Unser Eisvogel
Naßkalt und unfreundlich ist der Wintertag. Kein Vogel im Dorfe ist zu sehen, der eine lustige Miene machte. Die Sperlinge sitzen in der Hecke und schütteln von Zeit zu Zeit einmal die Nebeltropfen aus dem Gefieder. Ein paar Meisen fliegen vom Hühnerhofe zum Birnbaum und wieder zurück. Sie stibitzen den Hühnern Haferkörner und zermeißeln sie auf dem Baume, aber muntere Töne und Lockrufe hört man heute nicht von ihnen. Und draußen im Freien ist es gerade so. Faul sitzen die Krähen auf den tropfenden Bäumen oder suchen die unverdauten Körnchen aus dem Mist auf den Feldern. Die Fichten schütteln von Zeit zu Zeit ihre Äste und lassen einen nassen Schauer zu Boden fallen und die Birke schwenkt ihre dünnen Zweige wie ein Mann seine frierenden Arme. Stumm und emsig nach Kerfen suchend, durchstöbert der kleine Zaunkönig die Baumstümpfe und sperrigen Wurzeln am Bachufer. Heute trägt er sein Schwänzchen nicht so kokett steil aufgerichtet, nicht einmal zum Schnarren und Warnen hat er heute Lust.
Da tönt ein hoher, heller Pfiff, kurz und laut, dann noch einer und in schnurgeradem Fluge fliegt ein Vogel über dem Bache dahin. Genau mitten über dem Wasserspiegel hält er sich und setzt sich dann auf den Weidenzweig, der über den Bach ragt. Korallenrote, kleine Füßchen umklammern den schwankenden Sitz, tief rostbraun ist die Brust, smaragden glänzt der Rücken des Eisvogels. Einen schöneren Schmuck kann sich der Weidenbaum nicht wünschen als den in tropische Farben gehüllten Vogel. Und der scheint zu wissen, wie hübsch er ist. Als wollte er den blaugrünen Scheitel mit den moosgrünen Mondflecken auf jeder Feder recht bewundern lassen, dreht er den Kopf bald nach rechts, bald nach links. Den rostbraunen Zügel durchs Auge, den weißen Ohrfleck, kurz seine ganze Pracht läßt er betrachten. Jetzt blickt er hinunter ins Wasser. Will er im klaren Spiegel seine Schönheit bewundern? Nun fliegt er ab vom Zweige und hält sich rüttelnd wenige Spannen über dem Bache. Doch mit einem Schlage ist er verschwunden, und nur das aufspritzende Wasser zeigt, wo er steckt. Ehe wir noch im klaren sind, was das zu bedeuten hat, erscheint er schon wieder flügelschlagend auf der Wasserfläche, schüttelt sich und fliegt wieder hinauf auf seinen Weidenzweig. In seinem langen, spitzen Dolchschnabel glitzert silbern ein schwänzelndes Fischchen. Zweimal schlägt der glückliche Fischer seine Beute gegen den Sitz, daß es schallt und klatscht und die zuckenden Schwanzschläge aufhören, dann hebt er den Kopf ruckweise nach oben. Noch einmal und dann zum drittenmal führt er die Bewegung aus, dann hat er erreicht, was er will. Mit dem Kopf nach innen hat er das Fischchen im Schnabel und schlingt es mühsam hinunter. Dann streicht er ab, einem andern Lieblingsplatze zu.
In milden Wintern ist es diesem schönsten unsrer Vögel nicht schwer, sich durchzuschlagen, anders, wenn eine Eisdecke die Gewässer verschließt oder wenn fortwährende Regengüsse das Wasser trüb und undurchsichtig machen.
Da sitzt er wieder, der funkelnde Brillant, auf einem Rohrhalm und starrt hinunter in die Flut. Eine dichte Schneedecke bedeckt die Felder, und über alle Bäche und Teiche hat der Frost feste Brücken geschlagen. Doch dem kleinen Fischer sinkt der Mut nicht. Er weiß die Stellen, wo das strudelnde Wasser sich nicht in Eis verwandeln läßt und wo die Forellenbrut hinkommt zum Luftschnappen. Zwei der winzigen Dinger hat der Eisvogel schon im Kropf, er ist schon ziemlich satt und sieht nur zum Zeitvertreib oder aus Gewohnheit hinunter in das Wasser, das glucksend und gurgelnd unter dem Eise dahinströmt. Da ruckt er zusammen und legt das Gefieder glatt. Den Pfiff eines Artgenossen hat er gehört. Jetzt pfeift es näher, und nun hat er den frechen Eindringling, der die Rechte des Eingesessenen verletzen will, erspäht. Schrill und herausfordernd ertönt sein Pfiff, da kann der rechtmäßige Bewohner seine Kampflust nicht mehr bezähmen. In surrendem Fluge saust er dem fremden Fischer entgegen. Doch so leicht läßt der sich nicht vertreiben, der Hunger macht ihn mutig und läßt ihn den Kampf wagen. Wie zwei Ritter in blitzenden Gewändern fahren die Kämpen aufeinander los. Ganz dicht am Kopfe des Gegners fährt der scharfe Dolchschnabel vorüber, und rasch wenden beide um, und wieder sausen sie sich entgegen. Ein herrliches Schauspiel! Aber mehr als ein Schauspiel, ein Zweikampf mit tödlichen Waffen ist es. Zwei- oder dreimal wiederholt sich der Angriff, bis schließlich einer mit einer schweren Verletzung am Kopfe zu Boden taumelt und dann eilig das Weite sucht. Der andre folgt ihm am Bache entlang ein Stück, dann pfeift er seinen Siegespfiff und setzt sich wieder auf dem schaukelnden Rohrhalme nieder.
