XXX.
In Casserras angelangt, ging ich am 23. October Nachmittags zum Logis des Grafen de España, mich zu melden; ein Ordonnanz-Officier überbrachte meine Papiere dem General, der als Antwort mir und den beiden mich begleitenden Officieren den Befehl sandte, uns als arretirt auf die Hauptwache zu begeben. Meine Cameraden fluchten und verwünschten den launigen alten Narren, wie sie wüthend ihn nannten; ich beschloß, entschieden dem herrischen Mann entgegenzutreten. Der die Wache habende Officier erzählte uns tröstend, daß die Wachzimmer, wo der General gerade weilte, stets mit Officieren angefüllt seien, und daß er selbst vor kurzem zehntägigen Arrest gehabt habe, den er nur dem Zufalle zuschreiben könne, daß er vor dem Logis des Generals einem jungen Mädchen zunickte, da unmittelbar nachher ein Adjudant ihm ohne weiteren Grund die Ordre gebracht habe, sich als Arrestant zu stellen. Andere Anwesende erzählten da noch manche Sonderbarkeit des Grafen, indem sie ruhig hinzufügten: „so ist einmal unser Alter.“[99]
Noch am Abend schrieb ich in festem Tone an den General, ihn bittend, da ich auf eine Art mich empfangen sähe, die ein Officier unter meinen Umständen gewiß nicht erwarten dürfe, mich sogleich nach der Strenge der Gesetze zu richten, und wenn ich unschuldig befunden sei, mich dem Feinde gegenüber zu stellen, oder mir zu erlauben, nach dem Heere von Aragon zurückzukehren, um dort ferner für die Sache des Königs zu kämpfen. Dann legte ich mich, in den Mantel gehüllt, auf einen Tisch schlafen, nicht gerade den angenehmsten Gefühlen hingegeben.
Um drei Uhr schon weckte mich die Reveille, die, von den Musikchören und den Banden der fünf im Flecken stationirten Bataillone ausgeführt und alle Straßen durchziehend, auch den Schlaftrunkensten plötzlich munter machte.
Stunde auf Stunde verging, die Zeit wurde mir lang. Endlich ritt der General, von wenigen Officieren begleitet, zu einer Musterung, von der er gegen Mittag zurückkam; ich sah einen kräftig das Pferd bändigenden Greis, untersetzt und wohl beleibt, mit der goldgestickten Uniform, dem dreieckigen Hute und der seidenen Schärpe, die den spanischen General auszeichnen. Ein Adjudant half ihm beim Absteigen, worauf er leicht in das Haus trat. Wenige Augenblicke nachher eilte derselbe Officier, der uns gestern nach der Wache beordert hatte, über die Straße und theilte mir den Befehl des Generals mit, sofort vor ihm zu erscheinen.
Ich fand ihn auf der obern Flur des Hauses, welches einfach, wie jedes große Bauernhaus, und mit sehr massiven hölzernen Meubles versehen war. Der Graf, sieben und sechszig Jahr alt, hatte mit der Elasticität der Jugend keinesweges ihr Feuer und wenig von ihrer Kraft verloren; sein Auge, geistreich und durchdringend, strahlte in hoher Lebendigkeit, wenige greise Haare umgaben die edel gewölbte Stirn, und ein leichtes Lächeln um den Mund machte den Eindruck der imponirend majestätischen Züge sehr einnehmend. Er empfing mich äußerst artig und führte mich in sein Privat-Zimmerchen, wo er mir sein Bedauern über die unbequeme Nacht ausdrückte, die er mir verursachte, indem er hinzufügte, daß sein Adjudant mich als Franzosen genannt habe, gegen welche Nation er, obgleich selbst der Geburt nach ihr angehörend, den größten Widerwillen hege. Übrigens sei unter den obwaltenden Verhältnissen Verdacht und Mißtrauen so natürlich, daß dadurch auch die äußerste Vorsicht gerechtfertigt werde.
Dann befragte mich der Graf über den Zustand der Armee Cabrera’s, über ihren Geist und besonders über den Eindruck, den der Verrath Maroto’s auf sie machte. Da ich ihm erwiederte, daß bisher sehr wenig davon bekannt und ich selbst in der That nicht von ihrem Umfange unterrichtet sei, schilderte er mir in glühenden Worten die Schandthat des Erbärmlichen und die Folgen, welche sie für das Heer und den Monarchen gehabt hatte. Furchtbarer Unwille sprach sich in Wort und Mienen aus, seine Augen sprühten Verachtung und den Wunsch der Rache. Der biedere, bis zum Tode seinem Könige unwandelbar ergebene Greis konnte solche Niedrigkeit nicht fassen.
