Raben
In einem harten Winter hatten sie sich kennen gelernt. Ohne Vorstellung hatten sie gleich gefühlt, daß sie zusammengehörten, wenn er auch einen schwarzen Rock trug und sie eine nebelgraue Robe mit schwarzem Schulterkragen. Schon ihre Mundart hatte so viel Verwandtes, wenn er auch Rabenkrähensächsisch sprach, wie es in der Elbaue üblich ist, und sie den Nebelkrähendialekt der Lausitz. Die vielen Saatkrähen, in deren Gemeinschaft sie sich durch den Winter schlugen, hatten eine ganz andere Sprache. Zwar ihr Schnabel war länger, spitzer und feiner, aber ihre Stimme war rauh und grob, wenn sie nicht in Fisteltöne überschlug. Manchmal gesellten sich auch Dohlen zu ihrer Schar. Bei den Wanderungen waren die dann an der Spitze und ihr Djah, Djah gab den Weg an.
In einer so gemischten Gesellschaft gab es natürlich oft Zank und Streit. Da hatte eine alte Saatkrähe mit grindigem Schnabel eine Maus gehascht, doch die anderen Mitglieder der Gesellschaft suchten sie ihr abzujagen unter vielem Geschrei und Gekrächz. Bei den dampfenden Dunghaufen auf den Feldern ging es friedlicher her. Da war für alle genug zu fressen, ob es nun halbverdaute Haferkörner waren oder ein Heringskopf oder Wurstschalen. Nur besonders große Bissen erregten dann den Neid und die Streitlust der andern. Auch die beiden echten Raben, die Nebelkrähenjungfrau und der Rabenkrähenjüngling, mußten zunächst manchen Bissen an neidische Gefährten abtreten. Bald aber merkten sie, daß eigentlich doch ihre Schnäbel die kräftigeren waren, und nun machten sie selbst oft erfolgreiche Jagd auf fremde Bissen. Ein besonderes Freudenfest war es für die Raben, wenn ein Stück Fallwild gefunden wurde oder wenn Reineke Langschwanz, der Fuchs, einen Hasen gefangen hatte und ihn nun der Dickung zuschleppen wollte. Hei, das machte Spaß, ihm in jähem Schwunge einen Hieb zu versetzen, bis er verschüchtert seinen Raub im Stiche ließ und vor den lärmenden Galgenvögeln die Flucht ergriff. Dann füllten sich die Raben Kropf und Magen, bis nichts mehr hineinging.
Die Saatkrähen zupften und schlangen wohl auch, aber ihre Kost war das nicht; denen waren die Körner an der Fasanenfütterung viel lieber, wenn auch dort manche nach einem wundersam rauchenden Donner in den Schnee stürzte. Dann kam gewöhnlich ein Mann aus dem Fichtendickicht mit einem langen Ding in der Hand, nahm die Geschossene und ging seiner Wege. Dann war laut krächzendes Wehklagen in der Luft, aber lebendig wurde der Gefährte nicht wieder. Danach war die Fütterung einige Tage unheimlich und wurde gemieden.
Aber ein anderer reicher Ersatz bot sich dar. Am Waldrande lag ein Rehkitz, das der Fuchs schon angegangen hatte. Die Bauchhöhle war geöffnet und den Krähen der Weg zum Mahle leicht gemacht. Unter den spitzen Schnäbeln schmolz das Wildbret ganz gehörig zusammen, und nur wenig blieb übrig für den kommenden Tag. Am anderen Morgen war der Rest noch da, und eilig machten sich die Saatkrähen ans Mahl, während die vorsichtigen Raben erst von der hohen Fichte aus Umschau hielten nach dem gefürchteten Grünrock mit der Donnerbüchse.
Auf einmal ertönten laute Schreckensrufe von den am Aase beschäftigten Verwandten. Eine der jungen Saatkrähen ist soeben beim gierigen Mahle tot umgesunken. Strichnin hat der Förster auf das bloßgelegte Fleisch gestreut, jetzt beginnt es zu wirken. Schon liegen zwei weitere zuckende Opfer auf dem Schnee, entsetzt versuchen alle anderen zu entfliehen, aber manche stürzt noch in den Schnee. Furchtbar ist die Wirkung des giftigen Fleisches im leeren Magen, ein Dutzend der betrogenen Krähen fallen nach wenigen Flügelschlägen zu Boden, einige vermögen sich noch bis zu den nächsten Bäumen zu flüchten, die überlebenden aber suchen krächzend das Weite.
