seien oder wie sie zu sein scheinen oder (3) wie sie sein sollen. Diese Dinge werden nun dargestellt durch die allgemein gebräuchliche Ausdrucksweise oder auch durch Glossen und Metaphern oder was es sonst noch von Wandlungen des sprachlichen Ausdrucks gibt, denn diese (Freiheiten) gestatten wir ja den Dichtern.

[2]. Dazu kommt ferner, daß die Richtigkeit in der Politik und der Dichtkunst sowenig als in irgend einer anderen Kunst oder Wissenschaft und der Dichtkunst ein und dasselbe bedeutet. In der Dichtkunst selbst gibt es zweierlei Fehler, der eine betrifft ihr Wesen, der andere ist rein äußerlich.

[3]. Hat sich der Dichter zum Vorwurf genommen ‹etwas richtig› nachahmend darzustellen, ‹verfehlt aber sein Ziel› aus eigenem Unvermögen, so liegt der Fehler in der Dichtkunst selbst; wenn er dagegen den Vorwurf richtig gestellt, aber Unmögliches geschildert hat, wie z.B. ein Pferd, das mit beiden rechten Beinen zugleich ausschreitet, oder was sonst in jeglicher Kunst, wie der Medizin oder irgend einer anderen, welcher Art auch immer, ein Fehler sein würde, so betrifft dieser nicht das Wesen der Kunst. Man muß daher nach diesen Gesichtspunkten die tadelnden Einwürfe in den Problemen betrachten und lösen (widerlegen).

[4]. Erstens also was die Lösungen in bezug auf die gegen die Kunst als solche gerichteten Einwürfe betrifft Wenn Unmögliches dargestellt wurde, so liegt zwar ein Verstoß vor, aber die Sache hat doch ihre Richtigkeit, falls damit der Zweck der Dichtung erreicht wird; der Zweck nämlich ist, wie bereits erwähnt wenn der Dichter eine erschütterndere "Wirkung, sei es in dem betreffenden Teil oder in einem anderen, damit erzielt. Ein Beispiel bietet jene Verfolgung des Hektor.[78] Wenn es aber möglich war, den Zweck, sei es in höherem oder geringerem Grade, auch entsprechend der in diesen Dingen herrschenden Kunstregel zu erreichen, so hat es mit dem Fehler nicht seine Richtigkeit, denn, wenn es irgendwie angeht, soll überhaupt keinerlei Fehler begangen werden.

[5]. Man kann ferner die Frage aufwerfen, worin denn der Fehler begangen ist, ob gegen die Kunstregel oder irgend etwas anderes Zufälliges; denn weit geringer ist das Versehen, wenn jemand z.B. nicht wußte, daß die Hindin keine Hörner hat[79], als wenn er sie ohne (eigentlich) nachahmend darzustellen gezeichnet hätte.

[6]. Wenn ferner getadelt wird, daß die Darstellung nicht wahr sei, müßte man den Einwand so entkräften: Aber vielleicht wie sie sein sollte, wie ja auch Sophokles gesagt hat, er stelle Menschen dar, wie sie sein sollen, Euripides aber, wie sie sind.

c. 25, 7. Probleme und Lösungen.

[7]. Läßt sich aber keins von beiden behaupten, so kann man sich darauf berufen, daß man eben so sagt, wie in den Erzählungen über die Götter. Vielleicht ist es aber weder besser sie so darzustellen, noch der Wahrheit entsprechend, sondern es verhält sich möglicherweise damit so, wie es bei Xenophanes lautet[80] (1461a) ‹....›, dann (erwidere man), allein man sagt nun einmal so.

[8]. Anderes wiederum ist zwar vielleicht nicht zweckmäßiger, aber eswar tatsächlich einmal so, wie z.B. das über die Waffen Gesagte: "Aber die Lanzen | standen empor auf dem Fuße des Schaftes[81], solchen Brauch nämlich befolgte man damals, wie auch heute noch die Illyrier.

[9]. In der Beurteilung der Frage, ob das von jemand Gesagte oder Getane sittlich gut oder nicht ist, muß man nicht nur die Handlung und die Eede selbst in Betracht ziehen und darauf achten, ob sie edel oder gemein ist, sondern auch den Handelnden oder Redenden ins Auge fassen (und untersuchen) im Verhältnis, zu wem oder wann oder zu wessen Gunsten oder zu welchem Zweck (es geschieht), z.B., ob eines größeren Gutes wegen, das erreicht, oder eines größeren Übels wegen, das verhütet werden soll.

[10]. Andere Einwände muß man durch Beobachtung des sprachlichen Ausdrucks beseitigen, z.B. durch Annahme einer Glosse. "Die Mäuler zuerst."[82] Vielleicht meint nämlich (der Dichter) mit dem Worte ourēas, nicht "Maultier", sondern die "Wächter". Und von Dolon sagt er: "Der von Gestalt (eidos) zwar häßlich"[83]. Damit bezeichnet er nicht einen unebenmäßigen Körper, sondern ein häßliches Gesicht; gebrauchen doch die Kreter das Wort eueides (= schöngestaltet) im Sinne von euprosōpon (= schön von Antlitz). Ferner, "Mische reineren Wein" (zōróteron),[84] d.h. nicht ungemischten Wein, wie für Trunkenbolde sondern (mische) "schneller."

[11]. Ein anderes ist metaphorisch gesagt z.B.

"Alle nunmehr, so Götter wie rossegerüstete Krieger
Schliefen die ganze Nacht"

und doch heißt es unmittelbar darauf

"Siehe, so oft er sein Aug' hinwandte zum troischen Felde.
Der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge."[85]

Jenes, "Alle" wird an Stelle von "Viele" metaphorisch gesagt, denn ein "Alles" ist nur eine Art des "Vielen".

Auch jenes "allein nicht teilnimmt"[86] ist metaphorisch zu verstehen, denn das "bekannteste" ist (hier) das "alleinige".

[12]. Ferner kann man auf Grund der Prosodie (Einwände widerlegen), wie Hippias der Thasier dies tat in jenem "wir gewähren (dídomen) ihm aber"[87] und "Das zum Teil durch den Regen verfault"[88].

c. 25, 13. Probleme und Losungen.

[13]. Wieder anderes vermittelst der Interpunktion, wie z.B. Empedokles[89] sagt:

"Schnell erwuchs als sterblich, wasfrüher unsterblich sich wußte,
Und als gemischt, was lauter zuvor."

[14]. Anderes sodann durch die Annahme einer Amphibolie (Doppelsinn):

"Von der Nacht entschwand der größere Teil"[90]

denn der Ausdruck "größere" (pleíō) ist doppelsinnig.

[15]. Andere Bedenken (lösen sich) mit Berufung auf den Sprachgebrauch: Ein Mischgetränk, sagt man, sei Wein.

Nach diesem Gesichtspunkt wurde gebildet:

"Schiene von neubereitetem Zinne"[91],

nennt man doch die Eisenschmiede auch Kupferarbeiter.

Wiederum nach demselben Gesichtspunkt heißt es: Ganymed Ganymed
"schenkt dem Zeus Wein ein"[92],

obwohl sie (die Götter) keinen Wein trinken[93]. Doch könnte man dieses Beispiel auch als Metapher auffassen.

[16]. Man muß auch, wenn ein Wort etwas Widersprechendes zu bezeichnen scheint, untersuchen, wie vielfach es diesen Sinn an der (betreffenden) Stelle haben kann, wie z.B. in jenem "Da hielt die eherne Lanze an"[94], wie vielfach es dort den Sinn "hemmen" annehmen kann.

[17]. Ob so oder wie jemand die Sache vorzugsweise (1461b) auffassen möchte, ist zu erwägen, im Gegensatz zu dem Verfahren, von dem Glaukon berichtet. Einige gehen von grundlosen Voraussetzungen aus und nach dem sie eigenmächtig ein richterliches Urteil gefällt haben, bauen sie Schlüsse darauf und tadeln dann den Dichter, falls sie auf etwas stoßen, das ihrer (vorgefaßten Meinung widerspricht, weil er nicht das gesagt hat, was in ihren Kram paßt. So erging es mit den Erörterungen über Ikarios. Man geht nämlich von der Voraussetzung aus, er sei ein Lakone. Es schien daher ungereimt, daß Telemachos, als er nach Sparta kam[95], mit ihm nicht zusammengetroffen sei. Es verhielt sich damit aber vielleicht so, wie die Kephallenier berichten. Sie erzählen, daß Odysseus sich bei ihnen seine Frau geholt habe und es sei Ikadios und nicht Ikarios (sein Schwiegervater). Demnach ist es wahrscheinlich, daß jenes Problem einem Mißverständnis entsprungen ist.

[18]. Im allgemeinen muß man das Unmögliche in der Dichtung entweder auf das Zweckmäßigere oder auf die herrschende Meinung zurückführen. Denn für die Dichtung ist das glaubhaft Unmögliche dem zwar Unglaubhaften, jedoch Möglichen vorzuziehen Mag es nun auch vielleicht unmöglich sein, daß es solche Personen gibt, wie sie z.B. Zeuxis zu malen pflegte, so ist es doch zweckmäßig (sie so darzustellen), denn dem Ideal gebührt der Vorrang.

[19]. Das Vernunftwidrige muß man auf das, was die Leute sagen, zurückführen und man kann es sowohl in dieser Weise rechtfertigen, wie auch damit, daß es zuweilen ja gar nicht vernunftwidrig sei, da es wahrscheinlich ist, daß etwas auch gegen die Wahrscheinlichkeit sich ereignet.

c. 25, 20. Probleme und Lösungen.

[20]. Das in widerspruchsvoller Weise Gesagte soll man so prüfen, wie die Widerlegungen in der Dialektik, ob es sich um das Nämliche oder ob es in derselben Beziehung oder derselben Art und Weise gilt, mithin auch der Dichter entweder gegen das, was er selbst sagt, oder gegen das, was ein vernünftiger Mensch voraussetzen würde, (sich in Widerspruch verwickeln darf).

[21]. Gerecht dagegen ist der Tadel, sowohl gegen Vernunftwidrigkeit wie Schlechtigkeit, wenn (der Dichter) ohne jeden äußeren Zwang sich des Vernunftwidrigen bedient, wie z.B. Euripides im Falle des Aigeus[96], oder der Charakterschlechtigkeit, wie im Orestes[97] der des Menelaos.

