Vom Aal

Oktober ist es. Warm scheint noch die Sonne am Tage, den letzten Äpfeln rote Bäckchen zu malen. Kalt sind die Morgen, daß das Laub zittert und locker wird am Gezweig und rote und gelbe Sterbegewänder anlegt. Das vergilbende Schilf am Teiche rauscht und lispelt. Aber aus dem Teiche plätschern ihm die Wellen nicht Antwort. Trüb und schlammig steht noch ein wenig Wasser an der tiefsten Stelle, gurgelnd drängt sich ein schlammig trübes Bächlein unter dem Schützen hindurch. Der Teich ist abgelassen zum Fischen.

Mit dicken runden Rücken furchen die Karpfen die Lache, Hechte plätschern, und Barsche arbeiten heftig mit den Kiemen, um etwas von dem spärlichen Sauerstoff der Schlammflut für sich zu haben. Am Abend flackern mächtige Holzfeuer auf und beleuchten die zappelnden Fische, einige Männer stehen dabei und wachen. Sie schließen bald den Schützen, um das Wasser wieder anzustauen, damit die Fische nicht ganz trocken liegen, bald lassen sie wieder etwas ab, damit am Morgen das Wasser nicht mehr zu tief ist. Vor allem aber geben sie Obacht, daß nicht Diebe hier leichte Ernte halten.

Endlich brennen die Feuer bleicher, der Himmel rötet sich, der Fangtag bricht an. Große Fässer mit frischem Wasser werden bereit gestellt, und auf schlittenartigen Fahrzeugen ziehen Pferde Wasserbütten über den knirschenden Sand zum Teiche. Dann kommen Männer mit hohen Wasserstiefeln und Lederschürzen. Sonderbare Netze mit zwei Handgriffen und Weidenkörbe tragen sie. Dann waten sie hinein in den gurgelnden und schmatzenden Schlamm, fangen die Fische und legen sie in die Körbe. Wohl zucken und schnellen die schuppigen Karpfen, wohl springen die glatten Hechte hin und wieder aus dem Korbe. Aber immer wieder werden sie eingefangen und schließlich in die Butten geschüttet und fortgefahren. Am Forsthause werden sie wieder ausgeladen, gezählt und in die Heller geworfen, in deren klaren, schlammfreien Fluten sie einige Zeit bleiben, bis sie den Schlammgeruch verloren haben und wirklich schmackhaft geworden sind.

Weniger und weniger wird das Zappeln und Springen im Teiche. Die Karpfen sind schließlich eingefangen, noch einige Hechte werden aus dem Schlamm gezogen, dann ist das eigentliche Fischen beendet. Die Nachfischerei beginnt. Alles, was nun gefangen wird, ist Eigentum der Arbeiter, die beim Fischen geholfen haben. Meist sind es Barsche, die noch im Wasser zappeln, aber auch kleine Schleien und Hechte werden gefunden, denn jetzt wird noch gründlicher gesucht als vorher. Ein wahres Wunder muß man es fast nennen, wenn ein Krebs oder ein noch genießbares Fischchen übersehen wird.

Aber einer hat es doch verstanden, sich zu verbergen. Wohl eine Spanne tief hat er sich in den Schlamm eingewühlt mit seinem langen, schlangenähnlichen Körper, kein Wunder, daß der Aal nicht aufgefunden wird. Ganz ruhig liegt er da und regt sich nicht. Erst am Abend, wenn alles ruhig ist, dann schlängelt er sich hervor und wühlt sich durch den Schlamm, der tiefsten Stelle zu. Unruhig durchfurcht er das Wasser, das von den Leichen der abgestorbenen und zertretenen Kleinfische verdorben ist und sucht nach einem Ausweg. Schließlich findet er den Abfluß und untersucht gewissenhaft die Weite des Gitters an allen Stellen. Schon ist seine spitze Schnauze beinahe wund, da endlich findet er eine Stelle, wo die spülenden Wasser einen kleinen Stein losgearbeitet haben. Weit ist die Öffnung nicht, ein starker Männerdaumen würde gerade hindurchgehen, aber ein Aal hat eine schlanke Figur, und so zwingt und drängt er seinen schwärzlichen Körper durch die Öffnung und ist frei.

