III.

Von einigen Freiwilligen geleitet trat ich am Morgen des 26. Mai’s den Marsch nach Irun an, wobei wir das französische Gebiet, dessen Gränze unserer Richtung im Allgemeinen parallel lief, mehrfach auf kurze Strecken durchkreuzten, augenscheinlich mit vieler Vorsicht und Scheu meiner Reisegefährten. Der Weg schien absichtlich über die schroffsten und zerrissensten Theile des Gebirges geführt zu sein und ward bisweilen so steil, daß er wie eine Treppe mit Stufen in den Felsen gehauen war. Mit Mühe nur konnte ich, des Bergsteigens noch ganz ungewohnt, den rüstigen Guiden folgen und die Ermüdung ihnen verbergen, welche mich fast besiegte. Da fühlte ich mich denn recht à mon aise, als ich, in dem zum Nachtquartier ausersehenen Dörfchen mit der echten Gastfreiheit der Gebirgsbewohner vom Alcalde aufgenommen, im hölzernen Lehnstuhl auf dem Balkon mich dehnte und von der freundlichen Wirthin kredenzt den Apfelwein im bunten Glase mir dargereicht sah.

Früh am folgenden Tage, da ich zum Aufbruch mich rüstete, überraschte mich der Anblick eines langen Zuges schwarzgekleideter Weiber: es waren die Bewohnerinnen des Dorfes, welche, wie ich später erfuhr, stets zur Messe die niedliche schwarze Mantilla von Seide sich anlegen. Der Marsch brachte eben die Mühseligkeiten wie am Tage zuvor, bis wir am Mittag auf den Gipfel der letzten von Irun uns trennenden Kette anlangten. Vor uns dehnte eine kleine, reich bebaute Ebene sich aus, von dem Meere begränzt, welches in unabsehbare Ferne einem leuchtenden Spiegel gleich sich erstreckte; zur Rechten entwand sich die Bidassoa den engenden Felswänden und erschien rasch erweitert als mächtiger Meeres-Arm. Dort ward die Brücke von Behobia sichtbar, deren von den Christinos besetzte Caserne die Unsrigen so oft vergebens angegriffen, da die unmittelbare Nähe des französischen Bodens die Entfaltung der nöthigen Angriffsmittel nicht erlaubte. Links erhoben sich wieder die Gebirge, welche die Aussicht nach San Sebastian und in das Innere Guipuzcoa’s schlossen, während zu unseren Füßen das reiche Irun lag und einige tausend Schritt entfernt, näher der Mündung der Bidassoa, Fuenterrabia, die fons rapida der Römer, in dem die Carlisten ein festes Gebäude als Fort eingerichtet, da die regelmäßigen Befestigungen des einst bedeutenden Platzes von den Kriegern der französischen Republik gesprengt wurden.

In Irun, wo ein guter Gasthof sich findet, mußte ich einige Tage mich aufhalten, bis ich die Erlaubniß aus dem königlichen Hauptquartier zur Weiterreise erhielt. Da ward mir die erste Lection praktischer Menschenkenntniß und Klugheit, die dem Unerfahrenen in Spanien so oft zufallen sollte. Die Stadt war durch eine einfache Mauer geschlossen, und auf einer unbedeutenden Höhe, welche die große Madrid-Pariser Straße beherrscht, ward gerade eine Schanze angelegt, deren Einrichtung, da mir damals die Befestigungsart der Carlisten noch nicht bekannt war, mich nothwendig in das höchste Staunen versetzen mußte. Man denke sich ein regelmäßiges Sechseck, dessen Seiten durch eine sechs oder sieben Fuß starke Brustwehr mit vorliegendem Graben gebildet sind; auf der Brustwehr sind unendlich viele Schießscharten für das Infanterie-Feuer in Stein errichtet und vertikal, horizontal und schräg, in jeder Größe und Gestalt durcheinander geworfen. Das Sechseck ist so auf der Höhe angelegt, daß weite Strecken unmittelbar am Fuße derselben ganz unbestrichen bleiben, damit der stürmende Feind dort zur letzten Kraftanstrengung gedeckt sich sammeln und ordnen kann, während doch die Gestalt des Hügels eine Befestigung erlaubt, deren Theile sowohl sich wechselseitig flankiren und schützen, wie den ganzen Abhang und Fuß bestreichen können.

