Fasan

Seit Wochen schon weckt und lockt die Frühlingssonne die schlafenden Pflanzenkinder, langsam und verschlafen tut eins nach dem andern die Blütenaugen auf. Dem Krokuschen ist es schon zu warm geworden, das hat schon seine Blüten welk zu Boden fallen lassen. Aber eine Fülle andrer Pflanzen hat dafür jetzt das Schmücken der Natur übernommen. Das Buschwindröschen läßt seine weißen Blüten im Winde schaukeln, goldig leuchten die Sterne des Scharbockskrauts, Veilchen und Himmelschlüssel prangen und duften. Mit Farbenpracht und Wohlgeruch locken sie alle die brummenden, borstigen Insekten zu Gaste. Und während die Leckermäuler noch süßen Nektar schlemmen, pudern sie die Staubfäden ein mit Pollen, dem Pfand der Liebe, damit er hinübergelangt auf die Narbe der Nachbarblüte, die schon gierig die Äste breit gemacht oder klebrigen Saft ausgeschieden hat zum Auffangen und Festhalten des Blütenstaubs. Buhlen um die Gunst der Insekten, ihrer Liebesboten, bei den Blüten der Pflanzen, heißes Liebeswerben in der Vogelwelt, das ist des Frühlings Werk.

Da schmettert auf einem Baumstumpf der Zaunkönig sein Liebeslied mit einer Fülle und Kraft, als wolle er die winzige Brust zersprengen. Ganz steil stellt er sein kleines Schwänzchen, dick plustert er die Federn auf und zwischen dem dünnen Schnäbelchen läßt er Strophe auf Strophe seines Liebesliedes hervorperlen. Der Buchfink wieder legt alle Federn knapp an, er zieht die schwarzen Stirnfedern zurück und legt den blauen Scheitel an, der Schwanz hängt unter dem grünen Bürzel fast ganz senkrecht herab. Nur die rotbraunen Federn der Kehle sind gesträubt, wenn der Fink sein stereotypes Lied singt, wenn er schlägt. Hoch auf der Spitze des Baumes sitzt der Amselhahn und flötet ernst und feierlich sein Orgellied. Die Zeit stürmischen Werbens, die eigentliche Minne, ist für ihn schon vorüber, vorbei die Poesie der Brautzeit, das Weibchen sitzt ja schon im halbkugeligen Neste auf fünf Eiern: Prosa der Brütezeit. Das Amselpärchen hat es immer sehr eilig mit dem Brutgeschäft, zu Pfingsten möchte es am liebsten schon zur zweiten Brut schreiten, wenn Pirol und Gartensänger just mit der ersten beginnen.

Doch zurück zu unserm Frühjahrskonzert im Walde. Meisen, Rotkehlchen, Amseln und Drosseln, sie alle singen und flöten jetzt beinahe den ganzen Tag, aber am lebhaftesten doch bei Sonnenuntergang und Aufgang. Dann ist ein Zwitschern und Rufen durcheinander, daß alles zu einem einzigen Tongewirr verschwimmt und man kaum die einzelnen Sänger erkennt. Nur einige Künstler im Waldkonzert lassen sich nicht übertönen. Laut schallt das flötende Lachen des Grünspechts, rasselnd das knarrende Trommeln seines bunten Verwandten, scharf erklingt das Schirken des Turmfalken über den Baumwipfeln.

Dort, wo das kleine Fichtendickicht an undurchdringliche Wildnis krallender Brombeerranken stößt, ertönt von Zeit zu Zeit ein Schrei, der gar wenig hineinpassen will in das melodische Tongewirr der deutschen Vogelstimmen. Es mahnt eher an Hühnerhof oder Zoologischen Garten, das laute, krähende Gack gack, das dort erklingt. Was mag das für ein sonderbarer Sänger sein, der dort den Schrei ausstößt? Ganz langsam, ganz leise und vorsichtig schleichen wir näher, daß kein Ästchen unter dem Fuße knackt, kein dürres Laubblatt raschelt. Schon haben wir die Fichtengruppe erreicht, ganz in der Nähe erscholl der Ruf. Ganz versteckt unter den hängenden Zweigen der Fichte stellen wir uns an und warten. Eine Singdrossel schwingt sich auf die Spitze der Fichte, die uns verbirgt, sitzt ein Weilchen still und beginnt dann ihr Lied. David David tilit tilit tilit tönts munter bald pfeifend, bald schwätzend über uns. Ein Goldhähnchen schlüpft nahe vor uns durchs Nadelgezweig, ganz dünn und fein klingt sein pfeifendes Locken. Bald dreht es uns den olivgrünlichen Rücken, bald den goldig glänzenden schwarzen Scheitel zu, denn es kann ja keinen Augenblick still sitzen. Es pickt hier etwas vom Zweig, rüttelt am Baumstamm und erhascht ein winziges Insekt und ist dann im Nadelmeer verschwunden.

