Die Papierburg

Einsam und zwischen hohen Pappeln versteckt liegt die Walkmühle da. Das Wasser plätschert und rauscht lustig an den alten Mauern, fröhlich springt es vorüber, da es das alte Schaufelrad nicht mehr zu drehen braucht; denn die Walkmühle ist schon lange nicht mehr im Betriebe. Holzläden schließen die glaslosen Fenster, aber ohne Mühe kann sie jeder öffnen, wenn er Lust hat, in das baufällige und verschmutzte Gemäuer einzudringen. Eine Anzahl Fledermäuse stieben erschreckt auf und umflattern den Eindringling, wenn er etwa die knarrende Holzstiege hinaufklettert zum Oberboden der Mühle, und das Käuzchen schwingt sich zur Dachluke hinaus, wenn Menschenschritte es aufscheuchen. Aber selten genug kommt das vor.

Im Winter schaut die Sonne alle paar Tage einmal durch die Luke, schickt ein bleiches Bündel Licht in die Ecken des Bodens und schiebt es langsam von Stunde zu Stunde weiter. Je näher der Frühling kommt, desto goldener wird der Sonnenstrahl auf dem Boden der Walkmühle, desto kleiner der Weg, den er geht. Und wie die Sonne so suchend und wärmend über den Boden der Walkmühle wandert, so weckt sie nacheinander die Schläfer, die sich dort vor dem Winter verkrochen haben. Da sind zarte Mücken und grüne Florfliegen mit goldenen Augen, Kohlweißlinge und Pfauenaugen versammelt, die alle zur rechten Zeit geweckt werden, um dann ihr Sommerleben zu beginnen, wenn nicht die zarten Fesseln des Spinnennetzes am Mauerloche ihre schwachen Kräfte lahmlegen, so daß die Hausspinne die Wehrlosen töten und aussaugen kann.

Im März war es. Die Sonne schien warm, und ihr goldener Strahlenstab wanderte langsam über den Boden der Walkmühle. Zögernd glitt er über das Gerümpel, das dort lag, über die zerbrochenen Rohrstühle, das verstaubte Kinderspielzeug, beleuchtete die weißen Häufchen Mauersalpeter, die im Laufe der Zeit vom Dache gefallen waren, und kroch dann über den Haufen alter, morscher Lattenstücke.

Da traf er einen Winterschläfer und störte ihn in seiner Ruh. Zitternd fuhr sich die Hornisse über ihre geknickten Fühler, putzte sich die großen Fazettenaugen, wischte sich den Staub aus den Punktaugen auf ihrer Stirn, bog und dehnte den Hinterleib auf und nieder und marschierte dann mit dem wandernden Sonnenstrahl weiter. Je länger die belebende Sonnenwärme auf den gelben, glatten Leib fällt, desto lebhafter wird sie, probierend hebt sie die braunen, knittrigen Flügel, brummt ein wenig damit und fliegt dann auf. Schwankend und unsicher geht der Flug dahin, bis die Hornisse an der Dachluke sitzt, so recht in der warmen Sonne auf dunklem, warmem Brette. Immer mehr weicht die Trägheit und Steifheit des langen Winterschlafs aus ihren Gliedern, die Fühler spielen, die Kiefer öffnen und schließen sich. Nun ist die Hornisse durchwärmt, sie summt mit den Flügeln und fliegt davon.

Der dürre Ast der alten Eiche, den der Wintersturm abriß und zu Boden warf, hat im Fallen den schlanken Stamm einer Birke getroffen und ein Stück der glatten, weißen Rinde abgeschlagen. Nun quillt der aufsteigende Lebenssaft aus der Wunde und rinnt als süße Träne zu Boden. Ein leiser Duft geht aus vom Birkensafte und zieht mit dem sanften Lufthauch davon. Die Hornisse schwärmt und fliegt durch die Duftwelle, die Fühler tasten in der Luft, und im Nu weiß die Gelbe den Weg zum süßen Tranke. Geradeswegs fliegt sie hin zur Birke, tanzt einmal auf und nieder vor der blutenden Wunde, und dann setzt sie sich hin auf die weiße Rinde zum leckern Mahle. Lange leckt und schlürft sie vom Birkensafte, bis sie gesättigt ist, dann putzt sie sich die Beine und Flügel und brummt in schwerem Fluge weiter.

Hinüber zur glatten Esche geht es. Dort setzt sich die Hornisse nieder und schrotet und schabt mit den scharfen Kiefern an der Rinde. Ein heller Streifen zeigt bald an, wo sie die dünne graue Schicht verwitterter Borke losgeschabt hat. Mit einem kleinen grauen Ballen Holzstoff in den Kiefern brummt dann die Hornisse zurück zur Walkmühle. Sie fliegt zur Dachluke hinein und läuft an den Balken umher. Zögernd macht sie hier einmal Halt und tastet mit den Fühlern, dann läuft sie weiter und wiederholt ihr Spiel. Endlich scheint sie gefunden zu haben, was sie sucht.

