IV.
Mehrere Truppen-Abtheilungen waren angekommen, Munition ausgetheilt und alle die Vorbereitungen getroffen, welche dem Soldaten anzeigen, daß bald sein Muth wird in Anspruch genommen werden. In der Nacht des 5. Juni weckte mich der dumpfe Lärm, der stets den Abmarsch der Truppen begleitet, und im Augenblick gekleidet und bewaffnet eilte ich den Bataillonen nach, deren Marschrichtung die Absicht, die feindlichen Stellungen anzugreifen, nicht bezweifeln ließ. Da mein Pferd noch nicht angelangt war, konnte ich meine Functionen bei dem General nicht versehen, weshalb ich dem 2. Bataillon von Guipuzcoa mich anschloß, dessen Grenadier-Compagnie von einem Schweizer, mit dem ich näher bekannt geworden war, commandirt wurde. Noch vor Tagesanbruch standen — oder besser lagen — wir, hinter dem Kamm einer Anhöhe auf der Erde ausgestreckt, den Vorposten des Feindes gegenüber, die in ihre buntgestreiften wollenen Decken gehüllt rasch auf- und abschritten, die Morgenkälte abzuwehren, die selbst in jener Jahreszeit ihnen empfindlich blieb; die wild wehmüthigen playeras — Meeresufer-Gesänge —, die Kinder des südlichen Andalusien verrathend, wurden vom leichten Winde in abgerissenen Klängen zu uns herübergetragen. Hinter den Vorposten erhoben sich die Verschanzungen über Passages, augenscheinlich zum Ziel unseres Angriffes bestimmt. — Ein zweites Bataillon lagerte etwas zur Rechten hinter uns.
In lautloser Erwartung lagen wir da. Wer vermöchte die Gefühle zu schildern, die in der Brust des Jünglings stürmisch wogen, da er die Stunde des ersten Kampfes nahen sieht! Stolz und Beklommenheit, Vertrauen und Ungeduld wechseln gleich mächtig: der Augenblick ist ja da, den er so lange herbeigewünscht, der bewähren soll, daß er würdig ist, um den Preis der Tapferkeit mit Kriegern zu ringen.
Weithin zur Linken ertönte ein Schuß, ihm folgten Tausende; die Jäger-Compagnie[13] des Bataillons stürzte auf das Signal, in Tirailleurs sich auflösend, gegen die Vorposten-Linie der Feinde, welche langsam zurückwich, bald aber durch bedeutende Massen unterstützt wurde, gegen welche zu schwach auch unsere Tirailleurs gelegentlich verstärkt werden mußten. Ungewiß hin und her wogten nun die Feuer-Linien, ohne daß lange etwas Entscheidendes unternommen wäre; zu unserer Linken aber ertönte fortwährend lebhaftes Flintenfeuer, von häufigen Kanonenschüssen übertäubt. Ich verfluchte schon die Idee, welche diesem Bataillone mich anschließen machte, da es dem Anschein nach nur den Feind zu beschäftigen bestimmt war. In der That mußte es niederschlagend sein, regungslos hinter der Höhe zu liegen und nur von Zeit zu Zeit Verwundete, in tiefem Schmerze ächzend, zurückgeführt zu sehen; mein erstes Feuer kühlte nach und nach ab, wie die Sonne höher stieg, Hunger und Durst, immer gleich tyrannisch, machten sich sehr fühlbar, und ich äußerte schon gegen meinen Schweizer den Wunsch, daß das Gefecht aufhören oder wir zu thätiger Mitwirkung bestimmt werden möchten.
Da sprengte ein Stabsofficier heran — ohne Zweifel bringt er die Ordre zur Bewegung, sei sie vor- oder rückwärts —; Aller Augen, finster vor Ungeduld glühend, wandten dem Reiter sich zu. Er wechselte einige Worte mit dem Chef des Bataillones, welches einen Augenblick später in Masse gebildet stand, während eine zweite Compagnie die noch immer in Tirailleurs aufgelöseten Jäger verstärkte. Nachdem der Commandeur seinen Guipuzcoanern wenige Worte der Aufmunterung, mir unverständlich, zugerufen, erstiegen wir rasch die Anhöhe, die bisher uns gedeckt, und sahen vor uns eine kaum vollendete Verschanzung, ihr zur Seite mehrere kleine Colonnen, deren Scharlach-Uniform weithin in der Sonne glänzend die Engländer kund gab. Die andalusischen Schützen zogen sich schnell vor unsern Tirailleurs zurück und stellten sich, die Fronte der Schanze frei lassend, hinter den nahen Felsen auf, die allein der kahlen Höhe, auf der wir fechten sollten, Abwechselung verliehen. Das uns folgende Bataillon wandte sich gegen die Truppen, welche neben dem Werke aufgestellt waren, zu dessen Nahme die in Masse gebildeten sechs Compagnien des unsrigen, die Grenadiere an der Spitze, vorrückten.
Die Guipuzcoaner zeichnen sich allgemein durch Bravour und Unerschrockenheit eben so aus wie durch die Gewandheit und Kühnheit, mit der sie furchtlos und festen Kopfes die Abgründe ihrer Gebirge durchfliegen oder leicht von Felsen zu Felsen springen; unter ihnen genoß aber das zweite Bataillon des Rufes der höchsten Festigkeit, und stolz strebte es, dessen sich würdig zu zeigen. Mit Ruhe schritten die sechs Compagnien, etwa vierhundert Mann, zum Angriff; schon sausete eine Kanonenkugel über ihren Köpfen hinweg, und der Gruß ward mit lautem Jubelgeschrei beantwortet, eine zweite schlug dicht neben den Truppen nieder und schleuderte Felsensplitter in die Reihen, manchen derben Fluch hervorrufend. Die Masse beschleunigte den Schritt. Die englischen Artilleristen fehlen selten: rechts und links stürzten die Freiwilligen verstümmelt nieder und hemmten den geschlossenen Marsch, ihr Schmerzensgeschrei, die Seele zerschneidend, verwandelte den Muth ihrer Cameraden in Rachewuth. Umsonst spieen bald die Geschütze ihnen Kartätschen entgegen, umsonst schlugen schon einzelne Flintenkugeln in ihre Reihen: nicht mehr in der ersten, stolzen Ordnung, aber mit immer wilderem Geschrei, immer rascheren Schrittes naheten die kühnen Guipuzcoaner den schwarzen Ungeheuern, die nur aus der Ferne verderblich; der Sieg war nicht mehr zweifelhaft. — Ha, was war das! Ein furchtbarer Donner ertönte zu unserer Rechten, das Bataillon, welches uns deckte, floh, unsere Freiwilligen stutzten trotz dem Rufen und dem Beispiel der Officiere. Ein zweiter Donner folgte; Eisenmassen jeder Größe umschwirrten, durchschlugen unsern Haufen, die Soldaten betäubt durch den nicht erwarteten Schlag wandten den Rücken, im nächsten Augenblick flohen sie in wilder, unbändiger Verwirrung: ein englisches Kriegsschiff, bisher hinter den Felsen verborgen, hatte sein Feuer gegen unsere Flanke eröffnet und überschüttete uns mit seinen furchtbaren Geschossen aller Arten und Formen.
