Hüttenjagd
Mit einem Sack voll Mais und Weizenspreu auf dem Rücken geht der alte Förster hinaus in die Fasanerie, um die bunten Vögel aus Kleinasien zu füttern, damit sie nicht in Nachbarreviere auswandern auf der Suche nach Nahrung. Treff, der Hühnerhund, durfte nicht mit, um die Fasanen nicht zu stören, sogar die Doppelflinte blieb zu Haus, weil das Körnerfutter gerade schwer genug zu tragen war. Vornübergebeugt unter der Last schreitet der alte Graubart durch den Mischwald, wo die Bäume weitläufig stehen, um dem Unterholze Licht genug zu üppigem Wachstum zukommen zu lassen. Nun nähert er sich der langgezogenen Fichtendickung, dem Futterplatze. Da ertönt ein tiefer, rauher Warnlaut, und eine Schar Krähen schwingt sich eiligst aus der dichten Deckung, um unter lautem Gekrächz das Weite zu suchen. Sie haben sich gütlich getan an dem Getreide, das die Fasanen übrig gelassen haben. „Na warte“, knurrt der Förster, „euch will ich’s zeigen, daß der Mais nicht für euch bestimmt ist. Hundert Fasanen durch den Winter füttern und auch noch Hunderte fremder, ungeladener Gäste, das wird zu teuer. Gleich morgen will ich mit dem Uhu einmal mein Glück versuchen und euch schwarzem Gesindel das Handwerk legen.“
Noch vor Tagesanbruch zieht er denn auch wirklich hinaus mit Jockel, dem Uhu. Langsam schreitet er vorwärts, um nicht warm zu werden in der dicken Kleidung, wie sie für den langen Ansitz nötig ist. „Trüb und neblig, dabei Südwestwind; sollte mich wundern, wenn ich heute keine Geschäfte machen würde“, murmelt er. Die braungetigerte Dine umkreist in weiten Sätzen ihren Herrn und freut sich, daß sie auch einmal mit ins Revier genommen wird. Wenn sie wüßte, daß sie heute Stillsitzen lernen soll, wenn’s knallt, und dann die unangenehm riechenden Krähen artig herbeibringen muß, würde doch vielleicht ihr jugendlicher Übermut bedeutend gedämpft werden. Jetzt macht der Herr schon Halt und schließt die Türe zur Erdhütte auf. Dann nimmt er den Jockel aus seinem Korbe und bindet die Leine, die an den dicken Fängen (Beinen) des Uhu befestigt ist, an eine Sitzstange, die etwa zwanzig Schritt von der Hütte für die große Eule errichtet ist. So, nun ist alles fertig, der Förster geht in die Hütte und ruft auch den Hund herein, der auf einer Schütte Stroh kuschen muß. Dann öffnet er das Schußloch, durch das man stehend das Sitzholz des Uhus gerade noch sehen kann, und das hoch genug ist, um einen Schuß steil nach oben zu gestatten. Auch die kleine Klappe, die seitlich angebracht ist und auf eine Birke hinausgeht, wird geöffnet, falls sie etwa klemmen oder nur unter lautem Kreischen sich bewegen lassen sollte. Dann lädt der Förster sein Gewehr und stopft sich eine Pfeife.
Bis jetzt hat der Uhu verdutzt am Boden gesessen, jetzt blickt er eine Weile sein Sitzholz starr an und fliegt schließlich hinauf. Dann schüttelt er sein Gefieder, plustert sich stark auf, schüttelt sich noch einmal, knappt mit dem Schnabel, reißt die feurigen Augen auf und gibt sich schließlich mit seiner Umgebung zufrieden. Nach einer Weile sperrt er seinen Schnabel weit auf, drückt die Augen krampfhaft zu, dreht und wendet den Kopf, als wenn ihm was im Halse stecken geblieben wäre, würgt und würgt, bis schließlich sein Gewöll (ein Ballen unverdaulicher Nahrungsüberreste, Haare von Kaninchen und Federn einer Krähe) ausgeworfen wird. Dann ist er sichtlich erleichtert und blinzelt in die eben aufgehende Sonne.
