V.

Es ist Viel über die empörenden Grausamkeiten geschrieben, die allgemein wie besonders gegen die Kriegsgefangenen von beiden Partheien im spanischen Bürgerkriege begangen sind; und — wie die Umstände es mit sich brachten — die öffentliche Meinung hat sich allgemein gegen die Carlisten als Urheber und Hervorrufer jener Schreckens-Scenen ausgesprochen. Dieses war natürlich. Die Constitutionellen hatten zu ihrer Verfügung zahlreiche öffentliche Blätter, durch die sie sich bemüheten, die Ereignisse so darzustellen, wie es ihren Zwecken genehm war. Sie schilderten jede neue Rachethat der Carlisten mit den schwärzesten Farben, die ihre Phantasie hervorzubeschwören vermochte, während sie die unglaublichen Frevel, durch die jene Thaten hervorgerufen und ihre Gegner zu wildester, rücksichtsloser Verzweiflung gereizt sein mußten, ganz mit Stillschweigen übergingen. Sie fanden aber in der liberalen Presse der Nachbarländer eifrige Verbündete, welche sich beeilten, die so entstellten Thatsachen zu verbreiten, durch ganz Europa den Schrei des Abscheu’s gegen die Royalisten Spanien’s ertönen zu machen. Diese dagegen besaßen nicht solche Zeitschriften, selbst nicht Zeit zum Schreiben und zum Aufklären des Truges, sie waren genöthigt, zu den Verleumdungen zu schweigen, die meistens wohl nicht ein Mal bis zu ihren Bergen und Lagern durchdrangen; und wenn etwa eine vereinzelte Stimme in der Fremde zur Rechtfertigung der schmählich Verleumdeten sich erhob, war sie bald durch hundertfaches Geschrei der Getäuschten oder bei der Täuschung Interessirten übertönt und erstickt.

Ich werde durch Thatsachen, von deren Genauigkeit ich mich zu überzeugen Gelegenheit hatte, das gegen die Carlisten als Menschen so allgemein herrschende Vorurtheil zu bekämpfen suchen, wie sehr ich auch die Schwierigkeit und Undankbarkeit des Unternehmens würdige: — gerade seinen Vorurtheilen klammert das arme Menschen-Geschlecht ja am festesten sich an. Dabei muß ich voraussenden, daß ich keinesweges leugne, daß von einzelnen Individuen Grausamkeiten begangen sind: in solchem Kriege und bei solchem Charakter des Volkes waren sie unvermeidlich. Aber die Tendenz der Carlisten als Ganzes, ihrer Leiter und hervorstehenden Personen war stets auf Milde und Großmuth gerichtet; selbst da verleugneten sie diese nicht, wo Pflicht der Selbsterhaltung, Pflicht gegen ihre Untergebenen sie zwang, den Schreckens-Maßregeln der Christinos durch Strenge einen Damm zu setzen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Übrigens bezieht sich das hier zu Sagende, wenn auch großen Theils auf ihn anwendbar, nicht auf den — stets als blutdürstigen Tiger bezeichneten — General Cabrera. Gegen ihn haben so mannigfache Stimmen sich erhoben, mit Hintansetzung alles Rechtes und aller Wahrheit so die Schmähungen ihm gehäuft, daß die Gerechtigkeit erfordert, ihm später abgesondert einige Zeilen zu widmen.

Werfen wir einen Blick auf den Beginn des Bürgerkrieges, auf die Zeit, da kurz nach Ferdinands VII. Tode die baskischen Provinzen und in den andern Theilen des Königreiches viele einzelne Edle für Carl V. zu den Waffen griffen. In Blut sollte da der drohende Aufstand erstickt werden: in allen Städten wurden Blutgerüste errichtet, die Verdächtigen wurden eingekerkert, die mit den Waffen in der Hand Gefangenen sofort erschossen. Wir sahen früher, wie die Anhänger der unschuldigen Isabella in den Nordprovinzen wütheten, wie dort Mina, Sarsfield, Valdes, Lorenzo, Rodil in Mord und Zerstörung wetteiferten. Sie erließen Tod und Vernichtung athmende Edikte, sie brannten die Dörfer der aufgestandenen Distrikte nieder, zerstörten Saaten und Vorräthe, schändeten die Frauen und Mädchen und opferten ohne Barmherzigkeit, wen immer sie den carlistischen Guerrillas angehörig oder ihnen nur günstig gesinnt glaubten. Bald fiel der edle Don Santos Ladron, der General, der unter Ferdinand VII. an die Spitze der Getreuen sich gestellt hatte, in Lorenzo’s Hände: mit seinen Gefährten ward er zu Pamplona rücklings erschossen, worauf der Mörder, seiner Schandthat sich rühmend, neue Proclamationen, noch mehr Mord schnaubend als die früheren, erließ und freudig den Entschluß des Gouvernements ankündigte, keinem Rebellen Gnade zu schenken.

