Haselmaus
Dick aufgeplustert sitzt Goldschnabel, der kohlschwarze Amselhahn mit den goldigen Ringen um die braunen Augen auf dem Ebereschenbaum und verdaut. Er hat die Beine ins Bauchgefieder gesteckt, denn der November läßt sich schon recht kalt an. Na, aber solange noch korallenrote Beeren auf den Bäumen hängen und es leicht ist, eine dicke Fettschicht um den Körper zu erhalten, da hat’s keine Not. Und obendrein ist ja der Boden noch offen, und die Würmer sind noch nicht so tief unter der Erde, da gibt’s auch noch Fleischkost.
So weit ist eben Goldschnabel mit seinen Gedanken gekommen, da hat er auch schon Appetit auf Wurm. Faul schlägt er die Flügel und fliegt durch’s Unterholz. Dort, wo der Wind das dürre Laub von Eiche und Linde, von Birke und Ahorn unter den Haselbüschen zusammengefegt hat, dort weiß der Amselhahn den Tisch gedeckt. Er setzt sich aufs raschelnde Laub, hüpft rechts und links, wirft mit wilder Hast die dürren Blätter auseinander, trippelt einige Schrittchen vor, hält den Kopf schief und lauscht, fährt dann zu und ruckt und zerrt den erschreckten Wurm aus der Erde, schüttelt und stößt ihn auf den Boden und schluckt ihn dann hinter. Und weiter sucht er schon nach einem andern Bissen. Er räumt das Laub vom Wurzelstock des Haselstrauchs und schluckt, was er findet.
Und wie er so die Blätter umherwirft, da kommt er auf eine Kugel, die eingefügt ist zwischen die Haselwurzeln und fest und glatt aus Eichenblättern gefertigt. Goldschnabel guckt mit dem rechten Auge, dann mit dem linken, springt einen Satz zurück und dann wieder vor. Dann rupft er an den Blättern, denn vielleicht ist etwas zu essen da versteckt. Und wie er so reißt, da tönt ein feines, hohes Pfeifen aus der Blattkugel; als wenn ein Goldhähnchen da mitten drin säße, so klingt’s. Erschrocken ist die Amsel zurückgeprallt, aber die Neugier treibt sie wieder vor. Lange lauscht sie, dann rupft sie wieder, und wieder pfeift’s Sssiii. „Dack dack dack, das ist unheimlich,“ denkt Goldschnabel, „giggiggigg, komme doch mal jemand her, hier ist was,“ ruft er.
Und nicht lange dauerts, da kommt auch wer. Markwart, der Holzschreier, hat das Zetern der Amsel gehört, und gleich fliegt er herbei, zu sehen, was los ist. Laut kreischend meldet er sein Kommen, sieht sich von der Steineiche aus erst mal um, ob alles sicher ist, und gleich darauf sitzt er neben dem Amselhahne. „Ga—he freut mich, daß ihr mich gerufen habt, ga—he, freut mich,“ schwätzt Markwart, und er sträubt die schöne Holle auf dem Kopfe und wippt mit dem Schwanze, daß der weiße Bürzel aufblitzt. Und dann reißt er Blatt für Blatt von der Laubkugel ab, dann kommt er auf Grashalme, die alle sauber nach einer Seite gedreht sind wie die Haare auf einem Zylinderhutdeckel. Aber auf die ordentliche Verpackung achtet der Eichelhäher nicht, ihm ist es um die Sache selber zu tun. Er faßt hinein in das saubere Nest und langt eine ockerfarbene Wollkugel heraus. Rechts und links wendet er sie mit dem Schnabel, ehe er unterscheiden kann, was das für ein Wollknäuel ist. Und dann plötzlich sieht er mit Verständnis die Lösung des Vexierbildes. Da ist der Kopf mit den fest zugekniffenen Augen, da das zierliche Schnuppernäschen mit den langen, zuckenden Schnurrhaaren. Die winzigen Ballen sind die krampfhaft geschlossenen Vorderpfoten, die dicht an die Backen gedrückt sind. Und der lange, wollige Schwanz ist über das ganze Tier gedeckt. Leise hebt sich die Brust des kleinen Schläfers, ein Atemzug füllt die Lungen mit Luft, dann liegt er wieder da wie tot. Nur wenn Markwart mit dem Schnabel zwickt, dann hebt sich die Brust wieder und leise ertönt das ärgerliche Pfeifen.
Doch was kehrt sich der Holzschreier daran, ob seine Beute ärgerlich ist oder nicht. Er zwickt und kneipt mit dem Schnabel so oft, daß die Atemzüge immer rascher sich wiederholen, das braune Tierchen munter wird. Es dehnt sich und streckt sich und macht dann blinzelnd die Augen auf. Groß und erschrocken gucken sie in die Welt; als wären schwarze Siegellacktropfen auf den Pelz gefallen, so sehen sie aus. Und dann stellt sich die Haselmaus mit leisem Pfeifen auf die zitternden Beine und macht einige träge, verschlafene Schritte.