Auch der Förster steht am kleinen Guckloch in der Hüttentür und betrachtet das Erscheinen des Tagesgestirns. Ein schmaler, rotgoldener Streifen begrenzt die Wolkenwand, die den Horizont verhüllt. Langsam wird er breiter, färbt sich purpurn und bedeckt den östlichen Himmel. Der Wolkensaum beginnt kräftiger zu glühen und zu strahlen, und pechschwarz mit goldigen Rändern erscheinen die Umrisse der Eichen und Erlen gegen den Morgenhimmel. Jetzt blitzt es hell am Wolkenrande auf, langsam erscheint die feurige Scheibe. Im Nu sind alle Farben verändert, ein goldiger Schimmer liegt über dem Purpur der Wolken, und in reinem Blau erstrahlt der Himmel. Höher und höher rückt der rote Feuerball, blässer werden die Farben am Himmel, lebhafter die der Bäume und Saaten. Jetzt steht die Sonne frei und leuchtend über dem Horizont, und geblendet schließt der Förster seine Augen und wendet sich ab. Er sieht nach dem Uhu hinaus, aber seine Augen sind überreizt, ein blauer Sonnenball tanzt über dem Auf (Uhu). Eine Weile muß der Förster mit geschlossenen Augen sitzen, um die lästige Sehstörung zu überwinden.
Da tönt ein tiefes, rauhes „Ga, ga“ in der Luft über der Hütte, zögernd und ängstlich klingt es. Saatkrähen haben ihren Erbfeind erblickt und kreisen hoch in der Luft, als wollten sie Mut fassen zum Angriff auf die Eule. Immer mehr kommen dazu, dreißig mögen es schon sein, noch immer aber trauen sie sich nicht in die Nähe. Da mit einem Schlage fangen sie alle an zu schreien, krah, krah, zornig und angriffslustig, und nun saust eine in wildem Schwunge dicht am Kopfe des Uhu vorüber. Eine zweite und dritte macht es nach, und bald macht die ganze Schar gleichzeitig einen Angriff. Vorsichtig hat der alte Grünrock nach der Birke geguckt, aber Saatkrähen setzen sich selten, das weiß er. Noch einmal winkt er dem Hunde gebieterisch Ruhe zu, dann fliegt seine Doppelflinte an die Backe. Gerade im Schwenken ist der Krähenschwarm, da kracht der Schuß, und bumms, hat auch das zweite Rohr gesprochen. Zwei Krähen hat der erste Schuß zu Boden geworfen, und der andre hat noch einer dritten das Leben gekostet. Geschwind ist wieder geladen, und dann darf der Hund hinaus. Faß apporte, Dine! Gleich packt er die eine, die noch mit den Flügeln schlägt, und bringt sie herein und schon ist er wieder draußen, um eine zweite zu holen.
Stumm und hoch haben die Krähen gekreist, nachdem ihre Genossen gefallen; der Doppelschuß hat sie erschreckt, aber woher er gekommen ist, wissen sie nicht. Nun sehen sie den Hund ihre Freunde fassen, und wütend über den nicht gefürchteten Gehilfen des Menschen stoßen sie unter wildem Geschrei auf die verdutzte Dine. Darauf hatte der Förster gerechnet. Wiederum knallen zwei Schüsse, doch nur eine Krähe ist tödlich getroffen, die andre läßt beide Ständer (Beine) hängen und fliegt und fliegt mit langsamen, matten Flügelschlägen der Fasanerie zu. Dann schwebt sie im Bogen zur Erde nieder, schlägt auf und ist tot. Die Schrote hatten sie weidwund getroffen. Der Förster zieht ein grimmiges Gesicht. Daß die Krähe noch auf freiem Felde gefallen ist, paßt ihm gar nicht, sogar ein Fehlschuß wäre ihm lieber gewesen. Natürlich sammelt sich bald der Krähenschwarm um die gefallene Genossin, und krächzend stoßen die Krähen nach der toten Freundin. Wetternd muß sich schließlich der Förster bequemen, die „Schwarze“ herbeizuholen, sonst würde wahrscheinlich überhaupt keine wieder über den Uhu kommen.
