Vom Pionier im Samtrock

Kein Garten hat mir je wieder so gut gefallen wie der Schulgarten in Z. Erscheint er mir nur so schön, weil ich so manche Stunde meiner Kindheit dort verträumt habe? Das mag sein. Aber so viel steht fest, nicht leicht kann ein zweiter Garten von so winzigem Umfang eine solche Fülle von Vogelarten beherbergen wie eben unser alter Garten. In der Hecke und in den dichten Beerensträuchern nisten Müllerchen und Plattmönch, Hänfling und Gelbspötter. Vom Dach herab grüßt das ruhige Hausrotschwänzchen mit seinem gepreßten Liedchen, wenn es nicht mit Vetter Baumrötel einen kleinen Streit ausficht um den Nistplatz im Taubenschlag, den die weiße Bachstelze aber auch gern haben möchte.

Eine mächtige Linde beschattet einen Teil des Gartens. Sie stand wohl schon, als der eckige Kirchturm noch als Kapelle diente und weite Teiche sich um das alte Wendendörfchen streckten. Nun ist sie etwas altersschwach geworden. Manchen Ast hat der Sturm abgerissen, der Stamm ist durchhöhlt, unsre Linde ist schon ein etwas baufälliges Haus. Aber Jahr um Jahr treibt sie neue Blätter, duftet mit Tausenden von Blüten und streut tausend Samennüßchen in alle Winde. Jahr um Jahr bietet sie mit ihren zahlreichen Spalten und Löchern der Vogelwelt aufs neue sichere Brutstätten. Hier und da zwängen sich Spatzen und Stare durch eine Ritze zu der hungrigen Brut, Blaumeischen hat ein enges Astloch gefunden, das ihr kein grober Spatz streitig machen kann, und der Kleiber hat ein Loch so eng geklebt, daß er eben noch hinein kann in die Bruthöhle. Oben in der Krone baut der Wildtauber mit seiner Gattin die Kinderwiege, und unten in den Ranken des Efeus, der mit zäher Umarmung den alten Lindenstamm umschlingt, flicht und pappt die Amsel ihr halbkugliges Nest. In das dichte Gewirr der Efeuranken am Boden schleppt der Igel Laub und Halme; dort führt er ein stilles und beschauliches Dasein, wenn ihn die Flöhe nicht gerade zu sehr jucken und die Holzböcke zwicken.

Viel weiter noch, als die Krone in blauer Luft sich breitet, ist der Erdboden durchzogen von den Wurzeln der alten Linde. Hier haust der sonderbarste Geselle, der sich des Schutzes des Baums erfreut. Mag der Igel auch prachtvoll geschützt sein durch sein Stachelkleid, mögen seine Gesichtszüge noch so spaßig erscheinen, wenn er sich aufrollt, mit dem Wühler im schwarzen Samtpelz, dem Maulwurf, kann er sich nicht messen in bezug auf glückliche Anpassung an die Lebensbedingungen.

Im Mai war’s, da machte ich seine Bekanntschaft. Ich sah einem Starenvater zu, der mit einem Schnabel voll Käfer an die Nisthöhle flog, dann hurtig der schreienden Brut das Futter in den Schnabel stopfte. Eben war der Vogel wieder abgeflogen mit einem weißen Kotballen im Schnabel, da ertönte am Fuße der Linde ein eigenartiges Rascheln. Es klang wie Wispern einer Maus, die an dürrem Laube knappert, und doch ein wenig anders. Da ist es wieder. Langsam und vorsichtig schnuppernd erscheint ein spitzer, rosiger Rüssel aus der Tiefe, ein samtiger Kopf kommt nach und dann ein Paar fleischfarbiger Hände; breite, muskulöse Arbeitshände mit scharfen Krallen sind es. Prüfend arbeitet die Nase und erforscht die Umgebung. Alles erscheint sicher. Da arbeitet sich der dicke Walzenleib des Maulwurfs ganz ans Licht empor. Wie der Samtpelz glänzt in der Sonne! Am Kopfe schimmert rechts und links ein Punkt gläsern durch die Samthaare, wie schwarze Stecknadelkuppen sehen sie aus: die Augen des Maulwurfs. Von Ohren kann man gar nichts sehen, die stecken unter dem Pelz. Emsig rutscht der schwarze Kerl über den Boden dahin. Jetzt packt er ein dürres Lindenblatt, das noch vom Herbst daliegt, rutscht zurück zu seiner Röhre und verschwindet eilig unter dem Boden. Aber bald ist er wieder da und holt ein andres Blatt oder einen dürren Grashalm und schleppt ihn in die Tiefe. Immer und immer wieder erscheint der Pionier an der Erdoberfläche, trabt mit seinen Hinterbeinen und krakelt mit den Grabschaufeln seiner Hände über den Boden dahin und trägt dürres Laub hinunter in die Röhre.

