Zwergreiher

Mai war es. Der Flieder blühte und duftete im Garten, und der Goldregen prahlte mit seinen herrlichen Giftblüten. Die Kastanien, die den Weg am Teiche überschatten, hatten sich mit Blütenkerzen geschmückt, die Wiesen waren bunt von gelben und roten Blüten. Zwischen dem alten, gelben Schilfe schossen die saftig grünen Hellebarden des jungen Rohrs empor, und die Schwertlilie wickelte ihre gelben Blüten auseinander.

Im dichten Walde der Rohrhalme herrschte reges Vogelleben. Der große Rohrsänger lärmte und schrie sein Karre kiet von früh bis spät, und die kleineren Verwandten sangen dazwischen. Mit leisem Piepen umschwammen junge Stockenten die Mutter, fingen Mücken vom Wasserspiegel und paßten auf jedes Würmchen auf, das die Alte durch Wassertreten vom schlammigen Boden aufwirbelte. Auf dem Wasserspiegel jagten sich die zänkischen Blässen, der Rothalstaucher brüllte sein Liebeslied, von der seichten Bucht im Rohre klang das Trillern des Zwergtauchers, das hohe Kurr des Teichhühnchens.

Am Abend wird das vielstimmige Konzert etwas leiser. Da tönt ein sonderbarer Laut über das Wasser. Ist es die Stimme eines Kettenhunds, die vom fernen Dorfe herüberklingt, man könnte es fast meinen. Und doch ist der Sänger nicht so weit entfernt. Dort, wo das vorjährige Schilf ganz dicht steht, dort rauschen und zittern die Halme, ein Tier scheint sich zwischen ihnen zu bewegen. Jetzt ertönt der sonderbare Laut wieder, aber in der Nähe klingt es doch ganz anders als Hundegebell. Rur, rur, tönt es, ganz ähnlich, wie es die Haustauben hören lassen, wenn sie im Schlage gestört werden, nur lauter. Die Halme bewegen sich wieder. Und nun erscheint der sonderbare Sänger über dem Rohre. Aber leicht ist er nicht zu sehen. Genau so fahl wie das verwitterte alte Schilf ist das Kleid der kleinen Rohrdommel, nur der Scheitel ist schwarz und der größte Teil der Flügel. Aufmerksam spähen die gelben Augen in die Runde, schnell wird der Kopf mit dem gelben Dolchschnabel nach allen Seiten gedreht.

Nichts Verdächtiges ist zu entdecken. Drum wandert der Zwergreiher weiter. Die langen, grünen Zehen an den runden, grünen Beinen umfassen drei oder vier Rohrhalme zu gleicher Zeit, am liebsten da, wo sie sich schon zusammenneigen, so daß sie fast gar nicht rauschen und zittern, wenn die Rohrdommel an ihnen klettert. Dazu kommt noch, daß der kleine Reiher sehr leicht ist. Er erscheint zwar ziemlich groß, aber das macht das lockere Gefieder, in Wirklichkeit ist er nicht schwerer als das zierliche Turteltäubchen. Kein Wunder, daß sich das Schilf nur leise bewegt, wenn der Zwergreiher seinen schmalen Körper hindurchschiebt.

Vom nahen Fichtenhorst löst sich ein Schatten, schaukelt hierhin und dorthin und naht sich dann dem Teiche. Eine Waldohreule ist es, die an den Teichdämmen nach Fahrmäusen suchen will. Tief schwebt sie über den nassen Wiesen und schwingt sich dann übers Schilf, um den Teich zu überfliegen. Was wird die Rohrdommel zu ihr sagen? Vergebens suchen wir jetzt nach ihr. Leise bewegen die Schilfhalme ihre dunkeln Wedel hin und her im Abendwinde. Dort, wo die drei Halme geknickt sind, saß sie, ehe unsre Aufmerksamkeit durch die Eule abgelenkt wurde. Und was ist das für ein dunkler Fleck, der sich dort findet und langsamer im Winde schaukelt als die Rohrwedel? Ein gutes Glas zeichnet die verschwommenen Umrisse schärfer. Es ist wirklich der Zwergreiher. Er hockt auf den Fersen und hat den Kopf mit dem Schnabel steil auf dem eingezogenen Halse nach oben gereckt. Wahrlich, eine bessere Schutzstellung gibt es für den rohrfarbigen Vogel nicht, er verschwindet völlig in seiner Umgebung, und da er still sitzt wie aus Stein gemeißelt, ist er beinahe unsichtbar.

Eine Viertelstunde mag verflossen sein, die Eule ist längst außer Sicht und alles still und ruhig rings. Da endlich wagt der kleine Angsthase auf seiner Rohrwarte, sich zu bewegen. Langsam rückt er den Kopf höher, reckt den Hals gerade und schaut sich lange nach allen Seiten um. Alles erscheint sicher. Da streckt die Rohrdommel die Beine, greift sich noch vorsichtiger als vorher an den Halmen weiter und zieht sich ins dichte Röhricht zurück. Dort, wo sie sich sicher fühlt, läßt sie auch wieder ihre Stimme erschallen: rur, rur, rur.

