VII.
Monat auf Monat verging; meine Hoffnung, bald die Freiheit wieder zu erlangen, stets aufs Neue getäuscht, schwand allmählich in finstere Hoffnungslosigkeit hin. Der Winter hatte durch die für jenes Clima ungewöhnliche Kälte und fußhohen Schnee in das nordische Vaterland mich versetzt, der Frühling rief wieder seine lauen Lüfte hervor, frisches Leben einhauchend; und immer zwang mich der Kerker zu peinlicher Ruhe, mahnten mich die eisernen Gitterstäbe, wie so ganz verschieden die Wirklichkeit war von den glänzenden Gebilden, in denen meine Phantasie sich gefallen. Doch war meine Gefangenschaft als solche keinesweges hart: die Gesellschaft, in der ich mich befand, machte sie vielmehr so angenehm, wie möglicher Weise Gefangenschaft es sein kann.
Da sich in dem Depot von Logroño gar keine — auch später sehr wenige — Gefangene befanden, war mir bei meiner Ankunft mit einem arretirten christinoschen Officier ein Zimmer angewiesen, dessen freie Fenster, achtzig bis neunzig Fuß über dem Hofe, der an die Stadtmauer stieß, auf das Feld sahen. Da die Wache aber bei Madinaveytia’s Burschen, der uns das Essen brachte, ein Strickchen fand, das er uns jedes Mal um den Leib gewickelt brachte, und dann auch das Zimmer durchsuchend mehrere andere entdeckte, die wir bereits, das Hinabsteigen zu erleichtern, mit Knoten versehen hatten, wurden wir auf einige Tage getrennt und bei unserer Wiedervereinigung in einen Kerker versetzt, der wohl jeden Gedanken an Flucht ersticken mochte. Das einzige, mit furchtbar starkem Gitter geschlossene Fenster öffnete auf die Straße, wo eine Schildwache auf und ab spatzierte, während eine andere die Thür bewachte; die eine Seitenwand trennte uns von dem Zimmer des wachehabenden Officiers, die andere von der Wachstube. Eine Hoffnung blieb uns: unter dem Kerker waren die Ställe der reitenden Artillerie, deren Sergeanten — die Sergeanten, oft Männer von Bildung und durch ihre Stellung den höchsten Einfluß auf die Soldaten übend, spielten in den tausendfachen Aufständen der christinoschen Armee stets eine große Rolle — als unruhig und unzufrieden bekannt waren. Madinaveytia wußte Bekanntschaft mit einigen derselben anzuknüpfen und bearbeitete sie mit dem ihm eigenen Talente so weit, daß sie auf seinen Plan eingingen, der darin bestand, durch die Ställe zu entkommen, auf den Pferden, mit denen die Artilleristen außerhalb der Stadt warten würden, den Ebro zu passiren und mit den Carlisten uns zu vereinigen, worauf er nach Frankreich sich zurückziehen wollte. Manche hingeworfene Äußerungen machten mich glauben, daß die Sergeanten mehr als bloßes Übergehen zu den Carlisten bezweckten: sie wollten eine unabhängige Guerrilla bilden, auf echte spanische Banditenart das Land ausplündern und dann mit ihrer Beute davongehen, wie es bei dem Zustande des Königreiches sehr leicht war und von vielen Erbärmlichen ausgeführt wurde, welche sich nicht scheuten, den Namen von Carlisten zum Deckmantel ihrer Schandthaten zu machen, so in Vieler Augen ihn schändend.