Ein Maikäfer sitzt auf dem Rosenbäumchen vor mir und „plumpt“; eben will er fortfliegen, da greife ich ihn. Dann werfe ich ihn unter den Lindenstamm an das Loch des Maulwurfs. Gut getroffen! Gerade vor dem Loche liegt er auf dem Rücken, krabbelt und arbeitet, bis er endlich seine Fußkrallen einhakt in einen dürren Zweig und sich herumdreht. Dann regt er eilig seine sechs Beine und wandert fort. Zwei Spannen weit ist er schon weggekommen, da taucht der Maulwurfsrüssel wieder in der Röhre auf. „Maikäfer, mach dein Testament, jetzt bist du geliefert!“ Ein Weilchen schnuppert der Schwarzrock umher, dann kriegt er den Käfer in die Nase. Noch höher als sonst stellt er vor Eifer sein kleines Schwänzchen auf und drückt es gegen den Rücken. Dabei läuft er gar rasch auf den Käfer zu, packt ihn mit den spitzen Zähnchen, beißt und kaut, daß das Skelett des Käfers kracht und mummelt ihn dann hinter. Im Handumdrehen ist er verschwunden, nicht eine Spur mehr zu sehen. Hierhin, dorthin schnuppert der Maulwurf, packt schließlich wieder einen dürren Grasbüschel und verschwindet in seinem Loche.

Ist er mit dürrem Gras zufrieden, wenn kein Käfer zur Stillung des Hungers aufzutreiben ist? Wer einmal einem Kaninchen zugesehen hat, wie es einen dicken Büschel von dürrem Gras ins Maul genommen hat, immer und immer noch einen Halm dazupackend, bis es mit einem borstigen Bart in seiner Höhle verschwand, der wird unwillkürlich die Ähnlichkeit in dem Gebaren von Maulwurf und Nager herausfühlen. In beiden Fällen handelt es sich um das Eintragen von weichem Material zum Bauen des Nests, zum Auspolstern der Kinderwiege. Unser Maulwurf unter der Linde ist ein Weibchen, sein dicker Leib läßt sogar auf interessante Umstände schließen. Jetzt scheint Mama Maulwurf zufrieden zu sein mit der Menge des eingetragenen Laubs, sie erscheint nicht wieder. Vielleicht verarbeitet sie erst einmal ihre Beute und baut und polstert am Nest, vielleicht geht sie auch jagen, wer weiß.

Am Wiesenrand entlang schlendert ein Schulknabe. Er hat einen großen Drahtring um den Hals gehängt, an dem sonderbare Stahlgeräte baumeln. Maulwurfsfallen sind es. Von der Kunst zunftmäßiger Maulwurfsjäger, aus einer elastischen Weidengerte und einigen Stellhölzchen einen Schnellgalgen zu stellen für den armen, schwarzen Wühler, davon versteht der Junge nichts. Der hat seine zangenartigen Fallen, die durch einen Drahtring aufgehalten und fängisch gestellt werden. Wühlt ein schwarzer Pionier in seinem Laufgang und arbeitet, um den Gang passierbar zu machen, dann drückt er den Stellring weg, die Zange schnappt zu und quetscht ihm den Brustkasten zusammen. Armer Maulwurf, der du dich in den Schutz unsrer Linde geflüchtet hast. Der Knabe hat den Erdhügel gesehen, den du aus deinem Laufgang herausgeschafft hast. Nun sucht und drückt er mit dem Spaten, bis er glücklich die „Fahrt“ entdeckt hat. Dann sticht er ein viereckiges Stück Rasen los und schiebt die gräßlichen Zangen in die Röhren. Dann deckt er das Rasenstück wieder darauf, ebnet den Boden und geht weiter.

