Schnüffel, der Igel

Am Ende des Dorfes, an seiner schönsten Stelle, liegt die Wassermühle. Der Bach, der lustig über Stock und Stein sprang, dann durch die Felder eilte und im Dorfteiche seine Glieder ein Weilchen ausruhte, muß durch ein enges Bett, über Bretter hinweg und unter einem Schützen hindurch sich zwängen. Zischend und sprudelnd springt er hinunter auf ein großes Wasserrad, das sich ächzend dreht unter seinem Aufprall. Langsam und gleichmäßig dreht das große Rad an der Welle, die knirschende Mahlsteine und klappernde Schüttbretter bewegt. Das Sprudeln und Zischen, das Brummen und Stampfen, das Klappern und Klingeln, wenn ein Gang leer läuft, kurz all der dumpfe, eigenartige Mühlenlärm nimmt Tag und Nacht kein Ende. Doch die Leute in der Mühle vernehmen nichts davon, und auch der Spitz, der an der Kette wie rasend tobt, wenn ein fremder Schritt sich nähert, die Hühner auf dem Hofe und die Tauben, die sich gurrend auf dem Dache herumtreiben, sie alle sind gerade so an das Geräusch gewöhnt, wie die Mäuse und Ratten, die in dem alten Mühlgemäuer hausen und ihren Teil von Getreide, Schrot und Kleie nehmen, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Nur einer hat fortwährend über den Lärm und die Unruhe zu klagen, gerade wie er sich beschwert, wenn die Jahreszeiten sich ändern, oder heute, wenn es regnet, und morgen, wenn die Sonne scheint. Will man den Nörgler, den Griesgram besuchen, so muß man sich einige Schritte bachabwärts bemühen. Dort steht ein alter, hohler Kopfweidenbaum, der immer und immer hofft, einmal noch zum Blühen zu kommen, wenn auch zwanzigmal und öfter schon der habgierige Mensch ihm seine schlanken Zweige raubte. Unten dicht über dem Boden führt eine Öffnung in den hohlen Baum, durch die ein dicker Kater bequem durchschlüpfen könnte. Hier hat der Unzufriedene seine Wohnung. Aus dürrem Laub und trockenen Grashalmen ist ein sauberes, warmes Nest gebaut worden.

Wollen doch einmal sehen, ob der Bewohner zu sprechen ist. Tastend fährt ein Stöckchen in den Laubhaufen, jetzt stößt es auf einen tierischen Körper, und zorniges Fauchen tönt uns entgegen. „Bangemachen gilt bei uns nicht, Freundchen!“ Weiter tastet der Stock und deutlich spüren wir ein kratziges, stachliges Etwas im Innern des Nestes. Der Insasse ist entschieden sehr ungehalten über unsern Eingriff, das Fauchen klingt ganz zornig, und jetzt wird gar der Stock weggestoßen. Wir brauchen nicht weiter zu forschen. Daß ein Igel im Baumstumpf steckt, haben wir ja längst erraten. Schnorrer, der dicke Kater, und Spitz, der unbestechliche Wächter, sie kennen ihn längst, den alten Igel Schnüffel, sie kennen alle seine Eigenheiten und wissen auch, wie es kam, daß der früher so gutmütige und zufriedene Igeljüngling zu einem alten, grilligen Einsiedler wurde.

Vor vier oder fünf Wintern mag es gewesen sein, da erblickte Schnüffel unter einem dichten Reisighaufen das Licht der Welt. Gar komisch muß er damals ausgesehen haben, wenigstens seine Mutter sprach immer davon, daß er der netteste und hübscheste kleine Igel gewesen wäre, den sie jemals gesehen hätte. Seine kleine rosige Schnauze und die weißen Stacheln, die kleinen schwarzen Augen hätten ihn zu einem entzückenden kleinen Bengel gestempelt. Na ja, seine Mutter, die Frau Swinegel — den Namen hatte sie von einem weißen Kater aus Norddeutschland, der Plattdeutsch sprach, erhalten — war ja eine kreuzbrave Frau, aber in bezug auf Kinder ein bißchen eitel. Sicher waren seine Geschwister auch ganz prächtige Kerlchen gewesen, aber weil sie in der Regennacht naß wurden und starben, hatte Schnüffels Mutter gar keinen Grund, sie lieb zu haben; ihre ganze Liebe übertrug sie auf den einzigen Überlebenden, eben Schnüffel. Wie eine halbe Wallnußschale groß war er erst gewesen, aber erstaunlich rasch wuchs er heran. Sein Haarkleid fing an zu sprießen, seine Stacheln färbten sich, und auch seine rosenrote Nase wurde dunkler. Nach vielen vergeblichen Versuchen lernte er es auch, sein Stachelkleid ruckweise über die Nase herunter zu ziehen, ja, bald konnte er sich zu einer richtigen Kugel zusammenrollen wie ein erwachsener Igel. Nun durfte er auch allein ausgehen und selbst bestimmen, was er essen wollte.