[22]. Die Einwendungen ergeben sich demnach aus fünf Arten, denn entweder tadelt man etwas als unmöglich oder als vernunftwidrig oder als sittenverderblich oder als widerspruchsvoll oder als einen Verstoß gegen die technische Kunstrichtigkeit. Die Lösungen (Widerlegungen) aber sind nach den aufgezählten Unterabteilungen zu betrachten deren es zwölf gibt.


[KAPITEL XXVI]

[1]. Man könnte nun die Frage aufwerfen, ob die epische nachahmende Darstellung oder die tragische die vorzüglichere sei. Ist nämlich die minder plumpe die vorzüglichere, der Art ist aber die, welche auf ein besseres (gebildeteres) Publikum Bezug nimmt, so ist offenbar diejenige nachahmende Darstellung, die sich an Krethi und Plethi wendet, eine plumpe. In der Überzeugung nämlich, die Zuschauer würden kein Verständnis (für die Darstellung) zeigen, falls er (der Schauspieler) nicht seinerseits etwas dazu beiträgt, so bewegen sich diese in starken Verrenkungen; es wälzen sich z.B. die stümperhaften Flötisten, wenn es gilt den Diskuswurf nachahmend darzustellen und zerren den Chorführer (am Gewände), wenn sie die Skylla blasen.

[2]. Die Tragödie ist nun der Art, wie auch die älteren Schauspieler ihre Nachfolger beurteilten, denn Mynniskos nannte den Kallipides, weil er gar zu sehr übertrieb, einen Kallias[98] und in einem ähnlichen (üblen) Rufe stand auch Pindaros. Wie sich nun (1462a) jene (älteren Schauspieler) zu diesen verhalten, so verhalte sich die ganze (tragische) Kunst zur epischen Dichtkunst. Diese, so behauptet man, wende sich an hochstehende Zuschauer, die keiner (tänzelnden) Bewegungen bedürfen, die tragische dagegen an niedrige. Wenn sie demnach eine plumpe Kunst ist, so sei sie offenbar auch die tiefer stehende.

[3]. Allein erstens ist das eine Anklage gar nicht gegen die Dichtkunst, sondern gegen die Vortragskunst, denn es kann auch der Rhapsode durch Bewegungen übertreiben, wie dies Sosistratos getan und (ebenso) bei den musischen Wettkämpfen, wie dies Mnasitheos der Opuntier getan. Sodann ist keineswegs jede Körperbewegung zu verwerfen, da ja auch der Tanz nicht verworfen wird, sondern nur die Bewegung von Stümpern, wie ja auch Kallipides getadelt wurde und heutzutage andere, weil sie freie Frauen nachahmend darzustellen nicht verständen.

c. 26, 4. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.

[4]. Ferner erreicht die Tragödie auch ohne (schauspielerische Bewegung ihren Zweck, genau so wie die epische Dichtung, denn schon durch die bloße Lektüre zeigt sie, von welcher Art sie ist. Wenn sie also im übrigen wenigstens (dem Epos) überlegen ist, braucht ihr jedenfalls jener Tadel nicht notwendig anzuhaften.

[5]. Sodann (2) (ist sie überlegen) weil sie alles besitzt was die epische Dichtung hat, denn auch dasselbe Metrum kann sie anwenden und darüber hinaus hat sie einen nicht unbedeutenden Teil an der musikalischen Aufführung und den szenischen Ausstattungen durch welche die Lustempfindungen überaus lebendig verwirklicht werden. Sodann übt sie diese lebendige Wirkung auch aus sowohl bei der Lektüre wie bei den (tatsächlichen) Aufführungen.

[6]. Ferner (3) erreicht die Tragödie das Ziel (1462b) der nachahmenden Darstellung innerhalb eines kleineren Umfangs; denn was gedrängter ist, ist angenehmer, als was mit viel Zeitaufwand (wie mit Wasser) vermischt ist. Ich denke dabei an folgendes: Wenn jemand den Oidipus des Sophokles in so viel Verse setzen würde wie die Ilias hat ‹....›.

[7]. Endlich (4) ist die epische Dichtung eine weniger einheitliche nachahmende Darstellung. Beweis dafür ist, daß aus jeder beliebigen nachahmenden Darstellung sich mehrere Tragödien bilden lassen, sodaß, selbst wenn sie (die Epiker) eine einheitliche Fabel schaffen sollten, diese, entweder abgehackt, falls kurz dargestellt oder, falls sie mit der Ausdehnung der (epischen) Versgattung gleichen Schritt hält, wässerig erscheinen würde. Ich meine damit, wenn es (das Epos) z.B. aus mehreren Handlungen sich zusammensetzt wie die Ilias viele derartige Teile hat und die Odyssee, Teile, die auch für sich schon eine (genügende) Ausdehnung besitzen. Und doch hat er (Homer) diese Gedichte in der denkbar trefflichsten Weise gebaut und es ist seine nachahmende Darstellung, soweit dies nur irgend möglich, die einer einheitlichen Handlung.

[8]. Wenn demnach sie (die Tragödie) in all diesen (Vorzügen) überlegen ist und überdies indem Ziel der Kunst—denn diese (Dichtarten) sollen nicht jede beliebige Lustempfindung erzeugen, sondern nur die bereits erwähnte—so leuchtet ein, daß sie vortrefflicher als die epische Dichtung ist, indem sie ihren Endzweck vollständiger erreicht.

[9]. Über die Tragödie also und das Epos sowohl an sich wie über ihre Arten und Bestandteile, wie viele deren sind und wie sie sich unterscheiden, welches die Ursachen ihres Erfolges oder Mißerfolges sind, und über die Probleme und deren Lösungen mag derartiges gesagt sein....


NAMENVERZEICHNIS[99]

[Agathon] (c. 447—400): [c. 9, 5]. [18, 4, 5, 6]. Berühmter, von Aristoteles hochgeschätzter Tragiker. Sein erster Sieg (417/6) liegt der Rahmenerzählung von Platons Gastmahl zugrunde, an dem er auch als Unterredner teilnimmt. Seine Selbständigkeit und Originalität kennzeichnen die allerdings nicht lobenswerte Loslösung der Chorgesänge von der Handlung durch Einlegung von Intermezzi (Embolima) und besonders seine völlig freierfundene Tragödie Anthe, früher fälschlich Anthos "Blume" und seit Welcker oft auch Antheus betitelt.

[Aiasdramen]: [c. 18, 2]. Solche gab es außer dem erhaltenen des Sophokles auch von Aischylos ("Waffengericht"), Karkinos, Theodektes, Astydamas d. J., Livius, Ennius, Pacuvius, Accius und Augustus. In dem Wettstreit um die Waffen des Achilles siegte Odysseus. Diese Niederlage nahm sich Aias so zu Herzen, daß er in Wahnsinn verfiel. In diesem Zustande richtete er unter einer Viehherde ein Blutbad an in dem Glauben, seine Feinde, Agamemnon und Odysseus, zu vernichten. Als er dann wieder zu sich kam und seinen Irrtum erkannte, stürzte er sich aus Scham in sein Schwert. Aus dieser Inhaltsübersicht ersieht man, daß Aristoteles das Drama mit Recht zu den pathetischen zählt.

Aigisthos: [c. 13, 6]. Der Buhle der Klytaimestra, Mörder des Agamemnon und von deren Sohn, Orestes, getötet (Aischylos' Agamemnon und Choephoren, Soph. und Eurip. Elektra).—Die Komödie, auf die hier angespielt wird, war vermutlich von Alexis, einem der berühmtesten Vertreter der sogenannten mittleren Komödie und Zeitgenossen des Aristoteles.

[Aischylos] (525/4—456): [c. 4, 9]. In der Poetik kaum berücksichtigt, ja Aristoteles ignoriert sogar den trilogischen Aufbau seiner Dramen, was [c. 18, 4] geradezu bestätigt, nicht widerlegt wird.

[Choephoren]: [c. 16, 4]. Elektra erschließt die Ankunft ihres Bruders aus der Haarlocke am Altar und aus Fußtapfen. In dem von Aristoteles gebildeten Syllogismus läßt sich nicht erkennen ob zu "ähnlich", "Orestes" oder "mir" zu ergänzen ist. Nach der Art, wie Sophokles, Euripides und Aristophanes auf diese Erkennungsszene anspielen, ist das erstere, mit alleiniger Berücksichtigung der Haarlocke, wahrscheinlicher.

Myser: [c 24, 9]. Der Held der nicht erhaltenen Tragödie war Telephos, der Sohn des Herakles und der Auge. Er war nach sakralem Brauch zum Schweigen verurteüt, bis er sich von einer Blutschuld gereinigt hatte. Denselben Stoff behandelten Sophokles, Agathon, Nikomachos und auch Euripides, doch spricht das bei Aischylos sehr beliebte Schweigmotiv mehr dafür, daß dessen Drama hier gemeint, ist.

[Niobe]: [c. 18, 4]. Wer den ganzen Sagenstoff behandelt hat, wissen wir nicht. Tragödien desselben Titels gab es aber von Sophokles und einem gewissen Meliton.

Philoktet: [c. 22, 5]. [23, 4]. Nicht erhalten, doch kennen wir seine Behandlung im Vergleich zu der des Sophokles (erhalten) und Euripides aus Dio Chrysostomos.

Phorkiden: [c. 18, 2]. Ein 339 wieder aufgeführtes Satyrdrama dessen Inhalt unbekannt ist, doch scheint Perseus der Held gewesen zu sein.

Prometheus: [c. 18, 2]. Es ist nicht zu entscheiden, ob der uns erhaltene oder der "Gelöste Prometheus" hier gemeint ist.

Alkinoos, Mär des: S. [Homer].

[Alkmeon]: [c. 13, 4]. [14, 4]. Ermordete seine Mutter Eriphyle. Ein vielbehandelter Tragödienstoff, so von Sophokles, Euripides, Agathon, Nikomachos, Euaretos, Theodektes und Astydamas d. Älteren ([c. 14, 5]).

[Amphiaraos]: S. [Karkinos].

Anthe: S. [Agathon].

Antigone: S. [Sophokles].

Argas: [c. 2, 3]. Falls die Lesart richtig, wohl identisch mit dem Dichter und Kitharoden, einem Zeitgenossen des Aristoteles. Der Titel des Nomos ist ausgefallen.