Soll ich es zulassen, daß du ahnungslos in dein Verderben rennst, Freund Maulwurf? Nein, du stehst unter dem Schutz unsrer Linde, unter meinem Schutz! Soll ich die Zangen zuschnappen lassen? Dann stellt sie der Junge morgen wieder fängisch, dann ist nichts gewonnen, einmal erwischt er dich doch, denn er hat Engelsgeduld. Doch halt, Petroleum! Ganz weit hinein in jede Röhre wird ein Lappen, mit dem stinkenden Öl getränkt, geschoben, da geht der Maulwurf sicher nicht darüber hinweg. Und siehe da, am nächsten Morgen sind die Fallen noch unberührt, am Abend auch, am nächsten Tage sind sie verschwunden. Der Maulwurfsjäger hat wahrscheinlich doch die Röhre trotz des frischen Hügels für unbewohnt gehalten, da nicht ein einziges Mal die geringste Spur der Anwesenheit eines Maulwurfs zu finden war. Mein Schützling ist gerettet.

Nach einigen Tagen sehe ich ihn wieder unter der Linde. Er ist recht schlank geworden, wahrscheinlich liegen die Jungen im Nest unter den Lindenwurzeln. Was hat der nur hier oben herumzuschnüffeln? Er krabbelt auf die Efeuranken zu, hinter denen der Igel sein Nest gebaut hat. Aha, eine junge Goldammer hat der Stachelheld erwischt und sie bis vor seine Haustür getragen. Dort hat er sie liegen lassen, weil er satt gewesen ist. Nun ist aber der Braten dem Maulwurf in die Nase gekommen, und er holt ihn schleunigst weg, ohne daß der rechtmäßige Besitzer etwas davon merkt. Wie komisch das aussieht, wenn der schwarze Walzenleib des unterirdischen Wühlers sich krümmt und anstrengt, um die steif gewordene Goldammer durch die Efeuranken hindurchzuzerren. Immer wieder bleibt sie hängen und will sich nicht bewegen lassen, dann ruckt und zerrt der Maulwurf wie ein junger Hund, der in die Leine beißt. Schließlich ist der leckere Bissen doch ins Freie geschleppt, und nun geht es hurtig dem Loch zu und hinunter in die Tiefe.

Am nächsten Abend verunglückte eine Feldmaus im Maulwurfsloch. Der Igel hat sie abgeschnitten von ihrem Schlupfloch und saust hinter ihr her. In ihrer Angst fährt sie hinein in die schützende Höhle des Maulwurfs. Aber o weh! Gerettet ist sie nicht deswegen. Ganz fein klingt ihr erschrecktes Piepen aus der Tiefe, sie ist dem rechtmäßigen Bewohner geradeswegs vor die Nase gelaufen. Da hilft keine Flucht. Eine Maus ist flink, aber in seinen Röhren ist der Maulwurf noch rascher, wie ein Bolzen saust er durch seine wohlgeglätteten Gänge, und gar bald ist auch die behendeste Maus eingeholt und von den nadelspitzen Zähnen verwundet und getötet. Unsre Petersilie ist gerächt.