Er befragte mich ferner über die Officiere, welche mich dorthin begleitet hatten, und sprach seine Absicht aus, sie nach Frankreich zu senden, da er nicht wage, in solcher Zeit ihm unbekannte Officiere in die Armee aufzunehmen. Dann examinirte er mich über tausend verschiedene Gegenstände, in jedem Fache gleich bewandert sich zeigend, und sprach mit Theilnahme über den Obersten Baron von Rahden, der einige Zeit bei ihm sich aufgehalten hatte und dann trotz dem Widerstreben des Generals auf Befehl des Königs zur Armee von Cabrera abgehen mußte. Er bedauerte noch immer dessen Abreise, da er ihm nicht nur durch seine Kenntnisse äußerst nützlich, sondern auch lieb gewesen sei als Gesellschafter und wahrer Edelmann, deren er leider so wenige in seinen Umgebungen zähle.
Das Diner war indessen servirt, und ich mußte an der Seite des Grafen Platz nehmen; sein Secretair, ein Adjudant und ein so eben mit Aufträgen des Königs aus Frankreich angelangter Beamter bildeten die Gesellschaft. Die Unterhaltung war leicht, und der alte Graf belebte sie durch häufige Scherze; auch rief er wohl mit einem ungeheuren Sprachrohre, wie sie auf Schiffen üblich sind, den vorübergehenden Mädchen Thorheiten zu, weidlich über die Bestürzung lachend, die die Donnerstimme ihnen erregte, oder er neckte einen gigantischen Ziegenbock,[100] den er Maroto getauft hatte. Dazwischen befahl er, einem entlassenen christinoschen Soldaten, der, des Spionirens verdächtig, zwischen unsern Colonnen aufgefangen war, funfzig Stockprügel zu geben und ihn bis zum Fuß des Galgens mit dem vollständigen Apparat des Hängens zu führen, worauf er durch eine Ordonnanz ihm Begnadigung verkünden ließ, die dem armen Teufel, der Rettung schon für unmöglich gehalten hatte, todähnliche Ohnmacht verursachte.
Die Speisen waren, wie gewöhnlich, sehr einfach, und das Tafel-Service bestand aus Steingut und Holz; nur mir wurde ein Glas gereicht, da die übrige Gesellschaft — der General aus Politik — nach der Sitte der Catalonier aus der Flasche — el porró — trank, die, mit einer langen, gebogenen Röhre versehen, kunstmäßig so gehalten wird, daß der Wein im Bogen aus der engen Öffnung der Röhre in den Mund fällt, ohne daß die Flasche die Lippen berühre oder ein Tropfen zur Seite falle. Ich hatte diese Trinkart noch nicht mir zu eigen gemacht. Übrigens ist das Volk in Catalonien so abergläubisch auf die Sauberkeit dieses porró bedacht, daß auch der ärmste Hüttenbewohner ihn sofort zerbricht und nicht selten dem Fremden, d. h. Jedem, der nicht Catalan ist, vor den Füßen zerschmettert, wenn er aus Unwissenheit oder Sorglosigkeit ihn mit dem Munde berührte. Mir selbst erging es einst so in dem reichen Gandesa, südlich vom Ebro; da ich aber zufällig ein Detachement bei mir hatte, verfehlten die Freiwilligen eifrig nicht, dem guten Mann seine Impertinenz durch einige derbe Kolbenstöße fühlbar zu machen.
Nachdem der General nach Tische auf der Flur, die als Empfang und Speisezimmer, Gesellschaftslocal und Bureau zugleich diente, spatzieren gegangen war, setzte er sich behaglich in der Küche neben dem knisternden Feuer nieder. Da fragte er mich plötzlich, was ich denn zu thun gedenke, wenn ich nicht in Catalonien bliebe? Ob ich nach Frankreich ginge?[101] Ich erwiederte, daß ich ihn ersuchte, mir in dem Falle den Paß zur Rückkehr nach Aragon zu geben, da ich jetzt im Augenblick der Gefahr unter keiner Bedingung die Meinen verlassen würde. Aber lächelnd meine Hand ergreifend, sagte er mir, daß ich ihm zwar einen impertinenten Brief geschrieben hätte, nicht bedenkend, daß ich unter Spaniern sei; daß ich aber dennoch bei ihm bleiben und an ihm einen Vater haben würde. „Ich liebe die Deutschen, und nützlich werden Sie mir auch sein.“
Mein Entzücken bei der so unerwartet gütigen, wie schmeichelhaften Entscheidung des gepriesenen Feldherrn war unendlich. Ich war entschlossen, des ehrenden Vertrauens stets mich würdig zu zeigen.