Da raschelt es leise vor uns im Brombeergesträuch. Ganz langsam und ruckweise schiebt es sich hervor. Ein Hühnervogel im prächtigsten Kleide steht da und strahlt in der Sonne. Hoch richtet er den Kopf mit der lichtgrauen Platte auf dem smaragdgrün blitzenden Halse in die Höhe, daß der weiße Halsring leuchtet. Aufmerksam sichert der Vogel rechts und links. Nichts Verdächtiges in der Runde! Jetzt verändert sich sein Gesicht. Der nackte Korallenfleck um seine Augen dehnt sich aus und schwillt, eine große rote Rose leuchtet an Stelle der Wangen grell wie Siegellack auf. Gack gack ruft der Ringfasan und schlägt dann mit den harten Fittichen einen trommelnden Wirbel. Kupfern leuchtet die Brust, golden die Bauchseiten, grüngolden der Bürzel des balzenden Hahnes. Wieder schreit und schwirrt der bunte Vogel mit den Flügeln, aber keine Henne zeigt sich.

Doch jetzt raschelt es leise. Sollte es eine Henne sein? Dort schiebt sich der Ankömmling aus dem Gesträuch. Auch sein Hals glänzt grün, aber kein Halsring ziert ihn. Das Gefieder ist weit düsterer gefärbt, wie poliertes Kupfer glänzen Brust und Rücken. Jetzt haben sich die beiden Vögel veräugt. Jäh schwillt auch dem dunklen Kupferfasan die rote Rose am Kopf, die Augen fangen an zu funkeln und mit trommelnden Kehllauten schreiten beide einander näher, um schließlich wie Bolzen zuzufahren. Ein hitziger Kampf entspinnt sich. Hochauf springen und fliegen die Kämpen, die Flügel schwirren, die Rosen glühen. Mit hartem Schnabel und spitzem Sporn sucht jeder den andern zu verletzen. Immer und immer wieder stehen sie einander gegenüber, senken und heben den Kopf, als wollten sie eine Blöße beim andern erspähen, und immer wieder springen sie hoch auf und hauen aufeinander los. Immer deutlicher zeigt sich der Ringfasan überlegen. Stets springt er höher als sein Rivale, hitziger ist sein Angriff, gewandter sein Ausweichen. Eine dunkle, kupferrote Feder wirbelt zu Boden, ein roter Tropfen perlt von der Rose des Kupferfasans, da weicht er zurück, und mit prasselndem Fluge streicht er gackernd ab. Der Sieger aber glüht und funkelt im Siegestaumel, laut tönt sein Balzschrei, rasselnd sein Flügelwirbel.

Ganz leise und verschämt tönt aus dem Brombeergewirr ein Lockruf, du du dudu. Mit langsam schleichenden Schritten tritt eine Henne auf den Balzplatz. Zwar vermag sie an Farbenpracht mit dem Gatten nicht zu wetteifern. In die schlichten Farben dürren Laubes ist sie gekleidet und nur über dem Brustgefieder liegt ein leichter Hauch wie ein Abglanz japanischer Bronze. Aber für den Fasan ist sie doch in das schönste Kleid gehüllt. Eilig läuft er hinzu, entfaltet die Rosen zur höchsten Glut und spreizt die Flügel und prangt mit seiner Farbenpracht, kein Wunder, daß er bald Gehör findet.

Weiter balzt der Hahn. Eine zweite, dritte Henne kommt zu ihm. Schließlich ist es zu warm geworden, und Hahn und Hennen verschwinden vom Balzplatz. Sie gehen hinaus auf die Saatfelder, um keimende Körner, grüne Halmspitzen oder fette Schnecken zu äsen. Erst gegen Abend kommen sie zurück zum Balzplatz. Einigemale tönt das Gagack, dann ist die Schlafenszeit gekommen. Mit prasselnden Flügelschlägen und lautem Gegacker baumen die bunten Vögel auf, um an windgeschützter Stelle, in der Fichtenkrone oder auch auf kahlem Laubholz die Nacht zu verbringen.

