Vom Hecht

„Frühling, Frühling!“ läuten die weißen Blüten des Schneeglöckchens. „Frühling!“ sagt der Haselstrauch und schüttelte leise seine gelben Kätzchen im Winde, daß Staubwölkchen ihnen entschweben. Mit zarten, roten Büschelarmen langen und tasten die weiblichen Blüten nach dem goldenen Staube, dem Liebespfande der Männchen. Wärmender, feuriger lockt von Tag zu Tag die Sonne, Leberblümchen und Veilchen ruft sie. Schmeichelnd badet sie ihre Strahlen im Waldteiche, sie lockt die Pflanzen und ruft die Tiere. Mit knurrenden Tönen schwört der Taufrosch seiner kalten Gattin ewige Liebe, und auch die stummen Fische spüren des Lenzes Macht.

Dort, wo die Ufer breit und sumpfig sind, wo das Wasser wärmer ist, als an den tiefen Stellen, da zeigen rasch laufende Wellen, daß Leben hier pulsiert. Grünhals, der Stockerpel, sucht mit hochgerecktem Kopfe zu ergründen, was hier vorgeht, während seine Gattin lieber die gefährlich scheinende Stelle ganz meidet. Doch die zwei, die sich dort tummeln, die denken jetzt nicht an Mord und Raub, so gefährliche Burschen sie auch sonst sind. Spielend reibt der Hecht seine breite Schnauze an den Seiten des Weibchens, drängt sich dicht an sie, biegt seinen geschmeidigen Leib im Kreise um sie und erweist ihr hundert Artigkeiten. Frisch und glänzend zeichnen sich die graugrünlichen Wellen- und Fleckenornamente auf seinem Körper ab, erscheinen bald heller, bald dunkler, bald schwärzlich, bald rötlich, je nachdem die Sonne ihr Gesicht hinter den Wolken verbirgt oder glänzend hernieder lacht. Abend wird es und noch immer dauert das Spiel, es wird Morgen, die Hechte stehen und spielen noch an der gleichen Stelle. Nach einigen Tagen aber sind sie verschwunden. Wo sie sich tummelten, liegen schleimige Klümpchen zwischen den Pflanzen.

Weiter lockt und wärmt die Sonne. Sie hat jetzt viel zu tun. Große Gallertklumpen liegen im Teiche und wollen gewärmt sein, damit die kleinen Kaulquappen sich gut in ihnen entwickeln. Kleine schwarze Schüppchen treiben auf dem Wasser, kleben an den Pflanzen oder liegen im Schlamme. Wintereier der Wasserflöhe sind es, die auch ausgebrütet sein wollen. Dazu kommt noch das Heer der Pflanzen, die ihre grünen Blättchen entfalten und hungrig die Lichtstrahlen auffangen, damit sie Stärke und Zucker bauen können. Der Wasserhahnenfuß mit seinen dünnen Fiederblättchen, der Fremdling aus Amerika, die Wasserpest, dazu das Heer von Millionen kleiner Kieselalgen, dünner Fadenalgen und rollender Volvoxkolonien, sie alle wollen Licht haben, Licht und Wärme. Und die Sonne strahlt und strahlt, und jeder bekommt sein Teil von ihrer Lebenskraft. In kurzer Zeit hat sie ein Heer kleiner Lebewesen hervorgebracht, die durcheinander hüpfen und schwimmen, krabbeln und klettern, daß es eine Lust ist, zuzusehen.

Was ist unterdessen aus den Schleimklümpchen geworden, die die Hechte am Teichufer liegen ließen? Kleine schwarze Pünktchen bildeten sich in ihnen, die wurden größer. Bald ließ sich ein kleines, zusammengeringeltes Fischchen in ihnen erkennen. Eines Tages sind die winzigen Dinger ausgekrochen, einige kleben noch an den Eihüllen, die andern sind zwischen den Pflanzen verschwunden. Nur selten verlassen die kleinen Hechte den dichten Pflanzenwald, hier finden sie ja alles, was sie brauchen. Wasserflöhe, Mückenlarven und Würmer bilden ihre Nahrung, bei der sie erstaunlich rasch heranwachsen. Einige Wochen mögen sie alt sein, da richten sie ihre begehrlichen Blicke schon auf junge Fischbrut. Ob junger Weißfisch oder Schleie, ob ein Freund der eignen Art, das ist gleich. Wenn er nicht zu groß ist, wird er gefangen und gefressen.

