Hermännchen

Am Waldrande liegt eine alte Ruine, das „wüste Schloß“ heißt sie bei den Landleuten. Nur einige hohe, dicke Mauern stehen noch, einige Fensternischen sind noch erhalten, alles andre bildet einen großen Trümmerhaufen. Und jährlich geht die Zerstörung weiter. Da füllt tauender Schnee die Ritzen zwischen den Steinen mit Schmelzwasser, der Frost in der nächsten Nacht läßt das Wasser erstarren, und das Eis drängt und sprengt die Steine voneinander. Zwischen den Rissen sprießen die Holundersträucher hervor und Birken. Weit hinein senden sie ihre zarten Würzelchen in die Risse des Gemäuers. Aber die erstarkenden Wurzeln stemmen sich mit Titanengewalt gegen die fesselnde Enge der Gesteinsspalten, und der Mörtel, den Jahrhunderte gehärtet haben, muß nachgeben und bröckelt in die Tiefe.

Es ist nicht recht geheuer beim wüsten Schloß. Am Tage drohen fallende Steine den Wanderer zu verletzen, die eine geheimnisvolle Kraft von den Mauern loswuchtet und nach dem vorwitzigen Menschenkind hinunterwirft. Am Abend kann man deutlich wilde Schreie hören, Jauchzen und tiefes Pfeifen; dann wieder dumpfes Seufzen, hu, hu, hu, tönts aus dem alten Gemäuer. Schon am Tage kommt selten ein Mensch hierher und scheucht die zahlreichen Ringelnattern, die ein beschaulich ungestörtes Dasein führen. Am Abend sucht erst recht hier niemand einzudringen in das gruselige Geheimnis der alten Ruine. Deshalb spuken balzende Waldkäuze gern hier, und die Ohreule seufzt ihr schauerliches Liebeslied. Hier treffen sich im Winter die verliebten Füchse und lassen ihr heiseres Bellen erschallen, hier hört man im März das Fauchen und Kreischen liebestoller Stinkmarder, die durch einen schmalen Spalt hinuntersteigen in ihre Schlupfwinkel in den alten, verfallenen Kellern, sobald der Morgen graut. Von dem kleinen, schlanken Vetter, der etwas abseits unter einem großen Steinhaufen haust, hört man selten einen Ton. Das Hermelin ist ein stilles, heimliches Tier.

März ist’s, und das Getreide beginnt zu schießen. Mit leisem Rauschen fährt der Abendwind durch das Gemäuer der alten Ruine. Da schlüpft ein schlankes Tier hervor unter dem Geröll, prüft mit den blauschwarz glimmenden Augen die Umgebung, schnuppert mit dem feuchten Näschen, setzt sich zierlich auf die Keulen und macht ein Männchen, um weitere Umschau zu haben, Hermännchen sichert und macht sich zum Jagdzug fertig. Mit zierlichen Sätzen geht’s durch den Wald auf einem glatten Wechsel, den es selbst ausgetreten hat, dann auf dem Fahrweg in dem Gleis, das die schweren Holzwagen ausgefahren haben, hinaus aufs Feld. Auf dem Grenzstein sitzt Hermännchen wieder ein Weilchen als langer Pfahl und späht nach etwas Genießbarem. Nichts ist zu sehen. Nun eilt das Wiesel in der Ackerfurche entlang, immer in weiten, eiligen Sätzen, denn hier ist keine Deckung und der Waldkauz wird bald auf Raub ausfliegen, vor dem muß man sich in acht nehmen, der hat gar spitze Krallen. Dem Bache eilt der kleine, braune Räuber zu. Schon ist er in den Büschen, die das Ufer säumen, angekommen und schlüpft durch das Gezweig, um eilig in einem alten Kaninchenbau zu verschwinden. Bewohnt ist er nicht, das weiß auch das Wiesel, aber es schlüpft stets in die alte Höhle hinein, wenn es übers Feld gekommen ist. Hier erst fühlt es sich wieder sicher nach dem unangenehmen Springen über den offenen und kahlen Acker.

Da guckt es wieder unter einer Wurzel hervor, nun steckt es Kopf und Hals weit hervor und sichert in alle Winde. Dann schlüpft es heraus, macht zum Überfluß noch ein Männchen, und dann geht es wieder am Bache entlang. Das Wasser hat die Ufer unterhöhlt und einen schmalen, halbverdeckten Pfad unter dem Ufer ausgespült. Den kennt Hermännchen und hüpft auf ihm dahin. Fast armstarke Höhlen führen von hier aus in den Bachdamm, in die schnuppert der kleine Räuber immer hinein. Das Loch ist leer, das dort auch. Weiter geht es. Da ist wieder eine Höhlung. Hier hält sich das Wiesel nicht lange mit Schnuppern und Spüren auf. Es ist wie umgewandelt und im Nu verschwunden in dem glatten, runden Loch. Einige Schritt weiter bachaufwärts ist noch eine Ausfahrt. Dort saust ein braunes Etwas heraus, plumpst ins Wasser und ist verschwunden. Gleich danach erscheint das Wiesel an der gleichen Stelle, stutzt einen Augenblick, und geht dann auch ins Wasser und schwimmt eifrig schnuppernd gegen die Strömung.