Nacht ist es, und unsere Freundin ist hungrig geworden. Sie steigt im Rohre in die Höhe und fliegt auf. Gewandt weiß sie die Flügel zu gebrauchen, wie eine Dohle sieht sie beinahe aus, da sie den Hals ganz eingezogen trägt im Fluge und die Kehle auf der Gurgel ruhen läßt. Sie fliegt über das Rohr dahin, schwenkt um die alten Weiden und strebt der seichten Bucht zu, wo die Fischer bisweilen den Kahn an einem dicken Pfahle anbinden, wenn sie Reusen gelegt haben. Dort, in dem seichten Wasser tummeln sich Scharen kleiner Fischchen, die Bucht ist schön versteckt zwischen den hohen Schilfbeständen, dort jagt die Rohrdommel am liebsten. Sie fällt zunächst in das Rohr ein und sichert lange nach allen Seiten. Dann fliegt sie zur Schlammbank. Hochauf schürzt sie ihr Federkleid und watet langsam und bedächtig ins Wasser. Jetzt sieht der kleine Reiher beinahe wie ein Teichhühnchen aus, er trägt den Körper wagrecht, ja, er wippt sogar mit dem kleinen Schwänzchen nach Teichhuhnart.

Ein kleiner Gründling schwimmt langsam durchs Wasser und schnappt nach den dicken, roten Wasserflöhen, die taktmäßig auf und nieder hüpfen. Ganz vertieft ist er in seine Beschäftigung und ahnt nicht, wie nahe sein Todfeind steht. Arglos macht er eine Wendung und kommt der Rohrdommel noch näher. Da zuckt wie ein Blitz der gelbe Schnabel vor, das Fischchen ist erfaßt und rutscht durch den weiten Schlund des Zwergreihers. Frohlockend wippt und zuckt der glückliche Jäger mit dem Schwänzchen, schüttelt die Wasserperlen aus dem weichen Halsgefieder und watet weiter.

Die dicke Larve des Taufroschs, die mit ihrem Hornschnabel den Algenüberzug vom Rohrstengel abgenagt hat, schwänzelt sich zur Wasseroberfläche, um Luft zu schnappen. Doch wie sie auftaucht, ist sie auch schon vom spitzen Schnabel erfaßt und ohne Umstände verschlungen. Einer Libellenlarve, die das Atemrohr aus dem Wasser hebt, geht es gerade so. Dann kommt eine kleine Schleie daran und dann noch eine. Nun der Zwergreiher Schleien gefressen hat, mag er für heute nichts anderes. Die schmecken ihm besonders gut und dann lassen sie sich auch so leicht verschlingen, sie haben gar nichts Kratziges an sich wie der Barsch mit seiner stachligen Rückenflosse und den sperrigen Kiemendeckeln oder gar der kleine, dürre Stichling mit seinen feststehenden Rückenspießen. Eine Weile watet der kleine Reiher noch im Wasser umher, guckt eine Kaulquappe verächtlich an und läßt sie schwimmen und macht es mit einem Gelbrand geradeso. Schleien will er haben. Aber es kommen keine mehr. Deshalb rührt die Rohrdommel die Flügel und sucht einen andern Fischplatz.

Quer über den Teich fliegt sie, dem Rittergute zu. Dort, wo die Hausenten sich am Tage umhertreiben, wimmelt es von Wasserflöhen, und deshalb ziehen die Jungfische gern hierher. Dort fischt und jagt der Zwergreiher bis gegen Morgen, bis der Himmel sich rötet und im Dorfe die Hähne krähen. Dann eilt er wieder seinem Versteck im Rohr zu. Der Förster aber wundert sich über die sonderbaren Spuren, die er im seichten Wasser neben Abdrücken von Entenbeinen findet. Er weiß ja gar nichts von dem heimlichen Gast im Rohr, da er dessen Stimme nicht kennt und ihn am Tage nicht zu sehen kriegt.

Der August ist gekommen. Die Felder stehen kahl, die Ernte ist beinahe beendet. „Die schönste Zeit des Jahres ist vorüber, die Hirsche fegen!“ sagt der Förster, als er auf seinem Reviergange einige übel zugerichtete Fichtenbäumchen findet. Der Teich scheint völlig ausgestorben zu sein. Selten nur treibt sich eine Blässe oder ein junger Taucher am Schilfrande herum. Aber das scheint nur so. Die Enten sind noch in der Mauser, die meisten können überhaupt nicht fliegen, da ihnen die Schwungfedern alle auf einmal ausgefallen sind. Doch schon streichen am Abend die jungen ausgefiederten umher. Die Zeit der Entenjagd ist gekommen, man darf nicht mehr zögern, wenn nicht alle fortstreichen sollen. Die Vorbereitungen sind schon in den letzten Wochen getroffen. Allenthalben unterbrechen breite Schneisen den Rohrwald.