In der That war dieses Werk das Erzeugniß der vereinigten Talente des Gouverneurs und einiger dort garnisonnirender Officiere, die, da sie vor dem Aufstande nie daran gedacht, daß das Vaterland je ihrer Fähigkeiten zu seiner Vertheidigung bedürfe, nun den Mangel an militairisch-wissenschaftlicher Ausbildung schwerlich durch ihren Eifer ersetzen konnten — wie brav sie auch, darin allen carlistischen Officieren gleich, dem Feinde gegenüber sein mochten. Der Gouverneur, so wie er erfahren, daß ich preußischer Officier, führte mich zu der sogenannten Befestigung mit der Bitte, ihm meine Meinung über sein Werk zu geben. Da ich nun aus natürlicher Schüchternheit wie in der Furcht, Zweck und Plan desselben wohl nicht zu verstehen, zurückhaltend und billigend darüber sprach, ward ich sofort von dem Gouverneur für ein wahres Talent erklärt und glänzend fetirt. Als ich aber am nächsten Tage, nach Überlegung dieses für meine Pflicht haltend, einige der krassesten Fehler ihm andeutete und, da er widersprach, klar aus einander setzte, erkannte der gute Herr seinen gestrigen Irrthum, entschied plötzlich über meine Unwissenheit und Impertinenz und behandelte mich demnach mit der kalten, geringschätzenden Höflichkeit, die so sehr gegen seine vorige Herzlichkeit abstach.[8]

Bald ritt ich auf einem kräftigen Maulthiere, der großen Heerstraße folgend, über Tolosa, eine der ersten und angenehmsten Städte der baskischen Provinzen und bekannt durch seine ausgezeichneten Fabriken, nach Villafranca de Guipuzcoa, wo der kleine Hof Carls V. damals sich aufhielt. Wie schlug mir das Herz, da ich den Monarchen sehen sollte, für dessen Rechte kämpfen zu dürfen ich so freudig mich gesehnet! — für den gekämpft zu haben ich immer stolz bin.


Am 31. Mai hatte ich die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Der König empfing mich mit der Huld und Leutseligkeit, die einen Hauptzug seines Characters bilden, und die, da sie die Verehrung seines Volkes ihm erworben, doch gegen den Verrath Derer ihn nicht sichern konnte, die mehr als Alle seiner Gnade sich erfreut. Er ist klein, regelmäßig und kräftig gebaut, das Gesicht trägt den Stempel hoher Güte, das graue Auge verräth tiefes Gefühl, aber auch viele Sorgen, vielleicht Schmerzen; ein starker blonder Bart bedeckte den Mund. Die Stimme des Königs ist sanft und voll Melodie, er unterhielt sich mit mir in französischer Sprache, wie er gern mit allen Fremden es that, wenn sie selbst des Spanischen kundig waren. Er trug einfache Civil-Kleidung.

Es ist viel über den Privat-Character Carls V. wie über seine Eigenschaften als Herrscher gefabelt worden, und die öffentlichen Blätter aller Länder haben manches ganz Unwahre oder doch Entstellte über ihn im Publicum verbreitet. Wer hätte auch Anderes erwarten mögen, wenn er die Quellen berücksichtigte, aus denen die Mehrzahl solcher Urtheiler ihre Ansichten sich bildete: die Zeitungen und Flugschriften des liberalen Spaniens oder die Schriften von Männern, welche bittern Haß dem Fürsten weiheten, der im Nachbarstaate muthig der Verbreitung ihrer Grundsätze zu widerstehen wagte. Da ich überzeugt bin, daß die Wahrheit am vollständigsten die Verläumdungen widerlegt, die gegen den Monarchen, für den ich mein Schwerdt ziehen durfte, von allen Seiten erhoben sind, stehe ich nicht an, meine Meinung, wie ich auf eigene und solcher Männer Beobachtung sie gründete, die lange Jahre den Infanten und den König gekannt, schmucklos, weil sie der Ausschmückung nicht bedarf, darzulegen.