Ein paar Wochen sind vergangen. Die Saaten sind so aufgeschossen, daß ein alter Hase sich gut darin verstecken kann, und die Kleefelder harren der Sense, ja stellenweise ist das saftige Futter schon geschnitten. Der alte Förster geht mit seinem Hunde durch die Felder. Die Flinte blieb heute zu Hause, heute trägt der Grünrock einen Korb, in dem weiche, wollene Lappen liegen. Den Rain zwischen Korn und Klee geht der Förster entlang, während Treff, der Hund steifbeinig durch den Klee stelzt. Der weiß genau, worum es sich handelt, dem herausrutschenden Hasen sieht er kaum nach, hin und her galoppiert er und sucht. Mit einemmal geht er langsam, vorsichtig rückt er Schritt vor Schritt auf und steht dann fest vor. Sein Herr watet durch den hohen Klee, geht der Hundenase nach und sucht im Klee. Mit lautem „pips“ steht eine Fasanenhenne auf und streicht mit surrendem Flügelschlag dem Walde zu. Der Förster aber bückt sich und nimmt die acht Eier aus dem Neste, packt sie sorglich in die wollenen Lappen in seinem Korbe, und dann geht die Suche weiter. Wieder steht der Hund, und diesmal sind es dreizehn Eier, die der Förster aufhebt, dann wird ein Nest mit neun gefunden. Dreißig Eier sind so vor dem Untergang gerettet durch Kahlmähen des Nestes.

In der Försterei sitzen Glucken (brütende Haushühner) auf Toneiern, denen werden die gefundenen Fasaneneier untergelegt. Willig nehmen die Brütelustigen die zehn untergelegten Stiefkeime an und wärmen sie, als wären es die eignen Kinder, denen sie Leben einbrüten. 25 Tage lang müssen die Hühner still sitzen, ehe leises Picken und Piepen unter der grünlichen Schale verrät, daß die Jungen ausfallen wollen. Endlich zeigt eins oder das andre der Eier kleine Pusteln und strampelnd und zappelnd arbeitet sich ein niedlicher kleiner Federball mit dunklen und hellen braunen Längsstreifen ans Licht. Eins nach dem andern der kleinen Küken tut den ersten Schritt ins Leben und bald hocken sieben oder acht kleine, wärmebedürftige Geschöpfe piepend unter dem dichten Federkleid der Glucke. Aber lange wollen sie nicht ruhig sitzen. Bald lugt hier oder da eins unter den Flügeln der Stiefmutter hervor und dann traut sich gar eins ganz weg und bald umtrippeln die Dunenjungen die scharrende Henne. Hirsekörner und vor allem Ameiseneier werden ihnen hingestreut und unsicher zuerst und besser von Mal zu Mal lernen die Kleinen picken und fressen. Und wie sonderbar, die ganz ungewohnte Stimme der Glucke, das Locken und Warnen, sie verstehen es und folgen.

Ganz unmerklich wachsen sie heran. Das niedliche, wollige Dunenkleid wird struppig, Federn wachsen und eines Tages können die kleinen wachtelgroßen Dinger schon ein bißchen fliegen. Nun werden sie selbständiger von Tag zu Tag. Der August kommt heran und die Fasanen haben die Größe von Rebhühnern erreicht. Da fangen die Geschlechter an, sich zu unterscheiden. Die jungen Hähne beginnen, ein gesprenkeltes Kleid anzulegen, die einzelnen metallfarbenen Federn wachsen verstreut durch das Jugendgefieder. Der Stiefmutter folgen sie schon längst nicht mehr, abends baumen sie auf, wie ihre Ahnen, und die jungen Hähne machen die ersten Versuche, ihre Stimme hören zu lassen. Das klingt freilich noch sehr nach „Stimmbruch“.

