Königin Apis

Juli war es, und ein besonders heißer Tag dazu. Die Sonne sengte und strahlte, sie kochte den Honig aus den letzten Blüten der Linde im Garten, so daß der süße Duft mit dem leisen Lufthauch davonzog. Ein paar Fliegen saßen plattgedrückt im Weinlaube und ließen sich die Hitze gut sein, unter der Fetthenne am Boden dehnte eine grüne Zauneidechse den Leib im Sonnenschein, träge flog ein Kohlweißling durch den Garten und setzte sein Eihäufchen an ein Kohlrabiblatt. Sonst war von Lebewesen fast nichts zu entdecken. Nur ab und zu klang die plärrende Stimme junger Stare aus den Höhlungen der Linde, verträumt drang der Laut durch die heiße Stille.

Ein leises, fernes Summen klingt in der zitternden Luft, ganz fein vertönt’s, wie wenn die Kirchenglocke summt, die ein fallendes Sandkorn anschlug. Was ist es? Täuscht nur der hämmernde Pulsschlag das ferne Summen ins Ohr? Doch nein, es wird stärker und lauter. Ist es der Wind, den die weiße Wetterwolke am Westhimmel ausschickt, der so drohende Töne erzeugt? Doch es regt sich kein Blatt am Baume, kein Windhauch stört die winzigen Mücken, die als flimmernde Punkte einen verschlungenen Reigen tanzen. Näher und drohender braust es, wie wenn fern hinter dem Berge prasselnde Schloßenschauer herniederstürzten, und doch ist der Himmel blau und die weiße Wetterwolke fern.

Und nun zieht unter Summen und Brummen eine Wolke über den Garten, jetzt langsam, jetzt rasch, jetzt hoch und dann niedrig, eben war sie rund, nun ist sie lang und schmal. Apis, die Bienenkönigin, und ihr Volk brummt über den Garten. Sie fliegt in weitem Bogen um die Linde herum, ihre Getreuen tun’s ihr nach, sie stürzt sich zehn Meter hinab, und ohne Kommando folgen ihre Vasallen, sie schwärmt im Zickzackfluge, und hinter ihr wogt der Schwarm, wie von Geisterhand geleitet. Am Hausgiebel zieht die Königin langsam hinauf bis zum First und dann wieder hinab bis zum Dachrand, und mit ihr steigen die Bienen und senken sich.

Apis sucht einen Ruheplatz, doch das Haus dünkt ihr unpassend, drum geht es hinüber zur Linde. Ein glatter Ast kommt aus dem dicken Lindenstamme dort, wo er sich zum ersten Male teilt. Fast wagrecht ragt der Ast in die Luft, nur seine Zweige hängen etwas nach unten. Hier gefällt es Frau Apis, die Sonne brennt nicht zu heiß hierher, aber der Schatten ist auch nicht zu dicht. Die Königin setzt sich auf den erwählten Platz, sofort haben sich neben ihr eine Schar Getreue niedergelassen, neue kommen dazu und krallen sich mit ihren sechs Beinchen an die glatte Rinde, die nächsten setzen sich auf die Rücken ihrer Schwestern, um wieder andern als Ruhesitz zu dienen. Größer und größer wird die Traube aus Bienenleibern, immer weniger Insekten schwärmen noch umher, bis schließlich fast alle Platz gefunden haben.

Doch dauernd ist natürlich die Ruhe beim Bienenvölkchen nicht. Da löst sich ein faustgroßer Ballen vom Schwarme, entwirrt sich im Fallen, und die emsigen Honigsucher fliegen hinauf zur Bienentraube, die sich schon wieder abgerundet hat, und setzen sich darauf nieder. Der Abend kommt, und über den Wiesen braut der Nebel, die Bienen summen, fallen nieder und steigen auf; die kühle Nacht senkt sich auf die Erde, und das Käuzchen schreit in den Weiden an der Mühle, der Bienenschwarm summt immer noch. Der Morgenhimmel rötet sich, und die Sonne guckt mit rotverschlafenem Auge aus dem Wolkenbette, die Bienen brummen noch immer rastlos am Lindenast.

