Rothals und Grauwange
Alljährlich, wenn die Taufrösche im Teiche murren, wenn das Schilf mit einem Wald von Spießen den Wasserspiegel umgibt, dann kommen sie aus dem warmen Süden wieder, Herr Rothals und seine Gattin Grauwange. Die Nächte durch sind sie geflogen, und eines Morgens kommen sie angeschnurrt mit vorgestreckten Hälsen, senken sich nieder zur Wasserfläche und fallen ungeschickt in ihr heimisches Element. Die Muskeln unter dem weichen lockeren Brustpelz schmerzen, die Flügel sind lahm, und deshalb fällt es den Rothalstauchern nicht ein, sich diesen Sommer noch einmal in die Lüfte zu wagen. Sie schaukeln sich auf den Wellen, stecken die schwarzen Schnäbel mit den gelben Mundwinkeln in das Rückengefieder und schlafen und träumen von weiten Reisen von Teich zu Teich, von Fluß zu See, bis sie hier auf ihren angestammten Wässern ankamen.
Reisen macht müde, wenn man auf eigne Kräfte angewiesen ist, reisen macht aber auch hungrig. Und der leere Magen weckt das Taucherpaar und verlangt gebieterisch seinen Teil. Grauwange krümmt den roten Hals, senkt den schwarzen Dolchschnabel zur Wasserfläche, und mit einem leichten Satze verschwindet sie in der Tiefe. Kräftig stoßen die graugrünen Füße mit den Zehen, an denen breite Lappen die Ruderfläche vergrößern; wie ein Unterseeboot mit der Flügelschraube, so saust der Taucher unter dem Wasser dahin. Da schwimmt er wieder auf der Oberfläche. Wie silberne Perlen rollen die Wassertropfen über seinen Rücken, ohne ihn zu benetzen. Ein glitzerndes Etwas zappelt im schwarzen Schnabel des Fischräubers. Zweimal ruckt der Kopf des Tauchers, und der kleine Gründling oder Hecht oder was es sonst war, ist verschlungen. Aber ein kleiner Bissen war es nur, der sättigt nicht. Wieder und wieder verschwinden bald Rothals, bald die Gattin unter dem Wasser, bald sind sie beide nicht zu sehen.
Aber schließlich sind sie doch gesättigt und machen Toilette. Immer und immer wieder ziehen sie die Federn von Rücken und Seiten durch den Schnabel, den sie mit dem Fett der Bürzeldrüse eingeölt haben. Dann kommt Bauch und Brust an die Reihe. Das erfordert allerlei Körperverrenkungen; ganz auf die Seite müssen sich die Vögel legen, um das Bauchgefieder einölen zu können, das wie Atlas in der Sonne glänzt. Ist eine Feder locker geworden und will sie sich nicht mehr einordnen in den Verband ihrer Schwestern, dann wird sie herausgezuft und — verschlungen. Kein Wunder, wenn der Magen der Taucher von den Federn ausgekleidet ist, die sich mit den spitzen Kielen in die Magenwand einbohren und darin haften bleiben. Soll der Pelz im Magen Schutz gewähren vor den spitzen Flossen von Barsch und Stichling, soll er die Gräten abhalten, den Magen zu verletzen? Wahrscheinlich!
Doch was ist das für ein Geschrei, das über dem Wasser zittert? Ist es ein Waldhorn, dem ein Kindermund Mißtöne entlockt, plärrt ein Riesenfrosch im Schilfe? Nein, Rothals ist es, der von seiner Liebe singt! Nur Grauwange hat Verständnis für die Schönheit dieses Liedes, und eilig schwimmt sie hin zum Gatten, um mit höheren, leiseren Tönen in den Sang einzustimmen. Aber auch zweistimmig klingt das Lied der Rothalstaucher nicht sonderlich schön. Im April lassen sie es noch nicht so oft hören wie im Mai; wenn sie ans Nisten denken, dann schreien sie den ganzen Tag. Dafür sind sie bei ihrer Ankunft aber auch beinahe die einzigen Sänger am Teiche, wenn man das zankende Belfern der Bläßhühner und das Naken der Stockenten nicht für voll rechnet.