Und die Carlisten? Ohne Zweifel regten ihre Anführer zu blutiger Rache sie auf, vergalten Drohung mit Drohung, Tod mit Tod? — General Eraso, der in den Thälern von Ober-Navarra befehligte und nach Ladron’s Ermordung seine Stelle als Chef des Aufstandes einnahm, indem er den Seinen den Tod ihres Führers anzeigte, forderte sie auf, zu bedenken, daß sie für eine gerechte Sache, für die Religion der Liebe kämpften, daß sie daher nicht Böses mit Bösem vergelten, auf die Gerechtigkeit ihrer Anstrengungen gestützt vielmehr durch Großmuth die Wuth der Revolutions-Kämpfer bändigen, den durch die Bravour errungenen Sieg verschönern müßten. — So beantworteten anfangs der Carlisten Anführer die immer erneuten Drohungen und Gräuel der Generale Christina’s.

Zumalacarregui übernahm das Commando. Seine Armee wuchs täglich an Zahl und Furchtbarkeit, er schlug den Feind, nahm Forts und machte zahllose Gefangene: entweder sandte er sie auf ihr Versprechen, nicht mehr dem Feinde zu dienen, in die Heimath oder gab ihnen, wenn sie es begehrten, die Waffen für ihren König. Seine Gegner, Rodil, Mina und die vielen untergeordneten Führer, fuhren fort, jeden Carlisten niederzumetzeln, und beantworteten seine wiederholten Anträge für menschliche und völkerrechtliche Kriegführung gar nicht oder durch Hohn. Zumalacarregui drohete wieder und wieder: — neue Schlächterei! Die Christinos hielten sich stets für die Stärkeren und daher — sehr logisch — für gerechtfertigt in Allem, was sie thun möchten, ihr Übergewicht zu sichern oder ihrer Vernichtungs-Wuth zu genügen. Da durfte Zumalacarregui nicht länger die Rücksichten der Menschlichkeit gegen den Feind vorwalten lassen; die Pflicht gegen die Seinen und gegen die Sache, welche er vertheidigte, schrieb seine Maßregel vor: er befahl zu Repressalien zu schreiten, für jeden außer Gefecht getödteten Carlisten einen Gefangenen zu erschießen. Da auch dieses ganz wirkungslos war, ordnete er für jeden Gemordeten die Erschießung von zehn der zahlreichen Gefangenen, die seine Siege ihm täglich in die Hände spielten, und deren doch die größere Zahl lebend blieb. Fühllos bei dem Jammer der Ihrigen, wie sie bei dem Todes-Zucken der Gegner es gewesen, fuhren die feindlichen Generale in ihrem Blut-System fort: jeder Gefangene ohne Ausnahme wurde erschossen. Indem er die Gräuel verfluchte, die er durch alle Mittel zu verhüten gesucht, befahl da auch Zumalacarregui, daß fortan den Feinden kein Pardon gegeben werde — bis sie ihre Ausrottungs-Dekrete zurücknähmen und menschlichere Art der Kriegführung adoptirten.

So war das Schreckenswort ausgesprochen: von beiden Seiten Kampf auf Leben oder Tod. So hatten ihn die Christinos gewollt, so ward er ihnen; doch der carlistische Feldherr, auf das Äußerste gereizt, verleugnete sein inneres Gefühl nicht. Er stellte es dem Feinde anheim, durch Aufhebung des Systemes, das ihn zu Gleichem gezwungen, sogleich dem Blutvergießen willkommenes Ende zu machen.

