Neuntöter

Das Nixloch ist ein kleiner Steinbruch, in dem ein Wassertümpel steht. Schon jahrzehntelang hat man dort keinen Stein mehr geholt, denn viel taugen die alten Tonschiefer nicht, höchstens zum Beschottern der Straßen lassen sie sich verwenden. Nun haben sich Pappeln und Weiden darin angesiedelt, einige Birken auch, und der Holunder, den die Amsel hier säte, sprießt und wuchert. Auf den sandigen Lehm, den die Kaninchen durchwühlt haben mit einem Labyrinth von Gängen, hat sich Schwarzdorn eingenistet und bildet einen kleinen Urwald für sich.

Kein Weg führt bis ans Nixloch heran, von der Landstraße sieht man nur die Bäume und Sträucher über das Getreide weggucken, ung und ong tönt der Unkenruf am Abend herüber; eine verzauberte Welt meint man hinter dem Halmenwalde versteckt. Und wahrlich, wie ein Zaubergarten mutet auch der alte Steinbruch an. Wie Silberglocken tönt das Fallen der Wassertropfen, die vom übermoosten Steine ins Wasser hinuntertränen. Dazu das Trillern der Wechselkröte, das Plärren des Laubfrosches, der Märchenlaut der rotbauchigen Unke, das Wispern von Schilf und Rohr, das Klappern der Espenblätter, eine träumerische Stimmung herrscht im Nixloch. Kein Wunder ist es, daß hier gern die Fasane unter Brombeerranken ihr Gelege bergen, daß das kleine, grünbestrumpfte Teichhuhn mit dem roten Strumpfband hier die Kinderschar groß zieht, daß der starke Rehbock, der immer über der Grenze steht, sein Mittagsschläfchen gern hier abhält. Kein Wunder auch, daß der Neuntöter nun schon seit vielen Jahren hier seinen Erbsitz hat.

Im Mai kommt er an aus dem Süden, wenn die meisten Vögel schon Junge füttern. Dann setzt er sich auf die Kirschbäume an der Landstraße, dreht langsam mit dem langen Schwanz, daß man die weißen Federhälften und ihre schwarzen Enden deutlich sehen kann. Im Bogenfluge geht es weiter, wenn man ihm nahe kommt; dann zankt er gedämpft mit ga, ga. Immer sitzt er auf den äußeren Zweigen des Baums, ganz oben auf der Spitze oder an der Seite, denn freie Umschau will er haben.

Da schwebt er nieder zum Boden, dicht über dem Grase rüttelt er ein kleines Weilchen, dann fällt er mit hochgehobenen Flügeln nieder, packt den erspähten Laufkäfer und fliegt mit ihm zum nächsten Baume. Dort sitzt er in der Sonne. Wie sein aschgrauer Scheitel leuchtet, wie schmuck der schwarze Bartstreifen aussieht! Kastanienbraun schimmert der Rücken, weißlich mit rosigem Anflug Brust und Bauch. Jetzt nimmt der kleine Räuber seine Beute zwischen die Zehen und beißt und reißt mit dem schwarzen, zahnbewehrten Schnabel und schluckt die genießbaren Teile seiner Beute hinunter. Den Rest läßt er fallen. Ein Maikäfer brummt vorüber, dem ist er gleich auf den Socken. Schnapp hat er ihn und verzehrt ihn dann auf dem gleichen Flecke wie den ersten Fang. Wieder schwebt er zum Boden. Diesmal hat er eine Grille gefangen, danach wieder eine Heuschreckenlarve. Aber nun ist er satt. Er putzt sich zunächst ein wenig, knabbert in den Flügelfedern, ordnet in den Bürzeldecken und zieht die Schwanzfedern einzeln durch den Schnabel.

Aber dabei hat er seine Augen überall, sein Ohr ist jederzeit bereit, etwas Auffälliges zu melden. Jetzt fährt der Kopf herum. Lauschend sitzt der Würger. Dann fliegt er ein Stückchen an der Straße entlang und stößt dann heftig nach unten. Es scheint etwas Großes zu sein, was er gefangen hat. Er fliegt auf und läßt sich mitten auf die Straße nieder. Vor ihm zappelt ein graues Ding, das mit kräftigen Schnabelhieben bearbeitet wird. Eine Feldmaus hat er gehascht, die beinahe so groß ist wie er. Sie piept und zappelt und will fort, aber Hieb auf Hieb saust nieder auf ihren Kopf, daß sie bald ruhig wird, noch einige Male mit den Hinterbeinen zuckt und dann still liegt.