Und richtig, auch das hatte er vorausgesehen. Kaum hat er die Krähe aufgenommen und blickt nach der Hütte zurück, da sitzt ein Vogel auf der Birke. Er hat den Kopf nach vorn gebeugt und glotzt nach dem Uhu. Die kräftigen Flügel lassen den Vogel oben ziemlich breit erscheinen; wie ein Keil sitzt er auf dem dürren Wipfel. Daß ein Wanderfalke auf der Birke sitzt, das wird dem vogelkundigen Graubart bald klar. Es bleibt ihm nichts übrig, als das zu tun, was jeder Jäger in solchen Lagen tut, nämlich, einen kernigen Ausdruck zwischen den Zähnen zu murmeln und sich mit den unabänderlichen Tatsachen abzufinden.
Jahr für Jahr kommt nun der Falke in sein Revier, Jahr für Jahr liegt unter der großen Eiche auf der Wiese ein geschlagener Vogel, bald Rebhuhn, bald Fasan, Jahr für Jahr paßt der Förster auf den prächtigen Räuber, immer ohne Erfolg. Und heute verscherzt sich er alter Esel selber den kinderleichten Schuß, einiger lumpiger Krähen willen, da soll doch gleich ... Lange hat der Förster Zeit zu seinen Selbstgesprächen, wie angewachsen sitzt der Wanderfalke auf der Birke. Jetzt rückt er zusammen, und jetzt schwingt er sich abwärts nach dem Uhu, der zur dicken Kugel aufgeblasen seinen Angreifer erwartet. Dicht über den Kopf der zusammenfahrenden Eule hinweg streicht der Falke, dann eilt er mit hastig zuckenden Flügelschlägen davon, wird kleiner und kleiner, um schließlich als Punkt am Horizont zu verschwinden.
Na, der ist fort, denkt der Jäger und geht mißmutig zur Hütte. Immer starrt er nach jenem Punkte, wo der Wanderfalke verschwunden ist, immer regt sich noch die Hoffnung, er könnte vielleicht wiederkommen. Da geht es „krah, krah“, hell und zornig tönt der Schrei einer hassenden Krähe. „Krähen mag ich nun nicht mehr, es muß schon etwas Besseres kommen“, denkt der Förster, und ungehindert stoßen die Krähen auf den Uhu. Schließlich wird es dem Jäger aber doch zu bunt. Es sind Rabenkrähen, der Stimme nach, da ist es schade um jede verpaßte Gelegenheit, einer die Räuberseele auszutreiben. Jetzt setzt sich gar eine auf einen Maulwurfshaufen, so recht günstig in schönster Schußentfernung. „Bumm“ raus ist der Schuß und — fort die Krähe. Der Schuß war so kinderleicht, Zielen erschien überflüssig, und deshalb ging der Schuß in den Acker. Ein Glück, daß der Förster allein in der Hütte ist. So wütend war er gewiß nie. Er ist sprachlos vor Zorn, und sinnend überlegt er genau, ob ihm nicht eine alte Frau über den Weg gelaufen sein könnte oder ob ihm jemand „viel Glück!“ nachgerufen hat. Denn mit rechten Dingen geht doch so ein Mordspech nicht zu. Am liebsten würde er heimgehen, einen tüchtigen Grog trinken und auf dem Sofa von glücklicherer Jagd träumen. Aber der Wanderfalke läßt ihm keine Ruh, der könnte doch vielleicht wiederkommen, und gerade zur rechten Zeit, daß er ihm beim Hereinholen des Uhu zugucken würde. Nein, das soll nicht vorkommen, lieber will er noch eine Stunde vergeblich sitzen.