Zehn Schritt vor ihm taucht ein andrer Schwimmer auf. Eine Wanderratte, größer und dicker als das Wiesel, rudert dort aus Leibeskräften, denn sie weiß den Todfeind hinter sich. Kaum hat der kleine Räuber sein Wild erblickt, da ist er auch schon heraus aus dem Wasser und eilt in mächtigen Sätzen am Ufer hin. Schon ist er neben der Ratte und springt nach ihr. Das Wasser spritzt hoch auf, und dann sieht man von dem Räuber und auch von seinem gehetzten Wild nichts mehr.

Noch einmal ist es der Ratte gelungen, dem Verfolger zu entkommen. Schwer atmend sitzt sie unter dem Wurzelwerk der Erle und glotzt angstvoll nach dem Wasserspiegel. Naß kleben ihr die braunen Haare am Körper und lassen sie häßlich und abstoßend erscheinen. Nun endlich taucht auch Wieselchen wieder auf und schwimmt einigemal suchend und schnuppernd hin und her. Jetzt haben die scharfen Augen die zitternde Ratte erspäht und schnurstracks strebt das Hermelin auf sein Wild zu. Der Ratte ist der Weg zum Wasser abgeschnitten. Sie setzt sich auf die Keulen, hebt die zierlichen Vorderpfoten zur Abwehr und bewegt die Oberlippe zuckend auf und nieder, daß die meißelscharfen Nagezähne drohend aufblitzen.

Jetzt ist der Todfeind am Ufer, noch ein Satz und noch einer, dann wälzt sich ein quiekender und strampelnder Knäuel auf dem Schlamme, rollt hin und her, plumpst ins Wasser, aber löst sich nicht, kommt wieder aufs Trockne, wird ruhiger und stumm. Dann zerrt das Wiesel sein Opfer ganz aufs Ufer und kaut und zupft am Rattenhalse, bis es rot sprudelt und fließt, und dann leckt es und zupft wieder und kaut, bis kein Tropfen Blut mehr hervorsickert. Wiesel, mordgieriger Teufel, wie siehst du jetzt aus! Naß kleben die Haare am Körper, das Näschen und Mäulchen sind rot vom Blut, auch das weiße Vorhemdchen ist besudelt, und der weiße Bauch ist schwarz vom Schlamm!

Nur wenige Bissen reißt der kleine Räuber los von seiner erkaltenden Beute und kaut sie hinter, dann läßt er alles liegen, schwimmt durch den Bach und setzt sich drüben auf den umwachsenen Stumpf der Pappel, um sich ein wenig zu trocknen. Er schüttelt sich, daß die Haare starr nach allen Seiten stehen, dann beginnt er nach Katzenart sich zu säubern. Wieselchen leckt das weiße Vorhemdchen glatt, aber der rote Fleck will nicht verschwinden, immer und immer wieder taucht er hervor und wird breiter. Dort hatte wohl die Ratte gefaßt und eine Schmarre geschlagen. Unter stetem Lecken bringt das Hermelin das Blut schließlich doch zum Stehen, dann fährt es sich mit der Zunge noch einigemal über den Balg, juckt und kratzt sich, sträubt das Haar und schüttelt sich und ist beinahe wieder trocken.

Husch, ist es herunter vom Pappelstumpf und eilt in langen Sätzen dem Walde zu, aber diesmal oben, im Gestrüpp, nicht mehr am Wasserrande. Dort steht eine alte, hohle Weide. In Meterhöhe über dem Boden hat sie ein rundes Loch, das in den hohlen Stamm hineinführt. Das Wiesel reckt sich am Stamm in die Höhe, schnuppert und lauscht, dann krümmt es den geschmeidigen Rücken. Wie eine Feder schnellt der schlanke Räuber hoch am Stamm in die Höhe, klammert sich fest mit spitzen Krallen und steckt den Kopf in das Baumloch. Darin flattert es wild und zetert ängstlich, aber der Räuber läßt sich nicht bange machen. Bald hat er zugefaßt und springt mit dem erhaschten Feldsperling auf den Boden herab. Dann rupft und kaut das Wiesel, zermalmt den Schädel und frißt das Gehirn, leckt jedes Tröpfchen Blut auf, verzehrt etwas vom Muskelfleisch der Brust, dann leckt sich’s das Mäulchen und ist gesättigt. Dann schüttelt es sich einige Tautröpfchen aus dem Pelz und macht ein Männchen, um sich umzuschauen.