An demselben Nachmittage war ich schon dem Generalstabe der Armee zugetheilt, und der Graf ließ mir ein Zimmer in seinem Logis anweisen mit dem Bedeuten, daß ich fortan ganz als seinem Haushalt angehörig mich zu betrachten habe. Am Abend schon beschäftigte er mich mit vergleichendem Ordnen von Karten, Plänen und Croquis, die trefflich geeignet waren, um der genauesten Kenntniß des Terrains ein vollständiges Dementi zu geben.
Wie verschieden hatten sich doch meine Gefühle mit meiner Lage gestaltet, seit ich vier und zwanzig Stunden früher als Arrestant und mein Geschick verfluchend im Schlafe Vergessenheit und Trost suchte.
Am folgenden Tage bewunderte ich bei einer Revue die Bataillone, die, einfach, aber geschmackvoll uniformirt, mit Präcision und militairischer Haltung manövrirten; auch ward die Strenge und Heftigkeit des Generals mehrfach bemerkbar. Selbst höhere Officiere wurden stark getadelt, und mehrere Subalterne wanderten vom Exercierplatze direct zur Wache, wogegen den Soldaten im vollen Maße die ihren Anstrengungen gebührende Anerkennung ward. Ich lernte dort mehrere untergeordnete Anführer kennen, unter denen der loyale General Ivañez — el Llarj de Copons, der Lange von Copons genannt, da er vielleicht der höchste Mann in Spanien ist — und Oberst Camps, Chef und Organisateur der Cavallerie des Fürstenthumes, ein ausgezeichneter Officier, der schon unter Ferdinand VII. und später in Navarra diente, und unter Freund und Feind wegen der Kraft seines Armes bekannt. Es wird behauptet, daß er mehrere Male feindlichen Reitern Kopf und Brust mit einem Hiebe seines aus zwei Klingen zusammen geschmiedeten Schwerdtes[102] gespalten, und einen andern quer durch den Leib in zwei Stücke getrennt habe, so daß der untere Theil auf dem davonjagenden Pferde sitzen blieb.
Am 25. October Mittags ward das Hauptquartier nach dem nur zwei Stunden von Casserras entfernten Berga verlegt. Der Abmarsch, wie gewöhnlich, ganz durch Laune entschieden, war so plötzlich, daß der Graf fünf Minuten nach dem Entschlusse schon mit wenigen Begleitern und escortirt von der Compagnie Miñones auf dem Wege war. Eine halbe Stunde später von einem Auftrage zurückkommend, fand ich das Haus leer; ein Reitpferd des Grafen, welches er mir überlassen hatte, bis man für mich ein anderes dem Feinde abgenommen habe, ward sogleich von einem mich erwartenden Miñon[103] vorgeführt.
Bald holte ich einen Officier ein, der auf einem Maulthiere gleichfalls Berga zuritt, und ich erkannte einen der beiden mit mir arretirten Cameraden; er war vom General, der ihn nicht sehen wollte, zu einem Depot fern im Gebirge bestimmt, dem Verbannungspunkte der Officiere, welche de España nicht in seinem Heere haben wollte. Der seit der Ankunft desselben seines Commando’s beraubte Brigadier Don Bartolomé Porredon — el Ros de Eroles, der Rothe von Eroles, gewöhnlich genannt — befehligte es. Mein Gefährte, da er meine neue Stellung kannte, zeigte sich natürlich kriechend artig — das liegt einmal in der Natur des modernen Spaniers; übrigens war er ein guter Soldat und hatte sich wohl nur durch den Umstand, daß er in Amerika gegen die insurgirten Colonien gefochten, den Widerwillen des Grafen zugezogen, indem dieser behauptete, daß alle Welt als Schurke von dort zurückgekehrt sei, welchen Satz er mit vielen merkwürdigen Beispielen belegte.