Und gar so langweilig ist das nicht, wie es immer erscheinen mag, zumal für einen Forstschutzbeamten. Was kann man nicht alles beobachten, wenn man in einem guten Versteck sitzt, von dem niemand weiß, daß es besetzt ist. Da schreitet der Windmüller auf der Landstraße, und sein Dackel ist dabei. Sonst tun die beiden immer so harmlos, als wenn sie nicht wüßten, was ein Hase oder ein Reh ist, heute springt der Dackel von Steinbrücke zu Steinbrücke und prüft mit der Nase, ob es sich lohnt, hindurchzukriechen. Jetzt springt sein Herr in den Graben und steht ein Weilchen ruhig da, dann bückt er sich und hebt etwas auf. Aha, denkt der Förster, ein Kaninchen. — Der Dackel ist mit Passion eingefahren in den Durchschlupf, sein Herr hat auf der andern Seite eiligst den Ausweg mit seinen Beinen versperrt, und dann hat der Hund das Wild erfaßt und zu des Müllers Füßen totgebissen. — Jetzt durchsucht der Müller seine Taschen. „Der sucht ein Sackband“, denkt der Förster, und hat recht. Der Müller bindet das Band an die Hinterläufe des Kaninchens und schnürt sich dann den Nager um den Leib. „Na warte, Krause, ich treffe dich schon einmal, wenn du einen dicken Magen hast, vielleicht ist es dann ein Hase“, knurrt der Förster und stopft sich eine neue Pfeife.
Lange Zeit ist nichts zu sehen, und das Schmauchen der Pfeife und das Pappen der Lippen das einzige Geräusch. Da tönt es wieder „Arr, arr, kräh, kräh“, und ein paar Krähen stoßen wie rasend auf den Uhu. Der Stimme nach könnten es Rabenkrähen sein, die Saatkrähen haben tiefere Laute, aber die graue Weste, die die Vögel tragen, verrät die Nebelkrähen. Die bäumen oft auf, das weiß der Förster, und deshalb spart er zunächst seine Patrone. Nicht lange dauert es, dann läßt die Wut nach, und mit den Flügeln balancierend sitzt eine auf der Birke. Eine zweite, dann dritte macht es nach, und bald schaukeln alle fünf auf den schwanken Zweigen. Sorgsam zielt der Förster, diesmal muß er die böse Schlappe wieder auswetzen, zwei müssen mindestens fallen auf den ersten Schuß, und vielleicht bringt auch der zweite noch einen Treffer. Bumms, kracht der Schuß, wirres Flattern und Stürzen folgt, und ehe es möglich war, noch einmal Dampf zu machen, sind die Überlebenden aus dem Schußfeld entschwunden. Zwei Nebelkrähen liegen tot am Boden, und da läuft wahrhaftig noch eine dritte mit zerschossenem Flügel; die darf Dine holen.
Aber nun ist wieder Ruhe. Nirgends eine Krähe oder ein Raubvogel zu sehen. Gedankenlos raucht der Förster seine Pfeife und blickt dem Rauche nach. Dann tritt er wieder einmal von einem Beine auf das andre und macht einige trippelnde Schritte am Orte, um warme Füße zu bekommen. Dann guckt und starrt er wieder in die Ferne. Plötzlich fährt er vom Schußloch zurück und greift nach seinem Gewehr. Aber er kann sich bücken und drehen und durch alle Luken spähen, einen Raubvogel sieht er nirgends. Wieder tritt er ans Schußloch, und wieder hat er die Empfindung, als wäre oben grade noch sichtbar ein Vogel vorübergezogen. Und nun merkt er auch, daß es eine Mücke ist, die ihren Winterschlaf in der Hütte des ungewohnten Lichtes wegen unterbrochen hat und am Schußloche auf und niedertanzt und hin und her. Wie oft hat sich der Förster schon täuschen lassen, auch früher schon, als seine Augen auch für die Nähe gut waren. Aber klug geworden ist er nicht, immer wieder fällt er auf den gleichen Scherz hinein, mag nun eine Fliege an seinen Augen vorüberfliegen, oder eine Spinne sich an einem Faden schaukeln.