Ariphrades: [c. 22, 6]. Wohl der Verfasser einer Schrift über den tragischen oder den dichterischen Stil überhaupt. Nicht identisch mit dem von Aristophanes gegeißelten Lüstling.

Aristophanes (c. 450—385): [c. 3, 2]. Die Art der Erwähnung zeigt, daß schon zur Zeit des Aristoteles, der der "alten Komödie" nicht besonders freundlich gesinnt war, Aristophanes bereits als der Hauptvertreter der Gattung anerkannt war.

Astydamas (Ende des 4. Jahrh.): [c. 14, 5]. Urgroßneffe des Aischylos, sein Sohn gleichen Namens und sein Vater waren ebenfalls tragische Dichter. Er soll 240 Tragödien verfaßt haben, von denen nur 18 Verse erhalten sind, von dem hier genannten "Alkmeon" kein einziger.

C. s. auch unter K.

[Chairemon]: [c. 1, 5]. [24, 5]. Älterer Zeitgenosse des Aristoteles, gewöhnlich als Verfasser von Lesedramen genannt, zu denen wohl auch sein "Verwundete Odysseus" gehörte den Aristoteles vielleicht in [c. 14, 5] im Auge hatte. S. unter Sophokles Odysseus [Akanthoplex]. Das hier erwähnte polymetrische Gedicht "Der Kentaur" muß eine Art Epyllion, das zum Vortrag bestimmt war, gewesen sein, da es als eine Rhapsodie bezeichnet wird. Wenn es einmal auch als "polymetrisches Drama" zitiert wird, so geschah dies wohl wegen einiger in jambischen Trimetern verfaßten Dialogpartien.

[Chionides]: [c. 3, 4]. Der älteste attische Komödiendichter, dessen erster Sieg in das Jahr 487 fällt. Die unter seinem Namen zur Zeit des Aristoteles im Umlauf gewesenen Komödien waren aber Fälschungen. S. auch [Magnes].

Choephoren: S. [Aischylos].

[Danaos]: S. [Theodektes].

[Dikaiogenes]: [c. 16, 3]. Tragiker und Dithyrambendichter, Zeitgenosse des Agathon. Neben den Kypriern wird noch eine Tragödie "Medea" genannt. In jener scheint Teukros der Held gewesen zu sein. Nach dem Tode seines Vaters, Telamon, der ihn verstoßen hatte, kehrte er in seine Heimat Salamis zurück, woselbst sich die hier erwähnte Erkennungsszene zugetragen haben wird. Aus der Art, wie Aristoteles darauf anspielt läßt sich schließen daß er die Tragödie bei seinen Zuhörern als bekannt voraussetzen konnte.

Dionysios: [c 2, 2]. Berühmter Maler aus Kolophon, Zeitgenosse des Polygnot, mit dem er auch sonst zusammengestellt wurde. Er war ihm in vielem nicht unähnlich, nur daß ihm die Erhabenheit abging, was mit dem ihm hier zugeschriebenen Realismus sich wohl vereinigen läßt.

Dolon: [c. 25, 10]. Der trojanische Held der sogenannten Doloneia in B. X der Ilias.

Elektra: S. [Sophokles].

Empedokles (blühte um 450) aus Agrigent: [c. 1, 5] [[21, 4]]. [25, 13]. Berühmter Dichterphilosoph, auch Naturforscher. Arzt, Redner und Priester. Sehr zahlreiche, zum Teil umfangreiche Fragmente erhalten. Wenn er in dem Dialog "Über die Dichter", im Gegensatz zu [1, 5], gerade als Dichter verherrlicht und mit dem Beinamen "homerisch" geehrt wird, so ist dies nur ein scheinbarer Widerspruch, da jenes Loblied vermutlich dem Gesprächsgegner des Aristoteles in den Mund gelegt worden war. Überdies wird er an unserer Stelle von einem anderen Gesichtspunkt aus beurteilt.

Epichares: [c. 22, 4]. Ein fingierter, aber auch sonst bezeugter Eigenname.

Epicharmos (blühte Ende des 6. Jahrh.): [c. 3, 4]. Einer der berühmtesten griechischen Komödiendichter, von dessen, wie es scheint, "Dramen" betitelten Werken wir noch sehr zahlreiche Überreste, jedoch nur kleineren Umfangs besitzen. Er war in Krastos (Sizilien), nicht Kos, geboren, wirkte aber als Dichter in dem hybläischen Megara und in Syrakus. Es waren dies dorische Kolonien, daher die Ansprüche der Dorer auf die Erfindung der Komödie. Das "um vieles älter" darf in dieser tendenziösen Beweisführung nicht zu wörtlich genommen werden.

Eriphyle: S. [Alkmeon].

Eukleides: [c. 22, 4]. Durch den Zusatz "der Alte" von den vielen, auch bekannten Namensvettern unterschieden. Gegen die neuerdings ausgesprochene Vermutung, er sei mit dem berühmten athenischen Archon und Reformator des attischen Alphabets (403) identisch spricht bei Aristoteles, seinem jüngeren Zeitgenossen, gerade jener Zusatz. Eher könnte man an den Begründer der megarischen Philosophenschule, den Freund des Sokrates und Platon, denken.

Euripides (485—407/6): [c. 13, 4]. [17, 3]. [18, 4-6]. [25, 6]. Der jüngste der drei großen Tragiker. Der häufige Tadel des Aristoteles richtet sich gegen dessen mangelhafte Technik.

([Elektra]): [c. 13, 6]. [14, 4]. Orestes und Aigisthos. Personen im Drama.

[Iphigeneia] in Aulis: [c. 15, 5]. Der hier ausgesprochene Tadel ist von Schiller energisch zurückgewiesen worden.

Iphigeneia, Taurische: [c. 14, 9]. [16, 2-5]. [17, 3].
—: [c. 11, 4]. [16, 2]. Person im Drama, ebenso Orestes in [c 11, 4]. [16, 2]. Dieses Drama und der Oed. Tyr. des Sophokles sind dem Aristoteles die zwei Mustertragödien.

[Kresphontes]: [c. 14, 9]. Eines seiner berühmtesten Dramen, das noch zu Plutarchs Zeiten seine erschütternde Wirkung nicht verfehlte und in der Neuzeit sehr oft nachgeahmt wurde (s. Lessing, Hamb. Dram. St 37—50) Der Inhalt ist uns hauptsächlich aus den sog. Fabeln des Hygin (184) bekannt. Merope im Begriff einen im Schlafe liegenden Jüngling, den sie für den Mörder ihres Sohnes Kresphontes hält, mit dem Beil zu erschlagen, erkennt in ihm noch rechtzeitig ihren eigenen Sohn. Beide töten sodann im Verein den Usurpator Polyphontes, der den Gatten der Merope ermordet und die Witwe gezwungen hatte ihn zu heiraten. Vgl. Hamlet und Richard III.

[Medea]: [c. 14, 4]. [15, 7]. [25, 21]. Der Tadel an letzter Stelle bezieht sich doch wohl auf die scheinbar unmotivierte Einführung des Aigeus, nicht auf das so betitelte Drama desselben Dichters.

[Melanippe] die Weise, im Unterschiede von Melanippe die Gefangene desselben Dichters: [c. 15, 5]. Die Anspielung bezieht sich auf ihre berüchtigte Verteidigungsrede, in der sie sich mit sophistischen Gründen bemüht, ihrem Vater zu beweisen daß ihre dem Poseidon heimlich geborenen Kinder auch von einer Kuh zur Welt gebracht und gesäugt werden konnten, ohne die Naturgesetze zu verletzen. Die Anfangsworte sind uns zufällig erhalten.

[Orestes]: [c 15, 5]. [25, 21]. Darin spielt Menelaos eine charakterlose Rolle.

[Philoktetes]: [c. 22, 5]. S. [Aischylos]' Philoktetes.

[Troerinnen]: [c. 23, 4]. S. [Ilias, die Kleine].

[Eurypylos]: S. [Sophokles].

Ganymedes: S. [Probleme].

Glaukon: [c. 25, 17]. Wohl ein Grammatiker. Da zahlreiche Schriftsteller denselben Namen tragen, ist eine Identifizierung nicht möglich. Nur an den Rheginer, den ältesten Homer-erklärer, der überdies Glaukos, nicht Glaukon hieß, darf man schon wegen des Inhalts des Zitats nicht denken.

Hadesdramen: [c. 18, 2]. Dramen mit dem Schauplatz in der Unterwelt waren: Aischylos' Sisyphos der Steinwälzer, Euripides' (Kritias?) und Achaios' Peirithoos.

Haimon: S. Sophokles Antigone.

Hegemon v. Thasos (Ende des 5. Jahrh.): [c 2, 3]. Berühmter Parode und auch Komödiendichter, von Aristoteles zuerst erwähnt, später sehr häufig. Erhalten sind ein längeres Fragment (21 Hexameter) und zwei Trimeter.

Helle: [c. 14, 9]. Verlorene Tragödie eines wohl berühmten Dichters, da Aristoteles seinen Namen zu nennen nicht für nötig hält. Auch von der hier zugrundeliegenden Sagenversion, die von der sonstigen Überlieferung völlig abweicht, ist uns keine Kunde erhalten, doch wußte man von drei Söhnen, die sie dem Poseidon geboren hatte.

Herakleis: [c. 8, 2]. Heraklesepen dichteten Kinaithon (c. 750), Peisandros (c. 650) und Panyasis, der Onkel des Herodot, 9000 Verse in 14 B. Nur von diesem sind einige Bruchstücke erhalten.

[Hermokaikoxanthos]: [c. 21, 1]. Ein aus drei Flußnamen des westlichen Kleinasiens, Hermos, Kaïkos, Xanthos, gebildetes Kompositum. Nach der Lesart der arabischen Übersetzung waren derartige Zusammensetzungen bei den Bewohnern von Massalia (Marseille) üblich und zwar soll die hier erwähnte ein lokaler Beiname des Zeus gewesen sein.

Herodot (blühte um 450): [c. 9, 2]. Der "Vater der Geschichte". Seine Verwendung als typisches Beispiel verdankt er nicht so sehr der Wertschätzung seitens des Aristoteles, als dem Umstand, daß das vielfach dichterische Kolorit seines Werkes ihn im Zusammenhange ganz besonders zur Exemplifizierung geeignet erscheinen ließ. Der von Aristoteles rein hypothetisch gesetzte Fall ist übrigens bei Livius tatsächlich eingetreten, der von Festus Avienus (4. Jahrh. n. Chr.) in Jamben übertragen wurde.