Und eines Morgens nahen sich die Grünröcke, ein Dutzend Jäger, jeder mit einem oder zwei Hunden, wandern rauchend und plaudernd dem Teiche zu. Still verfügt sich dann jeder auf den Platz an der Schneise, der ihm angewiesen wird, der Förster aber steigt mit seinem Hunde und einem bevorzugten Schützen in den Kahn, um an den Schilfrändern hinzufahren und die Enten aufzustöbern. Ein Hornsignal ertönt, langsam schiebt der Förster den Kahn am Saume des Rohrbestandes hin, während der Hund plätschernd und prustend im Schilfe stöbert. Die Enten suchen der Störung auszuweichen, sie fliegen auf oder, wenn sie das nicht können, schwimmen sie vom Kahne fort oder suchen sich durch Tauchen und Verstecken zu retten. An der Schneise fällt ein Schuß, einige Enten stieben auf und werden vom Hagel getroffen oder — öfter noch gefehlt; die Jagd ist im Gange. Der Schütze im Kahn macht die reichste Beute. Manche Ente steht nahe genug auf, daß sie, von den Schroten ereilt, ins Schilf stürzt, und der Hund sie apportieren kann. Aber nur die steintot heruntergeplumpsten findet er, die geflügelten tauchen sofort, schwimmen unter Wasser weg und stecken dann nur den Schnabel zum Atemholen über den Spiegel. „Die beißen sich am Grunde fest,“ sagen die meisten Jäger, während es den Vögeln gar nicht einfällt, auf diese Weise Selbstmord zu verüben. Im Gegenteil retten sie sich durch ihr Versteckenspiel, denn der angeschossene Flügel heilt wieder und wird auch oft wieder zum Fliegen tauglich.

Ruhig und gleichmäßig schiebt der Förster den Kahn vorwärts, und der Hund plantscht im Wasser, da fliegt ein Vogel hoch. Erst glaubt der Schütze im Kahn, es wäre eine junge Ente, aber der Flug ist ganz anders. Ehe er sich soweit besonnen hat, daß er eigentlich hätte schießen sollen, ist der Vogel weit weg. Nun erkennt der Jäger auch, daß es ein gelbbrauner Vogel mit schwarzen Flügeln und einem großen, hellen Fleck auf den Schwingen war. Aber weder er noch der Förster können sagen, was es war. Allzu weit flog der Vogel nicht, etwa hundert Schritte entfernt ist er wieder eingefallen. Nun, dann wird er einfach wieder hochgejagt. Der Hund sucht, der Förster schiebt den Kahn ins Schilf, so schwer auch das zähe Rohr das Eindringen macht. Ein altes, halbverfaultes Nest eines Bläßhuhns finden sie, aber den gesuchten Vogel können sie nicht aufstöbern. „Er muß raus“, sagt der Ehrengast im Kahn. „Aber er will nicht“, denkt die Rohrdommel, die kaum zwei Meter neben ihm in Schreckstellung an den Schilfstengeln sitzt.

Immer weiter schiebt der Förster seinen Kahn ins dichte Schilf. Da findet er auf umgeknickten Schilfstengeln einen Haufen von Schilfblättern und andern dürren Pflanzenteilen aufgetürmt mit einer Mulde oben drauf. Ein altes Nest ist es, das sehen die beiden im Kahn, aber daß es von der gesuchten Rohrdommel erbaut wurde und daß die Verschwundene hier ihre vier Kinder groß zog, das wissen sie nicht. Ärgerlich müssen die beiden schließlich abstehen von ihrem Suchen nach dem Vogel, sie trösten sich, daß er doch vielleicht wieder abgeflogen sein könnte. Weiter geht die Jagd, und gar manche Patrone verschießt der Schütze im Kahn. Aber er schießt jetzt merklich schlechter, er zögert stets, wenn Enten hochgehen, und sieht sich erst um, ob nicht der Unbekannte mit aufgehen könnte. Aber die Jagd geht vorbei, ohne daß der gesuchte Vogel wieder erschienen wäre. Schließlich macht man Strecke. Eine Anzahl Stockenten, einige Tafelenten, auch eine Löffelente sind erlegt. Der letzte Schütze kommt heran, aber keine Ente hat er. Mit einem gewissen Stolz bringt er dann hinter dem Rücken einen schilfbraunen Vogel hervor mit dunkleren Flecken, mit grüngelben, langen Beinen, einem langen Hals und einem gelbgrünen Reiherschnabel. Eine junge Rohrdommel ist über eine Schneise geflogen und hat sich auf der andern Seite gleich am Rande niedergelassen, so daß sie der Schütze bequem herunterholen konnte.

Die drei Geschwister und die beiden Eltern sind diesmal mit heiler Haut davongekommen. Im nächsten Jahre werden sie wieder hier brüten oder in den Schilfbeständen der Ziegeleilachen oder im Rohr eines kleinen Tümpels hinter dem Dorfe. Wenn nur viel Deckung da ist, dann sind ja die Zwergreiher nicht wählerisch in der Wahl ihres Brutplatzes. Wer ihre Stimme kennt, wird sie in unserm Vaterlande wohl nirgends vergeblich suchen, er wird sie an warmen Juniabenden sicher hören, wer sie sehen will, muß — Glück haben und Geduld.