Im wunderschönen Monat Mai jagen sich wieder zwei Eisvögel am Bache. In rasendem Fluge geht es über dem Wasser dahin, und die hellen Pfiffe wollen den ganzen Tag nicht aufhören. Doch nicht ernsthafter Kampf und Streit auf Leben und Tod beseelt die Herzen der schillernden Vögel. Hat der Verfolger den andern erreicht, dann zaust er ihm nicht mit wütenden Schnabelstößen die Federn, dann neckt er ihn nur durch einen leichten Flügelstreich und versucht ihn aus seiner Bahn zu drängen. Liebesspiele und Neckereien sind die lustigen Turniere. Vor einigen Wochen allerdings mußte ein Rivale durch eine blutige Kopfschramme und einen Schnabelstoß in die Brust belehrt werden, daß Ehebruch streng bestraft wird. Ob der Gegner seinen Wunden erlegen ist, ob er sich ausgeheilt hat und in einem andern Reviere doch noch eine ledige Eisvogelfrau gefunden hat, wer weiß.
Nun ist es auch höchste Zeit, an den Bau einer Nisthöhle zu denken. Doch bachauf und bachab ist nirgends ein genügend hohes Ufer zu finden, in dem der Bau einer Nisthöhle möglich wäre. Auch der nahe Teich hat sumpfige Ufer und keine Steilränder, da ist das Eisvogelpärchen in großer Verlegenheit und weiß nicht, was tun. Tagelang durchstreift es die Gegend, jeder Bach wird in seiner ganzen Länge abgesucht, doch entweder er ist ungeeignet wie das eigne Gebiet, oder er ist schon besetzt, und man wird nach erbittertem Kampfe vertrieben. Endlich streicht einmal das Männchen über das Feld, um vielleicht in weiterer Entfernung etwas Passendes zu finden. Da findet es, wohl drei Kilometer vom heimischen Bache, einen verlassenen Steinbruch im Felde. Ein kleiner Teich hat sich darin gebildet, an dem schon Schilf und Rohr sich angesiedelt hat, auch Weiden und einige Birken stehen dort. Was aber das schönste ist, die Ufer fallen steil zum Wasser ab und bestehen wenigstens in der oberen Hälfte aus sandigem Lehm. Schleunigst wird das Weibchen herbeigeholt, und auch dieses ist nach eingehender Betrachtung des Geländes der Meinung, daß hier der Platz geeignet ist zur Anlage der Kinderstube.
Bald hier, bald da klammern sich die Eisvögel an die Lehmwand, finden hier den Boden zu hart und steinig, dort wieder scheint er ihnen zu bröckelig. Endlich einigen sie sich auf eine Stelle, wo ein größerer Stein sich losgelöst und eine kleine Vertiefung zurückgelassen hat. Hier machen sie sich an die Arbeit. Mit den langen Schnäbeln hacken und bohren sie, kratzen mit den Füßen das losgearbeitete Material weg und bringen schließlich eine spanntiefe Höhle zustande. Damit geben sie sich für heute zufrieden.
Fröhlich tönen ihre Pfiffe, neckend jagen sie sich am Teiche und streichen dann wieder über die grünenden Saaten ihrem Bache zu. Am andern Morgen gehen sie wieder an ihre Erdarbeit. — Ist es nur das Männchen oder nur die Gattin, die an der Höhlung arbeitet, oder teilen sie sich in die Mühe, wer weiß es, tragen sie doch beide ein fast ganz gleich buntes Kleid und sind daher von weitem nicht zu unterscheiden. Doch, ob er oder sie oder auch beide arbeiten, fleißig nimmt der kleine Minierer das schwere Werk auf sich. Ja, wenn die Röhre noch kurz ist, mag es gehen. Aber ist sie einmal einen halben Meter tief, dann gehen die Strapazen erst richtig los. Jedes kleine Klümpchen muß mit dem Schnabel hinausgetragen werden vor die Höhle. Kein Wunder, wenn gar bald die kleinen roten Beinchen ermüden und gebieterisch nach einer Ruhepause verlangen. Sie sind ja das Marschieren gar nicht gewöhnt. Immer sitzt ja der Eisvogel und bedient sich zur kleinsten Platzänderung seiner Flügel. Sogar beim Rudern unter Wasser, beim Fangen der kleinen Fischchen dienen in erster Linie die Flügel der Fortbewegung, wenn auch die Beinchen mithelfen.