Staunend hat die Amsel der Entwicklung der Dinge zugesehen, jetzt hüpft sie näher heran, das reizende Tierchen zu betrachten. Doch entsetzt fährt sie wieder zurück. Die Pupillen in den weißen Augen des Eichelhähers wechseln rasch ihre Größe, werden enger und weiter, dazu legt der Holzschreier seine Holle glatt und öffnet den Schnabel ein wenig; er ist böse, das sieht Goldschnabel sofort. Nun holt er aus und haut mit kräftigen Schnabelhieben auf die arme, verschlafene Haselmaus ein, daß sie nur einmal noch laut und klagend pfeifen kann und dann alle viere von sich streckt. Laut zetert die Amsel und schilt den Häher einen Mordgesellen, einen Räuber, einen Wegelagerer. Aber der läßt sich nicht stören, sondern verzehrt die Haselmaus mit Haut und Haar. Dann wischt er sich zierlich den Schnabel am Boden ab, putzt und wetzt ihn am Haselzweige und fliegt mit höhnischem Hiäh, das er dem Bussard abgelauscht, dem Fichtenwalde zu. Die Amsel aber fliegt zum Ebereschenbaume und erzählt der staunenden Wacholderdrossel, was Markwart getan, und sie kann sich kaum genug tun in Schimpfnamen wie Mörder und Schinder, während noch der letztverschluckte Wurm sich in ihrem Magen windet.
Wochen sind vergangen und der Amselhahn hat sein Erlebnis längst vergessen. Es hat hoher Schnee gelegen einige Tage, der ist dann wieder weggetaut, der Sperber hat die Wacholderdrossel gefressen und eine Meise, die Ebereschenbeeren werden schon recht knapp. Und wer alle Tage etwas Neues erlebt, denkt nicht mehr ans Vergangene. Doch eines Tages findet Goldschnabel wieder eine Laubkugel unter Birkenwurzeln versteckt. Wieder zupft er an den dürren Blättern, doch dann erinnert er sich plötzlich, was darin steckt, als das feine Pfeifen ertönt. Da nimmt er sich vor, niemand etwas zu sagen von seinem Funde. Nur von Zeit zu Zeit einmal sieht er danach und zupft an den Blättern, bis das ärgerliche Sssiii ertönt, dann weiß er, daß sein Schützling noch lebt im Winterneste.
Mit Eis und Schnee kommt der gestrenge Herr Winter, macht den Erdboden erstarren bis tief hinein und schließt so der Amsel Speisekammer ab, daß sie sich im Dorfe mit Küchenabfällen behelfen muß. Schlecht und recht schlägt sie sich durch die magere Zeit, bis sie sich auf ihre Stimme besinnt und von der nebelnassen Birke ihr Kirchenlied flötet. Noch klingt es schwach und zaghaft, doch von Tag zu Tag wird es voller und lauter.
Heute hat’s die Sonne wirklich gut gemeint und hat mancher schlafenden Blumenknospe Lebenslust eingestrahlt. Nun steigt sie mit müdem, rotem Gesicht ins Wolkenbette, während Goldschnabel sein schönstes Lied als Nachtgesang anstimmt. Dann fliegt er herunter in’s Gebüsch, einen Wurm als Abendbrot zu verspeisen. Und wie er wühlt und sucht im dürren Laube, da raschelt es leise und verloren am Birkenstamme. Langsam hebt sich ein Blatt und ein gelbes, schnupperndes Näschen, von zuckenden Schnurrhaaren wie von einem Glorienschein umgeben, schiebt sich vor. Dann kommen zwei große schwarze Augen, dann niedliche Ohren, dann huscht auf winzigen Beinen die Haselmaus ganz hervor. Auf zitternden Füßchen trippelt sie einher, tastet mit den Schnurrhaaren, schnuppert mit dem Näschen und guckt mit strahlenden Augenperlen in die Runde. Und dann putzt und leckt sie den Wollpelz glatt. Wer ein halbes Jahr lang mit dem Pelz im Bette träumt, der verdrückt ihn. Aber die emsig kratzenden und reibenden Händchen bringen bald Ordnung in die Haartoilette, und wie aus Watte gezupft trippelt das winzige Eichhörnchen über den Boden.
Arg hungrig ist es nach der langen Ruhe; wer sechs Monate nichts ißt, der behält nicht viel Fett auf den Rippen. Auch wenn er nur ganz langsam und sparsam atmet, ganz unterbrochen ist der Stoffwechsel nicht, wenn er auch auf das denkbar kleinste Maß zusammengedrückt ist. Was mag Haselmäuschen nur suchen auf dem kahlen Boden, dort scheint doch wahrlich nichts Genießbares zu liegen. Doch da hält es schon irgendeinen Bissen zwischen den Pfötchen, setzt sich artig auf die Keulen und stützt sich auf den wolligen Schwanz. Rapp, rapp, rapp, knappern die Nagezähne am Birkennüßchen, das Zeisig oder Blaumeise zu Boden warf. Da sitzt ein Falter und bewegt langsam seine lahm gewordenen Flügel. Den hat sie gleich beim Wickel und knappert und mummelt ihn hinter. Dann schleckt sie einen Nebeltropfen, dann nagt sie wieder einen Birkensamen hinter. Und dann kommt der Festschmaus. Eine Haselnuß liegt vergessen am Boden. Die Feuchtigkeit des Frühjahrs hat ihren Keim schwellen lassen, daß er die Schale sprengte und mit rotem Arm nach dem Boden greift, um Wurzel zu schlagen. Den packt die kleine Fresserin und nimmt ihn zwischen die Zähne, und hopp, hopp, hopp, sitzt sie vor ihrem Nest, raspelt und nagt die Hülle vom Nußkern und nascht vom zarten, süßen Fleische. Ganz vertieft ist sie in ihre Beschäftigung und denkt nicht an ihre Umgebung, sieht Goldschnabel nicht, der ganz glücklich seinem Schützling zusieht, nur den leckeren Nußkern sieht sie und schwelgt nach der langen Fastenzeit.