Jetzt merkt der Förster auch, daß er Hunger hat, mit Pfeifenrauch läßt sich sein Magen nicht besänftigen. Da packt er denn seine Sachen zusammen. Er steckt die Krähen bis auf eine in den Rucksack, um sie an der Fasanenfütterung als abschreckendes Beispiel aufzuhängen, holt den Uhu herein und pflockt ihn in der Hütte an, nimmt sein Gewehr und geht.
Am Nachmittage will er noch einmal sein Heil versuchen, Krähen hat er zwar genug, und die stoßen auch nachmittags schlecht, aber Raubvögel will er schießen, vielleicht kommt der Wanderfalke wieder.
„Ach was, lumpige Krähen, einen Wanderfalken will ich schießen, Frau! Ich bin ja warm angezogen, und Jockel friert auch nicht. Rasch noch eine Tasse Kaffee!“
Wieder wandert der Förster an der Fasanerie entlang über die Wiese nach der Hütte. Der Himmel hat sich umzogen, und der Südwest weht kalt und feucht, lange wird es nicht mehr dauern, dann setzt es Schnee. Der Hüttenjäger ist noch nicht ganz bis zur Krähenhütte gekommen, da tanzen schon einige weiße Flocken zur Erde nieder, wirbeln wieder hoch und senken sich, bis sie schließlich als nasse Tropfen am Grase hängen. So ein Schneegestöber stört nicht sehr bei der Hüttenjagd. Auch der alte Grünrock läßt sich durch die fallenden Schneesterne nicht beirren, er holt den Uhu aus der Hütte und setzt ihn auf die Jule (Sitzholz für den Uhu vor der Krähenhütte). Dann macht er sich zum warmen Empfang der gefiederten Räuber fertig.
Zwei Uhr schlägt es vom Dorfe her. Es ist nichts zu sehen als fallende Flocken, nichts zu hören als das leise Tropfen von Tauwasser, das vom Hüttendache ins Stroh hinabfällt. Dann wieder tönt das Knallen einer Peitsche von der Landstraße herüber, der Pfiff des Dampfwagens unterbricht einmal die Stille, das ist alles.
Aber eintönig ist das Warten für den Förster nicht, Langweile kennt er überhaupt nicht. Jetzt kann er ja ganz ungestört die wundervollsten Jagden in seiner Phantasie mitmachen, Jagden, auf denen er keinen Fehlschuß tut, wo seine Hunde den Neid aller Mitjäger erwecken und wo der dicke Bäckermeister Schulze durch ganze Serien von Fehlschüssen die Spottlust der Jäger herausfordert. — Oder er geht pürschen im Geiste. Am Bachufer schreitet er hin und schaut bald da, bald dort hinaus aus den Büschen auf die Wiese und den Klee nach dem roten Rehbock. Da sieht er ihn stehen mit den hohen dicken Stangen, er sieht ihre weißen Enden blitzen und den Dampf vor dem feuchten Geäse des Bockes. Dann malt er sich die Wirkung seines abgezirkelten Blattschusses aus, wie der Bock aufspringt in einer jähen Flucht und dann verendend zusammenbricht.
Drei Uhr schlägt es vom Dorfe herüber. Das Schneewetter hat nachgelassen, die Bäume der Landstraße werden durch die spärlicher fallenden Flocken hindurch sichtbar. Wie ein riesiges, weißgeflecktes Fell liegt die Erde da, der Himmel spannt sich grau und grießelig darüber aus. Jockel schüttelt sich die Flocken aus den Federn und tritt ein wenig auf dem Sitzholze hin und her, um dann wieder das eine Auge halb zu schließen und zu duseln und träumen, wie sein Herr.