Will man par force Fehler in Carl V. auffinden — und er ist Mensch —, so möchte ihm der vor allen aufzubürden sein, daß er seine Geburt nicht in eine Periode versetzte, in der es ihm gegeben wäre, das Glück seines Volkes zu machen, statt daß er nun dieses Volk, durch Empörung oder durch Furcht ihm entfremdet, sich erst erobern sollte. Carl V. hat in der That alle die Eigenschaften, deren Zusammentreffen in der Person des Fürsten bei friedlicher Regierung die Blüthe des Landes auf den möglichen Höhepunkt treiben mag, und selten wurden sie von einigen der Schatten verdunkelt, welche ja alles Menschliche, wie erhaben es sei, trüben. Er ist mild und herablassend, streng beflissen, seine Pflicht stets zu erfüllen und unerschütterlich in der Vollbringung dessen, was er als solche erkennt; einfach, mäßig, enthaltsam in Allem, was ihn persönlich betrifft, ist er dagegen nachsichtig und großmüthig für seine Unterthanen, streng gerecht für Niedere wie für Hohe, Jedermann zugänglich, ein Vater seines Volkes. Sein Wort ist ein wahrhaft königliches Wort: bekannt ist der Tadel, den er offen gegen seinen Bruder Ferdinand aussprach, da dieser, dessen Zusagen, den augenblicklichen Umständen folgend, mit ihnen ihre Kraft verloren, nach seiner Befreiung durch Ludwigs XVIII. Heere das, was während der Herrschaft der Constitution geschehen, so wie den ihr geleisteten Eid für ungültig erklärte, da doch er selbst sie beschworen hatte. Da erklärte ihm der Infant Don Carlos, daß er lieber hätte sterben müssen als den Eid leisten, welchen die empörten Unterthanen von ihm forderten; wenn er aber die Schwäche gehabt, die aufgedrungene Constitution anzuerkennen, müsse er nun auch unwandelbar seinem Versprechen nachkommen.

Selbst die Fehler, welche in den Verhältnissen der letzten sieben Jahre als solche hervortraten, beruhen im Übermaße der Tugenden, welche den König auszeichnen, selten in seiner Erziehung. Die eigene Herzensgüte, sein Edelsinn erlaubten ihm nicht, die Erbärmlichkeit der Menschen und so Vieler besonders aus seiner nächsten Umgebung zu ahnen; er beurtheilte nach seinem Charakter den der Andern, schenkte daher leicht sein Vertrauen und ließ sich leiten von Denen, welche heuchelnd ihn zu täuschen wußten. Dazu erzeugte die hohe Religiösität des Königs ein oft ängstliches Festhalten an den Formen der Religion, wie sie von jeher als heilig sich ihm eingeprägt, und wie er bei dem Zustande der geistigen Cultur und den Neigungen seines Volkes sie vom wohlthätigsten Einflusse für dasselbe hielt. Die Spanier haben durch die Ereignisse der letzten zehn Jahre ihn gewiß nicht überzeugen können, daß die Reformen, welche ihre herrschsüchtigen Schreier für sie forderten, ihren Bedürfnissen wahrhaft angemessen sind und sie in einen glücklicheren Zustand versetzt haben; daß aber umfassende Verbesserungen in den kirchlichen Verhältnissen der Monarchie nöthig seien, daß große, tief eingewurzelte Mißbräuche von Grund aus vernichtet werden mußten, das war dem Könige eben so klar wie jedem aufgeklärteren Spanier, und wiederholt sprach er bestimmt darüber sich aus. Die oft im Auslande gehörte Behauptung, als ob mit der Herrschaft Carls V. auch die der Inquisition ins Leben zurücktreten werde, ist so absurd, daß jede Widerlegung derselben ganz unnütz ist: in Spanien ist es nie Jemand, welcher Parthei er angehöre, in den Sinn gekommen, Ähnliches aufzustellen.

Früher erwähnte ich, daß der Infant Don Carlos der Gegenstand häufiger Anschuldigungen gewesen ist. Alles was seine Feinde über Hof-Intriguen, über die letzte Zeit der Regierung Carls IV. und die spätere Constitutions-Epoche, so wie über die Aufstände in Catalonien und anderen Punkten des Königreiches gegen den erhabenen Fürsten vorzubringen gewagt, ist mehrfach vollkommen zurückgewiesen, dabei freilich dargethan, wie die Umtriebe der Umwälzungsmänner in ihm stets einen edlen und entschiedenen wie gefürchteten Gegner fanden, der deshalb das Ziel ihrer giftigen Anschwärzungen sein mußte. Wer wird aber nicht mit tief empfundener Bewunderung auf Carl V. blicken, wenn man ihn in den ersten Jahren nach seines Bruders Tode beobachtet, wenn man seinen passiven Muth sieht, der, wenn nicht immer in seinen Wirkungen, doch in seinen Quellen so hoch über der activen Kraft steht; die Standhaftigkeit, mit der er die glänzenden Anerbietungen der Usurpatorinn zurückwies, da ihm doch gar keine Hoffnung bleiben konnte! Wer sollte nicht den Fürsten hoch ehren, der in dem Luxus und der Verweichlichung eines spanischen Hofes erzogen, Monate lang ungebrochenen Muthes alle Drangsale des Flüchtlings im schroffen Gebirge erträgt, der, da Hunger, Durst, Kälte und Ermüdung zugleich auf ihn einstürmen, lächelnd seinen Treuen Muth einspricht, und die Thräne ihnen trocknet, welche Verzweiflung bei des angebeteten Souveraines Elend auf die bärtigen Wangen lockte! Der, da er wieder Macht und Herrschaft erkämpft, nur zu verzeihen und zu schonen weiß, der gestürzt durch den Verrath der Männer, denen er vertraut, gefangen in dem Lande, in dem er Schutz gesucht, unerschütterlich jeden erniedrigenden Vorschlag zurückweiset, was er auch dulden möge!