Nur ein kleiner Sänger, sogar ein Vetter des Rothals, läßt schon seine Stimme aus dem Schilfe erschallen, und deshalb machen sich die großen Taucher auf, und schwimmen dem Rohrwalde zu, wo ein trillerndes bibibibibi den Zwergtaucher verrät. Der kleine schwarze Kerl mit dem roten Fleck auf Gurgel und Hals freut sich sehr über die ihm widerfahrene Ehre. Gern läßt er sich von Frau Grauwange erzählen von der weiten Reise, denn er kann sich so eine Flucht vor dem Winter nicht leisten. Bis zum nahen Mühlbach, der wegen seiner starken Strömung nicht zufriert, ist er gewandert und hat dort auch sein Weibchen kennen gelernt und sich mit ihr schlecht und recht durch den Winter geschlagen. Gewiß kann er auch fliegen, aber das strengt ihn mächtig an und er kommt außer Atem, deshalb bleibt er eben lieber da.
Was die Geschwister machen? Ja, da ist leider nicht viel Gutes zu berichten. Der eine, kleinste, war auf dem Dorfteiche, als er abgelassen wurde. Der kleine Dummrian hatte nicht ans Wegfliegen gedacht, war sitzen geblieben und dann auf dem Schlamme von den Fischern gegriffen worden. Seit der Zeit ist er verschollen, wer weiß, wo er ist. Schlimmer noch gings der Schwester. Die fand im Bache einen Drahtkorb, in dem es wimmelte von Ellritzen und kleinen Forellen. Dreimal versuchte sie, zu der zappelnden Beute zu gelangen, dreimal vergeblich. Endlich hatte sie verstanden, eine Klappe zu heben. Hei, da fuhr sie unter die Fischchen, die nicht entfliehen konnten. Rasch hat sie eins unter Wasser verschluckt und ein zweites gepackt. Mit dem will sie nach oben. Aber wehe! Wo ist der Ausgang? Hier dichter Draht, dort auch, dort ebenso, unten Draht, oben auch, nirgends Luft, nirgends ein Ausweg. Da war sie still geworden, hatte ruhig dagelegen in der Reuße, das silberne Fischchen im Schnabel, bis sie der Fischer in den Brustlatz der Schürze steckte. Silberpelz, die Spitzmaus, hat es dem Bruder erzählt, sonst wüßte niemand von dem Ende der kleinen lustigen Taucherin. Und die andern? Hierhin, dorthin verschlagen, geflohen vor dem Eise, das ihre Heimat in Fesseln schlug.
Soll trübe Stimmung die Taucher befallen, wenn die Sonne lacht und der Frühling webt? Stumm gehen sie auseinander, die Zwergtaucher ins Schilf, die Rothälse ins offene Wasser. Aber bald ertönen im Rohrwalde und auf dem Spiegel die frohen Liebesgesänge aufs neue, fein und trillernd hier, dort laut und grob.
Tage und Nächte vergehen, die Sonne steigt höher. Auf dem See ist eine dritte Taucherart angekommen. Die stolzen, vornehmen Haubentaucher schwimmen still und unnahbar mitten auf dem Wasser und rufen laut ihren Balzruf, daß es schallt. Gröck gröck gäg gäg kruorr. Dabei tragen sie stolz auf elfenbeinweißem Halse ihren helmverzierten Kopf, prangen mit der atlasweißen Brust und schwimmen hoch wie ein Kork im Wasser, wenn sie mitten im See sind, tief tauchen sie ein am unsichern Ufer, daß der braunschwarze Rücken nur wie ein schmaler Strich über den Wellen liegt.
Mit den Krontauchern haben die Rothälse wenig Verkehr, ihm sind sie zu stolz, sie mag nicht ihre eigne Schönheit mit der größeren der Vettern vergleichen lassen und meidet deshalb ihre Gesellschaft. Dagegen halten sie sich gern in Gesellschaft der liebenswürdigen Schwarzhalstaucher auf. Das sind auch sehr hübsche Kerle mit ihren goldenen Pausbacken, aber vor allem sind sie gar nicht stolz, wenn sie auch mit ihresgleichen mehr zusammenhalten als mit den Rothälsen, denn sie brüten in einer Kolonie von fünf oder sechs Paaren auf dem See.
Unter Necken und Spielen, Balzen und Fischen eilen die Tage dahin. Da kommt der Mai und mit ihm die Brütezeit. Jetzt klingen die Liebeslieder den ganzen Tag. Die Gatten umspielen einander, necken und jagen sich, bis sie sich schließlich unter lautem Geschrei mit den Hälsen umschlingend aneinander aufrichten, daß die weißen Bäuche sich berühren. Jetzt gilt es auch ein Nest zu bauen. Dem Rohrsänger, der über ihnen in den Halmen lärmt und dort seine kunstvolle Kinderwiege aufhängt, haben die Taucher die Nestbaukunst nicht abgesehen und auch bei der Stockente, die mit weichem Bauchgefieder das Nest unter dem Brombeerstrauche polstert, sind sie nicht in die Schule gegangen. Sie bauen nach eignem Gutdünken. Sie drücken einige Rohrhalme nieder, schichten andre, trockene darauf, so daß ein an den Rohrhalmen verankertes Floß entsteht. Soweit könnten’s die Taucher auch der zänkischen Blässe abgesehen haben. Aber nun kommt eigne, unpatentierte Erfindung. Auf das schöne, trockene Floß kommen nasse Schilfhalme und Blätter, die Frau Grauwange vom Grunde heraufholt. Und in dieses faulende, nasse Halmennest legt sie dann ihre weißen, grobschaligen Eier, fünf an der Zahl, setzt sich darauf und brütet.
