RITTERNARR
Zu eng ward ihm der Raum der Daseinsfristung:
So stieg er auf sein Roß und ritt die Erde,
Der finstre Ritter in der grellen Rüstung —
Gefolgt von einer dürren Menschenherde.
Er ritt und ritt und suchte die Gefahr
Voll Angst und Qual, voll Mut und hellen Flügen.
Das ekle Dasein, das so heimlich war,
Wollt’ er mit seinem eigenen bekriegen.
Er nahm sein Schwert und hieb es in die Luft
Mit solcher Wucht und starrem Widerwillen,
Daß in der Welt vor ihm sich eine Kluft
Zu öffnen schien, um seinen Haß zu stillen.
Und als er lang genug das All durchquert
Und sah, es werde wohl vergeblich sein, —
Da hielt er an, und stieg von seinem Pferd,
Und setzte sich auf einen nackten Stein.
Und stierte in den blinden Dünsteraum,
Als wollt’ er dem Lebendigsein entsagen;
Und stierte in den düstern Wolkenschaum,
Als wär’ nichts mehr zu sagen noch zu fragen.
Die Wolken tanzten silberschwarz wie Särge
In seinen Augen, die voll krankem Schauer
In schwüle Luft anschwollen: so viel Berge,
Sie lagen ihn zu töten auf der Lauer.
Die Leute hoben ihn in einen Karren
Und fuhren ihren Held aus seinen Schmerzen
Zum Thron. Dort zündeten ihm seine Narren
Vor Glück die spitzen Finger an wie Kerzen.
GANG ZUM SCHAFOTT
Ein Menschenkreis umstellt das Blutgerüst
Und hungert nach dem Folterakt der Köpfung —
Da kommt der Mörder. Und sein Leben ist
So bleich wie die unendliche Erschöpfung.
Nichts wollen seine hohlen Züge sagen.
Er litt — bis an den großen eignen Knochen
Es nichts mehr gab für ihn, um dran zu nagen.
Die Augen liegen tief wie ausgestochen.
Stumpf geht er. Plötzlich klingt die Sünderglocke
In dünnem Strahl, wie Lachen hell und kalt.
Da hat noch einmal an dem Sträflingsrocke,
Kurz wie vom Blitz, sich ihm die Hand geballt!
AHASVER
Mir hat die Welt auf meinen weiten Zügen
Viel Lust geschenkt. Ich hab’ sie stumm vergraben
In meinen Augen — die stets hungernd liegen.
Mich sättigt nicht, was mir die Menschen gaben.
Ich kann nicht ruhn, ich muß die Erde messen,
Glühendes Folterrad an meinem Leibe —
Erst dann wird Glück, wenn ich die Gier vergessen
Und wie ein Fels erkaltet stehen bleibe.
JUNGER KÜNSTLER
Kommt keine Sonne über meine Augen,
Die, noch so jung, schon hohl wie Gräber lagen?
Ich will den Freund mir aus den Büchern saugen,
Die meine früh gepreßten Qualen tragen.
Und wie gedrosselt stockt mein tiefes Weinen
Nach Armen, die ich um die Schultern führen
Wollte, ganz dicht. Auch nicht das tiefste Weinen
Löst meinen Leib aus seinem großen Frieren.
DER DENKER
Ich weiß nicht, was ich bin. Mein Weg läuft schief
Um mich herum, ein wirres Kreiselspiel.
Mein Denken, das zwar immer nach mir rief,
Sagt mir nicht, was ich bin, sagt mir kein Ziel.
Nie kann etwas in mir mich ganz begreifen.
Denn wie begriffe ich dies Etwas dann?
Ich kann Begriffe auf Begriffe häufen:
Und wo man aufhört, fängt’s von neuem an.
Wo münde ich, wo ist mein Urbeginn?
Stets bleibt ein Rest beim Spalten und Umspannen.
Blöd scheint der Schrei nach all des Daseins Sinn:
Alldasein ist durch Denken nicht zu bannen.