Höher und höher steigt das Tageslicht, seine warmen Strahlen trinken durstig die glitzernden Tauperlen von Blatt und Gras. Nun werden die Bienen noch lebhafter. Eine nach der andern löst sich von der Traube los und summt tanzend auf und nieder, schwärmt hin und her und fliegt dann weiter herum im Garten und Dorfe. Bald hier am Hausgiebel, bald dort am hohlen Apfelbaume sieht man sie suchend umherirren, hineinfliegen in Baumlöcher und dann wieder weiter eilen. Die größte Zahl ist aber an der Linde geblieben und untersucht die zahlreichen Höhlungen ihres Stammes.

Zu zweien, dreien fliegen sie ein und aus, bis schließlich die große Höhle am Stamme, die halb unter Efeuranken versteckt liegt, von vielen umflogen wird. Hin und her geht es zwischen dem Schwarm und dem Loch im Stamme, bis schließlich alles nur ein Hin- und Herfluten ist. Und dann zieht Bienlein auf Bienlein unter lautem Summen hinein in den hohlen Stamm; wie wenn rieselnde Erbsen aus dem Sack ins Maß rollen, so ist’s anzusehen. Apis und ihr Volk haben eine Wohnung gefunden, sie bleiben in der Linde.

Schimpfend sehen die Sperlinge, wie die schöne, große Höhle von den kleinen Summern bezogen wird, aber eine dunkle Ahnung sagt ihnen, daß hier Zanken und Beißen nichts hilft, und Star und Rotschwanz, die vom Schelten der erbosten Gassenvögel angelockt werden, wissen auch nur den einen Rat, sich mit den Kleinen nicht zu verfeinden. So wird es denn weiter getragen von Schnabel zu Schnabel, was für Gäste jetzt in der Linde wohnen, und auch die Menschen sehen es und sprechen einige Tage darüber; dann ist die Sache nichts Neues mehr.

Doch beim halbvergessenen Bienenvolke wird gearbeitet mit Bienenemsigkeit, und gar mannigfach ist die Arbeit, die zu tun ist. Da sitzt eine Schar aus dem Volke der Apis dicht geknäult. Sie sind gut genährt, und man könnte glauben, sie täten nichts, als ein Mittagschläfchen halten. Doch haben sie eine wichtige Beschäftigung, sie — schwitzen. Eine wärmt sich an der andern, so daß zwischen den Ringen ihres verschnürten Körpers Wachs hervorquillt. Spurwenig ist es natürlich, was eine Biene täglich an Wachs hervorbringen kann, und doch sieht man an den Waben, die aus dem Wachse gebaut werden, daß die Gesamtmasse gar nicht so gering ist.

Und wenn die einen schwitzen, dann kommen andre, putzen ihnen das Wachs ab, kauen es mit kräftigen Kiefern und kleben den winzigen Ballen an das Bauwerk, das andre begonnen haben, noch andre fertig machen werden. Keine fragt, was nun zu tun ist, jede weiß es von selbst. Mit den geknickten Fühlern messen und tasten sie, kneten und kleben mit den Kiefern, und bald reiht sich eine sechseckige Zelle an die andre. Und in der ganzen Wabe ist ein Kämmerchen so groß wie das andre, alle sind gleich hoch und breit, alle haben die gleiche Tiefe.

Zwischen den bauenden Bienen läuft die Königin umher, als wollte sie sich überzeugen, daß ordentlich gearbeitet wird. Doch das scheint nur so, sie versteht ja von der Arbeit herzlich wenig und läßt ihr Volk tun und treiben, was es will. Doch wenn eine Anzahl neuer Kammern fertig ist, dann legt sie ein Ei in jede Zelle. Das ist ihre einzige Arbeit, aber man darf nicht denken, es wäre eine leichte Aufgabe, mehr als dreitausend kann sie an einem einzigen Tage legen. Dafür wird sie aber auch von ihrem Volke gepflegt und beschützt, gefüttert und gewärmt, jede Biene ist bemüht, ihr den leisesten Wunsch an den Fühlern abzulesen. Und während die einen kleben und bauen, andre die Königin geleiten und bedienen, summt die größte Zahl der Bienen im Freien umher. Geschäftig eilen sie von Blüte zu Blüte, stecken den Rüssel ganz tief hinein zwischen Staubfäden und Griffel und schlecken und trinken das winzige Tröpfchen Nektar, das dort geboten wird. Und dabei stäuben und pudern die Staubfäden die emsigen Insekten über und über mit gelbem Pollen ein, der zwischen dem Pelz hängen bleibt. Ein kleiner Teil wird davon in den nächsten Blüten wieder abgestreift, bleibt an den Blütenblättern hängen, um zugrunde zu gehen, oder an der Narbe des Griffels, um seinen Zweck zu erfüllen und die Eizellen zu befruchten. Doch in jeder neuen Blüte kommt neuer Staub in den Pelz der Biene und macht ihr das Fliegen schwer. Darum setzt sie sich auf ein Blatt und kämmt und bürstet den gelben Puder von Rücken und Bauch und packt ihn in das Haarkörbchen am Hinterbein, bis sie dicke falsche Waden hat wie ein Hochtourist.