Die Stimmen von Kleinvögeln ertönen aus der Luft, und der Förster sieht nach der Birke hinaus. Ein Flug Feldsperlinge läßt sich eben nieder. Hell und silbern klingt ihr Schilpen, und terrerrerr zetern sie dazwischen. Prachtvoll rotbraun glänzt ihr Scheitel, und schmuck sehen die weißen, schwarz gesäumten Backenflecken aus, weiß strahlt auch der Halsring. Eilig sucht der Förster eine Patrone mit feinen Schroten. Die Frettchen haben ihre Semmelmilch und Tag für Tag nichts als Semmelmilch satt, denen kann einmal etwas zartes Vogelfleisch nichts schaden. Wie ein Spreuhaufen stieben die kleinen Kerle auseinander beim Knall des Schusses, wie fallende Blätter stürzen viele aus der dichtgedrängten Schar zu Boden. Scharf guckt der Förster nach dem Fuß der Birke, immer und immer wieder nimmt er jeden der gefallenen Spatzen in Augenschein. Endlich hat er sich überzeugt, daß keiner mehr lebt, daß kein angeschossener sich aus dem Staube machen kann, um elend und qualvoll umzukommen. Dann lacht der Förster auf. Einen Wanderfalken wollte er schießen, und nun ist er befriedigt, wenn er sechs oder sieben armselige Spatzen mit einem Schusse erlegt.
Wieder guckt er zum Schußloch hinaus. Halb vier muß es schon sein, und nicht ein einziger Raubvogel hat sich sehen lassen. Zwar kann jeder Tag ein Jagdtag sein, ein Fangtag ist er deshalb noch lange nicht, sagt eine alte Jägerweisheit. „Ich glaube, das meiste habe ich,“ knurrt der Alte. Da huscht ihm ein Schatten über die Augen. Mücke oder Raubvogel? Er weiß es nicht und guckt zunächst nach der Mücke. Doch nein, diesmal war’s wirklich ein Räuber, mit elegantem Schwunge stößt er auf den gehaßten Uhu. Doch der Jäger läßt sein Gewehr in Ruhe. Schon an der Art des Angriffs und am gellenden Kampfrufe „ki ki ki“ hat er den Turmfalken erkannt. Er hat seine Freude an dem munteren Falken. Ein Männchen ist es, denn Blaugrau ziert Kopf und Schwanz und Bürzel. Mit angelegten Flügeln saust es in jähem Schwunge über die Eule hinweg, wendet kurz und im Nu stößt es wieder. Dann schwenkt es ab, rüttelt, als wenn es ganz genau zielen wollte und neckt den Feind aufs neue. Vielemale erneuert es seinen Angriff, aber schließlich verliert es doch seinen Reiz für den Falken, der Uhu kennt den Spaß von früher und tut nicht, als wenn ihm das Necken lästig wäre. Fälkchen schwenkt deshalb ab und setzt sich auf die Birke, um von oben aus die Welt zu besehen. Zunächst gilt seine Aufmerksamkeit noch dem Uhu, dann aber beginnt es, in den Federn zu nesteln und sich zu putzen. Auf einmal hört es mit seiner Tätigkeit auf, dreht das runde Köpfchen nach unten und guckt mit den dunkelbraunen Augen nach den Sperlingen. Dann schwenkt es um die Baumzweige herum und greift mit seinen weit ausgestreckten gelben Fängen einen der kleinen Spatzen, dann braucht es wieder die braunen Flügel und eilt davon mit seiner Beute, um sie in Ruhe zu verzehren.
Freudig und neidlos hat der Förster dem kleinen Diebe zugesehen, das seltene Schauspiel, einen Räuber so nahe und so ungestört beobachten zu können, hat ihn gar nicht daran denken lassen, daß seine Frettchen nun mit einem Sperling weniger sich begnügen müssen. Für ihn hätte es des gesetzlichen Schutzes nicht bedurft, die Turmfalken waren seine Lieblinge von je, und drei Pärchen durften unter seiner Aufsicht in diesem Sommer ihre zahlreichen Jungen auffüttern.