Können wir nichts als endlich wahr erkennen?
Wir wissen nicht, ob wir Bestimmtes wissen.
Wir dürfen immer nur so weiterrennen,
Wie Blinde fressend, hungernd und zerrissen.
Und stets die Frage, die sich selber fragt
Nach etwas, das man ist und hat und hält!
Es ist das Klagen, das schon nicht mehr klagt:
Nicht als nur da zu sein und ohne Welt.
Sonne ist Nacht, denn Freude ist nicht mehr!
Was könnte ich mit Freude mir gewinnen?
— Doch der, der fragt: ist jede Fülle leer?
Kann der denn jemals in ein Nichts zerrinnen?
Man lebt, ja, Haß in Menschen und in Herden,
Als sei’s ein Wert: größer zu sein als klein.
Wer reicher wird, muß arm an Armut werden,
Wer ärmer wird, wird reich an Armut sein.
Streck’ ich mich noch? Ich Wurm. Was ist in mir,
Das je sich selber überragen könnte?
War je ein Mensch, war je ein wildes Tier,
Das (wie ein Gott!) sich von sich selber trennte?
CLOWN
Ich taumele in einem wirren Traum,
Da ich doch nie mit mir am Ziele bin.
Wie meine Krause bin ich nichts als Schaum,
In hellen Farben schillernd ohne Sinn.
Ich falle einen langsam steten Schritt,
Wobei ich jedes Bein für sich betone.
So schlepp’ ich mich herum, und jeder Tritt
Ist wie der Ausspruch, daß es sich nicht lohne.
Doch niemand ist, der mich voll Trauer wähnt
Und Lüge sieht in meinem Lachgebell.
Und daß dahinter eine Sehnsucht stöhnt,
Merkt niemand, denn ich scheine froh und hell.
ALTERNDER MIME
Ich stürmte jung voll Freiheit auf die Bühne,
Berauscht von Sternen, die ich hell erdacht,
Daß ich der Erde wie ein Herrscher diene,
Dem Kampf der Liebenden in Sturm und Nacht.
In qualzerrissne Sinne wollt’ ich dringen,
Mein wildes Wort und Sonnenjubelspiel,
Es sollte einen neuen Traum erschwingen
Für Menschenlust und Erdenmitgefühl.
Es mag geschehen sein, was ich gewollt,
Die Freunde haben meinen Kampf geteilt.
Doch selber, scheint es, hab’ ich mich vertollt
In Nichts, ob ich gejauchzt, ob ich geheult.
In Trauer mußt’ ich meine Frohheit schminken:
Nun fühl’ ich kaum noch meines Lachens Sinn.
Es ist so leer, wenn mir die Leute winken,
Da ich vergessen habe, wer ich bin.
Mir dünkt jetzt nur noch eine einzige Geste
Als wahr. Nicht, wenn ich eine Frau liebkose,
Nicht, wenn ich küsse, tanze und mich mäste —
Nur die, wenn ich die Menschen von mir stoße.
DER KRANKE SÄNGER
Wo nehm’ ich die Geduld her für mein Leben?
Der Giftschwamm wuchert und zersaugt die Brust.
Mein Blick ist stumpf und hohl dem Tod gegeben.
Zertreten liegt die heitre Sängerlust.
Wie anders früher! Als sich mir die Bühne
Zur Welt geweitet und die Menschenklänge
Noch voll aus mir erströmten — wie die kühne
Gewalt des Gottes, siegende Gesänge!
Nun stöhnt so heiser, mühsam, ohne Wert
Mein matter Leib, der kaum sich aufrecht hält.
Vom Fraß der Blutbazillen ausgezehrt
Wankt mein Gerippe im Geröll der Welt.
O könnte ich nochmal die Stunde küssen,
Da sich der Tag hell in den Himmel schwang,
In Segel tauchen, blühend hingerissen
Vom eignen Spiel und liebenden Gesang.
Und könnt’ ich einmal noch die Bilder wecken,
Die mich wie milde Farben überliefen —,
Aus meinen Gliedern auf den Aufruhr schrecken
Mit jenen Stimmen, die unendlich riefen.