Carl V. im friedlichen Besitze der angestammten Krone würde ein zweiter Titus, die Wonne, das Heil seines Volkes geworden sein. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, dessen Ausfüllung eben so viel Härte und Rücksichtslosigkeit nebst raschem Entschlusse und Energie, die Eigenschaften des Helden, erfordert, wie Don Carlos durch die entgegengesetzten Tugenden, die des Christen, des Menschen, hervorglänzt.


Nachdem ich auch dem Infanten Don Sebastian mich vorgestellt und seine Frage, ob ich gutes Wetter auf der Reise gehabt, beantwortet hatte, marschirte ich nach Hernani, da ich, zum Generalstabe von Guipuzcoa bestimmt, dort bleiben sollte, bis ich mich einigermaßen in der spanischen Sprache vervollkommnet. Es war mir angeboten, in das Genie-Corps zu treten, welches gerade gebildet wurde, und dem es noch sehr an brauchbaren Officieren[9] gebrach. Mit dem Zustande des Geniewesen, wie es damals war, ganz unbekannt und nicht glaubend, daß ein preußischer Infanterie-Officier nothwendig ein guter spanischer Ingenieur sein müsse, wie aus Vorliebe für meine Waffe, lehnte ich den Antrag ab und büßte so die Vortheile ein, welche ich durch den Eintritt in ein Corps gewinnen mußte, dem mehrere Jahre später die Verhältnisse mich dennoch angehören machten.

Ich eilte die berühmte Linie zu sehen, welche unser Gebiet von dem der Festung San Sebastian trennte, und die durch die Ankunft der englischen Legion und den Kampf, in dem Oberst-Lieutenant Evans unsere über jener Festung errichteten Werke genommen, neues Interesse gewonnen hatte. Von Linien war da freilich wenig zu sehen. Sie beschränkten sich auf niedrige, von lose über einander gelegten Steinen gebildete Mäuerchen, welche Parapete genannt wurden und übrigens nur stellenweise sich vorfanden, so daß sie höchstens das offene Vordringen einer Streifparthie erschweren konnten, während sie bei ernsterem Gefechte sofort mußten über den Haufen geworfen werden. Hinter ihnen standen in einzelnen Häusern unsere Vorposten, die jedoch mit Posten nur den Namen gemeinschaftlich hatten. Das Terrain war dabei sehr zerrissen, von Schluchten und Felszügen durchschnitten, und es wäre dem Feinde, hätte er je die Idee eines Handstreiches zu fassen gewagt, leicht gewesen, zwischen diese sogenannten Linien ganze Colonnen zu schieben oder die Vorposten aufzuheben. Doch wurde die Linie später den Regeln der Kunst gemäß angelegt.

Die der Feinde, von englischen Officieren construirt, stützte sich rechts auf San Sebastian und seine Forts, links auf Passages, oder besser auf die Redoute, welche auf der Höhe von Passages errichtet und mit der Artillerie der englischen Marine garnirt war. Die Linie bestand aus einzelnen dem Terrain nach angelegten Schanzen und Parapeten, die sich wechselseitig vertheidigten, und ein Theil derselben ward von den Geschützen der englischen Kriegsschiffe flankirt, die bei allen Gefechten vor San Sebastian von so unheilvollem Einflusse gegen uns waren.