Bitter klagte der Arme über sein Schicksal. Er war aus Moyá gebürtig, der Stadt, welche nicht lange vorher durch die Unseren erstürmt war, und so eben hatte er erfahren, da er hieher gekommen war, um den Seinen näher zu sein, und dadurch Unterstützung sich zu sichern, daß sein väterliches Haus ganz niedergebrannt und der einzige Bruder, vor längerer Zeit als Carlist gefangen, nach der Insel Cuba deportirt sei; das Schicksal seines Vaters war ihm unbekannt. Nach fast zehnjähriger Abwesenheit fand er so seine Heimath wieder! Umsonst suchte ich zu trösten, und in der That war Trost da schwer.
So zogen wir langsam der Festung zu, die fast versteckt zwischen den hohen Felsgebirgen liegt, welche von beiden Seiten dicht sie umschließen; auf ihnen waren Forts angelegt, die durch sich kreuzendes Feuer den Übergang über jene Kette fast unmöglich machten. Auf der andern Seite ist die Stadt von sanft abgedachten Hügeln umgeben, die, dem Plane des Baron von Rahden gemäß, zur Anlage von regelmäßigen und ziemlich ausgedehnten Verschanzungen sehr glücklich benutzt wurden, so daß hinter ihnen und auf die Festung gestützt eine Division, wie in einem verschanzten Lager, mit Vortheil gegen ein weit überlegenes Heer sich vertheidigen und, von Position auf Position weichend, den Fortschritt des Feindes höchst blutig, ja, einem Heere wie dem des General Valdés ganz unmöglich machen konnte. — Leider ward der Plan nicht bis zur Vollendung ausgeführt.
Schon waren wir den am weitesten vorgeschobenen Werken nahe, als uns ein Haufen Gefangener begegnete, um, von der Arbeit ruhend, ihr Mittagsmahl einzunehmen. Des Jammers gedenkend, den ich ja selbst vor kurzem noch gelitten, ritt ich langsam vorbei; da erregte ein Schrei hinter mir meine Aufmerksamkeit: ich sah meinen Gefährten in den Armen eines Greises, der, die eingefallenen Schläfen mit wenigen Silberhaaren bedeckt, mein Mitleid rege gemacht hatte, wie er tief gebeugt und auf einen Stab gelehnt mühsam einherwankte. Der Sohn hatte in dem Gefangenen seinen achtzigjährigen Vater erkannt.
Die Scene war herzzerreißend, und ich fühlte die Brust, wie nie mehr, mir schmerzhaft zusammengepreßt; als ich mich umwandte, sah ich den bärtigen Miñon mit derbem Fluche eine Thräne sich trocknend. Erst nach langer sprachloser Umarmung konnte der Sohn sich losreißen, schnelle Hülfe versprechend. Als wir in Berga anlangten, erklärte der Wicht, er wage nicht, vom General seines Vaters Freiheit zu erbitten: ein solcher Schritt für einen Negro würde ihn nur compromittiren. Demnach legte er sich ruhig nieder, die Siesta zu schlafen! — Der Graf hatte doch wohl Recht in seinem Urtheile!
Natürlich ward der Greis nebst einem Großsohn, der mit ihm in dem Fort von Moyá gefangen war, noch an demselben Tage in Freiheit gesetzt.
Der Graf bewohnte ein großes, massives Haus, el palacio genannt, außerhalb der eigentlichen Stadt gelegen. Die Thüren waren durch Tamboure gedeckt, die Fenster des Erdgeschosses durch crenelirtes Gemäuer geschlossen, und Alles im Innern, wie im Äußern war auf die höchste Vertheidigungsfähigkeit berechnet. Übrigens herrschte hier dieselbe Einfachheit, welche in Casserras auffiel, und dieselbe ununterbrochene Thätigkeit. Die Aufmerksamkeit des Grafen war besonders auf die Verbesserung der Artillerie und auf die dieser Waffe correspondirenden Fabriken und Materialien gerichtet, und mehrfach äußerte er, als ich mit ihm die Werkstätten und Magazine durchschritt, seinen Verdruß über die geringe Anzahl von Feldgeschützen, die ihm zu Gebote stand, und deren Vermehrung durch den Mangel an passendem Metall sehr erschwert ward.