Hippias von Thasos: [c. 25, 12]. Nur hier genannt, denn seine Erwähnung bei einem späten Erklärer des Aristoteles, es handelt sich um dasselbe "Problem", geht auf unsere Stelle zurück.

[Homer]: [c. 1, 5]. [2, 3]. [3, 1-2]. [4, 4-6]. [8, 3]. [15, 9].[ 23, 3]. [24, 2-6-8]8.

[Ilias]: [c. 4, 6]. [8, 3]. [15, 7]. [18, 4]. [20, 9.] [23, 4]. [24, 2]. [25, 4]. [26, 7]. Die "Abfahrt" ([c. 15, 6]) bezieht sich auf die a.a.O. zitierte Stelle der Ilias, wo durch das Erscheinen der Göttin Athene die Heimkehr des Heeres verhindert wurde.—Schiffskatalog ([c. 23, 3]). Teiltitel des 2. B. (s.u.).

Odyssee: [c. 4, 6]. [8, 3]. [13, 6]. [17, 4]. [23, 4]. [24, 2-9].[26, 7]. Mär des Alkinoos ([c. 16, 3]) und Badeszene (Niptra, [c. 16, 1]. [24, 8]) sind Teiltitel der Odyssee, die vor der erst später eingeführten Buchzählung im Gebrauch waren. Der Titel umfaßte aber nach [c. 24, 8] das ganze 19. B, einschließlich der Begegnung des Odysseus und der Penelope.

Margites [c. 4, 4-6]. Ein burleskes Epyllion, in dem Hexameter und jambische Trimeter abwechselten. Es schilderte in ergötzlicher Weise einen Tölpel, "der viele Dinge wußte, aber alle schlecht". Als unhomerisch scheint es erst nach Kallimachos (c. 150) erkannt worden zu sein.

Ikadios: [c. 25, 17]. Dieser angebliche Name des Schwiegervaters des Odysseus, statt des homerischen Ikarios, begegnet nur hier.

Ilias s. [Homer].

[Ilias, Die Kleine]: [c. 23, 4]. Ein nachhomerisches, dem sogenannten "Epischen Kyklos" angehöriges Epos. Wenn Spätere allgemein einen Lesches von Lesbos als Verfasser nennen, so fällt das aristotelische Zeugnis der Anonymität dagegen entscheidend ins Gewicht. Die Erzählung begann etwa da, wo die homerische Ilias aufhörte (Lösung Hektors) und endete mit dem Fall Trojas und der Erzählung des Schicksals der gefangenen Troerinnen. Die Liste des Aristoteles ist nicht vollständig noch streng chronologisch und vermutlich nach dem Gedächtnis angegeben. Mit zwei Ausnahmen decken sich die Titel mit denen noch nachweisbarer Tragödien.

Waffengericht: S. [Aiasdramen].

Philoktet: Von Aischylos, Sophokles, Euripides, Achaios, Antiphon, Philokles, Theodektes dramatisiert.

Neoptolemos (= Eurypylos s. [Sophokles]): Von Nikomachos.

Bettlerrhapsodie (= [Lakonierinnen] s. Sophokles).

Ilions Zerstörung: So hieß ein Drama Iophons, des Sohnes des Sophokles und ein Epos des "Kyklos".

Abfahrt des griechischen Heeres nach der Insel Tenedos, vor der Erzählung des Hölzernen Pferdes und der Einnahme Trojas. Ein Drama dieses Titels ist nicht bekannt.

Sinon: S. [Sophokles]. Durch Vergils Aeneis II allgemein bekannt.

Troerinnen: S. [Euripides]. Die Schicksale der trojanischen Gefangenen (Hekuba, Andromache, Kassandra, Polyxena) sind von vielen dramatisiert worden. Erhalten sind neben den Troerinnen nur die Hekuba und Andromache, ebenfalls von Euripides, und Aischylos, Agamemnon (Kassandra).

Iphigeneia: S. [Euripides] und [Polyeidos].

Ixiondramen: [c. 18, 2]. Unter anderen Missetaten versuchte er sich an Hera zu vergreifen und wurde dafür gemartert, indem er an ein geflügeltes, sich ewig drehendes, feuriges Rad gebunden wurde. Der Sagenstoff wurde von Aischylos, Sophokles (?), Euripides, Kallistratos und Timesitheos dramatisiert.

[Kallipides]: [c. 26, 2-3]. Berühmter Schauspieler, Zeitgenosse des Sokrates, von dem eine Anzahl Anekdoten überliefert ist.

[Karkinos]: Der jüngere Tragiker dieses Namens, Zeitgenosse des Aristoteles. Er soll 160 Tragödien verfaßt haben und hat elfmal gesiegt.

Thyestes: [c. 16, 1]. Nur hier genannt und nicht ohne weiteres mit seiner ebenfalls nur einmal erwähnten Aerope zu identifizieren, da der fruchtbare Tragiker, wie z. B auch Sophokles und Euripides, mehrere Tragödien aus demselben reichhaltigen *agenstoffe behandelt haben kann. Die "Sterne" waren angeblich ein auf der Schulter der Nachkommen des Pelops befindliches, hellglänzendes Zeichen. In welcher Situation es für eine Erkennung benutzt wurde, entzieht sich jeder Vermutung.

[Amphiaraos]: [c. 17, 1]. Der Vater des [Alkmeon] (s.d.) und Gatte der Eriphyle. Der Name scheint aber nur aus einer Randbemerkung in den Text gedrungen zu sein, da er in der syrisch arabischen Übersetzung fehlt, die überdies einen Zusatz in der griechischen Vorlage voraussetzt, der wohl die jetzt nicht mehr erkennbare Art des Verstoßes deutlicher machte.

[Karthager]: [c. 23, 2]. Es handelt sich um den großen Sieg Gelons und Therons über die Karthager bei Himera in Sizilien, der nach Herodot an demselben Tage, wie der griechische Seesieg bei Salamis (27./28. Sept. 480) stattgefunden haben soll. Von diesem bis auf den Tag genauen Synchronismus hält sich Aristoteles frei. Der von ihm geleugnete kausale politische Zusammenhang, den die alten Historiker behaupten, wird auch jetzt wieder, aber, wie es scheint, mit Unrecht, meist gänzlich in Abrede gestellt.

Kentauros: S. [Chairemon].

Kephallenier: [c. 25, 17]. Die Bewohner der dem Odysseus untertänigen Inseln und des Festlandes. Kephallenia als Inselname ist Homer noch unbekannt.

Kleophon: [c. 2, 3]. [22, 1]. Epiker, von dem Aristoteles in der Rhetorik ein Werk Mandrobulos, wohl ein Epyllion, nennt. Sonst unbekannt, denn mit dem Tragiker gleichen Namens, von dem 10 Dramentitel überliefert sind, ist er kaum identisch.

Klytaimestra: [c. 14, 4]. Homer kennt K. weder als Gattenmörderin (so erst seit Stesichoros) noch Orestes als Muttermörder. Diese Sagenversion war aber durch Aischylos so festgewurzelt, daß die ursprüngliche für Aristoteles wohl nicht mehr in Betracht kam, denn sonst wäre das Beispiel im Zusammenhang nicht glücklich gewählt.

Krates: [c. 5, 2]. Attischer Komödiendichter, zuerst Schauspieler in den Stücken des Kratinos. Er errang seinen ersten Sieg 449. Eine Anzahl Titel und einige Bruchstücke sind erhalten. Er nahm unter den Dichtern der alten Komödie eine Sonderstellung ein, wie schon aus der berühmten Kritik in den Rittern des Aristophanes hervorgeht.

Kreon: S. Sophokles [Antigone].

Kreter: [c. 25, 10]. Aristoteles oder sein Gewährsmann wird die hier mitgeteilte sprachliche Beobachtung einem attisch-kretischen Glossar entnommen haben. S.u. Kyprier.

Kyklop: S. [Philoxenos], [Timotheos].

[Kypria]: [c. 23, 4]. Nachhomerisches, anonymes Epos des Epischen Kyklos in 11 B., vermutlich in Kypros entstanden und schon von Herodot dem Homer abgesprochen. Spätere legten es einem Stasimos oder Hegesias (Hegesinos) bei. Das Gedicht behandelte die Vorgeschichte des trojanischen Krieges, beginnend mit dem Urteil des Paris, und bildete eine Fundgrube für tragische Stoffe. Wir können noch etwa 15 Dramentitel nachweisen, von denen allein 9 auf Sophokles fallen. Erhalten ist nur die Iphigenia in Aulis des Euripides, von dem Epos nur wenige Verse. Daselbst war auch die [c. 8, 3] erwähnte Episode erzählt. Odysseus stellte sich wahnsinnig, um dem Zugegen Troja nicht folgen zu müssen, wurde aber durch eine List von Palamedes entlarvt.

Kyprier: S. [Dikaiogenes].
—Dialekt der: [c. 21, 3]: S. Einleitung [S. XXIV].

Laios: [c. 24, 9]. Vater des Oidipus, der ihn unerkannt erschlug und dessen Nachfolger auf dem Thron Thebens wurde. Auf die hier erwähnte Unwahrscheinlichkeit wurde bereits [c. 14, 5] angespielt.

[Lakonierinnen]: S. [Sophokles].

Lynkeus: S. [Theodektes].

[Magnes]: [c. 3, 4]. Neben [Chionides] (s.d.) der älteste attische Komiker. Er hat elfmal gesiegt. Uns sind einige Titel erhalten. Es ist zweifelhaft, ob selbst Aristophanes noch Stücke von ihm gelesen hat. Jedenfalls waren etwaige dem Aristoteles bekannte Komödien nicht echt, was die alten Kritiker schon erkannt hatten.

Margites: S. [Homer].

Massalioten: S. [Hermokaikoxanthos].

Medea: S. [Euripides].

Megarer: [c. 3, 4]. Ihre Ansprüche scheinen nicht unbegründet gewesen zu sein, wenn auch die von Aristoteles selbst zurückgewiesene etymologische Begründung nicht haltbar ist.

Melanippe: S. [Euripides].