Von dem ersten Entsetzen nach der ungewohnten Begrüßung zurückgekommen, waren die Guipuzcoaner bald wieder gesammelt; verstärkt durch die beiden andern Compagnien rückten sie nach kurzer Rast wieder vorwärts, nicht mehr mit so lautem Geschrei, so jubelnd und ungeduldig, aber fester und unerschütterlicher, denn sie wußten, was ihrer wartete, was sie zu besiegen hatten. Über die Körper todter und verstümmelter Gefährten führte der blutige Weg zum Siege; da flehete wohl mancher Arme umsonst die Brüder an, seine Leiden barmherzig zu enden. Wieder hüpften die Kanonenkugeln um uns und durch uns, wieder stürzten die Cameraden unter den Kartätschen. Unwillkührlich wenden sich Aller Blicke rechts, schon tritt die dunkele, ebenmäßige Gestalt des Schiffes hinter den Felsen hervor, da flammt die Helle auf, weißer Rauch säuselt empor: eine finstere Masse brauset die schreckliche Gabe daher, mit Blut ihre Bahn zeichnend, begleitet von Todesröcheln und schmerzlichem Gewimmer. Doch „Vorwärts!“ ertönen hundert Stimmen; das dreifache Feuer der Fregatte, der Batterie und der englischen Infanterie hält die Guipuzcoaner nicht auf, sie stürzen in furchtbarer Unordnung auf die Geschütze und schwingen sich federleicht über die Brustwehr. Ein augenblickliches Ringen erfolgt, das Ringen der Verzweiflung, die den Tod gewiß sieht — die zuckenden Leichen der Feinde bedeckten den Boden.
Übermüthig jubelnd stürzten sich die Guipuzcoaner auf die gehaßten, nun hingestreckten Eindringlinge; die Männer, welche so eben mit herrlichem Heldenmuthe dem tausendfachen Tode getrotzt, durchwühlten nun mit gieriger Hast die Reste der Gefallenen, nach dem erbärmlichen Metalle suchend, dem der Mensch zum Sklaven sich herabwürdigt!
Doch bald wurden die Freiwilligen von ihrem blutigen Werke aufgestört. Eine dunkele Masse nahete, klein und unansehnlich, aber sichern Schrittes und Unheil verkündend, da sie so finster gedrängt heranzog: englische Marine-Truppen eilten, unsere Beute uns zu entreißen, die wir, da das andere Bataillon nicht wie wir vorgegangen, ganz auf uns beschränkt waren. Die Unsrigen wußten der Geschütze sich nicht zu bedienen, gedachten ihrer wohl gar nicht. Rasch geordnet sandten sie einen dichten Kugelregen den feindlichen Massen entgegen, doch sie nahete; ihre Reihen wurden lichter, wie sie vorwärts drang, aber die Masse nahete stets. Die Reihen der Carlisten wankten, dieses lautlose, immer ruhige, immer sich gleiche Vordringen war ihnen unheimlich, übernatürlich. Schon waren die Fremdlinge wenige Schritte von dem genommenen Werke; noch eine Salve, sie muß die kleine Schaar wegfegen: weit über den Köpfen der Andringenden flogen die Kugeln hin, die Basken flohen aufgelöset ihrer ersten Stellung zu, sofort von den Kugeln der Engländer verfolgt. Vergeblich strebten einige Officiere, den Strom aufzuhalten; mein Schweizer, der schon leicht verwundet nicht von der Spitze seiner Compagnie gewichen, tobte, flehete, stach in Verzweiflung auf seine fliehenden Grenadiere — zum kleinen Häuflein zusammengeschmolzen. Eine Flintenkugel streckte ihn neben mir nieder, und kaum gelang es, ihn hinter die schützende Höhe zu schleppen.
An neuen Angriff war nicht zu denken: das Bataillon hatte mehr als die Hälfte seiner Leute, noch mehr der Officiere verloren. Da auch auf den andern Punkten der Linie der Kampf ohne dauernden Erfolg gewesen, wenn auch mit weit geringerem Verluste der Carlisten, ward der allgemeine Rückzug anbefohlen. Um Mittag standen wieder die Vorposten sich gegenüber, ruhig mit einander rauchend und trinkend, und über den Bergen schwebte die heitere Ruhe, die ich so oft bewundert. Ein Fremdling hätte geglaubt, in den Schoos tiefen Friedens und Glückes versetzt zu sein.
Am Abend jenes Tages saß ich neben dem Lager des Verwundeten. Die rechte Brust war ihm durchbohrt, er konnte die Nacht nicht überleben; schwer athmend lag er abwechselnd in wilden Phantasien und in schlaffer, fast besinnungsloser Abspannung. Endlich schlug er die Augen auf, Thränen füllten sie: er faßte sanft meine Hand und sprach mit zitternd leiser Stimme von der fernen Heimath, von den Theuren, die dort liebend seiner gedenken mochten, von seiner Mutter...! Sie ahnete wohl nicht, daß der einzige Sohn, auf das Schmerzesbett gestreckt, der letzten unvermeidlichen Stunde so nahe sei! Noch ein Mal drückte er lautlos mir die Hand. — Auch ich gedachte des Vaterlandes, gedachte der Lieben, die ich vielleicht nie wieder sehen sollte, ich rief so manche glückliche Stunde, nun auf immer entflohen, mir zurück, malte mir aus, was der Norden Lieblichstes beut: da gab ich der stillen, sehnsuchtsvollen Wehmuth mich hin, die in dem Glücke der Vergangenheit ein neues Glück, noch zarter, sich schafft.
