Waldkauz
Am Franzosengrab, hundert Schritte waldeinwärts, steht eine alte, knorrige Eiche. Zackig ragen ihre alten, abgestorbenen Wipfeläste gen Himmel, und knarrend bewegt der Wind ein Stück abgestorbene Baumrinde. Dort ist es nicht recht geheuer. Allabendlich, wenn alles stumm und still in der Runde, da beginnt hier ein nächtlicher Spuk.
Mit einem verhaltenen Pfiffe beginnt es; einen entfernten Signalpfiff einer Lokomotive vermeint der nächtliche Wanderer zu vernehmen. Aber bald sieht er sich getäuscht. Ein Mensch ist wohl auf die hohle Eiche gestiegen, ganz deutlich klang sein Räuspern von dort. Doch wieder klingt der Pfiff, lauter, näher ertönt er, jetzt geht er in einen jauchzenden Triller über, wieder der Pfiff und nun ein röchelndes Krächzen. — Dem Wanderer wird es kalt auf dem Rücken, was war das nur? Doch gewiß ein Tier, sucht er sich Mut zu machen und geht weiter, bis aufs neue die rätselhaften Töne erklingen oder ein schwarzer Schatten geisterhaft an ihm vorbeihuscht. Da ist das letzte bißchen Mut verschwunden. Überall scheinen dunkle Schemen vorüberzugleiten, bald nahe, bald ferner ertönt der wilde Juchzer, kein Wunder, wenn der Wanderer mit doppelt eiligen Schritten seinen Weg fortsetzt.
Er weiß es ja nicht, daß hier der Waldkauz seiner Gattin von seiner Liebe singt. Er brauchte nur heranzuschleichen an die große Eiche und zu beobachten, dann würde seine Ängstlichkeit gewiß bald in Freude über das sonderbare Gebaren der Vögel verwandelt sein. Auf dem dicken Aste der Eiche zeichnet sich der Umriß des Sängers gegen den Himmel ab. Wie eine abgedrehte Kegelkugel, so rund ist der Kopf und mächtig groß im Vergleich zum Körper. Gerade als wolle er prüfen, wie fest wohl der Kopf auf dem Halse sitzt, wackelt der Kauz damit hin und her, dehnt und verkürzt den Hals und macht Bücklinge. Dann pfeift er wieder sein tiefes und sehnsüchtiges Hu, dem der ansteigende und abschwellende Triller folgt.
Jetzt scheint das Weibchen zu nahen. Mit unhörbaren Flügelschlägen fliegt ein zweiter Waldkauz herbei und läßt sich auf der Eiche nieder. Doch kein Weibchen ist es, ein Nebenbuhler versucht den Familienfrieden zu stören. Auch er beginnt, mit tiefer Stimme seine Balzarie vorzutragen, der erste fällt ein und sucht den Störenfried zu überschreien —, ein wunderlicher Sängerkrieg entbrennt. Immer hitziger werden die verliebten Käuze, die Triller tönen immer lauter, heulender, dazwischen fauchen und schnarchen sich die nächtlichen Liebhaber an, kreischen auf und stürzen schließlich aufeinander los. Gerade als hätten sie die lange Rederei satt, gehen sie zu Tätlichkeiten über. Zwar möchte jeder dem andern eins auswischen, aber auch selbst nicht mit den nadelspitzen Krallen des andern in allzu nahe Berührung kommen. Bald schwingt sich der eine fliehend durch die dichten Äste der Bäume, hitzig verfolgt vom andern, bald wieder geht er zum Angriff über und treibt den andern vor sich her. Geräuschlos geht der Streit natürlich nicht ab. Zwar von den Flügelschlägen vermag auch das feinste Ohr nichts zu vernehmen dank der weichen Federn, aber wenn der eine dem andern zu nahe kommt, geht ein Gekrächze und Gekreische los, daß man glaubt, wenigstens einer müsse sein Leben lassen. Aber nur einige Federn rupfen sie sich aus.
Das Weibchen hat eine Weile teilnahmslos auf der Eiche gesessen dicht vor der Baumhöhle, die sie als Nistplatz erwählt hat. Der Streit der Männchen läßt sie kalt, sie kämpfen um ihren Besitz, doch sie tut gar nicht dergleichen. „Mögen sie sich nur raufen, mich geht das nichts an!“ denkt die herzlose Schöne, schwingt sich ab vom Nistbaume und streicht auf Nahrungssuche aus.