Während des Jahres 1834 und im Anfange 1835 wurde der Krieg mit allen Schrecknissen der Vernichtung fortgeführt. Und doch betrachten wir näher das Betragen der beiden Armeen während jener Zeit! Die Christinos, es ist wahr, hatten nicht häufig Gelegenheit, an carlistischen Gefangenen ihre Wuth zu äußern; aber findet sich wohl ein Beispiel, daß sie in solchem Falle der Unglücklichen verschont hätten? Fielen sie nicht Alle unter ihren Streichen! Und nicht nur die Waffen tragenden Freiwilligen, auch deren Väter und Brüder, friedliche Landleute, ja entfernte Verwandte, Frauen und Kinder wurden von den feindlichen Colonnen in fühlloser Wuth hingeopfert. Bald fanden sie nur noch die verlassenen Dörfer vor, da jedes menschliche Wesen bei ihrer Annäherung in die unzugänglichsten Gebirge entfloh; zur Strafe plünderten sie dann die Wohnungen, brannten beim Abmarsch sie nieder und verkündeten wieder Tod einem Jeden, der seinen Wohnsitz verlasse.

Zumalacarregui aber erfocht Sieg auf Sieg, er schlug die feindlichen Divisionen, eroberte Fort auf Fort, reinigte nach und nach die baskischen Provinzen und Navarra und machte selbst Einfälle jenseit des Ebro nach Castilien; es ist leicht zu erachten, daß während der langen Sieges-Periode viele Tausende in seine Hände fallen mußten. Der Befehl, keinen Pardon zu geben, existirte fortwährend, denn die Feinde hatten keinesweges mildere Saiten aufgezogen. So sanken Tausende — unter ihnen General O’Doyle, O’Donnel, dessen zwei Brüder in den Reihen der Royalisten mit Auszeichnung fochten, und andere hohe Officiere — unter dem rächenden Arm der Carlisten, Opfer der Grausamkeit ihrer eigenen Feldherren. Aber dennoch siegte oft Menschlichkeit und Großmuth über die Gebote der Klugheit; dennoch rief Zumalacarregui in den glorreichen Tagen, da er die Divisionen O’Doyle und Osma vernichtete, seinen Freiwilligen, die die Fliehenden niedermachten, zu, vom Blutbade abzulassen, da er so Entsetzliches nicht sehen könne — und achthundert der Feinde wurden gefangen fortgeführt und durften in die Bataillone der Sieger eintreten; dennoch entsandte er die im Hospital von los Arcos gefundenen Officiere und Soldaten und selbst die Garnison, welche im Fort verzweifelten Widerstand geleistet, frei nach Logroño, während einige Meilen von dort Mina mehrere verwundete Carlisten, die er in der Pflege von Bauern in der Nähe von Pamplona entdeckte, hervorschleppen und erschießen, diese Bauern erschießen, einen Jeden, der Bedauern ausdrückte, erschießen und dann die Häuser, in denen die Verwundeten verborgen gewesen, niederbrennen ließ.[17]

Unzähligen Gefangenen gab der carlistische Feldherr die Waffen, so selbst sein strenges Rache-Gesetz umgehend, da doch längst die Erfahrung ihn belehrt, daß die Mehrzahl, des entbehrungreichen Lebens der Carlisten bald überdrüssig, bei erster Gelegenheit zu ihren früheren Cameraden zurückkehrte. Andere entließ er, da sie geschworen, nicht mehr gegen die Sache des Königs zu fechten; und wenige Tage später standen sie wieder ihm gegenüber, da die Generale der Revolution, nicht gesonnen, solches Versprechen zu achten, die Verschonten zu einer andern Division zu versetzen sich begnügten, um ihre Wiedererkennung im Falle eines zweiten Unglücks zu erschweren.

Und welchen Eindruck machte so edles Verfahren auf die Christinos? Da sie nicht ein einziges Beispiel der Milde alle dem entgegensetzen können, müssen sie nicht vielmehr zugestehen, daß, so oft Zumalacarregui sein Repressalien-Gebot in der ganzen Strenge ausführte, eine neue blutige That ihrerseits vollgültigen Grund dazu gegeben, ihn zur Unterdrückung seiner Gefühle und Neigungen gezwungen hatte?