Ach hätte ihn doch seine Mutter etwas straffer in Ordnung gehalten, dann wäre er vielleicht nie zu seiner trüben Weltanschauung gekommen.

Es war ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne lachte und trocknete die Spuren, die der Regen von gestern überall zurückgelassen hatte. Das schöne Wetter lockte Schnüffel, und ohne sich viel um das helle Licht zu kümmern, trollte er hinüber nach Müllers Garten, um zu sehen, ob nicht eine reife Butterbirne gefallen wäre. Wirklich lag eine am Spalier und Schnüffel begann, sie behaglich schmatzend zu verzehren. Da raschelt es plötzlich. Mit einem Ruck zog er seine Stachelhaut über den Kopf und gerade zur rechten Zeit. Schnüffel fühlte, wie etwas heftig an seine Stacheln stieß und dann knurrend zurückfuhr. „Aha, ein Hund“, dachte er, „na, dann hole dir nur eine blutige Nase, ich habe Zeit, bis du es satt hast“. „Wau, wau, waau, wäwäwäwä“, jaulte der Hund und fuhr rasend vor Wut immer und immer wieder auf den Stachelklumpen los. Wohl eine halbe Stunde währte der Lärm, und Schnüffels empfindliche Ohren waren fast taub davon geworden, und ein dumpfes Brummen in seinem Schädel setzte ein. Endlich hatte der Hund sein Kläffen selber satt. „Das wurde Zeit, sonst wäre ich wohl noch krank geworden von dem Lärm“, dachte Schnüffel, rollte sich auf und wollte sich eiligst aus dem Staube machen. Da ging es „Schnapp“, und wie ein feuriger Funken fuhr es dem Igel über die Nase. Der Hund hatte stumm dagelegen und dann dem Igel nach der Nase geschnappt. Bis zur Dunkelheit lag nun Schnüffel fest zusammengerollt da. Ein Glück, daß der Hund einen Augenblick zu zeitig zugefahren war, sonst hätte wohl die Wunde dem Stachelhelden den Tod gebracht, so kam er mit einer runzligen Narbe und dem Schrecken davon.

Die Wunde auf der Stirn verlieh Schnüffels Gesicht etwas Mürrisches, und auch sein Charakter verlor allmählich die Gemütlichkeit, wie sie sonst bei der Sippe Igel die Regel ist. Schnüffel wurde zum Nörgler. Wenn ihm, was selten genug vorkam, ein dicker Mistkäfer vor der Nase wegflog, faßte er das als persönliche Tücke des Schicksals auf. Geradezu unverschämt fand er die Geschwindigkeit der Mäuse, und rächte sich, wenn er eine überrumpeln konnte. Ging er in den Garten, um wie allabendlich seine Fallbirnen zu holen und fand die Früchte schon gepflückt, dann konnte er lange Selbstgespräche halten und über die Schlechtigkeit der Menschen schimpfen, die ihm seine Birnen gestohlen hatten. Den Menschen und ihrer Mißgunst schreibt er es zu, wenn es anfängt, Winter zu werden, ihnen schreibt er auch die Erfindung der Hunde zu. Überhaupt Hunde! Wenn ihn da einer anbellt, der kann ja auf eine zerstochene Schnauze gefaßt sein. Es fällt Schnüffel gar nicht ein, sich völlig zusammenzurollen. Straff zieht er die Stirnhaut zu einem stachligen Helm zusammen und erwartet unter trommelndem Brummen seinen Erbfeind. Sobald der Hund ihm zu nahe kommt, stößt er mit einem raschen Rucke zu und spießt seine Stacheln in die empfindliche Schnauze des Gegners. Je wütender der Hund wird, desto besonnener verteidigt sich Schnüffel, bis er schließlich doch das Feld behauptet und der übel zugerichtete Feind beschämt abzieht.

Schnüffel ist stolz auf seine Kühnheit, Hunden gegenüber; aber auch sonst gibt es Gelegenheit genug, zu zeigen, daß unter seinem stachligen Fell ein tapferes Herz wohnt. Gar manche Ratte, vor der auch Schnorrers tapferes Katerherz ängstlich zu werden begann, ist unter seinem Biß verblutet. Zufassen und nicht loslassen ist die Hauptsache bei der Rattenjagd, und dann schnell wie der Blitz das Stachelvisier herunter, dann kann die erfaßte Ratte rasen und beißen wie sie will. Wenn sie sich dann jämmerlich zerstochen und mattgetobt hat, dann kann ein zweiter und nach einer Weile ein dritter und vierter Biß das Opfer töten, und der Schmaus kann beginnen. Dann ist Schnüffel froh und zufrieden, bis das Mahl beendet ist.