Am folgenden Morgen ward mein braver Schweizer mit militairischem Pompe beerdigt. Ich fühlte seinen Verlust wie den eines Freundes: im fremden Lande, im Getümmel des Krieges, wenn man allein unter dem kalten, theilnahmlosen Geschlechte dasteht, wenn rings der Tod lauert und droht, wenig Augenblicke nur dem Genuß zu gewähren — da schließen sich die Bande auch leichter und enger, und Jeder eilt, das seltene, flüchtige Glück nicht ungenutzt zu lassen.
Einzelne Gefechte und Scharmützel ohne Bedeutung hatten kaum während des ganzen Monats Juni die Unthätigkeit in Guipuzcoa unterbrochen, da unsere Streitkräfte sich größtentheils nach andern Punkten gezogen hatten, Evans aber, ehe er zur Ausdehnung seines Gebietes schritt, wohl erst das schon Genommene befestigen und sich dadurch einen Anhaltspunkt für den Fall eines Unglücks sichern wollte. Graf Casa Eguia war durch den General Villareal im Oberbefehle ersetzt, der, Capitain unter Ferdinand VII. und seit dem ersten Augenblicke des Aufstandes in seiner vaterländischen Provinz Alava thätig, das besondere Vertrauen Zumalacarregui’s verdient hatte. In der That zeichnete er sich als Brigade- und Divisions-Chef durch Kaltblütigkeit und Bravour aus; es fehlte ihm aber ganz an dem zur Leitung einer Armee nöthigen Überblicke, weshalb er in der Menge seiner Bataillone sich selbst verwickelte und sie nicht anzuwenden wußte.
Mit Villareal war das System der Expeditionen zur Herrschaft gekommen. Während der General die feindliche Veste Peñacerrada bedrohete, und dadurch Cordova zwang, seine Pläne auf das Bastan-Thal aufzugeben und von Navarra nach Alava zu eilen, hatte Gen. Gomez die Provinzen verlassen und schon auf dem Marsche nach Asturien die Reserve-Division des Feindes vernichtet. Der Sieg ward durch das Land mit Jubel gefeiert: Glockengeläute, auf den Plätzen angezündete Scheiterhaufen, öffentliche Tänze und Freudenfeuer verkündeten die Theilnahme des Volkes. Auch Gen. Garcia bestand mehrere Kämpfe in Navarra und zerstörte einige Forts der Zubiri-Linie, mußte sich jedoch beim Nahen der Übermacht stets zurückziehen.
Ich hatte mich während der selten unterbrochenen Muße mit dem Studium der Sprache, wie mit fortwährenden Ausflügen durch das Land beschäftigt, welche noch angenehmer waren, da Pferd, Waffen und Gepäck endlich von den Staats-Schmugglern über die Gränze gebracht waren, wobei natürlich die Gefahr der Contrebandiers, wie der Gendarmen Kurzsichtigkeit, die Nachlässigkeit der Douaniers und die zufällige Abwesenheit der Patrouillen ihren fixen Preis hatten. Im Anfange Juli benachrichtigten uns endlich unsere Spione von Angriffs-Plänen des Feindes, deren Ziel jedoch unbekannt war; in der Nacht vom 10. zum 11. Juli meldeten die Vorposten, daß Bewegungen in den ihnen entgegenstehenden Truppen bemerkbar würden: der geschäftige Lärm, der von dem Hafen von Passages herübertönte, deutete an, nach welcher Seite Evans seine Streitkräfte richtete. So wie der Morgen graute, wurden Schüsse aus dem rechten Flügel unserer Linie hörbar und folgten von Minute zu Minute mit mehr Lebhaftigkeit. Achttausend Mann, aus spanischen und Legions-Truppen bestehend, sollten Fuenterrabia, dann Irun nehmen, und so den Carlisten die Verbindung mit Frankreich auf der großen Heerstraße abschneiden.
In Begleitung des Generals ritt ich zum Kampfplatze, wo unsere Schwäche, da im ersten Augenblick nur zweihundert Mann dem Feinde gegenüberstanden, uns nur erlaubte, ihm das Vorrücken so viel wie möglich zu erschweren[14]; so gelangte er denn, wenn auch mit Verlust, bis fast unter die Mauern von Fuenterrabia. In dem Verhältnisse, in dem unsere weiter entfernt stehenden Truppen anlangten, war der Widerstand kräftiger geworden, nun gingen wir zur Offensive über; die Engländer wiesen den Sturm anfangs fest zurück und benutzten jedes Zaudern zu erneuertem Vordringen, als aber ihre spanischen Bundesgenossen hart gedrängt wichen und selbst in Unordnung geriethen, mußten auch sie weichen. Sie zeigten, wie gewöhnlich, hohe Ruhe und Todes-Verachtung. Langsam zogen sich ihre Massen, von Schützen schwach gedeckt, zurück, in jeder Stellung hielten sie an, wie um auszuruhen, und vertheidigten sich eine Zeit lang gegen unsere Tirailleurs-Linien, die sie von Berg zu Berg, von Schlucht zu Schlucht auf dem Fuße verfolgten, oft stark drängten und ungestraft in die geschlossenen Haufen hineinschossen, ohne daß die schwerfälligen englischen Schützen, wie viele auch brav das Leben auf ihrem Posten opferten, die leichtfüßigen Guipuzcoaner hätten zurückhalten können. Ich glaubte den Kampf beendigt, da die Feinde fast schon ihre ursprüngliche Stellung wieder erreicht hatten, und ich freute mich, daß wir, wiewohl ohne entscheidenden Sieg davon zu tragen, die Versuche des überlegenen Feindes so rühmlich zurückgewiesen.
Der General hielt auf einem Hügel, von dem wir einen Theil der Feuerlinie übersehen konnten, als ziemlich fern zur Rechten lebhafteres Feuer gehört wurde, weshalb ein Adjudant, mit dem ich, da er französisch sprach, näher bekannt geworden, Befehl erhielt, dorthin zu eilen; da hier schon Alles ruhig war, begleitete ich ihn. Da die Truppen einen stark eingehenden Bogen bildeten, suchten wir auf der kürzesten Linie zur Stelle zu kommen, bogen um die scharfe Ecke eines mit Unterholz bedeckten Hügels und... sahen, dreißig Schritte entfernt, ein Detachement christinoscher Jäger vor uns. Schon waren die Büchsen auf uns gerichtet: mein Gefährte sank todt vom Pferde, das meinige stürzte nach einem verzweifelten Sprunge zu Boden, halb mich bedeckend, während die Ordonnanz, welche hinter uns ritt, in gestrecktem Galopp davon jagte. Im nächsten Augenblicke war ich umringt und unter dem Pferde hervorgezogen — eine Kugel hatte mir das Bein, doch nicht gefährlich, verletzt. Halb betäubt blickte ich um mich, in die dunkeln Gesichter der Jäger, ich zweifelte noch und konnte mir das Schreckliche nicht möglich denken; ich fühlte mich zagen bei dem Gedanken: ich bin gefangen.