Ehe der Plan der Flucht zur Reife gekommen, mußten die Artilleristen abmarschiren, wodurch uns die Hoffnung auf endliche Rettung ganz genommen wurde. So suchten wir denn, die schwere Zeit so angenehm und nützlich wie möglich hinzubringen, und die Mittel dazu fehlten uns nicht. Die Mutter Madinaveytia’s, Doña Eulalia, war auf die Nachricht seiner Arretirung von Madrid herbeigeeilt, den einzigen Sohn zu pflegen; eine edle, tieffühlende Frau, ganz Milde und Hingebung, beseelt von der innigsten aufopfernden Liebe für ihren Sohn, einer der herrlichen ganz weiblichen Charaktere, wie unter Spanierinnen so selten sie sich finden. Da ich das Loos ihres Sohnes theilte, schenkte sie auch mir ihre volle Zuneigung und zeigte sich mir ganz als Mutter: ihr einziges Streben war darauf gerichtet, die Lage ihrer „armen beiden Söhne“ zu erleichtern. Bei den Besuchen, die sie täglich uns abstattete, ward sie von ihrer Niece begleitet, einem jungen, reizenden Mädchen, feurig und glühend, mit den dunkel schmachtenden Augen, dem üppigen Wuchse und den wunderkleinen Füßen der Andalusierinnen; ihr schneeiger Teint und die langen lichtbraunen Haare im Contrast gegen jene Glut-Augen des Mittags gaben dem lieblichen Wesen etwas besonders Anziehendes. Erst funfzehn Jahr alt war Paquita mit ihrem Cousin verlobt, und ihre schwärmerische Liebe schien in der Hoffnungslosigkeit stets leidenschaftlicher zu werden.
Häufig führten uns diese Damen einige ihrer weiblichen Bekannten und Verwandten zu, deren die Spanier eine unendliche Zahl haben, da sie die Vettern- und Basenschaft bis ins funfzigste oder sechszigste Glied nachzurechnen pflegen. Jede der schönen Besucherinnen brachte dann ausgesuchte Früchte, Eingemachtes und mancherlei Näschereien mit und theilte, der Sitte gemäß, mit dem Herrn, dem sie durch solche Artigkeit Vorzug zu zeigen beabsichtigte, den Leckerbissen, den sie als schönsten sich vorbehalten hatte. Die Lebensweise der spanischen Damen, wie sie durch die ganze Halbinsel dieselbe bleibt, ist getreu mit zwei Worten geschildert: ihr Schmuck, vor Allem die Anordnung der eleganten Mantilla, und die Bewegung des Fächers machen vom Morgen bis zum Anbruche der Nacht ihre exclusive Beschäftigung aus. Der Nebenzweck des Fächers ist, Kühlung zu geben; aber er drückt Alles aus, wodurch weibliche Koketterie die schwachen Herzen der Männer zu erobern und sich zu erhalten sucht, Unwille, Verlegenheit, Gleichgültigkeit, Vorwurf, Hingebung, Eifersucht und wie alle jene mächtigen Verbündeten der frivolen Gefallsucht und Eitelkeit heißen mögen — die graziösen Bewegungen des Fächers sprechen sie vollkommen aus. So sitzen diese Damen plaudernd, Chocolate schlürfend und gähnend, sich moquirend und schlummernd, kokettirend oder neue Eroberungs-Pläne entwerfend, bis die Frische des Nachmittags sie zum Spatziergange ruft, auf welchem Auge und Fächer um die Wette ihr grausames Spiel treiben; der Abend führt sie zur kalten, langweiligen Tertulia, wo sie sich bald um die Hasardtafeln gruppiren, durch die niedrigste Leidenschaft unüberlegt ihre schönen Züge entstellend. In allen Classen der Gesellschaft ist die Spielsucht auf unglaubliche, Schrecken erregende Höhe gestiegen.
Mit Ausnahme der Stunden, welche die Besuche weniger nützlich uns hinbringen ließen, waren wir eifrig mit Studiren beschäftigt, wozu die Bücher uns behülflich waren, welche einige Priester uns hatten verschaffen können. Alte und neue Sprachen beschäftigten uns besonders, da zufällig ein Jeder diejenigen kannte, welche dem andern fremd waren, während die französische als Communications-Mittel diente; dazu verschiedene Wissenschaften und Musik, wobei wir die Geduld bewundern mußten, mit der die neben uns wohnenden Wache-Officiere täglich unsere Ohr zerreißenden Concerte auf Flöte und Guitarre ertrugen. So verging uns die Zeit, wie stets bei einförmiger Beschäftigung, reißend schnell, und die Ordre, durch die mein Stubengefährte auf den folgenden Tag zum Abmarsche sich vorzubereiten angewiesen wurde, war für Beide ein Donnerschlag, wenn längst befürchtet, deßhalb nicht weniger empfindlich.