Lord Elliot erschien auf dem Kriegsschauplatze, um durch die Vermittelung der britischen Regierung, der Verbündeten Christina’s, den Vertrag in’s Leben zu rufen, der den Kriegsgefangenen Leben und Auswechselung sicherte. Die Carlisten empfingen freudig seine Anträge; die Christinos zögerten und widerstrebten, und als ihr Oberfeldherr dem Dringen des britischen Bevollmächtigten nachzugeben wagte, da erhoben die wilden Exaltados ihr Geschrei gegen ihn, als Schwächling, ja als Verräther ihn stempelnd. Zumalacarregui im Auftrage seines Monarchen nahm unbedingt die vorgeschlagenen Artikel an; die Christinos beschränkten den Vertrag auf die Armeen der Nord-Provinzen, während in Galicien, Catalonien, Aragon, Valencia und der Mancha, wo zahlreiche Carlisten-Corps sich gebildet, der Krieg wüthete. Umsonst forderte Zumalacarregui, die Wohlthaten des Vertrages auf die ganze Halbinsel ausgedehnt zu sehen. In den Nord-Provinzen fühlten die Christinos sich schwächer und mußten befürchten, daß das Gewicht der erbarmenlosen Kriegführung ferner, wie so lange schon, auf sie zurückfallen werde: da gaben sie nach. In den andern Provinzen aber hielten sie sich für die Stärkeren, dort, hofften sie, sollte die Wagschale des Blutes ganz zu ihren Gunsten sich senken; sie hüteten sich wohl, durch Zulassung des allgemeinen Vertrages die Hände sich binden zu lassen.

Carl V., wohl zu sehr der Stimme der Menschlichkeit allein Gehör gebend, nahm dennoch den so verstümmelten Vertrag an und gab dadurch das einzige Mittel aus der Hand, durch das er, wo er überlegen war, die Gewaltthaten der Revolutionäre gegen die Schwächeren hätte zügeln mögen. Erst spät, als sie auch dort die Macht der Carlisten schwer über die ihrige sich erheben sahen, willigten die Feinde ein, für die Armeen von Aragon und Catalonien ähnliche Übereinkünfte zu treffen; freudig boten die Carlisten die Hand dazu. Der Sieg entschied sich für die Christinos. Da beeilten sie sich — Espartero im Frühjahr 1840 —, die lästigen Banden abzuschütteln, welche nur die Noth ihnen aufgezwängt, und der Oberfeldherr verkündete in einer in allen Städten und Dörfern angehefteten Generalordre,[18] daß fortan den Rebellen, die Widerstand leisteten, kein Pardon gegeben werde.

In Galicien aber und in der Mancha waren die Truppen der Königinn stets den royalistischen Guerrillas überlegen; sie hatten also gar keinen Grund, ihre Neigungen zu verleugnen, und konnten ohne Furcht und ohne Rücksicht ihr Schreckens-System auf den höchsten Grad treiben. Da wurde ein jeder Gefangene und jeder carlistisch Gesinnte erschossen, ihre Angehörigen mit Schimpf vertrieben, die der Anführer nach langen Qualen ohne Gnade hingemordet; da starben die neun und dreißig Verwandten des Haupt-Chefs in der Mancha, D. Vicente Rojero — Palillos —, getödtet ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, die Frauen bis zum letzten Augenblicke zur Befriedigung viehischer Lust benutzt — das ungeborne Kind ward der zum Tode geschändeten Mutter, der Enkelin Palillos’s, aus dem Leibe gerissen und füselirt, um keine Spur von Leben zurückzulassen;[19] gefangene Chefs wurden in Galicien geviertheilt, die zuckenden Glieder als Trophäen über die Stadtthore ausgesteckt. Und wenn da Palillos, nur noch der Rache lebend, das furchtbare: „es sterbe alles Lebende“ aussprach, wenn jene Unglückliche, zum Tode getroffen in Allem, was dem Menschen theuer, was ihm heilig ist, in der Raserei der Verzweiflung nur Vernichtung athmeten und mit Wollust die Gehaßten hinopferten; — dann wurden sie der Welt als fluchwürdige Ungeheuer dargestellt, aller Schonung und allen Mitleides unwürdig!


So weit die kämpfenden Heere. Und das Volk? Es wäre eben so ermüdend als widerlich, hier in detaillirte Beschreibung aller der tausendfach wiederholten Excesse mich einzulassen, die in fast allen Theilen, allen Hauptstädten der Monarchie gegen Carlisten ausgeübt wurden, weshalb ich mich begnüge, diese Gräuel im Umrisse anzudeuten.