Ist dann das Kröpfchen voll von süßem Nektar, sind die gelben Höschen so dick, daß nichts mehr hineingeht in das Körbchen, dann summt das Bienlein in schwerem Fluge zum Stock zurück. Es wandert über die Waben dahin, und wo eine junge Bienenlarve steckt, dort stopft die Arbeiterin etwas von ihren Vorräten in die Zelle, Blütenstaub und etwas Nektar wird der Brut als Nahrung angeboten.

Wenn dann die weißen Madenlarven erwachsen sind und sich verpuppen wollen, dann decken die Bienen einen Wachsdeckel auf ihre Zelle; sie machen das kleine Kämmerlein zu, damit die weiße Mumie ungestört ihrer Auferstehung als fertige Biene entgegenschlummern kann. Wenn dann zwanzig Tage seit der Ablage des Eies verflossen sind, dann regt sichs unter dem Deckel und die junge Arbeiterin schlüpft aus. Noch ist sie in ein weißes, weiches Morgenkleid gehüllt, aber das wird bald hart und färbt sich dunkel, und dann fängt die junge Biene an, sich an den Arbeiten am Stock zu beteiligen, als hätte sie schon monatelang gelernt. Gleich weiß sie überall Bescheid, weiß wie Zellen gebaut, wie Honig gesammelt, der Stock rein gehalten wird. Woher weiß sie das? Sie hat ihre Kenntnisse geerbt von ihrer Mutter, der Königin, obgleich die wieder ganz andre Instinkte besitzt als die Arbeiter, von Arbeiten nichts versteht, nur Eier legt und sich von ihren Töchtern füttern und pflegen läßt. Ein Wunder ist es, wer vermag es zu erklären, nicht nur zu beschreiben?

Der Herbst kommt heran, der Bienenschwarm wird stiller von Tag zu Tag. Nur wenige Brutwaben hängen im Stocke, die meisten sind angefüllt mit goldklarem, süßem Honig, dem Wintervorrat. Kälter werden die Tage. Die Bienen kleben das Flugloch unter der Efeuranke enger, sie kriechen dicht zusammen und wärmen sich, verschlafen gehen sie, um etwas Honig zu naschen, nur leises Knistern, kein Brummen und Summen tönt aus dem Lindenstamme. So träumen und dämmern die Bienen den ganzen Winter hindurch.

Doch wenn im März die Sonne warm ans Flugloch scheint, dann kommt Bienlein auf Bienlein herausgekrochen ans warme Licht. Sie putzen sich und streichen sich über die Fühler, wischen über die großen Netzaugen, reiben die drei Punktaugen auf der Stirn und fliegen ein Stückchen umher, um die Glieder zu üben und um einem monatelang unterdrückten Geschäft obzuliegen. Und nach dem ersten, dem Reinigungsausflug, beginnt die Arbeit dort, wo sie im Vorjahre liegen gelassen wurde. Die Königin legt Eier, die Arbeiter reinigen den Stock, tragen die Leichen der im Winter Verstorbenen aus dem Stocke und fliegen umher, zu sehen, ob Blauveilchen schon das Wirtshaus offen hat und die Weide den Honig in Strömen fließen läßt.