Näher und näher kommt der Herbst. Die Fasanen halten sich nicht mehr am Forsthause auf. Sie streichen umher, über den Teich, um im Schilfe Schnecken und Käfer zu suchen, hinaus auf die Felder, um ausgefallene Weizenkörner zu naschen. Der Oktober naht, die Jagdzeit der Fasanen. Aber hier im Heimatsrevier wird so früh mit dem Abschuß nicht begonnen. Schade um die kleinen, scheckigen Dinger, es ist ja noch gar nichts daran, mögen bis zum November bleiben, sagt der Jagdherr und läßt täglich Futter streuen, damit die bunten Gesellen nicht nach Nachbarrevieren auswandern auf der Nahrungssuche.

Endlich ist der große Tag gekommen, der letzte für manchen bunten Hahn, der Tag der Fasanenjagd. Schon vom frühen Morgen an sind die Fasanen durch Wachen gehindert worden, in die Felder zu bummeln, sie halten sich alle in der „Fasanerie“ mit ihren Brennesseldickichten, den Schilf- und Rohrbeständen auf. Gegen zehn Uhr begeben sich die wenigen Schützen auf ihre Stände an den Schneisen. Die Treiber sind schon angestellt und auf das Hornsignal des Jagdherrn setzen sie sich in Bewegung. Langsam treiben sie auf die Schützen zu, schlagen auf jeden Busch mit dem Stock, und treten jeden Grasbüschel nieder. Lärm darf nicht gemacht werden. Sonderbar, wo sich sonst Fasanen in Hülle und Fülle umhertrieben, da ist heute noch keiner zu sehen. Sie laufen vor den Treibern, ohne aufzufliegen. Der junge Treiber wird schon ungeduldig. Da endlich steht mit lautem Pips und Flügelschlag eine Henne auf und streicht über die Treiber zurück. Und jetzt geht gackernd der erste Hahn hoch. Rasch und rascher fliegt er vorwärts. Jetzt ist er im Zuge und streicht ohne Flügelschlag und doch gar rasch über die Schützen. Bumm, fällt der erste Schuß, aber nur eine Feder im langen Stoß (Schwanz) des Hahns ist geknickt. Bumm, der war besser. Wie ein nasser Sack fällt der fette Vogel zu Boden und schlägt auf, daß die bunten Federn stieben. Ein Hahn nach dem andern fliegt hoch, passiert die Schützenkette und fällt zu Boden. Schon sind die Treiber ziemlich nahe an die Schützen heran, da fliegen auf einmal zwanzig, ja dreißig Fasanen auf. Jetzt fordert es ein scharfes Auge, rasch Hahn und Henne zu unterscheiden. „Langsam treiben, laden lassen, langsam, langsam,“ mahnt der Förster die Treiber. Jetzt stiebt es förmlich von Fasanen. Gackernd fliegen die Hähne hoch. Der wird schon im Auffliegen von den Schroten ereilt, der wieder gerade über den Schützen, ein andrer ist schon ziemlich zwischen den Stämmen des nächsten Bestandes verschwunden, da wirft ihn der nachgesandte Schuß zu Boden. Wahrlich, man versteht, daß früher Fasanenjagd zur Hohen Jagd gerechnet wurde! Ein bunteres Bild ist nicht zu denken. Allenthalben rasseln und prasseln die Vögel auf, wie Salven knallen die Schüsse. Dazwischen huschen Kaninchen über die Schneise und schlagen Rad oder laufen weiter auf den Schuß. Der sicherste Schütze steht am Graben und schießt wie jedes Jahr so auch diesmal den Fuchs, der Fasanenbraten über alles schätzt. Geängstigt stieben Rehe in rasender Flucht über die Schneise. Endlich ist der Trieb zu Ende. Von allen Seiten schleppen die Treiber das Wild herbei. Kupfer- und Ringfasanhähne, wohl an die sechzig, keiner reinrassig, jeder mit etwas Blut vom andern, einige Hennen, die ein „Frauenmörder“ versehentlich erlegt, ein paar Kaninchen und Hasen und ein Fuchs, das ist die Strecke vom ersten Triebe.

Wie Bronze, Gold und Smaragd, so flimmert es über den Vögeln, die friedlich auf dem grünen Rasen ruhen neben dem Fuchs, ihrem Todfeind im roten Rocke. Dazu der Wald im herbstlichen Gewande und die Jäger in ihren oft humorvollen Trachten, die Treiber in ihren ältesten Kleidern — denn beim Durchkriechen der Fichtendickichte und Brombeergestrüppe ist gutes Zeug nichts nütze —, wie Räuber beinahe anzuschauen, ein herrliches, buntes, unvergeßliches Bild.