Doch dieses ganze Sehnen ist vergebens,
Erinnerung bedeutet größere Not.
Die unerfüllte Fülle meines Lebens
Wird immer ausgehöhlter für den Tod.
AKROBAT
Ich zieh’ mit stumpfen Eltern und Geschwistern
Von Stadt zu Stadt auf jeden Jahrmarktsrummel.
Ich bin der dürre Gliederclown, und lüstern
Begafft die Menge mich verbrauchten Stummel.
Wie Schlangenwirbel muß ich mich bewegen,
Da ich zerbrochen bin und viel geteilt.
Ich mußt’ von Kind auf mich in Fratzen legen
Und aus den Wunden schrei’n, die niemand heilt.
Wenn stolz ich aufrecht stehe — lüge ich.
Ich turn’ am Reck und bin zum Tod bereit
Ganz wie am Galgen. Oftmals träum’ ich mich,
Als sei mein loser Leib wie Sand verstreut.
ZIGEUNERLIED
Wir sind die mageren Zigeunerkinder.
Wir tanzen Seil und biegen jedes Stück
Des jungen Leibes krumm. Und immer blinder
Stellt sich die Welt zu unserm dürftigen Glück.
Wir sind gedorrt und bleich vom vielen Hoffen,
Vom vielen Wandern schmählich abgezehrt;
Und nirgends haben wir aus all dem schroffen
Applaus ein liebend gutes Wort gehört.
Kein ehrgerechter Zorn darf uns erhitzen.
Wir müssen lächeln, wenn man uns verlacht.
Wir müssen singen, springen, klingen, schwitzen —
Und alle Tage sind wie schwere Fracht.
Auf unsern Rippen spielen wir die Harfe.
Die Leute lauschen, wie es knackt und bricht.
Doch dieses Knochenspiel ist bloße Larve.
Dahinter wühlt ein Meer. Das sehn sie nicht.
Wollt ihr an unseren Skeletten schürfen?
Wozu? Das Knabbern stillt nicht eure Lippen.
Hier ist kein Fleisch, und Blut ist keins zu schlürfen.
Hier ist nur Meer, das ihr nicht seht, und Klippen.
MEERFAHRT
Ich war noch jung, und konnte schon das Land
Nicht mehr ertragen, da es von bigotten
Bewohnern starrte, unbewegt. Am Rand
Von Aschenhügeln schien man hinzutrotten.
So suchte ich das Meer — und fand es ganz!
In düstertiefer Pracht, verwühlt und wild,
Dann wieder friedlich gleitend, in den Glanz
Der Sonne eingeflossen, tief und mild.
Für meine Nacktheit hatte ich als Hülle
Den Himmel nur. Ich brauchte mich nicht bergen
Und kleiden wie die Menschen, deren Fülle
Am Stein der Stadt verkümmert wie bei Zwergen.
Ein heller Segler war mein Eigentum
Und außer ihm die kühne Himmelsweite.
Der jungen Freiheit unbegrenzter Ruhm
Schien unvergänglich wie das Weltgezeite.
Ich stand am Bug und dehnte meinen Leib
In glühnder Kraft tief in die Luft hinein.
Wie hingejubelt war ich an ein Weib,
Erschauernd süß im Welt-Umschlungensein —.
Da trieb ein giftiger Wind mich an das Land —
Gleich kamen Menschen, meinen Stolz zu lähmen
Mit Hohn. Ich warf mich weinend in den Sand
Und fühlte mich der nackten Reinheit schämen.
DER BERUFENE
Am Fensterrahmen wie ans Kreuz geschlagen
Liegt schwer mein Kopf. Ich fürchte ein Erdrücken.
Ich muß den Himmel auf den Schultern tragen,
Die tief verirrten Menschen zu beglücken.
Ich sinne, wie die Wege sich verlaufen
Und sich verkreuzen, wenn ich, um zu lehren,
Auf ihnen folge dunklen Menschenhaufen —
Die sind zu starr, um je sie zu bekehren.