Gar harte Tage folgten. Endlich schien die Sonne wärmer, aber die ersten Tage der Schneeschmelze brachten neue Entbehrungen für den Krähenschwarm. Der Schnee wurde zähe und naß, in der Nacht fror er zusammen, und es machte große Mühe, die harte Kruste zu durchbrechen. In diesen Tagen war die Landstraße mit dem Pferdedung stark besucht, sogar in die Nähe der Häuser wagten sich die hungrigen Schwarzen und schlangen die Schweinsborsten und die Hautfetzen gierig hinunter, die vom letzten Schlachtfest an der Miststelle lagen. Doch die Not wich einem wahren Festmahle, als Tauwetter kam und allerorts Hochwasser auf den Wiesen stand. An der Wassergrenze waren Schnecken und Käfer in Hülle und Fülle angetrieben, und mit wohlgefüllten Kröpfen flogen die Krähen an diesem Abend nach ihren Schlafplätzen. Am anderen Tage wurde es noch besser. Das Wasser war zurückgetreten, und in den zahlreichen Pfützen auf der Wiese waren Hunderte von kleinen Weißfischen zurückgeblieben, die den Küchenzettel wesentlich bereicherten.
Die schlimmste Zeit war nun überstanden. Nach einigen Wochen kehrten die Stare aus den Winterquartieren zurück und mischten sich unter die Krähenscharen. Das war das Zeichen, allmählich in die Brutplätze einzurücken und zu sehen, was der Winter für Schaden an den Nestern angerichtet hatte. Die Nebelkrähe und der Rabenjüngling trugen sich mit Abschiedsgedanken. Sie zog es mit Gewalt ostwärts, wie sie sagte, er aber wollte in seiner Heimat bleiben, um hier ein Weib zu freien. Am liebsten wäre ihm ja seine Gefährtin als Gattin gewesen; trug sie auch ein anderes Kleid, sie war doch eine Artgenossin, und in den gemeinsam überstandenen Gefahren hatte er hinreichend Gelegenheit gehabt, ihren Charakter zu beobachten und sich in sie zu verlieben. In gewandtem Flugspiel, durch Augenverdrehen und Bauchrednereien machte er ihr also ganz nach Rabenart seine Wünsche klar, — und er fand Gehör. Ihre Absicht zu ziehen, war nicht so ernst gewesen. Sie neckte sich mit ihm im Fluge, sie ging mit ihm zur Nahrungssuche aus, ja sie duldete es sogar, daß er sich auf dem Schlafbaum an sie schmiegte oder ihr zärtlich die Kopffedern kraute.
Unter Necken und Spielen trieb sich das Pärchen umher, strich einmal nach dem Wald, dann wieder suchte es die Feldgehölze ab, bis es schließlich eine hohle Erle am Bachufer für geeignet zur Anlage des Horstes hielt. Hierhin schleppten die Krähen zunächst starke, dann schwächere Zweige und bauten eine feste Unterlage, dann kamen Gräser und Würzelchen an die Reihe, und innen wurde das Kunstwerk mit Wildhaaren weich und warm ausgepolstert. Die Raben waren nicht wenig stolz auf ihren Bau, frohlockend umkreisten sie ihn oder riefen von der Spitze des Nestbaums ihre Freude in die Welt hinaus.
Das war recht unklug gehandelt, das sollten sie bald merken. Am Abend saß die Nebelkrähe im Nest, um sich immer ein wenig an das unbequeme Sitzen zu gewöhnen; bald würden ja die Eier kommen und bebrütet werden müssen. Da hört sie unter sich leise Schritte; vorsichtig lugt sie ein wenig über den Nestrand und erschrickt zu Tode, als sie den grünröckigen Mann mit der Donnerbüchse heranschleichen sieht. Mit einem kühnen Satze wirft sie sich aus dem Neste, schwenkt zweimal kurz um Baumkronen herum und rettet glücklich ihr Leben. Der nachgesandte Schuß wirft nur einige Birkenzweige zu Boden. Aber es tönt noch ein Doppelschuß, dem Neste hat es gegolten und am Morgen kann sich das Krähenpaar überzeugen, daß sein Kunstwerk zerfetzt und unbrauchbar in der Erle hängt. Und dabei ist das erste Ei beinahe ausgebildet zum Ablegen!
Ratlos streichen die beiden Krähen umher und finden schließlich in einem kleinen Feldgehölz auf einer hohen Kiefer einen vorjährigen Horst. Hier sind im Vorjahre glücklich Junge großgebracht worden, noch liegen ja die Schuppen der Federspulen im Neste. Eilig wird das Innere ein wenig mit Haaren ausgepolstert und nach zwei Tagen ist glücklich auch das erste Ei gelegt. Gebührend wird das grüngelbe Kunstwerk mit den dunkleren Flecken vom Herrn Gemahl bewundert, und gemeinsam gehen beide Gatten hinaus aufs Feld, um als Frühstück einige Engerlinge hinter dem Pfluge des Landmannes aufzulesen. Eine Woche vergeht, und schon ist das Gelege vollständig, und Frau Krähe muß eifrig brüten. Da wird die Zeit gar lang. Doch, der Gemahl kommt von Zeit zu Zeit mit Futter und sucht die Gattin zu zerstreuen, die ihn unter Flügelzittern und Krächzlauten willkommen heißt.