Gefangen! Wo waren nun meine herrlichen Träume, wo waren Auszeichnung und Krieges-Ehre und alle die stolzen, wilden Hoffnungs-Gebilde, die meine Brust so oft stürmisch gehoben hatten! — Da freilich hatte ich wenig Zeit zu solchen Betrachtungen. Ich verfluchte auf gut deutsch mein Geschick; bemühete mich, die Fragen des feindlichen Officiers französisch zu beantworten, und machte gute Miene zum bösen Spiel, dem Feinde durch festen Muth auch im Dulden zu imponiren. Doch wurde ich damals sehr gut, selbst mit Rücksicht behandelt, und da ich den Soldaten meine Börse ausgehändigt, ward ich nicht weiter ausgeplündert.
Oberstlieutenant Evans hatte, wie er sagte, seine Recognoscirung auf Fuenterrabia glücklich ausgeführt und sich dann zurückgezogen; oder, wie alle Welt sonst unverschämt es nannte, sein Plan, Irun und Fuenterrabia zu nehmen, war ganz mißlungen, und er hatte lebhaft gedrängt und mit schwerem Verluste in seinen Verschanzungen Schutz suchen müssen. Solche verschiedene Versionen waren damals sehr gebräuchlich, und man sah wahrhaft wunderbare Dinge in dem Genre. Das Detachement, in dessen Hände ich gerathen, hatte sich seinem Bataillone angeschlossen und zog mit ihm nach kurzer Rast der Festung zu, wohin auch ich geführt werden sollte. Man glaubte meiner wohl ganz sicher zu sein, da ich innerhalb der Linien doch schwerlich entschlüpfen konnte: so blieb ich fast ganz unbeachtet, bald an der Tete, bald weit zurück marschirend und gelegentlich mit irgend einem Officier einige Worte wechselnd, der mit seiner Kenntniß des Französischen paradiren wollte. Meine Gedanken schweiften unstät umher, bis sich bald alle in dem Streben und der Hoffnung concentrirten, die Freiheit wieder zu erlangen; die Idee schon gab mir neue Kraft und erhöhete meinen Muth. In der That schien die Gelegenheit günstig sich darzubieten.
Am Nachmittage machte das Bataillon in einem kleinen Weiler Halt, worauf die Soldaten, erschöpft wohl vom Kampfe und der Hitze des Juli-Tages, theils in den Schatten der Bäume sich niederstreckten, theils zu den Häusern eilten, Lebensmittel oder Getränk sich zu verschaffen. Eine Zeit lang saß ich ruhig auf einem Steine, besorgt, keinen Verdacht zu erregen, spatzierte dann auf und ab und schlug, da Niemand auf mich achtete, den Weg nach San Sebastian ein. Eine Minute später hatte ich die Heerstraße verlassen und erstieg, durch Bäume und Gebüsch verborgen, rechts die Höhen-Reihe, die längs dem Meere sich hinzieht. Das Dörfchen blieb weit unter mir links zurück, als ich Entdeckung fürchtend in dichtem Gesträuch den Abend zu erwarten beschloß. Da lag ich in furchtbarer Spannung regungslos. Knaben trieben, kaum zehn Schritte entfernt, ihr Vieh zu einer Lache, die nur der Busch von mir schied; dann hörte ich einen schweren Tritt langsam nahen: da zitterte ich. Das Gesicht halb mit dem Basken-Barett bedeckt, stellte ich mich schlafend; das Geräusch näherte sich, hörte auf, näherte sich wieder, schon war es neben mir. Fest geschlossenen Auges und regelmäßig athmend lag ich da. Wohl Minuten stand das unbekannte Wesen über mir — eine Ewigkeit schienen sie mir —, dann setzte es ohne andern Laut seinen schwerfälligen Marsch fort, häufig wie vorher ihn unterbrechend. Lange, lange schon hörte ich nichts, ehe ich ein Auge halb zu öffnen wagte: nichts war sichtbar. War es ein Mensch? War es ein Thier? Es ist mir stets ein Räthsel geblieben.
Endlich brach die ersehnte Dämmerung an. Ich eilte aus meinem Versteck und folgte raschen Schrittes dem Höhen-Zuge, der längs dem Meere nach Fuenterrabia mich führen sollte. Die herrliche Sommernacht erleichterte den gefährlichen Marsch, der Glanz der Gestirne, auf dem dunkeln Blau des spanischen Himmels heller leuchtend, ersetzte das Licht des Mondes; ein sanfter, kaum fühlbarer Hauch von der See her störte nicht die wohlthuende Ruhe der Natur. Selbst die Wogen des Vizcaischen Meeres, immer fast stürmisch erregt, murmelten lieblich zu meiner Linken, und ich war mehrfach versucht, schwimmend ihnen mich anzuvertrauen. — Etwa eine Stunde lang folgte ich der Höhe, oft erschreckt durch das Säuseln des Grases oder den Schall eines Steinchens, den mein Fuß den Abhang hinabrollen machte, nicht selten athemlos mich zu Boden werfend, wenn ein verdächtiger Laut mein Ohr traf. Da plötzlich ward dumpfer Lärm zur Seite hörbar, Lichter funkelten am Fuße des Berges, und ich stand über jähem Abgrunde, in dessen Tiefe große dunkle Körper aus der Silberfläche des Wassers erkennbar waren. Ich befand mich über dem Hafen von Passages, von einer Schlucht gebildet, die den Felsenzug durchschneidet, der das Meer hier begränzt, und deren Eingang so schmal ist, daß nur ein Schiff zur Zeit ihn passiren kann; zwischen dem Hafen und dem Felsen bleibt nach Frankreich hin ein kleiner Raum, der gerade eine Straße, Pasages de Francia genannt, fassen konnte. Pasages de España liegt auf der Westseite der Bucht, die es nur mit seiner schmalen Seite berührt, da der Felsen, fast perpendikulär auf ihre Wasserfläche sich senkend, nicht wie im Osten den Ort zu erbauen erlaubte.