De España beabsichtigte, um dem Heere von Aragon durch eine Diversion Hülfe zu bringen, mit der größeren Hälfte seiner Macht nach Süden in die fruchtbaren Ebenen des Ebro-Thales die Operationen zu verlegen, deren Erfolg unberechenbar werden mußte, da er, im Besitze mehrerer Übergangspuncte über den Strom, die Flanke und den Rücken Espartero’s bedroht hätte, als dieser von Zaragoza aus gegen Cabrera’s Heer vordrang. Oberst Camps, deshalb nach Morella gesendet, war so eben zurückgekehrt und hatte die Nachricht überbracht, daß Cabrera einwillige, die Escadrone Valmaseda’s zur Verfügung España’s nach Catalonien zu senden, da es diesem so sehr an Cavallerie für den Krieg in der Ebene fehlte. Es ward dem greisen Krieger nicht die Zeit gelassen, seinen Plan auszuführen.
Am Nachmittage dieses Tages wurden zwei Officiere erschossen, da sie geäußert hatten, das Beste sei, den hoffnungslosen Kampf aufzugeben und wie Maroto möglichst gut zu accordiren. Ein anderer Elender, ein Ex-Mönch, war wenige Tage vorher gehängt, überführt und geständig, mit Gift zur Ermordung des Grafen von España von Barcelona gekommen zu sein; ein Club der Exaltados hatte ihn zu dem Verbrechen gedungen.
Doch wie sehr ich mich sträube, ich muß endlich zu der blutigen Katastrophe kommen, durch welche die Sache des Royalismus eines Vertheidigers beraubt wurde, wie während des Bürgerkrieges nur zwei sich fanden, die an Kraft, Talent und Wollen ihm zur Seite gestellt werden konnten.
Der Graf war am 26. October äußerst thätig gewesen, hatte viele Menschen aller Classen empfangen, Vieles angeordnet und manche Vorbereitungen getroffen, die auf schnellen Aufbruch von Berga deuteten. Nachdem am Nachmittage der Intendant und einige Vocale der Regierungs-Junta, deren Präsident er war, bei ihm gewesen waren, sprach er, als schon die Nacht anbrach, seine Absicht aus, der Sitzung der Junta beizuwohnen, was nur geschah, wenn er besonders wichtige Gegenstände durchsetzen wollte. Bald ritt er mit seinem Secretair, dem Oberstlieutenant Don Luis Adell, und begleitet von einigen Miñones und Kosacken,[104] nach dem eine halbe Stunde entfernten Dorfe Avia, wohin er die Junta wegen Überfüllung der Stadt verlegt hatte. Beim Weggehen sagte er mir freundlich: „Denken Sie daran, daß der Soldat stets einen Schlaf und eine Mahlzeit im voraus haben muß.“ Froh legte ich mich nieder, überzeugt, daß wir am folgenden Tage zu der Operation abmarschiren würden.
Gegen Morgen weckte mich lautes Lärmen im Palais. Aus meinem Zimmer tretend fand ich einige höhere Officiere, welche alle Gemächer durchsuchten und Papiere und Effekten jeder Art hin und her schleppten, wobei sie gar seltsam von dem alten Fuchse sprachen, der so fein gefangen sei, und mit wildem Gelächter fluchten.
So wie sie mich bemerkten, flüsterten sie unter einander, laut genug, um mich manche Worte, wie maldito gavacho und ähnliche Ehrentitel, verstehen zu lassen, worauf einer derselben, ein Oberst und Vocal der Junta, zu mir kam, der ich mit untergeschlagenen Armen erstaunt dem Treiben zusah, und mir kurz sagte: „puede Usted marcharse, capitan.“ — Sie können gehen — Wohin? fragte ich natürlich; „al infierno!“ — zur Hölle. — Das war nicht sehr klar und noch weniger artig; daher fragte ich finster, wo der Graf sei? Einen Augenblick blickte der Vocal mir starr in die Augen, dann erwiederte er mit kurzem, widerlich aus der Gurgel tönenden Lachen: „carajo, der Alte ist weit von hier; gehen Sie nur zum Gouverneur.“ Und da ich, mich nur vom Grafen abhängig erklärend, immer noch zauderte, rief ein Anderer mit dem gemeinsten unter allen den gemeinen Flüchen, die dem spanischen Militair auch der höchsten Grade so vertraut sind: „Stich den trotzigen Hund nieder!“
Das war schon klarer, besonders da er, den mächtigen Schleppsäbel ziehend, mir nahete, und da ich mit Cataloniern zu thun hatte. Ich griff daher zum Mantelsack, in dem meine Pistolen sich befanden; doch kaum erblickten ihn die Herren, als er mir schon mit dem Bescheide entrissen war, es dürfe Nichts aus dem Hause entfernt werden. So ging ich denn auf die Straße, wo ich zu meinem Erstaunen weder die Wache noch die Burschen antraf, wohl aber viele Miñones, sonst die steten Begleiter des Generals.