Die enge Erde scheint ein Widersinn,
Da ich das grenzenlose Dasein trage.
— Ich selber glaube kaum an Glückgewinn,
Der ich die Erde mit Beglückung plage.
Ach, darf ich nie wie eine Barke gleiten,
Mit mir im Tanz, beruhigt, frei vom Zweifel?
Stets fühl’ ich Köpfe nach verschiedenen Seiten
Aus meinem Hals sich recken wild wie Teufel.
NIETZSCHE
Was will die Zeit der aufgestürmten Tage,
Daß aus den Werken ihrer Söhne werde?!
Wenn sie ersticken in der eigenen Klage,
Im Elend der Unendlichkeit und Erde.
Ein Dichter sang! Und wie aus Orgelkehlen
Erströmten Gärten blühender Musik —
Doch heimlich schwoll der Neid der düster Scheelen,
Die ihn solange höhnten, bis er schwieg.
Und immer schwerer ward die Nacht der Tücke.
Wo blieb der Jubel von den treuesten Jüngern?
Er fühlt jetzt um sich her zu weiter Lücke
Die Menschen, die ihn liebten, sich verringern.
So steht der Gott-Mensch in der Welt umher,
Ein Schöpfer, den die Schöpfermacht enttäuscht.
Was soll er schaffen, wenn das Erdenheer
Doch jeden Helfer wütend blind zerfleischt?
Schon wirft das Volk ihm Steine ins Gesicht,
Volk eines Lands, dem seine Größe gilt.
Und jedes Wort, das sein Gedanke spricht,
Verstummt im Sturm, der heulend ihn erfüllt.
Er eilt, und flieht das lebende Gewimmel,
In fernes Felsgebirg, sein eigner Feind.
Da stößt er Tränentöne in den Himmel,
Ein Kind, das nichts mehr weiß, als daß es weint.
DER ANACHORET
Menschersehnend, Menschenhasser,
Riegelt mich mein Willens-Ring.
Stets vertrübt wie Tümpelwasser
War der Tag, in dem ich hing.
Erdgebunden, dennoch suchte
Himmlisches mein Höhlenblick.
Alles, was ich oft verfluchte,
Weinte ich mir oft zurück.
Sehn’ ich mich aus meiner Sperre
In ein Tummeln mit Gespielen:
Sind die Ketten, die ich zerre,
Fast willkommen meinem Fühlen.
Denn die Angst des Ruhverlustes
Hemmt den Traum, mich auszuschwingen.
Und mir bleibt ein stumpf bewußtes
Liederdenken ohne Singen.
Wenn auch, Sonntags, Menschen kommen,
— Kommen nur, mich anzugaffen:
An dem Steinbild eines frommen
Narren steht ein Knäuel Affen.
DER GÜTIGE MENSCH
Guter Mensch; du rührst an deiner Saite,
Die wie ein Licht leidend in dir glüht,
Wie eine Bitte, um die du bittest,
Leise und singend träumerisch,
Rührst du die Güte einer ganzen Weite.
Und wo dein Fühlen erblich
Vor Schreck, als du das Nichts im All
Schaudernd erlittest:
Da blieb kein Wall,
Der das Ergießen der Traurigkeit
Noch hemmen könnte.
Dein Auge aber ist so schön
Vom Glanz der dunklen traurigen Macht,
Daß der Raum zittert wie Vogelstimme
Vor Lust für dein Leid —
Daß er zittert, als wollt’ er zerbrechen.
Du weißt, auch das Unglück muß,
Muß wie ein bestraftes Kind.
Und deine Lippen, blühend bleich,
Ohne zu küssen, ohne zu sprechen,
Sind Klage und Kuß.
Du siehst den Fremdling an
In flehender Geduld;
Tief verwundert, verwundet dich sein Lachen.
Und du möchtest dann,
Als sei alles, was ist, Schuld, deine Schuld,
Noch das Gute wieder gutmachen.