Rascher Entschluß war nöthig: den folgenden Tag durfte ich keinen Falls erwarten, dazu war kaum die Nacht angebrochen, vielleicht konnte ich im geschäftigen Treiben der Stadt unbemerkt den Hafen passiren. Auf Umwegen suchte ich den südlichen Abhang hinabzusteigen, ich glitt bald weite Stellen hinunter, stolperte dann über Felsen und Baumwurzeln und mußte Hecken überspringen und mehrere terrassenförmig angelegte Gärten forciren; an Händen und Gesicht verletzt sah ich mich endlich wieder auf der Heerstraße. Ich durchschritt langsam und mit gleichgültigem Äußern die Straßen der Stadt, in denen Matrosen und Soldaten[15], fast alle Engländer, sich durch einander drängten, und erreichte bald den Quai; neue Verlegenheit: eine Brücke existirte nicht, Umgehung der Bai war nicht möglich, da ein Fluß in sie einmündet. Doch Zaudern vermehrte nur die Gefahr. Ein Boot, in das ein fein gekleideter Mann, wohl ein britischer See-Officier sich gesetzt, war im Begriff abzustoßen, ich sprang hinein. Der Engländer fragte mich englisch, wer ich sei, dann, da ich nicht antwortete, spanisch, worauf er, da ich einige unverständliche Worte murmelte, abzustoßen befahl, ohne Zweifel nach meinem Anzuge für einen Officier des baskisch-christinoschen Corps mich haltend, chapelgorris — Rothhüte — genannt, da sie wie wir das farbige Basken-Barett trugen. Am andern Ufer angekommen, grüßte ich ihn und verschwand in einem Gäßchen, welches in die Häuserreihe einschnitt. Der Weg führte auf den Felsenriff, der, nur durch den Hafen von dem getrennt, auf welchem ich bis hieher gekommen, längs dem Meere fortlief, derselbe, auf dem ich den ersten Kampf gekämpft, in dem mein armer Schweizer den Todesschuß erhielt. Die steile Höhe war bald erstiegen.
Der schwierigste Theil der Flucht stand noch bevor: ich mußte die Vorposten-Linie des Feindes passiren, wobei die Helle der Nacht, die mir bisher so günstig gewesen, nun zum Hinderniß wurde. Über Felder und hinter Hecken fort schlich ich mit Vermeidung aller Wege den Posten zu, die ich endlich Gewehr im Arm ihren regelmäßigen Gang auf und ab spatzieren sah. Umsonst versuchte ich den Durchgang nahe bei dem Meere: die Chaine war bis zu der hohen Felsküste ausgedehnt; umsonst schlich ich hinter der Linie auf und ab, eine weniger scharf bewachte Stelle suchend. Da machte ein helles „quien vive?“ das Blut mir in den Adern gerinnen — ich stand bewegungslos, lautlos — nochmals ertönte nicht dreißig Schritt vor mir der furchtbare Ruf; dann war Alles still. Lange, lange stand ich wie eine Statue, es mochten Minuten sein, mir schienen sie Jahre; endlich begann ich rückwärts zu gehen, Fuß vor Fuß, besorgt, dem etwa forschenden Auge durch veränderte Stellung einen neuen Gegenstand der Aufmerksamkeit darzubieten. Schon wagte ich langsam mich umzudrehen: ein neues „quien vive!“ — ich stand wie vom Blitz getroffen. Da antwortete eine sanfte weibliche Stimme von der andern Seite her, und rasch gingen zwei Bäuerinnen, hohe Körbe auf den Köpfen tragend, wenige Fuß von mir entfernt vorüber. Ich benutzte das Geräusch ihrer Schritte, um mich gleichfalls von dem gefürchteten Posten zu entfernen.
Doch wozu mehr der Schrecken jenes Abends! Ein Hund, mit lautem Gebell mir folgend, trieb mich zu rasender Verzweiflung, daß ich mit dem Messer auf ihn stürzte, ihn zu tödten; dann die Patrouillen, die fast mich berührend, den im Schatten eines Felsen oder Busches Hingestreckten unbemerkt ließen! Wohl darf ich sagen, daß ich nie später, nie früher solches Gemisch, so raschen, erstarrenden Wechsel der Hoffnung und des Schreckens, der Anspannung aller geistigen und körperlichen Fähigkeiten und plötzlicher Erschlaffung empfand, die doch wieder dem Drange des Wollens weichen mußte; dazu der Schmerz, stets wachsend, und die Lähmung der Wunde, die, wiewohl leicht, durch die entsetzliche Anstrengung in jedem Augenblick empfindlicher wurde. — Hoffnungslos wollte ich den Versuch machen, mit Gewalt die Kette zu durchbrechen. Einer der Posten rief mich an, da eine englische Patrouille dicht hinter mir erschien: ich ward umringt und fortgeführt, von Neuem ein Gefangener.
Der Sergeant, mit dem ich einige Worte gewechselt, geleitete mich zu der großen Schanze über Passages. Da er dort seinen Bericht abgestattet, erhob sich dumpfes Gemurmel: „the spy, the spy!“ unter den Leuten, der dort commandirende Marine-Officier aber befahl kalt dem Sergeanten: „give him to the Spaniards to shoot him“; mit gleich kalter Verbeugung wandte ich mich, dem Sergeanten zu folgen. Doch der erklärte, daß ich englisch spreche, was Allem eine andere Wendung gab. Nachdem ich eine Viertelstunde mit dem Officier mich unterhalten, wobei ich, da nach spanischem Gesetz der entflohene Gefangene Todesstrafe hat, als zufällig nach dem Gefechte zu weit vorwärts gegangen und verirrt mich angab, ging ich Arm in Arm mit ihm nach Passages hinunter, wo wir mit einigen andern Engländern mehrere Flaschen leeren mußten. Dann fuhren wir auf einem kleinen Boote nach San Sebastian und blieben während der Nacht auf dem Dampfschiffe Isabel, dessen Bemannung ganz aus Engländern bestand. Nachdem wir trotz der mir offen ausgesprochenen Ansicht Aller, daß ich am andern Tage würde erschossen werden, bis lange nach Mitternacht gescherzt und getrunken, schlief ich bis zum Frühstück auf einem Sopha, worauf einer der Officiere, nachdem alle feierlich den Abschiedstrunk mir gereicht und herzlich Gutes wünschend meine Hand gedrückt hatten, zum Oberstlieutenant — im Dienste Christina’s General-Lieutenant — Evans mich begleitete.