Meleagros: [c. 13, 4]. Eine berühmte Sagenfigur und Held der "Kalydonischen Jagd". Bei der Verteilung der Beute erschlägt er die Brüder seiner Mutter Althaia. Sie verflucht ihn darob und verbrennt ein Holzscheit, an das sein Leben geknüpft war, so daß er in jugendlichem Alter stirbt. Der dankbare Mythos, in dem auch Atalante eine bedeutsame Rolle spielt, wurde von vielen Dichtern, insbesondere von den Tragikern, behandelt, so von Phrynichos, Sophokles, Antiphon, Euripides und, nach Aristoteles, von Sosiphanes. Die einzige uns erhaltene dichterische Darstellung ist die des Ovid (met. 8, 270 ff.). Sehr beliebt war die Sage auch in der Kunst (Vasen, Tempelgiebel und Sarkophage).

Menelaos: S. Euripides [ Orestes].

Merope: S. Euripides [Kresphontes].

Mitys: [c. 9, 9]. Er war in einem Straßenaufruhr getötet worden. Wenn Plutarch angibt, daß die Strafe den Mörder bei einer Festfeier ereilte, so beruht dies wohl auf einem Mißverständnis des Wortes "theorunti" ("anschauen"), das Aristoteles sonst nie in seiner sakralen Bedeutung gebraucht.

Mnasitheos: [c 26, 3]. Ein nur hier erwähnter, in lyrischen Wettkämpfen auftretender Sänger. Dem ganzen Zusammenhang nach wohl ein Zeitgenosse des Aristoteles.

Mynniskos: [c. 26, 2]. Darsteller von Heldenrollen (Protagonist) in den späteren Tragödien des Aischylos.

Myser: S. [Aischylos].

Mysien: [c. 24, 9]. Provinz im Nordwesten Kleinasiens.

Neoptolemos: [c. 23, 4]. Sohn des Achilles. S. [Ilias, Die Kleine] und [Sophokles].

Nikochares: [c 2, 3]. Verfasser eines, wie es scheint, burlesken Epos, der Deliade, nur hier erwähnt. Vielleicht identisch mit dem Komödiendichter, dessen "Lakoner" zusammen mit dem "Plutos" des Aristophanes aufgeführt wurden.

Niobe: S. [Aischylos].

Odyssee: S. [Homer].

Odysseus, der Verwundete: S. [Karkinos] und [Sophokles].

—, der Trugbote: [c. 16, 4]. Verfasser unbekannt. Vielleicht ein Satyrdrama.
—, in der Skylla: S. [Timotheos].

Oidipus: S. [Sophokles].

Orestes: [c. 13, 4]. Die Sage des O. Orestes: [c. 13, 4]. Die Sage des O.
—: S. [Aischylos] Agamemnon, [Choephoren].
—: S. Sophokles [Elektra]
—: S. Euripides [Elektra], [Iphigeneia], [Orestes].
—: S. [Polyeidos] Iphigeneia.

Pauson: [c. 2. 2]. Attischer Karikaturenmaler aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrh. Schon von Aristophanes verspottet und noch Aristoteles warnt die Jugend vor seinen Bildern. Seine Malerei scheint sich demnach lange in der Gunst des Publikums erhalten zu haben.

Peleus: S. [Sophokles].

Peloponnesier: [c 3, 4]. Die Ansprüche, auf die Erfindung der Tragödie gingen, wie es scheint, von den Sikyoniern aus und Spätere nennen einen gewissen Epigenes als den Begründer. Auch Pratinas, der angebliche Erfinder des Satyrspiels, stammte aus Phlius, einer peloponnesischen Stadt.

Philoktetes: S. [Aischylos].

[Philoxenos] (435—380): [c. 2, 3]. Berühmter Dithyrambiker, geboren in Kythera, lebte dann am Hofe des älteren Dionysios in Syrakus. Er starb in Ephesos. Unter seinen 24 Dithyramben war der berühmteste der "Kyklop" (Werbung um Galateia), wohl die Vorlage von Theokrit, Idyll XI. Er soll unter der Maske des Kyklopen den Dionysios verspottet haben, der ihn zur Strafe dafür in die Steinbrüche sandte. Es sind nur dürftige Überreste erhalten. Hier scheint das Gedicht im Gegensatz zu dem gleichnamigen Dithyrambos oder Nomos des Timotheos als Beispiel der Darstellung schlechterer Charaktere angeführt zu werden.

Phiniden [c. 16, 4]. Der Verfasser dieses schaurigen Familiendramas ist ebenso unbekannt wie alle Umstände, die zu der hier erwähnten Erkennung führten. Auch wissen wir nicht, ob dadurch die Rettung oder Tötung der Frauen erfolgte. Im übrigen sind wir über die verschiedenartig ausgestaltete Sage gut unterrichtet. Es handelt sich um den König Phineus, der, Verleumdungen seiner zweiten Gemahlin Gehör schenkend, seine erste Gattin einkerkern und seine Söhne martern oder blenden ließ. Sie wurden von den Argonauten befreit und Phineus seinerseits geblendet oder getötet. Es gab eine Tragödie des Namens von dem römischen Dichter Accius und einen Dithyrambos des Timotheos.

Phorkiden: S. [Aischylos].

Phthiotinnen: S. [Sophokles].

Pindaros: [c. 26, 2]. Ein nur hier genannter Schauspieler, dem Zusammenhang nach Zeitgenosse des [Kallipides] (s.d.).

[Polyeidos] der Sophist: [c. 16, 4]. [17, 3]. Der Name ist äußerst selten, so daß der Zusatz vielleicht nicht nur der Unterscheidung dienen soll. Er war vermutlich identisch mit dem Dithyrambendichter Musiker und Maler. Seine taurische Iphigeneia war ein dramatisch angelegter Dithyrambos wie die Skylla des [Timotheos] (s.d.) und zweifellos nacheuripideisch.

Polygnotos: [2, 2]. [6, 7]. Einer der berühmtesten und ältesten griechischen Maler, Sohn des Malers Aglaophon in Tarsos. Seine bedeutendsten Werke malte er in Plataiai, Athen und Delphi (458—447). Von den letzten besitzen wir eine ausführliche Beschreibung bei Pausanias. Als Ethograph wird er noch an einer anderen Stelle des Aristoteles bezeichnet (Politik 8, 5).

Prometheus: S. [Aischylos].

[Protagoras] v. Abdera (c. 485—c. 416): [c. 19, 2]. Neben Gorgias der bedeutendste der Sophisten. Er war der Gründer der griechischen Grammatik, indem er sich als erster des grammatischen Geschlechts und der verbalen Modi (Indikativ, Imperativ Optativ usw.) wissenschaftlich bewußt wurde. Daß er dabei zuweilen etwas pedantisch zu Werke ging, wie in dem hier erwähnten Falle, ist verzeihlich. Die sensationelle Neuheit seiner Entdeckungen beweist der Spott in den Wolken des Aristophanes.

Pythische Spiele: [c. 24, 9]. In der Elektra des Sophokles schildert der Paedagogus der Klytaimestra diese in Delphi stattfindenden Spiele, bei denen ihr Sohn Orestes ums Leben gekommen sei. Solche gab es aber damals (11. Jahrh.) noch nicht, wie schon ein alter Erklärer bemerkte. Denselben Anachronismus hatte übrigens der Dichter bereits in seinem Tleptolemos begangen.

Salamis: S. [Karthager].

Sinon: S. [Ilias, Die Kleine] und [Sophokles].

Sisyphos: [c. 18, 5]. Sohn des Aiolos. Galt als der Typ eines überklugen, aber frevelhaften Menschen. Wegen eines an Zeus begangenen Verrats wurde er zu der bekannten Strafe verurteilt, einen Felsen bergaufwärts zu wälzen, der stets kurz vor dem Gipfel wieder hinabrollte. Der vielgestaltige Sagenstoff wurde oft dramatisiert, so von Aischylos, Sophokles, Euripides und Kritias. In welchem von diesen Dramen er überlistet wurde, wissen wir nicht. In der uns bekannten Überlieferung käme dafür nur Hygin, Fab. 60 über Tyro, die von ihm verführte Gemahlin seines Bruders Salmoneus, in Betracht.

Skylla: S. [Timotheos].

[Sophokles] (497/6—406/5): [c. 3, 2]. [4, 9]. [18, 6]. [25, 6]. Für Aristoteles der künstlerisch vollendetste Tragiker.

[Antigone]: [c. 14, 6]. In der erwähnten Szene versucht Hainion, der Bräutigam der Antigone, seinen Vater zu töten, der aber dem Schwertstreich ausweicht. Vgl. Hamlet u. König Claudius am Altar.

[Elektra]: [c. 24, 9]. Orestes, Person im Drama: [c. 13, 6]. [14, 4].

[Eurypylos]: [c. 23, 4]. Sohn des Telephos von Neoptolemos getötet. S. [Ilias, die Kleine].

[[Lakonierinnen]]: [c. 23, 4]. In dem Drama bildeten die spartanischen Dienerinnen der Helena den Chor. Es handelte sich um den Raub des troischen Palladiums durch Odysseus, den Helena trotz seiner Verkleidung als Bettler erkannte. S. [Ilias, die Kleine].

[Odysseus], der verwundete, [c. 14, 5]. So hieß ein Drama des [Chairemon] (s.d.). Das inhaltlich gleiche des Sophokles wird aber stets als [O. Akanthoplex] (der vom Rochenstachel getroffene) zitiert. Telegonos ("Der Ferngeborene"), Sohn des Odysseus und der Kirke kam auf der Suche nach seinem Vater nach Ithaka und verwundete ihn tödlich. Die Erkennung erfolgte dadurch, daß Telegonos in seiner Umgebung zufällig hörte, daß der Getötete Odysseus sei.

Oidipus: [c. 11, 1-2]. [15, 8]. [16, 5]. [24, 9]. [26, 6]. Stets ohne Zusatz bei Aristoteles, der darunter aber nur den Oidipus Tyrannos, nie den Oidipus Coloneus, versteht.
—: [c. 13, 4]. [a]14, 1]. Die Sage des Oidipus.
—: [11, 1]. [13, 3]. [14, 5]. Die Person im Drama.

Peleus: [c. 18, 2]. Peleus, der greise Vater des Achilles, durch seine Söhne aus erster Ehe vom Thron gestoßen sucht seinen Enkel Neoptolemos auf und stirbt auf der Insel Kos. Dem Zusammenhang nach war es ein Stück ohne viel Handlung und mehr auf mitleiderregende Begebenheiten aufgebaut. Auch Euripides schrieb einen Peleus und Aristoteles mag auch diesen hier im Auge gehabt haben.