Der Gouverneur wies mir mit der Erklärung, der Graf sei während der Nacht abgereiset, ein Logis an und versprach, für meinen Mantelsack zu sorgen; ich empfing ihn am folgenden Tage, die trefflichen Pistolen aber waren auf immer verschwunden.
Augenscheinlich theilte alle Welt meine Ungewißheit und Unruhe über die Vorfälle jener Nacht. Auf der Straße sah man wenige Menschen, und diese eilten rasch an einander vorüber, nur flüchtig und wie verstohlen sich begrüßend. Jedermann sprach flüsternd, als fürchte man überall Horcher, und dennoch wagte auch so Niemand über das zu reden, was einem Jeden am schwersten auf dem Herzen lag. Ängstliche Beklommenheit, wie wenn furchtbares, unvermeidliches Verderben droht, schien auf Allen zu lasten; dazu kam Mißtrauen und die Furcht, durch ein unüberlegtes Wort dem Zorn und der Rache von Feinden sich auszusetzen, die man doch nicht kannte.
Zugleich durcheilten einzelne Männer geschäftig und mit höhnisch triumphirendem Antlitze die leeren Straßen, gerade solche, die bisher am unscheinbarsten sich gemacht und, tief vor dem allgefürchteten Grafen im Staube kriechend, umsonst seine Verachtung mit stets erneuten Betheurungen der unwandelbarsten Ergebenheit zu besiegen gesucht hatten.
Bald langte General Segarra an, der zweite Befehlshaber im Fürstenthume. Er betrug sich alsbald als unabhängiger Chef und befahl, vor Allem die politischen Gefangenen und die männlichen Einwohner der kürzlich genommenen Städte in Freiheit zu setzen, da sie, als Vertheidiger mit in die Forts der Christinos eingeschlossen, bis dahin als Kriegsgefangene betrachtet wurden. Segarra zeigte durch diesen ersten Schritt, daß er anstatt der unerbittlichen Strenge des alten Grafen, die er stets mißbilligte, eine ganz entgegengesetzte Richtung einschlagen werde; er kannte die Catalonier nicht, oder wenn er richtig sie beurtheilte, besaß er nicht die Kraft, ja Härte, die doch allein in seiner Stellung Erfolg ihm sichern konnte.
Überhaupt ist Segarra ein Mann von mildem und selbst schwachem Charakter, ein guter Militair, der, durch langen und ehrenvollen Dienst ausgebildet, häufig seine kriegerischen Talente bewährt hatte und ihretwegen vom Grafen de España hoch geschätzt wurde. Ich bin überzeugt, daß er an dem schmählichen Tode seines Feldherrn und Wohlthäters keinen Theil hatte und noch weit weniger, wie wohl geschehen ist, als der Haupturheber der Schandthat angesehen werden darf. Der Mann war nicht dazu fähig. Die Verschworenen täuschten ihn über ihre wahren Absichten und befriedigten ihre persönliche Rachsucht, ohne ihn zu Rathe zu ziehen; sie ließen ihn dann dem Anschein nach die Frucht des Verbrechens ernten, weil sie ihn ja leiteten und lenkten, wie sie nur wollten.
Aber nichts desto weniger ist er strafbar, da er als Werkzeug für die Intriguen der selbstsüchtigen Mörder sich brauchen ließ und zum Sturze des Generals ihnen sich anschloß, den sein König ihm vorgesetzt hatte; er stellte sich selbst als Mitschuldigen dar, indem er die Thäter unbestraft ließ, die höchsten Stellen ihnen anvertraute und ganz ihrer Leitung folgte. Er gab sich endlich der Verachtung preis und erlaubte, auch das Niedrigste, das Entehrendste von ihm zu glauben, da er, als die Sache der Legitimität hoffnungslos im letzten Todeszucken lag, seines Eides und seiner Ehre uneingedenk, die unterliegenden Gefährten verließ und ein Verräther dem übermüthigen, übermächtigen Feinde sich anschloß, wohl von des Grafen von Morella Hand die Strafe jenes Verbrechens fürchtend. — So weit führt Schwäche!