Ab und zu kommt auch Rothals, der Gatte und löst seine Gemahlin ab, daß sie sich Fischchen fangen kann und die steifgewordenen Glieder dehnen. Wenn eine Störung naht, dann taucht der brütende Vogel eilig auf den Grund, deckt nasse Halme auf die Eier und stiehlt sich unter Wasser fort. Dann kann man dem Pflanzenhaufen nicht ansehen, was er verbirgt, die Eier bleiben unentdeckt. Wenn sie einige Zeit bebrütet sind, ist allerdings die Bedeckung nicht mehr so unbedingt nötig, es entwickelt sich nämlich auf den ursprünglich weißen Eiern eine gute Schutzfarbe: die faulenden Pflanzenteile färben sie braun und fleckig, wie ihre Umgebung.
Drei Wochen sitzen die Taucher abwechselnd auf den Eiern; die Wärme, die die faulenden Pflanzenteile entwickeln, hilft tüchtig mit brüten, und eines Tages tönt ein leises Piepen unter dem Brustgefieder von Frau Grauwange hervor. Ein Junges arbeitet lebhaft mit dem harten, weißen Eizahn auf der Spitze seines Schnabels, bis es die Schale durchbrochen hat und es heraus kann aus dem engen kalkigen Gefängnis. Ein kleiner schwarzer, weißgestreifter Wollball arbeitet sich ans Licht. Vier andre junge Dunentaucher tun das nach und am Abend sitzen fünf piepende allerliebste Kinder im Nest und lassen sich von der Mama trocken wärmen.
Doch am nächsten Tage sind sie schon nicht mehr auf dem faulenden Schilfhaufen zu finden. Im Gefieder der Mutter versteckt, schwimmen sie über das Wasser dahin, lassen sich füttern mit zarten Bissen, und leben sorglos in den Tag hinein. Naht Gefahr, geht der Teichaufseher mit seinem ewig geladenen Schießprügel am Schilfrande hin, dann klammern sich die Kinder fest am Gefieder der Alten, sie halten den Atem an und hopsa, geht es hinunter in die Flut und rasch hinein ins Schilf. Hier sind die Kleinen schon selbständiger, sie schwimmen ein wenig umher mit ungeschickten Ruderstößen, haschen hier ein winziges Krebschen aus dem Wasser und schnappen dort eine Mücke weg, die ihre Eier ins Wasser legen will.
Bei Haubentauchers sind jetzt auch Kinder angekommen, und doppelt stolz schwimmen die Eltern am Schilfrande. In ihrer Freude vergessen sie ganz ihre sonstige Wachsamkeit, sie liegen hoch im Wasser, und der Papa singt sogar seinen Kindern, die sich auf dem Rücken der Mama schaukeln, ein dröhnendes Wiegenlied.
Er hört nicht die leisen Schritte hinter dem Deichdamme, hört nicht das Knacken des Gewehrhahnes. Mit einem Male sieht er eine Bewegung am dicken Pappelstamme. Er dreht den helmverzierten Kopf und äugt scharf nach dem Baume. Da blitzt es und wie ein Schauer körniger Hagelstücke peitscht eine Ladung Schrote das Wasser, zerfetzt den Hauptschmuck des Tauchers, durchbohrt seinen Hals, zerreißt sein Lebensmark.
Es plumpst und plantscht im Schilfe, der Jagdhund schwimmt prustend hinüber zum Krontaucher, faßt ihn und bringt ihn zum Ufer. „So recht, mein Hund, hier bring ihn her. Setz dich brav!“ Dann nimmt der junge Jägersmann den Taucher und streicht ihm über die atlasweiße Brust. Der Lockenkopf seines Mädels taucht auf vor seinem Geiste, und ein Taucherbarett darauf, das muß fein passen zu den dunklen Locken und den frischen, roten Wangen. — An das Taucherweib denkt er nicht und ihre Kinderschar, denen er Gatten und Vater entrissen.