Meine Sehnsucht, endlich die Kugeln der Christinos pfeifen zu hören, sollte bald befriedigt werden. Indem ich einige Skizzen des Terrains aufnahm, passirte ich eines unserer Wachhäuser und fand, um die Ecke eines Busches tretend, einen Felsenvorsprung, der die trefflichste Aussicht darbot, weßhalb ich bewundernd stehen blieb; ein Unterofficier, der offenen Mundes von dem Hause mir gefolgt war, blieb hinter einer nahen Hecke verborgen. Ich betrachtete die durch eine schmale Schlucht von meinem Standpunkte getrennten Brustwehren der Feinde und ergötzte mich an dem regen Treiben in dem Städtchen Passages, dessen Hafen, zwischen zwei steile Felswände wie in einen Riß eingezwängt und kaum auf beiden Seiten Raum für eine Reihe Häuser lassend, mehrere Schiffe enthielt und malerisch tief unter mir dem Blicke offen lag, während der Lärm der Seeleute mit dem Brausen des Meeres vermischt zu mir herauftönte. Da hörte ich plötzlich ein langes Zischen, von einem leichten Schlage auf den Felsen neben mir begleitet, dann rasch einen Knall von der andern Seite der Schlucht. Überrascht sah ich mich um und erblickte den guten Unterofficier in vollem Laufe nach seiner Wache begriffen. In rascher Folge zischten die Kugeln, hinter mir in den Busch schlagend oder Staub und Felsensplitter zu meinen Füßen losreißend.

Nachdem ich schwellenden Herzens an der mir neuen Musik mich erfreut und Zeit gelassen hatte, damit die Spanier die nordische Tollheit, wie ich oft sie sagen hörte, hinreichend anstaunen könnten, kehrte ich langsam zu dem Vorposten zurück, dessen Mannschaft vor der Thür versammelt mich anstarrte. Da ich am folgenden Morgen im Grase ausgestreckt lag, ward ich durch etwas nicht hoch über mir reißend schnell hin Schwirrendes aufgeschreckt und hielt es für einen gewaltigen Gebirgsadler: es war eine Kanonenkugel, deren die Engländer jeden Morgen zur Begrüßung einige unsern Vorposten zuzusenden pflegten.

Ich benutzte die Zeit, welche durch die augenblickliche Ruhe mir gegönnt war, um durch häufige Excursionen mit dem Lande, dem Geiste und den Sitten seiner Bewohner mich vertrauter zu machen. Die baskischen Provinzen — Guipuzcoa, Vizcaya, Alava — enthalten nebst dem kleinen Königreiche Navarra nur 250 bis 260 Quadratmeilen, welche vor dem Kriege etwa 650000 Einwohner zählten. Von diesem Ländchen waren etwa zwei Drittel im Besitze der Carlisten, während die Feinde, die Herren der spanischen Monarchie, auch die hauptsächlichsten Städte dieser vier Provinzen, San Sebastian mit seinem Gebiete, Bilbao mit Portugalete, Vitoria, Pamplona, viele andere Forts und die Hälfte von Alava und Navarra inne, alle bedeutenderen Städte befestigt hatten.

Das ganze Land ist von Osten nach Westen von den Pyrenäen durchzogen, welche in vielen Verzweigungen und mancherlei Formen wild durch einander geworfen, ihm den Charakter eines Gebirgslandes verleihen: nur die Hochebene von Alava und das herrliche Ebrothal Navarra’s, deren wir nie vollständig und dauernd uns bemächtigen konnten, zeichnen durch mildere, doch wieder unter sich ganz verschiedene, Gestaltung sich aus. Die Oberfläche des übrigen Landes besteht aus furchtbar hohen und schroffen, durchgängig mit reichen Waldungen bedeckten Gebirgsmassen, die durch reizende und äußerst fruchtbare Thäler in mannigfacher Gestalt intersektirt werden. In ihnen haben natürlich die Menschen ihre Dörfer und Höfe erbaut, und diese immer reich bewässerten Thäler, in denen jeder Fuß breit Landes mit Sorgfalt benutzt ist, bieten dem Auge und Geiste nach den wild majestätischen Scenen der Gebirge eine so willkommene wie liebliche Abwechselung.