Das frische Wasser des Abzugsgrabens umspült seine Kiemen und frischt seine Lebenslust auf, und munter schlängelnd wandert der Aal bachabwärts, bis aufs neue ein Eisengitter ihm den Weg versperrt. Doch er kennt nun schon die Weise, wie man um eiserne Rechen herumkommt, er benutzt die Fahrt der Wasserratte und badet bald seinen schlanken Leib in den weiten Fluten eines andern Teichs. Weicher, schwarzer Schlamm bildet den Boden, Erlen und Pappeln stehen am Ufer und bilden mit ihrem Wurzelwerke dunkle Verstecke, Schnecken und Würmer sind auch zur Genüge da, deshalb gefällt es dem Aale hier und er bleibt da.

Allabendlich beginnt er seinen Jagdzug und wandert an den Ufern entlang, um Genießbares zu finden, Bekanntschaften mit andern Fischen zu schließen und ein bißchen Unterhaltung zu suchen. Einige Barsche findet er wieder, die gleich ihm einen Ausweg aus dem abgelassenen Teiche gefunden haben, einige Hechte, die etwas kleiner sind als er und ihm deshalb nichts tun können. Aber die meisten Teichbewohner sind doch Karpfen, fette, träge Tiere, die keinen Verkehr mit ihm mögen, weil sie zu stolz oder zu dumm sind. Die neue Umgebung, die neuen Bekanntschaften lassen den Aal ganz vergessen, wie rasch die Tage vergehen, und nur am Nachlassen des Hungers und großer Müdigkeit und Schläfrigkeit merkt er, daß es kalt, daß es Winter geworden ist. Tag für Tag liegt er nun im Schlamme. Zu fressen gibt es nichts, und er mag auch nichts haben, er spürt keinen Hunger, er schläft und schläft. Endlich wird er wach und spürt, daß er jetzt einen Wurm nicht verschmähen würde oder eine Mückenlarve.

Gleich macht er am Abend einen kleinen Rundgang. Aber auf dem Schlammgrund findet er nichts und wendet sich deshalb dem schilfigen Ufer zu. Da kommt mit wilder Hast ein Fisch auf ihn losgeschwommen, stößt ihn mit der Schnauze und beißt gar nach seiner Schwanzflosse, so daß er sich eiligst davonschlängelt. Als seinen Freund, den Hecht, muß der Aal den ungeschliffenen Patron erkennen. Betrübt gleitet er durchs Wasser, den nächsten Barsch hält er an und fragt, was in den Hecht gefahren wäre. Der Gefragte zieht ein höhnisches Maul. „Das wißt Ihr nicht, die Hechte laichen doch jetzt, und das Männchen verjagt jeden, der in seine Nähe kommt!“ Aber Fortpflanzungsgeschäft, Eifersucht und was der Barsch noch alles nennt, das sind neue Ausdrücke für den Aal, er weiß nicht einmal, ob er Männchen oder Weibchen ist. Nicht die mindeste Lust hat er, Eier zu legen oder Männchen zu spielen, und er macht sich über das sonderbare Tun und Treiben lustig. Aber innerlich fühlt er sich doch unglücklich, daß er nicht einmal weiß, ob er zum Eierlegen oder Eierbefruchten geboren ist. Er fängt an zu grübeln und zu denken, ja, er wird ganz tiefsinnig dabei. Aber für seinen Leib zu sorgen vergißt er auch nicht, den ganzen Sommer über faßt er zu und schluckt, wenn er etwas Genießbares sieht. Aber je länger und feister er wird, desto unruhiger wird er. Was es ist, weiß er nicht, aber eine unwiderstehliche Macht juckt in seinem Körper und zuckt in jeder Faser. Unruhig schlängelt er sich in seinem Teiche umher, aber er findet keine Ruhe. Und eines Tages faßt er den Entschluß, auszuwandern.

Wo das Wasser aus dem Teiche fließt, versucht er, sich durch den Eisenrechen zu zwängen. Aber er ist viel zu dick dazu. Auch ist nirgends eine Lücke, nirgends ein Ausweg. Zwei Tage sucht der Aal vergeblich. Aber am dritten wird er kühn, wagt sich hinaus aus den heimischen Fluten und schlängelt sich durchs nasse Gras in den Abzugsgraben. Eilig geht es weiter bachabwärts. Da teilt sich das Wasser, ein schmales Bächlein springt über ein Wehr und eilt dann weiter talwärts, die größere Wassermasse aber stürzt sich tosend über ein großes, stampfendes Wasserrad zu Tale. Der Aal vertraut sich dem schmalen Wässerchen an, kommt unverletzt über das Wehr und eilt weiter. Da kommt ein zweiter Wasserlauf und vereinigt sich mit dem Bache, und siehe da, auch ein Artgenosse des Aals findet sich, der ebenfalls von innerer Unruhe erfaßt mit dem Wasser reist. Ein Fluß nimmt den Bach auf und führt Wasser und Aale dem Meere zu. Immer neue Artgenossen finden sich, alle wandern mit dem Wasserstrome. Neue, unbekannte Fische schwimmen an ihnen vorüber, Scharen von Weißfischen am Tage, einige Neunaugen des Nachts. Aber die Aale haben keine Zeit, mit ihnen Bekanntschaft zu schließen, es treibt sie unwiderstehlich flußabwärts.