Rund und mollig sieht der sitzende Waldkauz aus mit seinem seidenweichen Gefieder, und auch im Fluge prägt sich die Weichheit aus. Rund sind die großen Schwingen, rund der Kopf, sanft und ohne Ecken werden die engsten Kurven beschrieben, dann wieder ein Stück geschwebt und dann wieder mit den Flügeln gerudert. Dabei spähen emsig die schwarzen Augen hinunter in das Gewirr der Grashalme auf die Wiese, die nur schwach vom fahlen Sternenschimmer erhellt sind. Der Gesichtsschleier aus dünnen borstenartigen Federn ist aufgerichtet, so daß er nur lose die mächtigen häutigen Ohren deckt.
Und wie scharf ist das Gehör der jagenden Eule! Auf hundert Schritt noch hört sie das leise Piepen sich zankender Mäuse, ja sogar die genaue Richtung und Entfernung hat sie mit fast unfehlbarer Sicherheit beim ersten Tone gemerkt. Man braucht nur einmal die Probe zu machen, wenn man beim nächtlichen Anstande in gut verdeckter Stellung sitzt und einen Waldkauz jagen sieht. Beim ersten „Mäuseln“ schwenkt er herum und kommt schnurgerade auf das Versteck zu. Vermag er vom Beobachter nichts zu entdecken, dann fliegt er ihm sicher in Meterhöhe über den Kopf, schwenkt herum und kreist einige Male über der Stelle, wo das Piepen der Lieblingsbeute ertönte. Dann setzt er seinen Jagdzug fort, aber immer wieder kehrt er zurück und sucht das Versteck der Maus zu erspähen.
Unser Waldkauz hält sich auf der Suche nach „Wild“ auf der Wiese nicht lange auf. Er kennt sein Revier und weiß, daß hier die Aussicht nicht besonders groß ist. Deshalb schwebt er am Waldrande entlang dem Wildgatter zu. Dort wird den Fasanen und Hirschen an verschiedenen Stellen Futter geschüttet, da stellen sich die kleinen Nager gern zu Gaste ein. Auf dem Dache der Blockhütte setzt sich die Eule nieder und dreht und wendet den Kopf bald rechts und bald links. Schon haben auch die scharfen Ohren ein leises Wispern und Rascheln vernommen, eine Waldmaus hüpft unter dem Balkenwerk hervor und faßt ein Haferkorn, um damit in ihr Schlupfloch zurückzurennen. Da ist ein schwarzer Schatten über ihr, vier nadelscharfe Krallen fahren ihr durch den Leib und ersticken ihr angstvolles Quieken. Der Waldkauz aber fliegt wieder hinauf auf den Balken, dreht den Kopf rechts und links, nimmt schließlich die Maus aus dem Fange und schluckt sie hinab. Wieder sitzt er und lauert. Lange Zeit regt sich nichts; der leise Todesschrei ist doch nicht ungehört verhallt und hat die Artgenossen gewarnt. Endlich, nach einer halben Stunde etwa, geht das leise Rascheln wieder los unter dem Stroh. Wieder spannt der Waldkauz und schwebt nieder zum Boden. Doch diesmal mißglückt die Jagd. Nur eine Spanne weit war die Maus aus dem Loche gefahren und dann mit einem Ruck in das sichere Loch zurück, so daß die todbringenden Krallen fehlgriffen. Wieder blockt der Waldkauz auf seiner Warte, aber nun läßt sich keine Maus mehr sehen. Viel sind überhaupt nicht mehr da, allzuoft ist schon Jagd auf sie gemacht worden. Darum auf hinüber zur Fasanenfütterung!
Mit gleichmäßigen Flügelschlägen strebt der Kauz dem Walde zu. Obgleich er gar nicht an Jagd denkt, sind seine Sinne doch auf der Wacht wie immer. Am Waldrande schwenkt die Eule mit einemmal und setzt sich auf einen niedrigen Eichast. Auf der Wiese regte sich etwas, was mag das gewesen sein? Eine Lerche kann es nicht sein, die kommen doch nicht auf die Waldwiese, eine Maus war es auch nicht, es raschelte nur einmal, also was war es? Scharf spähen die schwarzen Kugelaugen auf die Wiese hinüber, und nun haben sie auch gefunden, was sie suchen. Ein Maulwurfshügel hebt sich ruckweise, und nun ertönt das Geräusch wieder, ein Erdklümpchen rollt in das raschelnde Gras. So leise das Geräusch auch gewesen war, der Kauz hatte es doch vernommen, ja er hatte sogar gehört, daß es anders klang als das leise Lispeln des Windes im Grase, daß es von einem Tiere herrührte.