Unpäßlich empfing er mich im Bette und befragte mich um manches die Faktion, wie in Spanien die carlistische Parthei gewöhnlich genannt wird, und mich selbst Betreffende; wenn ich da die Antwort meist umging, konnte ich natürlich über das, was die Politik des Vaterlandes und dergleichen anging, nur meine Unwissenheit erklären. Dann sagte er mir, daß ich, da die Legion kein Pardon erhielte noch gäbe, sofort hätte erschossen werden müssen, daß er aber, da ich doch als Hannoveraner Unterthan desselben Königs und eigentlich ein „halber Engländer“ sei, den Spaniern als Gefangenen mich übergeben werde. Ohne dieses Mal gegen das half english, das so guten Dienst mir leistete, zu protestiren, folgte ich freudig dem Officier, der dem Gouverneur der Citadelle mich übergeben sollte, und ward bald in das mir bestimmte Zimmer eingeschlossen, nachdem der Gouverneur, ein Spanier, mich hatte scharf durchsuchen und unter nichtigstem Vorwande Alles, was ihm anstand, mit Beschlag belegen lassen.
Mein Zimmer bestand aus einem großen Rechteck mit zwei Alkoven, in deren einem ein Strohsack, das einzige Meubel sich befand. Täglich zwei Mal erschien ein altes Weib, mir einen kleinen Teller in Öl gekochter Bohnen und ein Stückchen Ekel erregenden Brodes zu bringen; für schweres Geld, durch den Verkauf des mir nicht Entrissenen verschafft, konnte ich Chocolate, der Spanier gewöhnliches Morgengetränk, haben; andere Erquickung war versagt, und selten nur mochte Etwas hereingeschmuggelt werden. Der Zufall wollte, daß ich mein Handbuch des Spanischen und ein anderes mir werthes Buch in der Tasche gehabt, sie konnten die Habsucht nicht reizen und waren daher ein herrlicher Trost in der Einsamkeit des Kerkers mir geblieben; sie las, durchdachte ich wieder und wieder. Und dann ging ich Stunden lang auf und ab, zur fernen Heimath versetzt, das Vergangene von Neuem durchfühlend, alles mir Theure den Augen des Geistes vorzaubernd. Die Gefühle jener Stunden klangen oft erhebend in die bittere Niedergeschlagenheit hinüber, die wohl den Gefangenen auch geistig fesseln wollte.
Es war mir erklärt, daß, so wie ich das Fenster öffnete, auf mich geschossen würde; es ging aber, wenigstens dreißig Fuß über dem Boden erhaben, auf einen Theil des Wallganges, auf dem mehrere Schildwachen standen, und der rings von entsetzlichem Abgrunde umgeben Flucht unmöglich machte, da der einzige Pfad mitten durch die Wache führte. Bald wagte ich denn auch, vorsichtig mein Fenster zu öffnen, und o Freude! es blieb fast immer unbemerkt, so daß ich auch der herrlichen Aussicht und der frischen Meeresluft mich erfreuen durfte.
Links bis zum Horizont dehnte sich die blaue Meeresfläche, bald bewegungslos wie ein Spiegel leuchtend, bald thürmte es im wilden Kampfe der Elemente seine Wogen häuserhoch und hüllte mit dumpfem Gebrüll das Felsengestade in Schaum. Fast immer schmückten es ein- und auslaufende Schiffe oder zahllose Fischerboote, häufig zog die leichte, feine Gestalt einer englischen Fregatte meine Aufmerksamkeit an oder ein Dampfschiff, stets gleich sicher die Wellen durchschneidend, schien die dunkeln Qualm-Wolken in langem Schweife sich nachzuziehen. Etwas weiter rechts erhob sich einem Gewölk nicht unähnlich die Hügelküste Frankreichs, auch bei Nacht durch das Feuer der Leuchtthürme weithin sichtbar. Vor mir breitete sich in seiner ganzen Schönheit das Thal aus, in dem die Straße nach Passages hinläuft, oft von den Schaaren der Christino’s und ihrer britischen Genossen durchzogen; eine Schiffbrücke verbindet es mit der Festung. Dann erschien der Hafen mit seinem Mastenwalde, und über ihm hinaus erhoben sich stufenweise die Gebirgsreihen, zu denen die Carlisten nach der Ankunft der englischen Legion zurückgedrängt waren. Von dort drang nicht selten das Getöse des Gefechtes zu mir, oder der Schüsse Blitzen, wenn der Kampf bis in die Nacht sich verlängerte, durchzuckte in rascher Folge die Dunkelheit. Das waren die elendesten Tage der Gefangenschaft!
Tief unter der Citadelle bot die Stadt den größten Theil der Straßen meinem Blicke dar, und deutlich unterschied ich das immerwährende Getümmel auf dem Marktplatze, auf dem die Spanier einen nicht unbedeutenden Theil ihres Lebens zuzubringen pflegen. San Sebastian ist nicht regelmäßig gebaut, aber sehr freundlich, die Straßen sind schmal, da der kleine Raum sorgfältig benutzt wurde, die Häuser, sonst geschmackvoll, durchgehends sehr hoch, oft sechs, sieben Stockwerke auf einander gethürmt. Die Stadt liegt auf einer durch eine hohe isolirte Felsmasse gebildeten Halbinsel, die im Norden vom Meere, im Westen vom Hafen und nach Morgen von einem Meeres-Arm umgeben ist, welcher sich so weit erstreckt, daß er vom Hafen nur durch eine schmale Landenge getrennt ist, die die kleine zwischen dem Felsen, dem Arme und dem Hafen eingeschlossene Ebene, auf der die Stadt gegründet, mit dem Festlande verbindet. Die Befestigung besteht nach der Landseite aus einem Kronwerke, nach dem Meere zu ist San Sebastian durch das auf dem Felsberge errichtete, nur auf schmalem, vielfach sich windendem Wege zugängliche Castell ganz gedeckt und beherrscht. Die Festung ist in der That eine der festesten und durch seine Lage wichtigsten des Königreiches; sie möchte am besten von der Westseite her anzugreifen sein, wo jenseit des Meeresarmes der Höhenzug, welcher bis Passages ununterbrochen hinläuft, innerhalb Kanonenschußweite zur Höhe des Castells sich erhebt, während jener Arm zur Zeit der Ebbe ohne Schwierigkeit passirt wird. Dort besonders hatten die Carlisten vor der Ankunft der Legion die Werke errichtet, die wegen Mangel an Material nur zur Blokade dienten, von dort aus griff Wellington’s englisch-spanische Armee die Festung an und nahm sie nach kräftiger Vertheidigung.