Die Basken gewohnt, als privilegirtes Volk sich zu betrachten, geschieden von ihren Nachbaren durch die Barrieren, welche Natur, Politik und Vorurtheile so vielfach erhoben, sind stolz auf ihre Abkunft, ihre Unabhängigkeit und ihre Vorrechte, sie sehen die übrigen Spanier wie Fremde an und verachten sie als solche. Sie behaupten von den Phöniziern abzustammen, was jedoch keinesweges erwiesen ist; gewiß ist, daß sie seit undenklichen Zeiten und in allen den Umwälzungen, unter die die andern Völker der Halbinsel so oft sich beugen mußten, in ihrer Gebirgsveste sich unabhängig und unvermischt zu erhalten wußten. Ihre Sprache hat gar keine Verwandtschaft mit irgend einer jetzt bekannten, sie soll der grammatischen Bildung nach sehr reich sein und ist gewiß wohlklingend und kräftig. Doch sind die Dialekte derselben so mannigfach und so verschieden, daß oft die Bewohner der wenige Meilen von einander entfernten Thäler mit Schwierigkeit sich unterhalten, während die Sprache der französischen Basken von der der spanischen und selbst die der nur in den Gebirgen baskisch sprechenden Navarresen von der der Vizcainer so ganz verschieden scheint, daß sie oft sich gar nicht verstehen. Die allgemeine spanische Sprache — in Spanien die Castilianische genannt — hat in diesen Provinzen erst während der letzten Kriegsjahre sich etwas mehr ausgebreitet, doch nur als Luxussprache, und noch immer ist sie in den mehr zurückgezogenen Theilen ganz unbekannt.

Die Basken sind ein hohes, kräftiges Geschlecht, ernst und zurückhaltend, aber edelgesinnt, großmüthig, in hohem Grade gastfrei und ihrem Worte treu; fest und unbeugsam bis zur Halsstarrigkeit hängen sie dem Vaterlande, das heißt: ihren Provinzen, mit schwärmerischer Begeisterung an. Sie zeichnen sich im Allgemeinen durch Geist und Talent aus, sind kühn und thätig, voll Unternehmungsgeist und anerkannt als die unerschrockensten Seeleute und die bravsten Krieger der Monarchie; Viele haben als Hofleute und Staatsmänner sich glänzend hervor gethan. Außerhalb ihrer Heimath unterstützen sie sich brüderlich und erlangen dadurch ein großes Übergewicht über die andern Spanier, die, vor Allen die Catalanen, welche fast ihren Unternehmungsgeist theilen, am Hofe wie in allen Zweigen des Staatsdienstes ihre Landsleute so viel wie möglich fernzuhalten und zu stürzen pflegen. — Überhaupt darf man ohne Zögern aussprechen, daß die Basken in jeder Hinsicht vor den übrigen Bewohnern Spaniens sich auszeichnen; selbst Einfachheit und Reinheit der Sitten waren früher ganz in diesen lieblichen Thälern heimisch, und schmerzlich ist es, daß der Krieg auch hier seine gewöhnlichen Folgen, Verderbtheit und Verfall der Sitten, nach sich gezogen hat.

Die Wohnungen der Basken stechen durch bequeme Einrichtung wie durch größte Reinlichkeit hervor, und es macht einen besonders angenehmen Eindruck, diese blendend weißen Gehöfte über alle Thäler hingestreut zu sehen. Die Weiber, ihren Männern an Schönheit nicht nachstehend, wissen ihre Reize durch den höchst sittigen Anzug noch anziehender zu machen und sind in Erfüllung ihrer ehelichen und häuslichen Pflichten fast allen andern Spanierinnen weit überlegen; ihr Wesen erinnert wie ihre Gestalt an die nordischen Weiber, selbst das blonde Haar der kälteren Climate ist ganz vorherrschend.[10] Oft hörte ich die leicht Feuer fangenden spanischen Officiere bewundernd ihr Bedauern ausdrücken, da sie diese hohen, edlen Gestalten alle die schweren und unzarten Arbeiten des Ackerbaues verrichten sahen, die sonst den stärkeren Händen des Mannes vorbehalten sind. Denn außer Greisen und Kindern wurden wohl nur Verstümmelte oder sonst zur Vertheidigung des Vaterlandes Untaugliche in den Dörfern gesehen, so daß die Frauen und Mädchen genöthigt waren, hinter dem Pfluge die Stelle des Gatten oder der Brüder einzunehmen. Dabei ertönte ihr schwermüthiger Gesang, den schrecklichen Krieg beklagend und die Ehre und Treue der Nation verkündend; enthusiastisch wurden die fernen Männer aufgefordert, ihr Vaterland gegen die Wuth der Schwarzen[11] zu schützen, die Thaten der Vorfahren und der Gefallenen wurden besungen, und der oft wiederholte Name ihres großen Feldherrn zeigte, wie Zumalacarregui’s Andenken seinen Landsleuten theuer, wie seine Thaten ein Gegenstand des Stolzes für die Basken waren.