Ein spannendes Schauspiel ist die Jagd des Hechtes. Am Rande des Teichs, wo die plätschernden Fluten das Erdreich zwischen Erlenwurzeln herausgespült haben, so daß wunderschöne Verstecke und Schlupfwinkel entstanden sind, hat ein dreijähriger Hecht seinen Stand. Wochenlang bekommt man ihn nicht zu sehen. Da eines Tages ziehen drohende Gewitterwolken am Himmel hoch, die Luft ist schwül und drückend. Endlich geht unter Blitz und Donner ein erfrischender Platzregen nieder, die Luft vom Staube reinigend, die Gewässer ausgiebig durchlüftend. Das ist die Zeit, wann der Hecht jagt. Still steht er zwischen den Erlenwurzeln, leise spielen seine Kiemendeckel. Da geht es wie ein Ruck durch seinen glatten Körper. In schnurgerader Richtung ziehen Wellen auf ihn zu, eine Wasserratte durchquert den Teich. In gleichmäßigem Takte spielen die Brustflossen des Raubfisches, er richtet sich etwas auf und krümmt den Rücken. Jetzt ist das Opfer nahe genug, wie ein Pfeil schießt der Hecht vor, das Wasser spritzt auf und die Wasserratte ist zwischen den nadelspitzen Zähnen verschwunden, die kein Loslassen kennen.

Wieder steht der Räuber ruhig und lauert. Die Rohrdrossel lärmt im Schilfe, ein Wasserhuhn zieht vorüber, den Hecht stört es nicht. Schwalben fliegen über dem Wasserspiegel und trinken und baden im Fluge, aber auch die erregen die Aufmerksamkeit des Hechtes nicht. Im Fluge vermag er sie ja doch nicht zu erwischen. Aber im Herbst, wenn sie in Scharen im Röhricht einfallen, um zu nächtigen, da lohnt es eher, ein wenig auf sie acht zu geben. Zweimal schon ist es dem Räuber gelungen, ein niedrig sitzendes Schwälbchen vom Rohrhalme wegzuschnappen. Aber viel war an dem kleinen Federviehzeug auch nicht dran, also guckt der Hecht nach den Schwalben gar nicht mehr. Aber jetzt verrät er wieder Zeichen von Jagdlust, wieder spielen seine Flossen, wieder krümmt sich sein Rücken. Eine breite, leise Welle nähert sich, was ist das? Ein dicker Karpfen ist es sicher nicht, da ist die Welle zu leise und zu breit. Näher und näher kommt die Bewegung des Wassers, eine „Schule“ von fingerlangen Barschen zieht vorüber. Rot glänzen ihre Brustflossen, die stachligen Rückenflossen werden aufgestellt und umgeklappt, die dunklen Querstreifen auf dem Schuppenkleide machen sich leicht kenntlich. Wie ein Ungewitter fährt der Hecht unter die Barsche, daß sie wie Spreu auseinanderstieben und eiligst entfliehen. Leicht wäre es dem Räuber, mit der breiten Schnabelschnauze einen der kleinen Raubfische zu erhaschen, aber er tut es nicht. Barsche schmecken ihm zu stachlig, die nimmt er nur, wenn er sehr hungrig ist. Er hatte sie nur nicht erkannt mit seinen kurzsichtigen Fischaugen, sonst hätte er sich die Mühe und den Kleinen die Aufregung erspart.

Sonderbar, allemal wenn der Hecht Barsche sieht und ihre Stacheln erkennt, dann muß er immer wieder an den kleinen Fisch denken, der bei ihm in schmerzlicher Erinnerung steht. Es war im Frühjahr. Er hatte die Zeit der Liebe hinter sich und mächtigen Appetit nach der entbehrungsreichen Laichzeit. Da hatte er einen kleinen Fisch vor sich gesehen, der vor dem großen Räuber keine Angst zeigte. Leise war er herangeschlichen, genau hatte er gezielt und war dann vorgeschossen wie ein Pfeil und hatte den Kleinen erfaßt. Doch wehe! Scharfe, spitze Stacheln hatten sich in seinen weichen Gaumen eingebohrt, er hatte gespien und geschluckt, aber weder heraus noch herein war der kleine Stachelheld zu bringen. Nach langen, schmerzlichen Bemühungen war es ihm endlich geglückt, den Stichling auszuspeien. Nach denen schnappt er nicht wieder, das weiß er.

Und noch etwas Rätselhaftes war in diesem Jahre passiert. Er bummelte gemütlich über dem Teichgrunde dahin, schnappte hier nach einer Libellenlarve, dort nach einer Kaulquappe. Dann sah er einem Karpfen zu, der langsam und behäbig unter der Wasseroberfläche dahinschwamm und immerwährend schnappte, um sich mit winzigen Flohkrebsen zu mästen. Auf einmal war ein Schatten ins Wasser gefallen, es hatte laut geplatscht und gerauscht, dann war ein großer Vogel ein Stück unter Wasser getaucht, hatte mit acht scharfen Krallen dem Karpfen durch den Leib gegriffen und war dann wieder verschwunden und mit ihm der zappelnde Friedfisch. Aus Angst vor diesem Karpfenheber (Fischadler) hält sich unser Hecht lieber im tiefen Wasser auf, oder unter dem Schutz von Schilf und Baumwurzeln.

