AUS STRINDBERGS BRIEFEN

An den Verleger Albert Bonnier.

Wenn Sie diesen ersten Teil gelesen haben, den wir aus Rücksicht aufs Publikum nicht Teil nennen dürfen, vielmehr müssen wir jeden der fünf Bände besonders taufen, so fragen Sie sich wohl, wie das Publikum tun wird: Was ist das? Ist das ein Roman? Nein! Biographie? Nein! Memoiren? Nein!

Ich antworte, es ist ein Buch, das ist, für was es sich ausgibt: Die Geschichte der Entwicklung einer Seele, 1849-67, unter den angegebenen Voraussetzungen. Dieses Buch gewährt auch außer dem Psychologischen, das die Hauptsache ist (warum auch alle Schilderungen vermieden und die Anekdote nur aufgenommen wurde, um den Charakter zu beleuchten) einige andere Interessen: es bildet die vollständige Biographie eines bekannten und bedeutenden Dichters, so wenig lügnerisch, wie eine Biographie geschrieben werden kann; ferner eine Geschichte der inneren schwedischen Verhältnisse von 1849-67. Darum wird das Buch nützlich für die Jugend sein, weil es die jüngste Vergangenheit erklärt, ohne deren Verständnis die Gegenwart nicht zu begreifen ist.

August Strindberg.

Grèz (bei Paris), 25. April 1886.

Ich möchte das Vorwort gern gedruckt haben, weil über Lehre und Leben heute so viel gefaselt wird. Auch diesen Passus bitte ich an geeigneter Stelle einzuschalten, etwa nach den Worten über das Trinken:

Autor. Ebensowenig kann ich mein Leben in Einklang bringen mit meiner Lehre von der sogenannten Unsittlichkeit, teils weil mein Trieb von Kirche und Gesetz legalisiert ist, teils weil mir monogame Instinkte angeboren sind.

Interviewer. Aber warum predigen Sie denn geschlechtliche Freiheit?

Autor. Weil ich aus der Erfahrung meiner Jugend weiß: wer nicht verheiratet ist, brennt; und weil ich nicht will, daß die Eiferer für Sittlichkeit die Triebe der anderen durch Gesetze fesseln, da die Eiferer für Unsittlichkeit die Sittlichen nicht unsittlich machen wollen. Also die wirkliche Freiheit — für andere — predige ich! Habe also in diesem Falle keine egoistischen Zwecke.

25. Mai 1886. August Strindberg.

Der Verleger meint, das Vorwort werde dem Buche schaden und lehnt es ab.

Geben Sie das Interview Gustaf af Geijerstam, der das Buch wohl anzeigen wird. Er glaubt ja, daß die Kritik das Publikum darüber aufklären soll, was der Autor meint. Gut! Möge er aufklären, daß der Autor weder Biographie noch Verteidigung noch Bekenntnisse hat geben wollen, sondern sein Leben, das er am besten von allen Leben kennt, benutzt hat, um die Geschichte von der Entstehung einer Seele zu geben und den Begriff Charakter zu bestimmen — worauf ja die ganze Literatur beruht. Er kann Strophen abdrucken, wenn er will.

30. Mai 1886. August Strindberg.

Geijerstam las das Interview, gab es aber dem Verleger zurück. Inzwischen hatte Strindberg schon, bei seinem unerhörten Fleiße, den zweiten Teil (Kapitel 11-22) vollendet. Er war inzwischen nach der Schweiz gezogen.

In einigen Tagen geht der zweite Teil vom „Sohn einer Magd‟ ab. Vielleicht schon morgen. Ich halte ihn für das bedeutendste Buch, das seit langem in Schweden geschrieben wurde, aber es ist für die Gebildeten geschrieben und kann von der Unter- und Mittelklasse nicht gelesen werden. Wendet sich daher an die akademisch Gebildeten, für die ich eigentlich schreiben müßte. Von Nisse und Nasse nicht verstanden zu werden, freut mich nicht, und ich kann sie nicht bekehren. August Strindberg.

Othmarsingen (Schweiz), 18. Juni 1886.

Als Untertitel schlägt Strindberg für den zweiten Teil (Kapitel 11-22) „Sturm und Drang‟ vor; diesen deutschen Titel übersetzt der Verleger mit „Gärungszeit‟.

Gärung ist gut, aber das ist ein Fäulnisprozeß. Paßt also nicht für meine gesunden Gedanken.

18. Juli 1886. August Strindberg.

Die deutsche Ausgabe vereinigt beide Teile in einem Bande.