Die Einförmigkeit der Gefangenschaft wurde oft, wiewohl nicht angenehm, durch die Engländer unterbrochen, die in großer Zahl im Zustande der Trunkenheit und wegen Insubordination[16] als Arrestanten auf dem Wallgange oder im äußern Hofe sich befanden und wohl unter meinen Fenstern ihre Spiele trieben. Der Anblick war furchtbar widerlich, ich würde nicht ihn zu beschreiben wagen. Doch frappirte mich wiederholt die Bemerkung, daß unter diesem Abschaum des Inselreiches Männer sich fanden, die augenscheinlich einer höhern Sphäre angehört, andere, deren Erziehung ihrem jetzigen Zustande moralischen wie physischen Elendes ganz unangemessen schien. Ich erinnere mich, daß einer der Soldaten seine mit Narben bedeckte Brust entblößend schwur, daß er nicht mehr den feindlichen Lanzen trotzen werde, da man so ihn lohne, worauf ein Zweiter ihm Horaz’s schönes „dulce et decorum est pro patria mori“ anführte. Ein anderer Elender aber, in seinen grauen Mantel, seine einzige Kleidung, gehüllt, und im Schatten ausgestreckt, erwiederte trocken: „sed dulcius vivere pro patria.“
Sechs Wochen waren verflossen, sechs traurige Wochen, als die Ordre Cordova’s anlangte, der gemäß ich nach Vitoria sollte abgeführt werden. Froh verließ ich an einem der letzten Tage August’s das Castell, um auf dem Dampfschiffe la reyna gobernadora nach Santander eingeschifft zu werden. Die Officiere des Schiffes, wiederum sämmtlich Engländer, empfingen mich eben so zuvorkommend und herzlich wie früher die der Isabel, ja sie zeichneten mich so aus, daß, während zwei christinosche Officiere, die die Überfahrt mit machten, in beliebigem Winkel auf der Erde schliefen und aus eigenem Vorrathe kalte Küche genossen, ich an der Tafel der Officiere Theil nahm und selbst in des Capitains Cajüte ein Bett mir bereitet fand. Überhaupt zeigten die Engländer hohen Unwillen, gar Verachtung gegen ihre spanischen Gefährten, und wohlthuend war es mir, die Bravour der carlistischen Officiere sie mit Bewunderung anerkennen zu hören, da sie stets an der Spitze ihrer Krieger die Ersten auf den Feind sich stürzten, während die constitutionellen Officiere in den ersten Jahren des Krieges häufig hinter Felsen und Bäumen versteckt die freistehenden Soldaten zum Vorrücken ermunternd gesehen wurden. Ein Adjudant des Generals Jauregui erregte unser Lächeln, da er mit Depechen nach Santander im Augenblick der Abreise anlangte und da auf seine ängstliche Frage ein Midschipman sehr ernst ihm antwortete, daß wir wohl stürmisches Wetter haben würden, sofort mit seinen Depechen in das Boot zurücksprang und nicht wieder erschien. Capitain, Officiere, alle Welt erklärte sich für gänzlich überdrüßig dieses Krieges mit solchen Bundesgenossen; sie verhehlten sich nicht die Elemente der beiden Partheien für den Sieg und für den Widerstand, ihre Verhältnisse und die Neigungen des Volkes.
Nach nur zu rasch geendeter Fahrt längs der Küste Vizcaya’s warfen wir auf der Rhede von Santander Anker, nachdem man mich auf einen Felsen aufmerksam gemacht, den die britischen Seeleute wegen seiner Ähnlichkeit mit des Feldherrn Adlernase Wellington’s nose genannt haben. Bald erschien ein Platzadjudant mit einem Detachement, dem er unter meinen Augen zu laden befahl, und da ich an Bord das Abschieds-Glas geleert und viele warme Händedrücke und Wünsche empfangen, ward ich in dem Boote ans Land und in der Mitte von acht Soldaten zum Gefängniß geführt. Doch hatte der Anblick englischer Höflichkeit so viel vermocht, daß der Adjudant beim Fortgehen mir gleichfalls die Hand reichen und seiner Theilnahme mich versichern zu müssen glaubte, was wiederum auf die Artigkeit des Kerkermeisters wohlthätig wirkte; so lange ich nämlich Lust hatte, seine Gefälligkeiten, sein Bett und die Speisen seiner Küche zehnfach zu bezahlen. Da ich jedoch nach kurzer Zeit in Rücksicht auf meinen traurig zusammenschrumpfenden Geldbeutel erklärte, daß ich mit dem mich begnügen werde, was mir als Gefangenen ausgesetzt sei, sah ich mich plötzlich auf Schwarzbrod reducirt, indem mir mürrisch erklärt wurde, das mir bestimmte Geld reiche nicht hin, um irgend Etwas zu kaufen. Die Aussicht war trostlos; doch ward ihr nach ein Paar Tagen ein Ende gemacht, da ich, von einer Escorte von zwanzig Mann umgeben, Santander verließ und auf einem Esel die Straße nach Burgos entlang zog.
Bisher hatte ich geglaubt und geklagt, daß ich schlecht und allem Völker- wie Krieges-Rechte zuwider behandelt werde, doch sollte ich nun erkennen, wie relativ der Begriff des Guten und Schlechten ist und wie die Ideen unserer liberalen Gegner über Ehre und Recht von denen der andern Europäer abwichen. Während des Tagemarsches durfte ich in der That nicht klagen, denn wenn der Officier sich ganz gleichgültig zeigte, so thaten die Soldaten dagegen, was sie nur thun konnten, um das Harte meiner Lage mir weniger fühlbar zu machen; die christinoschen Soldaten waren meistens nicht wegen individueller Meinung in jenem Heere: durch Gewalt waren sie ausgehoben, Furcht, Gewohnheit, oft Gleichgültigkeit hielt sie fest. So bestand denn das Unangenehme nur in den Volkshaufen, die lärmend, oft drohend, mir durch die Ortschaften folgten, und in den Diners, die ich von neugieriger Menge umringt, stets auf dem Marktplatze halten mußte, oder in den Bemerkungen der Weiber.