Die ritterlichsten Kämpfe gibt es aber doch im Frühjahr, wenn die Liebe an das Igelherz rührt. Dann zieht Schnüffel hinaus in den Wald, um sich eine oder auch einige Schöne zu suchen; denn betreffs ehelicher Treue nimmt er es nicht sonderlich genau. Zwar versuchen die rechtmäßigen Liebhaber den unliebsamen Eindringling mit der Stirnnarbe zu vertreiben und ihre angestammten Rechte zu behaupten, aber ohne Erfolg. Keiner kann so wuchtige Schläge mit dem Stachelhelm austeilen wie Schnüffel, keiner kann wie er jede Blöße des Gegners zu einem raschen Bisse benutzen. Hat er dann der Minne Sold genossen, dann hat er nichts dagegen, wenn der frühere Galan wieder an seine Stelle tritt, dann eilt er weiter, um neue Abenteuer zu bestehen.

Doch nicht nur Liebeskämpfe, auch andere Sträuße besteht Schnüffel auf seinen Frühjahrsfahrten. Just um die gleiche Zeit, Anfang April, erwachen auch die Kreuzottern aus ihrer winterlichen Erstarrung und kriechen heraus, um Sonnenbäder zu nehmen. Wenn eine aber Schnüffel in die Quere kommt, kann sie ihr Testament machen. Zwar giftfest ist er nicht, aber er verläßt sich auf sein Kleid, klappt den Helm vor und beißt das giftige Reptil einfach tot, um es dann zu verzehren.

Im Frühjahr hält Schnüffel überhaupt auf kräftige Kost. Wenn man vom November bis zum März rein gar nichts genießt, dann bleibt auch beim sparsamsten Atmen von den Fettpolstern des Herbstes nichts übrig. Dann schlittert die Haut um den Körper, aus dem fetten Schweinigel des Herbstes ist ein dürrer Hundeigel geworden. Und dabei ist der Tisch im Frühjahr durchaus nicht etwa allzu reich gedeckt. Dicke Schnecken gibt es noch nicht viel, Regenwürmer sind auch nicht häufig zu finden. Gar viele Mäuse sind in der Nässe des Frühjahrs umgekommen, Eidechsen und Blindschleichen, Ringelnattern und Kreuzottern muß man am Tage suchen. Doch Schnüffel leidet trotzdem nicht Not. Jetzt macht er seinem Namen Ehre und durchschnuppert jeden Winkel nach etwas Genießbarem. Oft sind es nur Käfer und ihre Larven, die er findet, aber in großer Zahl machen sie auch satt. Bald fangen auch Rebhühner und Fasanen an, ihre Eier zu legen, da gibt es oft fette Tage. So ein paar frische Eier schmecken auch dem Igel gut. Wenn auch beim Ausschlürfen etwas vom Inhalt verloren geht, na, das schadet nicht viel, dann versucht man eben seine Zähne an einem andern. Am reichsten aber ist der Tisch in maikäferreichen Jahren gedeckt, wenn am Morgen die von der Kühle der Nacht erstarrten Käfer im Grase sitzen. Dann haben die spitzen Zähnchen Schnüffels fortwährend zu tun, und behaglich schmatzend verzehrt der Stachelheld einen nach dem andern. Wenn dann das feuchte Näschen noch eine Maus entdeckt hat, die durch rasches, bolzenartiges Zufahren erwischt wird oder die aus ihrem flachen Loche ausgescharrt werden kann, dann ist der Igel so ziemlich mit seinem Schicksal zufrieden.

Bald kommen die warmen Sommernächte, in denen die Kleintierwelt so zahlreich umherkriecht, das sind Feste für den Igel. Bald muß eine fette Schnecke, bald ein Regenwurm, dann ein Käfer hinunter in den Magen, bald wieder wird eine unerfahrene Maus erwischt oder eine junge Goldammer verspeist, die zu zeitig dem Neste entflogen war. Bei der reichlichen Kost wird Schnüffel fett, unter seiner Stachelhaut liegen dicke Fettpolster, und das dicke Bäuchlein scheint am Boden zu schleifen. Wenn dann der Herbst heranrückt und die Obstsorten reifen läßt, wendet sich Schnüffel mehr der Pflanzenkost zu. Bald verspeist er eine saftige Birne, bald eine blaue Pflaume, und dabei wird er immer fetter.

Wer aber glauben sollte, der alte Igel würde um so gemütlicher und zufriedener, je dicker er wird, der irrt gewaltig. Der Herbst ist die Zeit, wo Schnüffel am meisten schimpft. Er klagt, daß die Nächte so kalt würden und der leckerste Bissen dann keinen Reiz mehr für ihn hätte. Natürlich sind es die Menschen, denen Schnüffel die Abnahme der Wärme zuschreibt. Aber er will es sie schon fühlen lassen, nicht eine Schnecke, nicht eine Maus will er ihnen wegfangen, das mag tun, wer will, er streikt. Und dann geht er und sammelt abgefallenes Laub. Ganze Büschel voll schleppt er in den hohlen Weidenstumpf, auch dürres Gras trägt er dazu und formt ein warmes Nest, in dem er die ungünstige Jahreszeit verbringt. Wenn einmal Frost und Schnee die Erde in Bann hält, findet man selten einen Igel außer Versteck, erst die Märzsonne lockt sie wieder heraus.