Mit dem Stoßen des Turmfalken scheint überhaupt das Erscheinen von Raubvögeln begonnen zu haben. Über der Fasanerie kreist ein Räuber. Fast ohne Flügelschlag zieht er seine Kreise, schwebt hin und her an dem Wäldchen und blockt schließlich auf der Spitze einer Eiche. „Na ja, sitze nur, bis es finster ist, Lump, feiger!“ schimpft der Förster, aber er tut dem Vogel unrecht. „Hiäh, hiäh“ pfeift er und dann kommt er. Bald kräftig mit den Flügeln schlagend, bald schwimmend in der Luft nähert sich der Räuber, dann — schwenkt er ab und kehrt nach dem Walde zurück. Aber auf dem Wege dahin überlegt er sich’s wieder anders und kommt wieder näher. So geht es hin und her, hinauf und herunter, gerade als sollte der Jäger zum Narren gehalten werden. Dann fängt der Mäusebussard an zu kreisen, schraubt sich hoch und höher und fliegt schließlich aufs freie Feld, um Mäuse zu fangen.
Zwar ist der Bussard vom Gesetz als nützlicher Vogel geschont, aber der Förster hat einen Groll auf seine Sippe, weil einer ihm mal einen eben geschossenen Fasan vor der Nase weggenommen hatte. Das war in dem mäusearmen Jahre 18.. gewesen, und der arme Mausfänger hatte gewiß nur in der höchsten Not nach dem bunten Vogel gegriffen, denn Hunger tut weh. Er brachte damals sein Leben in Sicherheit. Ehe der Förster sich von seiner Verblüffung erholt hatte, war er längst außer Schußweite gewesen. Nun aber muß jeder Bussard sterben, der dem Grünrock nahe genug kommt; denn es könnte doch vielleicht der Fasanendieb sein. Auch der, der sich jetzt nicht an den Uhu herantraut, hat gewiß schon einmal Feuer bekommen, sonst würde er wohl die gehaßte Eule nicht ungeneckt lassen.
Aufmerksam guckt der Förster bald hier, bald da hinaus, um ja keinen nahenden Raubvogel zu verpassen. Wenn auch gewöhnlich Jockel, der Uhu, durch sonderbare Bücklinge und Grimassen das Nahen eines Räubers angezeigt, manchmal sitzt er auch stockstill, wenn einer seiner Quälgeister vorüberfliegt. Jetzt blickt er scharf nach einem Punkte des Horizonts, wackelt eigenartig mit dem Kopfe und zieht die Flügelbuge hoch. Kein Zweifel, seine scharfen Augen haben einen Feind entdeckt. Nun sieht ihn der Jäger auch. Er hat erst an einer falschen Stelle gesucht, sonst hätten seine weitsichtigen Augen den schwarzen Punkt am Himmel nicht übersehen. Langsam wird der Vogel größer, und bald ist er nahe genug, so daß der Förster mit dem Glase den Vogel ansprechen kann. Die Flügel sind spitz, also ist es ein Falke. Der Stoß (Schwanz) ist kurz. Der Vogel fliegt sehr rasch und fast in gerader Linie, er scheint auch bedeutend größer zu sein als ein Turmfalke. Des Jägers Herz klopft rascher und das Gefühl, das er als Knabe hatte, als er heimlich seinen ersten Sperling schoß, beschleicht ihn, denn nun ist kein Zweifel mehr, der Wanderfalke, das Hochwild des Hüttenjägers, zieht heran.
Wird er auf den Uhu stoßen, wird er gut genug kommen, daß der Schuß aus dem engen Loch auf den vorbeisausenden Räuber auch nicht fehlgeht? Die Spannung, die Erwartung und Ungewißheit, dazu der Anblick des nahenden Vogels und des schnabelknappenden Uhus, das alles wirkt mächtig auf die Nerven. Der höchste Genuß des Weidmanns ist dieser Reiz, das Jagdfieber vor dem Schusse. Mag mancher auch noch so oft diese Aufregung verwünscht haben, wenn die Büchse wankte in seiner Hand und das Ziel zu verschwimmen begann, er muß doch zugeben, daß ein Schuß ohne Spannung und Erwartung viel reizloser ist, wie der Schuß auf eine Scheibe beinahe.