Wohl zwanzig Tage mögen bei dem Brutgeschäft verstrichen sein, da zeigen eines Morgens die Eier kleine Pusteln. Die Schale ist aufgewölbt und auf dem kleinen Huckel führt ein Loch in das Ei hinein. Die Jungen sind am Ausfallen. Endlich hat eins durch kräftiges Picken die Schale zertrümmert und hält unter Beihilfe der Alten seinen Eintritt in die Welt. Man kann nicht sagen, daß es das Licht der Welt erblickt, seine Augen sind noch zugewachsen; bläulich schimmern sie an den Seiten des Kopfes durch die Haut. Ein schnurriges Ding ist so ein frischgeschlüpfter Vogel. Der Kopf ist mächtig dick und baumelt an einem langen, dünnen Halse, der Schnabel ist noch recht kurz und weich, nur der kleine weiße Fleck an der Schnabelspitze, der Eizahn, ist hart. Eine unförmige Blase bildet den Leib. Noch ist das Brustbein, an dem später die starken Flugmuskeln ansetzen, kurz und schwach, noch wird es ja nicht gebraucht, aber der Darm ist gut entwickelt und schimmert durch die Bauchwand.
Fünf dieser kleinen Scheusälchen hocken am Abend unter dem wärmenden Bauchgefieder der Mutter, die von Zeit zu Zeit einen liebenden Blick auf ihre hoffnungsvollen Sprößlinge wirft. Auch der Herr Papa ist voller Wonne über die „reizenden“ Kleinen, und es ist ihm eine angenehme Pflicht, die Gattin auf kurze Zeit abzulösen, damit sie sich ein bißchen Bewegung machen und am Bache den Durst stillen kann.
Am andern Tage beginnt das Füttern; immer muß abwechselnd eins der Eltern wärmen, das andere Futter suchen. Sie überbieten sich gegenseitig in Liebe gegen ihre Brut. Kein Engerling, keine Raupe scheint ihnen zart genug für die kleinen Magen, doch denen scheint es mehr um die Menge zu tun zu sein als um die Zartheit. Sie werden gar nicht müde, immer aufs neue den gelben Rachen aufzureißen und ihn auf zitterndem Halse den Ernährern entgegenzustrecken. Bei so viel Gefräßigkeit auf der einen, und Fürsorge auf der anderen Seite macht die körperliche Entwickelung der Kleinen riesige Fortschritte. Mit besonderer Freude wird das erste Öffnen der Augen, dann der erste Schrei, das Sprießen der Federn, das Üben der Schwingen von den Alten begrüßt. Der Unterricht tut das Seine, und eines Tages sitzt die junge Gesellschaft aneinandergedrängt auf einem wagrechten Aste der Kiefer und glotzt mit ihren blauschwarzen Augen die Welt an.
Daß sie einer gemischten Ehe entstammen, sieht man auf den ersten Blick. Keins ist eine echte Nebelkrähe, keins trägt aber auch ein Rabenkrähenkleid. Das eine gleicht zwar fast völlig der Mutter, aber auf dem grauen Kleide sind wie Tintenspritzer schwarze Federn verteilt. Das andere wieder gleicht dem Vater ziemlich, aber die schwarzen Federn sind grau gesäumt, und der Bauch sieht völlig grau aus. Hübsche, starke Kerle sind sie allesamt, und das ist kein Wunder, sie haben gar nahrhafte Bissen bekommen.
In der Fasanerie gleich beim Dorfe ist alle Tage großer Lärm. Wacholderdrosseln schackern, Amseln warnen, Zaunkönige zetern. Kommt man dann näher, dann sieht man in eiligem Fluge eine Krähe verschwinden, einige leere Eierschalen verraten, was sie hier getrieben hat. Mag der Förster auch eilen mit seinem Schießprügel, er kommt gewiß zu spät. Er weiß nicht, wie es kommt, aber immer sieht er gerade den Störenfried noch wegfliegen, wenn er auch noch so leise und gedeckt sich herangepürscht hat. Er weiß ja nicht, daß in der hohen Fichte, die den Plan beherrscht, ganz oben im Gipfel der andere Krähengatte sitzt und aufpaßt. Dessen Abstreichen ist stets das Zeichen zur eiligen Flucht für den andern.
Und doch ereilte an einem Tage die ganze Familie der Tod durch das rächende Blei. Des Försters Sohn kam in die Ferien und hatte, durch den nötigen Überschuß an freier Zeit unterstützt, binnen zwei Tagen das ganze Geheimnis erforscht. An die hundert Schritte von der Fichte entfernt setzte er sich auf die Lauer, während der Förster unter dem Baum mit den Jungkrähen ein Versteck bezog. Die Geduld der Jäger wurde auf keine allzu harte Probe gestellt. Das Pärchen kam, er flog auf die Fichte, sie auf die Suche nach Eiern. Wie ein Peitschenknall tönte die Fernrohrbüchse des Förstersohnes, und wie ein nasser Sack fiel der Schwarze zu Boden. Nach wenigen Minuten dröhnte vom Feldgehölz der Schrotschuß, der die Graue und zwei Junge tötete, einige weitere Schüsse kündeten das Ende der überlebenden Jungen.