Nun, Würger, du Strauchdieb, was willst du denn mit so großer Beute machen? Der Dorndreher zerrt sie hin und her, kneipt hier ins Fell und da, hebt die Maus prüfend in die Höhe, und dann schlägt er mit doppelter Kraft seine Flügel und fliegt auf zum Kirschbaum. Frohlockend schlägt er mit dem Schwanz, er ist sicher zufrieden mit seiner Leistung. Dann geht’s zum nächsten Baum und nach einer Ruhepause wieder weiter. Nun fliegt er gar mit seiner Beute ganz hinauf auf die Spitze des Kirschbaums. Dann kommt eine lange, lange Pause. Der Räuber will die dreißig Schritt bis zum Nixloch fliegen, er sammelt Kräfte. Und nun geht’s munter los. Zwanzig Schritt wagrecht sind zurückgelegt, jetzt geht es schräg abwärts, aber bis zum Busche langts noch. Sieh, da sitzt Freund Neuntöter auf dem Schlehbusch und hat die Maus noch im Schnabel!

Nun fliegt er zu seinem Lieblingssitz, dem dürren Dornbusch, der alle andern überragt. Wie ein spitzer Nagel, so spießt aus dem Sitzast des Würgers ein Dorn heraus. Der Dorndreher schwenkt seine Beute in die Höhe, läßt sie niederfallen auf die Dornspitze und gibt ihr zuletzt einen kräftigen Ruck, daß sie festgespießt am Dorne sitzt. Dann zupft der Würger und rupft am Mausefelle, bis er hinzukann zum saftigen Fleisch. Einige kleine Stückchen reißt er ab und schluckt sie hinter, das Gehirn und einige kleine Knöchelchen wandern in den Kropf, dann ist der schmucke Kerl gesättigt. Nun sitzt er faul und dick in der Sonne, dreht den Kopf rechts und links und verdaut.

Neuntöter, wo hast du denn deine Frau? Sie ist wohl noch nicht eingetroffen, bummelt noch ein wenig an der Riviera umher oder sonstwo in Italien? Du bist mir ein schöner Kerl, läßt deine Frau allein durch die Welt reisen, wie nun, wenn sie unterwegs andre Bekanntschaften anknüpft und irgendwo anders einen Ehebund eingeht?

Doch sieh, wir haben dein treues Weib umsonst verdächtigt, nach einigen Tagen kommt sie an. Zwar ist ein hübscher, schmucker Würgerjunggeselle bei ihr, aber dem hat sie wohl nur „für unvorhergesehene Fälle“ erlaubt, sie zu begleiten. Nun sie sieht, daß du noch heil und munter bist, daß kein Schlagnetz deiner Freiheit, kein gelber Sperberfang deinem Leben ein Ende gemacht hat, ist sie die treue Gattin wieder und hilft dir den Reisebegleiter aus dem Revier hinausbeißen. Und der arme Kerl, der sich so in seinen schönsten Träumen betrogen sieht, macht nur einen schüchternen Versuch, das zarte Verhältnis, das er auf der Reise knüpfte, fortzuspinnen. Dann hat er die eifersüchtigen Schnabelhiebe des rechten Ehemanns satt, er mag auch das abwehrende Beißen seiner Schönen nicht mehr erdulden und sucht deshalb das Weite, um anderswo vielleicht doch noch Liebesfreuden zu finden.

Nun heißt es aber, eilig ein Nest bauen, durch die Streitereien mit dem Nebenbuhler ist schon Zeit verloren worden. Nun schleppt Frau Würger Halme und Würzelchen in den Dornbusch. Eine Unterlage bieten die quirligen Schlehenäste. Das viele Ab- und Zufliegen strengt an, deshalb versucht Frau Würger eine schüchterne Bitte beim Eheliebsten, er solle doch ein bißchen mit zutragen helfen. Aber da kommt sie schön an. Er sollte sich wohl seinen schönen, bunten Hochzeitsrock verderben, wenn er am Boden umherkröche. Sie hätte doch nun einmal das einfarbige braune Arbeitskleid, und wenn auf die gewellte Brust noch einige Schmutzspritzer kämen, dann täte das doch auch weiter nichts. Und fort fliegt er zur Landstraße, um in dicken Mistkäfern und grünen Grashüpfern zu schwelgen und der Frau die Arbeit zu überlassen. Na, schließlich wird sie doch beendet und eines Morgens liegt das erste grauweiße Ei mit einem Kranz von Flecken am stumpfen Ende im Nest.

Nun ist Herr Würger wieder der liebenswürdigste Gatte von der Welt. Voll Stolz betrachtet er das gelegte Ei, dann steigt er in den Dornen in die Höhe, um seiner Gattin ein Lied vorzusingen. Er erinnert sich an die Gesänge der Lerche und der Grasmücke, des Rohrsängers und der Schwalbe, stiehlt aus allen einige Laute und komponiert ein allerliebstes Potpourri, das er mit leiser, etwas belegter Stimme singt. Er scheint zu fürchten, daß ihm die Zugluft den Sang ganz verderben und ihn heiser machen könnte, deshalb macht er den Schnabel nur wenig auf und singt gedämpft. Seine Gattin hört’s schon und freut sich darüber.