[Phthiotinnen]: [c. 18, 2]. Eine, wie oft auch bei Sophokles, nach dem Chor genannte Tragödie unbestimmbaren, wenn auch vielleicht verwandten Inhalts mit dem vorigen. In keinem Fall kann aber der Peleus genau denselben Stoff behandelt haben, gleichviel ob von demselben Dichter oder nicht. Ihn auf zwei Tragödien einer nirgends bezeugten Peleus-Trilogie des Aischylos zu verteilen ist reine Willkür.

[Sinon]: [c. 23, 4]. S. [Ilias, Die Kleine].

Tereus: [c. 16, 2]. Tereus vergewaltigte Philomela, die Schwester seiner Gattin Prokne und schnitt ihr die Zunge ab, damit sie ihn nicht anklagen könne. Sie wob aber geschickt in einen Teppich, was ihr widerfahren—dies die "Stimme der Spindel"—und die Schwestern rächten sich an dem Frevler durch die Ermordung seines Sohnes Itys. Den Stoff behandelte auch Philokles, ein Großneffe des Aischylos, und Sieger über den Oidipus Tyrannos des Sophokles.

Thyestes: [c. 13, 4]. Held in dem gleichbetitelten Drama. S. Thyestes.

Tyro: [c. 16, 1]. Tyro hatte dem Poseidon heimlich Zwillinge geboren und sie in einer Wanne ausgesetzt. Sie wurden jedoch gerettet, und als sie zu Jünglingen herangewachsen waren, trafen sie mit ihrer Mutter zusammen und wurden von ihr durch eben jene Wanne, die der eine mit sich genommen hatte, erkannt. Darauf rächten sie ihre Mutter für die grausame Behandlung, die ihr Vater Salmoneus und ihre Stiefmutter Sidero ihr hatten zuteil werden lassen. Von den zwei Tragödien dieses Titels war die eine wohl nur eine Neubearbeitung. Denselben Sagenstoff hatten Astydamos d. Jüngere und Karkinos dramatisiert, dessen Kenntnis wir Apollodor (1, 9, 8) verdanken.

Sokratische Gespräche: [c. 1, 5]. Aristoteles versteht darunter stets nur die Platonischen Dialoge, in denen Sokrates als Hauptunterredner auftritt, nicht aber die von anderen Sokrates-schülern, wie Aischines, Antisthenes, Xenophon, Phaidon verfaßten Gespräche.

[Sophron] (c. 450): [c. 1, 5]. Der Begründer einer neuen Literaturgattung des Mimus, dramatische Szenen aus dem gewöhnlichen Leben darstellend und in einer Art rhythmischer Prosa verfaßt. Er war ein Lieblingsschriftsteller Platons, der seine Werke nach Athen gebracht haben soll. Die erhaltenen Bruchstücke geben uns kein klares Bild seiner Eigenart, wohl aber die Nachahmungen des Theokrit (15. Idyll) und die poetischen Minien des Herondas (c. 250 v. Chr.), die 1891 entdeckt wurden.

Sosistratos: [c. 26, 3]. Ein nur hier genannter Rhapsode, wohl älterer Zeitgenosse des Aristoteles.

Sthenelos: [c. 22, 1]. Ein von Aristophanes seines frostigen Stils wegen verspotteten Tragiker (c. 420). Der komische Dichter Platon beschuldigte ihn des Plagiats.

Tegea: [c. 24, 1]. Stadt in Arkadien, Heimat des Telephos.

Telegonos: S. Sophokles, Odysseus [Akanthoplex].

Telemachos: [c. 25, 16]. Sohn des Odysseus und der Penelope. Seine Reise nach Sparta, um Erkundigungen über seinen Vater einzuziehen, erzählt die sogenannte Telemachie, in der Odyssee B. 3—4, 619.

Telephos: [c. 13, 4]. Berühmte Sagenfigur, deren mannigfache Schicksale sehr oft dramatisiert wurden, so von [Aischylos] (s.d.), Sophokles, Euripides, Agathon, Nikomachos, Kleophon, Iophon, Moschion.

[Theodektes]: [16, 4]. [18, 1]. Genialer Schüler des Isokrates und Platon, Freund des Aristoteles, Rhetor und hochgeschätzter Tragiker, verfaßte 50 Dramen und war siebenmal Sieger.

Lynkeus: [c. 11, 1]. [18, 1]. Held der Danaidensage. Hypermnestra war die einzige der 50 Töchter des Danaos, die ihren Gatten Lynkeus gegen den Befehl ihres Vaters rettete. Nach der Geburt ihres Sohnes Abas versuchte Danaos Lynkeus zu töten. Im Verlaufe der Handlung ereilte ihn aber in einer für uns nicht mehr genau zu erkennenden Weise das Schicksal, das er jenem zugedacht.

Tydeus: [c. 16, 4]. Nicht mit dem bekannten Kämpfer unter den "Sieben gegen Theben" identisch. Die hier angedeutete Sage ist uns völlig unbekannt.

Theodoros: [c. 20, 5]. Nur als Beispiel genannt.

Theseis: [c. 8, 2]. Theseusepen verfaßten Zopyros, wohl mit dem Orphiker unter Peisistratos (6. Jahrh.) identisch, Diphilos (5. Jahrh.) und ein Anonymus aus unbestimmter Zeit.

Thyestes: [c. 13, 4]. Eine der am häufigsten dramatisierten Heldengestalten der an tragischen Ereignissen reichen Pelopidensage. So von Sophokles (in zwei Dramen), Euripides, Agathon, Apollodoros, [Karkinos] (s.d.), Chairemon, Kleophon und den römischen Tragikern, Ennius, Varius, Seneca (erhalten), Curiatius Maternus.

[Timotheos] v. Milet (✝357): [c. 2, 3]. Berühmter Komponist, Dithyramben und Nomendichter. Ein beträchtlicher Teil seines Nomos "Die Perser" wurde 1902 aufgefunden.

Kyklop: [c. 2, 3]. S. [Philoxenos].

Skylla: [c. 15, 5]. [26, 1]. Ein Dithyrambus, der das in der Odyssee geschilderte Abenteuer behandelt. Der Klagegesang des in Gefahr schwebenden Odysseus wird als unmännlich und dem Charakter des Helden nicht entsprechend gerügt. Der Flötenspieler zerrt den Chorführer am Gewände, um das Bemühen der Jungfrau zu veranschaulichen den Helden zu gewinnen.

Xenarchos: [c. 1, 5]. Sohn des [Sophron] (s.d.). Nur hier als Verfasser von Mimen erwähnt.

Xenophanes v. Kolophon (c. 570—479): [c. 25, 7]. Dichter und Begründer der eleatischen Philosophenschule. Gegner des Polytheismus.

Zeuxis aus Herakleia (Unteritalien), blühte um 425: [c. 6, 7]. [25, 18]. Einer der größten Maler des Altertums. Nach Aristoteles idealisiert sowohl Polygnot wie Zeuxis. Ersterer gab jedoch seinen Gestalten mehr Charakter, weil er mehr das Individuelle Zeuxis das Typische zum Ausdruck brachte.


SACHVERZEICHNIS

Agon: [c. 6, 16]. [7, 3]. [13, 4]. Der jährlich zweimal in Athen stattfindende dramatische Wettkampf an den städtischen Dionysien und Lenaeen. Die Aufführung begann am frühen Morgen und dauerte mehrere Tage. Jeder der Mitbewerber trat mit einer Tetralogie (drei Tragödien und einem Satyrdrama) auf.—In den musikalischen Agonen wurden hauptsächlich Dithyramben und Nomen gegeben, auf die [c. 26, 3] angespielt wird.—Auch der Redekampf der Parteien im Gerichtssaal hieß Agon. Darauf bezieht sich die Bemerkung über die Wasseruhr ([c. 7, 3]).

Amphibolie (Doppelsinn): [c. 25, 14].

Anagnorisis (Erkennung): [c. 11, 2] definiert.

[Anapaest] und Trochaeus, ohne: [c. 12, 2]. Weil jener ein Marschrhythmus, dieser ein Tanzversmaß, eigneten sie sich nicht für das stehend gesungene Chorlied (Stasimon).

Artikel: [c. 20, 4]. Bei Aristoteles noch nicht in unserem Sinne gebraucht. So aber schon bei den stoischen Grammatikern. Dies ein schwerwiegender Beweis gegen die Annahme der Unechtheit unseres Kapitels.

[Auletik]: [c. 1, 2]. Da der von der Flöte begleitete Dithyrambus unmittelbar vorher genannt wurde, so ist hier darunter die reine Instrumentalmusik zu verstehen.

Beiwort, schmückendes (Kosmos): [c. 21, 5]. Definition und Beispiel sind ausgefallen, daher die Deutung nicht ganz sicher. Es ist aber wohl das epitheton ornans gemeint, das im Epos allerdings weit gebräuchlicher als im Drama ist.

Beugung (Flexion): [c. 20, 7].

Bindewort: [c. 20, 3].

Buchstabe: [c. 20, 1].

Demokratie in Megara: [c. 3, 4]. Um 590 v. Chr.

Dithyrambische Dichtung: [c. 1, 2]. Hier und mit einer Ausnahme auch sonst nicht das uralte, noch strophisch gegliederte und inhaltlich beschränkte dionysische Chorlied, aus dem nach [c. 4, 8] die Tragödie hervorgegangen sein soll, sondern der halb dramatische Dithyrambus, wie ihn Aristoteles allein noch kannte. Die Flötenspieler scheinen dabei auch schauspielerisch tätig gewesen zu sein ([c. 26, 1]).

Episode: Mit Ausnahme von [c. 12, 2]. [[18, 6]], wo das Wort etwa mit "Akt" gleichbedeutend ist, stets in der auch uns allein gebräuchlichen Bedeutung von einer Zutat, die mit der Handlung oder Erzählung in nur losem oder auch gar keinem Zusammenhang steht.

Flexion: S. Beugung.

Furcht: Definiert [c. 13, 2].

Geschlecht: S. Grammatik und [Protagoras].

Glosse (Fremdwort, Provinzialismus, Dialektwort): [c. 21, 3].