Eine Salatpflanzung in unserm Garten macht von Tag zu Tag einen erbärmlicheren Eindruck. Einige Pflänzchen fallen um, andre kränkeln und werden welk. Was ist da nur los? Zieht man eine Pflanze heraus, dann fehlen die Wurzeln, gewöhnlich kann man auch noch einen bleistiftstarken Gang erkennen, der in die Erde führt. Durch den muß der Wurzelfeind gekommen und gegangen sein. Am nächsten Tage sieht es wüst aus auf unserm Salatbeet. Alles ist zerwühlt, die Pflanzen sind halb aus dem Boden geworfen, Erdhügel sind aufgetürmt. Freund Maulwurf, du ungestümer Gast, das ist dein Werk. Eilig wird alles wieder geebnet, die Pflanzen festgedrückt, die Hügel mit dem Rechen breitgezogen, damit Mutter nichts sieht und nicht den Maulwurf wegfangen läßt. Aber sonderbar, die Pflanzen gedeihen jetzt ganz anders, keine wird welk, keine fällt um. Das hat der Wühler im Samtpelz getan. Die Engerlinge, die die Wurzeln vom Salat fraßen, die haben ihn hergelockt, überall hat er sie aufgespürt, und nicht einer ist mehr zu finden. Nun ist natürlich der Maulwurf glänzend gerechtfertigt.

Einige Wochen sind vergangen. Der Garten ist erfüllt von dem würzigen Duft reifender Monatserdbeeren. Die Sonne ist eben untergegangen, im Dorfe ist es schon still geworden. Da raschelt es unter dem Buchsbaum, und unser Maulwurf wird sichtbar. Schnüffelnd trippelt er zwischen den Erdbeerpflanzen umher, wendet sich rechts und links und hat immer etwas zu schmatzen und zu kauen. Haben’s ihm die Erdbeeren angetan? Scheinbar nicht, denn eben ist er an einer glühend roten Frucht vorbeigewandert; aber die andre dort scheint er verzehren zu wollen. Er hebt sie mit dem rosigen Rüssel und frißt und kaut an einer Schnecke. Der Erdboden scheint ihm jetzt zu hart zu sein zum Wühlen und Suchen. Tagelang hat es nicht geregnet, die Regenwürmer haben sich zusammengerollt und eingekapselt, deshalb sucht Freund Maulwurf über der Erde.

Nun wart einmal, darf ich dich vielleicht zu einem kleinen Abendessen einladen? Dort auf dem Gange steht die große Kiste mit weicher Erde, in der die Gurkenpflanzen gezogen sind, dort will ich dir was auftafeln. Zwei leise Schritte, ein schneller Satz, ein kräftiger Griff, da habe ich dich. Aber nicht so strampeln, Kleiner, ich kann dich ja kaum halten! Unmöglich ist es, deine Vorderbeine zusammenzudrücken, man muß nachlassen. Dann nehme ich dich lieber beim Fell. Das willst du auch wieder nicht leiden? Gar beißen willst du, so unangenehm ist dir mein Griff? Na, dann rein mit dir in die Kiste. Im Nu ist er verschwunden, förmlich untergetaucht in der lockeren Erde. Eine junge Amsel ist ertrunken in unsrer Regentonne, die hole ich herbei, schneide kleine Stückchen Fleisch ab und lege sie oben auf die Erde in der Kiste. Nun heißt es mäuschenstill sein, damit der Maulwurf sich sicher fühlt. Nur wenige Minuten dauert es, dann hebt sich die lockere Erde in der Kiste, gerade neben einem Stückchen Fleisch. Da erscheint auch der emsig windende Rüssel, aber gleich ist er wieder weg und das Fleisch auch. Ein Bissen nach dem andern wird so in die Tiefe gezogen, bald ist nichts mehr von dem Vogel übrig.

Was wird der Gefangene nun tun, wird er hervorkommen aus der Erde und über den niedrigen Rand der Kiste klettern! Es knackt verdächtig. Da hat Herkules schon einen Ausweg gefunden. Zwei Bretter schließen nicht ganz dicht, der Maulwurf kann die Grabschaufel einstemmen und drückt und preßt, bis das morsche Holz nachgibt. Dann ist er seinem Gefängnis entronnen, er bohrt und wühlt sofort auf dem Beet mit dem Rüssel, kratzt mit den Vorderpfoten und gräbt und arbeitet, bis er unter dem Erdboden verschwunden ist. Leb wohl und freu dich deines Lebens, schwarzer Kobold; möge der Schutzengel der Maulwürfe dich bewahren vor Galgen und Zange, vor den Krallen des Bussards und des Iltis Raubtierzähnen!