Der Reichthum dieser Provinzen muß vor dem Kriege auf einen erstaunlich hohen Grad gestiegen sein. Während zwei Heere auf so kleinem Gebiete sechs Jahre lang kämpften und das eine wie das andere hauptsächlich aus ihm seine Bedürfnisse zog, verarmte das Land doch nur nach und nach und ward bis zum Ende des Krieges nie ganz erschöpft. Wirklich haben die Provinzen alle Elemente des Reichthumes in sich, wie ihre Bewohner wohl den möglichen Vortheil daraus zu ziehen wissen. Der Boden ist äußerst ergiebig an Früchten jeder Art; Getreide, Taback, im Süden feurigen Wein erzeugt er im Überfluß; die Gebirge, mit schönen Waldungen in unendlicher Menge bedeckt, befördern die Viehzucht, die Haupthülfsquelle während des Krieges, während die Minen ausgezeichnete Metalle liefern, besonders viel Eisen, welche in den Fabriken des Landes trefflich verarbeitet werden. Die Lage desselben, die Berührung mit Frankreich und die sichern Häfen sind für den Handel sehr vortheilhaft, und die Privilegien, deren die Basken bis vor wenigen Monaten sich erfreuten, ließen alle jene Vorzüge noch herrlicher hervortreten. Sie verdienen deshalb und als hervorstechende Ursachen des Krieges nähere Betrachtung.

Die baskischen Provinzen vereinigten sich freiwillig, nicht durch Waffengewalt gezwungen, mit der spanischen Monarchie; die Bedingung der Vereinigung war die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien — fueros — auf ewige Zeiten, wogegen die Basken den castilischen Königen den Titel ihres Herrn bewilligten. Demnach kann wohl kein Zweifel über die Unrechtmäßigkeit obwalten, die einem jeden Versuche der herrschenden Gewalt, um diese auf Verträgen beruhenden Rechte wider den Willen der Betheiligten umzustoßen, ankleben muß: die Abschaffung der Privilegien mag politisch klug, mag dem Besten des Staates als Ganzes angemessen sein; ungerecht bleibt sie immer.[12] Man weiß, wie Don Carlos in der Commission, der Ferdinand VII. die Prüfung dieser Angelegenheit aufgetragen, gegen solche Maßregel sich aussprach, weil sie ungerecht, der Ehre der Regierung zuwider sei, und wie das Gefühl der Dankbarkeit und der Achtung gegen ihren edlen Fürsprecher beitrug, daß die Basken für Carl V. sich erklärten. — Die Rechte des Königreiches Navarra, wenn auch von hoher Bedeutung, sind doch nicht so ausgedehnt, wie die der andern drei Provinzen.

Die Heftigkeit und Entschiedenheit des ganzen Volkes in der Vertheidigung seiner Privilegien spricht für deren Wichtigkeit. In der That sind die daraus den Basken entspringenden Vortheile unschätzbar: sie werden nicht sowohl von dem Madrider Gouvernement als von den durch sie und aus ihnen gewählten Provinzial-Ständen regiert, der König ist ihr Herr nur in so weit seine Verfügungen mit ihrem Willen übereinstimmen. Die Basken sind nämlich von aller Conscription und Truppen-Aushebung frei, es dürfen selbst mit Ausnahme des Kriegsplatzes San Sebastian gar keine Truppen ohne Genehmigung der Junta dorthin gesendet werden oder sie durchziehen; dafür unterhalten die Provinzen auf eigene Kosten ein Regiment, im Falle der Gefahr ist jeder Baske Soldat zur Vertheidigung derselben. Eben so wenig hat der König das Recht der Besteuerung oder der Gesetzgebung. Die Basken werden gerichtet von den Männern, die sie selbst aus ihrer Mitte dazu gewählt, so wie die ganze Verwaltung durch sie selbst nach ihrer Wahl geschieht. Daher bestimmte die Provinzial-Deputation den Bedürfnissen des Landes gemäß die Abgaben, deren Ertrag ganz im Lande bleibt; wenn die Madrider Regierung einer besondern Hülfe bedarf, wird sie ihr zuweilen als Geschenk und unter jedesmaligem Vorbehalte der Rechte bewilligt. — Die Legislatur der Provinzen ist ganz unabhängig und verschieden von der der andern Theile der Monarchie, und sie kann nur durch das Volk verändert werden: die Inquisition konnte daher, da sie im übrigen Spanien in der höchsten Blüthe stand, hier nie Fuß fassen. Dann ist jeder Baske Edelmann und hat in den andern Provinzen und den Colonien die Rechte eines solchen, was für die Erwerbung von Militair- und Civilämtern, bei Hofe u. s. w. früher von hoher Wichtigkeit war.