Zuerst wandte sich die Wuth des Volkes gegen die Mönche: in Madrid erstürmten wilde Haufen die Klöster, ermordeten viele seiner Bewohner, verjagten die übrigen, welche bei jedem Schritte neue Mißhandlungen zu leiden hatten; die Regierung wollte oder mußte schweigen. Zaragoza, Barcelona, Valencia, fast alle Hauptstädte der Provinzen und viele andere Orte folgten dem Beispiele der Residenz: die Mönche wurden niedergemetzelt oder im Falle hohen Glückes ins Weite gejagt, Hungers zu sterben oder den carlistischen Guerrillas sich anzuschließen, denn die erbärmliche Unterstützung, die die Regierung ihnen zusagte, wurde Jahre lang nicht gezahlt. Dann wurden die herrlichen Klostergebäude geplündert, oft zerstört, die reichen Denkmale der Kunst und Wissenschaft, die in ihnen aufgehäuft waren, barbarisch vernichtet, die Kirchengüter um Spottpreis hingegeben, die Kostbarkeiten verschwanden unter den Händen der Behörden, denen Niemand Rechenschaft abforderte, die heiligen Gefäße wurden zum niedrigsten Gebrauche mit Spott herabgewürdigt. Wer Schmerz, wer Bedauern auszudrücken wagte, war ein Feind des Volkes und litt als solcher.

Als General Guergué im Jahre 1835 nach Catalonien gezogen war, fiel der ausgezeichnete Oberst der Cavallerie O’Donnell mit einigen hundert Mann in die Gewalt der Feinde; der Elliot’sche Vertrag sicherte ihm das Leben, und er ward mit vielen andern Gefangenen in die Citadelle von Barcelona eingeschlossen. Am 4. und 5. Januar 1836 erhob sich das Volk der Stadt und forderte den Tod der Gefangenen. Die Behörden zogen sich nach einigen Vorstellungen zurück und beschlossen, sich ganz passiv zu verhalten. Das Volk erstürmte ohne Blutvergießen die feste Citadelle, deren Gouverneur ohne Vertheidigung die Thore zu schließen sich begnügte, die Gefangenen wurden hervorgeschleppt, schrecklich mißhandelt und ermordet. O’Donnell mit 107 seiner Gefährten erlitt solches Geschick. Das Volk überhäufte mit Schimpf den Leichnam, schleifte ihn durch die Straßen, verschlang ihn endlich zum Theil, nachdem es ihn geröstet hatte. — Der commandirende General Mina gab auf Anfrage der Regierung als Veranlassung der Schauderthat die Ermordung aller Gefangenen im carlistischen Fort Nuestra Señora del Hort an; die Königinn Wittwe übersandte der National-Garde von Barcelona, die hauptsächlich jene Scene veranlaßt und ausgeführt, eine Ehrenfahne. Am 24. Januar nahm General Mina das Fort del Hort; sämmtliche christinosche Gefangene, deren Tod die Ursache jener Ereignisse gewesen, wurden unversehrt gefunden: Mina ließ die ganze Garnison erschießen!

Andere Städte eilten auf die Nachricht der Ereignisse in Barcelona jubelnd zur Nachahmung; durch ganz Catalonien hallte der Todesschrei, floß Blut, nur in Tarragona gelang es, die Gefangenen durch rasche Einschiffung zu retten. In Zaragoza wurden zur Beruhigung des Volkes zwei carlistische Officiere zum Tode verurtheilt und erdrosselt, bald vier andere, die deportirt werden sollten, auf Verlangen des Pöbels, welcher mit drohendem Geschrei den Gerichts-Saal umtobte, gleichfalls verurtheilt und ermordet; die Richter, welche nicht für den Tod gestimmt hatten, entkamen kaum durch die Flucht. In Cartagena brach der Aufstand im Mai aus, und einige zwanzig Carlisten fielen als Opfer; die Behörden blieben ruhige Zuschauer.