Der Wind scheint ihm eine interessante Witterung zugetragen zu haben, Hermännchen hüpft in zögernden Sätzen am Bachufer hin und macht öfter Halt, um prüfend die Luft einzuziehen. Dann bückt es sich zum Boden, tupft leise mit dem Näschen auf eine feuchte Stelle und zieht durch die gefitzte Nase den süßen Duft ein. Dann nimmt es die gefundene Fährte auf und folgt ihr auf allen Widergängen und Haken am Bache entlang, durch die Roggensaat, den jungen Klee, am Rain entlang in einen Steinhaufen, von da zur Steinbrücke am Feldweg, unter der es verschwindet. Da kommt es schon auf der andern Seite wieder hervor und rennt den Feldweg entlang. Doch nein, das ist unser Freund ja gar nicht, ein zweites, etwas kleineres, schlankeres Hermelin ist es, und unser Bekannter saust auf der Fährte des Weibchens dahin. Das aber scheint sich noch spröde der Werbung zu widersetzen, lange jedoch wird es nicht mehr dauern, da findet der stürmische Liebhaber Gehör.

Und richtig. Im Juli spielen fünf halberwachsene Wiesel mit der Mama in den Trümmern des wüsten Schlosses. Bald hier, bald da gucken die kleinen Schelmengesichter unter den Steinen hervor, hier und da huscht eins der geschmeidigen Kerlchen durch die Steinwüste. Und wie man den besetzten Fuchsbau schon in einiger Entfernung am Raubtiergeruch erkennt, so ist jetzt das ganze wüste Schloß durchduftet von dem süßlichen Parfüm der Hermelinfamilie. Sogar der Geruch der Speisereste, der Mäusefelle, Kaninchen- und Junghasenknochen wird verschleiert von diesem Duft.

Und die Zahl der Überbleibsel ist nicht gering. Eine so zahlreiche Familie will viel haben, ehe jeder satt ist. Da heißt es tüchtig arbeiten, hier ein Jungkaninchen hetzen durch dick und dünn, bis es in den Bau fährt und dort in einer Sackgasse nicht weiter kann oder bis es sich drückt, so daß es mit einem Sprung erreicht werden kann, dort einem Hasen auflauern und ihm an den Rücken springen. Und wenn ein Wiesel einmal gefaßt hat, wenn es die nadelspitzen Zähne eingehauen hat in die Nackenmuskeln, dann hilft kein Bäumen und Rennen, dann sitzt es fest, läßt sich hierhin und dorthin schleudern und macht einen Ritt mit auf dem Opfer. Und die spitzen Zähnchen arbeiten und reißen, bis eine Schlagader aufgebissen ist und der rote Lebenssaft rinnt. Dann ist der Widerstand der Beute gebrochen, seine Lebensgeister schwinden, und das Wiesel sitzt und trinkt, bis es vom Blut förmlich berauscht ist. Dann schleppt es die Beute den Kleinen zum Fraße zu.

Später begleiten die Sprößlinge die Mutter auch auf ihren Streifzügen, bis sie allmählich selbständiger werden und gegen den Herbst hin sich in die Umgegend verstreuen. Sie beginnen umherzustreifen, messen sich bald auf den Stoppelfeldern mit jungen Hamstern, bald fangen sie die braune Wühlmaus im Walde. Sie kehren auch zu Zeiten mal wieder in den Trümmerhaufen des wüsten Schlosses zurück, aber bestimmt kann man sie nirgendwo antreffen, unstet betreiben sie bald hier, bald da ihre Jagd. So kommt es, daß hier eins vom Jagdhund gewürgt wird bei der Hühnersuche, dort eins im Stall des Bauern erschlagen wird, weil es sein Interesse für Kaninchenbraten allzu unverblümt gezeigt hat.

Mögen auch einige einen frühen Tod sterben, die Mehrzahl schlägt sich doch durchs Leben, ihre Vorsicht und Schlauheit bewahrt sie doch meist vor einem Unglück. Und wenn dann der Winter kommt und mit weißen Flocken Mutter Erde einhüllt, dann zieht auch das Hermelin eine weiße Jacke an, und die schwarze Schwanzspitze guckt noch darunter hervor. Gegen den Frühling, wenn es wieder wärmer wird, dann legt es auch stückweise den alten Rock wieder an, ist eine Zeitlang weißbraun gefleckt, bis es wieder den braunen Sommerflaus trägt, der es verschwinden läßt auf dem braunen Acker, auf dem laubbedeckten Waldboden.

Ein Räuber ist das Wiesel, ein blutgieriger sogar, aber kein Naturfreund kann ihm dauernd gram sein, dazu ist es viel zu hübsch, man verzeiht ihm immer wieder auch die blutigste Übeltat.