Noch an demselben Tage erfuhr ich im Vertrauen durch einen mir bekannten Officier, der einem Vocale der Junta verwandt war, daß der Graf auf königlichen Befehl abgesetzt und nach Frankreich geführt sei. Es war ein harter Schlag! Ich seufzte tief, denn ich würdigte den ungeheuren Verlust, den unsere schon so vertheidigungslose Sache dadurch erlitt; aber der König befahl, da mußte jede andere Rücksicht schweigen. Am folgenden Morgen ging ich, dem General Segarra mich vorzustellen und seine Ordres zu empfangen. Der Saal war mit Officieren jedes Grades und Civilisten gefüllt, von denen viele, die zwei Tage vorher tief zur Erde die Voyna vor mir gesenkt und mir tausendfach wiederholte Dienstanerbietungen gemacht hatten, jetzt finster mich anschauten und höhnisch unter einander zischelten.
Ich nahm so wenig Notiz von ihren Impertinenzen, wie ich früher ihre Schmeicheleien berücksichtigt hatte; auch ward ich von einem Obersten, der bei meinem Eintritt in das Cabinett des Generals gegangen war, bald dorthin beschieden. Segarra, vor einem Lehnstuhle stehend, begrüßte mich sehr artig. Seine Magerkeit und Blässe, wie die Haltung des leidend nach vorn gebeugten Körpers verriethen die Kränklichkeit, unter der er stets schmachtete; auf den Gesichtszügen lagerten dunkle Wolken, doch umzog ein leichtes und, wie es schien, stehendes Lächeln den nicht unangenehmen Mund. Mit wenigen Worten erklärte ich dem General, daß ich, vom Grafen de España dem Generalstabe zugetheilt, da ich meine unmittelbaren Vorgesetzten nicht kennte,[105] ihn um Verhaltungsbefehle ersuchte. Er erwiederte mir, stets lächelnd, er habe schon von mir gehört, und ich müsse, da kein Platz für mich offen sei, zu einem Depot gehen.
Das überraschte mich. Doch schnell entschlossen antwortete ich ihm, daß, um im Depot müssig zu sein, wäre ich weit bequemer im Vaterlande müssig geblieben; ich bäte ihn daher, mir die Rückkehr zu der Armee des Grafen von Morella zu erlauben, da ich dort wenigstens nicht verhindert sein würde, dem Feinde mich entgegenzustellen. — „Wie Sie wollen, ich wünsche glückliche Reise.“ —
Eine halbe Stunde später hatte ich den Paß und bereitete mich zur Abreise vor. Es mußte mir einerseits peinlich sein, wieder zu Cabrera zurückzukehren, da ich nicht auf die freundlichste Art von ihm geschieden war; und doch wieder freute ich mich, jetzt nach Aragon zu kommen und an dem Kampfe Theil zu nehmen, der mit den überlegenen Massen Espartero’s bevorstand. Ich hoffte nicht den Sieg, zu solcher Hoffnung gehörte echt spanische Verblendung, und die theilte ich nicht mit so vielen Tausenden. Aber ich hoffte und vertraute, daß wir ehrenvoll unterliegen würden, wie wir ehrenvoll den glorreichen Kampf bis dahin durchgeführt hatten, ich war überzeugt, daß wir unter des Grafen von Morella Führung selbst der Vernichtung mit Stolz entgegensehen durften. Denn, wenn ich gar keinen Grund hatte, um Cabrera zu lieben, schätzte und verehrte ich ihn eben so sehr als Feldherr und bravsten Krieger, wie als kraftvollen, festen und nie zagenden Mann, als unwandelbaren und unerschütterlichen Royalisten.