So wie wir aber Abends im Nachtquartier anlangten, begann das Elend. Irgend ein unterirdisches Loch ohne Fenster noch Luftzug, geschwärzt von Qualm und Rauch, stinkend und voll Ungeziefer, der Landplage Spaniens, nahm mich auf, oder — noch widerlicher — ich sah mich mit den niedrigsten Verbrechern beider Geschlechter, zwischen denen Kinder im Schmutz sich wälzten, in engem Kerker vereinigt, deren freche Vertraulichkeit ich mit Mühe zurückweisen konnte, während die Scenen, die unter solchen Menschen vorauszusetzen, mit Ekel und Abscheu mich füllten. Glücklich schätzte ich mich, wenn ich selten ein Mal in einem Fort der Obhut eines Officiers und einer militairischen Wache übergeben wurde. Wohl darf ich meine Überzeugung aussprechen, daß, wäre ich der Sprache wie später Meister gewesen, hätte ich irgend eine Geldsumme zu meiner Verfügung gehabt, es mir nicht schwer geworden wäre, mit Leuten und Waffen, ja mit den Officieren vielleicht, mich davon zu machen und den Meinigen sie zuzuführen. Ihre Unterhaltung, ihre Fragen, einzelne Bemerkungen verriethen, wo nicht immer Geneigtheit für die carlistische Parthei, Kälte gegen die, welche sie vertheidigten, und vor Allem die nun in allen Classen der Spanier so gewöhnliche Verderbtheit, welche, wenn ihr Interesse angeregt, wenn ihnen genug geboten wird, sie bereit macht, schnöder Geldgier Alles zu opfern.
Nachdem wir die hohe Kette überschritten, die so reich an malerischen und majestätischen Scenen von dem Hauptstamme der Pyrenäen bis Galizien sich hinzieht, und da wir den Ebro seiner Quelle nahe mehrere Mal passirt hatten, wandten wir uns links von der Straße von Burgos über Reynosa, Pancorvo und Miranda auf Vitoria. Ich dachte der Zeiten, in denen auf eben diesen Gefilden Wellington’s Armee der Herrschaft Napoleon’s in der Halbinsel den letzten entscheidenden Schlag gab; ein Gefangener fand ich mich, wo einst so viele meiner braven Landsleute, viele persönlich mir Theure in den Reihen des siegreichen Heeres gekämpft. Mannigfache Empfindungen mußte der Gedanke in mir hervorrufen!
General Cordova hatte das Commando niedergelegt und in Folge der neuen gewaltthätigen Änderung der Verfassung nach Frankreich sich zurückgezogen, weshalb ich den Ebro entlang wieder über Miranda, Arro und Logroño nach Calahorra geführt wurde, wo General Oraa, der interimistisch den Oberbefehl übernommen, einen Angriff auf Estella vorbereitete. Wir trafen ihn am 13. Sept. früh im Augenblicke des Abmarsches, da schon die Truppen aufgebrochen waren. Er ertheilte Ordre, mich bis auf Weiteres in das Depot zu Logroño zu placiren, wohin ich abgeführt wurde, nachdem ich von einem Mordversuch der Soldaten der Garnison gerettet war. Wie immer auf dem Marktplatze von der müßigen Menge umringt, genoß ich ruhig die Chocolate, welche ein alter Capitain, der in Rußland Kriegsgefangener gewesen, mir übersandt. Da nahten sich fluchend mehrere Soldaten und warfen der Escorte vor, daß sie mich nicht längst unterwegs getödtet hätten; sie schimpften auf den Ehrenmann, der mir die Chocolate geschickt: die Liberalen könnten auf der Straße verhungern, ohne daß Jemand sich ihrer annehme. Der Lärm tobte jeden Augenblick mehr, laut ward mein Blut gefordert, schon berührten die Bajonete meine Brust, Messer funkelten: ich strebte als braver Carlist fest zu sterben. Doch die kleine Escorte, deren Zuneigung ich erworben, drängte sich zu meinem Schutze, sie stieß die Wüthenden mit Kolbenstößen zurück und entriß mich mit Mühe dem tobenden Pöbel, der durch die Straßen bis ins Freie mit Mordgeschrei uns folgte. Mehrere Verwundungen waren vorgekommen.
Am folgenden Tage sah ich in dem zur Caserne umgeschaffenen Kloster der Jesuiten von Logroño ein kleines, reinliches Zimmer sich mir öffnen, in dem ein junger spanischer Officier in französischer Sprache sein Vergnügen ausdrückte, daß die traurige Gefangenschaft durch so angenehme Gesellschaft ihm erleichtert werde.
[13] Die Bataillone bestehen in Spanien aus acht Compagnien, von denen zwei, die Grenadier- und die Jäger-Compagnie, als Elite — de preferencia — bezeichnet werden. Sie formiren an der Tête und Queue des Bataillons, wählen ihre Leute aus den übrigen Compagnieen und haben im Kriege, da sie stets ergänzt werden, oft die doppelte oder dreifache Stärke derselben. Sie sind stets die ersten und letzten dem Feinde gegenüber, leiden daher immer unverhältnißmäßig, weshalb die Officiere, die besten des Bataillons, auch mehr Avancement haben, wenn sie mit dem Leben davonkommen. Die Compagnie, welche 125 Mann stark sein soll, zählt einen Capitain, zwei Premier-, zwei Seconde-Lieutenants. Im Kriege führt sie natürlich oft ein Seconde-Lieutenant, in mehreren Fällen sah ich selbst einen zweiten Sergeanten — Unterofficier — die Compagnie mehrere Tage lang commandiren, da stets außerordentlich viele Officiere der Carlisten, ganz im Gegensatze der Christinos, blieben.
[14] Da ein Capitain mit seiner Compagnie zur Besetzung und Vertheidigung einer Reihe Felsen beordert wurde, sah ich ihn seine Leute im Kreise zum Beten des Rosenkranzes vereinigen, worauf er einen Caplan bat, ihnen für den Fall des Todes die Absolution zu ertheilen, was sogleich feierlich geschah.
[15] Als die Feinde Passages nahmen, fanden sie dort nur Weiber. Die Männer ohne Ausnahme waren den Carlisten gefolgt, und ergriffen die Waffen gegen ihre Unterdrücker.
[16] Viele behaupteten, nur auf ein Jahr sich engagirt zu haben, und weigerten sich daher, ferner zu dienen.