Kaum eine halbe Stunde vermögen sie daher beim Bau der Nesthöhle Dienst zu tun, dann sitzt der kleine Erdarbeiter auf einem neuerworbenen Lieblingsplatze, einem Baumstumpf am Steinbruchteich und ordnet sein zerzaustes und mit Lehmstaub verunziertes Prachtkleid. Dann eilt er rasch zum Bache, um etwas für den hungrigen Magen zu sorgen und nach längerer Erholungspause nimmt er dann seine Arbeit wieder auf. Volle vierzehn Tage dauert es der vielen Unterbrechungen wegen, bis eine meterlange Röhre vollendet ist. Noch ein oder zwei Tagewerke sind erforderlich, um am Ende eine backofenförmige Erweiterung herzustellen, den Nestraum.
Nach einigen Tagen liegt das erste Ei darin, blendendweiß ist seine dünne, durchscheinende Schale, es ist auch ziemlich groß für einen nicht einmal stargroßen Vogel. Nach etwas mehr als einer Woche ist das Gelege mit sieben Stück vollzählig und nun muß das Weibchen fünfzehn Tage lang stillsitzen und brüten. Der Gatte mag von der langweiligen Beschäftigung nichts wissen, aber er sorgt dafür, daß die Frau wenigstens nicht zu hungern braucht. Emsig trägt er ihr Fischchen zu und legt sie ihr vor. Dabei wird ihm aber täglich immer mehr klar, daß sie sich eine reichlich schwere Aufgabe zugemutet haben, dadurch, daß sie im Steinbruche brüten.
Im Tümpel ist auch nicht ein einziges Fischchen zu erspähen, höchstens einige Libellenlarven kriechen langsam über den lehmigen Grund dahin. Da heißt es jeden einzelnen Bissen kilometerweit herbeiholen. Frau Eisvogel hat sogar Sorge, sie könnte während des langen Stillsitzens das Fischen verlernen, bis zum Bache wagt sie nicht zu fliegen, damit die Eier nicht verkühlen, und hier im Steinbruchtümpel sucht sie vergeblich nach Wild. Nur gut, daß Er für Nahrung sorgt, sonst stände es schlimm um sie.
Langsam kommt der Tag näher, an dem die Jungen ausfallen sollen. Erst lagen sie auf dem bloßen Lehmboden, denn vom Eintragen von Nistmaterial halten Eisvogels nichts, jetzt aber sind sie auf eine ansehnliche Lage dünner Fischgräten gebettet. Wo kommen die her? Nun sie stammen aus den Gewöllen (Ballen unverdaulicher Speisereste), die die Eisvogelgattin beim Brüten ausgespien hat. Kein Wunder, daß ein traniger Fischgeruch der Höhle entströmt. Im übrigen aber ist Familie Eisvogel reinlich in ihrer Wohnung, der Kot wird stets draußen abgesetzt und auch die Kinder werden reinlich erzogen, ihre Stoffwechselprodukte werden von den Alten aus der Höhle geschafft. Aber wenn sie auch sauber sind, hübsch sehen junge Eisvögel vor dem Ausfliegen doch nicht aus. Ganz nackt sind sie zunächst und der große dicke Kopf baumelt auf einem dünnen, schwächlichen Halse hin und her. Der Leib ist kugelig und dick aufgetrieben, die Därme schimmern durch, kurz, recht unästhetische Gebilde sind die kleinen Dinger. Doch die Eltern sind zufrieden mit ihnen und füttern sie reichlich, mit Libellen zunächst und dann mit Fischbrut, so daß sie rasch heranwachsen. Aber hübscher werden sie zunächst nicht. In langen Reihen beginnen sich stachelartige Gebilde auf ihnen zu entwickeln, die starr nach allen Seiten abstehen vom Körper. Es sind die Federn, die lange in der Federscheide stecken bleiben, so daß man nicht sieht, was eigentlich daraus werden soll.
Kriechen die Jungvögel aber einmal heraus aus ihrem engen Gefängnis, dann sieht man nicht mehr, was für eine Entwicklung sie hinter sich haben. Dann sind sie echte kleine Eisvögel, nur der Schnabel ist kürzer als bei den Alten und die Federn sehen dunkler und kräftiger gefärbt aus als die an der Sonne verschossenen Kleider der Alten. Noch mehrere Wochen vergehen, bis sie das Handwerk ihrer Ahnen ausüben können. Zum Herbste aber werden sie selbständig.
Möge ein gütiges Geschick sie vor der Mordspritze habsüchtiger Menschen bewahren, die ihnen die winzigen Fischchen nicht gönnen und die sich nicht denken können, daß jemandem der Anblick eines Eisvogels mehr Freude macht als die paar armseligen Barsche, die sie verzehrt haben.