Grammatik (Redeteile, Geschlecht, Kasus, u.ä.): [c. 20-21]. Trotz mancher grundlegenden Vorarbeiten (S. [Protagoras]) befand sich die Grammatik noch zur Zeit des Aristoteles in den Kinderschuhen Ihr wissenschaftlicher Ausbau und die Terminologie werden erst den Stoikern und alexandrinischen Philologen verdankt. Der damals festgesetzten Termini bedienen auch wir uns, durch die Vermittlung des Lateinischen, bis auf den heutigen Tag, selbst unter Beibehaltung eines Übersetzungsfehlers (Accusativ statt Causativ).

Wenn man es oft befremdlich gefunden hat, daß derartige scheinbar elementare Dinge in einer Poetik ausführlich behandelt werden, so sei dazu bemerkt, daß Aristoteles selbst einmal sie ausdrücklich als ihr zugehörig bezeichnet hat.

Halbvokal (Liquida): [c. 20, 1].

Jambos: [c. 4, 5-9]. Aristoteles sagt an ersterer Stelle, daß der Jambos sich besonders passend für das Spottgedicht erwiesen habe. An der zweiten, daß ebenso naturgemäß der jambische Trimeter sich schließlich als das für den dramatischen Dialog geeignetste Versmaß herausstellte. Darin liegt aber kein Widerspruch, denn hier wie dort galt es, soweit wie irgend möglich, sich der Umgangssprache anzupassen und über den Gesprächston nicht hinauszugehen.

Katharsis: "Reinigung": [c. 6, 2]. Die seit Lessing und besonders seit Bernays (s. Einleitung [S. XV]) umstrittenste Stelle der ganzen Poetik. Selbst über den Ort, wo die von Aristoteles versprochene genauere Erklärung des Ausdrucks gestanden habe, ist noch keine Einigung erzielt worden. Ohne auf die berühmte Kontroverse hier irgendwie näher einzugehen, sei nur so viel im allgemeinen bemerkt, daß an zwei Tatsachen nicht gerüttelt werden sollte: 1. Der Ausdruck ist eine medizinische Metapher. 2. Er bezeichnet die Wirkung, nicht den Zweck der Tragödie denn als diesen nennt Aristoteles wiederholt und unzweideutig ([c. 4, 2]. [13, 6]. [14, 2]. [23, 1]. [26, 8].) eine ihr eigentümliche Lustempfindung. Damit erledigt sich auch die Frage von selbst, ob dieses Endziel, von dem hier garnicht die Rede ist, ein ethisch-moralisches oder ein aesthetisch-psychologisches ist oder seinsoll. Was dagegen die kathartische Wirkung anbelangt, so dürfte Aristoteles beide Möglichkeiten anerkannt haben, im Gegensatz zu Platon, der bekanntlich die erstere zwar forderte, aber der bisherigen Tragödie wie dem Epos absprach und eine aesthetische überhaupt nicht berücksichtigte.

Kitharistik: [c. 1, 2]. Die Guitarre (Lyra) war das übliche Begleitinstrument des Nomos, der hier neben dem aulodischen Dithyrambus wohl nur zufällig nicht mit aufgezählt wird (S. [c. 1, 2]). Dennoch wird man wohl richtiger auch hier, wie bei der [ Auletik] (s.d.) die reine Instrumentalmusik verstehen müssen

Klepsydra: S. [Wasseruhr].

Kosmos: S. Beiwort, schmückendes.

Maschine: [c. 15, 7]. Gewöhnlich bezieht sich der Ausdruck auf den bekannten deus ex machina, dessen Erscheinen durch die Theatermaschine auf der erhöhten, sogenannten Götterplattform (Theologeion) bewerkstelligt wird. Hier handelt es sich ausnahmsweise in dem einen Falle um den Drachenwagen der fliehenden Medea. In dem anderen der Ilias entnommenen Beispiel (s. [Homer], Ilias) ist die Bezeichnung rein bildlich von jeder Göttererscheinung, die plötzlich wie hier Athene in die Handlung eingreift, gebraucht.

Metapher: [c. 21, 4] definiert. [22, 2-7].

Mimesis (nachahmende Darstellung): [c. 1, 2] u.ö. Das Wort "Nachahmung" erschöpft den Begriff dieses Kunstausdrucks nicht, denn er bezeichnet bei Aristoteles nicht lediglich die Nachbildung von Gegenständen in der Außenwelt, sondern vornehmlich die von Handlungen und handelnden Menschen, ist also eine geistige Versinnbildlichung menschlichen Tuns und Treibens. Es ist daher nicht richtig, wie man behauptet, daß die künstlerisch schaffende Phantasie in der "Dichtkunst" des Aristoteles unberücksichtigt geblieben ist. Auch die lyrische Poesie hat Aristoteles, schon laut Vorwort, von seiner Betrachtung nicht ausgeschaltet, aber sie kommt für ihn nur soweit in Betracht, als sie einen Mythos, eine Fabel oder eine Handlung enthält. Deren Erörterung ist uns aber, wie die über die Komödie, verloren gegangen.

Mitleid: [c. 13, 2] definiert.

Nachahmende Darstellung: S. Mimesis.

Nichtlauter (Muta): [c. 20, 1].

Nomos: [c. 2, 3]. Ursprünglich ein Chorlied im Apollokult. Seine mannigfache und interessante Entwicklungsgeschichte fand durch [Timotheos] (s.d.) ihren Abschluß, dessen erst in allerneuester Zeit wieder entdeckte "Perser" uns jetzt eine klare Vorstellung von dieser Dichtgattung, wenigstens für die Zeit des Aristoteles, geben. Es fehlt uns aber noch ein vollständiges Beispiel des zeitgenössischen Dithyrambus, um die Unterschiede zwischen beiden deutlicher zu erkennen. In der uns vorliegenden Poetik spielt der Nomos eine sehr untergeordnete Rolle, wohl weil er einen weniger dramatischen Charakter trug als der Dithyrambus.

[Probleme]: [c. 25, 1—22] Die literarische, wie die Textkritik der Griechen entwickelte sich, und zwar schon ziemlich frühzeitig, an den homerischen Gedichten. Von Aristoteles selbst gab es eine Schrift "Homerische Fragen," die viel benutzt worden ist. In der Folgezeit, namentlich unter den Alexandrinern, ist die Suche nach Widersprüchen, sachlichen und textkritischen Schwierigkeiten in den homerischen Epen und dementsprechend die Auffindung von "Lösungen" fast sportmäßig betrieben worden. Der darauf verwandte Spürsinn wie die feine Beobachtungsgabe ist bewunderungswürdig und sie haben begreiflicherweise oft zu wertvollen Ergebnissen geführt. Andrerseits haben aber auch der Ehrgeiz durch Scharfsinn zu glänzen und ein Mangel an Verständnis für homerische Naivität zu sophistischen spitzfindigen und uns oft töricht oder komisch anmutenden Erklärungen Anlaß gegeben. In einer Anzahl von Fällen scheint man sogar das "Problem" nur irgend einer gelehrten oder geistreichen Lösung zu Liebe glatt erfunden zu haben. Für all dies gibt unser beispielreiches Kapitel Belege. Einige der hier erwähnten "Probleme und Lösungen" finden sich bei späteren Erklärern des Homer wieder, andere hat Aristoteles früheren Quellen entnommen. Wie viele aber sein geistiges Eigentum sind, läßt sich nicht mehr feststellen, da man ihm nicht ohne weiteres nur die annehmbaren Lösungen zuschreiben darf.

[25-8]. "Aber die Lanzen usw." Man meinte, daß bei der geschilderten Aufstellung der Lanzen diese leicht umfallen, andere mit sich ziehen und so die Nachtruhe des Lagers stören könnten. Die vorgeschlagene Erklärung entlastet den Dichter, löst aber die angebliche Schwierigkeit nicht.

[25-10]. "Die Mäuler zuerst." Man stieß sich daran, daß bei der von Apollo gesandten Seuche die "Mäuler" vor den schuldigen Menschen dahingerafft wurden. Die gegebene Lösung ist hinfällig, denn, selbst wenn das Wort "Wächter" bedeuten könnte—es kommt nur noch einmal in einem Verse der Ilias vor,—so trifft sie doch auf das folgende "und die hurtigen Hunde," das demselben Bedenken unterworfen ist, nicht zu.

[25-10]. "Der von Gestalt zwar häßlich." Das "Problem" ist gar nicht vorhanden und ist wohl nur erfunden, um die bei den Haaren herbeigezogene, gelehrte Notiz an den Mann zu bringen. Denn gerade die merkwürdige Verbindung eines unebenmäßigen Körpers mit Schnelligkeit der Füße wollte der Dichter hervorheben, wie die Partikeln "men—alla" (zwar—jedoch) beweisen. Die hier vorgeschlagene Lösung ergibt überdies gar keinen verständlichen Gegensatz (Häßlich zwar von Angesicht, jedoch schnellfüßig).

[25-10]. "Mische reineren Wein:" Den Anstoß, den man daran nahm, gibt Aristoteles im Text an. Die Lösung beruht auf der ganz willkürlichen Annahme, daß zōrós im Griechischen auch die Bedeutung "schnell" hat. Das angeblich ethisch "Unpassende" (aprepés) gab auch später sehr häufig Anlaß zu gewaltsamen Textänderungen und Deutungen.

[25-11]. "Alle" im Sinne von "Viele." Aristoteles muß in seinem Homertexte "alle," nicht "andere," was sämtliche Hss, auch des Homer, bieten, gelesen haben, denn sonst wäre die gegebene Lösung gegenstandslos. Unter dieser Voraussetzung ist sie aber annehmbar, wird doch gerade das Wort "alle" auch in anderen Sprachen besonders häufig hyperbolisch gebraucht.

[25-11]. "Allein nicht teilnimmt." Die astronomische Unrichtigkeit daß das Bärengestirn allein unter den am Pol befindlichen Sternbildern nicht untergehe, hat die Kritiker viel beschäftigt. Die hier gegebene Lösung findet sich aber sonst nicht. Sie beruht auf der Anschauung der Allwissenheit des Homer, die später namentlich von den Stoikern zum Prinzip erhoben wurde. Aristoteles hätte hier ruhig dieselbe Entschuldigung gelten lassen können, die er für Pindar, der der Hindin Hörner gab ([c. 25, 5]), anführt.