Mit Freude und Gesang vergehen so die nächsten Tage, und immer liegt ein Ei mehr im Neste. Bald sind’s sechs, und nun ist’s genug. Den Dorndreher macht die Freude über das vollendete Gelege weich, und er läßt sich sogar herbei zu dem Versprechen, auch ein wenig mit brüten zu helfen.

Da auf einmal ist die freudige Stimmung verflogen, ein grauer Vogel, der beinahe wie ein Sperber aussieht, nur daß er schwache Füße und einen Drosselschnabel hat, der kommt herbeigeflogen und guckt in das Würgernest hinein. Da packt das Dorndreherpaar die Wut. Sie stürzen sich unter laut zeterndem Gäckgäckgäck auf den Fremdling, zausen ihm die Federn und zwicken ihn, so sehr sie können. Da fliegt er auf und davon, noch ein Stück verfolgt von den Würgern.

Heute abend soll das Brüten beginnen, da macht sich Frau Dorndreher noch einmal auf mit ihrem Mann, und beide unternehmen einen kleinen Jagdflug, die Landstraße entlang. Mancher Käfer wird erbeutet, manche Fliege muß sterben, dann eine kleine Eidechse, und auch die dicke Raupe eines Weidenbohrers, die aus dem Stamme der Pappel herausguckt, wird gefangen, ein Mäuschen auch. Dann kehrt das Würgerpaar wieder zum Neste zurück. Die Eidechse und die Maus haben sie mitgebracht und spießen sie auf die Dornen. Dann sehen sie sich die Kinderwiege an.

Doch was ist denn das? Das Nest sieht so unordentlich aus, einige Halme spießen heraus, der Rand ist niedergedrückt, weiß der Kuckuck, wer hier sein Spiel getrieben hat. Und dort liegt gar ein zerschlagenes Ei am Boden. Aber es scheint auch keins zu fehlen, nur eins sieht etwas kleiner aus als die andern, ist auch mehr grünlich gefärbt.

Lange betrachten die Vögel die Veränderung, jeder wirft dem andern vor, er hätte besser aufpassen sollen, beinahe wäre es zum Streit gekommen. Doch noch zur rechten Zeit gibt die Gattin das Keifen auf und setzt sich aufs Nest zum Brüten. Zehn Tage sitzt das Weibchen fest. Da piept und pickt es unter ihrem Brustgefieder, am elften kriecht ein Junges aus. Ihr kommt die Zeit etwas kurz vor, sie bleibt deshalb noch sitzen, der Gatte muß das ausgeschlüpfte Junge einstweilen füttern. Zwei Tage dauert es noch, dann kommen auch die andern Kleinen zur Welt. Ihr Bruder ist unterdessen schon recht gewachsen, unaufhörlich schreit er nach Futter. Kommen die Alten herbei, dann springt er ungestüm empor und reißt den gelben Rachen auf, und dabei fällt dann eins der Spätgeschlüpften nach dem andern aus dem Neste. Schließlich ist der kleine Nimmersatt allein übrig und schlingt und wächst. Nach einiger Zeit ist er schon größer als die Eltern.

Nun wird denen aber die Sache unheimlich, sie fliegen zur Sperbergrasmücke, die am andern Ende des Dornbuschs ihr Nest hat. Und siehe da, die klagt über das gleiche Übel: alle Kinder tot bis auf eins, das gar nicht satt werden will und immer weiter wächst. Der Kleine im Sperbergrasmückennest sieht ihrem eigenen Kinde zum Verwechseln ähnlich, aber von Familienähnlichkeit ist keine Spur zu entdecken. Immer weiter wächst das Junge, es ruft mit seinem Piepen unausgesetzt nach Nahrung. Schließlich fliegt es hinaus aus dem Neste und klammert sich auf einem Zweige fest. Verwundert begucken die Würger ihr Kind. Es sieht so dunkel aus mit grauen Binden auf dem Rücken, der Bauch ist weißgrau mit dunklen Binden. Und dann die Füße, zwei Zehen nach vorn, zwei nach hinten gedreht. Das ist nicht von mir, zetert der Würgervater; ich bin seine Mutter nicht, zankt die Würgerfrau. Aber wir haben es aufgezogen, da wollen wir es nur auch vollends auffüttern.

Und der Dank? Im nächsten Jahre legt vielleicht der kleine Kuckuck sein Ei in ihr Nest und verdirbt ihnen ihre Brut, weil sie ihn so selbstlos ausgebrütet und aufgepäppelt haben.