Da schreit scharf und gellend der Warnruf der Amsel, und in wilder Flucht eilt sie durch’s Unterholz, daß die Ohreule bald absieht von ihrer Verfolgung und abschwenkt. Aber sie mag die Birke umkreisen, immer und immer wieder, wo sie so deutlich das Knappern von Mäusezähnen hörte, sie hört nichts vom Lieblingswilde und sieht nichts.
Heute kommt die Haselmaus sicher nicht wieder aus ihrem Verstecke und wenn morgen die Sonne nicht warm scheint, verschläft sie wieder einige Tage. Doch so fest wie zur kalten Winterszeit, wo sie niemand munter kriegte, schläft sie jetzt nicht mehr. Sonst wäre sie auch verloren gewesen, als eines Abends der Igel ihr Nest fand und zerkratzte, weil er warmes Fleisch darin roch. Da war sie eilend herausgefahren, am verblüfften Stachelhelden vorüber und am nächsten Haselzweige in die Höhe, von da zum Rüsterstamm und von dem zur hohlen Eiche. Dort bleibt sie einige Wochen wohnen, bis der Haselstrauch Blätter kriegt und die Brombeersträucher auch, dann zieht sie wieder aus. Sie schwärmt einige Tage umher, bleibt tags bald im hohlen Weidenstamme, bald im leeren Mäuseloche, bis sie eines Tages mit einer andern Haselmaus wieder zurückkehrt an ihren Heimatsort.
Nach einigen Tagen, wenn die Fremde die Gegend richtig durchstreift hat, dann kann man nicht sagen, welches die Einheimische, welches die Zugezogene ist. Genau so wenig wie man sagen kann, welches das Männchen, welches das Weibchen ist, wenn man auch am verliebten Treiben beider erkennt, daß es ein Pärchen ist. Im Stammausschlag der Rüster, der so dicht und struppig aussieht wie ein ungepflegter Vollbart, dort bauen die Haselmäuse aus dünnen, geschmeidigen Grashalmen und Blättern ein großes, lockeres Nest, dort, wo es vom zarten Grün der jungen Rüsterblätter völlig versteckt ist. Ein günstiges Plätzchen haben sie sich ausgesucht, die Haselgerten neigen sich zum Rüsterstamme, so daß man nicht zum Boden braucht, wenn man weiter will, zur Buche ist’s auch nicht weit und auch die Eiche kann man kletternd erreichen. Da braucht es den beiden wirklich nicht angst zu werden, wenn eines Tages so drei oder vier kleine, nackte Kinder im Neste liegen und mit leisem, hohem Piepen nach der Mutterbrust verlangen. Wer so im Vollen sitzt und so nahe hat von einem schönen Vorratsplatz zum andern, braucht keine Nahrungssorgen zu haben.
Goldschnabel hat den ganzen Sommer nicht Zeit, sich um seine Schützlinge zu kümmern. Er würde sie wohl auch nicht zu sehen bekommen, wenn er sie besuchen wollte. Denn wenn die Haselmäuse aufstehen, ist die Sonne längst untergegangen und auch die Amsel schläft schon. Aber im Winter, als der Amselhahn so nach und nach fünf Winternester seiner Freunde bloßscharrt, da sieht er, daß es seinen Schützlingen gut gegangen ist. Von Zeit zu Zeit rupft er mal an den Blättern, um am Pfeifen zu sehen, ob alle noch leben und freut sich, wenn’s der Fall ist.
Nur einmal muß er trauern, die eine Kugel, die so frei im scharfen Ostwind gelegen hat, die pfeift nicht, wenn man sie rupft. Da warnt Goldschnabel wieder, bis Markwart kommt und den Fund auspackt. Eine kleine, zusammengetrocknete Mumie kommt zum Vorschein, die sogar dem Häher zu zähe ist, wenn sie auch kein bißchen riecht.
Und so kommt die kleine, erfrorene Haselmaus sogar zu einem ordentlichen Begräbnis. Denn Goldschnabel läßt es sich nicht nehmen, Laub und Erde auf sie zu häufen, und wenn er im Frühjahr wieder bei Stimme ist, singt er sein schönstes Lied über ihrer letzten Ruhestätte.