Hundert Schritt etwa mag der Wanderfalke noch entfernt sein, noch immer kümmert er sich nicht um den Uhu, geradeswegs auf die Fasanerie steuert er zu. Doch jetzt biegt er ab und saust schnurgerade auf den schnabelknappenden Jockel zu. Dicht über den Kopf der Eule stößt er hinweg und biegt steil nach oben ab. Dann wendet er, um seinen Angriff zu erneuern. Wieder schwingt er sich nach oben und verschwindet schon beinahe am Rande des Schußlochs, da dröhnt der Schuß. — Da liegt er nun, der stolze Räuber der Lüfte, der die Taube einholte im rasenden Fluge und der die streichende Ente fing, noch ehe sie sich ins schützende Schilf werfen konnte. Krampfhaft schließt er die mächtigen Fänge mit den nadelspitzen Krallen, einmal noch schlägt er mit den blaugrauen Schwingen, dann sinkt sein Kopf zurück, der Beherrscher der Lüfte ist verendet.
Stolz und mit freudestrahlenden Augen tritt der glückliche Schütze an seine Beute heran. Tastend fährt seine Hand über den dunkeln Scheitel des prachtvoll ausgefärbten Wanderfalken. Freudig betrachtet er den schwarzen Bartstreifen unter dem dunkelbraunen Auge, das Weiß auf Wangen, Kehle und Hals, die Brust, die auf rostfarbenem Grunde schwarze Querbänder zeigt, die zartgrauen, dunkelgewellten „Hosen“. Prüfend versucht er die Schärfe der Krallen an den gelben Fängen, dann breitet er die Schwingen aus, einen Meter etwa klaftern sie.
Bei einem berühmten Meister will der Förster seine Trophäe präparieren lassen, in möglichst lebendiger und naturgetreuer Stellung. Auf dem vorteilhaftesten Platze in der guten Stube soll sie prangen, für gewöhnlich verhüllt von einem Schutzmantel aus Glaspapier. Nur wenn Ehrengäste kommen, soll der Wanderfalke frei in seiner ganzen Schönheit an der Wand prangen. Dann können fünfzig und mehr Jahre vergehen, ehe Staub und Licht das Präparat unscheinbar gemacht haben.
Kühn stößt unterdessen ein Turmfälkchen auf den Uhu. Zornig ertönt sein Schrei, und heftig sind seine Angriffe. Voll Wohlgefallen betrachtet der Förster das Flugbild, die Gewandtheit und Lebendigkeit des kleinen Räubers. Dabei muß er an den Wanderfalken denken, der noch mutiger, noch gewandter und kühner war. — Und dabei kommt ein ungeahntes Gefühl in seine Brust. Fast ist es ihm leid, daß er das Ziel seiner jahrelangen Sehnsucht erreicht hat. Gewiß wird er mit Freude auf seinen Wanderfalken blicken jederzeit, aber immer wird er den leisen Vorwurf in sich spüren, daß er doch die ganze Schönheit dieses Vogels beinahe völlig zerstört hat. Denn was bedeutet die armselige Trophäe an der Wand gegen das Schauspiel, das ein Wanderfalke im Leben bietet. Wie kann der Verlust von einigen Rebhühnern oder Tauben überhaupt in Frage kommen, wenn man das herrliche Schauspiel eines jagenden Falken damit erkauft.
Die Freude an der Hüttenjagd ist dem Graubart mit einem Male verleidet. Lange wird es zwar nicht dauern, dann sitzt er doch wieder draußen mit dem Uhu, um Raubvögel zu erlegen, aber er nimmt sich fest vor, seltene Vögel zu schonen. Dann packt er den Uhu in seinen Korb, nimmt sein Gewehr und seine Beute und wandert heimwärts.