Im Anfange Juni’s ward Brigadier Torres, der Nordarmee angehörend, bei Huesca gefangen und nebst einem Oberst und zehn Officieren in Jaca erschossen, weil — Cabrera die Officiere der geschlagenen Colonne Valdez habe erschießen lassen. Die Christinos hatten die Ausdehnung des Pardons auf die Heere von Aragon verweigert; jetzt benutzten sie die Folgen ihrer Weigerung als Vorwand für den Bruch des Zugestandenen. Carl V. aber hatte auf die Kunde der Ermordung O’Donnell’s eine Proclamation erlassen, durch die er die Seinen aufforderte, fern von ähnlichen Ausschweifungen, stets dem gegebenen Worte treu die Gefangenen mit Großmuth zu behandeln und ihm die Sorge zu überlassen, welche Maßregeln die Wiederholung solcher schändenden Grausamkeiten verhüten möchten. Es ist in dem ganzen Kriege nicht ein Beispiel zu finden, daß das Volk, wo die carlistischen Behörden herrschten, seiner Wuth habe ungezügelt sich hingeben können. Die Stellvertreter der Königinn gaben entweder dem wilden Drängen des Volkes nach, oder stellten sich gar an dessen Spitze oder — — wurden ermordet. Wie selten finden wir in den tausendfach wiederholten Aufständen, daß die Behörden mit Kraft ihnen entgegenzutreten und die Ruhe zu erhalten wußten!

Denn tausendfach wurden solche Scenen wiederholt, tausendfach floß bis zum Schlusse des Krieges in allen Theilen Spanien’s das Blut wehrloser Carlisten oder carlistisch Gesinnter, und wenn ich diese Thatsachen nicht weiter anführe, ist der Abscheu der Grund, der sie zu detailliren mir unmöglich macht. Sie sind so vielfach besprochen, durch die öffentlichen Blätter zu ihrer Zeit so verbreitet, daß mein Schweigen darüber wohl keiner Mißdeutung fähig ist. Dagegen fordere ich jeden Christino, jeden der revolutionären Regierung Spanien’s Anhängenden auf, zu forschen, wo je von den Carlisten, so wie ihre Feinde sie nicht gezwungen, ähnliche Grausamkeiten begangen sind, wo sie nicht auf das Treuste den eingegangenen Verpflichtungen nachgekommen sind, wo sie — so oft vergebens — nicht die Hand zuerst zum menschlichen Kriegführen geboten haben. Wohl mag ich freudig das Resultat des Forschens erwarten. Ja, wie oft — und wieder fast immer vergebens — haben sie, während ihre Gegner am blutigsten gegen sie wütheten — sie durch herrliche Beispiele der Großmuth und Milde zu edlerem Verfahren zu zwingen gesucht, nicht ahnend, daß der Mensch auch dagegen kalt und fühllos bleiben könne!

Doch muß ich, ehe ich schließe, auf eine frühere Bemerkung zurückweisen: ich leugne nicht, daß von einzelnen Individuen, Carlisten oder unter deren Namen, verabscheuungswürdige Thaten begangen sind; sie können auf das Ganze oder zu seiner Beurtheilung keinen Einfluß üben. Dazu kann nur die Tendenz der Parthei, ihres Königs und ihrer Führer dienen; diese Tendenz habe ich gezeigt und der der christinoschen Parthei und ihrer Führer[20] jeder Art gegenübergestellt, so weit sie den gerade zu behandelnden Gegenstand betrifft. Übrigens werde ich selbst Gelegenheit haben, einzelner, von Einzelnen ausgeübter Grausamkeiten und Erbärmlichkeiten zu erwähnen, protestire aber ganz gegen die Art, mit der solche benutzt sind, um das Urtheil derer, die nicht aus persönlichem Anschauen schließen können, falsch zu leiten, so wie gegen die Urtheile, welche auf solche nicht nur einseitige, sondern auch ganz entstellte Darstellungen gegründet sind.

[17] Alles buchstäblich. So führte auch Zumalacarregui, da er in Vitoria eingedrungen, eine Anzahl Gefangene fort; unterweges erfuhr er, daß Einige der Seinigen, die in den Händen der Garnison geblieben, erschossen seien, was natürlich den sofortigen Tod der Christinos zur Folge hatte.

[18] Ich las sie wiederholt.

[19] Auf Befehl des Commandeurs der Reserve-Armee, General Narvaez, wurden diese Gräuel im Jahr 1838 auf den höchsten Grad gesteigert; selbst die Christinos schrieen entsetzt gegen solches Übermaß der Grausamkeit.

[20] Die Königinn ist bei solcher Regierungsform Nichts, eine Puppe, die eben so gut durch jede andere ersetzt oder gar ganz bei Seite geworfen wird.