[99] Ich erinnere mich zweier Anekdoten von ihm, die ziemlich bezeichnend sind. Als er gerade das Commando übernommen hatte, erfuhr er, daß die Anführer und Officiere der zu bändigenden Horden selbst ihre Leute zum Widerstreben reizten und jede seiner Maßregeln und Handlungen bekrittelten oder gar lächerlich machten. Er versammelte sie auf der Parade, ließ einen Hund in die Mitte führen, hielt ihm eine heftige Strafrede, weil er schlecht von seinem General, der an des Königs Statt dastehe, gesprochen habe, und drohete, im Wiederholungsfalle ihn zu erschießen. — Da die disciplinwidrigen Äußerungen noch nicht aufhörten, wurden die Officiere wieder versammelt, der Hund ward gebunden von der Wache her gebracht, und der Graf erklärte ihm, daß er, trotz der Warnung desselben Verbrechens schuldig, nun erschossen werde. Ein Piquet ward beordert und der Hund füsilirt. — Dann wandte sich der General zu den Officieren mit den Worten. „Meine Herren, ich warne nie öfter, als zwei Mal!“ — Niemand gab ihm Gelegenheit, die Anwendung des aufgestellten Beispieles weiter zu treiben.
Später beklagten sich die Officiere, daß sie so schlecht besoldet würden, daß sie kaum davon essen könnten. In der That erhielten sie, da ihnen der Gehalt nicht ausgezahlt wurde, wenig mehr als die so reichlich bedachten Soldaten. — España lud eines Tages das Officier-Corps zum Frühstück ein. Eine Schüssel mit gesalzenen Häringen ward aufgetragen, ihr folgte eine andere mit gekochten Häringen, dann eine dritte mit Häringen, in Öl gebraten, und wieder eine mit gerösteten Häringen. Ein Commißbrod lag auf dem Tisch, und kristallhelles Wasser war im Überfluß zur Löschung des mächtig angeregten Durstes vorhanden. — Erstaunt sahen die Officiere sich an, da sie gehofft hatten, der General werde heute seiner gewohnten Frugalität entsagen; als dieser lächelnd sie aufforderte, frei auf Soldatenart das Mahl eines Soldaten zu theilen. „Ich äße gern wilde Enten, Pasteten und köstliche Leckerbissen — denn ich bin gewaltig lecker, meine Herren! — und ich tränke gern Xerez oder Champagner. Aber das Geld, das Geld! Der Gehalt wird nicht bezahlt, ich bin meinem Könige in den jetzigen Umständen ein so leichtes Opfer schuldig; und Häringe, zwei Stück für einen Sou, sättigen mich am Ende eben so gut. Dann werde ich durstig, und das Wasser schmeckt mir trefflich, das kostet aber gar nichts. — Greifen sie zu, meine Herren! Auf baldiges Frühstück in den Hotels von Barcelona!“
[100] Der Graf liebte sehr die Thiere und führte stets viele mit sich, besonders Hunde und Ziegen.
[101] Der Graf hegte augenscheinlich noch immer Mißtrauen; er glaubte vielleicht, daß ich aus irgend einem politischen Grunde die Armee Cabrera’s hätte verlassen müssen, und tentirte mich deshalb. So bot er mir auch eine bedeutende Summe an, die ich natürlich ablehnte.
[102] Einen gewöhnlichen Säbel weiß Camps gar nicht zu gebrauchen, weil er ihm zu leicht ist.
[103] Die Miñones sind ausgewählte Soldaten, im Frieden Gensdarmen-Dienst versehend. Ihre Uniform und der über die linke Schulter herabhängend getragene Überrock sind sehr reich in Gold gestickt. — De España und Cabrera wählten Beide diese Miñones zu ihrer persönlichen Bedeckung.
[104] Der Graf hatte einige hundert Mann mit Bauernpferden beritten gemacht, um sie als Ordonnanzen, auch wohl zu Streifzügen, auf denen kein Zusammentreffen mit feindlicher Cavallerie zu fürchten war, zu gebrauchen. Ohne Uniform, mit einer Lanze oder etwas ihr Ähnlichem — etwa einer Stange mit einem beliebigen scharfen Eisen — bewaffnet, oft ohne Sattel und mit einem Strick statt des Zügels, sahen diese Reiter abenteuerlich genug aus. España benannte sie Kosacken, nach den Flüssen von Hoch-Catalonien die Compagnien als vom Segre, vom Cardenet, Llobregat und Ter bezeichnend.
[105] Ich habe in der That nichts von einem Chef des Generalstabes gesehen, dessen Geschäfte der Graf, so wie Cabrera, mit Hülfe seines Sekretairs Adell meistens selbst verrichtete.