Wieder stößt der schwarze Wühler Erde empor und arbeitet emsig, wühlt mit breiten Vorderpfoten und scharrt mit den Hinterbeinen die Erde nach außen. Jetzt erscheint das kurze, borstige Schwänzchen über der Erde, sogar der Samtpelz des Hinterleibes wird sichtbar, und darüber schwebt der Tod. Vier Dolche durchbohren das glatte Fell, vier Eulenzehen schließen sich zur todbringenden Umklammerung. Armer Maulwurf! Dein Todesschrei vermag das Räuberherz nicht zu schrecken, dein Strampeln und Kratzen nützt dir nichts. Das Erdreich ist locker, so daß alles Einstemmen der muskulösen Vorderbeine nichts nützt. Mit einem Ruck hat der Waldkauz seine Beute aus dem Loche gerissen, der zweite Fang greift in die Brust und der Schnabel zermalmt die empfindliche Nase des Opfers. Dann beginnt das Mahl. Das ist nicht so leicht als das Verzehren einer Maus, die einfach verschluckt wird. Mehrmals reißt und rupft die Eule, ehe sie die Haut am Bauche zerrissen hat, aber dann geht es rasch, und nicht ein Stückchen Wolle bleibt zurück, alles wird hinabgeschlungen.
Nun ist Frau Kauz so ziemlich gesättigt. Auch hat sie jetzt Gewissensbisse, daß sie den Herrn Gemahl so treulos im Stich gelassen hat. Sie kehrt deshalb durch den Wald zum Nistbaume zurück. Stampfend eilt unter ihr ein Kaninchen in die Deckung, das den Schatten durch die Bäume hat streichen sehen. „Nanu, was ist denn das, die Karnickelmutter ist schon wieder guter Hoffnung“, faucht Frau Kauz, „dann wird es doch für uns auch Zeit, ans Eierlegen zu denken! Wenn die jungen Karnickel vor den Bauen spielen, dann gibt es immer was zu greifen zur Atzung für unsre Kleinen.“
„Nein, so haben wir nicht gewettet, du kriegst mich schon lange nicht“, das mag das juik bedeuten, das sie dem Männchen zuruft, das die Gattin endlich gefunden hat und spielend nach ihr stößt. Nun beginnt das ewig neue Spiel der Liebe, das spröde Fliehen, die verstohlene Annäherung des Weibchens, das stürmische Werben des Männchens. Hat er das Spiel satt und blockt ausruhend auf einem Aste, dann neckt sie ihn und stößt ihn von seinem Sitze, um dann vor dem Nacheilenden zu entfliehen und die Spröde zu spielen.
Nur wenige Wochen wird es noch dauern, dann sitzt Frau Kauz auf ihrem ersten, weißen Ei, nach ein paar Tagen sind es drei oder vier, die dann drei Wochen bebrütet werden müssen. Sind die Jungen ausgeschlüpft, dann hat aber das beschauliche Stillsitzen ein Ende. Dann heißt es arbeiten, denn die kleinen Schnäbel sind schwer vollzukriegen. Nur langsam wachsen die kleinen, weißen Dunenballen heran, langsam fangen Federn an zu sprießen und Wochen vergehen, ehe der erste zaghafte Versuch gemacht wird, die Nisthöhle zu verlassen. Das größte und gefräßigste wagt sich zuerst an den Eingang der Höhle. Aber Tage vergehen, ehe es sich bis zum nächsten Ast getraut. Dort sitzt es und bettelt mit leisen, hohen Pfeiftönen die Alten um Futter an.
Und die benutzten die Gelegenheit, auch ihre andern Jungen zum Ausfliegen zu bringen: sie füttern nur das ausgeflogene Kind vor den Augen der hungernden andern. Und siehe da, das Mittel wirkt. Am Nachmittag fliegt eines nach dem andern hinüber zum Aste, und dicht gedrängt sitzen bald die vier kleinen Wollknäuel auf dem Eichast und gieren nach Futter. Zwar dauert es nun nicht mehr lange, bis sie ziemlich gewandt fliegen können, aber selbständig werden sie erst viel später.
Sie müssen ja erst noch so vielerlei lernen. Sie müssen ihre Ohren üben, bis sie das Rascheln des Windes vom Knabbern der Maus unterscheiden können, ihre Schwingen müssen kräftig werden und ihre Fänge stark, daß sie leise schweben und kräftig zufassen können, um schließlich einen bissigen Hamster oder eine wehrhafte Ratte zu überwältigen.
Aber sie stellen sich nicht ungeschickt an, und im Laufe des Sommers lernen sie achten auf das Wischern der Mäuse, sie vernehmen das leise Atmen der Ammer im Fichtenhorst, sie trauen sich, Jungkaninchen zu schlagen, und scheuen sich auch nicht, eine junge Fasane im Walde, eine kleine Rebhenne im Felde zu greifen, kurz, es sind echte Waldkäuze geworden.