Don Francisco de Madinaveytia, einer der ersten Familien Guipuzcoa’s angehörig, hatte in einem jesuitischen Collegium ausgezeichnete Erziehung genossen, so selten selbst in den höchsten Classen der spanischen Nation. Sein Vater, Präsident des höchsten Gerichtshofes unter Joseph Napoleon, für den er, wie viele ausgezeichnete Männer, sich erklärt hatte, aus seiner Herrschaft Besseres für das Vaterland hoffend, als es von den Nachkommen Ludwigs XIV. erfahren hatte, ward nach dem Sturze des Kaisers vergiftet, ein Opfer des Hasses, den alle Anhänger des Eindringlings so schwer empfanden. D. Francisco, als er nach mehrjährigem Aufenthalte in Paris in das Vaterland zurückkehrte, fand die Familien-Güter confiscirt, da sein Bruder, exaltirt liberal, der das Majorat inne hatte, den Christinos sich angeschlossen: so trat auch er in die Armee ein. Ohne Ressourcen, viele Monate lang wie das ganze Heer ohne Sold, selbst ohne Rationen, da er, nachdem sein Pferd getödtet, in das Depot nach Arro geschickt war, sah er sich in der verzweifeltsten Lage; er lebte oft von dem Obst, welches er auf dem Spatziergang im Felde fand. Da erfuhren seine Cameraden, daß der Mayordomo des Großinquisitor mehrere Millionen[23] für Carl V. von Madrid erhalten und in einem Dorfe auf schon carlistischem Terrain versteckt habe, von wo sie am folgenden Tage nach dem Hauptquartier abgehen würden. Anstatt pflichtgemäß ihren Behörden die Anzeige zu machen, beschlossen sie, selbst des Schatzes sich zu bemächtigen, und der unglückliche Madinaveytia willigte ein, sie zu begleiten. Als Carlisten verkleidet passirten sie den Ebro, da der an der Brücke die Wache habende Officier auch im Complott war, gelangten glücklich zu dem Dorfe, öffneten mit Gewalt das Haus und bemächtigten sich des Mayordomo. Doch alles Suchen nach der Summe war umsonst, der Besitzer leugnete fest, sie empfangen zu haben, schon waren die Officiere verdrießlich und fluchend im Begriff zurückzukehren, als der arme Mayordomo die Unvorsichtigkeit beging, einen von ihnen, den er erkannt hatte, bei Namen zu nennen. Schäumend vor Wuth, da er sich verrathen sieht, stürzt dieser auf den Unglücklichen, ihn zu tödten. Umsonst erbietet er sich, sein Leben durch Auslieferung des versteckten Geldes zu erkaufen, umsonst suchen die andern Officiere den Rasenden zurückzuhalten: er drückt sein Pistol auf den Mayordomo ab, der todt zusammensinkt. Bestürzt fliehen Alle, schon nicht mehr des Geldes gedenkend.
Wenige Tage nachher ward Madinaveytia arretirt, mit ihm der Officier, welcher die Wache an der Brücke gehabt und sie verlassen hatte, dem Zuge sich anzuschließen, die übrigen Theilnehmer, mehr mit dem in Spanien allmächtigen Golde versehen, waren verschwunden. Der Wach-Officier leugnete hartnäckig, er hatte bedeutende Verbindungen in der Umgebung des Generals, so wie Einfluß bei den Richtern; also war er unschuldig. Madinaveytia hatte sofort Alles gestanden und erfreute sich nicht der Mittel, die im liberalisirten Spanien nach Belieben die Wagschale der Gerechtigkeit heben und senken, er besaß weder Gold noch Protection, war daher allein schuldig und mußte allein das Verbrechen büßen. Vergeblich opferte seine herrliche Mutter, was sie besaß, zu seiner Rettung. Er ward nach Vitoria geführt, vor ein Kriegsgericht gestellt — nach vierzehnmonatlicher Gefangenschaft —, zum Tode verurtheilt und erschossen.