Der Balken, der sich quer über den Boden spannt, scheint ihr sehr zu behagen. Er ist halb im Dunkeln, trocken ist er auch, und von der Dachluke zieht ein leiser Lufthauch über ihn hin. Dort sitzt die Hornisse und kaut an dem Ballen Eschenrinde, den sie immer noch zwischen den Kiefern trägt. Dann klettert sie an die Unterseite des Balkens und klebt das gut durchgekaute Klümpchen daran fest, um darauf wieder durch die Dachluke davonzufliegen. Lange dauert es nicht, dann ist sie schon wieder da mit einem Ballen Holzstoff zwischen den Kiefern, kaut ihn und pappt ihn an den Balken. So geht es immer weiter, bis der Abend kommt und die Kühle der Nacht die Glieder der Hornisse steif werden läßt.

Doch kaum hat die Sonne am nächsten Tage den Tau von den Frühlingsblumen getrocknet, da macht sich die Hornisse wieder an die Arbeit. Bald an der Esche, bald am Fensterladen schabt sie Holzfasern los und kittet und klebt sie an den Balken. Nach einigen Tagen ist eine kleine Scheibe fertig, und auch schon einige sechseckige Zellen sind darauf gebaut. Aber nun will die Hornisse nichts mehr wissen von Papparbeit. Nun sucht sie auf den gelben Blüten des Löwenzahns etwas Blütenstaub zusammen, trinkt auch Nektar, wo sie dazukann, schleckt Birkensaft und gärendes Blut der Eiche. Das alles trägt sie zu ihrem Wabenbau, bricht es wieder aus und stopft es in die Zellen. Eine nach der andern wird so angefüllt, und dann legt die Hornisse ein Ei in die Nahrungsmasse.

Bis jetzt hat sie nur der Zukunft gelebt, nun genießt sie erst einmal ihr Leben. Um ihren Bau kümmert sie sich tagsüber nur wenig. Da schwärmt sie umher, und wo es nach Süßigkeit duftet, da ist sie zu finden. Alle Pflanzensäfte kostet sie, und sie bekommen ihr gut, beinahe feist wird sie bei ihrem Schlemmerleben. Des Abends kehrt sie zurück und setzt sich auf ihr Nest, guckt auch mal in die Zellen und freut sich, wie die Eier darin ausschlüpfen, die Larven fressen und heranwachsen und schließlich zu weißen Mumien werden. Man sieht durch ein weißes Kleid die Fühler und Beine an ihnen schon fertig entwickelt, noch kurze Zeit, und die jungen Hornissen schlüpfen aus.

Weiß und weich sind die jungen Weltenbürger zunächst und viel kleiner als die Mutter. Aber wenn sie ihr auch in wenig Tagen in der Farbe beinahe völlig gleichen, größer werden sie nicht und wenn sie noch so viel zu fressen finden. Das ist ja bei Insekten überhaupt nicht anders. Wenn sie als Larven tüchtig wachsen und eine große Puppe liefern, dann ist das fertige Tier groß, aber wenn es in der Entwicklung zurück war, kann es das Versäumte niemals wieder nachholen. So geht es den Hornissen hier auch. In ihrer Zelle war nicht allzuviel Nahrung zu finden, und deshalb mußten sie sich verpuppen, noch ehe sie völlig erwachsen waren.

Kaum sind die Flügel der jungen Hornissen richtig hart geworden, da fangen sie auch schon an zu arbeiten. Sie nehmen der Mutter alle Last ab, fliegen aus und holen Holzstoff zum Bauen und Nahrung zum Füllen der Zellen, die Mutter, die Königin, braucht nur Eier zu legen und ab und zu etwas Nahrung zu suchen, wenn sie nicht einfach die Zellen ausschleckt.

Bei dem emsigen Fleiße der kleinen Arbeiter wächst das Nest rasch heran. Erst war es nur eine einzige Wabe mit wenig Zellen und eine dünne Kugelhülle spann sich darüber. Jetzt wird an einigen Stielen über die erste Wabe eine zweite errichtet mit vielen Zellen, die schon etwas größer sind als die von der Königin gebauten. Wieder wird darüber eine weite Hülle aus Holzpapier gepappt und darüber eine noch weitere mit neuen Waben. Und alle Zellen werden mit Futter für die Larven vollgestopft, und die Königin legt dann ein Ei hinein.