[25-12]."Wir gewähren ihm:" Dieses und das folgende Problem wie seine Lösung—das erstere wird von Aristoteles noch einmal in einer linderen Schrift ausführlich besprochen, aber ohne Hippias von Thasos zu nennen—haben die Tatsache zur Voraussetzung daß Akzente und Handweichen erst etwa um die Wende des 3. Jahrh. v. Chr. gesetzt wurden. Je nachdem der Akzent bei dem Wort didomen auf die erste oder zweite Silbe fällt, kann es "wir gewähren" oder "gewähre!" bedeuten. Hippias nahm das erstere an, nach dem Grundsatz des "Unpassenden" (s.o.), um so die Schuld dem Agamemnon ein trügerisches Versprechen gegeben zu haben von dem höchsten Gott auf den jenem gesandten Traumgott abzuwälzen. Die spitzfindige Lösung befriedigte scheinbar selbst die alten Kritiker nicht und so griffen sie zu dem Gewaltmittel den anstößigen Halbvers, der jetzt an einer weit späteren Stelle steht, durch einen anderen zu ersetzen, und dieser ist uns daselbst ohne Variante allein überliefert. Hippias und Aristoteles können ihn aber noch nicht gekannt haben.

[25-12]. "Das zum Teil": Je nachdem das starke Hauchzeichen gesetzt wird oder nicht, bedeutet ou entweder "dessen" (hu) oder "nicht" (u). Dem Sinne nach ist nur das letztere überhaupt möglich und so schreiben alle unsere Homer hss und die alten Erklärer ignorieren das gar nicht vorhandene Problem völlig. Hippias scheint es nur der Lösung halber aufgeworfen zu haben.

[25-13]. "gemischt was lauter zuvor." Der fast völlige Mangel jeglicher Interpunktionszeichen in der in großen Buchstaben abgefaßten Schrift war zumal bei der freien Wortstellung im Griechischen eine beständige Quelle von Mißverständnissen. Aristoteles sagt selbst einmal, daß es schwierig sei, die Sätze des Herakleitos sinngemäß zu interpungieren. In unserem Falle kann man im Griechischen das zuvor ebenso gut mit gemischt als mit lauter verbinden. Aus der vollständigeren, anderweitig überlieferten Stelle ergibt sich aber, daß nur das erstere dem Zusammenhang entspricht.

[25-14]. "der größere Teil". Man glaubte einen argen Widerspruch in der angeblichen Behauptung zu finden, daß wenn zwei Drittel der Nacht verstrichen seien, der größere Teil noch übrig bleiben könne. Ein alter Erklärer nennt dies ein "überaus abgedroschenes Problem", das viele zu lösen versuchten, darunter auch Aristoteles (nämlich in den "Homerischen Fragen"). Das Problem existiert aber gar nicht, wenn man sich die a.a.O. zitierte Stelle genau ansieht, womit sich auch dessen Lösungen erübrigen.

[25-15]. Die drei auf Grund des Sprachgebrauchs entschuldigten Ungenauigkeiten beruhen auf einer Metonymie, wie der technische Ausdruck lautet. Wie Ganymed als "Weinschenk" der Götter bezeichnet wird, obwohl diese keinen Wein, sondern Nektar trinken, so wird in noch auffälligerer Weise Hebe geradezu Weinschenkin des Nektar (Ilias 4, 3) genannt, was für unsere Stelle ein noch besseres Beispiel abgegeben hätte. Vergleichen kann man auch Tac. Germ. 22, wo von den biertrunkenen Germanen vinolenti gebraucht wird.

Daß die Beinschiene nicht nur aus dem weichen Zinn, sondern aus einer Metallmischung verfertigt wurde, schloß Aristoteles vermutlich daraus, daß in der betreuenden Iliasstelle die Beinschiene des Achilles vom Wurfspieß Agenors getroffen nur mächtig erdröhnte ohne durchbohrt zu werden.—Kupferschmied das ältere Wort, wurde noch beibehalten, als man schon längst das Eisen bearbeitete.

Vergleichen kann man die Bezeichnung des Centumviralgerichts in Rom, die bestehen blieb, als die Mitglieder weit über 100 zählten. Ähnlich verhielt es sich mit den germanischen "Hundertschaften".

[25-16]. "hielt die eherne Lanze an": Ein vielbehandeltes "Problem". Der berühmte alexandrinische Homerkritiker Aristarchos verwarf die ganze Stelle und war der Meinung, die Verse seien von jemandem nur um ein Problem zu schaffen interpoliert worden. Es handelt sich um die fünf Metallschichten des Achilles-Schildes, von denen die Lanze des Aineas zwei durchbohrt hatte und dann stecken blieb. Strittig war nun, ob die Goldlage in der Mitte oder, was das natürlichste war, an der Außenseite sich befand. Im ersteren Fall war die Stoßkraft des Speeres stärker gehemmt. Vermutlich stammt die in unserem Homertext allein überlieferte Lesart "eschen" statt "ehern" von einem Kritiker, der die weichere Goldschicht an die Außenseite setzte, womit die Schwierigkeit in der Tat so ziemlich beseitigt wurde.

Prolog: [c. 5, 2]. Dieser Prolog der primitiven Komödie ist in der uns allein bekannten aristophanischen nicht vorhanden, aber in der späteren mittleren und neuen, wie es scheint, wieder eingeführt worden. Wenn es nun heißt, der Urheber sei unbekannt so setzt dies im Zusammenhang voraus, daß das gleiche für den Tragödienprolog nicht gilt. Die Späteren nennen ihn Thespis.—Als ein quantitativer Bestandteil der Tragödie wird der Prolog [c. 12, 1] definiert. Wieder ganz anderer Art war der euripideische, auf den nur zweimal (Supplices, Bacchae) die Parodos des Chors unmittelbar folgt.

Qualen, übermäßige: [c. 11, 5]. Falls nur körperliche gemeint sind, so wäre allein der sophokleische, uns erhaltene Philoktet zu nennen. Sonst kämen auch die Wahnsinnsausbrüche des Orestes im Orestes und in der taurischen Iphigeneia wie der Hercules Furens von Euripides in Betracht.

Satz (Wortgefüge): [c. 20, 8].

Schauspieler, Zahl der: [c. 4, 9]. [5, 2]. Sie betrug nie mehr als drei. Schon zur Zeit des Aristoteles waren die Schauspieler zu großem Ansehen und Einfluß gelangt und erhielten Preise in den dramatischen Wettkämpfen. Je nach der Bedeutung ihrer Rollen wurden sie als Protagonisten, Deuteragonisten und Tritagonisten bezeichnet. Bereits Sophokles soll in der Bearbeitung seiner Dramen berühmten Darstellern Rollen auf den Leib geschrieben haben.

Silbe: [c. 20, 2].

Stasimon: [c. 12, 1].

Substantivum: [c. 20, 5].

Szenerie, gemalte: [c. 4, 9]. Spätere behaupteten, daß schon Agatharchos von Samos für Aischylos die Bühnenmalern eingeführt habe.

Tetrameter: [c. 4, 9]. Stets der trochäische. Siehe u. Trochäus.

[Tötung] auf der Bühne: [c. 11, 5]. Uns ist nur ein Beispiel, der Selbstmord des Aias, erhalten und ein alter Erklärer des sophokleischen Dramas bezeichnet dies als eine Seltenheit. Doch muß wohl Aristoteles zahlreichere Fälle vor Augen gehabt haben. Wenn Hor. Ars Poetica 185 vorschreibt, daß Medea ihre Kinder nicht vor den Augen des Publikums töten darf, so mag auch er eine derartige Tragödie gekannt haben, Senecas Medea scheidet als reines Lesedrama aus. Noch am nächsten kommt für uns der Todesschrei des gemordeten Agamemnon (Aischylos) und der Klytaimestra (Soph. Elektra).

Trimeter: [c. 1, 5]. Stets der jambische Trimeter.

Trochäeus: [c. 12, 2]. S. [Anapaest].

Tragödie: [c. 1]. Wenn hier nicht Thepsis, der allen Späteren als der "Erfinder" der attischen Tragödie galt, sondern Aischylos als ihr Begründer erscheint, so beruht dies auf der richtigen Erwägung, daß in Wahrheit erst mit der Hinzufügung des zweiten Schauspielers eine im Dialog sich vollziehende Handlung ermöglicht wurde.

—, unglücklicher Ausgang der: [c. 13, 4]. Einschließlich der noch erkennbaren Ausgänge verlorener Tragödien gestaltet sich das Verhältnis der unglücklich verlaufenden zu den glücklich endenden bei Euripides wie 46:16,[100] bei Sophokles wie 43:24, was das berühmte Urteil über den ersteren kaum rechtfertigen würde. Ein solcher Schluß ist jedoch nicht zwingend, wenn man bedenkt, daß dem Aristoteles ein unendlich reichhaltigeres Beobachtungsmaterial zu Gebote stand als uns. Es sei aber bemerkt, daß die im Texte gegebene, auf der syrischen Übersetzung beruhende Fassung jene Behauptung immerhin etwas abschwächt, denn die bisherige Überlieferung lautete: "scheint Euripides der tragischste Dichter zu sein".

Verbum: [c. 20, 6].

Verwundungen: [c. 11, 5]. Falls es sich nicht auch hier, wie bei den [Tötungen] (s.d.), nur um Vorgänge auf der Bühne handelte, wofür es kein sicheres Beispiel gibt ("[Der verwundete Odysseus?]" s.d.), so wären hier allenfalls das Erscheinen des blinden Polyphem im Kyklops des Euripides und der selbstgeblendete Oidipus im Oid. Tyr. des Sophokles zu nennen. Aristoteles dürfte aber auch hier wieder, wie der Plural zeigt, zahlreichere Belege gekannt haben.

Vokal: S. Selbstlaut.

[Wasseruhr] (Klepsydra): [c. 7, 3]. In athenischen wie auch in römischen Gerichtsverhandlungen war den Rednern eine bestimmte Zeitdauer vorgeschrieben, die nach der Wasseruhr bemessen wurde. Zu demselben Zwecke verwandte man noch im Jahre 1786 in Venedig, wie Goethe berichtet, eine Sanduhr. Daß eine derartige Maßregel jemals bei einer szenischen Aufführung im Gebrauch gewesen sein sollte, entbehrt jeder inneren Wahrscheinlichkeit. Wenn man dies dennoch allgemein angenommen hat, so geschah dies lediglich auf Grund einer falschen, jetzt in der syrisch-arabischen Übersetzung aber richtig gestellten Lesart.