Nach langer Zeit wiederum Gefangener in Madrid eilte ich, nach seinen Lieben zu forschen. Seine Braut, bei der Schreckenskunde von einem Nervenfieber ergriffen, war schnell dem Geliebten gefolgt, worauf Doña Eulalia in unaussprechlichem Schmerze über das Loos des einzigen Sohnes in die Einsamkeit des Klosters sich zurückzog, dort die Stunde erwartend, die auch sie bald von den irdischen Wehen erlösen sollte. Sie starb im Herbste des Jahres 1838.
Wieder allein fühlte ich doppelt bitter alles Schreckliche der Gefangenschaft: Schwermuth bemächtigte sich meiner; die Gegenwart bot mir ja Nichts zum Ersatze so vieler zerstörten Hoffnungen, die Zukunft lag schwarz und drohend vor mir, so ungewiß, so unheimlich, daß ich auf sie nicht bauen mochte. Da wandte ich mich der Vergangenheit zu. Oft ist die Ansicht ausgesprochen, daß in der Widerwärtigkeit die Erinnerung an das Verlorene das Gefühl des Schmerzes erhöhe, ihn gar unerträglich mache; mir ist sie, wenn ich mich unglücklich glaube oder schwere Leiden auf mir haften, die Quelle herrlicher Stärkung. Dann dachte ich der Scenen, deren Bild so lebendig mir in’s Herz geprägt ist, das Andenken an die Zeiten des Glückes machte sie mich wieder durchleben und wieder fühlte ich mich glücklich.
So lag ich auch in jenen Tagen unmuthiger Hoffnungslosigkeit oft lange in wachem Traume. Ich malte die Heimath mir aus, die Theuren, welche doch wohl sorgend meiner gedachten, und jede Stunde, die ich mit ihnen vereint gewesen war, die Worte selbst, welche wir in dem trauten Vereintsein gewechselt hatten, traten wieder vor mich; alle die Schlacken, durch die das Glück wohl getrübt gewesen, waren in der Erinnerung hingeschwunden — arme Menschen, die wir ganzes Glück nur in Zukunft und Vergangenheit ahnen! Da erhob sich mir auch das Bild meiner Jugendfreunde, und nochmals glaubte ich die Freuden zu genießen, die so rein und so reich in ihrer Theilnahme mir geworden waren. Warum mußten sie vergehen, diese Zeiten wahrer Wonne! Die Jugendfreundschaft, immer gleich lieblich, gleich zart, geht wie ein leuchtender Stern durch das ganze Leben, und alle die Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen, welche so bitter in das Leben gewebt sind, streifen machtlos über sie hin, nur fester und unauflösbarer sie knüpfend. Wie zauberisch ist doch der Reiz gemeinschaftlicher Erinnerungen; mit welcher Wonne geben wir den Gefühlen uns hin, die der gemeinschaftliche Rückblick auf jene liebe Zeit, in der wir nur die helle, freundlich lockende Seite des Lebens sahen, auf jene Pläne und schwärmerischen Hoffnungen in der durch sie vergnügten Brust hervorruft! Jugendfreundschaft gehört unter die seltenen, unschätzbaren Güter, welche unbesudelt aus der Zeit kindlicher Reinheit unter den schmutzigen Leidenschaften und Abwegen der späteren Jahre sich uns erhalten mag. Schmerz empfinde ich für den Menschen, der ihrem Werthe fühllos werden konnte.
[23] Unter dem Ausdrucke einer Million versteht der Spanier so viele Realen, deren neunzehn fünf Franken gleich sind.