Das Recht aber vor allen andern, welches die Unzufriedenheit der Regierung und den Neid der andern Theile des Königreiches erregte, ist die Zollfreiheit. Während Spanien unter ungeheuren Aus- und Einfuhrzöllen seufzte, die den Handel lähmten und das Volk verarmten, war dieser glückliche Winkel nicht nur ganz frei von ihnen, er bereicherte sich auch durch den Zwischenhandel auf Kosten der ganzen Halbinsel. Freilich wurden die baskischen Provinzen und Navarra in Rücksicht auf Spanien ganz wie fremde behandelt, ihre Gränzen mit Zoll-Linien und Douaniers umgürtet; aber trotz aller Vorsichts-Maßregeln konnte der Schleichhandel, an dem die ganze Nation, so das Beschimpfende ihm nehmend, Theil nahm, nicht verhindert werden. Die Lage am Meere mit zahlreichen Hafenstädten und die Nähe Frankreichs erlaubte den Basken, die Waaren aus der ersten Hand zu empfangen, während die lange Ebro-Linie, da der Fluß dort im Sommer allenthalben Furthen hat, mit seinen beiden Flügeln bis zur Gränze und zum Meere, ihnen tausend Wege bot, um von Norden aus die verbotenen Waaren noch weit mehr durch Spanien zu verbreiten, als es im Süden von Gibraltar, etwas weniger von Portugal aus geschieht. So bildete sich in diesen Provinzen ein vollkommenes Schleichhandel-System, in dessen Folge dort die Reichthümer in noch größerem Maße sich anhäuften, als die Monarchie täglich mehr verarmte und in tieferes Elend versank.

So ist es leicht erklärlich, wie die Basken und Navarresen mit höchstem Interesse über die Beobachtung so ausgedehnter und wichtiger Rechte wachten. Das mit der Abneigung der Regierung stets wachsende Mißtrauen und die Schritte, welche langsam aber augenscheinlich dem Endzwecke, Aufhebung der fueros, zuführten, hatten entzündbaren Stoff in unendlicher Menge in dem Ländchen angehäuft: es bedurfte nur eines Funkens, um die Flamme wild ausbrechen zu machen und das Volk, argwöhnisch, stolz, auf sein Recht, seine Kräfte und seine Berge vertrauend, zu kühnem Aufstande zu vermögen. — Ferdinand’s Tod beschleunigte den Sturm.

[8] Dieser brave Officier starb den Heldentod in der kräftigsten Vertheidigung eines andern ihm anvertrauten Posten. — In den letzten Jahren des Krieges waren übrigens die Genie- und Artillerie-Corps der carlistischen Nordarmee auf einen hohen Grad der Vollkommenheit gelangt und zählten sehr viele ausgezeichnete Officiere, unter denen mehrere Fremde, Deutsche besonders.

[9] Zwei Deutsche, die Capitains Roth und Strauß, waren seit Kurzem in das Corps getreten und hoben es sehr. Sehr schmerzte es mich damals, die Landsleute nicht kennen gelernt zu haben.

[10] Zwei große Ortschaften Guipuzcoa’s, Azpeytia und Ascoytia, zeichnen sich so durch die herrlichen Gestalten ihrer Männer wie Weiber aus, daß es schwer sein möchte, in ihnen irgend ein junges Mädchen aufzufinden, welches nicht in jedem andern Punkte den Namen einer Schönheit erhalten würde.

[11] Negros, Schwarze, wurden die Constitutionellen schon zur Zeit Ferdinand’s schimpflich benannt, wogegen in jener früheren Epoche die königlich Gesinnten sich als „Weiße“ bezeichneten, welche Benennung jedoch nicht wie jene bestand.

[12] Es ist bekannt, wie Espartero, nachdem er im Vertrage von Bergara von Neuem die Aufrechterhaltung der fueros zugesagt, nun mit ihrer Vernichtung beschäftigt ist.