Der September ist herangekommen. Die Papierburg der Hornissen in der Walkmühle hat sich mächtig verändert. Ein Bau, der weit größer ist als ein Männerkopf, hängt dort am Balken und ein gefährliches Brummen tönt hinter den dünnen grauen Papierwänden hervor. Wehe dem Unglücklichen, der jetzt in der Nähe des Nests den Zorn einer Hornisse erregt. Sie dringt unter eigenartigem Flügelsummen auf den Störenfried ein und versucht, ihn zu stechen. Aber während der Verfolgte noch die eine abwehrt, hat ihr zorniges Flügelsummen Gehilfen herbeigerufen. Zehn, zwanzig und noch mehr eilen herbei, und wenn man auch zehn abwehrt, so setzen sich doch andre zehn auf Arme und Beine, laufen umher und biegen den geschmeidigen Hinterleib. Und wenn sie an eine unbekleidete Stelle kommen, an Hals oder Gesicht, dann kneifen sie ihre Kiefer ein, halten sich mit sechs krallenbewehrten Beinen fest und bohren den langen, spitzen Giftstachel tief hinein ins Fleisch des Feindes. Was nützt es, wenn ein wuchtiger Schlag den kleinen, gelbgepanzerten Feind zu Brei schlägt. Zwanzig, dreißig Rächer stachelt der Blutgeruch zu rasender Wut an und Stich folgt auf Stich. Wer kann es dem Tapfersten verargen, wenn er vor den kleinen, gefährlichen Feinden eilig entflieht, oder sich zu Boden wirft in der berechtigten Hoffnung, daß die Hornissen ihn so nur schwer entdecken und sich bald beruhigen, so daß er unzerstochen entfliehen kann? Denn ein Hornissenstich ist ungemein schmerzhaft, eine riesengroße Beule ist noch wochenlang das Erinnerungszeichen. Es ist auch möglich, daß ein kleineres Tier, wie ein Hund, ja sogar ein Mensch, der nicht entfliehen kann, von den Hornissen getötet wird, obgleich es auch stark übertrieben ist, wenn der Volksmund sagt: Neun töten ein Pferd.

Doch der schmerzhafte Stich ist jetzt nicht die einzige Unannehmlichkeit der Hornissen. Sie schwärmen weithin über die Felder bis hinüber zum Dorfe. Dort schwelgen sie in den zartschaligen Gartenfrüchten, schroten die süßen Pflaumen und saftigen Birnen und verwüsten vor allem eine große Menge Weintrauben. Die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen, und die Hornissen sind gerade solche Schleckermäuler, wie ihre kleineren Vettern. Doch ihre Gier nach Süßigkeiten ist auch ihr Verderb. Überall in den heimgesuchten Weinspalieren werden weithalsige Flaschen aufgehängt, in die verdünnter Sirup und Fruchtsaft geschüttet worden ist. Nun gärt das Gemisch, und der süßalkoholische Duft lockt die Hornissen an. Wenn sie dann in den Flaschenhals kriechen, werden sie von der Kohlensäure, die sich bei der Gärung bildet, betäubt, sie fallen hinein in den lockenden Saft und ertrinken.

Je mehr die kühlere Jahreszeit heranrückt, um so ruhiger wird es in der Papierburg. Zwar bis weit hinein in den Oktober trotzen die Hornissen der Kühle der Nächte. Junge, große Weibchen schlüpfen noch aus den Zellen und dickleibige Männchen. Sie schwärmen aus zum Hochzeitsfluge, doch je kühler es wird, desto seltener kommen die befruchteten Weibchen zum Neste zurück. Sie verkriechen sich in hohle Baumstämme, in Ställe und Scheunen, legen die Fühler an den Kopf und verfallen in den scheintoten Zustand des Winterschlafs.

Im Mutternest wird die Zahl der Bewohner immer kleiner. Die alte Mutter des Stocks stirbt, die Männchen fliegen fort und verenden draußen, und auch von den Arbeitern, den unfruchtbaren Weibchen, bleibt eine nach der andern weg. Wenn dann die ersten starken Fröste kommen, leben nur noch wenige, und auch von denen sieht keine den kommenden Frühling. Öde und verlassen hängt die große Glocke im Winter am Balken in der Walkmühle. Eine Anzahl tote Arbeiter liegen noch drinnen, in den Waben sind beinahe schlupfreife Larven erfroren, die Papierburg ist ausgestorben.

Doch wenn der Frühling kommt, dann lockt er die überwinterten Königinnen aus ihren Verstecken, und bald entstehen in hohlen Bäumen, in verlassenen Gebäuden neue Kolonien, neue Burgen der gelben Wegelagerer.