Doch vom Philosophieren wird man nicht satt, und ein Hecht von drei Pfund hat Hunger. Sieh da, ein glitzerndes Fischchen ist vorübergeschwommen, er hat es verpaßt. Doch da ist ja wieder eins, es dreht und schlängelt sich durchs Wasser. Mit einem Ruck fährt der Räuber zu und schnappt und schluckt. Doch was ist das? Hart wie Stein ist der Fisch und stachlig obendrein. Also heraus damit. Aber der Bissen sitzt fest. Und was ist denn das wieder Neues. Der Bissen zieht leise und vorsichtig nach dem seichten, sandigen Ufer zu. Mit kräftigen Schwanzschlage steuert der Hecht rückwärts und ruckt und reißt. Immer fühlt er dabei Widerstand, einen sonderbaren nachgiebigen Zug. Hält er ein mit Rucken und Zerren, dann wird er wieder langsam nach dem Ufer gezogen. Hin und her geht der Kampf. Aber schwächer und schwächer wird der Widerstand des Hechtes, noch einen Gewaltversuch macht er, aber um so rascher ermattet er. Schon ist er bis auf wenige Meter dem Ufer nahe, jetzt liegt er gar schon auf dem Sande. Mit letzter Kraft ruckt und schnellt der Hecht, aber zu spät. Ein dichtes Netz legt sich um seinen Leib, hebt ihn auf vom Sande und bringt ihn ins Trockene. Einen dumpfen Schlag fühlt der Hecht noch auf seinem Schädel, dann ist es aus. Zwar zucken seine Muskeln, wenn der kalte Stahl das Hirn durchbohrt, aber fühlen kann er seinen Tod nicht mehr.

Der glückliche Fischer aber löst den doppelten Hechthaken aus dem Maule des Raubfisches, prüft die dünne, feste Seidenschnur und die Rolle, die das Garn zwar auslaufen läßt, aber immer dabei bremst, so daß der gefangene Fisch viel Kraft vergeudet, ohne doch die Schnur zerreißen zu können. Dann legt er wieder den Kätscher bereit, streicht mit dem Messerrücken über den Blechlöffel, der den Fisch darstellt, damit er neuen Glanz bekommt, und wirft dann wieder seine Angel aus.

Ein Hecht hat zartes Fleisch und dabei wenig Gräten, er ist gut zu essen. Das wissen nicht nur die Angler, das wissen auch die Jungen auf den Dörfern, in deren Bächen sich Hechte aufhalten. Und gar schlau wissen sie die glatten Räuber zu fangen. Die Angel wird von den Knaben wohl nie benutzt, zum langen Warten haben sie wenig Geduld. Im März, wenn die Hechte „stehen“, da ist ihre Fangzeit. Da gehen sie zum Schirrmeister des Ritterguts und betteln sich einige lange Haare aus dem Schweife des Schimmels. Die flechten sie zu einer dünnen, straffen Schnur zusammen und ziehen hinaus vors Dorf. Am Bach schneiden sie eine lange dünne Weidenrute ab, binden ihre Roßhaarschlinge daran und gehen langsam am Bachufer hin. Wo sich die dicken Stämme der Erlen und Pappeln, der Weiden und Birken im Wasser spiegeln, da gucken sie und suchen sie. Da kann man bis auf den Grund des Baches sehen, während sonst die spiegelnde Oberfläche stört. Aber leicht ist ein Fisch zwischen den verwesenden Blättern, den toten Rohrhalmen und Ästen auf dem Bachgrunde nicht zu entdecken.

Endlich macht einer der Jungen Halt. Schnell sieht er noch einmal nach, ob die Schlinge fest an der Rute sitzt. Dann guckt er lange und genau nach dem Hecht, den er stehen sieht. Ja, was ist denn nur hier vorn oder hinten? Vom Kopf ist nichts zu entdecken, der steckt unter einem Blatt, der Schwanz auch. Ganz leise taucht der Knabe seine Rute ins Wasser. Leise schiebt er das Blatt vom Kopfe des Hechtes weg. Der bleibt auch wirklich stehen, aber geheuer ist ihm die Sache nicht, er bewegt die Brustflossen ziemlich rasch, lange wird er nicht mehr ruhig bleiben. Ein Blick nach der Schlinge zeigt, daß sie noch in Ordnung. Vorsichtig zieht sie der Knabe dem Hecht über den Kopf, langsam bewegt er sie nach den Kiemen des Fisches zu. Doch er tut einen Schwanzschlag und ist hindurchgeschwommen.

Wieder wird er aufgespürt. Diesmal steht er günstiger. Wieder taucht die Schlinge ins Wasser und rutscht über den Hechtkopf. Jetzt ist sie hinter den Kiemen; dicht vor den Brustflossen umgibt sie in weitem losen Bogen den Hechtleib. Mit einem Ruck, so rasch und kräftig er ihn tun kann, zieht der Knabe seine Rute aus dem Wasser, ein Hecht von zwei Spannen Länge zappelt in der unbarmherzigen Schlinge. Er kriegt einen Klaps mit dem Taschenmesser auf den Kopf und wird abgenickt. Dann kommt er in den Latz der blauen Schürze. Nach einer halben Stunde hat er einen Leidensgefährten oder zwei, wenn nicht unterdessen der Förster die Jungen erwischt und vertrieben hat. Denn erlaubt ist das Fischen natürlich nicht, deshalb schmecken die Hechte doppelt gut.