Ein kleines, stinkendes Bächlein wälzt bunte, farbige Fabrikabwässer dem Flusse zu. Unaufhaltsam schwimmen die Aale hindurch. Aber wehe, der eine, der sich aus dem abgelassenen Teiche gerettet hatte, findet sich nicht rasch genug heraus aus den giftigen Fluten. Schon ist er am Ersticken, da umspülen ihn frische Wasser, die ein Wiesenbach dem Flusse zugeführt hat. Erschöpft macht er Halt. Da sieht er einen großen Raubfisch, der gleich ihm in dem reinen Wasser sich erholt. Ein Lachs ist es. Es treibt ihn auch zum Wandern, aber er muß stromaufwärts. Zum zweitenmal macht er schon den Weg. Im kalten Winter des vorigen Jahres hat er schon gelaicht im seichten sandigen Flußoberlauf, und jetzt ist er wieder auf der Wanderung dahin. Er weiß auch zu sagen, daß alle wandernden Aale Weibchen sind. Am Meeresufer warten die Aalmännchen auf ihre Schönen, der Lachs hat sie gesehen und soll ihre Grüße bringen.

Und er hat recht gesprochen. Noch einige Tage dauert die angestrengte Wanderung. Schon vermag unser Aal nicht mehr zu sagen, wie breit der Strom ist, in dem er wandert. Da fängt das Wasser an, fremdartig zu schmecken. Langsam gewöhnt sich der weitgereiste Fisch an das neue Wasser, dann aber wandert er kühn hinein in die salzige Flut. Und siehe da, er kann sie ohne Schaden ertragen.

Zwei kleine Aale haben sich zu ihm gesellt. Sie umspielen ihn und schmiegen sich an ihn; Männchen sind es, die um die Gunst des Weibchens werben. Und das hat gegen die Annäherung nichts einzuwenden. Tagelang wandern die drei vereint über den Boden der Nordsee dahin. Immer dicker und rundlicher wird der Leib des Weibchens. Der Laich beginnt zu reifen. Aber noch immer finden die Fische nicht die geeignete Stelle zum Ablegen der Eier, noch immer ist ihnen das Wasser zu flach. Endlich haben sie gefunden, was sie suchen. Eine Wassermasse von mehr als tausend Meter Höhe lastet auf ihnen, weit entfernt sind sie vom heimischen Gestade. Da legt das Aalweibchen seine Eier ab, und die Männchen schwimmen darüber hin und befruchten sie.

Langsam beginnt sich Leben zu zeigen in den Eiern, die dort am Meeresgrunde liegen. Schließlich schlüpfen die Jungen aus. Aber was für sonderbare Tiere sind das, sind es wirklich junge Aale, die aus den Eiern kommen? Glashell sind sie und schmal wie ein Band. Sie leben auch nicht wie ihre Eltern. Sie treiben sich schwimmend hoch über dem Boden umher und vermeiden es, im Schlamme zu wühlen, sie führen ein pelagisches Leben. Bei der guten Ernährung im Ozean wachsen sie rasch heran, bald haben sie die Länge eines Fingers erreicht. Da geht auf einmal eine sonderbare Veränderung mit ihnen vor. Sie werden wieder kleiner, sie werden kürzer und bekommen eine runde Gestalt. Noch sind sie glashell, aber allmählich beginnt ihre Haut sich dunkler zu färben. Sie wandern den Küsten zu, und die Weibchen fangen an, in den Flußläufen aufwärts zu steigen. Es sind jetzt richtige kleine Aale geworden. Ihr Leib ist dünn und rund wie eine Stricknadel, ihre Haut schwärzlich. Aus den Flüssen wandern sie in die Bäche, aus den Bächen in die Teiche. Schließlich leben sie, wie ihre Mütter lebten, bis sie ziemlich geschlechtsreif sind, um dann wieder dem Meere zuzuwandern.