Dann geht es ans Ausbessern der alten und an das Bauen neuer Waben, doch dann, wenn es wärmer wird, dann scheint es, als ob die Bienen mitunter das rechte Maß für die Wabenzellen vergessen hätten. Mitten zwischen den gleichmäßigen Sechsecken der normalen Kämmerchen bauen sie große Zimmer ein und am Rande der Brutwabe lassen sie noch größere Zellen entstehen. Und die Königin kommt und legt in die gewöhnlichen Kämmerchen Eier und in die größeren dann auch.

Doch die bevorzugten Larven in den großen Kinderstuben müssen etwas besonderes vorstellen, sie werden viel reichlicher und besser gefüttert als ihre Schwestern in den engen Kammern. Und wirklich, ganz dicke, rundköpfige Bienen mit breiten Hinterleibern schlüpfen aus den Kammern. Sie arbeiten nicht, stehen immer im Wege, betteln fortwährend um Honig, kurz, recht unnütze Geschöpfe sind es. Wenn die Sonne recht warm scheint, dann spielen sie unter lautem Gebrumm vor dem Flugloch, aber die erste trübe Wolke jagt sie wieder in den Stock. Bienenmänner, Drohnen sind es.

Wieder vergehen einige Tage, da regt sich’s und bewegt sich’s in einer der großen Zellen am Rande der Brutwabe. Ein heißer, sonniger Tag ist’s, und die Bienen sind aufgeregt und stechlustig wie nie. Wie eine Wolke tanzen sie vor dem Flugloche auf und nieder, immer mehr kommen dazu, keine denkt an Arbeit, keine an Honigsammeln. Da kommt Apis aus dem Stocke, tastet mit den Fühlern, brummt mit den Flügeln und fliegt dann auf und davon. Und hinter ihr brummt und summt ihr Bienenvolk. Die Bienen schwärmen; sie ziehen aus, denn im Stocke will eine junge Königin herrschen.

Aus der dicken Zelle am Wabenrande, der Weiselwiege, schlüpft am nächsten Tage eine schöne große, schlanke Biene. Kaum sind ihre Flügel fest und die Ringe ihres Leibes verhärtet, da fliegt sie hinaus zum Flugloch, schwingt sich hoch in weicher, warmer Luft, und hinter ihr brummt und summt ein wildes Heer stürmischer Freier. Hoch oben im Äther wird Hochzeit gehalten. Nach kurzem Liebestaumel stirbt der Prinzgemahl, die junge Königin kehrt zurück zum Stock.

Zwar soll sie künftigen Generationen das Leben geben, doch ihr erstes Werk ist Mord. Sie läuft von Weiselwiege zu Weiselwiege und tötet ihre königlichen Geschwister, sich so die Herrschaft über alle Arbeiterinnen sichernd. Und die Bienen setzen das Blutbad fort, das die Königin begonnen. Sie stürzen sich auf die dicken Fresser, die unnützen Schmarotzer, die Drohnen, stechen und beißen sie im Stocke oder vor dem Flugloche, so daß sie todkrank zu Boden taumeln, eine leichte Beute für Rotschwanz und Fliegenschnäpper.

Unnütz sind die Bienenmänner, sobald die Königin ihren Hochzeitsausflug gemacht hat; nur einmal im Leben begattet sie sich, um dann Tausende von Eiern zu legen, befruchtete in die Arbeiterzellen und Weiselwiegen, unbefruchtete in die Drohnenkammern. Man hat beobachtet, daß sich die unbefruchteten Eier trotz reichlicher Nahrung sehr langsam entwickeln, es fehlt ihnen ja der männliche Teil Zeugungsmaterial, vierundzwanzig Tage vergehen während der Entwicklung. Die Weiseleier brauchen dagegen nur sechszehn Tage, während die Kümmerweibchen, die Arbeiterinnen, bei ihrer geringen Nahrung zwanzig Tage nach Ablage des Eies ausschlüpfen.

Forscher haben genau nachgeprüft, welche Umstände die Königin veranlassen, immer die richtige Art Eier in die Zellen zu legen, welche Sinneseindrücke die Bienen zum Suchen von Honig, zum Pflegen der Brut veranlassen; man hat die Nervenapparate der Bienen ins feinste untersucht und ist beim Lösen alter Fragen auf immer noch neue gestoßen. Der Mensch kann ja nicht über die Grenzen seiner Erkenntnis hinaus, er ist schon stolz, wenn er sie um ein Kleines weiter geschoben hat.